Berlin
Das Ende stand schon fest, doch einer wollte nicht mitspielen
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland)
In diesem Essay
1. Das Ende stand schon fest
Die Weltmeisterschaft 2006 sollte ein Ende bekommen, das längst geschrieben war.
Zidane war damals vierunddreißig. Dass er nach dieser Weltmeisterschaft aufhören würde, hatte er längst bekannt gegeben. Acht Jahre zuvor, 1998, hatte er Frankreich in Paris mit zwei Kopfballtoren zum ersten WM-Titel verholfen. Acht Jahre später holte man ihn, der schon an der Schwelle zum Abschied stand, in die Nationalmannschaft zurück. Mit einer französischen Mannschaft, der man vor dem Turnier nicht viel zugetraut hatte, kam er Runde um Runde weiter: Spanien ausgeschaltet, Brasilien ausgeschaltet, Portugal ausgeschaltet, bis ins Finale von Berlin. Ein Genie bei seiner letzten Weltmeisterschaft, zum Abschluss noch einmal der Titel, dann der Rückzug ins Reich der Legenden. Diese Geschichte war zu vollkommen. So vollkommen, dass man ihr Ende schon niedergeschrieben und bereitgelegt hatte, ehe das letzte Spiel gespielt war. Er musste nur noch auf den Platz gehen und es wahr machen.
Das Erzählen will den Tatsachen immer zuvorkommen. Oft steht die Geschichte eines großen Ereignisses schon fest, bevor es überhaupt stattgefunden hat. Zidanes Weltmeisterschaft wurde beinahe von Anfang an in eine fertige Form gegossen: Der alte Held kehrt zurück, vollendet, was er begonnen hat, und setzt einen makellosen Schlusspunkt unter seine Laufbahn. Alle warteten darauf, dass dieser Schlusspunkt fiel.
Dieses Vorgreifen entspringt keiner einzelnen Laune. Es gehört zum Wesen des Erzählens. Am meisten beruhigt uns eine Geschichte, wenn sie einen Anfang und ein Ende hat und sich zu einer schönen Form schließt. Und kaum eine Form gefällt so sehr wie diese: Ein alter Held kehrt zurück, gewinnt am Ende seiner Laufbahn noch einmal und zieht sich nach vollbrachter Tat in die Erinnerung der Menschen zurück. Das geht zu glatt auf. So glatt, dass man es kaum erwarten kann, das noch gar nicht erspielte Ende vorweg in die fertige Form einzusetzen. Fast das ganze Turnier hindurch blieb Zidane in diese vorgegebene Form eingespannt. Was man auf den Tribünen verfolgte, am Kommentatorenplatz sagte und in den Zeitungen schrieb, galt weniger der Frage, wie er in diesem einen Spiel tatsächlich spielte. Man beobachtete ihn vielmehr und wartete darauf, dass er den längst vorbereiteten Schlusspunkt eigenhändig nachzog, Strich für Strich. Das Drehbuch war fertig. Nur der letzte Schritt des Hauptdarstellers stand noch aus.
Doch die Tatsachen wollten sich partout nicht an das fertige Drehbuch halten.
9. Juli 2006, Berliner Olympiastadion. Das Finale: Italien gegen Frankreich. In der siebten Minute trat Zidane zum Elfmeter an. Der Ball traf die Unterkante der Latte und sprang ins Tor. Ein bis aufs Äußerste ausgereizter Panenka, leichtfüßig und arrogant, ein Scherz, den sich in einem WM-Finale nur ein Spieler seiner Klasse erlauben konnte. In der neunzehnten Minute köpfte Materazzi eine Ecke von Pirlo zum Ausgleich ein. Danach fiel in den neunzig Minuten keine Entscheidung mehr. Beim Stand von 1:1 ging es in die Verlängerung. Dort kam Zidane noch einmal mit dem Kopf zum Abschluss. Buffon streckte sich mit aller Kraft und lenkte den Ball über die Latte. Fast wäre dies der letzte entscheidende Stoß gewesen, den das vollkommene Ende noch brauchte.
Dann kam die hundertzehnte Minute.
Weit weg vom Ball drehte Zidane sich plötzlich um und stieß Materazzi den Kopf mit Wucht gegen die Brust. Materazzi ging zu Boden. Der Schiedsrichter kam herüber und zeigte Rot. Zidane wurde mit glatt Rot vom Platz gestellt. Mit gesenktem Kopf ging er an der Trophäe vorbei, verschwand im Spielertunnel und war fort. Es war das letzte Spiel seiner Karriere und ihre letzte Szene. Auch beim Schlusspfiff stand es 1:1. Im Elfmeterschießen gewann Italien mit 5:3. Für Frankreich vergab allein Trezeguet. Auch sein Elfmeter traf die Latte. Grosso verwandelte den letzten Schuss, Italien hob den WM-Pokal in die Höhe.
Nur wenige Schritte vor dem Ziel hatte der Mann, der dieses vollkommene Ende hätte schreiben sollen, es selbst mit einem Stoß zertrümmert.
2. Die hundertzehnte Minute
Zuerst muss klar sein, was es mit dieser Roten Karte selbst auf sich hatte.
Wer auf dem Fußballplatz gegen einen anderen Spieler gewalttätig wird, gehört mit Rot vom Platz. Daran gibt es nichts zu deuteln. Zidanes Kopfstoß war zu sehen, mehrere hundert Millionen Menschen hatten ihn unmissverständlich vor Augen. Es war eine Tätlichkeit, und nach den Regeln musste darauf Rot folgen. Hier brachte der Aufbau die sichtbare Handlung sauber und eindeutig zum Abschluss.
Doch sofort tauchte eine Frage auf, die sich nicht eindeutig beantworten ließ: Woher wusste der Schiedsrichter überhaupt davon?
Der Kopfstoß geschah weit abseits des Balls. Schiedsrichter Elizondo hatte ihn möglicherweise gar nicht sehen können. Im Fernsehen wurde die Szene immer wieder gezeigt. Viele Zuschauer, viele Kommentatoren und sogar Frankreichs Trainer Domenech schöpften deshalb Verdacht: Hatte das Schiedsrichtergespann erst eine Wiederholung am Spielfeldrand gesehen und dann nachträglich die Rote Karte gezeigt? Auch Lippi erwähnte nach dem Spiel, die französische Seite habe gefragt, ob hier Videobilder in die Entscheidung eingeflossen seien. Das war eine wichtige Frage, denn sie berührte eine damals unüberschreitbare Grenze. Bei dieser Weltmeisterschaft durften Videos ausschließlich für nachträgliche Disziplinarverfahren verwendet werden. Sie durften auf keinen Fall während des Spiels in die unmittelbare Entscheidung des Schiedsrichters eingreifen. War Rot erst nach dem Ansehen einer Wiederholung gezeigt worden, war diese Grenze überschritten.
Die offizielle Darstellung der FIFA nach dem Spiel lautete anders. In ihrer Erklärung zum Disziplinarverfahren vom 13. Juli hieß es, der Vierte Offizielle habe Zidanes Tätlichkeit in der hundertzehnten Minute von seinem Platz am Spielfeldrand aus unmittelbar beobachtet. Die Erklärung hielt eigens fest, dass kein Monitor benutzt worden sei. Anschließend habe der Vierte Offizielle den Schiedsrichter über das Kommunikationssystem verständigt. Die FIFA hatte auch schon unmittelbar nach dem Spiel bestritten, dass Videowiederholungen bei der Entscheidung geholfen hätten. Sie erläuterte, der Offizielle am Spielfeldrand, der den Fernsehmonitor betreute, könne die Bilder zwar sehen, dürfe aber nicht eingreifen; der Vierte Offizielle sei seinerseits nicht befugt gewesen, die Wiederholungen anzusehen. Zu dessen Aufgaben gehörte nach den bei diesem Turnier geltenden Regeln ohnehin, den Schiedsrichter auf Tätlichkeiten hinzuweisen, die außerhalb des Blickfelds von Schiedsrichter und Assistenten geschahen. Die letzte Entscheidung blieb beim Schiedsrichter. Hatte der Vierte Offizielle den Angriff also tatsächlich selbst gesehen und ihn dann über das Headset gemeldet, besaß diese Rote Karte innerhalb des Regelwerks eine Grundlage.
Damit zeigte sich wieder jener vertraute Riss. Dass Rot die richtige Strafe war, stand außer Streit: Zidane hatte eine Tätlichkeit begangen. Doch wie war diese Karte zustande gekommen? Durch die unmittelbare Beobachtung des Vierten Offiziellen oder dadurch, dass jemand eine Wiederholung gesehen hatte? Dazwischen lag die Kommunikation über ein Headset, in die Außenstehende auf keine Weise eindringen konnten. In den Akten der FIFA stand: unmittelbare Beobachtung. Was damals im Finale tatsächlich über die Kopfhörer gesagt worden war, konnte die Öffentlichkeit jedoch nicht unabhängig noch einmal abspielen. Nach der offiziellen Regelauslegung hatte die FIFA keinen unzulässigen Videoeinsatz festgestellt. Damit war der Fall abgeschlossen. Der Rest von Zweifel in den Köpfen der Menschen blieb trotzdem in der Schwebe; niemand konnte ihn ausräumen. Der Kopfstoß war sichtbar. Was hinter der Roten Karte genau geschehen war, ließ sich dennoch nicht festlegen.
Diese unerreichbare Schicht war anders als die früheren. Beim Wembley-Tor von 1966 war der Ball zu schnell gewesen. Das menschliche Auge kam nicht mit und sah nicht scharf genug. Diesmal waren die Bilder klar. Der Kopfstoß war gefilmt, die Rote Karte war gefilmt, selbst der Standort des Vierten Offiziellen am Spielfeldrand war gefilmt. Nur die Worte, die in jenen wenigen Sekunden durch das Headset gingen, konnte keine Kamera erfassen. Sie lagen nicht im Dunkeln und waren auch nicht zu schnell, um erkannt zu werden. Sie liefen über eine Verbindung, auf der nur einige unmittelbar Beteiligte zuhören konnten und bei der hinterher niemand noch einmal die Wiedergabetaste drücken konnte. Das Bildmaterial wurde immer dichter. Doch mitten in dieser dicht gedrängten Bilderfülle blieb eine kleine Lücke, die sich weder durch Vergrößerung noch durch Zeitlupe schließen ließ. Die Technik kann immer mehr von dem aufnehmen, was sichtbar ist. Einen Satz, der nur einmal in einem Kopfhörer erklungen ist, nimmt sie nicht auf.
Wichtiger noch: Wie auch immer diese Rote Karte zustande gekommen war, sie kam bereits zu spät. Sie konnte den Täter vom Platz schicken. Sie konnte das zertrümmerte Ende aber nicht wieder zusammensetzen. Der Aufbau kann eine Handlung beurteilen; er kann sie nicht ungeschehen machen. Der Abschied war zerstört. Keine Rote Karte konnte ihn zurückholen.
Darin lag noch ein Zufall, bei dem schwer zu sagen ist, ob man ihn grausam nennen soll oder anders. Acht Jahre zuvor in Paris hatte Zidane mit genau diesem Kopf zwei Tore erzielt und Frankreich zum ersten WM-Titel geführt. Dieser Kopf war an jenem Abend der Held ganz Frankreichs gewesen. Acht Jahre später in Berlin stieß derselbe Kopf gegen die Brust eines Gegners. Zidane stieß sich selbst aus dem Spiel und schlug zugleich einen ungeahnten Riss in das Ende, das vollkommen werden sollte. Derselbe Kopf hatte ihn einmal groß gemacht und ihn einmal zu Fall gebracht. Erst hatte er ihn in eine der glanzvollsten Geschichten eingeschrieben, dann auf der letzten Seite einer anderen diesen Glanz eigenhändig zerrissen. Der Aufbau kann alles verzeichnen, was dieser Kopf getan hat. Die beiden Kopfballtore und der Kopfstoß liegen in klaren Bildern vor. Warum derselbe Kopf auf den beiden größten Bühnen zu zwei genau entgegengesetzten Enden führte, kann er uns nicht sagen.
3. Der Satz, den niemand genau hören konnte
Warum hatte Zidane zugestoßen? Diese Frage führt zu einem Strang dieser Weltmeisterschaft, bei dem die verschiedenen Ebenen besonders sorgfältig auseinandergehalten werden müssen.
Belegen lässt sich zunächst Zidanes eigene Darstellung. In seinem ersten ausführlichen Interview im französischen Fernsehen nach dem Spiel sagte er, wiederholte Beleidigungen seiner Mutter und seiner Schwester hätten ihn zu dieser Reaktion gebracht. Den genauen Satz wiederholte er dabei nicht. Einige Monate später, in einem Interview vom September 2006, räumte Materazzi den Ablauf ein: Zuerst habe er an Zidanes Trikot gezogen. Zidane habe ihm gesagt, wenn er das Trikot haben wolle, könne er es nach dem Spiel bekommen. Darauf habe er geantwortet, er wolle lieber Zidanes Schwester. Materazzi räumte schon damals ein, es sei nicht in Ordnung gewesen, dessen Schwester hineinzuziehen. Im August 2007 nannte er in einem Interview mit einer italienischen Fernsehzeitschrift erstmals öffentlich den seiner Darstellung nach genauen Wortlaut. Er betraf Zidanes Schwester. Wieder Jahre später, 2016, fasste Materazzi noch einmal zusammen, er habe damals die Schwester seines Gegners erwähnt, nicht aber dessen Mutter.
Nimmt man das alles zusammen, lässt sich mit der größten Sicherheit nur Folgendes schreiben: Materazzi selbst gab schließlich zu, dass seine Worte Zidanes Schwester betroffen hatten. Zidane selbst sagte dagegen, der andere habe wiederholt seine Mutter und seine Schwester beleidigt. In der Frage, ob auch die Mutter hineingezogen wurde, stimmen beide Darstellungen nicht überein. Eine zeitgleiche Tonaufnahme, die alle Zweifel ausräumen könnte, ist in den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht bekannt geworden.
Geht man noch einen Schritt weiter und fragt, was der genaue Satz auf dem Platz gewesen sei, wird gerade dieser Wortlaut zum Gegenstand des Streits. Im Juli 2006 veranstalteten mehrere Zeitungen einen regelrechten Wettlauf im Lippenlesen. Sie ließen Menschen anhand der Bilder rekonstruieren, was Materazzi gesagt hatte. Doch diese Rekonstruktionen widersprachen einander. Zudem stützten sich die allermeisten nicht auf eine vollständige Bild- und Tonaufzeichnung, die öffentlich nachgeprüft werden konnte. Selbst die späteren Aussagen der Beteiligten konnten letztlich nur die Beleidigung bestätigen, die sich auf die Schwester bezog. Sie konnten nicht jedes damals gesprochene Wort zu einer unbestreitbaren historischen Tatsache machen.
Hier sitzt ein Knoten, an dem kein Weg vorbeiführt. Um jenen Satz zu rekonstruieren, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Man hört auf die Darstellung der Beteiligten, oder man findet die vollständige Aufzeichnung, in der Lippenbewegung und Ton zusammen überprüft werden können. Ein Beteiligter ist jedoch immer auch Partei in dieser Sache. Er erzählt die Fassung, die er erzählen will. Andere können sie nicht als unwiderlegbaren Beweis behandeln. Die vollständige Bild- und Tonaufzeichnung wiederum wurde zu keinem Zeitpunkt veröffentlicht. Keiner der beiden Wege führt ans Ziel. So bleibt dieser Satz für immer in einer misslichen Zwischenlage stecken: Gesprochen worden ist er zweifellos. Mehrere hundert Millionen Menschen sahen mit eigenen Augen die beiden Lippen sich bewegen. Aber niemand kann die genauen Worte als unumstößliche Tatsache festhalten. Zwischen dem Anblick zweier bewegter Lippen und dem klaren Verstehen dessen, was sie hervorbringen, liegt also ebenfalls eine unüberwindbare Schwelle.
Ganz außen an diesem Strang hält sich die am weitesten verbreitete Legende: Materazzi habe damals eine rassistische oder auf Terrorismus anspielende Beleidigung ausgestoßen. Nach 2006 verbreiteten einige britische Boulevardzeitungen Fassungen wie Sohn eines Terroristen als angebliches Ergebnis des Lippenlesens. Materazzi widersprach. 2008 berichtete Reuters, die Sun habe sich bei ihm bereits für die Behauptung jener vermeintlich rassistischen Beschimpfung entschuldigt. Gemessen an dem, was sich heute historisch überprüfen lässt, dürfen solche feststehenden Terroristen- oder Rassismusformulierungen nicht als erwiesene Tatsachen wiedergegeben werden.
Hier tat die Erzählmaschine wieder das, was sie am besten kann. Ein Genie hatte im letzten Spiel seiner Laufbahn einen Ausbruch gezeigt, der die Welt erschütterte. Alle wollten möglichst schnell wissen, welcher Satz einen solchen Menschen so weit treiben konnte. Denn von diesem Satz hing ab, wie das Geschehen einzuordnen war. War es eine unerträgliche Beleidigung, wurde Zidanes Zorn ein Stück weit verständlicher. War der Satz weniger schwerwiegend, sah sein Kopfstoß umso mehr nach einem unentschuldbaren Impuls aus. Zu diesem Ausbruch sollte unbedingt ein Grund von ausreichendem Gewicht passen. Als die Bilder keine Antwort gaben, begann deshalb der Wettlauf im Lippenlesen. Eine Fassung nach der anderen entstand und wurde im Weitererzählen immer konkreter, bis sich jemand dafür entschuldigen musste. Den Kopfstoß selbst hatten mehrere hundert Millionen Menschen ganz genau gesehen. Den Satz, der ihn ausgelöst hatte, hatte am Ende dennoch niemand wirklich genau gehört. Sehen können heißt weiterhin nicht, deutlich hören können.
4. Er wollte nicht sagen, dass er es bereute
Was der Mann, der sein vollkommenes Ende selbst zertrümmert hatte, nach dem Spiel sagte, passte noch schwerer in irgendeine Form als sein Kopfstoß.
Drei Tage nach dem Finale gab Zidane ein öffentliches Interview. Zwei Aussagen daraus sind besonders wichtig und besonders genau zurückzuverfolgen. Zuerst entschuldigte er sich bei den Kindern. Er sagte, er wolle alle Kinder, die dieses Spiel gesehen hätten, um Verzeihung bitten. Dann wies er das Wort Reue zurück. Würde er bereuen, so sagte er, käme das dem Eingeständnis gleich, der andere habe recht gehabt. Zugleich erklärte er, er habe keine Entschuldigung für sein Verhalten. Die Worte über seine Mutter und seine Schwester seien jedoch mehrfach gefallen. Den genauen Wortlaut wiederholte er im Interview nicht, und bei Materazzi selbst entschuldigte er sich nicht.
Diese beiden Aussagen waren die Antwort eines lebendigen Menschen auf ein Drehbuch, das andere für ihn geschrieben hatten. Dieses Drehbuch verlangte einen Helden, der alles zu einem guten Ende brachte, eine über den Kopf gestemmte Trophäe, einen vollkommenen Schlusspunkt, nach dem alle das Buch zufrieden zuklappen konnten. Genau den wollte er nicht liefern. Er entschuldigte sich bei den Kindern, weil er wusste, dass er auf dem Platz ein schlechtes Beispiel gegeben hatte. Den Kopfstoß selbst wollte er jedoch nicht bereuen. In seinem Inneren hätte Reue bedeutet, den Beleidigungen seiner Mutter und seiner Schwester recht zu geben, und das wollte er unter keinen Umständen zugestehen. Lieber zerstörte er den vollkommenen Schlusspunkt, als den Beleidigungen seiner Mutter und seiner Schwester recht zu geben. Das Drehbuch brauchte ihn als Werkzeug, als ein Mittel, die Geschichte zu ihrem glücklichen Ende zu führen. Er bestand darauf, ein Mensch zu sein. Einer, der eine Mutter und eine Schwester hatte und in diesem Augenblick lieber das ganze Spielbrett umwarf.
Genau an diesem Punkt ist die Maschine, die alles zu einer Geschichte machen will, am hilflosesten. Sie kann das Ende vorwegschreiben, die Stimmzettel vorzeitig einsammeln und einen Menschen in jede beliebige Form kneten, die sie gerade braucht: Held oder unbeherrschter Raufbold. Nur eines hat sie dabei übersehen. Derjenige, den sie in ihre Geschichte hineinschreibt, ist kein Zeichen, das sie nach Belieben verschieben kann. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit eigenen wunden Punkten und einem Groll, den er nicht hinunterschlucken kann. Während das Drehbuch einen lächelnden Abschied von ihm verlangte, dachte er ausgerechnet an seine Mutter und seine Schwester. Während alle gebannt auf den vollkommenen Schlusspunkt warteten, wurde etwas in ihm wichtiger als der Pokal, der schon zum Greifen nahe über ihm stand. Geschichten lassen sich im Voraus schreiben. Doch ihre Verfasser übersehen immer wieder dasselbe: Der Mensch in der Geschichte lebt. Er bewegt sich aus eigenem Antrieb. Er kann auf der letzten Seite jederzeit etwas tun, das niemand für ihn vorgesehen hat.
Außerhalb des Spielfelds geschah noch etwas, das die Absurdität dieses vorweg geschriebenen Endes umso deutlicher hervortreten ließ.
Der Goldene Ball dieser Weltmeisterschaft wurde für den besten Spieler des Turniers vergeben. Die Journalisten, die über die WM berichteten, stimmten darüber ab. Zidane erhielt 2012 Punkte, Cannavaro 1977 und Pirlo 715. Zidane, der gerade im Finale wegen einer Tätlichkeit vom Platz geflogen war, lag mit einem knappen Vorsprung von fünfunddreißig Punkten vor dem italienischen Kapitän, der am Ende Weltmeister wurde, und bekam die Auszeichnung als bester Spieler dieser WM.
Hier muss die Beweislage allerdings offen benannt werden. Zum Zeitpunkt der Stimmabgabe sind die Quellen nicht völlig einheitlich. Ein nach dem Spiel über Reuters verbreiteter Bericht schrieb ausdrücklich, dass Medienvertreter über den Preis entschieden und ihre Stimmen bereits abgegeben hätten, bevor Zidane die Rote Karte sah. Ein anderer Bericht aus derselben Zeit besagte, der offizielle Abgabeschluss habe nach dem Finale gelegen. Viele Journalisten hätten ihre Stimmen jedoch frühzeitig eingereicht, um sich anschließend ganz auf das Spiel und ihre Berichte danach konzentrieren zu können. Diese beiden Angaben schließen einander nicht aus. Zusammen tragen sie am sichersten den Schluss, dass eine beträchtliche Zahl von Stimmen schon vor Ende des Finales abgegeben worden war, jedenfalls bevor die Rote Karte vollständig verarbeitet war. Ob es vor dem Schlusspfiff tatsächlich schon die Mehrheit gewesen war, lässt sich dagegen nicht vollständig belegen. In den öffentlich zugänglichen Unterlagen gibt es keine Zeitstempel für jeden einzelnen Stimmzettel. Dass die meisten Stimmen bereits abgegeben gewesen seien, lässt sich deshalb nur als eine damals von den Medien weithin verbreitete Erklärung anführen, nicht als eine gesicherte Tatsache über den Ablauf, die sich Stimme für Stimme überprüfen ließe.
Doch selbst wenn sich nur so viel belegen lässt, ist das Bild bereits grell genug. Zidane wurde auf Grundlage seiner Leistung im gesamten Turnier zum Besten gewählt, auf Grundlage der Urteile, die jene Journalisten schon vor dem Ende des letzten Spiels niedergeschrieben und eingereicht hatten. Als der Kopfstoß in der hundertzehnten Minute tatsächlich geschah, waren diese Stimmen längst abgegeben. Sie ließen sich nicht mehr zurückholen. So wurde der Goldene Ball zum Fossil eines vorzeitig festgeschriebenen Schlusses, zu einem Urteil, das erstarrt war, bevor die Tatsachen es überholten. Das Erzählen war ihnen zuvorgekommen und hatte den Schlusspunkt bester Spieler schon gesetzt. Dann prallten die Tatsachen dagegen. Doch der Punkt ließ sich nicht mehr ausradieren.
Und die Menschen, die diese Stimmen abgegeben hatten, waren ausgerechnet die Geschichtenerzähler selbst. Über diesen Goldenen Ball stimmten weder Spieler noch Trainer ab, sondern die Journalisten, die über diese Weltmeisterschaft berichteten. Jene, die das ganze Turnier hindurch den vollkommenen Abschied des alten Helden in ihren Texten vorbereitet hatten. Mit derselben Feder schrieben sie von Rückkehr und Vollendung und trugen vorzeitig seinen Namen als besten Spieler auf dem Stimmzettel ein. In der hundertzehnten Minute zerriss dann die Hauptfigur ihrer Texte vor den Augen der ganzen Welt ihr eigenes Manuskript. Doch die Stimmen waren bereits abgegeben, die Tinte war längst trocken. Durch eine förmliche Abstimmung hatten die Erzähler das Ende, das unter ihrer Feder entstanden war, mit einem amtlichen Siegel versehen. Als der Hauptdarsteller das Manuskript vor aller Welt zerriss, war dieses Siegel längst fest aufgedrückt. Es ließ sich nicht mehr ablösen.
Ein Goldener Ball, eine Rote Karte, dasselbe Spiel, derselbe Mensch. Am liebsten würde der Aufbau einen Menschen eindeutig einordnen: Held oder Raufbold, eines von beiden. Doch Zidane war beides. Er war der anerkannte beste Spieler dieser Weltmeisterschaft und zugleich der Mann, der im Finale gewalttätig geworden und vom Platz gestellt worden war. Keines konnte das andere überdecken, keines es auflösen. Auf ein einziges Gesicht ließ er sich nicht festnageln. Selbst die öffentliche Meinung in Frankreich und im Ausland fand damals zu keinem gemeinsamen Urteil. International wurde der Kopfstoß als Gewaltakt weithin verurteilt. In Frankreich folgten die Gefühle dieser Richtung jedoch nicht vollständig. Präsident Chirac empfing Zidane in Paris und zeigte seine Unterstützung. Bei einer Leserabstimmung der Équipe meinten einundsechzig Prozent, der Vorfall werde Zidanes Ansehen nicht schaden. Dieselbe Handlung führte diesseits und jenseits einer Staatsgrenze zu zwei völlig verschiedenen Urteilen. Wie sollte ein Mensch in Erinnerung bleiben? Nicht einmal diese Frage ließ sich zu einem Abschluss bringen.
5. Ein Weltmeister, der aus dem Schlamm erblühte
Der Pokal, den die Franzosen selbst hatten entgleiten lassen, fiel Italien zu. Als Italien ihn in die Höhe hob, stand der heimische Fußball mitten in einem Sturm namens Calciopoli, der Telefonaffäre.
Im Mai 2006, kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft, wurden abgehörte Gespräche aus dem italienischen Fußball öffentlich. Im Zentrum standen die Verbindungen zwischen Vereinsspitzen und dem System, das die Schiedsrichter für Ligaspiele bestimmte. Kaum war der Sturm losgebrochen, geriet auch Nationaltrainer Lippi hinein. Schon Ende Mai schrieb der Guardian, wegen dieses Skandals stehe seine Position infrage. Unter dieser dunklen Wolke fuhr Italien zur WM.
Auch nach dem Titelgewinn verzog sich die Wolke nicht. Am 14. Juli, weniger als eine Woche nach dem Finale, fällte das italienische Sportgericht seine erstinstanzlichen Urteile: Juventus wurde in die Serie B versetzt und verlor seine beiden jüngsten Meistertitel. Auch Florenz und Lazio wurden in erster Instanz zum Abstieg verurteilt. Milan blieb zwar erstklassig, erhielt aber einen Punktabzug und wurde auch hinsichtlich der Teilnahme an europäischen Wettbewerben bestraft. Einige Tage später erklärte der Leiter des italienischen Fußballverbands, Guido Rossi, öffentlich, gerade der WM-Titel verpflichte den heimischen Fußball umso mehr dazu, aufzuräumen, wo aufgeräumt werden müsse. Der Titel sei kein Grund, alles mit einem Federstrich zu erledigen.
Damit bot sich wieder eine allzu verlockende Geschichte an: Eine Weltmeistermannschaft blüht aus dem Schlamm hervor und erlöst den Fußball ihres Landes in dessen schmutzigstem Augenblick durch den Glanz eines WM-Titels. Doch diese Geschichte muss auf die Grenzen der Tatsachen zurückgeführt werden. Zwei Sätze gilt es auszuhalten: Calciopoli war real. Der Titel war ebenfalls real. Beides darf nicht zu einer einzigen Sache verschmolzen werden. Vor dem Sportgericht standen Vereine, Vereinsfunktionäre und die Praktiken bei der Ansetzung von Ligaschiedsrichtern, nicht irgendein WM-Spiel der italienischen Nationalmannschaft. Deren Titelgewinn und die Calciopoli-Urteile ereigneten sich beinahe gleichzeitig. In ihrem Kader standen tatsächlich viele Spieler der betroffenen Klubs. Man kann beides nebeneinander betrachten. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass diesem WM-Titel selbst ein gerichtlich festgestellter Makel anhaftet. Dass der Skandal belegt ist, ist das eine. Dass er den Weltmeistertitel befleckt hätte, ist das andere. Letzteres hat kein Urteil festgestellt.
Diese beiden wahren Sachverhalte getrennt nebeneinander stehen zu lassen, ist schwer auszuhalten. Menschen wollen sie von Natur aus zu einer Sache verbinden. Verbindet man sie zu einer erhebenden Geschichte, erhält man eine ungerecht beschuldigte und gedemütigte Mannschaft, die sich in der dunkelsten Stunde des heimischen Fußballs mit einem Titel rehabilitiert: eine Blüte aus dem Schlamm. Diese Fassung bringt das Blut in Wallung. Verbindet man sie zu einer vernichtenden Geschichte, erhält man einen durch und durch verdorbenen Fußball, der selbst die Weltmeisterschaft auf unsaubere Weise gewinnt. Diese Fassung schürt gerechte Empörung. Beide sind befriedigend, beide lassen sich in einem Zug bis zum Ende erzählen. Nur ehrlich sind sie beide nicht. Die ehrliche Darstellung ist ausgerechnet die unbefriedigendste: Die abgehörten Gespräche waren real, der Zwangsabstieg war real, und der Pokal war ebenfalls real. Wer aber die Rechnung der Vereine unmittelbar jenen elf Nationalspielern und ihrem Spiel in Berlin zuschreiben will, dem fehlt ein Beweisglied, das niemand ergänzen konnte. Der Skandal ist belegt: ein Satz. Der Titel ist beschmutzt: ein anderer. Den ersten kurzerhand zum Beweis für den zweiten zu machen, wäre wieder eine bequeme Zusammenlegung.
Auf Italiens Weg durch das Turnier gab es allerdings auch Entscheidungen, die schmerzlich ins Auge fielen. Im Achtelfinale gegen Australien wurde zunächst Materazzi in der fünfzigsten Minute vom Platz gestellt. Im allerletzten Augenblick der Nachspielzeit kam Grosso nach einem Kontakt mit Lucas Neill im Strafraum zu Fall. Der spanische Schiedsrichter gab Italien einen Elfmeter. Totti verwandelte, und Italien kam mit einem knappen 1:0 weiter. Schon damals bezeichneten britische Medien diesen Strafstoß als umstrittene Entscheidung. Im Oktober 2006 entschuldigte sich sogar Blatter für die durch diesen Elfmeter ausgelöste Kontroverse. Wieder war die Entscheidung sichtbar, während sich nicht klären ließ, wie viel dahinter Fehlentscheidung und wie viel womöglich etwas anderes war. Für einen endgültigen Schluss reichte das nicht. Verschwinden ließ es sich ebenso wenig.
Am Jahresende erhielt Italiens Kapitän Cannavaro außerdem den Ballon d’Or. Dieser Preis für Europas Fußballer des Jahres bewertete das gesamte Jahr und war etwas anderes als der Goldene Ball, den Zidane bei der Weltmeisterschaft gewonnen hatte. Buffon wiederum wurde als bester Torwart dieser WM ausgezeichnet. Eine Ehrung nach der anderen fiel der Weltmeistermannschaft zu. Zugleich hing die dunkle Wolke, die sich nie ganz verzogen hatte, weiter über diesen Ehren. Niemand vermochte sie restlos davon freizuwaschen.
6. Ein Sommermärchen
Richtet man die Kamera vom Spielfeld weg, findet sich im Deutschland jenes Jahres noch eine andere Geschichte. Die Geschichte des Gastgebers selbst.
Sehen wir zunächst auf den Sommer. Die von Klinsmann geführte deutsche Mannschaft belegte den dritten Platz. Mit insgesamt vierzehn Toren waren die Gastgeber die treffsicherste Mannschaft des Turniers. Mehr noch als das Ergebnis blieb jedoch die ganze gesellschaftliche Stimmung dieses Sommers in Erinnerung. Auch die FIFA betonte später in ihrem Rückblick, erst das Zusammenspiel der deutschen Mannschaft mit der Atmosphäre im Gastgeberland erkläre, warum Deutschland 2006 so lange im Gedächtnis geblieben sei.
Ursprünglich hatte auch diese deutsche Mannschaft nicht zu den Titelfavoriten gehört. Als Klinsmann übernahm, steckte der deutsche Fußball in einem Tief, und allgemein traute man ihm wenig zu. Er setzte auf eine Reihe junger Spieler und ließ weit ungezwungener spielen, als man es von der als starr erinnerten deutschen Mannschaft kannte. Ein Gastgeber, dem vor dem Turnier wenig zugetraut worden war, erzielte die meisten Tore und stürmte bis ins Halbfinale. Schon das genügte, um das eigene Publikum in Begeisterung zu versetzen. Die überraschenden Erfolge der Mannschaft und die entfesselte Freude auf den Rängen steckten einander an. Je besser die Mannschaft spielte, desto stärker schwoll die Begeisterung in den Menschenmengen auf den Straßen an. Umgekehrt trieb das allgegenwärtige Meer roter Fahnen den Jubel im Stadion weiter in die Höhe. Dass dieser Sommer als Märchen in Erinnerung blieb, lag nicht allein daran, dass ein Dokumentarfilm ihm den Namen gegeben hatte. Es lag auch daran, dass sich Millionen Menschen schon während dieses Sommers wirklich mit ihrem ganzen Wesen darauf einließen.
Der Name Sommermärchen ist eng mit dem gleichnamigen Dokumentarfilm verbunden. Der Deutsche Fußball-Bund bezeichnete die Weltmeisterschaft 2006 in späteren offiziellen Texten unmittelbar als jenes Sommermärchen und verwies ausdrücklich auf den Film von Sönke Wortmann. Der Ausdruck war also kein Etikett, das Historiker erst viele Jahre später aufgeklebt hätten. Film und offizielle Erzählung machten ihn vielmehr schon bald nach 2006 zu einer allgemein geläufigen Bezeichnung. Kaum war dieser Sommer vorbei, begann man bereits, ihn als Märchen zu erzählen.
Zu den auffälligsten gesellschaftlichen Erscheinungen dieses Sommers gehörten die massenhaft aufgehängten Fahnen und das gemeinsame Fußballschauen auf öffentlichen Plätzen. Schon Ende Juni 2006 schrieb der Guardian, Schwarz-Rot-Gold sei überall in Deutschland geradezu explosionsartig sichtbar geworden: auf Autos, an Balkonen, in Gärten, überall Nationalflaggen. Ein damaliger Zeitungsartikel, den ein deutsches Portal für historische Dokumente aufgenommen hat, behandelte dieses Phänomen als Debatte über einen Patriotismus des Herzens. Manche verstanden es als ein Zeichen dafür, dass sich die lange Nachkriegsscheu der Deutschen vor der eigenen Fahne und vor nationalen Symbolen endlich lockerte. Eine Studie des Reuters-Instituts über den Blick britischer Medien auf Deutschland 2006 stellte ebenfalls fest, dass die WM Deutschlands Bild in der britischen Presse deutlich verbessert habe. Ein wesentlicher Grund sei ein entspannterer, selbstverständlicherer Patriotismus der Deutschen gewesen.
All das hat es wirklich gegeben, und zahlreiche Aufzeichnungen aus jener Zeit belegen es. Millionen Menschen gingen tatsächlich auf die Straßen. Sie hängten tatsächlich ihre Balkone voller Nationalflaggen. Diese entspannte, von innen kommende Freude und der Stolz eines Landes, ein Turnier auf eigenem Boden auszurichten, waren echt. Ein Land, das aufgrund seiner Geschichte besonders vorsichtig mit nationalen Symbolen umgegangen war, ließ in diesem Sommer ausnahmsweise einmal los. Dieses Aufatmen und diese Freude dürfen nicht durch irgendetwas, das später geschah, mit einem Federstrich ausgelöscht werden. Diese Seite des Märchens ist wahr.
7. Eine Rechnung, die an der Verjährung stehen blieb
Unter dem Märchen lag jedoch eine Rechnung, die nie ganz aufging.
Die Geschichte dieses Sommers wurde später durch Ermittlungen, die nach 2015 einsetzten, immer wieder erschüttert. Will man dieser Rechnung nachgehen, muss man zum Ausgangspunkt der WM zurückkehren: zur Abstimmung darüber, welches Land sie ausrichten durfte. Im Juli 2000 setzte sich Deutschland in der entscheidenden Abstimmung mit zwölf zu elf Stimmen gegen Südafrika durch und erhielt den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006. Ausschlaggebend war die Enthaltung des ozeanischen Vertreters Charles Dempsey. Nach den damaligen Berichten mehrerer Medien hätte es zwölf zu zwölf gestanden, wenn Dempsey entsprechend der vorgegebenen Richtung des ozeanischen Verbands für Südafrika gestimmt hätte. Allgemein wurde angenommen, dass der damalige FIFA-Präsident Blatter seine ausschlaggebende Stimme dann Südafrika gegeben hätte. Dempsey erklärte später, er sei einem unerträglichen Druck ausgesetzt gewesen. Er erwähnte auch, dass es Versuche gegeben habe, ihn zu bestechen.
An einer solchen Enthaltung hatte also gehangen, wo die gesamte Weltmeisterschaft stattfinden würde. Wäre diese Stimme nach dem ursprünglichen Willen Ozeaniens an Südafrika gegangen, hätte die Geschichte sehr wahrscheinlich anders ausgesehen. Die WM, die später als Märchen erzählt wurde, begann bereits mit einer ungeklärten Frage: Ein Mensch, der unter unerträglichem Druck stand, zog im letzten Augenblick seine Hand zurück. Die Frage nach diesem Anfang und die spätere Frage nach den 6,7 Millionen Euro sind zwei zeitlich versetzte Knoten auf demselben Strang. Der eine betrifft den Grund für jene Stimmabgabe, der andere den Grund für jenen Geldfluss. Bis heute hat niemand einen dieser beiden Knoten wirklich lösen können.
2015 erhob der Spiegel den zentralen Vorwurf: Beim Bewerbungskomitee für Deutschland 2006 habe es eine Finanzierungsvereinbarung über rund 6,7 Millionen Euro gegeben. Als Quelle wurde ein Darlehen eines ehemaligen Adidas-Spitzenmanagers genannt. Der Verdacht lautete, das Geld habe mit dem Werben um Stimmen bei der Exekutivkomitee-Abstimmung von 2000 zu tun gehabt. Reuters hielt damals zwei zugleich bestehende Tatsachen fest. Einerseits bestritt der DFB entschieden, eine schwarze Kasse geführt oder Stimmen gekauft zu haben. Andererseits räumte sein Präsident anschließend ein, er selbst könne nicht vollständig erklären, warum die 6,7 Millionen Euro 2005 an die FIFA überwiesen worden seien. Ein Nein und ein Nicht-erklären-Können standen nebeneinander.
2016 lieferte eine vom DFB in Auftrag gegebene Untersuchung eine wichtige Erklärung, die den Fall jedoch nicht abschloss. Demnach sollte das Geld über die FIFA als Rückzahlung eines alten Darlehens an jenen ehemaligen Spitzenmanager geflossen sein. Der Guardian schrieb allerdings auf Grundlage der veröffentlichten Untersuchungsergebnisse, es lasse sich nicht ausschließen, dass Deutschland den Zuschlag durch Stimmenkauf erlangt habe. Am sichersten lässt sich daher nur dies festhalten: Dass das Geld an den ehemaligen Manager zurückfloss, ist ein Weg, den die Untersuchung benannt hat. Warum es ursprünglich überhaupt benötigt wurde und ob tatsächlich ein Tauschgeschäft um die Stimmen zur WM-Vergabe dahinterstand, hat diese Untersuchung nicht vollständig geklärt.
2020 erreichte diese offene Rechnung schließlich ihr letztes und zugleich eigentümlichstes Ende. Das Strafverfahren in der Schweiz endete ohne Urteil in der Sache. Es wurde eingestellt, weil die Verjährungsfrist abgelaufen war. Die FIFA äußerte öffentlich ihre Enttäuschung und erklärte, es sei besorgniserregend, dass der Fall auf diese Weise ohne jedes Ergebnis zu Ende gehe. Genau darin liegt die wichtigste Grenze für seine heutige Einordnung: Er endete mit der Verjährung, nicht mit der Aufklärung. Die anschließend in Deutschland fortgesetzten Verfahren konzentrierten sich stärker auf die steuerliche und buchhalterische Darstellung jener 6,7 Millionen Euro. Auch noch viel später ging es vor deutschen Gerichten vor allem um Steuererklärungen und die Darstellung der Transaktion, nicht um eine strafrechtlich bereits gesicherte Feststellung, ob bei der WM-Vergabe von 2000 Stimmen gekauft worden waren.
Wieder zeigt sich hier, wie der Aufbau sich nicht schließen kann, diesmal auf eine neue Weise. Das Wembley-Tor von 1966 blieb unklar, weil es nicht klar zu sehen war. Die Wahrheit ging jenseits der Grenzen des menschlichen Auges verloren. Bei der offenen Rechnung der Bewerbung um die WM 2006 war es anders. Es hatte durchaus Ermittlungen gegeben. Der Spiegel hatte recherchiert, die vom Fußballverband beauftragte Untersuchung hatte nachgeforscht, und auch die Schweizer Staatsanwaltschaft hatte ein Verfahren eröffnet. Doch am Ende blieb die wichtigste Frage in der Luft hängen: War dieses Geld nun Geld für gekaufte Stimmen gewesen? Diesmal hielt weder Dunkelheit die Antwort zurück noch ein unerreichbares Motiv. Es war etwas Kälteres: die Zeit. Jene Maschine innerhalb des Aufbaus, die am strengsten auf Beweise besteht, besitzt eine eigene Uhr. Als diese abgelaufen und die Verjährung eingetreten war, kam das Verfahren von selbst zum Stillstand. Weder bewiesen noch widerlegt wurde der Fall der Zeit übergeben und blieb dort für immer in der Schwebe. Die Maschine, die am dringendsten abschließen wollte, hatte diesmal nicht bloß keine Antwort gefunden. Sie war gar nicht mehr rechtzeitig dazu gekommen. Zuerst schlug ihre Uhr.
Ein solcher Stillstand beunruhigt mehr als eine aufgedeckte Wahrheit oder eine erwiesene Unschuld. Werden die Vorwürfe bewiesen, kommt der Rest zur Ruhe: Dann ist wenigstens klar, worin das Schlechte besteht. Wird die Unschuld nachgewiesen, verziehen sich die Zweifel. Der Abbruch durch Verjährung gewährt keines von beidem. Er erklärt dich weder für schuldig noch für unschuldig. Er erklärt nur: Die Zeit ist um, es wird nicht mehr gefragt. So wird aus der Frage, ob dieses Geld für den Kauf von Stimmen bestimmt war, eine Frage, die nicht länger auf Antwort wartet, sondern nie wieder beantwortet werden wird. Sie bleibt hängen, weder bestätigt noch widerlegt. Gelöst ist sie nicht, nur beiseitegelegt. Das Verfahren innerhalb des Aufbaus, das sich eigentlich der Wahrheit nähern sollte, näherte sich am Ende seiner eigenen Frist. Als die erreicht war, machte es von selbst Feierabend. Die noch nicht erreichte Antwort ließ es samt allen Fragen unverändert zurück. Niemand ging mehr zurück, um daran zu rühren.
So wird Deutschland 2006 zu etwas, dessen Seiten nebeneinander stehen können, sich aber nicht zu einer einzigen Geschichte vermengen lassen. Die wirkliche gesellschaftliche Atmosphäre im Sommer des Gastgebers und das verbesserte Bild des Landes sind wahr. Dafür gibt es zahlreiche zeitgenössische Belege. Ebenso real sind die Zweifel an der Finanzierung der Bewerbung, die nach 2015 aufkamen, lange bestehen blieben und 2020 durch die Verjährung dauerhaft in der Schwebe gehalten wurden. Beides sind historische Tatsachen. Nur ist das Letztere bis heute von keiner Justizbehörde durch ein Urteil in der Sache abschließend geklärt worden. Das Märchen ist wahr. Die ungeklärte Rechnung unter dem Märchen ist es auch.
8. Zum Schluss
Führen wir das alles zusammen.
Die Weltmeisterschaft 2006 handelte davon, wie das Erzählen den Tatsachen zuvorkommt und wie die Tatsachen sich immer wieder weigern, dem Erzählten zu folgen.
Für Zidanes Laufbahn hatte man ein vollkommenes Ende vorweg geschrieben, den Schlusspunkt eines alten Helden, der alles gut zu Ende bringt. In der hundertzehnten Minute zertrümmerte der lebendige Mensch, der diesen Punkt setzen sollte, ihn jedoch selbst. Er weigerte sich, ein Werkzeug zu sein, das die Geschichte zu ihrem glücklichen Ende führte. Lieber zerstörte er dieses Ende, als auf das zu verzichten, woran er als Mensch festhalten musste. Und der Goldene Ball, der schon vor seiner Tätlichkeit durch die Stimmabgabe entschieden war, wurde zum erstarrten Beweis dafür, dass das Erzählen den Tatsachen tatsächlich einmal vorausgeeilt war. Es hatte das Urteil bester Spieler vorzeitig festgeschrieben. Dann prallten die Tatsachen frontal dagegen, und doch war dieses Urteil nicht mehr zurückzuholen. Ein Goldener Ball und eine Rote Karte fielen demselben Menschen zu. Keines konnte das andere auflösen. Der Aufbau wollte ihn eindeutig einordnen und brachte es am Ende nicht zustande.
Italien hob den Pokal in der schmutzigsten Stunde des heimischen Fußballs in die Höhe. Die Geschichte einer Blüte aus dem Schlamm lag schon bereit. Doch der Skandal war wahr und der Titel war ebenfalls wahr. Calciopoli betraf die Klubs und die Liga, nicht die Spielfelder der Weltmeisterschaft. Zwei wahre Sachverhalte konnten nur nebeneinanderstehen. Keiner durfte für den anderen einen befriedigenden Schluss schreiben. Und der deutsche Sommer wurde durch den Film und die offiziellen Darstellungen schon zum Märchen, kaum dass er vorbei war. Die Rechnung der Bewerbung, die unter diesem Märchen lag, ließ sich dagegen selbst nach jahrelangen Untersuchungen nicht klären. Am Ende war sie weder bestätigt noch widerlegt. Eine Uhr namens Verjährung übernahm sie und hielt sie dort für immer an.
Das sind drei Gesichter eines Aufbaus, der sich nicht schließen kann. Das erste ist der lebendige Mensch, der das vorgefertigte Ende eigenhändig umstößt. Das zweite sind zwei zugleich wahre Dinge, die sich partout nicht zu einem befriedigenden Endurteil zusammenschieben lassen. Das dritte ist die Verjährungsuhr, die vor der Wahrheit schlägt und die Frage auf Dauer in der Schwebe hält. Das Erzählen verlangt immer nach einem Kreis, der sich schließen lässt, nach einer Geschichte mit Anfang und Ende, in der alles lückenlos ineinandergreift. Zusammen sagen diese drei Gesichter jedoch dasselbe: Immer gibt es etwas, das dieser Kreis nicht umschließen kann. Etwas will von vornherein nicht hinein. Etwas anderes besteht darauf, zugleich zwei Dinge zu sein: Siehst du darin einen Helden, ist es einer; siehst du einen Raufbold, ist es auch das. Und manchmal ist der Kreis noch gar nicht fertig gezeichnet, da hält die Hand, die ihn zeichnet, schon von selbst inne.
Immer mehr ist zu sehen. Mehrere hundert Millionen Menschen konnten Zidanes Kopfstoß Bild für Bild zur Genüge betrachten. Die beiden Schiedsrichterentscheidungen, durch die etwas aberkannt und dann doch zugesprochen wurde, die Nationalflaggen an den Balkonen, die 6,7 Millionen Euro, die an die FIFA gingen: Für all das gibt es Aufzeichnungen, alles liegt offen da. Doch sehen können hat noch nie bedeutet, klar erkennen zu können. Je dichter sich die sichtbaren Bilder drängen, desto schärfer treten vielmehr jene wenigen Stellen hervor, an die wir wirklich nicht herankommen. Welcher Satz den Kopfstoß auslöste, lässt sich nicht genau hören. Was vor der Roten Karte über das Headset ging, lässt sich nicht wiederholen. Ob das Geld dem Stimmenkauf diente, lässt sich nicht klären. Das Erzählen möchte ein Geschehen immer vorzeitig zu einer Geschichte mit vollkommen geschlossenem Ende machen. Doch da bleibt stets ein lebendiger Mensch, ein ungeklärter Fall, eine Rechnung, die nicht aufgeht. Sie lassen sich nicht auf diese Weise abschließen, bleiben eigensinnig am Rand der Geschichte stehen und durchstechen ihre Vollkommenheit. Der Kreislauf hat nicht aufgehört. Er dreht sich weiter.