Berlin
Ein Ende, das schon geschrieben stand, und ein Mann, der sich weigerte mitzuspielen
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland)
1. Das bereits geschriebene Ende
Die Weltmeisterschaft 2006 hätte eigentlich ein Ende haben sollen, das bereits geschrieben war.
In jenem Jahr war Zidane vierunddreißig und hatte bereits angekündigt, nach diesem Turnier zurückzutreten. Acht Jahre zuvor, 1998, hatte er in Paris mit zwei Kopfballtoren Frankreichs ersten Weltmeistertitel errungen. Acht Jahre später wurde er von der Schwelle des Rücktritts in die Nationalmannschaft zurückgeholt und führte ein vor dem Turnier kaum favorisiertes Frankreich Runde um Runde nach oben – gegen Spanien, gegen Brasilien, gegen Portugal –, bis ins Finale von Berlin. Das letzte Turnier eines Genies, gekrönt von einem Titel, und dann der Rückzug in die Legende: Diese Geschichte war zu perfekt, so perfekt, dass ihr Ende bereits geschrieben und bereitgelegt war, ehe der Ball überhaupt zu Ende gespielt war, und nur noch darauf wartete, dass er auf den Platz trat, um es einzulösen.
Die Erzählung will der Tatsache immer zuvorkommen. Ein großes Ereignis ist noch nicht eingetreten, und die Geschichte darüber ist meist schon vorher geschrieben. Zidanes Turnier wurde fast von Anfang an in eine längst bereitstehende Form gegossen: die Form eines alten Helden, der heimkehrt, der es bis zum Ende gut macht, der seiner Laufbahn einen runden, vollkommenen Schlusspunkt setzt. Alle warteten nur darauf, dass dieser Punkt fiel.
Dieses Zuvorkommen ist keine Laune eines Einzelnen, sondern die angeborene Natur der Erzählung selbst. Eine Geschichte gibt einem erst dann ein sicheres Gefühl, wenn sie Kopf und Schwanz hat, wenn sie sich zu einer schönen Form runden lässt. Und ein alter Held, der heimkehrt, am Ende seiner Karriere noch einmal gewinnt und sich dann in Frieden zurückzieht, ins Gedächtnis aller hinein, ist von allen Formen die gefälligste. Sie fügte sich so glatt, dass die Menschen es kaum erwarten konnten, das noch gar nicht ausgespielte Ende vorab in diese fertige Form zu gießen. So absolvierte Zidane sein ganzes Turnier beinahe unter dem Dach dieser einen Form. Was man auf den Rängen sah, was die Kommentatoren sagten, was die Zeitungen schrieben, galt weniger der Frage, wie er an diesem Tag tatsächlich spielte, als vielmehr der Erwartung, ihm dabei zuzusehen, wie er den längst vorbereiteten Schlusspunkt Strich für Strich mit eigener Hand zog. Das Drehbuch war fertig geschrieben; es wartete nur noch darauf, dass der Hauptdarsteller den letzten Schritt tat.
Doch die Tatsachen weigerten sich, ausgerechnet nach diesem fertigen Drehbuch zu spielen.
Am 9. Juli 2006, im Olympiastadion Berlin, Finale, Italien gegen Frankreich. In der siebten Minute verwandelte Zidane einen Elfmeter, der Ball traf die Unterkante der Latte und sprang ins Netz – ein bis zum Äußersten getriebener Panenka, leichtfüßig, überheblich, ein Scherz, den sich nur ein Spieler seines Formats auf der Bühne eines Finales zu erlauben wagte. In der neunzehnten Minute traf Materazzi nach einer Ecke von Pirlo per Kopf zum Ausgleich. In den folgenden neunzig Minuten konnte sich keine der beiden Mannschaften absetzen, es blieb bei 1:1, und es ging in die Verlängerung. Dort köpfte Zidane einen Ball aufs Tor, den Buffon mit letzter Kraft über die Latte lenkte – ein Moment, der dem perfekten Ende schon zum Greifen nahe war.
Dann kam die hundertzehnte Minute.
Fernab vom Ball drehte sich Zidane plötzlich um und rammte seinen Kopf hart in Materazzis Brust. Materazzi ging zu Boden. Der Schiedsrichter kam herbeigelaufen und zeigte die rote Karte. Zidane wurde direkt vom Platz gestellt, ging mit gesenktem Kopf am Pokal vorbei, verschwand im Spielertunnel. Das war das letzte Spiel seiner Karriere – und ihre letzte Szene. Am Ende stand es weiterhin 1:1, im Elfmeterschießen setzte sich Italien mit 5:3 durch. Frankreichs einziger Fehlschuss kam von Trezeguet, auch sein Elfmeter traf die Latte. Grosso verwandelte den letzten, entscheidenden Elfmeter, und Italien hob den WM-Pokal in die Höhe.
Das perfekte Ende, das bereits geschrieben war, wurde nur wenige Schritte vor der Ziellinie von genau dem Mann, der es geschrieben hatte, mit eigener Hand in Stücke geschlagen.
2. Die hundertzehnte Minute
Zunächst zur roten Karte selbst, ganz für sich genommen.
Dass ein Spieler, der auf dem Platz einen anderen tätlich angreift, mit Rot vom Platz gestellt werden muss, ist völlig klar. Zidanes Kopfstoß ist da, für alle sichtbar, Hunderte Millionen Menschen haben ihn glasklar gesehen; es war ein Akt der Gewalt, und nach dem Regelwerk musste dafür Rot gezeigt werden. Das Konstrukt schloss sich hier sauber und bündig um die sichtbare Handlung.
Doch unmittelbar danach taucht eine Frage auf, die sich nicht klären lässt: Woher wusste der Schiedsrichter davon überhaupt?
Der Kopfstoß ereignete sich weit weg vom Ball, und Schiedsrichter Elizondo hatte ihn womöglich gar nicht direkt gesehen. Die Fernsehbilder zeigten die Szene immer wieder in der Wiederholung, und so kam vielen Zuschauern, vielen Kommentatoren, sogar Frankreichs Trainer Raymond Domenech der Verdacht, das Schiedsrichterteam habe sich erst die Fernsehwiederholung am Spielfeldrand angesehen und die rote Karte danach nachgereicht. Auch Lippi erwähnte nach dem Spiel, die französische Seite habe angezweifelt, ob hier Videoeinsatz im Spiel gewesen sei. Diese Frage war von Gewicht, denn sie rührte an eine damalige rote Linie: Bei diesem Turnier durfte Video ausschließlich für die nachträgliche Disziplinarbehandlung eingesetzt werden, niemals aber, um während des Spiels in die unmittelbare Entscheidung des Schiedsrichters einzugreifen. Wäre jene rote Karte erst nach einer Wiederholung nachgetragen worden, hätte sie diese Grenze überschritten.
Die offizielle Darstellung, die die FIFA nach dem Spiel gab, lautete anders. In ihrer Erklärung zum Disziplinarverfahren vom 13. Juli hieß es, Zidanes Gewalttat in der hundertzehnten Minute sei vom vierten Offiziellen direkt von seiner Position am Spielfeldrand aus beobachtet worden; die Erklärung betonte ausdrücklich, dass kein Monitor benutzt worden sei, und dass der vierte Offizielle den Hauptschiedsrichter anschließend über das Kommunikationssystem informiert habe. Die FIFA dementierte zugleich umgehend, dass während des Spiels ein Videowiederholungssystem zur Unterstützung von Entscheidungen eingesetzt worden sei, und erklärte, der am Spielfeldrand für den Fernsehmonitor zuständige Offizielle habe zwar die Bilder sehen können, sei aber nicht befugt gewesen einzugreifen, und auch der vierte Offizielle habe keinen Zugriff auf die Wiederholung gehabt. Nach dem damaligen Regelwerk oblag dem vierten Offiziellen ohnehin die Pflicht, den Hauptschiedsrichter auf Gewalttaten hinzuweisen, die sich außerhalb des Blickfelds von Schiedsrichter und Assistenten ereigneten, wobei die endgültige Entscheidung weiterhin beim Hauptschiedsrichter lag. Solange also die Gewalttat tatsächlich vom vierten Offiziellen mit eigenen Augen gesehen und per Headset an den Hauptschiedsrichter weitergegeben wurde, hatte diese rote Karte, innerhalb des Rahmens der Regeln, eine Grundlage.
Und so tut sich hier wieder jener vertraute Riss auf. Dass die rote Karte zu Recht gegeben wurde, steht außer Streit, Zidane hat tatsächlich Gewalt angewendet. Doch wie diese rote Karte zustande kam, ob durch den unmittelbaren Blick des vierten Offiziellen oder weil jemand eine Wiederholung gesehen hatte, dazwischen liegt eine Schicht Headset-Kommunikation, in die kein Außenstehender jemals eindringen kann. Die Akte der FIFA sagt: unmittelbarer Blick. Doch was in jenem Headset bei jenem Finale tatsächlich in diesen Sekunden übertragen wurde, lässt sich von außen nicht unabhängig noch einmal abspielen. Was die offizielle Regelauslegung betrifft, so hat die FIFA keinen regelwidrigen Videoeinsatz festgestellt, und die Akte ist damit geschlossen; doch jener Zweifel in den Köpfen der Öffentlichkeit blieb einfach in der Schwebe hängen, niemand konnte ihn auflösen. Man sah den Kopfstoß – doch was hinter dieser roten Karte tatsächlich geschah, ließ sich nicht feststellen.
Diese Art von Unerreichbarkeit unterscheidet sich von den früheren. Der Ball von Wembley 1966 blieb unklar, weil er zu schnell war, weil das menschliche Auge ihm nicht folgen konnte – man sah ihn nicht klar. Diesmal aber war das Bild vollkommen klar: Der Kopfstoß wurde gefilmt, die rote Karte wurde gefilmt, sogar die Position, an der der vierte Offizielle am Spielfeldrand stand, wurde gefilmt. Einzig, was in jenem Headset in jenen wenigen Sekunden an Worten übertragen wurde, hat keine einzige Kamera eingefangen. Es verbirgt sich nicht im Dunkeln, es ist auch nicht zu schnell, um es zu sehen, sondern es ereignet sich auf einer Leitung, die nur die unmittelbar Beteiligten hören können und auf die hinterher niemand mehr eine Wiedergabetaste drücken kann. Das Bildmaterial türmt sich immer voller, doch mitten in diesem prallvollen Bildmaterial bleibt ausgerechnet diese eine kleine Stelle übrig, die sich, wie sehr man auch vergrößert, wie sehr man auch verlangsamt, nie auffüllen lässt. Die Technik kann immer mehr von dem aufzeichnen, was sichtbar ist – aber sie kann nicht einen einzigen Satz aufzeichnen, der nur ein einziges Mal in einem Headset erklungen ist.
Und noch wichtiger: Diese rote Karte kam, wie auch immer sie zustande gekommen sein mag, ohnehin zu spät. Sie konnte den Mann, der die Gewalt verübt hatte, vom Platz stellen – sie konnte das zerschmetterte Ende nicht wieder zusammensetzen. Ein Konstrukt kann über eine Handlung urteilen; es kann diese Handlung nicht ungeschehen machen. Der Abschied war bereits ruiniert, die rote Karte konnte ihn nicht mehr zurückholen.
Darin verbirgt sich noch ein Zufall, von dem sich nicht sagen lässt, ob er grausam ist oder etwas anderes. Acht Jahre zuvor, in Paris, war es genau dieser Kopf gewesen, mit dem Zidane zwei Tore erzielt und Frankreich den ersten Weltmeistertitel geholt hatte; dieser Kopf war in jener Nacht der Held von ganz Frankreich. Acht Jahre später, in Berlin, war es derselbe Kopf, der, gegen die Brust eines Gegners gerammt, ihn selbst vom Platz beförderte und in das eigentlich vollkommene Ende einen Riss schlug, den niemand vorausgesehen hatte. Derselbe Kopf machte ihn einmal groß und richtete ihn ein andermal zugrunde; er schrieb ihn zunächst in die glanzvollste aller Geschichten hinein, und auf der letzten Seite einer anderen Geschichte zerriss er diesen Glanz mit eigener Hand. Das Konstrukt kann alles festhalten, was dieser Kopf je getan hat – die beiden Kopfballtore, jenen einen Kopfstoß, alles bleibt in glasklaren Bildern erhalten –, doch es kann einem nicht sagen, warum derselbe Kopf auf den beiden größten Bühnen, die er je betrat, zu zwei genau entgegengesetzten Enden fand.
3. Der Satz, der sich nie klar hören ließ
Warum stieß Zidane den Mann? Diese Frage zieht jenen Faden dieses Turniers heraus, der am vorsichtigsten, Schicht für Schicht, entwirrt werden muss.
Was sich bestätigen lässt, ist zunächst Zidanes eigene Darstellung. In seinem ersten ausführlichen Interview im französischen Fernsehen nach dem Spiel sagte er, was ihn zu dieser Reaktion getrieben habe, seien wiederholte Beleidigungen gegen seine Mutter und seine Schwester gewesen, doch er wiederholte die genauen Worte nicht vor der Kamera. Einige Monate später, im September 2006, räumte Materazzi in einem Interview den Hergang ein: Er habe zuerst an Zidanes Trikot gezogen, Zidane habe ihm gesagt, wenn er das Trikot wolle, könne er es nach dem Spiel haben, und er habe geantwortet, er wolle lieber Zidanes Schwester. Materazzi räumte damals auch ein, dass es keine gute Sache gewesen sei, die Schwester eines anderen hineinzuziehen. Im August 2007 gab er in einem Interview mit einer italienischen Fernsehzeitschrift zum ersten Mal öffentlich das an, was er als den genauen Wortlaut bezeichnete – ein Satz, der Zidanes Schwester betraf. Einige Jahre später, 2016, fasste er noch einmal zusammen, er habe damals die Schwester erwähnt, nicht aber die Mutter.
Legt man dies übereinander, bleibt nur die vorsichtigste Formulierung übrig: Materazzi selbst hat am Ende eingeräumt, dass sich seine Worte auf Zidanes Schwester bezogen; Zidane selbst sagte, der andere habe wiederholt seine Mutter und seine Schwester beleidigt. In der Frage, ob die Mutter überhaupt betroffen war, stimmen die beiden Darstellungen nicht überein. Unter dem öffentlich zugänglichen Material findet sich keine synchron mitgeschnittene Aufnahme, die stark genug wäre, alles andere zu überstimmen, und die je veröffentlicht worden wäre.
Geht man noch weiter ins Detail, wird die Frage, welcher genaue Satz an Ort und Stelle gefallen ist, selbst zum Streitpunkt. Im Juli 2006 veranstalteten mehrere Zeitungen regelrechte Lippenlese-Wettbewerbe und ließen Leute anhand der Bilder rekonstruieren, was Materazzi tatsächlich gesagt hatte. Doch diese Rekonstruktionen widersprachen einander, und die allermeisten stützten sich nicht auf eine vollständige, öffentlich nachprüfbare Bild-Ton-Spur. Noch sehr lange später konnten die eigenen Aussagen der Beteiligten nur jene eine Beleidigung bezüglich der Schwester belegen; es gelang nicht, jedes einzelne Wort von damals zu einer unbestreitbaren historischen Tatsache zu erheben.
Darin steckt ein Knoten, um den man nicht herumkommt. Um jenen Satz zu rekonstruieren, gibt es insgesamt nur zwei Wege: den Beteiligten selbst reden zu hören, oder jene vollständige Aufzeichnung zu finden, an der sich Mundbewegung und Ton abgleichen lassen. Doch der Beteiligte ist Partei in dieser Sache, und was er sagt, ist immer die Version, die er zu sagen bereit ist – niemand sonst kann sie als eisernen Beweis nehmen; und jene vollständige Bild-Ton-Spur wurde von Anfang bis Ende nie veröffentlicht. Keiner der beiden Wege führt bis ans Ziel, und so bleibt jener Satz für immer in einer peinlichen Zwischenlage stecken: Er wurde mit Sicherheit ausgesprochen, Hunderte Millionen Menschen haben mit eigenen Augen gesehen, wie sich diese beiden Lippen bewegten, doch welche Worte genau daraus entstanden, konnte niemand als historische Tatsache festnageln. Zu sehen, dass sich zwei Lippen bewegen, und klar zu hören, was sie tatsächlich aussprachen, liegt, wie sich zeigt, durch eine Kluft getrennt, die sich nicht überspringen lässt.
Ganz außen an diesem Faden schwebt die am weitesten verbreitete Legende, Materazzi habe an Ort und Stelle eine rassistische oder auf Terrorismus anspielende Beleidigung ausgesprochen. Nach 2006 verbreiteten manche britische Boulevardzeitungen Versionen wie Sohn eines Terroristen als vermeintliche Ergebnisse des Lippenlesens. Materazzi bestritt dies. Bis 2008, so berichtete Reuters, hatte sich The Sun bei Materazzi bereits für die Behauptung jener angeblich rassistischen Beschimpfung entschuldigt. Nach dem heute nachprüfbaren Stand der Tatsachen sollte diese Art von Terrorismus- oder rassismusbezogenem Satz nicht als bereits erwiesene Sache hingeschrieben werden.
Auch das ist wieder die Erzählmaschine, die genau das tut, worin sie am besten ist. Ein Genie hat im letzten Spiel seiner Karriere eine die Welt erschütternde Entgleisung begangen, und die Menschen wollen unbedingt wissen, welche Worte einen solchen Mann so weit treiben konnten. Denn dieser Satz entscheidet darüber, wie das Ganze einzuordnen ist: War es eine unerträgliche Beleidigung, gewinnt Zidanes Wutausbruch ein gewisses Maß an Verständlichkeit; war der Satz nicht so schwer, wirkt sein Kopfstoß eher wie ein nicht zu rechtfertigender Impuls. Die Menschen wollten dieser Entgleisung so dringend einen ausreichend gewichtigen Grund zuordnen, dass, als das Bildmaterial keine Antwort liefern konnte, der Lippenlese-Wettbewerb die Bühne betrat: Eine Version nach der anderen wurde erfunden, jede konkreter als die vorherige, bis jemand sich schließlich dafür entschuldigen musste. Den Kopfstoß selbst haben Hunderte Millionen Menschen glasklar gesehen; doch welcher Satz ihn auslöste, hat am Ende niemand wirklich klar gehört. Sichtbar sein ist eben noch immer nicht dasselbe wie klar gehört werden.
4. Er weigerte sich zu bereuen
Was der Mann, der sein eigenes perfektes Ende zertrümmert hatte, nach dem Spiel sagte, ließ sich noch schwerer in irgendeine Form zwängen als der Stoß selbst.
Drei Tage nach dem Finale gab Zidane ein öffentliches Interview und sagte die zwei wichtigsten, am genauesten belegbaren Sätze. Der erste war eine Entschuldigung an die Kinder: Er wolle alle Kinder, die dieses Spiel gesehen hätten, um Verzeihung bitten. Der zweite war die Weigerung, das Wort Reue zu benutzen: Würde er es bereuen, sagte er, käme das einem Eingeständnis gleich, dass der andere recht gehabt habe. Zugleich sagte er, er habe keinerlei Entschuldigung, doch jene Worte des anderen über seine Mutter und seine Schwester seien mehrfach wiederholt worden. Er wiederholte den genauen Wortlaut im Interview nicht, und er entschuldigte sich auch nicht persönlich bei Materazzi.
Diese beiden Sätze sind die Antwort eines lebendigen Menschen auf ein Drehbuch, das man für ihn geschrieben hatte. Dieses Drehbuch wollte einen Helden, der es bis zum Ende gut macht, einen über den Kopf gestemmten Pokal, einen runden Schlusspunkt, mit dem alle zufrieden das Buch zuklappen konnten. Und ausgerechnet das wollte er nicht liefern. Er entschuldigte sich bei den Kindern, weil er wusste, dass er auf dem Platz ein schlechtes Beispiel gegeben hatte; doch er weigerte sich, den Stoß selbst zu bereuen, weil Reue in seinem Herzen bedeutet hätte, zuzugeben, dass jene Beleidigungen gegen seine Mutter und seine Schwester berechtigt gewesen seien – und das wollte er unter keinen Umständen einräumen. Lieber zerstörte er den perfekten Schlusspunkt, als davon abzurücken. Das Drehbuch verlangte von ihm, ein Werkzeug zu sein, ein Mittel, um die Geschichte zu ihrem runden Ende zu bringen; er aber bestand darauf, ein Mensch zu sein – einer mit einer Mutter, mit einer Schwester, einer, der in diesem Augenblick lieber das ganze Brett umwarf.
Genau darin liegt das Hilfloseste jener Maschine, die alles zu einer Geschichte machen will. Sie kann ein Ende im Voraus schreiben, sie kann Stimmen im Voraus einsammeln, sie kann einen Menschen zu jeder Form kneten, die sie braucht, ob Held oder Rohling. Doch eines hat sie übersehen: Wer in die Geschichte hineingeschrieben wird, ist kein Symbol, das sich beliebig zurechtrücken lässt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit eigenen wunden Punkten, mit einem eigenen Groll, den er nicht hinunterschlucken kann. Als das Drehbuch von ihm verlangte, lächelnd Abschied zu nehmen, dachte er ausgerechnet an seine Mutter und seine Schwester; während alle gebannt darauf warteten, dass der runde Schlusspunkt fiel, überwog in seinem Innersten etwas Wichtigeres den zum Greifen nahen Pokal über seinem Kopf. Eine Geschichte lässt sich im Voraus schreiben, doch wer sie schreibt, übersieht immer dieselbe Sache: Die Figur in der Geschichte lebt, sie bewegt sich aus eigenem Antrieb, und sie kann jederzeit, auf der letzten Seite, etwas tun, das niemand für sie vorgesehen hatte.
Und außerhalb des Spielfelds gibt es noch etwas, das die Absurdität jenes bereits geschriebenen Endes noch deutlicher hervortreten lässt.
Der Goldene Ball dieser Weltmeisterschaft kürte den besten Spieler des Turniers, gewählt von den Journalisten, die über die WM berichteten. Das Ergebnis: Zidane erhielt zweitausendzwölf Punkte, Cannavaro eintausendneunhundertsiebenundsiebzig, Pirlo siebenhundertfünfzehn. Zidane – der Mann, der im Finale gerade eben wegen einer Gewalttat mit Rot vom Platz gestellt worden war – setzte sich mit einem knappen Vorsprung von fünfunddreißig Punkten gegen den Kapitän des schließlich siegreichen italienischen Teams durch und wurde zum besten Spieler dieser Weltmeisterschaft gekürt.
Und hier muss ehrlich eine Schicht der Beweislage offengelegt werden. Was den Zeitpunkt der Abstimmung für diesen Preis betrifft, ist das Material nicht vollkommen einheitlich. Eine von Reuters verbreitete Nachbericht-Meldung schreibt ausdrücklich, dieser Preis werde durch eine Medienabstimmung entschieden, und diese Stimmen seien bereits abgegeben worden, bevor Zidane die rote Karte gezeigt wurde. Eine andere, zeitgleiche Meldung besagt, der offizielle Abgabeschluss habe erst nach dem Finale gelegen, doch viele Journalisten hätten ihre Stimme vorab abgegeben, um sich ganz auf das Spiel und den anschließenden Bericht konzentrieren zu können. Diese beiden Angaben schließen einander nicht aus, und die sicherste Schlussfolgerung, die sie zusammen stützen, lautet: Eine beträchtliche Zahl von Stimmen war bereits abgegeben, bevor das Finale zu Ende war, mindestens bevor die rote Karte von der Öffentlichkeit vollständig verarbeitet worden war. Ob tatsächlich die Mehrheit der Stimmen vor dem Schlusspfiff abgegeben wurde, dafür gibt es im öffentlichen Material keine Zeitstempel für jede einzelne Stimme; für diese stärkere Behauptung ist die Beweislage unvollständig. Man kann also nur sagen: dass die Mehrheit bereits abgestimmt hatte, war eine damals von den Medien breit verbreitete Erklärung, keine Tatsache, die sich Stimme für Stimme nachprüfen ließe.
Doch selbst wenn man sich nur bis zu diesem Grad absichert, ist das entstehende Bild bereits grell genug. Dass die Wahl auf Zidane als besten Spieler fiel, beruhte auf seiner Leistung im gesamten Turnier, auf einem Urteil, das jene Journalisten bereits gefällt und abgegeben hatten, ehe das letzte Spiel zu Ende gespielt war. Als der Stoß in der hundertzehnten Minute dann tatsächlich geschah, waren die Stimmen längst abgegeben, nicht mehr zurückzuholen. So wurde jener Goldene Ball zum Fossil einer vorab geschriebenen Schlussfolgerung, zu einem Urteil, das bereits erstarrt war, ehe die Tatsache es überholte. Die Erzählung war der Tatsache zuvorgekommen, hatte den Schlusspunkt bester Spieler vorzeitig gesetzt, und dann prallte die Tatsache frontal dagegen – doch dieser Schlusspunkt ließ sich nicht mehr auswischen.
Und diejenigen, die diese Stimmen abgaben, waren ausgerechnet die Geschichtenerzähler selbst. Dieser Goldene Ball wurde nicht von Spielern gewählt, nicht von Trainern, sondern von den Journalisten, die über diese Weltmeisterschaft berichteten – von genau den Leuten, die das ganze Turnier hindurch Worte für den perfekten Abschied des alten Helden ausgebreitet hatten. Ihre Feder schrieb mit der einen Hand am Text über Rückkehr und würdigen Abschluss, und trug mit der anderen auf dem Stimmzettel bereits vorab seinen Namen als besten Spieler ein. Als dann die hundertzehnte Minute kam, zerriss der Protagonist unter dieser Feder vor den Augen der ganzen Welt sein eigenes Manuskript. Doch die Stimmzettel waren bereits abgegeben, die Tinte längst getrocknet. So drückten jene Geschichtenschreiber mit einer förmlichen Abstimmung ihrem eigenen, von ihnen verfassten Ende ein amtliches Siegel auf; und als der Protagonist vor aller Augen sein Manuskript zerriss, war dieses Siegel schon unwiderruflich aufgedrückt, nicht mehr abzulösen.
Ein Goldener Ball, eine rote Karte, dasselbe Spiel, derselbe Mann. Was das Konstrukt am liebsten täte, ist, einem Menschen eine saubere Bestimmung zu geben – Held oder Rohling, man wähle eines. Doch Zidane ist ausgerechnet beides zugleich: Er ist der anerkannte beste Spieler jenes Turniers, und er ist zugleich der Mann, der im Finale wegen einer Gewalttat vom Platz gestellt wurde. Keines von beidem überdeckt das andere, keines löst das andere auf. Ihn auf ein einziges Gesicht festzunageln, gelingt nicht. Selbst die öffentliche Meinung in Frankreich und international gab damals keine einheitliche Antwort. International war die Kritik am Kopfstoß als Gewalttat allgemein; doch in Frankreich selbst folgte die Stimmung dem nicht vollständig – Präsident Chirac empfing Zidane in Paris und sprach ihm seine Unterstützung aus, und bei einer Leserumfrage von L'Équipe meinten einundsechzig Prozent, diese Sache werde Zidanes Ansehen nicht schaden. Dieselbe Handlung erhielt diesseits und jenseits der Grenze zwei völlig entgegengesetzte Urteile. Selbst die Frage, wie ein Mensch im Gedächtnis bleiben soll, ließ sich hier nicht abschließen.
5. Der Meistertitel, der aus dem Schlamm erblühte
Der Pokal, den die Franzosen mit eigener Hand hatten fahren lassen, fiel Italien zu. Und als Italien ihn in die Höhe hob, steckte das Land selbst mitten im Auge eines Sturms, den man den Telefonskandal nannte.
Im Mai 2006, kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft, wurde eine Reihe abgehörter Telefongespräche aus dem italienischen Fußball öffentlich, die geradewegs auf die Beziehungen zwischen Vereinsführungen und dem System der Schiedsrichteransetzung in der Liga zeigten. Als der Sturm losbrach, geriet sogar Nationaltrainer Lippi in Mitleidenschaft; der Guardian schrieb bereits Ende Mai, Lippis Posten stehe wegen dieses Skandals infrage. Unter genau dieser Wolke trat Italien bei der Weltmeisterschaft an.
Und nach dem Titelgewinn zog sich die Wolke nicht zurück. Am 14. Juli, keine Woche nach dem Finale, fällte das italienische Sportgericht sein erstinstanzliches Urteil: Juventus wurde zwangsweise in die Serie B versetzt und zudem die beiden jüngsten Meistertitel aberkannt; auch der AC Florenz und Lazio wurden in erster Instanz mit dem Abstieg belegt; der AC Mailand stieg zwar nicht ab, wurde aber mit Punktabzug bestraft und zudem auf europäischer Ebene sanktioniert. Wenige Tage später erklärte Guido Rossi, der Verantwortliche des italienischen Fußballverbands, öffentlich, der Weltmeistertitel verlange umso mehr, dass im heimischen Fußball reiner Tisch gemacht werde – es gebe keinen Grund, wegen des Titels ein Auge zuzudrücken.
Und so meldete sich eine allzu verführerische Geschichte erneut zu Wort: eine Meistermannschaft, aus dem Schlamm erblüht, die im schmutzigsten Augenblick des heimischen Fußballs mit dem Ruhm der Weltmeisterschaft eine Erlösung vollbrachte. Doch diese Geschichte muss sich auf die Grenzen dessen zurückziehen, was Tatsache ist. Standzuhalten sind hier zwei Sätze: Der Telefonskandal ist wahr, und der Titel ist ebenfalls wahr – doch diese beiden Dinge dürfen nicht zu einem einzigen verknetet werden. Was jenes Verfahren behandelte, waren die Vereine, ihre Funktionäre, die Machenschaften bei der Schiedsrichteransetzung in der Liga – nicht irgendein Spiel der italienischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft. Der Titelgewinn der Nationalmannschaft und das Urteil im Telefonskandal ereigneten sich fast zur gleichen Zeit, und im Kader der Nationalmannschaft standen tatsächlich zahlreiche Spieler aus jenen betroffenen Vereinen; man kann diese beiden Dinge nebeneinanderlegen, doch daraus lässt sich nicht automatisch die Schlussfolgerung ableiten, dieser Weltmeistertitel selbst trage einen juristischen Makel. Dass der Skandal belegt ist, ist die eine Sache; dass der Titel durch diesen Fall befleckt wurde, ist eine andere – Letzteres wurde durch kein einziges Urteil je erwiesen.
Diese beiden wahren Dinge getrennt nebeneinander stehen zu lassen, fällt schwer, weil das menschliche Herz von Natur aus danach verlangt, sie zu einem einzigen zu verschmelzen. Verschmilzt man sie nach oben, entsteht das Bild einer zu Unrecht geschmähten Mannschaft, die im dunkelsten Augenblick des heimischen Fußballs mit einem Titel ihre Ehre wiederherstellte, eine Blume, erblüht aus dem Schlamm – diese Version lässt das Blut in Wallung geraten. Verschmilzt man sie nach unten, entsteht das Bild eines von Kopf bis Fuß verfaulten Fußballs, der selbst die Weltmeisterschaft nicht sauber gewann – diese Version weckt gerechten Zorn. Beide Versionen sind befriedigend, beide lassen sich in einem Atemzug bis zum Ende erzählen, nur ehrlich ist keine von beiden. Die ehrliche Darstellung ist ausgerechnet die unbefriedigendste von allen: Das Abhören ist wahr, der Zwangsabstieg ist wahr, auch der Pokal ist wahr, doch um die Rechnung der Vereine unmittelbar jenen elf Männern anzulasten, die in Berlin auf dem Platz standen, fehlt ein Glied, das niemand mit Beweisen füllen konnte. Dass der Skandal belegt ist, ist ein Satz; dass der Titel befleckt ist, ist ein anderer Satz, und den ersten unmittelbar als Beweis für den zweiten zu nehmen, ist wieder einmal eine bequeme Verschmelzung.
Auch auf Italiens Weg durch die K.-o.-Runde fehlte es nicht an Entscheidungen, die grell ins Auge stachen. Im Achtelfinale gegen Australien wurde Materazzi in der dreiundfünfzigsten Minute vom Platz gestellt, und in der letzten Minute der Nachspielzeit ging Grosso im Strafraum nach Kontakt mit Australiens Lucas Neill zu Boden; der amtierende spanische Schiedsrichter gab Italien einen Elfmeter, Totti verwandelte, und Italien rettete sich mit 1:0 über die Runde. Diesen Elfmeter bezeichneten britische Medien schon damals als umstrittene Entscheidung, und im Oktober 2006 äußerte sich sogar Blatter entschuldigend zu der Kontroverse, die dieser Elfmeter ausgelöst hatte. Auch dies war wieder eine Entscheidung, die man sehen konnte, ohne sagen zu können, wie viel davon Fehlentscheidung und wie viel etwas anderes war. Sie reicht für keine endgültige Feststellung, doch ebenso wenig lässt sie sich zum Verschwinden bringen.
Zum Jahresende erhielt Italiens Kapitän Cannavaro dann noch den Ballon d'Or jenes Jahres, mit dem Europas Fußballer des Jahres gekürt wird – eine ganz andere Sache als Zidanes Goldener Ball bei der Weltmeisterschaft; Buffon wiederum erhielt die Auszeichnung als bester Torhüter dieses Turniers. Eine Ehrung nach der anderen fiel dieser Meistermannschaft zu. Und jene Wolke, die sich nie vollständig auflöste, hing ebenso über all diesen Ehrungen, ohne dass jemand sie für sie hätte vollständig reinwaschen können.
6. Ein Sommermärchen
Richtet man die Kamera vom Spielfeld weg, gibt es für das Deutschland jenes Jahres noch eine andere Geschichte – eine Geschichte über den Gastgeber selbst.
Zunächst zu jenem Sommer selbst. Die von Klinsmann geführte deutsche Mannschaft holte den dritten Platz. Der Gastgeber erzielte insgesamt vierzehn Tore und war damit die torreichste Mannschaft des gesamten Turniers. Doch mehr noch als das Ergebnis blieb die gesamte gesellschaftliche Stimmung jenes Sommers in Erinnerung. Auch die FIFA betonte später, bei ihrem Rückblick auf dieses Turnier, dass erst die deutsche Mannschaft zusammen mit der gesellschaftlichen Atmosphäre des Gastgebers erkläre, warum Deutschland 2006 eine derart langanhaltende Erinnerung hinterlassen habe.
Auch die deutsche Mannschaft hatte ursprünglich nicht zu den Titelfavoriten gehört. Als Klinsmann übernahm, steckte der deutsche Fußball in einem allgemein für aussichtslos gehaltenen Tief; er setzte auf eine Reihe junger Spieler, deren Spielweise weit befreiter war als jene starre deutsche Mannschaft, die man aus der Erinnerung kannte. Dass ein vor dem Turnier kaum favorisierter Gastgeber die meisten Tore aller Mannschaften erzielte und sich bis ins Halbfinale durchkämpfte, reichte schon allein aus, um die heimischen Ränge zum Kochen zu bringen. Die unerwartete Freude über die Mannschaft und der hemmungslose Ausbruch auf den Rängen entzündeten sich gegenseitig: Je besser die Mannschaft spielte, desto mehr entfachte sie die Menschenmengen auf der Straße, und die Fahnen, die sich über das ganze Land verteilten, trieben wiederum den Lärmpegel im Stadion noch höher. Dass jener Sommer als Märchen in Erinnerung blieb, lag nicht nur daran, dass ein Dokumentarfilm ihm diesen Namen gab, sondern mehr noch daran, dass sich in dem Augenblick, als es geschah, Millionen Menschen wirklich mit ihrem ganzen Sein hineinwarfen.
Der Name Sommermärchen ist eng mit einem gleichnamigen Dokumentarfilm verbunden. Die offiziellen Texte des Deutschen Fußball-Bundes bezeichneten die Weltmeisterschaft 2006 später unmittelbar als das Sommermärchen jenes Jahres und erwähnten dabei ausdrücklich den gleichnamigen, von Sönke Wortmann gedrehten Film. Das heißt, die Bezeichnung Sommermärchen war kein Etikett, das Historiker erst viele Jahre später rückwirkend aufklebten, sondern eine öffentliche Bezeichnung, die sich schon bald nach 2006 durch den Film und die offizielle Erzählung gemeinsam festsetzte. Schon kurz nachdem dieser Sommer vergangen war, hatte man bereits begonnen, ihn als Märchen zu erzählen.
Eines der auffälligsten gesellschaftlichen Bilder jenes Sommers war das massenhafte Hissen von Fahnen und das öffentliche Anschauen der Spiele. Der Guardian schrieb bereits Ende Juni 2006, in ganz Deutschland sei eine geradezu explosionsartige Sichtbarkeit von Schwarz-Rot-Gold ausgebrochen – auf Autos, auf Balkonen, in Gärten, überall Fahnen. Zeitungsartikel jener Zeit, die auf einer deutschen Plattform für historische Dokumente verzeichnet sind, deuteten dieses Phänomen als eine Debatte über einen Patriotismus des Herzens; manche verstanden es so, dass sich jene lange anhaltende Zurückhaltung des Nachkriegsdeutschlands gegenüber Flagge und nationalen Symbolen endlich löste. Auch eine Studie eines Reuters-Instituts darüber, wie britische Medien Deutschland 2006 wahrnahmen, zeigte, dass jene Weltmeisterschaft das Bild Deutschlands in den britischen Medien deutlich verbesserte, und einer der wichtigsten Gründe dafür war, dass die Deutschen einen entspannteren, natürlicheren Patriotismus zeigten.
All das ist real, mit einer Fülle zeitgenössischer Aufzeichnungen belegt. Millionen Menschen gingen tatsächlich auf die Straße, hängten tatsächlich ihre Balkone voller Fahnen, und jene entspannte, von Herzen kommende Freude, jener Stolz eines Landes, das ein Turnier auf eigenem Boden ausrichtete, waren ganz echt. Ein Land, das wegen seiner Geschichte gegenüber nationalen Symbolen besonders vorsichtig gewesen war, gönnte sich in jenem Sommer, selten genug, eine Entspannung. Diese Entspannung, diese Freude, sollte durch nichts, was später geschah, mit einem Federstrich ausgelöscht werden. Diese Seite des Märchens ist wahr.
7. Die Rechnung, die in der Verjährung steckenblieb
Doch unter dem Märchen liegt eine Rechnung, die sich bis heute nicht klären ließ.
Die Geschichte jenes Sommers wurde später, ab 2015, fortlaufend von einer Untersuchung erschüttert. Um dieser Rechnung nachzugehen, muss man zunächst zum Ausgangspunkt dieser Weltmeisterschaft zurückkehren, zu jener Abstimmung über die Vergabe, die entschied, wem sie zufallen würde. Im Juli 2000 setzte sich Deutschland mit der letztlich entscheidenden Stimmenzahl von zwölf zu elf gegen Südafrika durch und erhielt den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006. Jene entscheidende Stimme war die Enthaltung des Ozeanien-Vertreters Charles Dempsey. Die Aufzeichnungen mehrerer Medien zeigten damals: Hätte Dempsey entsprechend der festgelegten Ausrichtung des ozeanischen Verbands für Südafrika gestimmt, hätte das Ergebnis zwölf zu zwölf gelautet, und man ging allgemein davon aus, dass der damalige FIFA-Präsident Blatter mit seiner Stimme als Vorsitzender Südafrika unterstützt hätte. Dempsey sagte später, er sei damals einem unerträglichen Druck ausgesetzt gewesen, und erwähnte zudem, dass es einen Bestechungsversuch gegeben habe.
Die Zugehörigkeit der gesamten Weltmeisterschaft hing also an dieser einen Enthaltung. Wäre jene Stimme, dem ursprünglichen Willen Ozeaniens entsprechend, für Südafrika abgegeben worden, sähe die Geschichte womöglich ganz anders aus. Der Ausgangspunkt dieser Weltmeisterschaft, die später als Märchen erzählt wurde, stand also von Anfang an auf einem unklaren, unaussprechlichen Ungewissen: ein Mann, der einem unerträglichen Druck ausgesetzt war, zog im letzten Moment seine Hand zurück. Diese Ungewissheit am Ausgangspunkt und jene Ungewissheit um die sechs Millionen siebenhunderttausend Euro, die viele Jahre später auftauchte, sind zwei Knoten auf derselben Linie, zeitlich getrennt: der eine dreht sich darum, warum jene Stimme so abgegeben wurde, der andere darum, warum jenes Geld auf diesem Weg floss – und beide Knoten hat bis heute niemand wirklich lösen können.
2015 erhob Der Spiegel den zentralen Vorwurf: Das deutsche Bewerbungskomitee für 2006 habe einst über eine Geldsumme von rund sechs Millionen siebenhunderttausend Euro verfügt, deren Herkunft auf einen Kredit eines ehemaligen Adidas-Managers zurückgeführt wurde, mutmaßlich im Zusammenhang mit dem Werben um jene Exekutivkomitee-Abstimmung im Jahr 2000. Reuters hielt damals zwei nebeneinander bestehende Tatsachen fest: Zum einen bestritt der Deutsche Fußball-Bund entschieden, dass es Schwarzgeld gegeben habe, und bestritt auch, Stimmen gekauft zu haben; zum anderen räumte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes anschließend ein, er selbst könne nicht vollständig erklären, warum jene sechs Millionen siebenhunderttausend Euro 2005 an die FIFA überwiesen worden seien. Ein Nein auf der einen Seite, ein Nicht-erklären-Können auf der anderen – beides stand nebeneinander.
2016 lieferte eine vom Deutschen Fußball-Bund in Auftrag gegebene Untersuchung eine wichtige, aber keineswegs abschließende Erklärung: Das Geld sei, so hieß es, über die FIFA an jenen ehemaligen Manager als Rückzahlung eines alten Kredits zurückgeflossen. Doch der Guardian schrieb, gestützt auf die öffentlich gemachten Schlussfolgerungen jener Untersuchung, die Möglichkeit, dass Deutschland sich den Titel durch Stimmenkauf gesichert habe, könne nicht ausgeschlossen werden. Die sicherste Formulierung bleibt also nur diese: Dass das Geld an jenen ehemaligen Manager zurückfloss, ist ein Weg, den die Untersuchung bestätigt hat; doch warum dieses Geld ursprünglich entstand und ob es tatsächlich mit einem Tausch um die Vergabeabstimmung zusammenhing, wurde durch diese Untersuchung nicht restlos geklärt.
2020 schließlich erreichte diese Rechnung ihr letztes und zugleich seltsamstes Ende. Das Schweizer Strafverfahren endete ohne jedes materielle Urteil, sondern wurde wegen eingetretener Verjährung eingestellt. Die FIFA äußerte damals öffentlich ihre Enttäuschung und erklärte, es sei beunruhigend, dass dieser Fall auf diese Weise ohne jedes Ergebnis ende. Dieser Satz trifft genau jene Grenze, die für die Einordnung dieses Falles heute am wichtigsten ist: Er endete durch eingetretene Verjährung, nicht durch Aufklärung. Die Verfahren, die danach in Deutschland weiterliefen, konzentrierten sich stärker auf die steuerliche und buchhalterische Darstellung jener sechs Millionen siebenhunderttausend Euro; selbst noch sehr spät lag der Fokus der deutschen Gerichte auf der Steuererklärung und der Darstellung der Transaktion, nicht auf einer bereits erwiesenen strafrechtlichen Feststellung darüber, ob bei jener Bewerbung im Jahr 2000 tatsächlich Stimmen gekauft worden waren.
Das ist wieder eine Gestalt, in der sich das Konstrukt nicht selbst schließen kann – und diesmal eine ganz neue Gestalt. Der Ball von Wembley 1966 blieb unklar, weil er unsichtbar war, weil die Wahrheit jenseits der Grenzen des menschlichen Auges verloren ging. Diese Rechnung um die Bewerbung von 2006 ist anders: Es ist nicht so, dass niemand nachgeforscht hätte – im Gegenteil, Der Spiegel hat nachgeforscht, die vom Verband beauftragte Untersuchung hat nachgeforscht, auch die Schweizer Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren eröffnet. Doch am Ende aller Nachforschungen blieb die entscheidende Frage – ob dieses Geld tatsächlich Bestechungsgeld für Stimmen war – weiterhin in der Schwebe hängen. Und diesmal war es weder Dunkelheit noch jenes unerreichbare Motiv, das sie in der Schwebe hielt, sondern etwas Kälteres: die Zeit. Selbst jene Maschine im Konstrukt, die am meisten auf Beweise pocht, besitzt ihre eigene Uhr, und als die Uhr ablief, als die Verjährung eintrat, kam das Verfahren automatisch zum Stillstand; der Fall wurde weder bewiesen noch widerlegt, sondern einfach von der Zeit übernommen und für immer in der Schwebe belassen. Jene Maschine, die am meisten zum Abschließen drängt, hat diesmal nicht etwa keine Antwort gefunden – sie kam schlicht nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben, denn ihre eigene Uhr schlug zuerst.
Ein solches Ende beunruhigt mehr, als es eine aufgedeckte Wahrheit oder ein nachgewiesenes Unschuldigsein täte. Wird etwas nachgewiesen, ist der Rest entschieden, dann ist das Schlechte wenigstens klar schlecht; wird Unschuld festgestellt, löst sich auch der Verdacht auf. Doch dieses Ende durch Verjährung gibt einem keines von beidem. Es erklärt einen weder für schuldig noch für unschuldig, es erklärt nur: Die Zeit ist abgelaufen, es wird nicht mehr gefragt. So wurde jene Frage, ob das Geld tatsächlich Bestechungsgeld war, von einer Frage, die auf Antwort wartete, zu einer Frage, die niemals mehr beantwortet werden wird – sie hängt dort, weder bewiesen noch widerlegt. Sie wurde nicht gelöst, sondern nur beiseitegelegt. Jenes Verfahren im Konstrukt, das sich eigentlich der Wahrheit annähern sollte, näherte sich am Ende nicht der Wahrheit, sondern seinem eigenen Fristablauf; als der Zeitpunkt kam, stellte es die Arbeit automatisch ein und ließ jene nie erreichte Antwort, zusammen mit allen Zweifeln, unverändert zurück – niemand rührt sie seither noch einmal an.
So wurde Deutschland 2006 zu etwas, das man nebeneinanderlegen, aber nicht zu einem Einzigen verschmelzen kann. Die echte gesellschaftliche Stimmung jenes Gastgebersommers, das dadurch verbesserte Bild des Landes, ist wahr, mit einer Fülle zeitgenössischer Aufzeichnungen belegt; und jene Wolke des Verdachts um die Bewerbungsgelder, die sich ab 2015 festsetzte, ist ebenfalls wahr – sie hielt sich lange und wurde 2020, wegen eingetretener Verjährung, für immer in der Schwebe belassen. Beides sind wahre historische Tatsachen, nur wurde Letzteres bis heute nie durch ein materielles Urteil der Justiz restlos aufgeklärt. Das Märchen ist wahr, und die nicht zu klärende Rechnung unter dem Märchen ist ebenfalls wahr.
8. Schluss
Fassen wir das alles zusammen.
Die Weltmeisterschaft 2006 war ein Turnier darüber, wie die Erzählung den Tatsachen zuvorzukommen versucht – und wie sich die Tatsachen immer wieder weigern, dieser Erzählung zu folgen.
Zidanes Karriere war im Voraus mit einem perfekten Ende versehen worden, dem Schlusspunkt eines alten Helden, der es bis zum Ende gut macht. Doch in der hundertzehnten Minute zerschlug der lebendige Mensch, der diesen Schlusspunkt geschrieben hatte, ihn mit eigener Hand. Er weigerte sich, ein Werkzeug zu sein, das die Geschichte zu ihrem vollkommenen Abschluss bringt; er zerstörte lieber jenes Ende, als jenes Stück von sich als Mensch aufzugeben. Und jener Goldene Ball, der bereits vor seiner Gewalttat durch Abstimmung vergeben worden war, wurde zu einem erstarrten Beweis dafür, dass die Erzählung der Tatsache tatsächlich einmal zuvorgekommen war – sie hatte die Schlussfolgerung bester Spieler vorab niedergeschrieben, und dann prallte die Tatsache frontal dagegen, ließ sich aber nicht mehr zurückholen. Ein Goldener Ball, eine rote Karte, beide auf denselben Menschen gefallen, keiner löst den anderen auf; das Konstrukt wollte ihm eine saubere Bestimmung geben und hat es am Ende doch nicht geschafft.
Italien hob den Titel im schmutzigsten Augenblick seines heimischen Fußballs in die Höhe, und eine Geschichte vom Erblühen aus dem Schlamm wartete bereits darauf, erzählt zu werden. Doch der Skandal ist wahr, und der Titel ist ebenfalls wahr; jener Telefonskandal betraf die Vereine und die Liga, nicht das Spielfeld der Weltmeisterschaft, und diese beiden wahren Dinge können nur nebeneinanderstehen, keines darf für das andere eine befriedigende Schlussfolgerung schreiben. Und das Sommermärchen jenes deutschen Sommers wurde von Film und offizieller Erzählung schon erzählt, kaum dass es vergangen war; doch die Rechnung um die Bewerbung unter diesem Märchen ließ sich trotz jahrelanger Nachforschungen nicht klären, und am Ende wurde sie weder bewiesen noch widerlegt, sondern von einer Uhr namens Verjährung übernommen und für immer dort angehalten.
Diese drei Dinge sind drei Gesichter davon, wie das Konstrukt sich selbst nicht schließen kann. Das eine Gesicht ist der lebendige Mensch, der mit eigener Hand das bereits geschriebene Ende umstößt; das andere ist das Paar aus zwei wahren Dingen, das sich partout nicht zu einer befriedigenden Schlussfolgerung zusammenfügen lässt; und noch eines ist jene Uhr der Verjährung, die der Wahrheit zuvorkommt, zuerst schlägt und die Frage für immer in der Schwebe belässt. Was die Erzählung will, ist immer ein Kreis, der sich schließen lässt, eine Geschichte mit Anfang und Ende, lückenlos gefügt. Doch diese drei Gesichter sagen zusammen dasselbe: Es gibt immer etwas, das dieser Kreis nicht in sich fassen kann. Manches will sich dem Kreis von vornherein gar nicht fügen; manches besteht darauf, gleich zwei Dinge zugleich zu sein – nimmt man es als Held, ist es das, nimmt man es als Rohling, ist es auch das; und manches liegt daran, dass der Kreis noch nicht fertiggezeichnet ist, wenn die Hand, die ihn zeichnet, von selbst innehält.
Sichtbar wird immer mehr. Zidanes Stoß haben Hunderte Millionen Menschen Bild für Bild bis zum Überdruss betrachtet; jene beiden Elfmeter, einmal aberkannt und einmal gepfiffen, jene Fahnen, die sämtliche Balkone bedeckten, jene sechs Millionen siebenhunderttausend Euro, die an die FIFA überwiesen wurden – alles bleibt in Aufzeichnungen erhalten, offen zutage liegend. Doch sichtbar sein bedeutet noch lange nicht, klar erkennbar zu sein; im Gegenteil, je voller sich diese sichtbaren Bilder türmen, desto grellsichtbarer heben sich jene wenigen Stellen ab, die sich wirklich nicht erreichen lassen. Welcher Satz genau den Stoß auslöste, hat niemand klar gehört; was im Headset hinter jener roten Karte übertragen wurde, lässt sich nicht wiederherstellen; ob jenes Geld wirklich Bestechungsgeld für Stimmen war, lässt sich nicht klären. Die Erzählung will eine Sache immer im Voraus zu einer rund abgeschlossenen Geschichte machen, doch es gibt immer einen lebendigen Menschen, einen ungeklärten Fall, eine nicht aufgehende Rechnung, die sich weigern, sich so abschließen zu lassen, die hartnäckig am Rand der Geschichte liegen bleiben und diese Vollkommenheit durchstoßen. Der Zyklus ist nicht stehengeblieben. Er dreht sich weiter.