Das Zhuangzi neu aufschlagen · 38 · Die drei Schwerter
Der König hat zugehört. Was wird aus den Schwertkämpfern?
Eine kluge Rede kann jemanden erreichen. Damit ist noch nicht geklärt, wer auf dem Weg zu diesem Erfolg verletzt wurde und wie es für die anderen weitergeht.
1. Zuerst zieht er andere Kleidung an
Mancher Rat ist mit seinem ersten Satz schon zu Ende: Hör doch endlich auf damit. Kümmere dich um etwas wirklich Wichtiges. Der Sprecher kann recht haben. Der Zuhörer hört dennoch nur, das Geliebte sei nichts wert; erst solle er es ablegen, dann den Rat anhören. Zhuangzi betritt in Über die Schwerter den Raum anders. Er kleidet sich als Schwertkämpfer und besucht einen Herrscher, der vom Zweikampf besessen ist. Als dieser nach seiner Lehre fragt, antwortet er: Ich hörte, der König liebt Schwerter. Darum komme ich mit dem Schwert vor ihn.
Das ist ein gelungener Einstieg. Gelungen ist damit noch nicht die ganze Geschichte. Wir können lernen, wie man in das Thema eines anderen hineinkommt, und zugleich weiterfragen: Was geschieht danach, und wer bezahlt dafür?
2. Was ihm Freude macht, verletzt Menschen
König Wen von Zhao hat in der Geschichte mehr als dreitausend Schwertkämpfer um sich. Tag und Nacht fechten sie zu seiner Unterhaltung. Die Worte über die jährlichen Verluste nennen mehr als hundert Tote und Verletzte, nicht mehr als hundert Todesfälle allein. Drei Jahre dauert das; das Land verfällt, die Fürsten beginnen Pläne zu schmieden, und der Kronprinz wendet sich an Zhuangzi. Kein harmloses Privatvergnügen wird hier bloß von anderen missverstanden. Die Freude des Herrschers beruht auf den Körpern anderer. Wer ihn überzeugen möchte, hat eine Schwierigkeit: Wie erreicht man einen Versessenen? Eine zweite Frage kann aber nicht bis zum Erfolg des Gesprächs warten: Was geschieht mit den Verletzten?
Zhuangzi weiß um die Gefahr. Vor dem Besuch sagt er dem Kronprinzen, er könne bestraft und getötet werden, wenn er oben dem König widerspreche und unten nicht zum Willen des Prinzen passe. Das ist kein gleichberechtigtes Gespräch unter Freunden über Interessen, sondern eine Rede, die vor Macht einen Eingang suchen muss. Kleidung, gerühmte Fechtkunst und die Behauptung, sein Schwert töte alle zehn Schritte einen Menschen und sei auf tausend Li nicht aufzuhalten, gehören dazu. Sie ziehen den König an und bewegen sich zugleich in seiner bisherigen Vorliebe weiter.
3. Sieben Tage, die wir nicht überspringen dürfen
Springen wir von der ersten Begegnung direkt zu den drei Schwertern, wird die Geschichte sauber: Zhuangzi nimmt das Interesse auf, wechselt den Blickwinkel, der König versteht, das Problem ist gelöst. Die geläufige Fassung enthält dazwischen aber sieben Tage. Der König lässt Kämpfer auswählen; mehr als sechzig werden getötet oder verletzt. Erst nachdem fünf oder sechs ausgewählt sind, ruft er Zhuangzi zum Versuch mit dem Schwert. Dieser Abschnitt muss bleiben. Die später gelungene Rede lässt die körperlichen Kosten dieser Auswahl nicht verschwinden.
Damit wird nicht einfach die gesamte Verantwortung auf Zhuangzi geschoben. Befehl und Auswahl finden unter der Macht des Königs statt. Für eine Aufteilung der Verantwortung aller Beteiligten wie in einem wirklichen Verfahren fehlen Details. Wenigstens steht aber fest: Ein nachweislich unschädliches Kommunikationsverfahren liegt nicht vor. Leser dürfen den Einfallsreichtum bewundern. Dabei sollten sie die sieben Tage nicht allzu schnell umblättern.
4. Dasselbe Wort öffnet drei verschiedene Welten
Vor dem Kampf sagt Zhuangzi, er habe drei Schwerter und möchte sie vor dem Versuch erläutern. Der König will zuhören. Das erste ist das Schwert des Himmelssohns: Berge, Flüsse und Gebiete bilden Schneide, Rücken und Griff, umgeben von Jahreszeiten, Yin und Yang und der Ordnung der Welt. Das zweite ist das Schwert der Fürsten. Kluge, mutige, unbestechliche und tugendhafte Menschen werden seinen Teilen zugeordnet; es geht um Ruhe im Land und die Abstimmung mit dem Willen des Volkes. Erst das dritte gehört den Kämpfern vor ihnen. Es schneidet Hälse, verletzt Leber und Lunge, gleicht dem Hahnenkampf. Ein Leben endet, ohne dass dem Land gedient wäre. Das Wort Schwert bleibt, sein vorgestellter Horizont verändert sich. Der König fragte zuvor, wer gewinnen könne. Nun muss er sich fragen lassen: Was bringt das bewunderte Können eigentlich hervor?
Hier lässt sich von der Rede lernen. Sie entfernt nicht nur einen vertrauten Gegenstand, sondern öffnet weitere Lebensmöglichkeiten, die mit ihm zusammenhängen könnten. Muss Schwertliebe heißen, zwei Menschen beim gegenseitigen Zerschneiden zuzusehen? Lässt sich Kraft nur durch Verletzung bewundern? Aus den drei Ebenen dürfen wir aber keine allgemeine Wahrheit machen, nach der das Größere immer das Bessere wäre. Auch das Schwert des Himmelssohns zielt auf die Unterwerfung der Welt, auch das Fürstenschwert verlangt Gehorsam. Die politische Vorstellung einer alten Überzeugungsrede ist kein unverändert zu übernehmendes heutiges Gesellschaftsideal.
5. Er spricht durchaus ein scharfes Urteil aus
Der letzte Satz ist keine bloße Leerstelle:
Jetzt steht Ihr an der Stelle eines Himmelssohns und liebt doch das Schwert gewöhnlicher Männer. Ich erlaube mir, dies für Euch gering zu achten.
So hoch zu stehen und dieses Schwert zu lieben: Das sei für den König unwürdig. Hier wird ausdrücklich herabgesetzt; die Rede nutzt auch dessen Sorge um den eigenen Rang, um Veränderung zu bewirken. Man kann nicht sagen, Zhuangzi habe nur ganz ohne Bewertung zwei Dinge nebeneinandergelegt und dem König das Entdecken überlassen. Das Schwert der gewöhnlichen Männer bindet außerdem eine schädigende Tätigkeit an eine Rangstufe. Heute dürfen wir daraus nicht schlicht machen: So etwas Niedriges passt nicht zu dir. Das kann wirken und doch bloß Scham verwenden, um einen Menschen von einem Wettbewerb des Vergleichens in einen anderen zu schicken.
Mitnehmen möchte ich die Fähigkeit, ein Thema neu zu öffnen, nicht die ganze Treppe von hoch und niedrig, vornehm und gering. Gute Überzeugung darf kritisieren und Gründe nennen; sie muss ihre Richtung nicht verbergen. Der Unterschied liegt darin, ob der andere wirklich noch am Urteil beteiligt sein kann. Nicht bloß darin, ob er endlich die für ihn vorbereitete Antwort ausspricht.
Hier begegnen uns also der König Wen und der Zhuangzi einer Fabel. Daraus sollte keine zuverlässige historische Nachricht über ein Treffen beider werden. Besonders die Stellung eines Himmelssohns ist eine Wendung der Rede, die den Angesprochenen erhöht. Sie beweist nicht, dass der König im Geschehen wirklich Oberherr aller Länder wäre. Das auseinanderzuhalten schwächt die Rede nicht. Es macht deutlicher, wie sie mit Rang und Vorstellung ihren Hörer in Bewegung setzt.
6. Das Ende beruhigt nicht
In der überlieferten Fassung bleibt Wen drei Monate im Palast. Über die Schwertkämpfer heißt es, sie seien alle an ihrem Ort gestorben. Wie genau jeder stirbt, müssen wir nicht dazuerfinden. Zunächst sehen wir, was am Schluss fehlt: Sie erhalten keine neue Lebensmöglichkeit. Erzählt wird ihr Tod, keine angemessene Versorgung. Deshalb ist die Geschichte nicht einfach die sanfte Befreiung eines Menschen aus einer Verstrickung. Der Herrscher ändert sich. Die von seiner Vorliebe abhängigen Menschen bekommen in der Erzählung aber keinen neuen Weg. Eine Hauptfigur zur Einsicht zu bringen hat nicht notwendig schon alle anderen mitversorgt.
Auch weil mir dieses Ende missfällt, darf ich es nicht kurzerhand für später hinzugefügt erklären. Verhalten und Stil, die von anderen Kapiteln abweichen, können Gründe einer Diskussion sein. Die Unterschiede allein bestimmen noch keinen Autor. Wir lesen dieses Ende und müssen es zuerst ernst nehmen. Su Shi nennt Über die Schwerter oberflächlich und dem Dao nicht entsprechend, gemeinsam mit seinem Urteil über Den Thron abgeben. Wir können ihm heute widersprechen, ohne deshalb die Kämpfer noch einmal aus der Geschichte zu entfernen.
7. Ein Interesse in einen weiteren Raum führen
Verlassen wir den Palast für eine weitaus ungefährlichere Lage. Ein Kind ist vom Spielen am Bildschirm gefesselt; die Eltern sagen nur, es verschwende schon wieder Zeit. Fragen sie dagegen, was ihm genau gefällt, könnte etwas anderes entstehen. Rätsel, Zusammenarbeit, Geschichten oder der Wettkampf? Daraus könnten Gestaltung, Sport, Lesen oder ein maßvollerer Umgang mit den Spielen wachsen.
Das ist kein von Über die Schwerter schon geprüftes Erziehungskonzept. Die Frage darf auch nicht lediglich eine Schwäche auskundschaften, um das Kind zum Verzicht auf Unerwünschtes zu bewegen. Es muss wirklich sagen dürfen, dass es gerade das Spielen mag. Danach lassen sich Schlaf, Schule, Ausgaben und Grenzen in der Familie gemeinsam besprechen. Zuhören bedeutet nicht Gewährenlassen, Grenzen setzen verlangt nicht, das gesamte Interesse vorher abzuwerten. Kommt bereits jemand zu Schaden, darf das Eingreifen nicht auf ein noch besseres Gespräch warten. Schaden zu stoppen, Schutz zu geben und Gedanken zu verändern kann gleichzeitig geschehen. Die Sprache des Gegenübers zu sprechen sollte nicht zum Grund werden, andere weiter leiden zu lassen.
Die drei Schwerter zeigen mir eine Möglichkeit: Nicht nur fragen, warum du nicht loslässt, sondern auch, was aus dem von dir Geschätzten noch werden könnte. Dabei möchte ich die Toten und Verletzten des Anfangs, die siebentägige Auswahl und die Kämpfer am Schluss nicht vergessen. Dass die Worte endlich ankommen, ist das eine. Ob die Menschen dadurch einen Weg zum Weiterleben bekommen, ist etwas anderes.
Wird heute eine Unternehmerin überzeugt, ein schädliches Geschäft einzustellen, dürfen die künftige Arbeit ihrer Beschäftigten und der Ausgleich für bereits Geschädigte nicht bloß Nebensachen außerhalb des Beifalls sein. Die Verantwortliche umzustimmen kann ein notwendiger Anfang sein. Das weitere Leben aller anderen als verzichtbaren Nachsatz zu behandeln hinterlässt aber selbst bei erfolgreichstem Rat eine Leerstelle. Die Kunst des Überzeugens sollte möglichst auch zu dieser zweiten Aufgabe gelangen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Das klassische Zitat wird auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die heutigen Beispiele sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse. Tote und Verletzte werden nicht zu einer einheitlichen Todeszahl gemacht. Die sieben Tage der Auswahl und das tödliche Ende bleiben stehen, ohne ungenannte Todesarten oder individuelle Schuldanteile zu ergänzen. Die Begegnung ist keine verlässlich belegte historische Zusammenkunft und kein geprüftes Erziehungsprogramm. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Über die Schwerter · Shuo jian.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.
Zu Su Shis unterschiedlichen Zweifeln an vier Kapiteln: Bericht über den Zhuangzi-Schrein.