Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 18 von 22

Johannesburg

Die eine Linie mit einer endgültigen Antwort und der Kreis, der offenbleibt

(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

I. Dieselbe Linie, vierundvierzig Jahre später

Am 27. Juni 2010, in Bloemfontein, warf Deutschland England mit 4:1 aus dem Turnier. Als England noch 1:2 zurücklag, zog Lampard von außerhalb des Strafraums ab. Der Ball traf die Unterkante der Latte, sprang auf den Boden und wieder hoch. In der Fernsehzeitlupe war es unmissverständlich zu sehen: In diesem Augenblick hatte der Ball die Torlinie mit seinem ganzen Umfang überschritten. Doch die wenigen Augenpaare, die auf dem Platz darüber zu entscheiden hatten, sahen es nicht. Das Tor zählte nicht. Hätte es gezählt, hätte es in diesem Moment 2:2 gestanden.

Vierundvierzig Jahre zuvor, 1966, war es ebenfalls England gewesen, ebenfalls gegen die Bundesrepublik, damals in einem deutsch-englischen Endspiel. Wembley, Verlängerung, Hurst schoss. Auch dieser Ball traf die Unterkante der Latte, auch er sprang in die Nähe der Torlinie. Nur konnte damals niemand unter den Hunderten Millionen Zuschauern mit bloßem Auge sicher sagen, ob der Ball die Linie tatsächlich vollständig überschritten hatte. Trotzdem wurde auf Tor entschieden. Es half England, seinen einzigen Weltmeistertitel zu sichern. Das Tor von 1966 war jener berühmte Fall des Nicht-erkennen-Könnens: Die Wahrheit lag jenseits dessen, was das menschliche Auge erfassen konnte, für alle unerreichbar.

Vierundvierzig Jahre später brachte ein Ball, der wieder von der Unterkante der Latte zur Torlinie sprang, England auf die andere Seite derselben Frage. Diesmal war der Ball eindeutig hinter der Linie gewesen. Hunderte Millionen konnten es sehen; nur die wenigen zuständigen Augenpaare auf dem Platz hatten es nicht gesehen. 1966 hatte England davon profitiert, dass die Szene nicht eindeutig zu erkennen war. 2010 wurde England zum Opfer dieser Grenze. Dasselbe Land, derselbe Gegner, derselbe Ballverlauf: Im Abstand von vierundvierzig Jahren stand England auf beiden Seiten dieser Linie.

Darin liegt eine schwer in Worte zu fassende Ironie. Über das Tor von 1966 wurde jahrzehntelang gestritten, ohne dass dieser Streit jemals die Einführung einer Maschine erzwungen hätte. Der Vorgang war zu unklar. So unklar, dass man sich endlos widersprechen konnte und immer jemand überzeugt blieb, der Ball sei nicht hinter der Linie gewesen. Den Einsatz der Torlinientechnik erzwang ausgerechnet die Fehlentscheidung von 2010, an deren Eindeutigkeit keine Ausrede mehr vorbeikam. Damit der Aufbau sich daranmachte, eine Frage endgültig zu schließen, musste sie offenbar zunächst so klar sein, dass es eigentlich gar nichts mehr zu klären gab. So klar, dass selbst der Begriffsstutzigste den Fehler erkennen konnte. Das unerreichbare 1966 brachte nichts in Bewegung; erst das erreichbare 2010 setzte eine Korrektur in Gang. Je undeutlicher die Wahrheit, desto weniger kann jemand für sie einstehen. Erst wenn sie grell genug hervortritt, bekommt sie eine Chance, von einer Maschine übernommen zu werden.

Auf der falschen Seite dieser Linie standen Menschen, die in diesem Augenblick nichts ausrichten konnten. Lampard sah, wie sein Ball hinein- und wieder heraussprang. Er sah den Schiedsrichter mit einer Handbewegung weiterspielen lassen. Ändern konnte er nichts. Auf den Tribünen und vor den Fernsehgeräten erkannten Hunderte Millionen fast in derselben Sekunde, dass der Ball vollständig hinter der Linie gewesen war. Ausgerechnet die einzigen Augenpaare, die darüber entscheiden durften, hatten es nicht gesehen. Das ist eine besondere Form der Ohnmacht. Die Wahrheit blieb nicht ungesehen. Alle hatten sie gesehen, nur die amtierenden Schiedsrichter nicht; gerade jene Augen nicht, deren Urteil zählte. Erst als sich genug von dieser Ohnmacht angesammelt hatte, wurde die spätere Maschine unausweichlich.

Zwischen 1966 und 2010 veränderten sich die Mittel des Sehens, nicht die Frage selbst. Ob der Ball die Linie vollständig überschritten hatte, darauf gab es schon 1966 eine bestimmte Antwort. Nur konnte damals weder ein Auge noch ein Gerät diese Antwort aus dem entscheidenden Millimeterbereich herauslesen. Vierundvierzig Jahre lang war die Wahrheit da, weder größer noch kleiner geworden. Was allmählich heranwuchs, waren die Mittel, sie zu erreichen. Genau deshalb ließ sich am Ende ausgerechnet diese Frage technisch abschließen: Von Anfang an wartete eine bestimmte physikalische Antwort darauf, erkannt zu werden. Es fehlte allein die Fähigkeit, sie abzulesen. Bei anderen Streitfragen auf dem Fußballplatz fehlt es aber gar nicht an dieser Fähigkeit. Dort wartet überhaupt keine solche Antwort.

Der Schiedsrichterassistent räumte später öffentlich ein, die Geschwindigkeit des Schusses habe ihn getäuscht. Einige Tage danach entschuldigte sich Blatter öffentlich für die entscheidenden Fehlurteile bei der WM in Südafrika. Er erklärte, absurd wäre es, die Akte Torlinientechnik jetzt nicht wieder zu öffnen. Die Frage, die seit 1966 unbeantwortet im Raum stand, sollte nach vierundvierzig Jahren endlich von einer Maschine abgeschlossen werden.

II. Nur diese eine Frage lässt sich schließen

Doch die Maschine kann nur diese eine Frage schließen.

Die institutionelle Wende bei der Torlinientechnik kam 2012. Am 5. Juli 2012 beschloss das International Football Association Board, die Torlinientechnik in die Fußballregeln aufzunehmen und ein Zertifizierungsverfahren dafür einzurichten. Die FIFA kündigte anschließend an, dass die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien die erste WM sein werde, bei der die Schiedsrichter Unterstützung durch Torlinientechnik erhielten. Seine Premiere in einem offiziellen Wettbewerb hatte das System zuvor bei der Klub-WM. Bei einer Weltmeisterschaft wurde es erstmals 2014 im Spiel Frankreich gegen Honduras tatsächlich für eine Torentscheidung gebraucht: Ein von Benzema herbeigeführtes Tor löste die Bestätigung des Systems aus. Zwischen der unerreichbaren Frage von Wembley 1966 und dem Signal auf einer Armbanduhr, das sie endlich abschloss, lag fast ein halbes Jahrhundert.

Der Aufgabenbereich dieser Maschine ist allerdings erstaunlich schmal. Die Definition der FIFA lässt sich in einem Satz sagen: Torlinientechnik dient ausschließlich dazu, unmittelbar festzustellen, ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hat, und das Ergebnis innerhalb einer Sekunde an die Uhr des Schiedsrichters zu übermitteln. Sie entscheidet weder über Abseits noch über Fouls, weder über Handspiel noch über Gelbe oder Rote Karten. Eine weiter reichende Überprüfung durch Videobilder hielt erst allmählich Einzug in die Weltmeisterschaft, nachdem das International Football Association Board nach 2014 den Video-Assistenten zugelassen hatte. Die institutionelle Korrektur, zu der das deutsch-englische Spiel von 2010 den Anstoß gab, schloss also zunächst lediglich die Frage ab, ob der Ball hinter der Linie war. Sie beendete keineswegs sämtliche Streitigkeiten über Schiedsrichterentscheidungen.

Diese Grenze lässt sich noch deutlicher ziehen. Die Torlinientechnik liefert eine Antwort, die im Fußball selten ist: ein Ja oder Nein ohne jeden Rest. Der Ball hat die Linie überschritten oder nicht. Es gibt keine dritte Möglichkeit, keine Frage des Standpunkts, keinen Spielraum für Auslegung. Innerhalb einer Sekunde erreicht das Signal die Uhr des Schiedsrichters. Vollkommener kann der Aufbau sich einen Abschluss kaum vorstellen: schnell, genau, ohne Möglichkeit des Einspruchs. Aber gerade weil dieses Verfahren so eindeutig ist, kommt nur eine einzige Art von Frage dafür infrage. Es muss eine physikalische Tatsache vorliegen, die lediglich darauf wartet, abgelesen zu werden. Das Verhältnis zwischen Ball und Linie ist eine solche Frage. Die allermeisten Dinge, über die man sich auf dem Fußballplatz wirklich die Köpfe heißredet, sind es gerade nicht.

Hier ist eine Einschränkung der Fairness halber nötig. Häufig wird Lampards Schuss so dargestellt, als habe er ganz allein die Torlinientechnik hervorgebracht. Das begradigt eine Kausalkette allzu stark. Der offiziellen Chronologie näher kommt folgende Beschreibung: Die Fehlentscheidung von 2010 bildete zusammen mit anderen gravierenden Fehlentscheidungen desselben Turniers den unmittelbaren Hintergrund dafür, dass Blatter und die FIFA die technische Unterstützung wieder zur Debatte stellten. Bis daraus eine verbindliche Regelung wurde, musste jedoch das gesamte Verfahren aus Tests, Zertifizierung und Regeländerungen durchlaufen werden. Kein einzelnes Spiel hat diese Einführung allein bewirkt.

In einer längeren Zeitperspektive betrachtet räumt diese Maschine einen offenen Rest aus, den das menschliche Auge niemals ganz beseitigen könnte. Muss das Auge entscheiden, ob ein Ball hinter der Linie war, bleibt selbst beim besten Sehvermögen im schnellsten Augenblick eine Unsicherheit zurück, eine Fuge, in der gegensätzliche Behauptungen Platz finden. Die Maschine schweißt diese Fuge vollständig zu. Was Ball und Linie betrifft, lässt sie keine Ungewissheit, keinen Streit und auch keinen offenen Rest zurück, an dem sich der Fall später noch einmal aufrollen ließe. Das ist ein wirklicher Fortschritt; man muss ihn nicht leugnen. Nur bleibt es bei dieser einen Fuge, die sich auf diese Weise zuschweißen lässt.

Wie man es auch wendet: Zum ersten Mal hat der Aufbau eine seit Jahrzehnten offene Frage tatsächlich sauber abgeschlossen. Man gebe ihm einen Ball und eine Linie, und eine Sekunde später lautet die Antwort: dahinter oder nicht dahinter. Kein Streit, kein offener Rest. Genau davon träumt der Aufbau: von einem sofortigen, binären Abschluss, den niemand mehr umstoßen kann. Allerdings handelt es sich bei der Frage, die er so glatt abschließen kann, ausgerechnet um die engste, physikalischste und am strengsten dem Entweder-oder unterworfene Frage des ganzen Turniers. Dieser hell ausgeleuchtete Abschluss wirkt wie ein Scheinwerfer. Je heller die Stelle wird, die er trifft, desto tiefer erscheint ringsum der ganze Kreis des Dunkels, den sein Licht nicht erreicht.

III. Eine Tat, bei der alle Fakten feststehen

Bei derselben Weltmeisterschaft gab es noch eine andere Handlung. Sie machte für alle sichtbar, was außerhalb der Reichweite dieses Scheinwerfers liegt.

Am 2. Juli 2010 trafen Uruguay und Ghana im Viertelfinale im Soccer-City-Stadion in Johannesburg aufeinander. In der 120. Minute, im allerletzten Moment der Verlängerung, wehrte Suárez zunächst regelkonform einen Schuss ab. Unmittelbar darauf hielt er auf der Torlinie einen Kopfball von Adiyiah mit der Hand auf. Er erhielt direkt Rot, Ghana bekam einen Elfmeter. Gyan trat an, der Ball prallte gegen die Latte und wieder heraus. Es blieb beim 1:1. Im anschließenden Elfmeterschießen gewann Uruguay mit 4:2 und zog ins Halbfinale ein.

Seine beiden Abwehraktionen lassen sich klar voneinander unterscheiden. Zuerst blockte er einen Schuss legal ab, wie es auch ein Torwart getan hätte. Gleich darauf aber war der Ball schon an ihm vorbei und auf dem Weg ins Netz. Suárez streckte die Hand aus und hielt ihn gewaltsam an der Torlinie auf. Das war kein reflexhaftes Fuchteln in einem Moment der Panik. Zwischen der ersten und der zweiten Bewegung wusste er, was er tat: einmal mit dem Körper, regelkonform; einmal mit der Hand, regelwidrig. Er nahm eine unvermeidliche Rote Karte in Kauf, um ein fast unvermeidliches Tor zu verhindern. Die ganze Handlung samt ihrem Preis hatte er in diesen ein oder zwei Sekunden durchgerechnet.

An dieser Abfolge ist nichts unklar. Handspiel, Rote Karte, Elfmeter, Fehlschuss, Weiterkommen: Jeder Schritt steht fest, jeder ist Bild für Bild erhalten. Nach seinem Platzverweis war Suárez nicht mehr auf dem Spielfeld. Er wartete am Eingang zum Spielertunnel auf den Ausgang. Die Fotos und Berichte mehrerer Medien haben die Szene festgehalten: In dem Augenblick, als Gyan den Elfmeter verschoss, brach Suárez dort in heftigen Jubel aus. Jeder einzelne Teil des Geschehens lag offen zutage, klar und deutlich zu sehen.

Der verschossene Elfmeter traf die Latte. In diesem Turnier wirkte sie wie ein Gegenstand, auf den immer wieder eingeschlagen wurde. Lampards Ball traf ihre Unterkante, sprang hinein und zählte nicht. Vierundvierzig Jahre zuvor hatte Hursts Ball die Unterkante getroffen, war nach unten gesprungen und hatte gezählt. Nun prallte auch Gyans Elfmeter gegen die Latte und hinaus. Dieselbe kalte Latte: einmal erfüllte sie einen Traum, einmal fügte sie Unrecht zu, einmal machte sie alles zunichte. Sie lag quer über dem entscheidenden Punkt im Schicksal dreier Generationen. Sie lässt sich auf keine Gründe ein, erkennt keine Anstrengung an und kümmert sich um keine Geschichte. Ob ein Ball, der sie trifft, hinein- oder herausspringt, entscheiden Millimeter. Zwischen der einen und der anderen Seite dieser Millimeter liegen dennoch Welten.

Gerade deshalb bilden diese Tat und die Torlinienfrage zwei entgegengesetzte Pole. Bei der Torlinie wartet eine physikalische Antwort darauf, festgestellt zu werden: Der Ball war dahinter oder nicht. Bei Suárez dagegen standen sämtliche Tatsachen längst fest. In keinem einzigen Schritt steckte noch ein verborgenes Rätsel. Und doch löste ausgerechnet ein Geschehen, dessen Fakten restlos klar waren, einen Streit aus, der bis heute nicht beendet ist.

IV. Wie soll man es nennen?

Gestritten wird nicht über die Fakten, sondern über den Namen. Wie soll man diese Tat nennen?

Zunächst muss deutlich werden, was damals auf dem Spiel stand. Ghana war Afrikas letzte Hoffnung. In ihrem späteren Rückblick hielt die FIFA ausdrücklich fest, dass diese Mannschaft als erstes afrikanisches Team ein WM-Halbfinale erreichen wollte. Zudem fand dieses Spiel bei der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden statt. Eine afrikanische Mannschaft, in Afrika, nur noch einen Elfmeter vom Halbfinale entfernt. Suárez hielt mit seiner Hand nicht bloß einen Ball auf. Er hielt eine ganze Geschichte auf, die im Begriff war, geschrieben zu werden.

So standen sich von Anfang an zwei Bezeichnungen gegenüber. Ghanas Nationaltrainer nannte Suárez eine Woche später öffentlich einen niederträchtigen Betrüger. Es sei nicht die Hand Gottes gewesen, sondern die Hand des Teufels. Uruguays Trainer fragte dagegen nach dem Spiel zurück, ob man jemanden, der bereits Rot gesehen habe und anschließend auch noch gesperrt werde, wirklich des Betrugs bezichtigen könne. Suárez selbst erklärte in den ersten direkten Interviews nach dem Spiel, er habe ein reines Gewissen. In jenem Moment habe es keine andere Wahl gegeben; der Platzverweis habe sich gelohnt. Später zirkulierten auch Äußerungen, wonach er gesagt habe, die Hand Gottes gehöre jetzt ihm, seine sei die wahre Hand Gottes gewesen, er habe die beste Parade des Turniers gezeigt. Solche Sätze wurden nicht erst nachträglich frei erfunden. Manche stammen allerdings aus den Interviews unmittelbar nach dem Spiel, andere aus Nachfragen der Medien am nächsten Tag. Es gibt mehrere Fassungen; man sollte sie nicht zu einer einzigen Aussage zusammenschieben. Die Erzählungen beider Seiten, die landesweiten Feiern in Uruguay und die Empörung in Ghana und weiten Teilen der afrikanischen Öffentlichkeit, standen schon am Tag des Geschehens nebeneinander. Sie wurden nicht erst später von irgendjemandem neu zurechtgelegt.

Mitten in diesem Lärm standen einzelne, konkrete Menschen. Gyan, der ghanaische Stürmer am Elfmeterpunkt, musste sich nicht bloß einem Torwart stellen. Ein ganzer Kontinent hielt den Atem an. Als der Ball gegen die Latte schlug und wieder herausflog, ging nicht nur ein Elfmeter verloren. Verloren ging jenes erste Mal, das eine ganze Generation schon sicher in den Händen zu halten glaubte. Diese Menschen waren keine Symbole in der Erzählung eines anderen, keine Fußnote zum Schlagwort von Afrikas Hoffnung. Sie standen wirklich auf diesem Rasen. Sie glaubten wirklich, gleich Geschichte zu schreiben. Und sie sahen wirklich zu, wie ihnen diese Geschichte innerhalb einer Sekunde entglitt. Wer darüber streitet, ob Suárez ein Schurke oder ein Glücksspieler war, streitet über ihn. Doch die Menschen, denen in jener Nacht tatsächlich etwas genommen wurde, standen am anderen Ende vor dem Tor.

Hier muss man etwas Schwieriges aushalten: zwei Sätze gleichzeitig klar aussprechen, ohne sie zu einem einzigen zusammenfallen zu lassen. Der erste lautet: Das Regelwerk hatte diese Tat längst abgehandelt. Handspiel war ein Vergehen. Elfmeter, Rote Karte, Sperre: Kein Teil des in den Regeln festgelegten Preises fehlte. Alles wurde an Ort und Stelle in voller Höhe bezahlt. Auf dieser Ebene ist die Rechnung beglichen. Innerhalb seines eigenen Rahmens hat der Aufbau den Vorgang abgeschlossen. Eben weil der Preis sofort bezahlt wurde, unterscheidet sich diese Tat aber von einem Betrug im Verborgenen. Dessen Kern besteht gerade darin, sich diesem Preis zu entziehen. Suárez entzog sich ihm nicht, er nahm ihn bewusst auf sich. Er hatte lediglich richtig kalkuliert, dass es sich für Uruguay lohnte, eine Rote Karte einzutauschen, um ein fast sicheres Tor zu verhindern. Ein solches Vergehen, dessen regelgemäßer Preis vollständig bezahlt wurde, kurzerhand Betrug zu nennen heißt, zwei verschiedene Dinge in eines zusammenzupressen.

Tatsächlich verbergen sich hier zwei verschiedene Arten des Abschlusses. Die eine ist ein Abschluss in der Buchführung. Die Regeln legten den Preis fest, Suárez zahlte ihn sofort; nach dem Wortlaut der Bestimmungen ist das Konto ausgeglichen und die Sache erledigt. Die andere ist ein Abschluss auf der Ebene der Bedeutung. Als was gilt, was dieser Mensch getan hat? Welches Urteil verdient es? Der Aufbau verfügt nur über die erste Fähigkeit. Er kann einer Handlung einen Preis zuordnen, diesen Preis einziehen und die entsprechende Zeile in seinem Buch streichen. Er kann uns aber nicht sagen, in welche Spalte der Geschichte der Handelnde gehört. Den Preis zu bezahlen und seinen Namen reinzuwaschen sind seit jeher zwei verschiedene Dinge. Nur das erste kann der Aufbau für einen erledigen.

Dass Uruguay und Ghana sich nach so vielen Jahren des Streits noch immer nicht gegenseitig überzeugen konnten, liegt daher nicht daran, dass eine Seite unvernünftig wäre. Sie stellen überhaupt nicht dieselbe Frage. Uruguay fragt: Hat er den Preis bezahlt? Die Antwort ist ja, weder Rote Karte noch Sperre blieben aus. Ghana fragt: Hat er uns unsere Geschichte geraubt? Auch hier lautet die Antwort ja, dieses erste Mal war damit verloren. Zwei Fragen, zwei Antworten, jede für sich richtig, und doch lassen sie sich niemals zu einer einzigen zusammenfügen, weil sie nicht dasselbe messen. So verhält es sich mit Bedeutung: Sie hat keinen objektiven Endpunkt. Sie neigt sich in die Richtung des Ortes, an dem man steht. Und keine Maschine kann stellvertretend dafür sorgen, dass alle am selben Ort stehen.

Was viele wirklich nicht schlucken können, ist vielleicht ohnehin weniger die Hand als der anschließende Jubel. Das Handspiel fällt unter das Regelwerk. Platzverweis und Elfmeter: Dafür kommt es auf. Aber der Augenblick, in dem Suárez nach Gyans Fehlschuss am Tunneleingang die Fäuste ballte und außer sich vor Freude war, fällt unter keine einzige Regel. Da freut sich ein Mensch unverhohlen darüber, dass der historische Traum anderer Menschen zerbricht. Die Regeln können das Handspiel mit einem Preis versehen, diese Verzückung aber nicht. Sie gehört schlicht nicht zu den Dingen, für die sie zuständig sind. Wenn die Leute ihn einen Schurken nennen, zielen sie weniger auf die Hand als auf das, was aus diesem Jubel spricht. Und genau hier reicht der Aufbau nicht hin. Er kann ein Vergehen bestrafen, aber nicht den Ausdruck im Gesicht eines Menschen, nachdem er gewonnen hat.

Der zweite Satz lautet deshalb: Abschließend klären können die Regeln nur, was sie bestrafen sollen. Nicht abschließend klären können sie, als was dieser Mensch in Erinnerung bleiben soll. Aus den Bestimmungen lassen sich Elfmeter plus Rote Karte plus Sperre errechnen. Nicht errechnen lässt sich daraus, ob der Handelnde ein Schurke ist, der einem ganzen Kontinent eine historische Chance raubte, oder ein rational handelnder Glücksspieler, der den Preis bereitwillig bezahlte. Zwischen diesen beiden Namen kann keine weitere Aufklärung der Tatsachen entscheiden. Die Tatsachen sind längst klar. Zu bestimmen wäre die Bedeutung, und dafür schickt uns keine Uhr innerhalb einer Sekunde eine Antwort. Alles, was geschehen ist, lässt sich deutlich sehen. Wie die Tat heißen soll, bleibt dennoch unentschieden.

V. Das hässlichste Finale und der schönste Fußball

Am Ende dieses Turniers hob Spanien den WM-Pokal in die Höhe. Doch die nüchternen Zahlen dieses Weltmeisters, den man später immer wieder zur Verkörperung des schönen Fußballs erklärte, wirken auf schwer erklärbare Weise widerspenstig.

Spanien schoss 2010 insgesamt nur acht Tore. Kein Weltmeister in der Geschichte des Turniers hatte mit weniger Treffern den Titel gewonnen. Reuters hielt unmittelbar nach dem Endspiel fest: Mit acht Toren in sieben Spielen unterbot Spanien den bisherigen Tiefstwert von elf, den sich Italien 1938, England 1966 und Brasilien 1994 geteilt hatten. In der K.-o.-Runde schaltete Spanien nacheinander Portugal mit 1:0, Paraguay mit 1:0, Deutschland mit 1:0 und die Niederlande mit 1:0 aus. Den Siegtreffer im Finale erzielte Iniesta in der 116. Minute. Eine Mannschaft, deren Fußball schöner anzusehen war als jeder andere, musste sich den Titel mit vier 1:0-Siegen und einem Tor ganz am Ende der Verlängerung mühsam erarbeiten.

Und das Endspiel, in dem sie gekrönt wurde, war selbst eine hässliche Partie voller Fouls und Karten. In der ersten Halbzeit traf der niederländische Mittelfeldspieler De Jong Alonso mit einem hoch angesetzten Tritt gegen die Brust. Schiedsrichter Webb zeigte ihm dafür nur Gelb. Später räumte Webb in einem Interview ein, er habe sich die Szene noch einmal angesehen und halte sie für ein rotwürdiges Vergehen. Im Spiel sei ihm allerdings die Sicht versperrt gewesen, sodass er den Kontakt nicht vollständig habe sehen können. Insgesamt gab es in diesem Finale vierzehn Gelbe Karten und einen Platzverweis nach der zweiten Verwarnung. Das war ein Gelb-Rekord für WM-Endspiele. Der schönste Fußball erhielt seine Krone in einem denkbar unschönen Finale.

Weltmeister mit acht Toren: Dieser Rekord ist ein Satz, den man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen muss. Das Spanien, an das man sich erinnert, ließ den Ball so laufen, dass der Gegner nicht hinterherkam, bis ihm schwindlig wurde. Es war die Verkörperung eines Fußballs, dem man mit Freude zusah. Schlägt man aber die Zahlen nach, erzielte diese Mannschaft weniger Tore als jeder Weltmeister vor ihr. Vier K.-o.-Spiele, viermal nur ein Tor Vorsprung, im Endspiel sogar erst nach Verlängerung. Schön anzusehen und torreich sind offenbar zweierlei. Schönheit lässt sich nicht messen, und sie bringt nicht zwangsläufig mehr Tore ein. Sie bringt Kontrolle: jenes erstickende Gefühl beim Gegner, der ein ganzes Spiel lang nicht an den Ball kommt. Ausgerechnet diese schönste Mannschaft holte sich den Titel auf die am wenigsten aufregende Weise, mühsam ein Tor nach dem anderen.

Der schönste Fußball, gekrönt im hässlichsten Finale: Auch dieser Gegensatz hat in dem hier verfolgten Kreislauf eine vertraute Gestalt. Solange eine Spielweise noch Herausforderin ist, kann sie allein von Schönheit reden. Wird sie aber zur herrschenden Lehre, die es zu verteidigen gilt, muss das Geschehen keineswegs mehr schön aussehen. In jener Nacht von 2010 stand auf der einen Seite Spanien, das den schönen Fußball geerbt hatte und krönen wollte. Auf der anderen Seite standen die Niederlande, die ihn erfunden hatten und diese Krönung nun mit Fouls verhindern wollten. Ausgerechnet das Spiel seiner Thronbesteigung war jenes, in dem beide Seiten gemeinsam dieses Ideal am stärksten seiner Schönheit beraubten. Der Weg, auf dem ein Ideal den Thron erreicht, wird dem Ideal selbst häufig nicht gerecht.

Eine Schicht dieser Geschichte sticht besonders ins Auge. Ausgerechnet die Niederlande störten das Fest und versuchten, Spaniens Pass- und Ballbesitzspiel mit Tritten und Fouls zu zerlegen. Dabei waren die Niederlande die Mannschaft, die diesen schönen Fußball vierzig Jahre zuvor zuerst gespielt hatte. Um dieses eine Spiel zu gewinnen, trat die ursprüngliche Heimat des schönen Fußballs selbst auf dessen nächste Generation ein. Und gewann am Ende trotzdem nicht.

De Jongs Tritt, der nicht mit Rot geahndet wurde, war wieder ein vertrauter Fall dessen, was sich nicht erreichen lässt. Alle konnten sehen, wie brutal er war. Ob die Augen, denen in diesem Augenblick die Sicht versperrt war, daraus auf dem Platz eine Rote Karte machten, war eine andere Frage. War die Entscheidung einmal mit dem Pfiff gefallen, ließ sie sich nicht noch einmal treffen. Zwischen dem Sehen eines brutalen Kontakts und seiner augenblicklichen Ahndung so, wie er es verdient, klafft erneut eine Fuge, die niemand nachträglich schließen kann. Genau diese Fuge hinterließ die Schiedsrichterleistung in jenem Finale, das den schönen Fußball krönte.

Die Entscheidung der Niederlande an diesem Abend zeigt noch eine andere grausame Gestalt des Kreislaufs. Was die Niederlande zu den Niederlanden gemacht hatte, war die Schönheit ihres fließenden Spiels. Um einen Gegner aufzuhalten, der eben diese Schönheit besser fortführte, legten sie sie freiwillig beiseite und spielten stattdessen jenen Fußball, den sie einst am tiefsten verachtet hatten. Es ist, als verriete ein Aufbau um des Sieges willen mit eigener Hand gerade das Grundlegende, durch das er zu sich selbst geworden war. Auf dem Spiel stand die eigene Herkunft. Doch dieser Einsatz brachte am Ende nicht einmal den Sieg ein. Verloren ging ausgerechnet die Herkunft selbst.

VI. Die Enkel von 1974

Für die Frage, woher Spaniens Fußball kam, gibt es eine schriftlich belegbare Abstammungslinie.

Erstens: Cruyff holte damals als Trainer Guardiola persönlich in Barcelonas Dream Team und machte ihn zur Schaltstelle im Mittelfeld. Zweitens: Von den elf spanischen Startern im WM-Finale 2010 waren sieben Spieler des FC Barcelona: Puyol, Piqué, Busquets, Xavi, Iniesta, Pedro und Villa. Fàbregas kam noch von der Bank hinzu. Drittens: Spaniens Technischer Direktor erklärte später, der Stil dieser Weltmeistermannschaft sei aus der Nachwuchsausbildung hervorgegangen, nicht umgekehrt. Verbindet man diese drei Punkte, lässt sich gesichert Folgendes festhalten: Die von Cruyff geprägte Fußballausbildung beim FC Barcelona und Guardiolas System lieferten Spanien 2010 seinen spielerischen Kern und eine vollständige gemeinsame Sprache auf dem Platz.

Bis hierher lässt sich alles Punkt für Punkt überprüfen. Geht man einen Schritt weiter und behauptet, im Spanien von 2010 habe sich endlich die historische Übergabe der niederländischen Tradition von 1974 vollendet, verlässt man die Ebene des historischen Tatbestands und betritt die einer Lesart. Zwischen diesem Schritt und dem Verzicht darauf verläuft eine Grenze. Belegen lassen sich die Herkunft der Spieler und eine gemeinsame Sprache des Fußballspielens. Daraus eine Geschichte zu machen, in der eine Blutlinie vierzig Jahre später endlich gekrönt wird, heißt, eine weitere Deutungsschicht darüberzulegen. Die Ebene der Tatsachen endet bei Hierros Aussage, der Stil komme aus der Nachwuchsausbildung. Was darüberliegt, hat der Aufbau selbst hervorgebracht. Man muss es als Lesart anerkennen und darf es nicht als Archivbefund ausgeben.

Dieser nächste Schritt führt ins Reich der Deutung. Gerade an ihm zeigt der Aufbau seine eigentliche Kraft. Vierzig Jahre zuvor, 1974, hatte Cruyffs niederländische Mannschaft den totalen Fußball auf die Spitze getrieben. Sie wollte alle festen Positionen auf dem Platz aufheben, sodass jeder überallhin fließen konnte. Es war eine schöne Negation erstarrter Formationen. Doch diese Niederlande verloren das Endspiel und wurden zu den schönsten Verlierern des Turniers. Vierzig Jahre später war diese Negation über Cruyffs Barcelona an Guardiola gelangt. Mit diesen spanischen Spielern hielt sie nun zum ersten Mal tatsächlich den WM-Pokal in Händen. Die Enkel des schönen Verlierers von damals waren zu Siegern geworden, zur neuen Orthodoxie.

Sobald eine Negation selbst zur Orthodoxie wird, verwandelt sie sich aber in das, was als Nächstes negiert werden muss. Die fließende, gegen jede Erstarrung gerichtete Kraft von 1974 war bei ihrer Thronbesteigung 2010 bereits zu einer festen Form geronnen. Sie hatte einen Namen, Lehrbücher und konnte von Generation zu Generation reproduziert werden. Je vollständiger ihr Sieg, desto mehr verwandelte sie sich von einem Werkzeug des Abtragens in einen Aufbau, in das neue verhärtete Gebilde, das Nachkommende aufbrechen mussten. Der Augenblick, in dem der schönste Fußball den Thron bestieg, war zugleich der Augenblick, in dem er zu altern begann.

Darin liegt noch eine feinere Ironie. Was diese Spielweise 1974 negieren wollte, waren gerade die unverrückbar festen Positionen auf dem Platz. Sie wollte Bewegung, wollte, dass jeder überallhin gelangen konnte. Doch bis 2010 war diese Beweglichkeit zu einem Pass- und Ballbesitzspiel ausgearbeitet worden, das jeder erlernen konnte. Dabei hatte sie selbst ein ganzes neues Regelgefüge hervorgebracht: Wer wo stehen sollte, wohin der Ball gespielt werden musste, nach wie vielen Kontakten er weiterzugeben war, alles folgte einem Muster. Etwas, das einst dazu gedient hatte, das Festgefügte zu zerbrechen, war am Ende selbst fest geworden. Es war nicht verdorben. Nur wurde die Beweglichkeit, sobald man sie auf den Altar hob und Generationen als die richtige Antwort lehrte, stillschweigend von der Ordnung vereinnahmt. Jene ursprüngliche Kraft, einfach dorthin zu gehen, wohin man wollte, ging in den Mustern auf.

Hinzu kommt, dass der Erfinder selbst diese Krone nie tragen konnte. Die Niederlande, die 1974 als Erste diesen schönen Fußball spielten, haben bis heute keine Weltmeisterschaft gewonnen. Auf den Thron hob ihn eine andere Mannschaft, eine Generation später, nachdem er in einem anderen Land Wurzeln geschlagen hatte. Der Erfinder blieb der schöne Verlierer; die Früchte erntete der Erbe. Auch das geschieht in diesem Kreislauf nicht zum ersten Mal. Wer etwas Neues herausmeißelt, ist häufig nicht derjenige, der es später genießen darf. Zwischen dem ersten Entwurf einer Negation und ihrer Etablierung als herrschende Lehre liegen oft eine ganze Generation und ein Wechsel der Hände, der einem Dynastiewechsel gleichkommt.

VII. Eine Rechnung ohne eindeutige Schlussbilanz

Treten wir zurück und betrachten ganz Südafrika. Die größte Rechnung, die diese Weltmeisterschaft hinterließ, geht in keiner einzigen eindeutigen Schlussbilanz auf, wie man sie auch berechnet.

Südafrika erhielt 2004 den Zuschlag und wurde das erste afrikanische Land, das eine Männer-Weltmeisterschaft ausrichtete. Die Vergabe erfolgte unter der kurzlebigen kontinentalen Rotation der FIFA, die Bewerbungen für dieses Turnier auf Afrika beschränkt hatte. Gespielt wurde vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010: 32 Mannschaften, 64 Spiele, zehn Stadien, neun Austragungsstädte. Die offizielle Auswertung bezifferte die Gesamtzahl der Stadionbesuche auf rund 3,1 Millionen, den damals dritthöchsten Wert der WM-Geschichte. Gastgeber Südafrika spielte in der Gruppe 1:1 gegen Mexiko, verlor 0:3 gegen Uruguay und gewann 2:1 gegen Frankreich. Wegen der schlechteren Tordifferenz schied die Mannschaft dennoch aus und wurde zum ersten WM-Gastgeber, der bereits in der Gruppenphase scheiterte.

Ein Gastgeber, der schon in der Gruppenphase ausschied: Das hatte es in der Geschichte der Weltmeisterschaft noch nie gegeben. Ein Land trug das ganze Turnier auf seinen Schultern, während seine eigene Mannschaft nicht über die Gruppenphase hinauskam. Man könnte daraus eine grelle Metapher machen: Der Gastgeber brachte nicht einmal vor der eigenen Haustür ein ordentliches Fußballspiel zustande. Man könnte dieselbe Geschichte aber auch von der anderen Seite erzählen. Ein afrikanisches Land, das noch nie eine Weltmeisterschaft veranstaltet hatte, richtete ein Turnier mit 32 Mannschaften und 64 Spielen verlässlich aus. Das sportliche Abschneiden wurde neben dieser größeren Leistung zur zweitrangigen Fußnote. Beide Richtungen ergeben eine schlüssige Erzählung über dasselbe Geschehen. Und damit sind wir wieder beim alten Problem dieses Turniers: Jedes Gesamturteil hängt davon ab, auf welche Seite man sich zuerst gestellt hat.

Wirklich schwierig wird die Rechnung bei den Stadien und dem bleibenden Erbe. Der verlässlichste Befund lautet weder, dass ausnahmslos teure, nutzlose Prestigeobjekte übrig blieben, noch, dass alles gelungen sei. Wissenschaftliche Untersuchungen und nachträgliche staatliche Auswertungen beschreiben eher einen uneinheitlichen Zustand dazwischen. Einerseits kommen spätere wirtschaftswissenschaftliche Studien weithin zu dem Ergebnis, dass die Auslastung der Stadien nach dem Turnier deutlich zurückging und ein Teil der Anlagen zur Belastung öffentlicher Haushalte wurde. Andererseits bedeutet eine Belastung noch keine Stilllegung. Für das Stadion in Kapstadt verzeichnet das Berichtsjahr 2024/25 insgesamt 45 große Veranstaltungen unterschiedlichster Art, so viele wie nie zuvor. Im Mbombela-Stadion werden weiterhin Fußball- und Rugbyspiele ausgetragen; seit Langem dient es einer Mannschaft als Heimstätte. Am Stadion in Durban liefen auch 2024 systematische Wartungs- und Sanierungsarbeiten. Vorsichtig lässt sich nur sagen: Die Nutzung nach dem Turnier fällt höchst unterschiedlich aus. In großen städtischen Zentren haben Stadien mit festen Mietern bessere Überlebenschancen. Fehlen regelmäßige, publikumsstarke Veranstaltungen, geraten sie leichter unter finanziellen Druck.

Dass sich aus dieser Rechnung keine einzige abschließende Bilanz ziehen lässt, liegt nicht am Mangel an Material. Im Gegenteil, es gibt reichlich Material. Nur weist es in verschiedene Richtungen, und es fehlt ein gemeinsamer Maßstab, der alles miteinander vergleichbar machen könnte. Misst man die Infrastruktur, war diese Weltmeisterschaft eine gelungene Sache. Misst man die Bücher der Stadien, sind einige zu jahrelangen Löchern im Haushalt geworden. Misst man das Bild des Landes, trat Südafrika in jenem Sommer in völlig neuer Gestalt vor die Welt. Dasselbe Turnier, ein anderer Maßstab, ein anderes Urteil. Keiner dieser Maßstäbe hat mehr Recht als die übrigen, das Ganze zu vertreten. Wer eine Gesamtnote dafür vergeben will, ob es sich gelohnt hat, muss zunächst so tun, als ließen sich die verschiedenen Maßstäbe zu einem einzigen verbinden. Das lassen sie aber nicht.

Auch darüber, wie viel von den versprochenen langfristigen Wirkungen eingetreten ist, geben offizielle und unabhängige Auswertungen unterschiedliche Auskunft. Die offiziellen Darstellungen betonen Straßen, Flughäfen, Sicherheit, öffentliche Gesundheit und eine Erzählung vom nationalen Zusammenhalt. Die Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation zum gesundheitspolitischen Erbe kommt tatsächlich zu dem Schluss, dass Südafrika institutionelle Erfahrung mit Notfallmaßnahmen und der gesundheitlichen Koordination von Großveranstaltungen gewann, von der auch der spätere Afrika-Cup profitierte. Auf der anderen Seite zeigten unabhängige Studien im Nachhinein, dass die vorab prognostizierten Besucherzahlen und wirtschaftlichen Erträge deutlich zu hoch lagen. Tatsächlich kamen rund 309.000 ausländische Besucher, erheblich weniger als die zunächst 483.000 und später korrigierten 373.000, die eine Beratungsfirma vorhergesagt hatte. Auf der Ebene gesicherter Tatsachen lässt sich zur Frage, ob es sich gelohnt hat, nur Folgendes vorsichtig festhalten: Bei Infrastruktur und internationalem Ansehen gibt es ein sichtbares Erbe. Bei den Finanzen der Stadien und beim unmittelbaren wirtschaftlichen Ertrag bestehen dagegen seit Langem erhebliche Zweifel. Ein späteres Dokument der südafrikanischen Regierung bezifferte die gesamten öffentlichen Aufwendungen auf rund 33 Milliarden Rand. Was dieser Einsatz eingebracht hat, darauf gibt es bis heute keine einzige Antwort, der alle Seiten zustimmen würden.

Zudem ist diese Rechnung noch lange nicht reif für den Abschluss. Ein Stadion, das nach 2010 als teures, nutzloses Prestigeobjekt galt, kann einige Jahre später wieder einen vollen Veranstaltungskalender haben. Eine einst in den Himmel gelobte Wirtschaftsprognose kann nach und nach von den tatsächlichen Zahlen widerlegt werden. Die Einträge in den Büchern verändern sich mit den Jahren weiter. Was heute als Gewinn oder Verlust verbucht wird, sieht beim späteren Zurückblättern wieder anders aus. Selbst wer nur einen einzigen Maßstab anlegt, erhält deshalb keine endgültige Zahl. Für diese Rechnung gibt es schlicht keinen Tag des endgültigen Abschlusses. Sie bleibt offen und wird von den folgenden Jahren immer weiter umgeschrieben. Ein Buch, an dem unablässig weitergeschrieben wird, lässt sich niemals schließen.

Zwei weitere Dinge gehörten zu diesem Turnier: ein lautes und ein seltsames. Laut war die Vuvuzela, deren bienenschwarmartiges Dröhnen sich durch jedes Spiel zog. Blatter lehnte damals ein Verbot ausdrücklich ab; sie sei Teil der südafrikanischen Fußballkultur. Doch auch die Beschwerden bei den Übertragungen, der Streit über das Klangerlebnis und die späteren Verbote bei europäischen Wettbewerben waren real. Klang der Begeisterung oder lästiger Lärm? Auch dafür gibt es kein einziges abschließendes Urteil. Das seltsame Phänomen war ein Oktopus namens Paul in einem deutschen Aquarium. Er sagte Ergebnisse voraus, indem er zwischen zwei Kästen mit Nationalflaggen wählte. Tatsächlich traf er die Ergebnisse aller sieben deutschen Spiele und dazu das Endspiel zwischen Spanien und den Niederlanden: acht von acht richtig. Millionen Menschen beobachteten ernsthaft einen Oktopus in der Hoffnung, von ihm eine sichere Antwort über die Zukunft zu bekommen. Und ausgerechnet die einzige makellos vollständige Trefferfolge dieses Sommers stammte vom reinen Zufallsspiel eines Oktopus. Er hatte nichts vorhergesehen und nichts erklärt.

Trotzdem brauchten Millionen Menschen ihn. In einer Weltmeisterschaft voller Fragen, die sich nicht abschließen ließen, war der Hunger nach etwas, das eine eindeutige Antwort geben konnte, so groß, dass man seine Hoffnung auf einen Oktopus setzte. Paul wurde nicht deshalb auf der ganzen Welt berühmt, weil er wirklich etwas verstanden hätte. Er schien stellvertretend genau das zu leisten, was die Menschen am dringendsten wollten und am wenigsten konnten: ein noch gar nicht eingetretenes Ergebnis im Voraus abschließen. Acht richtige Tipps wirkten wie eine Parodie auf den endgültigen Abschluss. Ein glücklicher Zufall wurde zum Orakel erhoben. Je ernster man ihn nahm, desto deutlicher trat im Gegenzug hervor, dass der Oktopus keine einzige der Fragen schließen konnte, die die Menschen wirklich geschlossen sehen wollten.

VIII. Was sich daraus ergibt

Führen wir all dies zusammen.

Die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war der Augenblick, in dem der Aufbau zum ersten Mal eine Frage wirklich sauber abschloss. Und gerade dieser saubere Abschluss beleuchtete den ganzen Kreis dessen, was er nicht abschließen kann. Er beleuchtete ihn so deutlich, dass sich die offenen Stellen, über die man früher noch mit Unschärfe hinweggehen konnte, nicht länger verwischen ließen. Nun waren sie alle sichtbar: als etwas, das sich nicht schließen lässt.

Die Torlinientechnik schloss die Frage ab, ob der Ball hinter der Linie war. Eine denkbar enge, physikalische Entweder-oder-Frage, deren physikalische Antwort nur noch festgestellt werden musste. Doch mit dieser Grenzziehung nahm alles jenseits der Grenze Gestalt an. Bei Suárez waren sämtliche Tatsachen bekannt. Sollte man die Tat aber Betrug nennen oder ein rationales Vergehen, dessen Preis vollständig bezahlt wurde? Das ließ sich nicht entscheiden, weil über Bedeutung zu entscheiden war, nicht über Tatsachen. In Südafrikas Bilanz des Erbes waren die Straßen und Flughäfen ebenso real wie die finanziellen Lasten. Ob es sich gelohnt hatte, ging dennoch in keiner einzigen Antwort auf, die alle anerkennen konnten. Diese Bilanz war von vornherein uneinheitlich und mehrdimensional. Nicht eine dieser Fragen kann jene Maschine schließen, die uns innerhalb einer Sekunde sagt, ob ein Ball die Linie überschritten hat.

Ganz außen in diesem Kreis stehen aber auch noch Menschen, bei denen selbst die Tatsachen unerreichbar bleiben. Nordkorea verlor bei diesem Turnier alle drei Spiele, zunächst 1:2 gegen Brasilien, wobei Ji Yun-nam das einzige nordkoreanische Tor des Turniers schoss, anschließend 0:7 gegen Portugal. Über das Schicksal der Mannschaft nach ihrer Rückkehr gab es im Juli 2010 Berichte aus bestimmten Quellen, wonach sie in Pjöngjang öffentlich kritisiert und der Trainer mit einem Arbeitseinsatz bestraft worden sei. Diese Berichte veranlassten die FIFA, im August mit einem offiziellen Schreiben an den nordkoreanischen Verband um Aufklärung zu bitten. Anschließend erklärte die FIFA, sie habe den Fall auf Grundlage der ihr vorliegenden Informationen abgeschlossen, und ging ihm nicht weiter nach. Die schwerwiegendsten Gerüchte lassen sich deshalb bis heute von außen nicht unabhängig überprüfen. Wer die Behauptung, die gesamte Mannschaft sei zur Arbeit geschickt worden, als erwiesene Tatsache darstellt, überschreitet die Grenze des Belegbaren. Selbst die FIFA, jene Maschine mit der größten Bereitschaft zur Untersuchung, schickte einen Brief, bekam eine Antwort und schloss die Akte. Dahinter stand eine Mauer, hinter die sie nicht gelangen konnte. Diese Spieler sind zuallererst wirkliche Menschen, keine Geschichte, mit der man andere warnen kann. Was sie tatsächlich erlebt haben, gehört gerade zu den Dingen dieses Turniers, über die niemand an ihrer Stelle leichtfertig eine endgültige Geschichte schreiben sollte.

Das ist das äußerste Feld dieses Turniers, so weit außen, dass nicht einmal eine überprüfbare Tatsachenschicht zu erreichen ist. Bei der Torlinie besteht die Schwierigkeit darin, eine physikalische Antwort abzulesen. Bei Suárez darin, einem vollständig bekannten Geschehen seinen Namen und Rang zu geben. Bei Südafrikas Bilanz darin, dass sich mehrere Maßstäbe nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Bei den nordkoreanischen Spielern jedoch wird schon die elementarste Ebene, die Frage nach dem, was überhaupt geschehen ist, von einer Staatsgrenze und einem undurchsichtigen System hermetisch abgeschirmt. Diejenige Maschine innerhalb des Aufbaus, die am ehesten zur Untersuchung bereit ist, brachte ihren Brief bis an den Fuß der Mauer. Von der anderen Seite kam eine Antwort zurück, und sie konnte nur die Akte schließen. Es fehlt ihr nicht am Willen zur Untersuchung. Sie reicht nicht hin. Und genau dort, wohin sie nicht reicht, sind wirkliche Menschen eingeschlossen.

Ordnet man diesen Kreis, ergibt sich ein Spektrum vom Abschließbaren zum Unabschließbaren. Ganz innen liegt die Frage, ob der Ball hinter der Linie war. Für sie gibt es eine physikalische Antwort; die Maschine schließt sie in einer Sekunde ab. Weiter außen liegt die Tat von Suárez. Alle Fakten sind klar, aber für die Frage, wie sie heißen soll, gibt es keine physikalische Antwort. Sie bleibt offen. Noch weiter außen liegt Südafrikas Bilanz. Das Material ist umfangreich, aber es gibt mehr als einen Maßstab. Sie bleibt offen. Am äußersten Rand stehen die nordkoreanischen Spieler. Schon die Tatsachen selbst sind hinter einer Mauer versperrt. Umso weniger lässt sich hier etwas abschließen. Je weiter man nach außen geht, desto weniger fehlt es bloß an einer besseren Maschine. Dort wartet schlicht keine Antwort darauf, abgelesen zu werden. Die Torlinientechnik beleuchtet nur das innerste Feld dieses Spektrums.

Der Aufbau wird glauben, er müsse sich nur Feld für Feld nach außen vorarbeiten und immer mehr Teile des Spektrums ausleuchten, dann werde er irgendwann den ganzen Kreis erfassen. Nach der Torlinientechnik kam tatsächlich der Video-Assistent. Er rückte den Lichtkegel ein Stück nach außen, zu Abseitsstellungen und Fouls. Doch mit jedem zusätzlich beleuchteten Feld entsteht am neuen Rand ein weiterer Ring neuer Streitigkeiten. Zählt das, was man sieht? Wer darf darüber entscheiden? Es wartet immer noch die nächste Frage, die sich nicht erreichen lässt. Der Lichtkegel kann wandern, er kann breiter werden, aber er bleibt ein Lichtkegel. Jedes Feld, das er erhellt, erhält seine Grenze durch einen noch größeren Kreis des Dunkels ringsum.

Wir sehen immer mehr, und was sich abschließen lässt, schließen wir immer genauer ab. Ob ein Ball hinter der Linie war, beantwortet uns nach vierundvierzig Jahren eine Maschine in einer Sekunde endgültig. Doch gerade diese immer genauer entschiedene Linie macht den ganzen Kreis des Unabschließbaren um sie herum deutlicher sichtbar als je zuvor: den Namen einer Tat, den Wert eines großen Vorhabens, den Verbleib einiger Menschen. Je heller der Scheinwerfer, desto schwärzer das Dunkel ringsum. Und doch lassen sich die Augen der Menschen immer zuerst vom hellsten Licht anziehen. Sie halten die eine beleuchtete Stelle für das Ganze und vergessen, dass ausgerechnet dieser Lichtstrahl eigenhändig die Grenze zu jenem ganzen Kreis des Dunkels zieht, den er nicht erreicht. Der Aufbau glaubt stets, mit jeder weiteren abgeschlossenen Frage der lückenlosen Schließung ein Stück näher zu kommen. Doch mit jeder Frage, die er schließt, markiert der Rand dieses Abschlusses einen ganzen neuen Kreis von Dingen, die er zeit seines Lebens nicht schließen kann. Der Rest ist durch keinen einzigen Abschluss auch nur um ein Weniges kleiner geworden. Er ist lediglich hinter die neu gezogene Grenze zurückgetreten und hält dort weiter aus. Der Kreislauf hat nicht aufgehört. Er dreht sich weiter.