Belo Horizonte
Jeder will eine einzige Ursache, doch die Wahrheit begnügt sich nie mit einer einzigen
(Einstiegspunkt: die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien)
Vierundsechzig Jahre später, jene Schuld
Brasilien hat den Weltmeistertitel fünfmal geholt, mehr als jede andere Mannschaft der Geschichte. Doch keiner dieser fünf Pokale wurde im eigenen Land gewonnen.
Die Wurzel des Problems liegt im Jahr 1950. In jenem Jahr wurde die Weltmeisterschaft in Brasilien ausgetragen, das Finale im Maracanã in Rio de Janeiro, fast zweihunderttausend Menschen drängten sich auf den Rängen, um zuzusehen, wie ihre eigene Mannschaft den Pokal in die Höhe stemmte. Brasilien hätte nur ein Unentschieden gebraucht, um Weltmeister zu werden, wurde jedoch in der Schlussphase von Uruguay überholt und verlor jenes Finale. Jener Tag bekam später einen eigenen Namen: den Maracanaço. Er war nicht nur eine Niederlage, er wurde zu einer Wunde auf der Brust einer ganzen Nation, die über sechzig Jahre lang nicht vernarbte. Der Torwart Barbosa trug jenen Gegentreffer für den Rest seines Lebens mit sich; gegen Ende seines Lebens sagte er, in Brasilien betrage die Höchststrafe für das schwerste Verbrechen dreißig Jahre, er aber büße für jenen einen Ball von 1950 bereits sein ganzes Leben lang.
Was jenes Spiel hinterließ, war nicht nur ein Ergebnis, sondern auch ein Klang – oder genauer, das Verschwinden eines Klangs. Am Tag des Finales strömten fast zweihunderttausend Menschen in den Maracanã, damals das größte Stadion der Welt, bis auf den letzten Platz gefüllt, und alle glaubten, sie kämen, um eine Krönung mitzuerleben. Doch als Uruguay in der zweiten Halbzeit das Ergebnis drehte, soll das riesige Stadion in dem Moment, als der Schlusspfiff ertönte, in eine furchtbare Stille gefallen sein – zehntausende Menschen standen bewegungslos da, keiner brachte ein Wort heraus. Jene Stille wurde später zu einem eigenen, festen Bild im brasilianischen Fußball: Sie war keine Abwesenheit von Lärm, sie war jene spezifische Leere, die zurückbleibt, wenn der Lebensmut einer ganzen Nation in einem einzigen Augenblick ausgesaugt wird.
Diese Wunde ist deshalb so tief, weil sie genau an jener Stelle traf, die für einen Brasilianer am schwersten zu ertragen ist. In jedem Winkel der Welt ist der Name Brasilien beinahe ein Synonym für Fußball selbst – für Kunst, für Eleganz, für den Fußball als Quelle der Freude. Doch ausgerechnet diese Nation, die den schönsten Fußball der Welt spielt, ließ sich das einzige Mal, dass sie die Weltmeisterschaft im eigenen Land austrug, den bereits zum Greifen nahen Titel wieder entreißen. Jeden anderen Titel konnte Brasilien anderswo gewinnen, doch es fehlte ihm stets jener eine, den man vor der eigenen Haustür in die Höhe hätte stemmen können. Und gerade weil dieses Land ein Fußballkönigreich ist, sticht diese fehlende Trophäe umso mehr hervor, wie ein Dorn, der sich tief in die Brust gebohrt hat und sich nicht mehr herausziehen lässt.
Als die Weltmeisterschaft 2014 also, vierundsechzig Jahre später, nach Brasilien zurückkehrte, trug fast jeder denselben Gedanken im Herzen: Diesmal sollte der Titel vor der eigenen Haustür geholt und das Gespenst von 1950 endgültig verabschiedet werden. Reuters schrieb es vor dem Turnier ganz unverblümt: Brasilien besitze fünf Weltmeistertitel, habe die Weltmeisterschaft aber noch nie im eigenen Land gewonnen, und 2014 werde als die Gelegenheit gesehen, das Gespenst von 1950 endlich zu begraben. Eine ganze Nation wollte mit einem einzigen Heimsieg eine Schuld, die seit vierundsechzig Jahren aufgelaufen war, restlos und in einem Zug begleichen.
Dieser Gedanke lastete mit erschreckendem Gewicht auf der brasilianischen Mannschaft von 2014. Sie sollten nicht nur eine Weltmeisterschaft gewinnen, sondern stellvertretend für ganze Generationen von Brasilianern eine seelische Schuld begleichen, die sich über vierundsechzig Jahre angesammelt hatte. Gastgeberrolle, Heimvorteil, das Aushängeschild der fünf Sterne, dazu eine alte Rechnung, die unbedingt beglichen werden musste – all das zusammen ist mehr, als eine Mannschaft allein dadurch bewältigen kann, dass sie ein einziges gutes Spiel abliefert. Noch bevor der erste Ball rollte, lag auf den Schultern dieser Mannschaft bereits eine Last, weit schwerer als ein Pokal: Was sie zu einem Abschluss bringen sollte, war kein Spiel, sondern ein Stück Geschichte.
Es gab eine achtundachtzigjährige Frau namens Lourdes Mora, die 1950 im Stadion gewesen war und 2014 wieder vor dem Fernseher saß. In ihrem einen Leben hatte sie zufällig beide Heim-Traumata mit eigenen Augen miterlebt. Ob jene Schuld sich würde begleichen lassen oder nicht – die Antwort sollte in jenem Sommer fallen.
Die Nacht im Mineirão
Am 8. Juli 2014, im Halbfinale, im Mineirão-Stadion in Belo Horizonte: Deutschland schlägt Brasilien 7:1.
Die Tore fielen so: Müller traf in der elften Minute, Klose legte in der dreiundzwanzigsten nach, Kroos schoss in der fünfundzwanzigsten und sechsundzwanzigsten Minute gleich zwei Tore hintereinander, Khedira erhöhte in der neunundzwanzigsten; in der zweiten Halbzeit traf Schürrle zweimal, in der neunundsechzigsten und der neunundsiebzigsten Minute, und Oscar erzielte in der neunzigsten Minute für Brasilien einen Treffer, der nichts mehr änderte. Kloses Tor war das sechzehnte seiner WM-Karriere, womit er Ronaldo überholte und allein an der Spitze der ewigen Torschützenliste der Weltmeisterschaften stand. Auf brasilianischem Boden, in der Nacht, in der Brasilien sieben Gegentore kassierte, nahm ein Deutscher einer brasilianischen Legende ihren Rekord.
Für sich genommen liest sich dieses Detail wie ein kalter Kommentar aus dem Off. Ronaldo war das Symbol einer goldenen Ära des brasilianischen Fußballs, der strahlendste Name unter jenen, die 2002 in Yokohama den Pokal in die Höhe hoben; Klose dagegen, ein deutscher Stürmer, der nie für Glanz bekannt war, sondern nur beharrlich, Turnier für Turnier, Tore schoss, übernahm ausgerechnet in der Nacht, in der Brasilien auseinandergerissen wurde, still und ohne Aufsehen diesen brasilianischen Rekord in seinen eigenen Namen. Das glanzvollste Aushängeschild einer Ära wurde bei seiner eigenen Beerdigung vom bodenständigsten Handwerker einer anderen Ära abgelöst. So wechselt die Geschichte der Weltmeisterschaften, Generation um Generation, ihre Besitzer.
Doch allein an der Abfolge der Torzeiten lässt sich noch nicht ablesen, wie bizarr jene Nacht wirklich war. Was Brasilien tatsächlich zu Fall brachte, war nicht die erste Halbzeit im Allgemeinen, sondern jenes kurze Fenster von 2:0 auf 5:0. Die Rekonstruktion eines Datenanalyse-Instituts zeichnet folgendes Bild: Zwischen der zwanzigsten und der dreißigsten Minute der ersten Halbzeit spielte die deutsche Mannschaft insgesamt nur fünfundzwanzig Pässe, kam aber zu sechs Torschüssen und erzielte vier Tore – alle vier gedrängt in sechs Minuten und einundvierzig Sekunden; zwischen Kroos' beiden Toren lagen nur achtundsechzig Sekunden, und in dieser Zeitspanne hatte die gesamte deutsche Mannschaft insgesamt nur vier Sekunden Ballbesitz. Innerhalb dieser vier Sekunden stieß Brasilien zweimal vom Anstoßkreis an und verlor den Ball beide Male sofort wieder. Das war kein langsamer Zusammenbruch – das war eine ganze Abwehrkette, die fast im selben Augenblick gleichzeitig die Fassung verlor.
Dieser Kollaps ist dabei kein bloß abstraktes Wort für einen mentalen Zustand. Taktische Analysen können ihn Bild für Bild nachweisen: Deutschland presste gezielt auf Brasiliens Spielaufbau durch die Mitte und über links, und Brasiliens manndeckungsbasierte Abwehr ließ dabei immer wieder dieselben Lücken offen – im Mittelfeld, hinter den Außenverteidigern, außerhalb der Innenverteidiger. Vor dem vierten Tor erahnte Kroos einen Pass von Brasiliens Sechser, fing ihn ab, spielte einen Doppelpass mit Khedira, und der Ball war drin. Eine taktische Analyse fasste jene Minuten in einem einzigen Satz zusammen: In Brasiliens Abwehrreihe wusste niemand mehr, was er eigentlich zu tun hatte. Der sogenannte Zusammenbruch ist keine leere Floskel für eine Gemütslage – er lässt sich in Formation und Stellungsspiel Schritt für Schritt sichtbar machen.
Die Reaktionen auf den Rängen schmerzten noch mehr als das Ergebnis selbst. Zur Halbzeit ging die brasilianische Mannschaft unter dem Pfeifkonzert der eigenen Fans in die Kabine; viele brasilianische Anhänger verließen ihre Plätze, noch bevor die erste Halbzeit zu Ende war. Nach dem Abpfiff weinte Innenverteidiger David Luiz vor laufenden Kameras und sagte, er habe nur sein Volk glücklich machen wollen, doch das sei ihnen nicht gelungen. Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari nahm die gesamte Verantwortung auf sich: Die Verantwortung für diese katastrophale Niederlage trage er, sagte er, er sei derjenige, der dafür geradestehe, und fügte hinzu, dies sei die schlimmste Niederlage in der Geschichte Brasiliens.
In diesen beiden Sätzen steckt etwas, das länger im Gedächtnis bleibt als das Ergebnis selbst. Dass Scolari die Verantwortung ganz allein auf sich nahm, war die letzte Würde eines Trainers vor den Trümmern; und David Luiz' Satz, er habe nur sein Volk glücklich machen wollen, handelte weder von Taktik noch von Fehlern, sondern davon, wie ein Spieler vor zig Millionen Augenpaaren mit ansehen musste, wie sein schlichtester, einfachster Wunsch zerbrach. Jenes Spiel würde später wieder und wieder mit Daten und Taktikanalysen seziert werden; doch in jenem Augenblick standen im Zentrum des Feldes keine Datenpunkte, sondern ein paar ganz reale Menschen, die diese eine Nacht niedergewalzt hatte.
Eine später weit verbreitete Darstellung besagt, dass die verbliebenen Zuschauer im Mineirão beim siebten deutschen Tor aufstanden und für Deutschland applaudierten. Hier ist Vorsicht geboten. Zahlreiche spätere Berichte, darunter der eigene Rückblick der FIFA, beschreiben die deutsche Leistung als eine, die dem gesamten Stadion Standing Ovations wert war; was jedoch die damals vor Ort verfassten Agenturmeldungen tatsächlich belegen, ist Folgendes: dass brasilianische Spieler von den eigenen Fans ausgepfiffen wurden, dass brasilianische Anhänger vorzeitig das Stadion verließen, dass Menschen auf den Straßen dazu übergingen, Deutschland zuzujubeln – nicht aber ein einziger zeitgenössischer Bericht, der eindeutig festhält, dass beim siebten Tor das gesamte Heimpublikum aufstand und applaudierte. Die vorsichtigere Formulierung lautet daher: Die stehenden Ovationen finden sich in späteren Rückblicken und vielfach weitergegebenen Erzählungen, während die zeitgenössischen Agenturmeldungen nur die Pfiffe und den vorzeitigen Auszug bestätigen.
Diese Nacht erhielt später ihren eigenen Namen, den Mineiraço, unverkennbar im Echo des Maracanaço von 1950. Nur dass jenes Ereignis vierundsechzig Jahre zuvor noch dem Zeitalter des Radios angehörte, während dieses hier dem Zeitalter der hochauflösenden Liveübertragung angehörte: Milliarden Menschen weltweit sahen es, zur selben Sekunde, Bild für Bild, bis zum Überdruss.
Schlimmer als 1950, oder einfach anders schlimm
Nach dem 7:1 stellte sich sofort eine Frage: War dies noch schlimmer als 1950?
Die erste Reaktion vieler lautete: schlimmer. Reuters schrieb, für viele Brasilianer habe diese Niederlage etwas zuvor Unvorstellbares vollbracht: eine Katastrophe, schlimmer als 1950. Die achtundachtzigjährige Frau stellte die beiden Traumata direkt nebeneinander: Dies sei eine Schande, sagte sie; damals habe sie geweint, wirklich geweint, während sie jetzt nur Wut empfinde. Tränen und Wut, zwei verschiedene Gefühle, durch vierundsechzig Jahre getrennt und dennoch in ein und demselben Menschen gewachsen.
Doch nicht alle ordneten es so ein. Ein Kommentator prägte einen Satz, der später oft zitiert wurde: 1950 sei eine Tragödie gewesen, heute gleiche es eher einer Komödie. Manche erinnern sich an 1950 als Tragödie und an 2014 als Schande oder Absurdität. Welches der beiden Ereignisse schmerzhafter war, ist keine Frage, die sich mit Zahlen entscheiden lässt; es war ein Vergleich, der damals breit geäußert wurde und der sich von vornherein in mehrere Versionen aufspaltete, die sich nicht zusammenführen lassen. Die einen maßen das Ausmaß des Herzschmerzes, die anderen das Ausmaß der Lächerlichkeit – es war gar nicht dasselbe, was da gemessen wurde.
Dass sich die beiden Traumata nicht gegeneinander aufwiegen lassen, hat denselben Grund, auf den dieser Essay noch mehrfach stoßen wird: Sie liegen von vornherein nicht auf derselben Skala. 1950 verlor Brasilien ein Finale, das mit einem bloßen Unentschieden zum Titel gereicht hätte – herzzerreißend verloren, von der Textur einer Tragödie. 2014 verlor Brasilien ein Halbfinale, mit einem Ergebnis, das so absurd war, dass es beinahe unwirklich wirkte – von der Textur der Schande, ja der Farce. Zu fragen, was schwerer wiegt, Herzschmerz oder Absurdität, ist bereits im Moment des Fragens falsch gestellt, weil es voraussetzt, man könne beides auf dieselbe Waage legen. Aber sie lassen sich nicht zusammen wiegen. Selbst die zwei tiefsten Wunden einer Nation lassen sich nicht in eine Rangfolge bringen, der jeder zustimmen würde.
Darin verbirgt sich eine noch kältere Wahrheit. Manche Wunden reißen umso weiter auf, je verzweifelter man versucht, sie ein für alle Mal zu schließen. Die Narbe von 1950 hätte Brasilien durchaus mit sich tragen können und trotzdem die Nation bleiben können, die den schönsten Fußball der Welt spielt; stattdessen bestand man darauf, sie 2014 mit einer Krönung im eigenen Land vollständig zu tilgen. Genau diese Zwanghaftigkeit, die Narbe unbedingt tilgen zu müssen, drängte die Mannschaft in eine Position, in der eine Niederlage unbezahlbar wurde – und als sie dann verlor, verlor sie nicht nur ein Spiel, sondern die Hoffnung auf ein endgültiges Ende selbst. Wer am dringendsten einen reinen Schlussstrich will, hält ein unreines Ergebnis oft am wenigsten aus.
Doch wie auch immer man diesen Vergleich entscheidet, eines steht fest: Die Schuld, die 2014 in einem Zug beglichen werden sollte, wurde nicht beglichen, sondern noch lauter als zuvor erneut zu Fall gebracht. Man hatte gehofft, mit einem Heimsieg die Wunde von 1950 zu verschließen; stattdessen wurde die Hand, die sie verschließen sollte, selbst zu einer noch größeren Wunde. Die Narbe von vor vierundsechzig Jahren ist noch da, und 2014 kam direkt daneben ein neuer Schnitt hinzu. Man wollte eine alte Rechnung mit einem Federstrich löschen und fügte am Ende, unter dieser alten Rechnung, eine noch größere neue hinzu.
Und diese neue Rechnung ist sogar noch schwerer zu tilgen als die von 1950. Was sich vierundsechzig Jahre zuvor ereignete, gehörte dem Zeitalter des Radios an; der Schmerz war real, doch er lebte hauptsächlich im Gedächtnis derer, die ihn selbst erlebt hatten, und verblasste ein wenig, als jene Generation alterte. Was sich 2014 ereignete, gehörte dem Zeitalter der hochauflösenden Liveübertragung, der Zeitlupenwiederholung und der sozialen Medien an: Jene sieben Tore wurden Bild für Bild gespeichert, endlos wiederholt, mit jeder erdenklichen Form von Spott versehen und um die ganze Welt verbreitet. Gesehen zu werden bedeutet niemals dasselbe wie zu heilen; manchmal gilt: Je klarer etwas gesehen und je weiter es verbreitet wird, desto langsamer heilt die Wunde darunter. Diesmal wurde Brasilien sogar die stille Gelegenheit genommen, unbemerkt zu vernarben.
Weil Neymar fehlte
Nach der Nacht im Mineirão etablierte sich rasch die populärste und zugleich bequemste Erklärung: Brasilien habe so hoch verloren, weil Neymar fehlte.
Diese Aussage hat eine reale Grundlage. Vier Tage zuvor, im Viertelfinale am 4. Juli, hatte Brasilien Kolumbien 2:1 besiegt; gegen Ende dieses Spiels traf ein gegnerischer Spieler Neymar von hinten mit dem Knie im Rücken. Die FIFA hielt in ihrem späteren Rückblick auf dieses Spiel ausdrücklich fest, dieser Treffer habe einen Wirbelbruch bei Neymar verursacht und seine Weltmeisterschaft unmittelbar beendet. Zugleich zog sich Kapitän Thiago Silva in demselben Spiel seine zweite Gelbe Karte des Turniers zu und war automatisch für das Halbfinale gesperrt. Der brasilianische Verband legte Einspruch gegen diese Karte ein; die FIFA lehnte ihn ab. So liefen die brasilianischen Spieler beim Einlaufen zum Halbfinale mit Neymars Trikot Nummer zehn vor der Mannschaft auf und sangen die Hymne – ein Bild, das später als eine Geste beinahe der Trauer beschrieben wurde. Eine Mannschaft hielt, noch vor ihrem wichtigsten Spiel, zuerst ihre eigene Trauerfeier ab.
Blickt man zurück, hatte jene Schweigeminute vor dem Spiel der ganzen Niederlage beinahe schon die Überschrift vorweggeschrieben. Eine Mannschaft, die vor ihrem wichtigsten Spiel vor aller Welt das Trikot eines Abwesenden hochhält und mit tränenfeuchten Augen die Hymne singt – dieses Bild allein hatte die Bedeutung des Spiels bereits im Voraus an eine einzige Person, Neymar, gebunden. Als sagte man: Heute spielen wir für ihn, heute fehlt er uns. Als dann die sieben Tore tatsächlich fielen, musste niemand mehr nach einer Erklärung suchen – sie hing bereits vor dem Anpfiff dort: Seht ihr, das kommt nur daher, dass er fehlte. Ein Ritual bereitet oft schon, bevor ein Ereignis überhaupt eintritt, vor, wie darüber erzählt werden wird.
Das 7:1 Neymar anzulasten, ist bequem fürs Gemüt. Denn dadurch wird jene Nacht zu einem Unfall, zu einem Ausrutscher, der allein durch das Fehlen eines Ausnahmetalents entstand, statt zu den von innen nach außen bloßgelegten Problemen einer ganzen Mannschaft, für die ganze Welt sichtbar. Wäre Neymar doch nur dabei gewesen – dieser Satz wirkt wie eine Salbe, die imstande ist, die wirklich hässliche Wunde darunter zu verdecken.
Warum Menschen so dringend eine einzige Ursache brauchen, ist nicht schwer zu verstehen. Eine einzige Ursache bedeutet, dass sich die Sache klar erklären lässt, dass sie einen Rand hat, einen Anfang und ein Ende, und dass man sie, einmal verstanden, ablegen kann. Wenn das 7:1 nur daran lag, dass Neymar fehlte, dann ist es ein Missgeschick, das man verstehen, verzeihen, ja innerlich abschließen kann; kommt Neymar das nächste Mal zurück, kann alles wieder gut werden. Wenn das 7:1 aber daran lag, dass eine ganze Mannschaft, vom Mittelfeld bis zur Abwehr, von der Taktik bis zur Nervenstärke, gleichzeitig versagte, dann hat die Sache keinen Rand mehr – sie zwingt einen, sich einem Trümmerhaufen zu stellen, bei dem man nicht weiß, wo man mit dem Reparieren anfangen soll. Eine einzige Ursache bietet einen Deckel, der sich schließen lässt; eine vielköpfige Wahrheit ist eine Öffnung, die sich nicht schließen lässt. Das menschliche Herz greift instinktiv nach dem Deckel.
Doch das Material lässt eine so eindeutige Aussage nicht zu. Taktische Nachbetrachtungen, Kommentare nach dem Spiel, die Worte der Beteiligten – sie alle verweisen übereinstimmend auf ein ganzes Geflecht gleichzeitig auftretender Probleme: Deutschland hatte sein Pressing gezielt auf Brasiliens Mittelfeld und den Raum hinter den Außenverteidigern ausgerichtet, Brasiliens Abwehr geriet zwischen der dreiundzwanzigsten und der neunundzwanzigsten Minute völlig durcheinander, und auch die Nerven versagten in dem Moment. All das lässt sich nicht durch einen einzigen Neymar ausgleichen. Noch ernüchternder sind ein paar Zahlen: Brasilien kassierte während des gesamten Turniers insgesamt vierzehn Gegentore, mehr als jeder andere Gastgeber in der Geschichte der Weltmeisterschaften; von diesen vierzehn Gegentoren fielen neun in den ersten dreißig Minuten der jeweiligen Spiele; und im Halbfinale und im Spiel um Platz drei zusammengenommen ließen sie den Gegnern nur vierzehn Schüsse aufs Tor zu und kassierten dabei zehn Gegentore. Die Nacht der Katastrophe war der Höhepunkt eines über das ganze Turnier zusammengebrochenen Verteidigungsverbunds, kein isolierter Moment der Unaufmerksamkeit. Dass Neymar fehlte, stimmt; doch alles auf diese eine Sache zurückzuführen, stimmt nicht. Das Konstrukt will einen Grund, einen einzigen, klar erklärbaren, einen, der einen ruhig schlafen lässt; die wirkliche Kausalität aber ist, ausgerechnet, ein ganzes Geflecht, das sich zu keiner einzigen Linie zusammenziehen lässt.
Alles Neymar anzulasten, hat noch einen unausgesprochenen Vorteil: Es muss sich niemand angesprochen fühlen. Man muss nicht fragen, ob jenes System der Manndeckung längst überholt war, muss nicht fragen, ob jene Spieler überschätzt wurden, muss nicht fragen, ob der brasilianische Fußball in den letzten Jahren nicht schon still und leise zurückgefallen war. Ein abwesender Verletzter ist der bequemste Schuldige überhaupt, denn weil er fehlt, kann man niemandem, der anwesend war, die Schuld geben. Eine einzige Ursache ist nicht nur deshalb verlockend, weil sie einfach ist, sondern auch, weil sie oft genau an einem Ort landet, der weder widersprechen noch Verantwortung übernehmen muss. Sie fängt für alle, die eigentlich zur Rechenschaft gezogen werden müssten, den Pfeil ab.
Letztlich geht es nicht darum, ob Neymars Fehlen als ein Faktor zählt. Natürlich zählt es. Den besten Angreifer der Mannschaft und zugleich eine tragende Stütze der Abwehr zu verlieren, ist für jede Mannschaft ein Schlag. Der eigentliche Fehler liegt in dem Sprung von einem Faktor zu dem Faktor: eine Sache, die eigentlich nur eine von mehreren Ursachen war, still und leise zur einzigen Ursache zu erklären. Dieser Sprung wirkt geringfügig, ist aber die typischste Bewegung der Verliebtheit in die einzige Ursache. Etwas als eine der Ursachen anzuerkennen, ist ehrlich; es zur einzigen Ursache zu erklären, wird zu einer Verschleierung. Zwischen mehreren Ursachen und einer einzigen liegt nicht der Unterschied von ein paar Faktoren, sondern der Unterschied, ob man bereit ist zuzugeben, dass eine Sache nie so einfach war.
Wegen zehn Jahren Jugendförderung
Auf der anderen Seite des 7:1 stand Deutschland. Und auch Deutschlands Titelgewinn bekam schon bald eine ebenso reine, einzige Ursache aufgesetzt: weil sie zehn Jahre Jugendförderung betrieben hatten.
Auch diese Behauptung hat eine solide Tatsachengrundlage. Deutschland scheiterte tatsächlich 1998 im WM-Achtelfinale und 2000 bereits in der Gruppenphase der Europameisterschaft und startete danach eine systematische Reform der Jugendausbildung. Die UEFA hält es klar fest: Deutschland baute seine Jugendförderung auf zwei tragenden Säulen wieder auf – erstens ein landesweites Netz regionaler Stützpunkte, zweitens die Leistungszentren der Profivereine. Bis etwa 2009 waren im ganzen Land dreihundertsechsundsechzig Stützpunkte entstanden, an denen rund tausend vom DFB finanzierte Trainer wöchentlich etwa vierzehntausend Kinder im Alter von elf bis vierzehn Jahren trainierten; und bereits ab 2001 verpflichtete der DFB die Vereine der Bundesliga und der Zweiten Bundesliga dazu, eigene Leistungszentren einzurichten, die einem ganzen Katalog an Mindeststandards genügen mussten, wobei ab 2006 zusätzlich eine externe Zertifizierung eingeführt wurde. Auch finanziell war es keine Kleinigkeit: In den gut zehn Jahren nach Beginn der Reform floss, zusammen mit den Investitionen der Profiliga, weit mehr als eine halbe Milliarde Euro in den Nachwuchsbereich. Das ist kein bloß selbstverliebt beschworener Zehnjahresplan, sondern dahinter stehen greifbare Sportplätze, Trainer und ein ganzes Bewertungssystem.
Dieses System ist tatsächlich kein Mythos, der erst nach dem Titelgewinn erfunden wurde. Seine Wirkung zeigte sich bereits vor 2014: Schon 2009 gewann Deutschlands Nachwuchs bei internationalen Wettbewerben auf gleich drei Ebenen den Titel, und jene jungen Spieler waren genau die ersten Produkte dieses Systems aus Stützpunkten und Leistungszentren. Auch die Reform war nicht mit einer bloßen Parole erledigt; Jahr für Jahr floss Geld hinein, in Sportplätze, in Trainergehälter, in ein System regelmäßiger Bewertung, ein Jahrzehnt lang und mehr, ununterbrochen. All das sind keine Behauptungen, die man sich am Abend des Titelgewinns zur eigenen Verherrlichung ausgedacht hätte, sondern belegbare Dinge, Stein auf Stein aufgebaut.
Zu behaupten, dieses Zehnjahresprojekt habe zwangsläufig zum Titel von 2014 geführt, geht jedoch zu weit. Interessanterweise ist es ausgerechnet die UEFA selbst, die darauf hinweist: In ihrem Bericht über jene deutsche Nachwuchsmannschaft, die den Jugendwettbewerb gewann, merkte sie beiläufig an, viele jener Spieler seien bereits zu alt gewesen, um wirklich noch von den Früchten dieser Reform zu profitieren. Das heißt: Die institutionelle Reform ist real; doch die Meistermannschaft von 2014 vollständig als reines Produkt eines zehnjährigen Bauplans darzustellen, ist eine übertriebene nachträgliche Verpackung. Näher an der Wahrheit ist folgende Darstellung: Der Titel von 2014 war das Zusammenlaufen mehrerer Linien – das Netz der Jugendförderung, die Standardisierung der Vereinsakademien, die seit 2006 fortgeführte Kontinuität im Trainerstab und in der Spielweise der Nationalmannschaft, dazu eine Mischung aus älteren, mittleren und jüngeren Spielern, die zufällig alle gleichzeitig ihre Reife erreicht hatten. Joachim Löw selbst führte nach dem Finale den Ursprung dieser Arbeit auf die Ära von Jürgen Klinsmann zurück, statt sie allein den Leistungszentren zuzuschreiben.
Rückblicke neigen von Natur aus dazu, den Weg gerade zu biegen. Ist eine Sache einmal geschehen, lässt sich beim Zurückblicken immer eine Linie aus der Vergangenheit herauspicken und als der einzig mögliche Weg zu diesem Ergebnis erzählen, während all die Abzweigungen, die nirgendwohin führten, all die Wegkreuzungen, an denen es beinahe in eine andere Richtung gegangen wäre, von dieser ausgewählten geraden Linie still und leise ausradiert werden. Deutschlands Jugendförderung ist real, doch gleichzeitig wirkten auch die Kontinuität des Trainerstabs, die zufällig gleichzeitige Reife mehrerer Spielergenerationen und ein paar zufällige Augenblicke im Finale selbst mit. All das in die eine Leistung der zehnjährigen Jugendförderung zu packen, heißt nicht, Geschichte aufzuzeichnen, sondern Geschichte zurechtzustutzen – sie in die saubere Form eines Weil-deshalb zu schneiden.
So stehen auf beiden Seiten des 7:1 zwei völlig identische Bewegungen. Auf brasilianischer Seite wird eine Niederlage auf eine einzige Ursache reduziert: Neymars Fehlen. Auf deutscher Seite wird ein Titel auf eine einzige Ursache reduziert: zehn Jahre Jugendförderung. Das eine ist die Salbe der Verlierer, das andere der Orden der Sieger, doch es ist dieselbe Methode: eine ganze, unordentliche, vielköpfige Wirklichkeit gewaltsam in einen sauberen, klaren Weil-deshalb-Satz zu pressen. Das menschliche Herz will genau diesen einen Satz, im Verlieren wie im Gewinnen. Und ausgerechnet diesen einen Satz kann keine der beiden Seiten wirklich liefern, denn weder hinter der Niederlage noch hinter dem Titel steht eine einzige Ursache, sondern ein ganzes Geflecht.
Einen Sieg auf eine einzige Ursache zu reduzieren, hat noch einen weiterreichenden Schaden: Es lässt Erfolg wie ein Rezept erscheinen, das man einfach nachkochen kann. Wenn Deutschland durch zehn Jahre Jugendförderung gewonnen hat, könnten dann nicht auch andere Länder gewinnen, indem sie genauso Stützpunkte bauen, Akademien errichten, Geld hineinpumpen? Doch versucht man es wirklich, zeigt sich, dass sich jener sauber erzählte Weg überhaupt nicht kopieren lässt, denn was den Titel damals tatsächlich ermöglichte, war neben jenem System auch die zufällige Gunst einer ganzen Spielergeneration und ein paar Zentimeter, um die der entscheidende Abschluss daneben oder eben nicht daneben ging – all das lässt sich aus keinem Bauplan abschreiben. Einen Sieg, der aus mehreren Ursachen und Zufall zugleich entstand, für eine wiederholbare Formel zu halten, ist genau die Stelle, an der dieser Mythos der einzigen Ursache spätere Nachahmer am leichtesten täuscht.
Die Frage, die die Straße längst gestellt hatte
Tatsächlich hatte man sich auf Brasiliens Straßen schon vor dem ersten Anpfiff eine noch härtere Frage gestellt: Hat es sich überhaupt gelohnt, diese Weltmeisterschaft auszurichten?
2013, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft, kam es in Brasilien zu Massenprotesten. Auslöser waren Fahrpreiserhöhungen bei Bussen und U-Bahnen. Doch einmal entzündet, griffen die Forderungen rasch auf andere Bereiche über: Gesundheitswesen, Bildung, öffentliche Sicherheit, Korruptionsbekämpfung sowie Unmut über die überzogenen Ausgaben für Großereignisse wie den Konföderationen-Pokal, die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele. Auf dem Höhepunkt gingen landesweit schätzungsweise rund eine Million Menschen auf die Straße. Auf ihren Schildern standen zwei Sätze, die später um die Welt gingen: der eine, Wir wollen Krankenhäuser nach FIFA-Standard; der andere, Ich brauche keine Weltmeisterschaft, gebt das Geld für Gesundheit und Bildung. Das Vorgehen der Polizei war schon damals selbst umstritten – Tränengas, Gummigeschosse, Journalisten und Fotografen, die durch Gummigeschosse schwer am Auge verletzt wurden; all das ist von Human Rights Watch dokumentiert. Als die Weltmeisterschaft 2014 begann, waren die Proteste nicht verschwunden, ihr Ausmaß hatte sich jedoch deutlich verkleinert – die meisten Demonstrationen zählten nur noch ein paar Hundert Teilnehmer.
Die Frage nach dem Lohn der Sache bekam später einige greifbare Zahlen zur Seite gestellt. Für die Ausrichtung dieser Weltmeisterschaft investierte der Staat nach offiziellen Angaben rund 25,8 Milliarden Reais, umgerechnet etwa 11,3 Milliarden US-Dollar; von den ursprünglich geplanten großen Infrastrukturaufwertungen wurde jedoch nur etwa die Hälfte fertiggestellt – Stadtbahnen, Flughäfen, Häfen –, nicht wenige Projekte blieben entweder Bauruinen oder wurden ganz aufgegeben, die geplante Einschienenbahn in Manaus kam nie zustande. Die eigens für das Turnier in Manaus neu errichtete Arena Amazônia kostete je nach Quelle unterschiedlich viel, in etwa sechshundert Millionen Reais, umgerechnet gut zweihundert Millionen US-Dollar; der Unterhalt danach kostete laut lokalen Medien monatlich rund 250.000 US-Dollar, obwohl Manaus über keinen einzigen Spitzenverein verfügte, der ein Stadion dieser Größe überhaupt benötigt hätte. Es wurde rasch zum Musterbeispiel eines weißen Elefanten.
Noch aufschlussreicher ist die Struktur der Forderungen innerhalb dieser Bewegung. Eine damalige Umfrage zeigte, dass bei einer der großen Demonstrationen über die Hälfte der Teilnehmer wegen der Fahrpreise gekommen war, vierzig Prozent wegen der Korruption, gut dreißig Prozent aus Unmut über die Politiker und weitere dreißig Prozent aus Protest gegen die Polizeigewalt. Bei ein und derselben Demonstration, unter ein und denselben Menschen, trugen die Beteiligten mehrere unterschiedliche und sich zugleich überlagernde Formen von Unmut in sich. Und was diesen Unmut auf einen Schlag entzündete, war ausgerechnet die harte Niederschlagung kleinerer Demonstrationen durch die Polizei im Jahr zuvor: Die Hand, die das Feuer eigentlich ersticken sollte, wurde selbst zu dem Wind, der es lauter auflodern ließ. Ein Ärgernis, das man rasch beilegen will, wächst sich durch ein zu grobes Vorgehen dabei nur allzu oft zu etwas noch Größerem aus.
Diese Rechnung über den Lohn der Sache und das 7:1 auf dem Platz müssen getrennt aufgemacht werden. Dass die Mannschaft verlor, heißt nicht, dass alles an diesem Turnier für die Katz war; und die Probleme, die vor dem Turnier auf jenen Schildern standen, verschwinden nicht von selbst, nur weil die Mannschaft den Titel geholt hätte. Die reparierten Straßen sind real, die Bauruinen der Bahnstrecken sind ebenso real; die bei der Ausrichtung eines solchen Großereignisses gesammelte Erfahrung ist real, die leerstehenden Stadien sind ebenso real. Was die Menschen auf der Straße damals wollten, war eigentlich ganz einfach: dass das Geld in Menschen investiert wird, in ihre Krankenhäuser und Schulen, statt nur in ein alle vier Jahre stattfindendes Spektakel. Diese Forderung an sich hat nichts damit zu tun, ob die Mannschaft gewann oder nicht; sie ist eine Rechnung, die die ganze Zeit über offenblieb und auch mit dem Ende des Turniers nicht beglichen wurde.
Wir wollen Krankenhäuser nach FIFA-Standard – dieser Satz auf den Schildern brachte den Kern der ganzen Sache eigentlich auf den Punkt. Er stellte zwei Dinge nebeneinander: zum einen die Fähigkeit, für ein Turnier innerhalb weniger Monate zehn prunkvolle Stadien aus dem Boden zu stampfen; zum anderen jene seit Jahren heruntergekommenen Krankenhäuser mit endlosen Wartelisten. Dasselbe Land, dasselbe Geld – es reichte, um Stadien auf FIFA-Niveau zu bringen, aber nicht, um auch die Krankenhäuser dorthin zu bringen. Wer diese Schilder trug, wollte im Grunde nur wissen: Warum kann jenes Geld, jene Fähigkeit, nicht zuerst für lebendige Menschen eingesetzt werden? Diese Frage verschwindet nicht dadurch, wie prächtig die Stadien gebaut wurden, und sie zählt auch nicht weniger dadurch, wie hässlich die Mannschaft verlor – sie bleibt hartnäckig offen stehen, die eine Position in der gesamten Bilanz dieses Turniers, die sich am wenigsten ausgleichen lässt.
Nach dem 7:1 verschmolzen im Gedächtnis vieler Menschen die Straßenfrage nach dem Lohn der Sache und das 7:1 auf dem Platz zu einer einzigen Sache: Seht her, so viel Geld ausgegeben, und dann verliert die Mannschaft auch noch so – da sieht man doch, dass es sich überhaupt nicht gelohnt hat. Diese Verschmelzung klingt befriedigend, ist aber ebenfalls ein Rückfall in die alte Angewohnheit, Vielköpfiges auf Eines zu reduzieren. Dass die Mannschaft verlor und ob sich das ausgegebene Geld gelohnt hat, sind zwei verschiedene Dinge. Selbst hätte Brasilien in jenem Jahr den Titel geholt, die heruntergekommenen Krankenhäuser, die Bauruinen der Bahnstrecken, das leerstehende Stadion, das monatlich horrende Summen verschlingt, wären allesamt trotzdem noch da; ein Titel kann einer Nation diese Rechnungen nicht abnehmen. Die Kosten eines Turniers an die sportlichen Ergebnisse der Mannschaft zu koppeln, heißt zu sagen, allein ein Sieg mache jede Ausgabe im Nachhinein richtig – und genau diese Rechnung war es, die die Menschen auf der Straße damals am wenigsten hinnehmen wollten.
Das Finale und das andere Drehbuch, das beinahe Wirklichkeit wurde
Nach dem 7:1 zog Deutschland ins Finale ein. Am 13. Juli 2014 besiegte Deutschland im Maracanã in Rio Argentinien mit 1:0 und wurde Weltmeister. Das entscheidende Tor erzielte Mario Götze; je nach Quelle wird es als Tor der 113. oder der 112. Minute geführt, eine übliche Abweichung bei der zeitlichen Zuordnung eines Tores in der zweiten Halbzeit der Verlängerung.
Dieses Finale und jenes 7:1 vier Tage zuvor bildeten genau zwei Extreme. Im Halbfinale hatte die eine Seite der anderen sieben Tore eingeschenkt, und die Spannung war schon nach einer halben Stunde dahin; im Finale konnte neunzig Minuten lang und über weite Strecken der Verlängerung keine Seite die andere durchbrechen, bis erst in der 113. Minute die Entscheidung fiel. Dieselbe deutsche Mannschaft lieferte innerhalb von vier Tagen einmal ein Schlachtfest ohne jede Spannung und einmal einen zähen Kampf, der beinahe ins Elfmeterschießen gegangen wäre. Das sollte einen misstrauisch machen gegenüber dem Ausgangspunkt dieser Kausalität: Wenn Deutschland stark genug war, um 7:1 zu gewinnen, warum konnte es dann im Finale kaum gegen Argentinien bestehen? Die Antwort lautet: Stärke und Schwäche auf einem Fußballplatz sind niemals eine Konstante, die sich durchgängig gleich fortschreiben lässt – sie verändern sich ständig, je nach Gegner, je nach Spielverlauf, je nach ein paar zufälligen Augenblicken.
Doch hinter diesem 1:0 verbargen sich gleich mehrere andere Drehbücher, die beinahe wahr geworden wären. In der ersten Halbzeit unterlief Kroos ein Kopfball-Rückgabefehler, der den Ball direkt vor die Füße von Argentiniens Stürmer Gonzalo Higuaín spielte – ein beinahe geschenkter Alleingang, doch Higuaín zog ab und schoss vorbei. Im gesamten Spiel ließ Argentinien mindestens drei hochkarätige Chancen liegen. Wäre auch nur eine davon verwertet worden, hätte dieses Finale, ja das Ergebnis der gesamten Weltmeisterschaft, ganz anders ausgesehen. Deutschlands scheinbar zwangsläufiger Titel stand in Wahrheit auf des Messers Schneide.
Es gibt noch ein Detail, das wie ein Nachschlag des Schicksals wirkt. Ausgetragen wurde dieses Finale ausgerechnet im Maracanã, am Originalschauplatz jener Katastrophe von vor vierundsechzig Jahren. Was die Brasilianer 2014 unbedingt begleichen wollten, war eben jene Schuld, die in diesem Stadion entstanden war; doch am Ende war es nicht Brasilien, sondern Deutschland, das dort den Pokal in die Höhe stemmte, während Brasilien bereits vier Tage zuvor im Mineirão ausgeschieden war. Die Bühne jener Schuld stand unverändert genau dort, doch es war ein anderer, der auf ihr seine Krönung feierte. Wer die Schuld begleichen wollte, hatte es nicht einmal bis zur Tür des Finales geschafft.
Das wirft ein Licht auf die brüchige Seite jener Geschichte von den zehn Jahren Jugendförderung. Wäre Higuaíns Alleingang ein Tor geworden, hätte Götzes Abschluss in der 113. Minute nicht den Weg ins Netz gefunden und Deutschland den Titel verpasst, dann stünde genau dasselbe Jugendfördersystem noch immer an derselben Stelle, kein einziger Stützpunkt weniger – doch niemand würde es mehr als einen zwangsläufig erfüllten Bauplan erzählen. Ein und dasselbe System wird, mit Titel, zu zehn Jahren geschliffenem Schwert; ohne Titel wird es zu einem Projekt, das noch mehr Zeit braucht. Was über diese beiden Erzählungen entscheidet, ist nicht das System selbst, sondern Higuaíns Fuß, Götzes Fuß, ein paar zufällige Augenblicke. Einen Titel, der auf Zufall gebaut ist, im Nachhinein als zwingende Kausalität umzuerzählen – genau darin ist das Konstrukt am geübtesten: in dieser nachträglichen Beglaubigung.
Das heißt nicht, dass jenes Jugendfördersystem nutzlos war, und auch nicht, dass Deutschlands Stärke nur eingebildet war. Der strukturelle Vorteil ist real: Eine Nation mit einem flächendeckenden Netz an Stützpunkten, mit ausgereiften Vereinsakademien, mit einer über viele Jahre fortgeführten Spielweise hat tatsächlich bessere Chancen, bis zum Ende zu kommen als andere. Doch eine Chance zu haben heißt nicht, sicher zu gewinnen. Eine Struktur kann die eigenen Gewinnchancen vergrößern, sie kann einem aber nicht jenen Alleingang abwehren, kann einem nicht in der 113. Minute den Ball ins Netz befördern. Ein Vorteil bedeutet ein gutes Blatt, nicht ein bereits entschiedenes Spiel. Ein gutes Blatt, das am Ende die Partie gewinnt, im Nachhinein so darzustellen, als hätte dieses Blatt zwingend gewinnen müssen, heißt, eine Wahrscheinlichkeit heimlich gegen eine Notwendigkeit auszutauschen. Und in genau jenem Spalt zwischen Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit wohnen jene Zufälle des entscheidenden letzten Tritts.
Der Goldene Ball jenes Turniers ging an Messi. Doch selbst diese Auszeichnung konnte nicht alle überzeugen. Am folgenden Tag sagte Sepp Blatter auf seiner letzten Pressekonferenz der Weltmeisterschaft, Messis Wahl habe ihn etwas überrascht. Selbst bei der Wahl des besten Spielers ließ sich keine Antwort finden, der jeder zustimmen konnte.
Sowohl der Goldene Ball als auch jenes Finale, das beinahe gekippt wäre, verweisen auf dieselbe Sache: Dieses Turnier hat von Anfang bis Ende keine einzige saubere, eindeutige Antwort geliefert. Wer der Beste war, lässt sich nicht abschließend feststellen; wer eigentlich hätte gewinnen sollen, lässt sich nicht in einer festen Zahl ausdrücken; wie stark Deutschland wirklich war, dafür gibt es ebenfalls keine unumstößliche Antwort. Versucht man, aus diesem Turnier auch nur eine einzige zweifelsfreie Schlussfolgerung herauszudestillieren, zerrinnt sie einem zwischen den Fingern zu mehreren verschiedenen Lesarten. Diese gesamte Weltmeisterschaft weigert sich, ebenso wie jedes einzelne Spiel in ihr, sich auf einen einzigen unumstößlichen Satz reduzieren zu lassen.
Schluss
Fassen wir das alles zusammen.
Vier Jahre nach der Weltmeisterschaft in Südafrika war Brasilien an der Reihe. Und was dieses Turnier hinterließ, war eine Geste nach der anderen, die nach einer einzigen Ursache griff, und eine Wahrheit, die sich immer wieder aufs Neue weigerte, sie herzugeben.
Um die Schuld von 1950 zu begleichen, wollte man einen sauberen Abschluss: einen Heimsieg. Um jenes 7:1 zu erklären, wollten die Brasilianer eine saubere Ursache: Neymars Fehlen. Um jenen Titel zu erklären, wollten die Deutschen ein sauberes Verdienst: zehn Jahre Jugendförderung. Um zu beurteilen, ob sich die Ausrichtung gelohnt hatte, wollte man ein sauberes Gesamturteil: gelohnt oder nicht gelohnt. Doch keines dieser vier Dinge ließ sich zu jener einen sauberen Antwort zusammenziehen. Die Schuld von 1950 wurde nur noch größer, statt beglichen zu werden; hinter dem 7:1 stand ein ganzes, gleichzeitig zusammengebrochenes Gefüge; hinter dem Titel standen mehrere zusammenlaufende Linien plus ein paar zufällige Augenblicke; und die Frage, ob es sich gelohnt hatte, war eine Rechnung, die sich mit keinem einzigen Maßstab aufgehen ließ.
Diese vier Dinge scheinen an der Oberfläche nichts miteinander zu tun zu haben: eine alte historische Rechnung, eine vernichtende Niederlage, ein Titel, die Kosten eines Turniers. Doch sie irrten alle an derselben Stelle: Sie wollten eine vielköpfige Sache auf eine einzige Aussage reduzieren. Die Verstrickungen der Geschichte, die zahllosen Fäden eines Zusammenbruchs, der lange Weg einer Meistermannschaft, die tausend Zweifel einer Nation beim Abwägen von Kosten und Nutzen – all das war ursprünglich ein weit ausgebreitetes Ganzes; und die wenigen Antworten, nach denen man griff, waren ausnahmslos zu sauber, zu glatt – so sauber und glatt, dass sie zwangsläufig den größten Teil der Wirklichkeit außerhalb ihres Rahmens zurücklassen mussten. Das eigentliche Problem liegt nicht darin, welche Antwort richtiger ist, sondern darin, dass jeder, der mit einer einzigen Antwort ein ganzes Ganzes einfangen will, am Ende zwangsläufig etwas übersehen muss.
Und hinter dieser ganzen Verliebtheit in die einzige Ursache verbirgt sich eine noch tiefere Zwangsvorstellung: der Glaube, alles müsse von vornherein festgelegt sein. Als müsse, sobald man nur die richtige Ursache gefunden hat, alles Weitere zwangsläufig vorherbestimmt sein, Glied für Glied ineinandergreifend, ohne den geringsten Raum für Zufall. Doch das wirkliche Spielfeld ist ausgerechnet voller Lücken, die niemand festgelegt hat: ein Foul, das eigentlich mit einer Roten Karte hätte geahndet werden müssen, ein Alleingang, der eigentlich hätte sitzen müssen, eine Emotion, die sich nicht unter Kontrolle halten ließ. Zusammengenommen sagen diese Lücken alle dasselbe: Kausalität ist nie eine verschweißte Kette, sondern immer ein Netz, das sich jederzeit lockern kann. Ein Netz, das sich lockern kann, gewaltsam als verschweißte Kette zu lesen, eine vorübergehende Tendenz als eine für immer feststehende Entscheidung zu deuten – das ist die tiefste und hartnäckigste Schicht dieser Verliebtheit in die einzige Ursache.
Eine Ursache ist etwas anderes als jener Ball auf der Torlinie. Ob der Ball die Linie überquert hat oder nicht, dafür wartet eine physikalische Antwort, die eine Maschine in einer Sekunde für einen ablesen kann. Doch hinter einer vernichtenden Niederlage, einem Titel, der Frage, ob eine Nation ein Großereignis ausrichten sollte oder nicht, wartet überhaupt keine solche einzige Antwort. Je mehr man versucht, es zu einer einzigen Linie zu bündeln, zu einem einzigen Weil-deshalb-Satz, desto mehr zerfällt es einem in den Händen zu einem ganzen Geflecht. Das Konstrukt will jedem Ergebnis stets eine einzige, klar benennbare Ursache zuordnen, denn nur eine einzige Ursache lässt sich abschließen, nur sie lässt einen ruhig schlafen; doch das eine, was die Welt am wenigsten herausrückt, ist genau diese eine einzige Ursache. Sie breitet lieber die ganze unordentliche Wahrheit unverändert vor einem aus, als einem die eine, einzige darunter herauszusuchen.
Die Frage an der Torlinie lässt sich deshalb abschließen, weil dahinter tatsächlich eine einzige Tatsache steht: Ball und Linie, es gibt nur zwei Möglichkeiten, überquert oder nicht überquert. Doch hinter Sieg oder Niederlage steht keine solche einzige Tatsache. Es ist das Zusammenwirken von Dutzenden, ja Hunderten von Faktoren, die sich innerhalb derselben Zeitspanne gegenseitig verdrängen und gegenseitig verstärken, von denen keiner allein den Ausschlag geben kann und keiner einfach herausgenommen werden kann. Greift man sich irgendeinen davon heraus und sagt, er sei es gewesen, liegt man damit nie ganz falsch, aber auch nie ganz richtig, denn nähme man ihn heraus, käme das Ergebnis meist trotzdem, nur in einer anderen Gestalt. Dass sich die eine Ursache niemals fassen lässt, liegt nicht daran, dass wir nicht genau genug hingesehen haben, sondern daran, dass dort von vornherein gar keine einzige Ursache darauf wartet, gefunden zu werden; je genauer man hinsieht, desto mehr ineinander verschlungene, unentwirrbare Fäden tauchen auf, statt weniger.
Und hinter diesem ganzen, sich nicht zusammenziehen lassenden Geflecht der Kausalität stehen, unverändert, einzelne, konkrete Menschen. Es sind jene, die auf der Straße Schilder hochhielten und forderten, das Geld solle in ihre Krankenhäuser und Schulen fließen; es ist jener Verteidiger, der weinend sagte, er habe nur sein Volk glücklich machen wollen; es ist jener junge Spieler, der Neymars Trikot trug und am Ende doch keine Ursache war; es ist jene Frau, die 1950 wie 2014 mit eigenen Augen dabei war. Sie sind keine Variable in irgendeiner Kausalkette, kein Beispiel, das irgendeine These beweisen soll. Reduziert man den Grund für Sieg oder Niederlage eines Spiels auf eine saubere Linie, dann ist es genau das reale Gewicht dieser Menschen, das diese Linie als Erstes hinauswirft – ihre jeweilige Freude und ihr jeweiliger Schmerz, ihre Hoffnung und ihr Groll; diese Dinge sind zu schwer und zu unregelmäßig, keine noch so saubere Linie kann sie fassen. Der Rest lässt sich nie in jene eine Linie einordnen; er bleibt immer draußen verstreut, in einer Gestalt, die sich nicht zusammenziehen lässt, und erinnert einen hartnäckig daran, dass eine Sache nie nur eine einzige Ursache hat. Der Zyklus ist nicht zum Stillstand gekommen; er dreht sich weiter.