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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 36 · Yue, der Schafmetzger

Auch ein Vorteil darf abgelehnt werden

Yue bestreitet den Wert eines hohen Amtes nicht. Er lässt sich nur nicht allein durch dessen Wert sagen, welches Leben er führen soll.

Han Qin ·

1. Ausgerechnet einen Vorteil lehnt er ab

Will jemand dir etwas wegnehmen, ist ein Nein gewöhnlich leicht zu erklären. Will jemand dir etwas Gutes geben, wird es manchmal schwieriger. Die Stellung ist höher, das Einkommen größer; ringsum freuen sich alle für dich. Schüttelst du den Kopf, musst du erst sagen, was dir daran nicht passt. In Den Thron abgeben gerät ein Schafmetzger in genau diese Lage. Ein König will ihn belohnen; er bittet immer wieder, zu seinem bisherigen Geschäft zurückkehren zu dürfen. Bemerkenswert ist nicht, dass er Reichtum und Rang für wertlos erklärt. Er erkennt ihren wirklichen Wert an – und nimmt sie trotzdem nicht.

Beim Lesen setzen wir ihm leicht zuerst den Hut des erhabenen Weisen auf. Warten wir damit. Was er gerade tut, ist doch, sich nicht von einer fremd verliehenen Identität forttragen zu lassen.

2. Der König kehrt heim – und er zu seinem Geschäft

Die Geschichte erzählt: König Zhao von Chu verliert sein Reich; der Schafmetzger Yue flieht mit ihm. Nach seiner Rückkehr möchte der König die Menschen belohnen, die ihn damals begleitet haben. Auch Yue wird dazugerechnet.

Als der große König sein Reich verlor, verlor ich, Yue, meine Arbeit als Schafmetzger. Als der große König in sein Reich zurückkehrte, kehrte ich zu meiner Arbeit als Schafmetzger zurück. Mein Rang und meine Bezüge sind schon wiederhergestellt. Was sollte es da noch zu belohnen geben?

Der König verlor das Reich, ich meinen Erwerb. Nun ist er wieder da, und ich kann mein Geschäft wieder betreiben. Mein Rang und meine Bezüge sind also zurück – was fehlt noch als Belohnung? Ein Mensch ohne Amt nennt den eigenen Unterhalt Rang und Bezüge. Ein Metzgerstand steht in der höfischen Rangliste nicht weit oben. In seinem Leben ist er aber keine Leerstelle, die auf ein Amt wartet. Yue hat bereits einen eigenen Alltag; er beginnt nicht erst zu leben, wenn der König ihn einrichtet. Dafür müssen wir die Lagen der beiden nicht gleichsetzen. Der eine verliert die Herrschaft, der andere den Erwerb: Das sind verschiedene Erfahrungen. Yue leiht sich die vertrauten Wörter des Königs, um zu erklären, was für ihn Wiederherstellung bedeutet.

3. Er ist nicht der treue Retter seines Herrn

Der König sagt, man solle ihn zwingen. Nun ist die gute Absicht keine frei wählbare Einladung mehr. Yue antwortet, der Verlust des Reichs sei nicht seine Schuld gewesen; deshalb habe er keine Strafe verdient. Die Rückgewinnung sei nicht sein Verdienst, weshalb er keine Belohnung anzunehmen wage. Strafe und Lohn stehen nebeneinander, damit auf beiden Seiten nach dem Sachgrund gefragt wird. Es ist keine mechanische Regel, nach der nur belohnt werden dürfe, wer schon bestraft worden sei. Ein Verdienst kann Belohnung rechtfertigen, ohne dass vorher eine Verfehlung vorliegen muss. Entscheidend ist, ob es dieses Verdienst hier überhaupt gibt.

Ein weiterer Gesprächsgang darf nicht fehlen. Der König will ihn sehen. Yue beruft sich auf die Regeln von Chu: Eine solche Audienz brauche ein entsprechendes Verdienst. Dann beschreibt er die eigene Flucht sehr unheldenhaft:

Als die Truppen von Wu in Ying eindrangen, fürchtete ich die Not und wich den Feinden aus. Ich bin nicht eigens dem großen König gefolgt.

Er hatte Angst vor dem Unheil und floh vor den Feinden. Eigens dem König zu folgen war nicht sein Beweggrund. Aus gemeinsamer Flucht macht er nicht nachträglich eine treue Rettung des Herrschers. Das ist greifbarer als ein bloßes ‚Ich bin dessen nicht würdig‘: Er nimmt die schöne Geschichte auseinander, mit der sich eine Belohnung verdienen ließe. Wir brauchen ihm keinen inneren Ablauf hinzuzudenken und nicht zu erraten, ob er zwischendurch schwankte. Sichtbar ist, dass er sich wiederholt weigert, die von ihm selbst nicht anerkannte Identität eines verdienten Gefolgsmanns mitzunehmen.

4. Ein hoher Preis macht es noch nicht passend für mich

Der König reagiert nicht kühl. Er lobt vielmehr Yues Worte und lässt Sima Ziqi ihm die Stellung der ‚drei Banner‘ anbieten. Für diese Lektüre genügt es, darin ein hohes Amt zu sehen. Wir müssen den Titel nicht in einen bestimmten Rang späterer Zeiten umrechnen. Der Geschichte kommt es auf den Abstand an: Hier der Metzgerstand, dort hohe Stellung und große Bezüge. Yue tut nicht, als sehe er ihn nicht. Er sagt ausdrücklich, das Amt sei vornehmer als sein Stand und die Bezüge von zehntausend Zhong seien höher als sein Verdienst als Schafmetzger. Nähme er es aber aus Gier nach Rang und Einkommen an, bekäme dann nicht sein König den Ruf, Belohnungen ohne Grund auszuteilen? Er möchte weiterhin in sein Geschäft zurück.

Diesen Unterschied sollten wir festhalten: Teurer heißt nicht, dass ich es eher nehmen sollte. Höheres gesellschaftliches Ansehen macht nicht in meinem Leben alles besser. Du musst den Wert einer Sache nicht zuerst vollständig widerlegen, bevor du sagen darfst, dass sie nicht zu dir passt. Manchmal lehnen wir eine Einladung ab und bemühen uns, die Arbeit, den Kreis oder das angebotene Leben herabzusetzen, als könnten wir nur stehen bleiben, wenn das andere nichts wert sei. Yue braucht diesen Weg nicht. Er erkennt den Preis an und lässt ihn trotzdem nicht sämtliche eigenen Fragen entscheiden.

Ein Mensch arbeitet etwa ausgezeichnet in einem technischen Beruf und wird eingeladen, ein Team zu führen. Führung ist wertvoll und besser bezahlt; er möchte aber weiterhin selbst Probleme lösen. Wird jede Absage als mangelnder Ehrgeiz gedeutet, nimmt die Gelegenheit allmählich die Form eines Befehls an. Der Einladende darf die neue Verantwortung erklären und Bedingungen hören, die der andere vorschlägt. Aus seiner aufrichtigen Wertschätzung darf er aber nicht schließen, die Zusage sei bloß eine Frage der Zeit. Bei einer wirklichen Wahl bleibt auch das Nicht-Hingehen als Antwort bestehen.

5. Auch der Belohnende muss ein Maß wahren

Dem Herrscher den Ruf willkürlicher Belohnung zu ersparen gibt dem Nein eine weitere Bedeutung. Yue möchte nicht für eine Leistung belohnt werden, die er nicht erbracht hat. Zugleich weist er darauf hin, dass grundloses Belohnen die Glaubwürdigkeit des Gebenden trifft. Geben zu wollen heißt nicht schon, richtig zu geben. Ausnahmen machen zu können heißt nicht, dass jede Ausnahme gut ist. Das verbietet nicht jede zusätzliche Hilfe. Nothilfe, Unterstützung nach einer Katastrophe und die Sicherung des Lebensunterhalts können andere Gründe haben als eine Vergütung für Verdienst. Menschen in Not brauchen nicht zuerst Leistungen als Tauschmittel vorzulegen. Zur Debatte stehen Name und Grund dieser Belohnung, nicht die Behauptung, jede Gabe müsse eine Leistung genau abgelten.

Wird heute ein gemeinsames Ergebnis allein einer Person gutgeschrieben und sie sagt ‚Das habe nicht ich allein gemacht‘, schützt sie womöglich mehrere Dinge: die Arbeit der Kollegen, die Verlässlichkeit künftiger Verteilung und den eigenen Namen. Nimmt sie still alles an, hat sie vorerst einen Vorteil. Die anderen lernen jedoch allmählich, es komme nicht auf das Tun an, sondern darauf, wer sich leichter sehen lässt. Sicher ist eine Ablehnung deshalb noch nicht. Dass Yue so sprechen kann, garantiert es nicht jedem wirklichen Menschen. Er benutzt Regeln und Ansehen des Königs, um zu widersprechen. Auch daran sehen wir: Gegenüber Macht braucht ein Nein häufig erst eine Stelle, von der aus es ausgesprochen werden kann.

6. Zurück zum Stand heißt nicht zurück ins Scheitern

Das Original endet nicht allein mit seinem Wunsch nach dem alten Geschäft. Danach steht, er habe schließlich nicht angenommen. Der König hat ihn zuvor ausdrücklich gelobt; gänzlich ohne Bewertung ist die Geschichte also nicht. Aber sie lässt Yue nicht erst mit dem Tod beweisen, dass sein Nein echt ist, und versorgt ihn auch nicht noch mit einem größeren Preis. Sie hält dort an, wo die Ablehnung Bestand hat. Er möchte in sein bisheriges Geschäft zurückkehren.

Diese Gewöhnlichkeit zählt. Bei Wendepunkten suchen wir oft eine aufsteigende Kurve: Er schlägt dies aus, sicher wartet etwas Besseres. Er verzichtet jetzt, später bekommt er es doppelt zurück. Als wäre ein Nein ohne höheren Endpreis nicht zu rechtfertigen. Manche Menschen möchten aber einfach weiter unterrichten, Dinge reparieren, einen kleinen Laden versorgen oder Zeit bewahren, die nicht ganz von der Arbeit besetzt ist. Auch das verlangt Entscheidungen über Einkommen und Verantwortung. Ein ‚Sei du selbst‘ macht es nicht mühelos. Es muss aber nicht erst zur Erfolgsgeschichte werden, bevor es sein darf.

7. Das Urteil über ein Kapitel darf keinen Menschen verdecken

Su Shi bezweifelt im Bericht über den Zhuangzi-Schrein vier Kapitel. Sein ‚oberflächlich und das Dao nicht erreichend‘ bezieht sich unmittelbar auf Den Thron abgeben und Über die Schwerter. Über Räuber Zhi und Der Fischer sagt er gesondert, sie schienen Konfuzius wirklich zu verunglimpfen. Die beiden Gründe dürfen nicht zu einem Urteil vermischt werden. Erst recht lässt sich nicht aus dem Nichts behaupten, seither habe niemand diese Kapitel mehr aufgeschlagen.

Dass ich diese Geschichte in einem umstrittenen Kapitel weiterlesen möchte, liegt nicht daran, dass Menschen heute Su Shi von Natur aus überlegen wären. Zuschreibung, Gesamturteil über ein Kapitel und das, was eine einzelne Stelle uns gibt, müssen nicht gemeinsam stehen oder fallen. Gut zu sein beweist keine eigene Niederschrift Zhuang Zhous. Ein offener Autorenname hindert den Text auch nicht, eine Frage klar zu stellen. Yues Nein verwirft Rang und Einkommen nicht und redet den König nicht nieder. Es beharrt nur auf drei Dingen: Mein Erwerb ist zurück, jenen Verdienst habe ich nicht erworben, und wegen dieser Ausnahme möchte ich meine Lebensweise nicht ändern.

Wenn dir das nächste Mal alle eine neue Stellung als besser ausmalen, kannst du an ihn denken. Nicht um jede Gelegenheit auszuschlagen, sondern für einen klareren Augenblick vor der Zusage: Will ich es wirklich? Oder habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht und meine schon, eine gute Absicht dürfe nicht zurückgewiesen werden? Eine Gabe, die dir wirklich Platz lässt, sollte auch diese Frage zulassen.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und Weiterführungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlich überlieferten Ereignissen. Der alte hohe Amtstitel wird nicht mit einem genau bestimmten späteren Rang gleichgesetzt. Weder ein inneres Schwanken Yues noch eine allgemeine Regel für jede Form des Gebens wird ergänzt; das Nein der Fabel ist keine Sicherheitsgarantie für jede wirkliche Ablehnung. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Den Thron abgeben · Rang wang.

Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.

Zu Su Shis unterschiedlichen Zweifeln an vier Kapiteln: Bericht über den Zhuangzi-Schrein.