Johannesburg
Eine Linie, die sich schließen lässt, und ein Ring, der sich nicht schließen lässt
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika)
1. Die Linie, vierundvierzig Jahre später
Am 27. Juni 2010 warf Deutschland England in Bloemfontein mit 4:1 aus dem Turnier. Beim damaligen Stand von 1:2 gegen England schoss Frank Lampard von außerhalb des Strafraums aus der Distanz ab; der Ball schlug an der Unterkante der Querlatte auf, sprang auf den Boden und von dort erneut nach oben. Die Fernsehwiederholung zeigte es glasklar: In diesem Moment hatte der Ball als Ganzes die Torlinie bereits vollständig überquert. Doch die Augen auf dem Platz hatten es nicht gesehen, und das Tor wurde nicht gegeben. Wäre es gegeben worden, hätte sich der Spielstand in diesem Moment auf 2:2 gestellt.
Vierundvierzig Jahre zuvor, 1966, war es wieder England, wieder gegen Westdeutschland, wieder ein Finale zwischen England und Deutschland. Damals, in Wembley, in der Verlängerung, schoss Geoff Hurst; der Ball schlug ebenfalls an der Unterkante der Querlatte auf und sprang ebenfalls in Richtung der Torlinie. Nur dass diesmal niemand unter den Hunderten von Millionen bloßer Augen mit Sicherheit sagen konnte, ob der ganze Ball die Linie überquert hatte oder nicht — und es wurde als Tor gewertet, ein Tor, das England seinen einzigen Weltmeistertitel sicherte. Das Tor von 1966 war jener berühmte Fall des Nicht-zu-Erkennenden: Die Wahrheit ging jenseits der Grenzen des menschlichen Auges verloren, an einem Ort, den niemand erreichen konnte.
Vierundvierzig Jahre später stellte derselbe Schuss — Querlatte, Unterkante, Aufprall in Richtung Torlinie — England auf die andere Seite derselben Frage. Diesmal überquerte der Ball die Linie unmissverständlich; Hunderte von Millionen konnten es sehen, nur die Augen auf dem Platz nicht. 1966 war England der Nutznießer des Nicht-zu-Erkennenden gewesen; 2010 wurde es zu dessen Opfer. Dasselbe Land, derselbe Gegner, dieselbe Art von Schuss — vierundvierzig Jahre auseinander, stand es auf den beiden entgegengesetzten Seiten derselben Linie.
Darin liegt eine Ironie, die sich kaum in Worte fassen lässt. Das Tor von 1966 wurde volle Jahrzehnte lang gestritten, ohne je eine Maschine zu erzwingen — eben weil es zu unscharf war, so unscharf, dass jeder für immer bei seiner eigenen Version bleiben konnte, dass es für immer Leute geben würde, die glaubten, der Ball habe die Linie nicht überquert. Was die Torlinientechnologie wirklich erzwang, war stattdessen die Fehlentscheidung von 2010, klar genug, dass kein Raum für irgendeine Verteidigung blieb. Damit das Konstrukt überhaupt Hand anlegt, um eine Frage zu schließen, muss diese Frage offenbar erst so klar geworden sein, dass sie gar nicht mehr geschlossen werden müsste — klar genug, dass selbst der Schwerfälligste sieht, worin der Fehler bestand. Das unerreichbare 1966 konnte nichts in Bewegung setzen; das erreichbare 2010 setzte die Korrektur in Bewegung. Je zweideutiger die Wahrheit, desto weniger kann irgendjemand an ihrer Stelle entscheiden; je greller die Wahrheit, desto eher bekommt eine Maschine die Gelegenheit, die Sache zu übernehmen.
Und auf der falschen Seite dieser Linie stand eine Gruppe von Menschen, die in diesem Moment nichts tun konnten. Lampard sah zu, wie sein eigener Ball hineinsprang und wieder heraus, sah zu, wie der Schiedsrichter mit der Hand weiterspielen ließ, und konnte nichts daran ändern. Auf den Rängen, vor den Fernsehern, sahen Hunderte von Millionen fast in derselben Sekunde klar, dass der Ball die Linie vollständig überquert hatte — und ausgerechnet die einzigen Augen, die zur Entscheidung befugt waren, waren jene, die es nicht gesehen hatten. Das ist eine ganz besondere Art von Ohnmacht: nicht dass die Wahrheit ungesehen geblieben wäre, sondern dass sie von jedem außer dem amtierenden Schiedsrichter gesehen wurde — nur von den Augen, die zählten, nicht. Diese Ohnmacht musste sich erst bis zu einem gewissen Punkt anhäufen, ehe sie später jene Maschine erzwang.
Von 1966 bis 2010 änderten sich die Mittel des Sehens, nicht aber die Frage selbst. Ob der ganze Ball die Linie überquert hatte, dafür gab es bereits 1966 eine feststehende Antwort — nur gab es damals kein Auge und kein Gerät, das diese Antwort aus einem Abstand von Millimetern herauslesen konnte. Vierundvierzig Jahre lang blieb die Wahrheit genau dort, wo sie war, weder mehr noch weniger, während die Mittel, sie zu erreichen, Stück für Stück heranwuchsen. Genau deshalb konnte ausgerechnet diese Frage am Ende von der Technik geschlossen werden: weil von Anfang bis Ende eine offensichtliche physikalische Antwort darauf wartete, gefunden zu werden, und es allein am Vermögen fehlte, sie zu lesen. Den anderen Streitfragen auf dem Fußballplatz dagegen fehlt es überhaupt nicht am Vermögen — ihnen fehlt von vornherein eine solche Antwort, die dort auf ihre Entdeckung wartet.
Im Nachhinein gab der zuständige Assistenzschiedsrichter öffentlich zu, von der Geschwindigkeit des Schusses getäuscht worden zu sein. Wenige Tage später entschuldigte sich Sepp Blatter öffentlich für diese entscheidenden Fehlentscheidungen der Weltmeisterschaft in Südafrika und sagte, es wäre geradezu absurd, die Akte Torlinientechnologie nicht wieder zu öffnen. Die Frage, die seit 1966 offen hing, sollte vierundvierzig Jahre später endlich von einer Maschine geschlossen werden.
2. Nur diese eine lässt sich schließen
Doch diese Maschine konnte nur diese eine einzige Frage schließen.
Die institutionelle Wende der Torlinientechnologie kam 2012. Das International Football Association Board beschloss am 5. Juli 2012, die Torlinientechnologie in die Fußballregeln aufzunehmen und ein Zertifizierungsverfahren einzurichten. Die FIFA erklärte daraufhin, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien werde das erste Turnier sein, bei dem Schiedsrichter durch Torlinientechnologie unterstützt würden. Das System feierte sein Debüt in einem offiziellen Wettbewerb zunächst bei der Klub-Weltmeisterschaft, und sein erster wirklicher Einsatz zur Entscheidungsfindung bei einer Weltmeisterschaft war 2014 im Spiel Frankreich gegen Honduras, als ein von Karim Benzema erzieltes Tor die Bestätigung des Systems auslöste. Von der unerreichbaren Frage in Wembley 1966 bis zu ihrer Schließung durch ein Signal auf einer Armbanduhr lagen fast fünfzig Jahre.
Doch das Vermögen dieser Maschine ist auffallend eng begrenzt. Die Definition, die die FIFA der Torlinientechnologie gibt, ist genau ein Satz lang: Sie dient allein dazu, sofort festzustellen, ob der ganze Ball die Torlinie vollständig überquert hat, und das Ergebnis innerhalb einer Sekunde an die Uhr des Schiedsrichters zu senden. Sie kümmert sich nicht um Abseits, nicht um Fouls, nicht um Handspiel, nicht um gelbe oder rote Karten. Die breitere Art der Videoüberprüfung musste warten, bis das International Football Association Board nach 2014 den Video-Assistenten genehmigte, ehe sie nach und nach Einzug in die Weltmeisterschaft hielt. Mit anderen Worten: Diese institutionelle Korrektur, die das englisch-deutsche Duell von 2010 mit hervorbrachte, schloss zuerst und allein die eine Frage, ob der Ball die Linie überquert hatte — nicht sämtliche Streitfragen der Schiedsrichterei.
Um diese Grenze noch offener auszusprechen: Was die Torlinientechnologie liefert, ist eine auf dem Fußballplatz seltene Art von Antwort — ein Ja oder Nein, das keinerlei Rest lässt. Der Ball hat die Linie überquert, oder er hat es nicht; es gibt keine dritte Möglichkeit, keine Frage des Standpunkts, keinen Raum für Interpretation, und innerhalb einer Sekunde ist das Signal auf der Uhr des Schiedsrichters. Das ist beinahe die vollkommenste Schließung, die sich ein Konstrukt vorstellen kann: schnell, exakt, gegen die niemand Einspruch einlegen kann. Doch gerade weil sie so kompromisslos ist, kann sie nur mit einer einzigen Art von Frage fertig werden: mit einer, bei der eine physikalische Tatsache bereits dort liegt und nur darauf wartet, gelesen zu werden. Das Verhältnis von Ball und Linie ist eine solche Frage; doch das Allermeiste von dem, worüber sich die Menschen auf einem Fußballplatz wirklich bis zur Röte im Gesicht streiten, ist es ausgerechnet nicht.
Hier ist ein gerechtes Wort angebracht. Lampards Tor wird oft so dargestellt, als habe es im Alleingang die Torlinientechnologie hervorgebracht — das zieht eine Kausalkette allzu gerade. Näher an der offiziellen Zeitlinie ist die Darstellung, dass diese Fehlentscheidung von 2010, zusammen mit mehreren anderen bedeutenden Fehlentscheidungen desselben Turniers, den unmittelbaren Hintergrund dafür bildete, dass Blatter und die FIFA das Thema Technik wieder aufgriffen; die tatsächliche institutionelle Umsetzung aber durchlief noch den ganzen Prozess aus Tests, Zertifizierung und Regeländerung, und kein einzelnes Spiel hat sie allein durchgesetzt.
Betrachtet man diese Maschine über einen längeren Zeitraum, so kappt sie einen Schwanz, den das menschliche Auge niemals hätte kappen können. Sich beim Urteil, ob ein Ball die Linie überquert hat, allein auf das menschliche Auge zu verlassen, lässt selbst bei bester Sehkraft immer einen Rest Ungewissheit im schnellsten Augenblick zurück, einen Spalt, in dem jeder bei seiner eigenen Version bleiben kann. Diese Maschine aber verschweißt diesen Spalt vollständig: In der Sache von Ball und Linie lässt sie keine Ungewissheit, keinen Streit und keinen Schwanz zurück, der sich später wieder aufrollen ließe. Das ist ein echter Fortschritt, das lässt sich nicht leugnen. Nur ist es stets allein dieser eine Spalt, den sie auf diese Weise verschweißen kann.
Doch wie dem auch sei: Dies war das erste Mal, dass das Konstrukt eine Frage, die Jahrzehnte offen gehangen hatte, wirklich restlos schloss. Gib ihm einen Ball, gib ihm eine Linie, und binnen einer Sekunde sagt es dir, ob er drüber war oder nicht — kein Widerspruch möglich, kein Schwanz übrig. Das ist es, wonach sich das Konstrukt sehnt: eine unmittelbare, binäre Schließung, die niemand mehr aufrollen kann. Nur dass ausgerechnet die Frage, die es so kompromisslos schließen kann, die engste, physikalischste, am striktesten entweder-oder-förmige der ganzen Weltmeisterschaft ist. Und diese in gleißendes Licht getauchte Schließung wirkt wie ein Suchscheinwerfer: Je heller die Stelle, die er ausleuchtet, desto tiefer erscheint im Kontrast der ganze Ring aus Dunkelheit ringsum, den sein Licht nicht erreicht.
3. Die Tat mit restlos klaren Fakten
Bei derselben Weltmeisterschaft gab es noch eine weitere Handlung, die jenen Ort, den dieser Suchscheinwerfer nicht erreicht, allen vor Augen führte.
Am 2. Juli 2010, im Soccer City Stadium von Johannesburg, standen sich Uruguay und Ghana im Viertelfinale gegenüber. In der hundertzwanzigsten Minute, im letzten Moment der Verlängerung, blockte Luis Suárez zunächst regelkonform einen Schuss ab, und unmittelbar danach wehrte er mit der Hand auf der Torlinie einen Kopfball von Dominic Adiyiah ab. Er wurde mit direkter roter Karte vom Platz gestellt, Ghana erhielt einen Elfmeter. Asamoah Gyan trat an, der Ball traf die Querlatte und sprang heraus. Es blieb beim Stand von 1:1, das Spiel ging ins Elfmeterschießen, und Uruguay setzte sich am Ende mit 4:2 durch und zog ins Halbfinale ein.
Seine beiden Aktionen lassen sich klar voneinander trennen. Zuerst blockte er regelkonform einen Schuss ab, etwas, das jeder Torwart tun würde; doch unmittelbar danach, als der Ball ihn bereits passiert hatte und im Begriff war, ins Netz zu gehen, streckte er die Hand aus und drückte ihn mit Gewalt auf die Torlinie hinunter. Das war kein panischer Reflex. Zwischen den beiden Handlungen wusste er genau, was er tat: die eine mit dem Körper, regelkonform; die andere mit der Hand, regelwidrig. Er tauschte eine nun unausweichliche rote Karte gegen ein zuvor fast unausweichliches Tor. Die gesamte Handlung, samt ihrem Preis, hatte er in jenen ein, zwei Sekunden bereits durchgerechnet.
Diese Abfolge von Tatsachen lässt keinerlei Zweideutigkeit zu. Handspiel, rote Karte, Elfmeter, Fehlschuss, Aufstieg — die Reihenfolge ist völlig klar, Bild für Bild erhalten. Nach seinem Platzverweis befand sich Suárez nicht mehr auf dem Feld, sondern wartete am Spielertunnel auf das Ergebnis. Fotos und Berichte mehrerer Medien hielten jene Szene fest: In dem Moment, als Gyans Elfmeter danebenging, feierte Suárez am Tunneleingang ausgelassen. Jedes einzelne Glied dieser Kette lag offen zutage, restlos einsehbar.
Der verschossene Elfmeter traf die Querlatte. Bei diesem Turnier scheint die Querlatte immer wieder angeschlagen worden zu sein: Lampards Ball schlug an ihrer Unterkante auf und sprang hinein, zählte aber nicht; Hursts Ball, vierundvierzig Jahre zuvor, schlug an ihrer Unterkante auf und sprang hinunter, und zählte doch; und nun schlug Gyans Elfmeter erneut an ihr auf und sprang heraus. Ein und dieselbe kalte Querlatte, einmal Genugtuung verschaffend, einmal Unrecht zufügend, einmal ein Schicksal besiegelnd, lag genau am Scheidepunkt dreier Generationen. Sie kennt keine Vernunft, erkennt niemandes Mühe an, kümmert sich um niemandes Geschichte; ob der Ball, der auf sie trifft, hinein- oder herausspringt, entscheidet sich nur um Millimeter — und zwischen der einen und der anderen Seite dieser Millimeter liegen doch Welten.
Gerade deshalb bilden diese Aktion und die Frage der Torlinie zwei genaue Gegenpole. Die Frage der Torlinie hat eine physikalische Antwort, die nur darauf wartet, festgestellt zu werden: Der Ball hat entweder die Linie überquert oder nicht. Bei Suárez' Aktion dagegen waren sämtliche Tatsachen längst festgestellt, kein Glied der Kette verbarg noch ein ungelöstes Rätsel. Und doch führte ausgerechnet dieser Fall, bei dem alle Fakten restlos klar waren, zu einem Streit, der bis heute nicht beigelegt ist.
4. Wie man es nennen soll
Der Streit liegt nicht bei den Tatsachen, sondern beim Namen. Wie soll man diese Tat eigentlich nennen?
Zunächst muss man klarmachen, welches Gewicht dieser Moment damals trug. Ghana war zu jenem Zeitpunkt Afrikas letzte Hoffnung. Spätere Rückblicke der FIFA halten unmittelbar fest, dass Ghanas Ziel gewesen sei, die erste afrikanische Mannschaft zu werden, die ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft einzog; und dieses Spiel wurde ausgerechnet auf dem Platz der ersten in Afrika ausgetragenen Weltmeisterschaft gespielt. Eine afrikanische Mannschaft, auf afrikanischem Boden, trennte nur ein Elfmeter vom Halbfinale. Was Suárez' Hand abblockte, war nicht nur ein Ball, sondern diese ganze Geschichte, die gerade im Begriff war, geschrieben zu werden.
Und so standen sofort zwei gegensätzliche Bezeichnungen im Raum. Ghanas Nationaltrainer nannte Suárez eine Woche später öffentlich einen erbärmlichen Betrüger und sagte, das sei nicht die Hand Gottes, sondern die Hand des Teufels. Uruguays Nationaltrainer hielt nach dem Spiel dagegen: Könne man das überhaupt Betrug nennen, wenn der Mann bereits mit roter Karte vom Platz gestellt worden sei und obendrein noch eine Sperre erwarte? Suárez selbst sagte im allerersten Interview nach dem Spiel, sein Gewissen sei rein, in jenem Moment habe es keine andere Wahl gegeben, und der Platzverweis sei es wert gewesen. Später kursierte zudem eine Äußerung, die ihm zugeschrieben wurde: Die Hand Gottes gehöre jetzt ihm, er sei die wahre Hand Gottes, er habe die beste Parade dieser Weltmeisterschaft gezeigt. Solche Aussagen sind nicht erst später frei erfunden worden, nur stammen manche aus unmittelbaren Interviews nach dem Spiel, andere aus Nachfragen der Medien am Tag darauf; es gibt mehr als eine Version, die man nicht zu einem einzigen Satz verschmelzen sollte. Die beiden Erzählungen — der landesweite Jubel in Uruguay hier, die Empörung Ghanas und eines Großteils der afrikanischen öffentlichen Meinung dort — standen bereits am Tag des Geschehens nebeneinander; niemand hat sie erst später neu zurechtgeschneidert.
Mitten in diesem Tumult stehen ein paar ganz konkrete Menschen. Gyan, der ghanaische Stürmer, der zum Elfmeterpunkt schritt, hatte es nicht nur mit einem Torwart zu tun, sondern mit dem angehaltenen Atem eines ganzen Kontinents. In dem Moment, als der Ball an der Querlatte aufschlug und heraussprang, ging nicht ein Elfmeter verloren, sondern jenes Erste, das eine ganze Generation schon in ihren Händen zu halten glaubte. Diese Menschen sind kein Symbol in irgendjemandes Erzählung, keine Fußnote zu den vier Worten „Afrikas Hoffnung", sondern eine Gruppe, die wirklich auf diesem Rasen stand, die wirklich glaubte, im Begriff zu sein, Geschichte umzuschreiben, und die in einer einzigen Sekunde mit ansehen musste, wie sie ihr entglitt. Der Streit darüber, ob Suárez ein Schurke oder ein Spieler war, dreht sich um ihn; doch wem in jener Nacht wirklich etwas genommen wurde, das waren diese Männer, die am anderen Ende des Tores standen.
Hier muss man an etwas Schwierigem festhalten: zwei Sätze gleichzeitig auszusprechen, ohne dass der eine in den anderen zusammenfällt. Der erste Satz lautet: Die Regeln hatten diese Tat längst behandelt. Handspiel ist ein Foul, es zieht einen Elfmeter nach sich, eine rote Karte, eine Sperre; keiner der in den Regeln festgeschriebenen Preise fehlte, alle wurden auf der Stelle vollständig bezahlt. Auf dieser Ebene ist die Rechnung beglichen, das Konstrukt hat diese Tat innerhalb seines eigenen Rahmens geschlossen. Doch gerade weil der Preis auf der Stelle bezahlt wurde, ist diese Tat etwas anderes als ein im Verborgenen begangener Betrug: Das Wesentliche am Betrug im Verborgenen ist genau der Versuch, diesem Preis zu entkommen, während Suárez' Tat nicht Flucht war, sondern das aktive Eingeständnis des Preises — er hatte lediglich genau berechnet, dass der Tausch einer roten Karte gegen ein fast sicheres, abgeblocktes Tor für Uruguay ein gutes Geschäft war. Ein Foul, dessen Preis innerhalb der Regeln vollständig bezahlt wurde, unmittelbar als Betrug zu bezeichnen, heißt, zwei verschiedene Dinge zu einem einzigen zusammenzupressen.
Hier verbergen sich in Wirklichkeit zwei verschiedene Arten von Schließung. Die eine ist eine Schließung der Rechnung: Die Regeln legten den Preis dieser Tat fest, Suárez bezahlte ihn auf der Stelle, und vom Standpunkt der Regeltexte aus ist diese Rechnung bereits ausgeglichen, erledigt. Die andere ist eine Schließung der Bedeutung: Was diese Tat, die dieser Mensch vollbracht hat, eigentlich bedeutet, welches Urteil ihr gebührt. In den Händen des Konstrukts liegt nur die erste Art von Schließung. Es kann eine Handlung bepreisen, den Preis einziehen, die Zeile in seinem eigenen Rechnungsbuch abhaken; doch es kann dir nicht sagen, in welche Spalte der Geschichte der Mensch, der diese Tat vollbracht hat, eingetragen werden soll. Den Preis bezahlt zu haben und seinen Ruf reingewaschen zu haben, sind von jeher zwei verschiedene Dinge; und was das Konstrukt für einen erledigen kann, ist immer nur das Erste.
Deshalb streiten Uruguay und Ghana schon so viele Jahre, ohne dass eine Seite die andere überzeugen könnte — nicht weil eine Seite unvernünftig wäre, sondern weil beide Seiten von Grund auf nicht dieselbe Frage stellen. Uruguay fragt: Hat er den Preis bezahlt? Die Antwort lautet ja, rote Karte und Sperre fehlten nicht. Ghana fragt: Hat er uns unsere Geschichte geraubt? Die Antwort lautet ebenfalls ja, jenes Erste ist damit dahin. Zwei Fragen, zwei Antworten, jede für sich richtig, und doch fügen sie sich niemals zu einer einzigen zusammen, weil sie nicht dasselbe messen. Genau das ist die Eigenart dessen, was man Bedeutung nennt: Sie hat keinen objektiven Ruhepunkt, sie neigt sich dorthin, wo man selbst steht, und es gibt keine Maschine, die alle an denselben Ort stellen könnte.
Was viele Menschen wirklich nicht schlucken können, ist vielleicht gar nicht die Hand selbst, sondern das, was danach kam: der Jubel. Das Handspiel lag innerhalb der Regeln, der Platzverweis, der Elfmeter — all das erkennen die Regeln an; doch als Gyans Elfmeter danebenging und Suárez am Tunneleingang die Fäuste in wilder Freude ballte, lag das außerhalb der Zuständigkeit jeder Regel. Das war ein Mensch, der sich über das zerplatzte Geschichtsträumen einer anderen Gruppe von Menschen ganz ungeniert freute. Die Regeln können ein Handspiel bepreisen, aber sie können diesen Freudentaumel nicht bepreisen, weil er von vornherein nicht zu dem gehört, womit sich Regeln befassen sollen. Dass man ihn einen Schurken nennt, richtet sich weniger gegen die Hand als gegen das, was in diesem Jubel zum Vorschein kam. Und genau das ist wiederum die Stelle, die das Konstrukt nicht erreichen kann: Es kann ein Foul bestrafen, aber es kann nicht den Ausdruck bestrafen, der sich auf dem Gesicht eines Menschen zeigt, nachdem er gewonnen hat.
Und der zweite Satz lautet: Was die Regeln schließen können, ist allein, was bestraft werden muss; was die Regeln nicht schließen können, ist, wie dieser Mensch letztlich in Erinnerung bleiben soll. Die Regeltexte können Elfmeter plus rote Karte plus Sperre errechnen, aber sie können nicht errechnen, ob der Mensch, der diese Tat vollbracht hat, ein Schurke ist, der einem ganzen Kontinent eine historische Chance geraubt hat, oder ein rationaler Spieler, der bereit war, den Preis zu zahlen. Keiner dieser beiden Namen lässt sich durch weitere Aufklärung der Fakten festlegen, denn die Fakten waren längst klar; festzulegen ist die Bedeutung, und für die Bedeutung gibt es keine Uhr, die einem binnen einer Sekunde eine Antwort liefert. Sämtliche Fakten waren restlos klar zu erkennen, und doch ließ sich nicht festlegen, wie diese Tat eigentlich zu nennen sei.
5. Das hässlichste Finale, der schönste Fußball
Wer bei jener Weltmeisterschaft am Ende den WM-Pokal in die Höhe stemmte, war Spanien. Doch bei diesem Champion, der später immer wieder zur Verkörperung des schönen Fußballs erklärt wurde, weisen die eigenen harten Zahlen eine kaum in Worte zu fassende Unstimmigkeit auf.
Spanien erzielte 2010 insgesamt nur acht Tore — die geringste Anzahl, die je ein Weltmeister in der Geschichte des Turniers erzielt hat. Reuters hielt direkt nach dem Finale fest, dass die Mannschaft in sieben Spielen nur acht Tore geschossen und damit den bisherigen Tiefstwert von elf Toren unterboten habe, den zuvor Italien 1938, England 1966 und Brasilien 1994 gemeinsam gehalten hatten. In der K.-o.-Runde schaltete Spanien Gegner um Gegner aus: 1:0 gegen Portugal, 1:0 gegen Paraguay, 1:0 gegen Deutschland, 1:0 gegen die Niederlande im Finale, dessen Siegtor Andrés Iniesta in der hundertsechzehnten Minute erzielte. Eine Mannschaft, die den Fußball auf die für das Auge angenehmste Weise spielte, erkämpfte sich den Titel mit vier Ergebnissen von 1:0 und einem einzigen Tor tief in der Verlängerung.
Das Finale selbst aber, das diesen Titel krönte, war ein hässliches Spiel voller Fouls und Karten. Der niederländische Mittelfeldspieler Nigel de Jong trat Xabi Alonso in der ersten Halbzeit mit hochgezogenem Bein gegen die Brust; der amtierende Schiedsrichter Howard Webb zeigte damals lediglich Gelb. Webb räumte später in einem Interview ein, er sei nach erneuter Durchsicht zu der Überzeugung gelangt, es hätte Rot sein müssen, doch seine Sicht sei in dem Moment verdeckt gewesen und er habe den vollständigen Kontakt nicht klar erkannt. Insgesamt fielen in diesem Finale vierzehn gelbe Karten sowie ein Platzverweis nach Gelb-Rot — ein Rekord für die meisten Karten in einem WM-Finale. Der schönste Fußball wurde in dem am wenigsten schönen Finale gekrönt.
Dieser Rekord von acht Toren für einen Weltmeister ist, betrachtet man ihn genauer, ein Satz, den man langsam auf der Zunge zergehen lassen muss. In Erinnerung geblieben ist Spanien als die Mannschaft, die den Ball so weiterspielte, dass der Gegner ihm nicht mehr folgen konnte, die einen schwindlig spielte, die Verkörperung der vier Worte „für das Auge angenehm". Doch schlägt man die harten Zahlen nach, erzielte diese Mannschaft weniger Tore als jeder andere Weltmeister der Geschichte: vier K.-o.-Spiele, jedes mit nur einem einzigen Tor Vorsprung gewonnen, und selbst das Finale brauchte die Verlängerung. Für das Auge angenehm und torreich sind, wie sich zeigt, zwei verschiedene Dinge. Schönheit lässt sich nicht messen, und sie lässt sich nicht notwendig gegen mehr Tore eintauschen; wogegen sie sich eintauschen lässt, ist Kontrolle, jenes erstickende Gefühl, dem Gegner ein ganzes Spiel lang den Ball vorzuenthalten. Diese schönste aller Mannschaften hat sich ihren Titel gerade auf die am wenigsten aufregende Weise erkämpft, Tor für Tor.
Dass der schönste Fußball in dem hässlichsten Finale gekrönt wurde, ist als Kontrast eine vertraute Gestalt innerhalb dieses Zyklus. Eine Spielweise kann, solange sie noch Herausforderer ist, sich allein der Schönheit verschreiben; doch sobald sie zur Orthodoxie geworden ist, die verteidigt werden muss, ist keineswegs mehr gesichert, dass das Spiel selbst noch schön bleibt. In jener Nacht des Jahres 2010 stand auf der einen Seite Spanien, das den schönen Fußball geerbt hatte und nun gekrönt werden sollte, auf der anderen die Niederlande, die den schönen Fußball erfunden hatte und nun mit Fouls versuchte, diese Krönung zu verhindern. Ausgerechnet das Spiel, das den schönen Fußball inthronisierte, war jenes, in dem dieses Ideal von beiden Seiten gemeinsam am wenigsten schön gemacht wurde. Die Art, wie ein Ideal den Thron besteigt, wird dem Ideal selbst häufig nicht gerecht.
Darin steckt etwas besonders Auffälliges. Diejenige Mannschaft, die hereinstürmte, um mit Tritten und Fouls Spaniens Ballbesitzspiel zu zerlegen, war ausgerechnet die Niederlande — jene Mannschaft, die vierzig Jahre zuvor als erste den schönen Fußball gespielt hatte. Die Heimat des schönen Fußballs trat, um dieses eine Spiel zu gewinnen, mit eigener Hand gegen ihre eigene neue Generation — und gewann am Ende trotzdem nicht.
De Jongs nicht mit Rot geahndeter Tritt ist wieder ein vertrauter Fall des Unerreichbaren. Jeder konnte sehen, wie brutal dieser Tritt war, doch ob die Augen auf dem Platz, deren Sicht in diesem Moment verdeckt war, ihn zu einer roten Karte hätten machen können, steht auf einem anderen Blatt; und sobald der Pfiff ertönt ist, lässt sich eine Entscheidung, die in dem Moment nicht klar gesehen wurde, nie wieder nachholen. Zwischen dem Sehen eines brutalen Kontakts und seiner Ahndung, auf der Stelle, in genau der Form, die ihm zustünde, liegt wiederum ein Spalt, den niemand mehr flicken kann. Genau einen solchen Spalt hinterließ die Schiedsrichterleistung in diesem Finale, das den schönen Fußball krönte.
Die Entscheidung, die die Niederlande in jener Nacht traf, bringt noch eine weitere grausame Gestalt dieses Zyklus zum Vorschein. Was die Niederlande überhaupt erst zur Niederlande machte, war jene fließende Schönheit; doch um einen Gegner aufzuhalten, der diese Schönheit noch besser geerbt hatte als sie selbst, war sie bereit, genau diese Sache beiseitezulegen und stattdessen jene Art von Fußball zu spielen, die sie einst am meisten verachtet hatte. Das gleicht einem Konstrukt, das mit eigener Hand genau das Fundament verrät, das es überhaupt erst zu sich selbst gemacht hat, nur um zu gewinnen. Was es dabei aufs Spiel setzte, war seine eigene Herkunft; und dieser Einsatz brachte am Ende nicht einmal den Sieg ein — verloren ging stattdessen ausgerechnet diese Herkunft.
6. Die Enkel von 1974
Fragt man, woher dieser spanische Fußball eigentlich stammt, so gibt es eine Genealogie, die sich schwarz auf weiß niederschreiben lässt.
Erstens: Johan Cruyff holte, damals noch als Spieler, Pep Guardiola eigenhändig in Barcelonas Dream Team und machte ihn zum Dreh- und Angelpunkt des Mittelfelds. Zweitens: Im WM-Finale 2010 waren sieben der elf spanischen Startspieler Barcelona-Spieler — Carles Puyol, Gerard Piqué, Sergio Busquets, Xavi, Andrés Iniesta, Pedro, David Villa —, und mit Cesc Fàbregas kam noch ein achter von der Bank. Drittens: Spaniens damaliger Technischer Direktor sagte später, der Stil dieser Weltmeistermannschaft stamme aus der Jugendausbildung, nicht umgekehrt. Verbindet man diese drei Punkte, lässt sich verlässlich festhalten: Die von Cruyff geprägte Fußballausbildung Barcelonas lieferte, zusammen mit Guardiolas System, dem Spanien von 2010 seinen Kernbestand an Spielern und eine ganze gemeinsame Sprache des Spiels.
Bis hierher lässt sich alles Punkt für Punkt nachprüfen. Einen Schritt weiter zu gehen und zu sagen, das Spanien von 2010 sei die endlich vollzogene historische Übergabe jener Blutlinie der Niederlande von 1974, ist bereits keine historische Tatsache mehr, sondern eine Lesart. Zwischen dem Gehen und Nicht-Gehen dieses Schritts verläuft eine Grenzlinie: Feststellbar ist, woher die Spieler kamen und welche Sprache des Spiels sie teilten; es aber als Geschichte davon zu erzählen, wie eine Blutlinie über vierzig Jahre hinweg ihre Krönung vollzieht, heißt, eine zusätzliche Schicht Interpretation darüberzulegen. Die Schicht der historischen Tatsachen endet genau bei Hierros Satz, der Stil stamme aus der Jugendausbildung; die Schicht darüber ist das eigene Herausschreiten des Konstrukts, und man muss sie als Lesart anerkennen, darf sie nicht als Aktenlage ausgeben.
Noch einen Schritt weiter, und man betritt das Gebiet der Interpretation — und genau an dieser Stelle zeigt das Konstrukt sein Gerüst am deutlichsten. Vierzig Jahre zuvor, 1974, trieb Cruyffs Niederlande den totalen Fußball auf die Spitze und wollte alle festen Positionen auf dem Platz abschaffen, sodass jeder Spieler überallhin fließen konnte. Das war eine wunderschöne Negation der erstarrten Formation. Doch diese Niederlande verlor das Finale und wurde zum schönsten Verlierer jenes Turniers. Vierzig Jahre später gelangte diese Negation, über Cruyffs Barcelona, in Guardiolas Hände und hob, getragen von dieser Generation spanischer Spieler, zum ersten Mal wirklich den WM-Pokal in die Höhe. Der schöne Verlierer von damals wurde, in Gestalt seiner Enkel, zum Sieger — zur neuen Orthodoxie.
Und eine Negation wird, sobald sie zur Orthodoxie wird, selbst zu jenem Ding, das als Nächstes negiert werden muss. Jener fließende, gegen Erstarrung gerichtete Impuls von 1974 hatte sich, als er 2010 den Thron bestieg, bereits zu einer festen Form verdichtet, die einen Namen trägt, Lehrbücher hat und Generation um Generation nachgebildet werden kann. Je vollständiger sie siegte, desto mehr wandelte sie sich von einem Meißel zu einem Konstrukt, zu jenem neuen, harten Ding, das die Nachkommenden erst wieder aufbrechen müssten. Der Moment, in dem der schönste Fußball den Thron bestieg, war genau der Moment, in dem er zu altern begann.
Darin liegt noch eine feinere Ironie. Was jenes System von 1974 ursprünglich negieren wollte, war genau die unveränderliche, feste Position auf dem Platz; es wollte Fluss, die Freiheit für jeden, überallhin zu gehen. Doch als dieser Fluss bis 2010 zu einem für jeden erlernbaren Ballbesitzspiel geschliffen worden war, hatte er selbst ein ganzes neues Regelwerk hervorgebracht: wer wo zu stehen hatte, wohin der Ball gespielt werden sollte, nach wie vielen Kontakten er abzugeben war — alles hatte seine feste Ordnung. Ein System, das einst dazu diente, das Feste zu zertrümmern, hatte sich am Ende selbst festgesetzt. Es ist nicht verdorben; nur wurde, sobald jener Fluss auf einen Altar gehoben und Generation für Generation als richtige Antwort gelehrt wurde, sein ursprünglicher Drang, hinzugehen, wohin er wollte, still und leise von einer festen Ordnung vereinnahmt.
Noch eine weitere Schicht: Der Erfinder selbst hat diese Krone bis heute nie tragen dürfen. Die Niederlande von 1974, die als Erste den schönen Fußball gespielt hat, hat bis heute keine Weltmeisterschaft gewonnen; wer dieses System wirklich auf den Thron gehoben hat, war nicht sie selbst, sondern, eine Generation später, jene Mannschaft, die in einem anderen Land Wurzeln geschlagen und Knospen getrieben hatte. Der Erfinder blieb beim schönen Verlierer stehen, und die Frucht pflückte der Erbe. Auch das ist in diesem Zyklus nicht das erste Mal: Wer etwas Neues heraus meißelt, ist oft nicht derjenige, der es am Ende genießen darf; zwischen dem Ersinnen einer Negation und ihrem Reifen zur Orthodoxie liegt häufig eine ganze Generation — und ein Wechsel der Hände, der einem Dynastiewechsel gleicht.
7. Die Bilanz ohne einheitliches Urteil
Zieht man die Kamera weiter zurück, auf ganz Südafrika: Die größte Bilanz, die diese Weltmeisterschaft hinterließ, ist eine Rechnung, die sich, wie man sie auch aufstellt, zu keinem einzigen, einheitlichen Urteil zusammenfügen lässt.
Südafrika erhielt 2004 den Zuschlag zur Ausrichtung und wurde damit das erste afrikanische Land, das eine Fußball-Weltmeisterschaft der Männer austrug; diese Bewerbung fiel in eine Zeit, in der die FIFA das Bewerbungsrecht für dieses Turnier vorübergehend auf Afrika beschränkte, im Rahmen einer kurzlebigen Politik des kontinentalen Rotationsprinzips. Das Turnier lief vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010: zweiunddreißig Mannschaften, vierundsechzig Spiele, zehn Stadien, neun Austragungsstädte, eine offiziell geschätzte Gesamtbesucherzahl von rund 3,1 Millionen — zu jener Zeit die dritthöchste Gesamtzuschauerzahl der Geschichte. Der Gastgeber Südafrika selbst jedoch trennte sich in der Gruppenphase 1:1 von Mexiko, verlor 0:3 gegen Uruguay und gewann 2:1 gegen Frankreich, schied wegen der schlechteren Tordifferenz aus und wurde damit der erste Gastgeber in der Geschichte der Weltmeisterschaft, der bereits in der Gruppenphase ausschied.
Dass ein Gastgeber bereits in der ersten Runde ausscheidet, war in der Geschichte der Weltmeisterschaft ein Novum. Ein Land, das die gesamte Weltmeisterschaft auf seinen Schultern trug, brachte es mit der eigenen Mannschaft nicht einmal über die Gruppenphase hinaus. Das ließe sich als grelle Metapher schreiben — ein Gastgeber, der es nicht einmal vor der eigenen Haustür schafft, ordentlich Fußball zu spielen; man kann es aber ebenso gut von der anderen Seite schreiben — ein afrikanisches Land, das noch nie zuvor eine Weltmeisterschaft ausgerichtet hatte, führte ein Turnier mit zweiunddreißig Mannschaften und vierundsechzig Spielen souverän zu Ende, und die Ergebnisse der eigenen Mannschaft wurden zu einer eher nebensächlichen Fußnote neben dieser größeren Leistung. Ein und dieselbe Sache lässt sich in beide Richtungen schlüssig erzählen, und genau das ist das alte Problem dieser Weltmeisterschaft: Jedes Gesamturteil über sie hängt stets davon ab, auf welcher Seite man schon stand, bevor man zu schreiben begann.
Wirklich schwer zu berechnen ist die Bilanz der Stadien und des Vermächtnisses. Die verlässlichste Schlussfolgerung lautet weder, dass alles zu weißen Elefanten wurde, noch, dass alles gelungen ist. Sowohl die akademische Forschung als auch die nachträglichen Bewertungen der Regierung kommen näher an jenen gespaltenen Mittelzustand heran. Einerseits stellen spätere wirtschaftswissenschaftliche Studien übereinstimmend fest, dass die Auslastung der Stadien nach dem Turnier deutlich zurückging und ein Teil der Anlagen zu einer finanziellen Last wurde; andererseits ist eine Last noch nicht dasselbe wie Verfall. Das Stadion in Kapstadt verzeichnete im Berichtsjahr 2024/25 fünfundvierzig große Veranstaltungen verschiedenster Art, den höchsten Wert seiner Geschichte; das Mbombela-Stadion beherbergt bis heute Fußball- und Rugbywettbewerbe und ist seit langem die Heimstätte eines Vereins; das Stadion in Durban wurde noch 2024 systematisch gewartet und renoviert. Die vorsichtigste Aussage kann nur lauten: Die Nutzung nach dem Turnier hat sich stark aufgespalten — Stadien in den zentralen Metropolen mit einem festen Hauptmieter überleben leichter, während Stadien ohne dauerhafte, publikumsstarke Veranstaltungen leichter in finanzielle Bedrängnis geraten.
Dass sich diese Rechnung zu keinem einzigen Urteil zusammenfügen lässt, liegt nicht an fehlendem Material — im Gegenteil, es gibt reichlich davon; nur weist es in unterschiedliche Richtungen, und es gibt kein gemeinsames Maß, das sie ineinander umrechnen könnte. Misst man an der Infrastruktur, wurde dieses Turnier hervorragend ausgerichtet; misst man am Rechnungsbuch der Stadien, ist ein Teil davon zu einem langjährigen Loch geworden; misst man am Ansehen des Landes, trat Südafrika in jenem Sommer in einer ganz neuen Haltung vor die Welt. Dieselbe Weltmeisterschaft ergibt, je nach angelegtem Maß, ein anderes Urteil, und keines dieser Maße hat mehr Anspruch darauf, für das Ganze zu sprechen, als ein anderes. Wollte man ihr eine Gesamtnote dafür geben, ob sie es wert war, müsste man zunächst so tun, als ließen sich diese verschiedenen Maße zu einem einzigen verschmelzen — doch das lässt sich nicht.
Wie viel von dem versprochenen Vermächtnis tatsächlich eingelöst wurde, dazu geben offizielle und unabhängige Bewertungen ebenfalls unterschiedliche Antworten. Das Vermächtnis, das offizielle Stellen betonen, sind Straßen, Flughäfen, Sicherheit, öffentliche Gesundheit und eine Erzählung nationalen Zusammenhalts; eine Studie der Weltgesundheitsorganisation über das gesundheitspolitische Vermächtnis bestätigt tatsächlich, dass Südafrika bei der Notfallreaktion und der gesundheitlichen Koordination bei Großveranstaltungen institutionelle Erfahrungen gesammelt hat, die auch dem späteren Afrika-Cup zugutekamen. Auf der anderen Seite jedoch stellten spätere unabhängige Studien fest, dass die Vorab-Prognosen zu Touristenzahlen und wirtschaftlichem Ertrag deutlich zu hoch angesetzt waren: Die tatsächliche Zahl ausländischer Besucher lag bei rund 309.000, weit unter den 483.000, die eine Beratungsfirma zuvor prognostiziert hatte, und sogar unter deren später korrigierter Schätzung von 373.000. Zur Frage, ob es das wert war, kann die auf Tatsachenebene verlässlichste Formulierung nur lauten: Auf der Ebene von Infrastruktur und nationalem Ansehen gibt es ein sichtbares Vermächtnis; auf der Ebene der Stadionfinanzen und des unmittelbaren wirtschaftlichen Ertrags besteht seit langem ein deutlicher Zweifel. Ein späteres Dokument der südafrikanischen Regierung beziffert die gesamten öffentlichen Investitionen auf rund 33 Milliarden Rand. Was diese Investition tatsächlich eingebracht hat, dafür gibt es bis heute keine einzige Antwort, der alle Seiten zustimmen könnten.
Und diese Rechnung ist noch lange nicht so weit, geschlossen werden zu können. Ein Stadion, das nach 2010 als weißer Elefant galt, kann ein paar Jahre später wieder voll ausgelastet sein; eine wirtschaftliche Prognose, die damals in höchsten Tönen gepriesen wurde, kann Jahre später Punkt für Punkt von den tatsächlichen Zahlen widerlegt werden. Die Zahlen im Rechnungsbuch verändern sich mit den Jahren weiter; ein heute festgehaltener Gewinn oder Verlust kann, blickt man Jahre später darauf zurück, ganz anders aussehen. Selbst wenn man sich also auf ein einziges Maß beschränkt, ergibt sich keine feste Zahl, weil diese Rechnung überhaupt keinen Tag des Abschlusses kennt. Sie bleibt fortwährend offen, wird von den kommenden Jahren immer wieder umgeschrieben, und eine Rechnung, die für immer umgeschrieben wird, lässt sich niemals schließen.
Jenes Turnier hinterließ noch zwei weitere Dinge, das eine umstritten, das andere seltsam. Umstritten war die Vuvuzela, jenes bienenschwarmartige Dröhnen, das jedes einzelne Spiel durchzog. Blatter lehnte damals ein Verbot ausdrücklich ab und nannte sie einen Teil der südafrikanischen Fußballkultur; doch ebenso real waren die Beschwerden der Übertragungsanstalten, der Streit um den Klangeindruck und die späteren Verbote bei europäischen Wettbewerben. Ob sie die Stimme der Leidenschaft oder ein lästiges Geräusch war, dafür gibt es ebenfalls kein einheitliches Urteil. Seltsam war ein Oktopus namens Paul, der in einem deutschen Aquarium Spielergebnisse voraussagte, indem er zwischen zwei mit Nationalflaggen versehenen Kästen wählte, und der tatsächlich alle sieben Spiele der deutschen Mannschaft sowie das Finale Spanien gegen Niederlande richtig vorhersagte — acht von acht. Mehrere Millionen Menschen starrten tatsächlich auf einen Oktopus, in der Hoffnung, aus seinem Maul eine sichere Antwort über die Zukunft zu erhalten. Und der einzige restlos vollkommene Treffer jenes Sommers stammte ausgerechnet vom reinen Zufallsglück eines Oktopusses, der nichts vorausgesehen und nichts erklärt hatte.
Doch ausgerechnet diesen Oktopus brauchten mehrere Millionen Menschen. Bei einer Weltmeisterschaft, die vollgestopft war mit Fragen, die sich nicht schließen ließen, war der Hunger der Menschen nach etwas, das eine sichere Antwort liefern konnte, so groß, dass sie bereit waren, ihn auf einen Oktopus zu übertragen. Dieser Oktopus wurde nicht deshalb weltberühmt, weil er wirklich etwas verstand, sondern weil er vorgab, für die Menschen genau das zu leisten, was sie sich am meisten wünschten und am wenigsten selbst zustande brachten: ein Ergebnis, das noch nicht eingetreten war, vorab zu schließen. Dass er alle acht Spiele richtig vorhersagte, wirkt wie eine Parodie auf Schließung, ein rein vom Glück abhängiger Zufall, der als Orakel behandelt wurde. Und je ernster man ihn nahm, desto schärfer trat hervor: Von den Fragen, die die Menschen wirklich schließen wollten, konnte ein Oktopus nicht eine einzige schließen.
8. Schluss
Fügen wir all dies zusammen.
Die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war das erste Mal, dass das Konstrukt wirklich eine Frage restlos schloss — und gerade diese eine saubere Schließung beleuchtete den gesamten sie umgebenden Ring des Ungeschlossenen mit voller Klarheit, so klar, dass jenes Ungeschlossene, das sich früher noch vage überspielen ließ, sich nun nicht mehr vage überspielen ließ und vollständig zu einem sichtbaren Ungeschlossenen wurde.
Was die Torlinientechnologie schloss, war die Frage, ob der Ball die Linie überquert hatte — die engste, physikalischste, striktest entweder-oder-förmige Frage, mit einer physikalischen Antwort, die nur auf ihre Feststellung wartete. Doch kaum war diese Grenze gezogen, nahm alles außerhalb ihrer Gestalt an. Bei Suárez' Tat waren sämtliche Fakten geklärt, und doch ließ sich nicht festlegen, ob man sie Betrug nennen sollte oder ein rationales Foul, dessen Preis vollständig bezahlt wurde — denn festzulegen war dort Bedeutung, nicht Tatsache. Bei Südafrikas Vermächtnis-Bilanz waren die Straßen und Flughäfen real, ebenso real die finanziellen Lasten; ob es sich gelohnt hat, lässt sich zu keiner einzigen, von allen Seiten anerkannten Antwort berechnen, weil diese Bilanz von Natur aus gespalten und vielköpfig ist. All das kann jene Maschine, die einem binnen einer Sekunde sagt, ob der Ball die Linie überquert hat, ebenso wenig schließen.
Und an der äußersten Stelle dieses Rings stehen noch ein paar Menschen, die nicht einmal die Fakten erreichen können. Die nordkoreanische Mannschaft verlor bei jener Weltmeisterschaft alle drei Spiele: zunächst 1:2 gegen Brasilien, wobei Ji Yun-nam ihr einziges Tor des Turniers erzielte, dann 0:7 gegen Portugal. Was ihr Schicksal nach der Rückkehr ins eigene Land betrifft: Im Juli 2010 berichteten bestimmte Kanäle, die Mannschaft sei in Pjöngjang öffentlich kritisiert und der Trainer zu Zwangsarbeit verurteilt worden; diese Berichte veranlassten die FIFA, im August offiziell ein Schreiben an den nordkoreanischen Fußballverband zu richten und um Aufklärung zu bitten. Die FIFA erklärte anschließend, sie betrachte die Angelegenheit auf Grundlage der ihr vorliegenden Informationen als abgeschlossen, und verfolgte sie nicht weiter. So lassen sich die schwerwiegendsten dieser Gerüchte bis heute von außen nicht unabhängig überprüfen. Wer die Behauptung, die gesamte Mannschaft sei zur Zwangsarbeit geschickt worden, als feststehende Tatsache hinstellt, überschreitet die Grenze dessen, was sich belegen lässt. Selbst die FIFA, jene Maschine in diesem Konstrukt, die am ehesten bereit ist nachzuforschen, schickte einen Brief, erhielt eine Antwort und schloss damit die Akte; weiter dahinter liegt eine Mauer, die unerreichbar bleibt. Diese wenigen Spieler sind zuallererst ein paar wirkliche Menschen, keine mahnende Geschichte; was ihnen tatsächlich widerfahren ist, ist ausgerechnet der Punkt bei dieser Weltmeisterschaft, den niemand leichthin an ihrer Stelle festschreiben sollte.
Das ist die äußerste Zelle dieser Weltmeisterschaft, so weit außen, dass sich nicht einmal eine überprüfbare Schicht von Tatsachen ertasten lässt. Bei der Frage der Torlinie liegt die Schwierigkeit darin, eine physikalische Antwort herauszulesen; bei Suárez' Tat liegt sie darin, einer restlos geklärten Tatsache einen Namen zu geben; bei Südafrikas Bilanz liegt sie darin, dass sich mehrere Maße nicht ineinander umrechnen lassen. Doch bei diesen nordkoreanischen Spielern ist selbst die unterste Schicht — was überhaupt geschehen ist — durch eine Staatsgrenze und ein undurchsichtiges System fest und lückenlos abgeriegelt. Jene Maschine innerhalb des Konstrukts, die am ehesten bereit ist nachzuforschen, trug ihren Brief bis an den Fuß der Mauer, bekam von der anderen Seite einen einzigen Satz zurückgereicht und konnte die Akte nur schließen. Nicht weil sie nicht nachforschen wollte, sondern weil sie nicht hinreichte; und genau dort, wo sie nicht hinreicht, sind ein paar wirkliche Menschen eingeschlossen.
Breitet man diesen Ring aus, ergibt sich ein Spektrum vom Schließbaren zum Unschließbaren. Ganz innen: ob der Ball die Linie überquert hat, eine Frage mit physikalischer Antwort, von der Maschine in einer Sekunde geschlossen. Weiter außen: Suárez' Tat, alle Fakten geklärt, doch wie man sie nennen soll, hat keine physikalische Antwort — ungeschlossen. Noch weiter außen: Südafrikas Bilanz, reichlich Material, doch mehr als ein Maß — ungeschlossen. Ganz außen: jene nordkoreanischen Spieler, bei denen sogar die Tatsachen selbst durch eine Mauer abgeriegelt sind — am wenigsten schließbar von allen. Je weiter außen, desto weniger fehlt dort eine bessere Maschine, und desto eher gibt es dort von vornherein überhaupt keine Antwort, die auf ihre Lesung wartet. Was die Torlinientechnologie beleuchtete, war nur die innerste Zelle dieses gesamten Spektrums.
Das Konstrukt glaubt, es müsse sich nur Zelle für Zelle weiter nach außen vorarbeiten, um immer mehr Zellen dieses Spektrums zu erhellen, und werde eines Tages den ganzen Kreis ausleuchten können. Nach der Torlinientechnologie kam tatsächlich noch der Video-Assistent, der den Lichtkegel ein Stück weiter nach außen verschob, um Abseitsentscheidungen und Fouls zu beleuchten. Doch mit jeder Zelle, die weiter außen beleuchtet wird, taucht am neuen Rand sogleich ein neuer Ring frischer Streitfragen auf — ob das Gesehene zählt, wer darüber zu entscheiden hat —, und stets wartet schon die nächste unerreichbare Frage. Der Lichtkegel lässt sich verschieben, lässt sich verbreitern, bleibt aber für immer ein Lichtkegel; jede Zelle, die er beleuchtet, hat als ihren Rand einen größeren, sie umgebenden Ring aus Dunkelheit.
Immer mehr wird sichtbar, und was sich schließen lässt, wird immer präziser geschlossen. Ob ein Ball die Linie überquert hat — vierundvierzig Jahre später schließt eine Maschine das für uns binnen einer Sekunde. Doch gerade diese immer präziser geschlossene Linie beleuchtet den gesamten sie umgebenden Ring des Unschließbaren klarer als je zuvor: den Namen für eine einzelne Handlung, ob ein ganzes Unterfangen seinen Preis wert war, das Schicksal einiger weniger Menschen. Je heller das Licht des Suchscheinwerfers brennt, desto dunkler wird dieser umgebende Ring, und die Augen der Menschen werden doch immer zuerst von jenem hellsten Lichtstrahl angezogen, in dem Glauben, die beleuchtete Stelle sei das Ganze, und vergessen dabei, dass es genau dieser Strahl ist, der mit eigener Hand die Grenze um jenen ganzen Ring aus Dunkelheit gezogen hat, den er nicht erreicht. Das Konstrukt glaubt stets, mit jeder weiteren geschlossenen Frage komme es der lückenlosen, nahtlosen Schließung ein Stück näher; doch mit jeder geschlossenen Frage markiert die Grenze dieser Schließung ihm zugleich einen ganzen neuen Ring von Dingen, die es sein Leben lang nicht wird schließen können. Der Rest schrumpft niemals, nur weil irgendeine Tür geschlossen wurde. Er zieht sich lediglich hinter die neu gezogene Grenze zurück und hält dort weiter Wache. Der Zyklus ist nicht stehen geblieben. Er dreht sich noch immer.