Das Zhuangzi neu aufschlagen · 37 · Zigong besucht Yuan Xian
Arm, ja. Aber dieses Urteil nimmt er nicht an.
Das Dach ist undicht, und aus dem Haus kommt Musik. Die Armut muss nicht geleugnet werden, damit ein Mensch mehr bleibt als sein Mangel.
1. Der Wagen bleibt am Eingang der Gasse
Durch das Dach tropft Regen, vom Boden steigt Feuchte auf. Für die Fenster dienen Öffnungen zerbrochener Krüge, mit grobem Stoff zugestopft. Eine solche Wohnung kann einen Besucher kaum unbesorgt lassen. Den Thron abgeben beginnt bei Yuan Xian mit diesem Haus. Dann folgen wenige Wörter: Er sitzt aufrecht und spielt die Zither. Die Armut ist wirklich; die Musik ebenfalls. Die Erzählung wartet nicht erst auf einen vornehmen Gast, der entscheidet, ob in dem Haus ein Leben stattfindet.
Dann kommt Zigong mit hohem Wagen und stattlichen Pferden. Sein Gefährt passt gar nicht in die Gasse. Yuan Xian tritt ihm in schlichter Kleidung und ärmlichem Schuhwerk entgegen, auf einen Stab aus Gänsefußholz gestützt. Drinnen und draußen stehen dem Leser zwei Lagen gegenüber. Noch ohne zu bestimmen, wer höher oder tiefer steht, ist der schwer zu überwindende Abstand zu sehen. Zigong beginnt: ‚Ach, in welcher Bedrängnis Ihr seid!‘
2. Berichtigt wird das Wort bing
Das Wort seiner Frage einfach als heutiges ‚Was für eine Krankheit hast du?‘ zu übersetzen würde das Gespräch verengen. Bing kann hier Not und bedrängte Lebensumstände bedeuten. Yuan Xian grenzt seinen eigenen Sinn des Wortes weiter ab:
Ich habe gehört: Ohne Besitz zu sein nennt man arm; zu lernen und nicht danach handeln zu können nennt man bedrängt. Ich bin jetzt arm, nicht bedrängt.
Kein Geld zu haben heißt arm. Das Gelernte nicht ausführen zu können wäre die Bedrängnis, von der er spricht. Er ist arm, sieht sich aber nicht in dieser zweiten Lage. In der üblichen Textfassung steht ‚lernen und nicht handeln können‘. Wir brauchen für die Erklärung nicht stillschweigend noch ‚das Dao‘ in das Zitat einzufügen. Das undichte Dach bestreitet Yuan Xian nicht. Er deckt es auch nicht mit einem ‚Geld ist unwichtig‘ zu. Er erkennt den gesehenen Sachverhalt an und lehnt ab, das dahinterliegende Gesamturteil gleich mit anzunehmen. Dass mir Geld fehlt, hast du richtig gesehen. Ob ich dem widerspreche, was ich gelernt habe und leben möchte, ist eine andere Frage. Die Deutlichkeit der ersten beantwortet die zweite nicht schon mit.
Das ist keine moderne Diagnose seelischer oder körperlicher Gesundheit. Erst recht heißt es nicht, innere Bildung mache Krankheit oder Trauer unmöglich. Eine alte Unterscheidung von Wörtern zur Beurteilung heutiger Kranker zu verwenden würde genau jene Vermischung wiederholen, welche die Geschichte auseinanderlegt.
3. In der Sorge steckt manchmal schon eine Antwort
Zigong muss nicht böse Absichten haben. Das sichtbare Leben ist wirklich schwierig, Überraschung und Sorge sind verständlich. Yuan Xians Antwort zeigt nur, dass auch ein wohlmeinender Blick zu schnell sein kann: Der andere hat seine Lage noch nicht erklärt, da wurde sie ihm schon vollständig ausgedeutet. Solche Grüße kennen wir. Ein Freund hat gekündigt: ‚Konntest du nicht mehr durchhalten?‘ Von jemandem hört man lange nichts: ‚Läuft es nicht gut bei dir?‘ Vielleicht ist die Vermutung richtig, vielleicht nicht. Nicht das Vermuten überhaupt ist verboten. Die Frage ist, ob danach noch eine Berichtigung Platz hat.
Dasselbe ‚Geht es dir gut?‘ kann auf eine wirkliche Antwort warten oder bloß auf die Bestätigung des eigenen Urteils. Der Gefragte kann die Absicht des anderen aber nicht garantiert sofort richtig erkennen. Ein Ton wird missverstanden, Sorge ungeschickt ausgesprochen. Raum brauchen beide, nicht nur einer. Yuan Xian erklärt nicht: Du verstehst mich nicht, also darfst du nichts sagen. Er gibt eine Unterscheidung, mit der sich weiterreden lässt: Fragst du nach meinen Mitteln oder steht für dich schon fest, dass mein Leben seine Richtung verloren hat?
4. Armut braucht nicht in Reichtum umgedeutet zu werden
Trost verwandelt Nachteile oft eilig in Vorteile: Du hast zwar kein Geld, bist aber innerlich reich. Der Sprecher möchte helfen. Der Zuhörer bemerkt womöglich nur, dass das leckende Dach wieder übersprungen worden ist. Das Bewahrenswerte an Yuan Xians Antwort ist gerade, dass das ‚arm‘ nicht zurückgenommen wird. Er muss nicht erst einen unsichtbaren, höheren Reichtum nachweisen, um sich gegen eine Herabsetzung wehren zu dürfen. Ein wirklicher Mangel kann bestehen bleiben, ohne den betreffenden Menschen zu einem misslungenen Exemplar zu machen.
Er kann ebenso gut Hilfe bei der Dachreparatur annehmen, auf höheres Einkommen hoffen und eines Tages umziehen. Das widerlegt seine heutige Antwort nicht automatisch. Zum eigenen Leben zu stehen verlangt kein ewiges Leiden als Garantie. Besuchen wir einen solchen Freund wirklich, hilft vielleicht eine Frage mehr als hastiges Lob seiner Erhabenheit: Es hat stark geregnet; sollen wir gemeinsam überlegen, was sich am Dach machen lässt? Will er sprechen, sprechen wir. Will er nicht, hören wir zunächst auch den Grund. Hilfe anzubieten bedeutet nicht, die Deutung seines Lebens zu übernehmen.
5. Die letzten Worte sind nicht sanft
Nach der Antwort zieht Zigong sich verlegen zurück. Nicht alle gehen mühelos aus diesem Gespräch hervor. Yuan Xian lächelt anschließend und zählt auf, was er nicht tun möchte: dem Zeitgeist gefallen, eigennützige Bündnisse eingehen, lernen, um sich anderen vorzuführen, lehren zum eigenen Gewinn, Menschlichkeit und Gerechtigkeit als Deckmantel nehmen und Wagen und Pferde zur Zier. Beim Lernen ‚für andere‘ bedeutet weiren hier nicht heutigen Dienst am Mitmenschen, sondern etwas für andere zur Schau zu tun. Die Wagen am Schluss lassen zudem kaum vergessen, welches Gefährt am Eingang der Gasse steht. Der Text hat einen Stachel. Wir müssen ihn nicht zu einer zwanglosen Unterhaltung ohne jeden Vorwurf abschleifen.
Wir können in der Liste Preise lesen, die Yuan Xian nicht bezahlt: Hinge eine Verbesserung seiner Lage von Anpassung oder Verstellung ab, wollte er diesen Weg nicht. Das Original beweist jedoch weder, dass es nur diese sechs Auswege aus der Armut gäbe, noch, dass Zigong jede der sechs Verfehlungen begangen hätte. Wohlstand ist nicht automatisch Opportunismus, Armut nicht automatisch Unschuld. Ein ‚Reich, also verdächtig‘ richtet nur denselben Maßstab in der Gegenrichtung gegen den Gast. Yuan Xian hilft, einen voreiligen Schluss auseinanderzunehmen. Wir brauchen beim Lesen nicht sofort den nächsten zusammenzufügen.
6. Ein Haus gibt keine vollständige Aussage über einen Menschen ab
Wollen wir eine Lage sehen, zählen selbstverständlich äußere Tatsachen: Wie verlässlich ist das Einkommen, wie erschöpft der Körper, wie sicher die Wohnung? Das sind keine Nebensächlichkeiten. Wer aus Respekt vor dem Inneren nicht hinsieht, macht aus Respekt leicht eine Ausrede, nicht zu helfen. Die Frage bleibt, wie weit die Belege reichen. Ein Absageschreiben besagt, dass jemand diesmal nicht eingestellt wurde, nicht unmittelbar, dass ihm Können fehlt. Monatelange Stille kann eine Notlage, familiäre Fürsorge, neues Lernen oder den Wunsch bedeuten, das eigene Leben vorläufig nicht öffentlich zu zeigen. Für jede Möglichkeit müssen wir mehr erfahren. Ein schöner Satz entscheidet sie nicht.
Auch die Standfestigkeit eines Menschen ist nicht für immer unprüfbar. Was er sagte, wie er handelt und ob er Folgen übernimmt, kann helfen, ihn zu verstehen. Der Preis eines Hauses ersetzt das nicht. Wir sind nicht jedes Urteils beraubt. Nur darf ein leicht sichtbarer Messwert nicht den Anschein erwecken, als sei damit schon der ganze Mensch erkannt. Auch der Beurteilte gewinnt dadurch eine Antwort, für die er sich nicht stark geben muss: Diese Schwierigkeit habe ich tatsächlich. Deinem nächsten Schluss stimme ich aber nicht zu. Er braucht weder Unbeugsamkeit noch den endgültigen Erfolg zu garantieren, um zunächst das ablegen zu dürfen, was zum Sachverhalt nicht gehört.
Stellt sich später heraus, dass auch er unsicher über seinen Weg ist, verliert die Antwort ihre Gültigkeit trotzdem nicht. Ein Mensch muss innerlich nicht vollkommen unerschütterlich sein, um ernst genommen zu werden. Yuan Xian nennt eine Unterscheidung, die er jetzt anerkennt. Er verlangt nicht von jedem Armen zuerst den Beweis unerschütterlicher Überzeugung. Wir können einen Satz von ihm lernen, ohne einen anderen Hilfesuchenden an seiner Ruhe zu messen.
7. Die Musik war schon da
Die Musik steht vor der Ankunft des Gastes. Bei dieser Reihenfolge möchte ich verweilen. Yuan Xian beginnt nicht erst vor Zigong mit einer vorgeführten Haltung des zufriedenen Lebens in Armut. Zumindest in der Erzählung tut er bereits etwas Eigenes. Aber sie sagt nicht, Zigong habe die Musik nicht gehört, und erklärt auch nicht, wie er sie verstand. Für ein bewegendes Ende dürfen wir ihm die Ohren nicht verschließen. Noch weniger garantieren die wenigen Wörter, Yuan Xian habe nie gelitten, sei nie müde und brauche niemanden. So viel beweist Musik nicht. Sie lässt nur in dem ärmlichen Haus mehr als seine Ärmlichkeit hören. Bevor der Besucher kam, lebte dort schon ein Mensch.
Den Thron abgeben gehört zu den von Su Shi bezweifelten Kapiteln. Dennoch können wir hier lernen, einen Menschen weniger schnell misszuverstehen, ohne die Stelle vorher als Zhuang Zhous Handschrift zu beglaubigen. Dass keine Erzählerstimme Punkte verteilt, heißt auch nicht, dass der Text keine Haltung hat. Eine gut geschriebene Stelle löst die Datierungsfrage nicht allein. Mitnehmen möchte ich nicht Yuan Xians Sieg über Zigong, sondern einen etwas langsameren Gruß. Siehst du das undichte Dach, kümmere dich weiterhin um das Dach. Hörst du die Musik, erkläre das Dach nicht hastig mit der Musik weg. Frage dann noch einmal: Wie geht es dir? Und warte diesmal wirklich auf die Antwort.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Das klassische Zitat wird auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Bing wird im alten Gespräch ausgelegt und ist keine moderne Diagnose. Die Kritik an sichtbarem Reichtum beweist weder die Schuld jedes Reichen noch die Unschuld jedes Armen; Musik und Haltung ersetzen keinen Nachweis dauernder Unerschütterlichkeit. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Den Thron abgeben · Rang wang.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.