Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 20 von 22

Moskau

Die Maschine sieht, was geschehen ist, kann aber nicht entscheiden, wie es zu werten ist

(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

1. Die Wahrheitsmaschine

Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland betrat etwas Neues die Bühne: der Videoassistent.

Mit ihm kam ein Traum, um den man im Fußball seit hundert Jahren vergeblich gerungen hatte: endlich Schluss mit dem Streit. Früher beharrten nach einer Fehlentscheidung beide Seiten auf ihrer Sicht. Niemand überzeugte den anderen, und oft verlief der Streit irgendwann im Sand. Jetzt aber gab es eine Maschine, die den gerade geschehenen Vorgang Bild für Bild wiederholte, bis jeder genau sehen konnte, was passiert war. Wenn es nun alle gesehen hatten, worüber sollte man noch streiten? Davon träumt der Aufbau: von einer Vorrichtung, die die Wahrheit ein für alle Mal festschreibt und jeden Streit endgültig abschließt.

Vor dem Auftritt dieser Maschine war die Geschichte des Fußballs beinahe eine Geschichte seiner Streitfälle gewesen. Das Wembley-Tor von 1966, bei dem sich nicht klar erkennen ließ, ob der Ball die Linie überquert hatte, Maradonas Hand Gottes 1986, Lampards Schuss von 2010, der deutlich hinter der Linie gewesen war und trotzdem nicht zählte: Jede dieser Szenen wurde hinterher immer wieder gezeigt, immer wieder durchgefochten. Doch keine Seite brachte die andere dazu, ihr wirklich recht zu geben. Damals sah man ja nicht einmal dasselbe Geschehen. Der eine schwor Stein und Bein, der Ball sei drin gewesen; der andere ebenso fest, er sei es nicht gewesen. Derselbe Augenblick nahm in verschiedenen Augen verschiedene Gestalt an. Mit diesem Gegeneinander unvereinbarer Wahrnehmungen sollte der Videoassistent zunächst aufräumen. Er legte den Moment in Zeitlupe, aus mehreren Kameraperspektiven und in aller Deutlichkeit vor. Nun sollten alle dasselbe sehen.

Sein Einsatz folgte einem festen Plan. Auf seiner Jahresversammlung im März 2018 genehmigte das International Football Association Board, kurz IFAB, das System offiziell, nach einer nach eigenen Angaben zweijährigen Erprobung. Die WM in Russland war die erste Männer-WM nach dieser Zulassung und zugleich die erste, bei der das System eingesetzt wurde. Eingreifen durfte es ausschließlich in vier Arten spielentscheidender Situationen: bei der Frage, ob ein Tor zählt, ob ein Strafstoß zu geben ist, ob eine direkte Rote Karte fällig ist und ob der falsche Spieler bestraft wurde. Außerhalb dieser vier Kategorien blieb es still.

Die Auswahl hatte ihren Grund. Tore, Strafstöße, Rote Karten und Spielerverwechslungen waren genau die vier Punkte, an denen eine Entscheidung am ehesten ein Spiel kippen und die Empörung hochkochen lassen konnte. Ein fälschlich gegebenes Abseits nahm einer Mannschaft den späten Siegtreffer; ein unberechtigter Elfmeter schickte eine andere nach Hause. Wie viele alte Rechnungen waren hier offen geblieben. Auf diese neuralgischen Punkte konzentrierte der Videoassistent seine ganze Kraft. Er sollte jene Stellen absichern, an denen ein falscher Pfiff die Menschen noch Jahre später wütend fluchen ließ. In dieser Konstruktion steckte ein gewaltiger Anspruch: Wenn der Streit immer hier ausbricht, stellen wir eben genau hier eine Maschine auf und ersticken ihn an Ort und Stelle. Was die Konstruktion nicht vorsah: Gerade hier verbarg sich etwas, das sich nicht ersticken ließ.

Nach Abschluss der Gruppenphase veröffentlichte die FIFA eine Schiedsrichterbilanz mit beeindruckenden Zahlen: 335 Überprüfungen, 17 förmliche Videoüberprüfungen, daraufhin 14 korrigierte und drei bestätigte Entscheidungen. Bei spielentscheidenden Urteilen sei, so die FIFA, die Trefferquote durch das System von 95 auf 99,3 Prozent gestiegen. Dazu gehört eine Einschränkung: Diese Bilanz bezog sich auf die Gruppenphase, nicht auf das gesamte abgeschlossene Turnier. Trotzdem war die Richtung eindeutig. Mit dem System wurde genauer entschieden. Einen frühen, emblematischen Moment hatte es am 16. Juni 2018 gegeben, beim 2:1 Frankreichs gegen Australien. Cunha sprach Frankreich nach Rücksprache mit dem Videoassistenten einen Strafstoß zu, Griezmann verwandelte. Es war der erste durch das System zustande gekommene Elfmeter der WM-Geschichte.

Diese Zahlen waren tatsächlich eindrucksvoll, und sie waren tatsächlich echt. Entscheidend ist jedoch, welche Art von Genauigkeit sie messen. Bei der großen Mehrheit der korrigierten Entscheidungen ging es um Sichtbares: Abseits oder kein Abseits, Handkontakt vor dem Tor oder keiner. Die Linie ist da, der Ball ist da, die Spieler sind da; wer vor wem steht, lässt sich durch einen Vergleich klar feststellen. Auf dieser Ebene steigerte das System die Genauigkeit beträchtlich. Ein glänzendes Zeugnis für die Gruppenphase beantwortet aber eine unbequemere Frage noch nicht: Funktioniert es auch dann, wenn über eine Absicht statt über eine Position zu entscheiden ist, über ein Vergehen statt über das Überschreiten einer Linie? Erst im Endspiel bekamen alle die Antwort mit voller Wucht zu spüren.

Eine kleinere Maschine hatte der Fußball schon vorher gekannt: die Torlinientechnik. Sie musste eine sauber binäre Frage beantworten. Hat der Ball die Torlinie vollständig überquert oder nicht? Das ist ein physikalischer Sachverhalt. Entweder ist er hinüber oder er ist es nicht; eine Maschine kann das binnen einer Sekunde feststellen. Der Videoassistent hatte weit größere Ambitionen. Er wollte sich nicht mehr nur mit der Lage des Balls befassen, sondern mit Fragen wie: Muss es Elfmeter geben? Ist das eine Rote Karte? Die Hand der Maschine griff aus einem Bereich, in dem ein schlichtes Ja oder Nein genügte, in einen Bereich hinüber, der weniger schwarz-weiß war. Genau mit diesem Griff holte sie ein Problem herauf, mit dem niemand gerechnet hatte.

2. Das Handspiel im Finale

15. Juli 2018, Endspiel im Moskauer Luschniki-Stadion: Frankreich schlägt Kroatien 4:2.

Dieses Finale schrieb gleich mehrere neue Einträge in die Rekordbücher. In der ersten Halbzeit köpfte der Kroate Mandžukić ins eigene Tor, das erste Eigentor in einem WM-Endspiel. Die Szene aber, an die man sich noch viele Jahre erinnern sollte, kam in der 38. Minute: Schiedsrichter Pitana sah sich am Bildschirm am Spielfeldrand ein mögliches Handspiel an, entschied auf Strafstoß für Frankreich, und Griezmann verwandelte. Zum ersten Mal in der Geschichte eines WM-Finales war der Videoassistent zum Einsatz gekommen. Der Spieler, dessen Hand im Spiel gewesen war, hieß Perišić. Später traf auch der junge Mbappé, der bei diesem Turnier als neuer Stern aufging. Am Ende stemmte Frankreich den WM-Pokal in die Höhe.

Die beiden Mannschaften waren auf sehr unterschiedlichen Wegen auf dieser Bühne angekommen. Frankreich fiel schon durch seine Jugend auf: eine Gruppe von Ausnahmetalenten Anfang zwanzig, körperlich und spielerisch im besten Alter. Kroatiens Mannschaft war im Durchschnitt erheblich älter. Ein kleines Land mit nur wenigen Millionen Einwohnern hatte sich bis ins Finale durchgekämpft, in der K.-o.-Runde drei Verlängerungen hintereinander bestritten, Spiel um Spiel bis an die äußerste Grenze getrieben, bis hin zum Elfmeterschießen. Als die Kroaten den Rasen zum Endspiel betraten, war kaum noch Kraft in ihren Beinen. Auf der einen Seite die ausgeruhte Jugend, auf der anderen eine Zähigkeit, deren Tank längst leer war. Daraus hätte ein Epos werden können. Doch in der 38. Minute nahm diese Begegnung durch eine unerwartete Handspielentscheidung eine andere Richtung.

Eigentlich hätte dieses Finale Geschichten genug geboten. Das erste Final-Eigentor, ein Jugendlicher, der auf der größten Bühne der Welt traf, ein offener Schlagabtausch, der 4:2 endete: Jeder dieser Stoffe hätte allein genügt, um Fans über Jahre zu beschäftigen. Hinterher wurde beinahe alles von jenem Strafstoß überlagert. Wer vom Finale 2018 spricht, denkt oft weder zuerst an das Eigentor noch an den aufgehenden Stern, sondern an Perišićs Hand und an einen Streit, der bis heute nicht verstummt ist. Das ganze Glück und Elend eines Endspiels, neunzig Minuten voller Läufe und Zweikämpfe, Tränen und Schreie, schrumpften am Ende beinahe auf eine einzige Frage zusammen: Wie war diese Berührung zu werten?

Wie es zu dem Elfmeter kam, ist klar. Im Strafraum traf der Ball Perišić am Arm. Das war auf den Bildern deutlich zu sehen, und niemand bestritt es. Der Ball hatte die Hand berührt: eine Tatsache, die die Maschine der ganzen Welt in höchster Auflösung vorführte. Pitana ging an den Spielfeldrand, sah sich die Szene noch einmal selbst an und zeigte auf den Punkt.

Dieser Gang zum Bildschirm am Rand war eine neue Szene im Schauspiel des Fußballs, die erst mit der Maschine auftrat. Früher stand dem Schiedsrichter am Spielfeldrand keine Videowiederholung zur Überprüfung seiner Entscheidung zur Verfügung. Nun hielt er plötzlich inne, legte eine Hand ans Headset, hörte auf den Hinweis von draußen und trabte zu dem kleinen Bildschirm. Er beugte sich darüber und sah sich jene paar Sekunden wieder und wieder an. Zehntausende im Stadion und Hunderte Millionen vor den Fernsehern hielten den Atem an, als blickten sie gemeinsam mit ihm auf diesen kleinen Monitor. Es schien, als würde nun gleich die Wahrheit verkündet, endgültig und unanfechtbar. Pitana sah zu Ende, richtete sich auf und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Die Maschine hatte ihr Urteil gesprochen: Dort war ein Handspiel gewesen.

Ein Elfmeter wiegt in einem Finale ein Vielfaches dessen, was er sonst wiegt. Er ist beinahe ein Tor aus dem Nichts. Niemand muss mühsam die gegnerische Abwehr auseinanderziehen; ein einziger Schuss kann den Spielstand ändern. Einer Mannschaft, die bereits bis zur völligen Erschöpfung gespielt hat, gibt ein solches Tor oft den Rest. Mit diesem Pfiff wurde also nicht bloß ein Handspiel geahndet. Er verschob ein Stück weit die Richtung des ganzen Endspiels. Und ausgelöst wurde all das weder von einem gewaltigen Fernschuss noch von einer meisterhaften Kombination, sondern von einem Handkontakt, über dessen Absicht die Welt bis heute keine Einigkeit erzielt hat. Wer am Ende Weltmeister wurde, hing an einem Urteil, das sich nicht eindeutig fassen ließ.

Eigentlich hätte die Geschichte hier zu Ende sein müssen. Die Wiederholung hatte getan, wozu sie da war: Sie hatte allen unverfälscht gezeigt, was geschehen war. Jeder hatte es gesehen. Der Ball hatte tatsächlich die Hand berührt. Wenn die Wahrheit so deutlich vor Augen lag, was gab es dann noch zu streiten? Doch genau hier begann das eigentliche Problem erst.

3. Klar sehen heißt noch nicht klar entscheiden

Dass der Ball die Hand berührt hatte, bestritt niemand. Trotzdem brach nach dem Finale ein heftiger Streit los, und er drehte sich ausgerechnet nicht um das, was niemand bestritt.

Die Streitfrage lautete: War die Berührung der Hand ein Vergehen?

Nach der vor 2019 geltenden Regel hing die Ahndung eines Handspiels entscheidend davon ab, ob die Hand den Ball absichtlich berührt hatte. War Perišić beim Abblocken zufällig mit dem Arm an den Ball geraten, oder hatte er bewusst mit der Hand abgewehrt? Das war den Bildern nicht zu entnehmen. Sie konnten zeigen, dass der Ball die Hand getroffen hatte; ob Absicht dahintersteckte, konnten sie nicht zeigen. Hinzu kam ein weiteres Problem. Das System hatte für sein Eingreifen eine Schwelle festgelegt: einen „klaren und offensichtlichen Fehler“. Es sollte also nur tätig werden, wenn die ursprüngliche Entscheidung eindeutig falsch war. Perišićs Aktion war aber gerade ein Grenzfall, den man so oder so auslegen konnte. Reuters schrieb in einer Analyse nach dem Spiel unverblümt, dies sehe nicht nach einem Eingriff zur Korrektur eines offensichtlichen Fehlers aus. Auch ein Kommentator erklärte, ihm sei durchaus klar, dass es letztlich eine Ermessensfrage sei; einen offensichtlichen Fehler könne er in dieser Szene jedoch beim besten Willen nicht erkennen. Andere sahen es genau umgekehrt: Die Armbewegung und das Abblocken des Balls rechtfertigten durchaus einen Strafstoß. Unmittelbar nach dem Spiel standen sich unter den Fachleuten zwei Lager gegenüber.

Sie stritten keineswegs darüber, was sie gesehen hatten. Alle hatten dasselbe gesehen: Der Ball traf Perišić am Arm. Ihr Streit galt der Wertung desselben Vorgangs. Die einen sagten: Der Arm war abgespreizt, er versperrte dem Ball den Weg, also ist das strafbar. Die anderen sagten: Das war eine natürliche Bewegung beim Abblocken, die er nicht mehr stoppen konnte, keine Absicht, also auch kein Strafstoß. Man kann die Szene noch hundertmal abspielen, ohne eine Antwort aus ihr herauszuholen. Die Antwort steckt nämlich gar nicht im Bild. Im Bild sind eine Hand und ein Ball. Ob der Arm mit oder ohne Absicht dort ist, ob dieses Abwehren bestraft werden soll, müssen Menschen beurteilen und einordnen. Und Urteile und Einordnungen sind etwas, das keine Kamera aufnehmen kann.

Noch absurder wird es eine Ebene tiefer: Die Maschine selbst brach im Finale die Regel, die sie sich gegeben hatte. Sie wollte nur eingreifen, wenn die ursprüngliche Entscheidung einen klaren und offensichtlichen Fehler enthielt. Perišićs Aktion war aber alles andere als ein solcher Fehler. Sie war ein Grenzfall, für den beide Lesarten möglich waren, je nachdem, wie man ihn verstand. Eigentlich sollte das System sich also auf das beschränken, was sich eindeutig als richtig oder falsch erkennen ließ. Ausgerechnet auf der größten Bühne stürzte es sich nun in eine Grauzone, die nicht einmal seine eigenen Voraussetzungen erfüllte. Es überschritt seine Zuständigkeit. Nicht weil jemand seine Pflicht vernachlässigt hätte, sondern weil die Sache, über die es befinden wollte, von vornherein keine Eindeutigkeit hergab. Ein Regelwerk, das die Unschärfe abschaffen sollte, wurde am Ende von der Unschärfe selbst in Schach gehalten.

Sehen und urteilen sind eben zweierlei. Sehen ist Sache der Augen. Wenn etwas da ist und das Licht ausreicht, sollten alle dasselbe sehen. Urteilen ist Sache unseres Inneren: Dem Gesehenen wird ein Richtig oder Falsch hinzugefügt, ein Soll oder Soll-nicht. Das Erste kann die Maschine uns abnehmen. Sie tut es sogar verlässlicher, lässt sich nicht ablenken und sieht nicht deshalb etwas Falsches, weil ihr eine der Mannschaften lieber ist. Das Zweite kann sie uns nicht abnehmen. Im Urteil stecken menschliches Maß und menschliche Abwägungen, eine ganze Vorstellung davon, was fair ist und was als Absicht gilt. Nichts davon lässt sich mit einem Objektiv einfangen. Die Wahrheitsmaschine treibt das Sehen zur Vollendung. Gerade dadurch gibt sie das Urteilen umso gründlicher an die Menschen zurück.

Alles ist klar zu sehen, und trotzdem lässt es sich nicht eindeutig entscheiden. Das ist die Wand, gegen die die Wahrheitsmaschine läuft. Die Frage, was geschehen ist, kann sie endgültig abschließen: Der Ball hat die Hand berührt. Diese Ebene erledigt sie mit einem Schlag; darüber kann niemand mehr streiten. Der Streit verschwindet deshalb aber nicht. Er zieht um. Aus der Frage „Was ist geschehen?“ wird die Frage „Wie ist es zu werten?“. Und diese Wertung ist keine sichtbare Tatsache. Sie folgt einer Grenze, die Menschen in ihrem Inneren ziehen: zwischen Absicht und Versehen, zwischen strafbar und nicht strafbar. Die Kamera kann den Arm bis ins kleinste Detail zeigen, diese Grenze aber nicht. Denn sie verläuft gar nicht auf dem Spielfeld. Sie verläuft durch die Regeln und durch das Urteil. Je klarer die Maschine die Tatsache ausleuchtet, desto einsamer und schärfer hebt sich das Urteil ab, das ihr Licht nicht erreicht. Der Rest ist nicht beseitigt worden. Er wurde nur dorthin verdrängt, wo die Maschine nicht hinkommt. Dort geht der Streit weiter.

4. Je schärfer die Grenze, desto weiter wächst der Streit über sie hinaus

Ein Vorgang macht das besonders deutlich: Schon im Jahr nach dem Finale schrieb das IFAB die Handspielregel neu.

Die eigene Begründung lautete, die Regel müsse klarer werden. In der neuen Fassung tauchten Begriffe auf, die es vorher so nicht gegeben hatte. Vergrößert die Armhaltung die Körperfläche auf unnatürliche Weise? Ist die Hand über die Schulterhöhe hinaus angehoben? Hier stand schwarz auf weiß, dass die für das Finale 2018 geltende Handspielregel als nicht eindeutig genug angesehen wurde. Ihre Neufassung zielte genau auf jene Art von Streit, die bei der WM in Russland hervorgetreten war.

Daran wird die Grenze zwischen Torlinientechnik und Videoassistent besonders deutlich. Die Torlinientechnik kann eine Sache ein für alle Mal klären, weil ihre Frage bereits eine unverrückbare Antwort hat. Ob der Ball über der Linie war, ist ein physikalischer Sachverhalt; es gibt keine zweite Lesart. Ob ein Handspiel geahndet werden soll, hat eine solche unverrückbare Antwort nie besessen. Hier geht es zur Hälfte um Tatsachen, zur Hälfte um Auslegung. Wenn der Videoassistent danach greift, ist das, als wollte man mit einem Maßband herausfinden, ob etwas schön ist. Das Maßband kann noch so genau sein, es wird die Antwort nicht liefern. Gefragt ist schließlich nicht nach einer Länge. Das Problem des Videoassistenten im Finale war nicht seine mangelnde Genauigkeit. Er war mit voller Wucht gegen eine Frage gelaufen, bei der Genauigkeit gar nicht weiterhilft.

Aber hat eine schärfer gezogene Grenze den Streit wirklich beendet? Nein. Sie hat ihn nur verlagert. Früher stritt man darüber, ob eine Berührung absichtlich gewesen war. Nun stritt man darüber, was als unnatürliche Vergrößerung des Körpers gilt und was als Haltung oberhalb der Schulter. Wo genau verläuft die Grenze zwischen einem Arm, der natürlich neben dem Körper mitschwingt, und einem, der unnatürlich abgespreizt wird? Liegt eine Hand, die sich gerade ungefähr auf Schulterhöhe befindet, schon darüber? Die neue Regel zog eine neue, scheinbar präzisere Linie. Gleich an ihrem äußeren Rand wuchs jedoch ein neuer Saum undeutlicher Grenzfälle. Eine Linie kann noch so fein gezogen sein: Irgendein Ball landet immer genau darauf.

Das liegt nicht daran, dass jemand die Regel schlecht formuliert hätte und ein klügerer Verfasser das Problem lösen könnte. Es gehört zum unvermeidlichen Schicksal des Grenzziehens selbst. Jede Regel versucht, in eine fortlaufende Wirklichkeit ohne natürliche Fugen eine harte Entweder-oder-Grenze einzuschneiden. Die Wirklichkeit ist aber kein Entweder-oder. Ein Arm lässt sich in unzähligen Winkeln abspreizen, zwischen Absicht und Versehen gibt es unzählige Zwischenstufen, und Ort, Wucht und Zeitpunkt des Ballkontakts lassen sich auf unübersehbar viele Arten kombinieren. Zieht man eine Linie und teilt das alles in strafbar und nicht strafbar, bleiben die Fälle unmittelbar links und rechts davon stets am schwersten auseinanderzuhalten. Wohin die Linie wandert, dorthin folgt ihr der heftigste Streit.

Genau das wiederholt die Maschine mit dem gesamten Regelwerk, das hinter ihr steht. Jedes Mal soll eine noch striktere Vorschrift den Spielraum des Urteils zusammendrücken, bis dem Streit kein Platz mehr bleibt. Und jedes Mal wird die neu geschärfte Regel selbst zu etwas, das ausgelegt, bestritten und aus den Angeln gehoben werden kann. Eine klarere Grenze soll den Streit abschließen; im nächsten Augenblick ist diese Grenze bereits das Schlachtfeld des nächsten Streits. Die Vorschriften werden immer kleinteiliger, doch der nicht eindeutig bestimmbare Rest ließ sich noch nie darin einschließen. Er taucht immer wieder jenseits der frisch gezogenen Linie auf.

Der 2019 gezogenen neuen Grenze wird es nicht anders ergehen. Bei jedem großen Turnier der kommenden Jahre werden neue Handspiele wieder genau an ihrem Rand liegen. War der Arm nun unnatürlich abgespreizt? Reichte diese Haltung tatsächlich bis zur Schulterhöhe? Schon werden darüber die Köpfe erneut heiß. Wahrscheinlich wird dann wieder jemand erklären, die Vorschrift sei noch immer nicht klar genug und müsse nochmals geändert werden. So folgt eine Fassung auf die nächste, jede feiner, jede länger. Den Streit hat trotzdem noch keine einzige wirklich eingeschlossen. Es ist wie bei einer Grube, die niemals voll wird: Wie viele feinere Vorschriften man auch hineinschüttet, gleich daneben bricht ein neuer Rand weg.

5. Eine andere Maschine, eine andere Frage der Wertung

Außerhalb des Spielfelds lastete auf der WM 2018 eine weitere Frage, bei der die Wertung offenblieb, und sie war weit größer als die nach einem Handspiel: War diese Weltmeisterschaft für Russland gekauft worden?

Die Geschichte beginnt früher. Am 2. Dezember 2010 vergab die FIFA die WM 2018 an Russland und am selben Tag die WM 2022 an Katar. Diese beiden Abstimmungen zogen eine jahrelange Auseinandersetzung nach sich. Zur Prüfung des Bewerbungsverfahrens leitete die FIFA intern eine Ethikuntersuchung ein. Ihr Leiter war Garcia.

Schon damals wirkten beide Abstimmungen merkwürdig. Für 2018 setzte sich Russland bereits im zweiten Wahlgang mit überwältigender Stimmenzahl durch. England dagegen, hoch gehandelt und am gründlichsten vorbereitet, erhielt im ersten Wahlgang gerade einmal zwei Stimmen und schied früh aus, beinahe eine Demütigung. Für 2022 schlug Katar ausgerechnet die Vereinigten Staaten und holte sich das Turnier, obwohl es dort im Sommer so heiß ist, dass sich kaum Fußball spielen lässt. Eine Weltmeisterschaft in einem Land mit glühend heißen Sommern; gerade zwei Stimmen für den Bewerber mit den überzeugendsten Vorbereitungen: Schon diese Ergebnisse mussten Menschen auf der ganzen Welt stutzig machen. War da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen? Mit bloßen Vermutungen ließ sich diese Frage nicht beantworten. Deshalb folgte die Untersuchung.

Doch auch eine Ethikuntersuchung hat Grenzen. Sie ist kein Gericht, kann keine Zeugen unter Zwang vorladen, führt keine Kreuzverhöre und besitzt erst recht keine Befugnis, strafrechtliche Schuld festzustellen oder ein Strafmaß festzusetzen. Sie kann die Unterlagen durchsehen, an die sie herankommt, auffällige Vorgänge vermerken und schließlich einen Bericht mit Empfehlungen vorlegen. Sie ähnelt eher einer internen Gesundheitsprüfung als einem Prozess. Selbst wenn sie Krankheiten am ganzen Körper findet, ist ihr Befund noch kein Urteil. Sie machte Probleme sichtbar, konnte aber der Vergabe weder den endgültigen Stempel „sauber“ noch den Stempel „unsauber“ aufdrücken; dazu war sie auch gar nicht befugt. Sie konnte Verdacht um Verdacht aufführen, ohne die Verdachtsfrage je abzuschließen.

Erst 2017 wurde das Ergebnis der Untersuchung vollständig veröffentlicht. Zum Vorschein kam kein glattes Urteil, sondern eine zerklüftete Beweislandschaft. Russland wurde kritisiert, weil die vom Bewerbungsteam benutzten Mietcomputer nach ihrer Nutzung zerstört worden waren und deshalb nur äußerst wenige Unterlagen vorgelegt werden konnten. Was auf diesen Rechnern gespeichert gewesen war, ließ sich nun nie mehr nachprüfen. Das war das genaue Gegenbild zur Wiederholungsmaschine: Hier war sogar das Bildmaterial ausgelöscht, das man hätte noch einmal ansehen können. Den Niederlanden und Belgien wurde umfassende und wertvolle Mitarbeit bescheinigt; Probleme wurden nicht festgestellt. Auch Katar hatte dem Bericht zufolge umfassend kooperiert. Zugleich hielt die Untersuchung Treffen, Absprachen und Geldflüsse fest, die ihre Verfasser für relevant und zum Teil durchaus problematisch hielten. Dies war kein Gerichtsurteil darüber, wer sich das Turnier gekauft hatte. Es war eine Ethikuntersuchung, die einige Probleme und einige Lücken in der Beweislage aufzeigte und Reformen empfahl.

Die zerstörten Computer sind dabei ein besonders grelles Detail. Die Wahrheitsmaschine auf dem Platz lebt davon, alles aufzuzeichnen und zu speichern, damit es sich Bild für Bild wieder ansehen lässt. In der rätselhaften Vergabegeschichte geschah das Gegenteil. Die Rechner, auf denen die Antworten hätten liegen sollen, wurden nach Gebrauch zerstört. Was sich auf ihnen befunden hatte, würde niemand mehr zu Gesicht bekommen. Hier wird das Bild mit äußerster Genauigkeit festgehalten, dort mitsamt seiner Grundlage ausgelöscht. Beide Wege münden jedoch in dasselbe Ergebnis: Die wichtigste Frage, ob die WM gekauft war, bleibt unbeantwortet. Daran lässt sich etwas erkennen. Dass die Wahrheitsfrage offenbleibt, liegt manchmal nicht an mangelnder Sicht. Es liegt daran, dass sich die Sache, über die entschieden werden soll, durch Sehen gar nicht entscheiden lässt. Ob man noch so viel sieht oder überhaupt nichts mehr zu sehen bekommt: Am Ende steht dieselbe Wand.

Die Untersuchung selbst brachte den Streit ebenfalls nicht zur Ruhe. Noch vor Veröffentlichung des vollständigen Berichts hatte Eckert eine 42-seitige Zusammenfassung vorgelegt. Demnach bestand kein Grund, das gesamte Vergabeverfahren neu aufzurollen. Garcia erklärte öffentlich, die Zusammenfassung enthalte fehlerhafte Darstellungen. Er legte Beschwerde ein; sie wurde aus verfahrensrechtlichen Gründen zurückgewiesen. Anschließend trat er aus Protest von seinem Amt in der FIFA-Ethikkommission zurück. Eine Untersuchung sollte einen Schlusspunkt unter den Streit setzen. Am Ende ging sogar ihr Leiter im Zorn, weil er mit der Darstellung seiner eigenen Untersuchung nicht einverstanden war.

Eine Untersuchung, die Streit beenden soll, wird selbst zum Teil dieses Streits: fast ein schicksalhafter Kreislauf. Man hatte sie begonnen, um endlich eine Antwort zu erhalten, ein abschließendes Urteil, das alle verstummen ließe. Heraus kam etwas, über das sich schon die Beteiligten untereinander entzweiten. Die einen sahen kein Problem, die anderen fehlerhafte Darstellungen, einer ging empört. Man wollte eine Auseinandersetzung durch eine Untersuchung abschließen, doch an dieser Untersuchung entzündeten sich neue Auseinandersetzungen. Die Ähnlichkeit mit dem System auf dem Spielfeld ist verblüffend. Man errichtet eine Vorrichtung, um einen Konflikt ein für alle Mal zu erledigen. Erledigt wird er nicht. Er wechselt nur den Ort, kriecht in die Fugen der Vorrichtung selbst und macht dort weiter.

6. Eine Anklage ist noch kein abschließendes Urteil

Weiter als eine Ethikuntersuchung reicht das Recht.

Im weit größeren FIFA-Korruptionskomplex erhob das US-Justizministerium im Mai 2015 erstmals Anklage. Auf einen Schlag wurden neun FIFA-Funktionäre und fünf Unternehmensmanager angeklagt; zugleich wurden Schuldbekenntnisse mehrerer Personen und Unternehmen bekannt gegeben. Dieser große Fall reichte weit über die Abstimmungen zu den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 hinaus. Es ging um Übertragungsrechte, regionale Qualifikationswettbewerbe und eine ganze Reihe weiterer Wege, auf denen Bestechungsgelder flossen.

Im April 2020 gab die Bundesstaatsanwaltschaft für den östlichen Bezirk von New York bekannt, dass eine dritte ersetzende Anklageschrift auch Machenschaften rund um die Vergabe von FIFA-Turnieren enthielt. Dazu gehörten die WM 2018 in Russland und die damals für 2022 in Katar geplante Weltmeisterschaft. In derselben Mitteilung betonte das Justizministerium jedoch auch: All dies waren weiterhin Anklagevorwürfe. Für die Beschuldigten galt die Unschuldsvermutung, solange ihre Schuld nicht bewiesen war.

Zwischen einer Anklage und einem abschließenden Urteil liegt ein Abstand, den viele mit einem einzigen Schritt überspringen. Wenn eine Anklageschrift einen Vorgang als mögliche Bestechung bezeichnet, ist das der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: etwas, das sie vor Gericht beweisen will, keine bereits bewiesene Tatsache. Bis zur abschließenden gerichtlichen Feststellung bleibt es eine Behauptung. Diese Unterscheidung soll niemanden reinwaschen. Sie soll im Gegenteil verhindern, dass jemand zu Unrecht schuldig gesprochen wird. Ein Mensch ist nicht schon deshalb schuldig, weil er angeklagt wurde. Wendet man diese Sorgfalt ehrlich auf die WM-Vergabe an, ergibt sich: Es gab Vorwürfe, Untersuchungen und eine Fülle verdächtiger Vorgänge. Bis heute hat aber kein Gericht verbindlich festgestellt, dass das Recht zur Austragung dieser Weltmeisterschaft gekauft worden war.

Das muss klar sein: Wer mit dem Urteil wartet, stellt damit niemandem einen Persilschein aus. Zu sagen, der Kauf des Austragungsrechts sei nicht erwiesen, ist etwas völlig anderes, als dessen Sauberkeit zu behaupten. Im ersten Fall erkennt man ehrlich an, wie weit die Untersuchung gekommen ist, und stopft ihre Leerstellen nicht mit einem befriedigenden Schuldspruch zu. Wer Letzteres behauptet, wäscht jemanden rein. Die ehrliche Haltung liegt dazwischen. Sie tut weder so, als gebe es die Verdachtsmomente nicht, noch so, als wären sie bereits unwiderlegbare Beweise. In manchen Angelegenheiten liegt Recht und Unrecht offen zutage, und dann soll man es auch so benennen. Hier liegt die Sache gerade anders. Hier steht noch immer dichter Nebel. Das Letzte, was man vor diesem Nebel tun sollte, ist, mit dem Finger darauf zu zeigen und zu behaupten: Ganz eindeutig ein Berg. Oder: Ganz eindeutig nichts.

Auf diese Genauigkeit kommt es an. Der gesamte Ermittlungskomplex hat tatsächlich zahlreiche Verurteilungen und Schuldbekenntnisse hervorgebracht. Das Geflecht der Korruption existierte wirklich. Etwas anderes wäre jedoch eine gerichtliche Entscheidung gewesen, die festgestellt hätte, Russland oder Katar hätten das Austragungsrecht selbst durch Bestechung erworben, und es ihnen deshalb rechtsförmig entzogen hätte. Tatsächlich wurde keines der beiden Austragungsrechte aberkannt. Russland richtete die WM 2018 aus, Katar die WM 2022. Die Anklagen waren real, die Schuldbekenntnisse ebenso. Daraus zu folgern, die größte Frage, nämlich die nach der Sauberkeit der WM-Vergabe selbst, sei endgültig beantwortet, ginge zu weit. Es ist wie beim Handspiel im Finale: Einzelne Tatsachen lassen sich manchmal bis ins Detail festnageln, während das große Urteil weiter in der Schwebe bleibt. Wer ehrlich anerkennt, dass Anklage noch nicht abschließende Feststellung bedeutet und die größte Frage vorerst offen ist, weigert sich gerade, eine ungeklärte Sache mit einem wohltuend eindeutigen Schluss zuzudecken.

So wurde diese Weltmeisterschaft mit einem Fragezeichen ausgetragen und ging mit eben diesem Fragezeichen in die Geschichte ein. Bei einem Fußballspiel steht mit dem Schlusspfiff der Endstand fest. Für die Frage, wie sauber dieses Turnier war, gibt es weder einen Schlusspfiff noch eine Anzeigetafel. Wer es liebt, kann sich allein an den schönen Fußball erinnern; wer daran zweifelt, kann weiter auf die ungeklärten Verdachtsmomente schauen. Vielleicht besteht die ehrlichste Antwort darin, anzuerkennen, dass beides immer nebeneinander bestand: eine ausgesprochen sehenswerte WM und ein Verdacht, der weder ausgeräumt noch abschließend bewiesen werden konnte. Keines hat das andere verschluckt. Wie beim Handspiel lässt sich diese Bilanz nicht abschließen.

7. Wo die Maschine nicht zuständig ist

Bei der WM 2018 gab es noch andere Fragen, die von vornherein außerhalb der Zuständigkeit jeder Maschine und jeder Untersuchung lagen.

Im März jenes Jahres ereignete sich im britischen Salisbury ein Giftanschlag. Als Reaktion kündigte die britische Regierung an, weder Minister noch Mitglieder des Königshauses zur Weltmeisterschaft nach Russland zu entsenden. Später erklärte auch Island, seine politische Führung werde nicht anreisen. Dabei muss man unterscheiden: Das war ein diplomatischer Boykott, ein Fernbleiben von Amtsträgern und Angehörigen des Königshauses, kein sportlicher Boykott. England nahm ganz normal am Turnier teil; es wurde Fußball gespielt, die WM fand statt. Eine Maschine kann feststellen, ob ein Ball die Torlinie überschritten hat. Sie kann nicht entscheiden, ob ein Land unbehelligt ein Fest für die ganze Welt ausrichten sollte, während ihm vorgeworfen wird, auf fremdem Staatsgebiet Menschen vergiftet zu haben. Genauer zu sehen, was geschehen ist, beantwortet diese Frage nicht.

Diplomatischer Boykott und sportliche Teilnahme verliefen wie zwei parallele Linien, die sich nicht berühren. Auf der einen fehlten Amtsträger und Mitglieder des Königshauses: eine Geste, eine Stellungnahme. Auf der anderen reisten die Mannschaften wie gewohnt an, spielten Fußball, und die Fans strömten wie gewohnt in Russlands Stadien. Keine der beiden Linien hielt die andere ernsthaft auf. Die Stellungnahme stand im Raum, die Weltmeisterschaft ging ihren Gang. Darin lag eine Frage, bei der weder eine Maschine noch eine Untersuchung etwas ausrichten konnte: Wie ist es zu werten, wenn ein Land mit offenen Armen die ganze Welt empfängt, während es zugleich beschuldigt wird, auf dem Boden eines anderen Landes Menschen vergiftet zu haben? Das ist keine Tatsachenfrage. Keine Wiederholung lässt sich dafür ansehen, kein Datensatz nachschlagen. Es ist eine Frage, die vor allen liegt und auf die doch niemand eine Musterlösung hat.

Am Grund dieser Frage stehen wirkliche Menschen. Der Giftanschlag von Salisbury verletzte keinen abstrakten Staat, sondern Menschen mit Namen, Menschen aus Fleisch und Blut. Sie wurden vergiftet, brachen zusammen und kämpften in einem fremden Land im Krankenhaus um ihr Leben. Je heller die Lichter der WM leuchteten und je lauter der Jubel in den Stadien wurde, desto stiller schienen jene Menschen, die zuvor weit entfernt in ihren Krankenbetten gelegen hatten. Keine Maschine zählt sie mit, wenn sie den Spielstand berechnet. Keine Aufstellung der Einschaltquoten hält eine Spalte für sie frei. Gerade diese Menschen, die in den kalten Bilanzen nicht vorkommen, dürften hinter all dem Lärm am allerwenigsten ausgelöscht werden. Das Fest findet statt. Ihr Leid wird nicht um ein Gramm leichter, nur weil schöner Fußball gespielt wird.

Auch der Schatten des Dopings lag auf dem Gastgeber. Russland betrat seine eigene Bühne unter dem Eindruck des umfassenderen Dopingskandals, den die McLaren-Untersuchung aufgedeckt hatte. Zum Fußball erklärte die FIFA im Mai 2018, Vertreter des Gastgeberlandes würden nicht am Dopingkontrollverfahren dieser WM mitwirken. Später teilte sie mit, sie habe die einschlägigen McLaren-Unterlagen nachgeprüft und keine ausreichenden Belege gefunden, dass die von ihr zum Turnier zugelassene russische Mannschaft gegen die Antidopingbestimmungen verstoßen habe. Wieder blieb eine Wertung offen: Mangels ausreichender Beweise durfte die Mannschaft antreten. Der Schatten verschwand aber nicht mit den Worten „unzureichende Beweise“. Ob gedopt worden war, ob jenes Handspiel Absicht gewesen war, ob diese Weltmeisterschaft gekauft worden war: Über keine dieser Fragen kann eine Maschine für alle Menschen ein letztes, unumstößliches Urteil sprechen.

Nebeneinandergestellt zeigen diese Fragen eine Gemeinsamkeit. Verfolgt man sie bis zum Ende, geht es nicht mehr darum, ob etwas geschehen ist, sondern darum, wie es zu werten ist und wie Menschen behandelt werden sollen. Beim Giftanschlag wurden wirkliche Menschen verletzt. Unter dem Dopingverdacht steht die Unbescholtenheit einer Mannschaft auf dem Spiel. Darüber liegt eine noch größere Frage: Sollte ein Land, dem all das vorgeworfen wird, vor die Welt treten und sich als Gastgeber präsentieren dürfen? Keine Maschine und kein Datensatz können solche Fragen glatt erledigen. Gewogen werden soll hier nicht das Gewicht von Tatsachen, sondern das Gewicht von Menschen. Und dafür taugt keine maschinelle Waage.

So standen bei dieser WM auf dem Platz wie daneben überall dieselben Grenzsteine. Auf der einen Seite lagen die Tatsachen, die Maschinen deutlich erkennen und berechnen können. Auf der anderen lagen Urteile und Fragen von Recht und Unrecht, an die sie nicht heranreichen. Ob der Ball die Hand berührte, entscheidet die Maschine. Ob diese Berührung absichtlich war, entscheidet sie nicht. Ob bei der russischen Mannschaft verbotene Mittel nachgewiesen wurden, entscheidet das Verfahren. Ob damit der Schatten verschwunden ist, entscheidet es nicht. Welcher Funktionär sich zu welcher Straftat bekannt hat, entscheidet das Gericht. Ob die Vergabe dieser Weltmeisterschaft insgesamt sauber war, entscheidet es nicht. Überall schloss die Maschine die eine Hälfte säuberlich ab und musste zusehen, wie die andere außerhalb ihrer Reichweite liegen blieb.

8. Zum Schluss

Führen wir die Fäden zusammen.

Die WM 2018 in Russland holte sich eine Wahrheitsmaschine. Es war der bislang kühnste Versuch des Aufbaus, den Streit endgültig abzuschließen. Er gab sich nicht mehr mit kleinen Fragen wie der nach einem Ball jenseits der Torlinie zufrieden. Er wollte auf einen Schlag all jene Entscheidungen, an denen sich am ehesten Streit entzündet, durch Wiederholungsbilder unverrückbar an Tatsachen binden.

Die Hälfte davon gelang tatsächlich. Die Frage, was geschehen war, wurde mustergültig abgeschlossen. Ob der Ball die Hand berührt hatte, war auf den Bildern klar zu sehen. Darüber konnte niemand mehr streiten. Den Streit selbst schaltete die Maschine jedoch nicht aus, und das konnte sie auch gar nicht. Denn Streit hat sich nie auf die Frage beschränkt, was geschehen ist. Als diese Ebene geschlossen war, verschwand er nicht; er bezog eine andere Wohnung, auf der Ebene der Wertung. War die Berührung Absicht? War der Elfmeter eine Fehlentscheidung? War die Vergabe sauber? War die Mannschaft unbelastet? Wie ein Vorgang zu werten ist, ist keine sichtbare Tatsache. Die Wertung folgt einer Linie, die durch Regeln und durch das menschliche Innere gezogen wird. Die Kamera kann die Hand aufnehmen, die Linie nicht. Ein Untersuchungsbericht kann Treffen auflisten, aber kein Urteil.

Darin liegt das tiefste Paradox der Wahrheitsmaschine: Je stärker sie wird, desto deutlicher zeichnet sie ihre eigene Grenze nach. Eine Maschine, die alles sehen kann, macht gerade dadurch, dass sie alles Sichtbare erfasst, den verbleibenden Rest so schmerzhaft deutlich: das Unsichtbare, das, was durch Sehen überhaupt nicht zu lösen ist. Sie beleuchtet die eine Hälfte, die Tatsachen; dadurch wirkt die andere, das Urteil, dunkler als je zuvor. Früher lagen Tatsachen und Wertungen durcheinander, eine unübersichtliche Rechnung, in der niemand die eine Hälfte von der anderen trennen konnte. Jetzt hat sie die Tatsachen sauber herausgeschnitten. Zurück bleibt das Urteil, allein, ohne Versteck. Erst jetzt merken die Menschen: Was ihnen seit jeher Schwierigkeiten gemacht hatte, war nicht der unklare Blick. Es war gerade das, was sich auch dann nicht eindeutig entscheiden lässt, wenn man es deutlich sieht.

So wiederholt sich dieselbe Bewegung. Sobald eine Ebene abgeschlossen ist, rückt der nicht abschließbare Rest eine Ebene weiter nach außen. Werden die Regelgrenzen feiner gezogen, wächst der Streit jenseits der neuen Linie weiter. Soll ein Untersuchungsbericht eine offene Frage zudecken, wirft er selbst neue Fragen auf. Der Rest ist niemals verschwunden. Er ist nur immer wieder an einen anderen Ort gezogen, an dem die Maschine ihn nicht erreicht, und dort geblieben. Je mächtiger die Wahrheitsmaschine wird, desto deutlicher markiert sie ausgerechnet ihre eigene Grenze: Sie kann Tatsachen beleuchten, ins Urteil reicht ihr Licht nicht.

Das gilt keineswegs nur auf dem Fußballplatz. Überall dort, wo jemand eine Maschine, ein Gesetzbuch oder ein Verfahren schaffen will, um eine bestimmte Art von Streit ein für alle Mal zu beenden, wird sich dieselbe Szene wiederholen. Die Maschine oder das Gesetzbuch kann die oberste, am leichtesten messbare Ebene schließen. Doch je sauberer dieser Abschluss gelingt, desto weiter wird die eigentliche Schwierigkeit in einen Bereich geschoben, der ihrer Zuständigkeit entzogen ist. Sie liefern Tatsachen, aber kein Recht und Unrecht. Dazwischen liegt immer ein Graben, den Menschen überspringen müssen und den die Vorrichtung selbst nicht überwinden kann. Die Maschine der russischen Weltmeisterschaft hat diesen alten Graben lediglich mit den neuesten Mitteln und in größtmöglicher Schärfe noch einmal ausgeleuchtet. Wieder wurde sichtbar: Manches lässt sich glasklar sehen, und trotzdem lässt sich nicht sagen, was daran richtig oder falsch ist.

Und dort, wohin all dieses Licht nicht dringt, stehen Menschen. Die kroatische Mannschaft, die drei Verlängerungen hintereinander bestritt, den ganzen Stolz und Lebensmut eines kleinen Landes mit wenigen Millionen Einwohnern in ihre Füße legte und sich bis zur völligen Erschöpfung durchkämpfte, bis selbst das Stehen unsicher wurde. Modrić, der zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde; doch auf die Frage, wer der Beste ist, gibt es wiederum keine einzig richtige Antwort. Eine Gruppe von Menschen muss das nach ihrem jeweils eigenen Blick abwägen und beurteilen. Und jene Menschen außerhalb der Stadien, denen tatsächlich Leid zugefügt wurde: Ihr Schicksal wird nicht dadurch getilgt, dass ein großes Fest wie vorgesehen stattfindet. Nichts davon ist eine Tatsache, die diese Maschine auslesen könnte. Sie kann ablesen, ob der Ball die Hand berührt hat, wer auf welcher Seite der Abseitslinie stand, wie die Zahlen auf der Anzeigetafel Feld um Feld weitersprangen. Was sie nicht lesen kann, ist das Gewicht, das diese Menschen mitbringen, das wirklich Wesentliche, das sich niemals in Daten umrechnen lässt: der ungebrochene Wille einer Mannschaft, die bis zum letzten Augenblick kämpft; das Ringen eines Vergiftungsopfers im Krankenbett; die unausgesprochene Kränkung, die ein mit einem Elfmeter bestrafter Spieler in jener Nacht hinunterschluckt. Das sind die Orte, die die Wahrheitsmaschine niemals erhellen wird. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.