Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 35 · Konfuzius bei Räuber Zhi

Auch wer den Weisen niederredet, bleibt verantwortlich

Ein Angriff auf ehrwürdige Namen kann treffen. Er löscht nicht die Menschen aus, die der Angreifer selbst verletzt hat.

Han Qin ·

Dreimal entgleiten ihm die Zügel

Konfuzius ist hinausgekommen und auf den Wagen gestiegen. Dreimal verfehlt seine Hand die Zügel. Der Blick ist leer, das Gesicht aschfahl; an den Querbalken des Wagens gelehnt bekommt er kaum Luft. So endet das erste lange Gespräch in Räuber Zhi. Er war gekommen, um einen großen Räuber zu einem anderen Leben zu bewegen. Jetzt scheint fast nur noch die Erleichterung über das Entkommen übrig. Das Bild prägt sich ein. Der hochangesehene Lehrer wird von einem Räuber derart beschimpft, dass er verstört abzieht: Der Rollentausch hat von selbst etwas Aufregendes. Bleibt nach der Lektüre aber nur ‚Wer hat diesmal gewonnen?‘, kann gerade diese Genugtuung das verdecken, was am nötigsten geprüft werden sollte.

Noch keinen Beifall für eine der Seiten. Gehen wir zur Tür zurück und sehen, wie dieses Gespräch begann.

In diesem Raum ist Widerspruch nicht sicher

Konfuzius besucht zunächst Zhis älteren Bruder Liuxia Ji und macht ihm Vorwürfe: Er habe den jüngeren Bruder nicht gut erzogen. Er selbst wolle nun hingehen und ihn zurechtbringen. Liuxia Ji fragt zurück: Wenn der Bruder schon nicht auf seinen älteren Bruder höre, wieso könne man sicher sein, ihn belehren zu können? Dann warnt er Konfuzius vor dem Besuch. Bereits hier stehen zwei Fragen. Kann einer die Entscheidungen eines anderen beherrschen? Überschätzt der Überzeuger seine Möglichkeiten? Konfuzius lässt sich nicht abhalten und geht. Bei der Begegnung nennt Zhi seine Bedingung:

Entsprechen deine Worte meinem Willen, wirst du leben. Widersprechen sie meinem Herzen, wirst du sterben.

Sprichst du mir nach dem Mund, lebst du; widersprichst du, stirbst du. Die spätere Beredsamkeit darf diesen Satz nicht wegspülen. Die Sicherheit des Besuchers ist zuerst daran gebunden, ob er den Hausherrn zufriedenstellt. Mag Konfuzius auch problematisch zu überzeugen versuchen: Zhi lässt seinem Gesprächspartner gerade nicht die uneingeschränkte Freiheit, selbst zu urteilen. Er weist fremde Verfügungen über sich zurück und verfügt zugleich noch unmittelbarer darüber, was andere sagen dürfen.

Was lässt sich mit einer Stellung eintauschen?

Konfuzius lobt zuerst Zhis Aussehen, Geist und Kraft. Dann bietet er an, sich bei den Fürsten für Städte und einen Adelstitel einzusetzen. Zhi könne die Waffen ruhen lassen, seine Leute ausruhen lassen, die Verwandten versorgen und den Ahnen opfern. Darin liegen versprochene Macht und Vorteile, aber auch die Aufforderung, das Plündern einzustellen und in eine anerkannte Ordnung zurückzukehren. Die Methode lässt sich kritisieren: Soll ein neuer Titel genügen, damit die alten Schäden nicht mehr zur Sprache kommen? Von einer bereits geschehenen Bestechung zu sprechen ginge jedoch über die Szene hinaus.

Zhi nimmt das nicht an. Er erkennt den Versuch, ihn durch Vorteile zu lenken, und greift die Namen einer ganzen Reihe alter heiliger Herrscher und würdiger Männer an. Diese Geschichten stehen in seiner Anklage. Wir dürfen sie nicht unterschiedslos als überprüfte historische Tatsachen behandeln. Mitten in diesen Angriffen steht die schärfste Gegenfrage:

Kein Räuber ist größer als du. Warum nennt die Welt dich nicht Räuber Qiu, sondern mich Räuber Zhi?

Warum heißt meine Aneignung Raub, während die Ordnung, die du verteidigst, einen vornehmeren Namen trägt?

Namen können Verletzungen verbergen

Die Frage verdient Gehör, nicht weil ihr Sprecher schon ein guter Mensch geworden wäre. Ruf und wirkliche Folgen können vielmehr tatsächlich auseinanderfallen. Nacktes Wegnehmen ist leicht zu erkennen. In der Sprache von Bildung, Loyalität und Ordnung kann Schaden schwerer benennbar werden: Dein Verlust heißt dann geschuldete Pflicht; dein Einwand beweist angeblich fehlenden Edelsinn. Das lässt sich neben Pferdehufe lesen. Das allseits gelobte gute Regieren muss an der Lage der Regierten geprüft werden. Zhis Gegenfrage führt diese Prüfung zum moralischen Ansehen weiter: Wenn eine Sache einmal geachtet wird, darf man dann noch fragen, wem sie Leiden zufügt?

Eine verwandte Frage ist jedoch keine Unterschrift desselben Autors. Wir können vergleichen, wie beide Texte aufdecken, was sich hinter ehrenvollen Namen verbirgt, und ihre Unterschiede in Schreibweise, Ton und Urteil bewahren. Eine Verbindung zu erkennen ist schon ein Gewinn. Daraus muss nicht sofort ein Urteil über Echtheit und Unechtheit werden.

Die Opfer dürfen für Zhi nicht gestrichen werden

Die andere Hälfte ist besonders deutlich auszusprechen. Der Anfang beschreibt, wie Zhi seine Leute zu Plünderungen führt, Frauen verschleppt und die Bevölkerung der durchzogenen Orte leiden lässt. Die Begegnung zeigt weitere Grausamkeit und lässt ihn das Gespräch mit einer Todesdrohung kontrollieren. Diesen Menschen kann man nicht zusammenfassen als jemanden, der nur äußeren Besitz nehme, das Innere aber freilasse. Der Körper ist kein äußerer Besitz. Der Verlust von Sicherheit, Angehörigen und Lebensmöglichkeiten bleibt auch nicht ordentlich vor der Herzenstür stehen. Erst recht darf nicht alles Geraubte für neu erwerbbar erklärt werden. Dass Zhi eine bedenkenswerte Frage stellt, heißt nicht, dass er seine eigene Freiheitsforderung verwirklicht. Die Heuchelei des Gegenübers aufzudecken reinigt den eigenen Zwang nicht plötzlich.

Beides kann gleichzeitig wahr sein. Ein schlechter Mensch kann ein wirkliches Problem benennen; ein wirkliches Problem kann einem schlechten Menschen zur Entlastung dienen. Behaupten wir wegen seiner Grausamkeit, er könne gar nichts Treffendes sagen, übersehen wir ebenfalls eine Gefahr dieser Auseinandersetzung. Die Aufgabe des Lesers ist nicht, einmal die zuverlässige Person auszuwählen und anschließend jeden ihrer Sätze zu garantieren. Worte und Handlungen müssen weiter nebeneinander liegen bleiben.

Jemanden niederzureden ist nicht schon ein Beweis

Dass Konfuzius verstört ist, zeigt die Geschichte tatsächlich. Er geht allerdings nach einer ausdrücklichen Drohung. Angst kann mit einer gedanklichen Erschütterung zusammenbestehen oder zunächst eine Reaktion auf die körperliche Gefahr sein. Das erschrockene Aussehen eines Menschen beweist nicht unmittelbar die Richtigkeit aller gegnerischen Argumente. Hat eine Seite die Macht darüber, ob die andere lebend fortkommt, dürfen Schweigen und Nachgeben erst recht nicht leichtfertig als Eingeständnis einer Niederlage verbucht werden. Umgekehrt brauchen wir diesen Konfuzius nicht in die Vollkommenheit zurückzuretten. Sein Vorwurf an den Bruder, sein Vertrauen in die eigene Überzeugungskraft und das Versprechen einer Stellung sind ernsthaft kritisierbar.

Konfuzius steht in diesem Buch nicht immer an derselben Stelle. Dass seine Gestalt hier von anderen abweicht, erlaubt einen Vergleich, aber noch keine Bestimmung des Schreibers allein aufgrund einer angeblich falsch eingesetzten Figur. Literatur kann unter demselben Namen unterschiedliche Lagen einander spiegeln lassen und dabei auch Unbehagen erzeugen. Dieser Essay untersucht die vorliegende Begegnung. Er spricht mit ihr kein Urteil über die übrigen Gespräche des gesamten Kapitels Räuber Zhi.

Nach dem ‚Wenigstens habe ich nicht …‘

Im Alltag gibt es kleinere Fassungen dieser Szene. Jemand fragt eine Verantwortliche, warum sie die fällige Vergütung zurückhält. Sie antwortet, manche Firmen seien noch viel schlimmer. Ein Mensch wird gefragt, warum er ein Geheimnis seines Freundes weitererzählt hat: Wenigstens habe er nicht wie der andere Gerüchte erfunden. Die Vergleiche können Tatsachen enthalten oder vollständig der Prüfung bedürfen. Selbst wenn andere wirklich Schlimmeres getan haben, ist die gegenwärtige Frage aber noch immer unbeantwortet.

Vergleiche helfen, doppelte Maßstäbe zu erkennen. Die konkrete Verantwortung rechnen sie nicht automatisch ab. Du zeigst einen angeseheneren Täter: Das verdient Prüfung. Der Schaden, den du selbst angerichtet hast, verdient sie weiterhin. Beide Rechnungen dürfen auf dem Tisch liegen; keine muss verbrannt werden. Besonders ist darauf zu achten, ob die wirklich Betroffenen aus dem Streit verdrängt werden. Am Ende ringen vielleicht nur zwei Redner um die größere Reinheit. Die Menschen, die Erklärung, Ausgleich und Sicherheit brauchen, bekommen nicht einmal die Gelegenheit zu einem Satz.

Versuchen wir eine andere Begegnung zu schreiben

Ein sehr begrenzter Schreibversuch ist möglich. Er errät nicht, wie der wirkliche Zhuangzi unbedingt geschrieben hätte, und ergänzt keine verlorene erste Hälfte des Originals. Er schreibt lediglich von dessen Fragen aus in eine andere Richtung. Stellen wir uns jemanden vor, der fragt: Mächtige Menschen haben viel größere Übel angerichtet. Warum werde ich bestraft, während sie geachtet sind? Die Antwort könnte zunächst anerkennen, dass die Stellung des anderen die von ihm verursachten Verletzungen nicht entschuldigt. Dann könnte sie fortfahren: Sind die Menschen, die du verletzt hast, jetzt sicher? Bist du bereit, aufzuhören, zurückzugeben, was sich zurückgeben lässt, und zu hören, was sie wollen?

Diese Fortsetzung muss dem Aufdecken von Unrecht den Stachel nicht nehmen. Sie lässt Kritik nur nicht beim ‚Ich bin besser als er‘ stehen, sondern bezieht sie auf den eigenen nächsten Schritt. Will jemand darüber hinaus helfen, darf er dem Plündern nicht bloß einen schönen Namen geben. Mittel, Fürsorge und Möglichkeiten anzubieten muss das Nein des anderen zulassen. Er darf nicht für deinen Selbstbeweis wieder fremd eingerichtet werden. Das ist keine dauerhafte Rangfolge dreier Menschentypen. Es sind verschiedene Aufgaben: Unrecht kritisieren, aufhören, andere zu verletzen, für Abhilfe einstehen und anschließend fragen, wie Unterstützung möglich wäre. Spätere gute Taten gleichen den Schaden nicht aus, den man anderen weiterhin zufügt.

Mit dem Beifall ein wenig warten

Am wichtigsten ist mir in diesem Essay weder, Konfuzius’ Blamage zu retuschieren, noch, Zhi aufs nächste Lehrpult zu stellen. Bewahrt werden soll der Stachel seiner Gegenfrage gegen ansehnliche Namen – und die Möglichkeit, ihn auch gegen den Fragenden selbst zu wenden. Ein Wortgefecht kann Leser wach machen oder sie bloß ihre Partei wählen lassen. Ob es tatsächlich eine Frage öffnet, zeigt sich, wenn Lachen und Zorn vergangen sind: Können wir noch jede Behauptung einzeln prüfen und die konkreten Menschen wiedersehen? Dreimal entgleiten Konfuzius die Zügel. Dieses Bild wird bleiben.

Merken wir uns aber nicht nur, wer die Zügel nicht halten konnte. Erinnern wir uns auch an den Mann hinter der Tür, vor dem man nur nach seinem Willen sprechen darf, und an die bereits verletzten Menschen am Anfang, die gar nicht zur Debatte kamen. Wer den Streit gewonnen hat, mag vorläufig offenbleiben. Ihre Lage darf deshalb nicht aus der Rechnung fallen.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Dieser Essay untersucht die erste Begegnung des Kapitels Räuber Zhi, nicht sämtliche dortigen Gespräche. Die gegenwärtigen Beispiele und die versuchsweise anders geschriebene Fortsetzung stammen vom Essayautor: Sie sind weder alter Text noch Rekonstruktion eines verlorenen Originals. Behauptungen in Zhis Anklage gelten nicht ungeprüft als historische Tatsachen. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Räuber Zhi · Dao Zhi.

Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.

Dieser Essay bespricht die erste Begegnung dieses Kapitels. Die anders geschriebene Fortsetzung ist nur ein Versuch des Essayautors, weder alter Text noch Wiederherstellung einer verlorenen Vorlage.