Daejeon
Eine Weltmeisterschaft, bei der alles zu sehen war und der Fall dennoch ungeklärt blieb
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan)
In diesem Essay
- 1. Diesmal war alles deutlich zu sehen
- 2. Drei Szenen unter der Lupe
- 3. Man sieht den Fehler, aber nicht seinen Grund
- 4. Das unerreichbare Warum
- 5. Ein Bösewicht, der allzu gut passte
- 6. Die Vorbereitung war echt, die Zweifel waren es auch
- 7. Nicht nur dieses Spiel blieb ein ungeklärter Fall
- 8. Was zusammenkommt
1. Diesmal war alles deutlich zu sehen
Die Weltmeisterschaft 2002 fand in Südkorea und Japan statt. Zum ersten Mal kam die WM nach Asien, zum ersten Mal richteten zwei Länder sie gemeinsam aus. Die tiefste Narbe, die dieses Turnier in der Fußballgeschichte hinterließ, stammt jedoch von den umstrittenen K.-o.-Spielen, durch die Südkorea bis ins Halbfinale gelangte.
Zunächst müssen wir festhalten, was an dieser Weltmeisterschaft so besonders war. Vierundzwanzig Jahre zuvor, in jener Nacht in Buenos Aires, hatte Argentinien Peru mit 6:0 geschlagen. Was bei diesem Spiel geschehen war, ließ sich nicht aufklären, weil auf beiden Seiten Regime Bescheid wussten, zu deren Geschäft es gehörte, die Wahrheit verschwinden zu lassen. Sie wurde von Anfang an unter Verschluss gehalten. 2002 war es genau umgekehrt. Südkorea gegen Italien, Südkorea gegen Spanien: Keine der spielentscheidenden Schiedsrichterentscheidungen fiel im Dunkeln. Kameras zeichneten sie alle auf. Die vollständigen Aufnahmen blieben erhalten, und die ganze Welt sah sie sich Bild für Bild an, immer wieder.
Damit nahm eine alte Frage eine völlig neue, noch quälendere Gestalt an. Der Ball von Wembley 1966 ließ sich nicht eindeutig beurteilen, weil man nicht deutlich genug sehen konnte, was geschehen war. Er war zu schnell für das menschliche Auge. 2002 dagegen konnte man alles sehen, gestochen scharf. Und doch blieb die entscheidende Frage auch danach unerreichbar. Offenbar liegt zwischen dem Sehen und dem Durchschauen ein weiter Weg.
2. Drei Szenen unter der Lupe
Sehen wir uns zunächst Südkorea gegen Italien an.
18. Juni 2002, Daejeon, Achtelfinale. Südkorea besiegte Italien mit 2:1, durch das entscheidende Tor in der Verlängerung. Vieri hatte Italien in Führung gebracht, Seol Ki-hyeon ausgeglichen, Ahn Jung-hwan das Golden Goal erzielt. Schiedsrichter war der Ecuadorianer Moreno. Drei Szenen aus diesem Spiel wurden später wieder und wieder gezeigt und betrachtet.
Die erste ereignete sich kurz nach dem Anpfiff. Moreno gab einen Elfmeter für Südkorea, den Buffon hielt. Ob dieser Strafstoß berechtigt war, blieb auch nach dem Studium der Wiederholungen umstritten. Sicher ist nur: Er wurde gegeben, und er wurde gehalten.
Die zweite Szene spielte sich in der Verlängerung ab. Totti ging im Strafraum zu Boden; Moreno zeigte ihm wegen einer Schwalbe die zweite Gelbe Karte und stellte ihn vom Platz. Die Wiederholungen zeigten jedoch immer wieder, dass es zwischen Totti und Song Chong-gug einen Körperkontakt gegeben hatte und dass Song auch den Ball berührt hatte. Nach dem Regelwerk des International Football Association Board setzt die Ahndung einer Schwalbe voraus, dass der Schiedsrichter dem Spieler eine Täuschungsabsicht zuschreibt. Was die Bilder hergeben, ist dies: Der Kontakt mag für einen Elfmeter nicht gereicht haben, eine eindeutige Schwalbe war es aber ganz gewiss nicht. Es spricht sehr viel dafür, dass die Gelbe Karte gegen Totti falsch war.
Die dritte Szene folgte kurz nach Tottis Platzverweis. Tommasi erzielte ein Tor, das wegen Abseits nicht anerkannt wurde. Auch hier zeigten die Wiederholungen: Im Moment der Ballabgabe stand Tommasi nicht im Abseits. Diese Abseitsentscheidung war falsch.
Drei Szenen. Die vorherrschende Einschätzung nach Sichtung der Wiederholungen lautete später, dass mindestens zwei Entscheidungen höchst fragwürdig waren. Das war ganz deutlich zu sehen. Aber genau da beginnt das Problem: Nun sieht man die Probleme mit diesen Entscheidungen. Und dann?
3. Man sieht den Fehler, aber nicht seinen Grund
Einige Fehler lassen sich deutlich erkennen; andere Entscheidungen bleiben umstritten. Doch selbst bei einem eindeutigen Fehler bleibt offen, warum er geschah. In der Kluft zwischen beidem liegt die tiefste Frage dieser Weltmeisterschaft.
Eine Fehlentscheidung kann viele Ursachen haben. Vielleicht reichte das Können des Schiedsrichters nicht aus, und er schätzte eine komplizierte Situation in einem Sekundenbruchteil falsch ein. Vielleicht ließ er sich unter dem ohrenbetäubenden Druck des heimischen Publikums unbewusst auf die Seite des Gastgebers ziehen. Vielleicht gab es aber auch, wie die am weitesten verbreitete Erklärung behauptet, jemanden im Hintergrund, der ihm genau diese Entscheidungen vorgab. Diese drei Ursachen führen zu drei grundverschiedenen Urteilen: Im ersten Fall geht es um mangelndes Können, im zweiten um Druck, im dritten um Manipulation.
Zwischen diesen drei Ursachen kann kein einziges Bild der vollständig erhaltenen Aufnahmen unterscheiden. Ein Video kann zeigen, dass eine Entscheidung falsch war. Es kann nicht zeigen, was in dem Menschen vorging, der sie traf: ob er die Situation nicht richtig sah, ob er die Nerven verlor oder ob er einer Anweisung folgte, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen musste. Eine Kamera erfasst die Handlungen eines Menschen, nicht seine Motive. Die Entscheidung ist sichtbar. Das Warum hinter ihr bleibt unsichtbar.
So reichen sich 2002 und 1966 im tiefsten Punkt die Hand, obwohl sie aus entgegengesetzten Richtungen kommen. 1966 lag die Wahrheit jenseits der Grenzen des menschlichen Auges. Nicht einmal die Frage, ob der Ball die Linie überschritten hatte, war eindeutig zu beantworten. 2002 lag die Wahrheit vor den Augen Hunderter Millionen Menschen ausgebreitet. Einige Fehlentscheidungen ließen sich klar erkennen. Doch das wirklich entscheidende Warum blieb an einem Ort verborgen, den auch sämtliche Aufnahmen nicht erreichen konnten. Das eine Mal ließ sich nichts klären, weil man nicht sehen konnte. Das andere Mal konnte man sehen, und dennoch ließ sich nichts klären. Etwas zu sehen hieß noch nie, es auch zu durchschauen.
4. Das unerreichbare Warum
Dieses unerreichbare Warum löste später den schwerwiegendsten Streit um das Turnier aus.
Eine Erklärung stand für viele fest: Hier sei manipuliert worden. Südkorea habe die Schiedsrichter bestochen, oder die FIFA habe im Hintergrund nachgeholfen, damit der Gastgeber möglichst weit kam. In der Erinnerung vieler Fans gilt diese Version fast schon als erwiesen. 2015, als die FIFA tief im Korruptionsskandal steckte, griff eine italienische Zeitung den alten Fall wieder auf. Sie behauptete, die FIFA habe damals ein Weiterkommen des Gastgebers gewünscht, was die Ansetzung der Schiedsrichter beeinflusst habe. Außerdem brachte sie die Vorgänge mit jenem Funktionär in Verbindung, der zu dieser Zeit in den Korruptionsfall verwickelt war. Diese Berichte machten aus einem zunächst unscharfen Verdacht eine scharf zugespitzte Anschuldigung.
Doch hier muss die Grenze gewahrt bleiben, die am schwersten zu wahren und zugleich am wichtigsten ist. Die verschiedenen Ebenen müssen sauber voneinander getrennt werden.
Belegen lässt sich, dass eine ganze Reihe von Entscheidungen in diesen beiden Spielen in den Wiederholungen äußerst schlecht aussah. Dafür gibt es objektive Aufzeichnungen. Moreno selbst räumte später ein, dass Hwang Sun-hongs Aktion, bei der sich Zambrotta verletzt hatte, härter hätte geahndet werden müssen. Diesen Fehler bei der Spielleitung gestand der Schiedsrichter mit eigenen Worten ein. Die Auffälligkeiten waren real.
Umstritten ist nach wie vor, wie viele dieser Entscheidungen eindeutige Fehler waren und wie viele lediglich strittige Grenzfälle. Ebenso umstritten ist, ob folgende Erklärung ausreicht: Ein ohnehin unbeständiger Schiedsrichter versagte unter dem extremen Druck eines Heimspiels des Gastgebers und leitete die Partie deshalb so schlecht. Über all das wird noch immer gestritten.
Was sich dagegen nie belegen ließ, ist Manipulation. Wie stark der Verdacht auch sein mag, wie sehr er sich intuitiv aufdrängen mag: In den zugänglichen Unterlagen findet sich weder ein Nachweis für eine Zahlung an einen Schiedsrichter noch das Geständnis eines für die Ansetzungen zuständigen Funktionärs, weder eine als echt bestätigte Anweisung zu diesen Entscheidungen noch ein offizieller Urteilsspruch, der eine Manipulation der beiden Spiele feststellt. FIFA-Präsident Blatter bestritt öffentlich, dass es ein Komplott gegeben habe, um Südkorea im Turnier zu halten. Später räumte er allerdings auch ein, dass die Schiedsrichterleistungen bei dieser WM unzulänglich gewesen seien. Und der immer wieder genannte hochrangige südkoreanische Fußballfunktionär? Er bekleidete tatsächlich lange ein hohes Amt in der FIFA und wurde später in einer anderen, eine Bewerbung betreffenden Angelegenheit wegen eines Verstoßes gegen die Ethikregeln sanktioniert. Doch unter den zugänglichen Unterlagen findet sich kein einziges Dokument aus erster Hand, das beweist, dass er 2002 bei irgendeinem Spiel Schiedsrichterentscheidungen angeordnet hätte.
Die Auffälligkeiten sind belegt, die Manipulation ist es nicht. Diese beiden Sätze müssen zusammen ausgesprochen werden. Lässt man einen weg, wird das Bild falsch. Wer nur die Auffälligkeiten nennt und aus der Folge schlechter Entscheidungen ohne Weiteres eine nachgewiesene Verschwörung macht, erklärt Umstrittenes zur Gewissheit. Wer nur auf die fehlenden Belege verweist und so tut, als sei an den Entscheidungen überhaupt nichts auszusetzen gewesen, verschließt die Augen vor nachweislichen Auffälligkeiten. Die Wahrheit steckt an dieser unbequemen Stelle zwischen den beiden Sätzen fest. Sie rückt zu keiner Seite hinüber, um ihr eine befriedigende Antwort zu schenken.
Genau darin liegt das tiefste Dilemma dieser Weltmeisterschaft. Selbst jene Verfahren des Aufbaus, die am strengsten auf Beweise pochen und am entschiedensten einen Fall abschließen wollen, eine förmliche Untersuchung, eine offizielle Stellungnahme, kommen angesichts dieses Warum am Ende nicht über die Feststellung unzulänglicher Spielleitung hinaus. Weiter nach innen, zum Motiv, zur Kette möglicher Anweisungen, reichen auch sie nicht. Sie können feststellen, dass eine Entscheidung falsch war, aber nicht, welche Absicht hinter dem Fehler stand. Gerade die Maschine, die alles abschließen möchte, muss vor diesem Warum wieder eingestehen, dass sie den Fall nicht zum Abschluss bringen kann.
5. Ein Bösewicht, der allzu gut passte
Angesichts dieses unerreichbaren Warum brauchten die Menschen unbedingt eine Antwort. Und Moreno lieferte ihnen zufällig eine.
Im September 2002, kurz nach der Weltmeisterschaft, wurde Moreno in Ecuador wegen einer umstrittenen Ligapartie für zwanzig Spiele gesperrt. Gleichzeitig kündigte die FIFA eine Untersuchung der Kontroversen an, die er an verschiedenen Orten ausgelöst hatte. Die noch viel größere Sensation folgte acht Jahre später. Im September 2010 wurde Moreno bei der Einreise am New Yorker Flughafen John F. Kennedy festgenommen. Er hatte sich Heroin an den Körper gebunden. Im Jahr darauf bekannte er sich schuldig und wurde zu dreißig Monaten Haft verurteilt.
Der Schiedsrichter, der jenes von allen Seiten angeprangerte Spiel geleitet hatte, wurde acht Jahre später zu einem waschechten Drogenschmuggler. Die Geschichte war beinahe zu vollkommen. Sie wirkte wie ein vom Himmel geschickter Zeuge, der für all jene, die 2002 einen Verdacht gehegt hatten, endlich das letzte Wort sprach: Seht ihr, der Mann war schon immer schlecht. Was gibt es da über dieses Spiel noch zu reden?
Aber auch hier müssen wir innehalten. Morenos Drogenverbrechen ist eine Tatsache, gerichtlich abgeurteilt und durch erdrückende Beweise belegt. Für sich genommen beweist es jedoch nicht, dass das Spiel acht Jahre zuvor manipuliert war. Dass jemand 2010 Drogen schmuggelte, ist eine andere Sache als die Frage, ob er sich 2002 dafür bezahlen ließ, ein Spiel zu verschieben. Dass ein Mensch später auf die schiefe Bahn gerät oder sogar schon zuvor etwas auf dem Kerbholz hatte, bedeutet nicht, dass er bei jeder umstrittenen Handlung böse Absichten verfolgte. Beides zu einer einzigen Sache zusammenzupressen heißt, dass das Gedächtnis es sich wieder einmal bequem macht. Die Menschen wollten jenes unerreichbare Warum unbedingt mit einer eindeutigen Antwort versehen. Als Moreno ihnen seine Identität als Drogenschmuggler selbst ins Haus lieferte, machten sie daraus deshalb nur zu bereitwillig das Urteil im ungeklärten Fall von 2002.
So arbeitet die Erzählmaschine am liebsten. Sie erträgt kein offenes Fragezeichen. Sie muss zu diesem Fragezeichen einen Bösewicht finden, dem sie die Sache endgültig anlasten kann. Morenos späterer Absturz lieferte genau diesen Bösewicht. Doch ein späteres Verbrechen entscheidet nicht rückwirkend einen früheren Fall. Das Heroin von 2010 ändert nichts daran, dass das Warum von 2002 unerreichbar bleibt. Es lässt lediglich so aussehen, als sei die Frage beantwortet worden. In Wahrheit ist überhaupt nichts beantwortet.
6. Die Vorbereitung war echt, die Zweifel waren es auch
Wer dieser Weltmeisterschaft gerecht werden will, muss noch etwas anderes sagen, das ebenso feststeht: Südkorea hatte tatsächlich eine starke Mannschaft.
Trainer Hiddink hatte das Team bereits im Januar 2001 übernommen, lange vor der Endrunde. Er verschaffte sich einen ungewöhnlich weitreichenden Zugriff auf seine Spieler. Weil der Spielplan der Liga umgestellt wurde, konnte er in den vier Monaten vor der WM täglich mit der Mannschaft arbeiten. Er holte einen hauptamtlichen Konditionstrainer und setzte umfangreiches Krafttraining an. Die geringere Belastung durch Ligaspiele senkte zugleich das Risiko, dass sich Spieler vor dem Turnier verletzten. All dies sind belegbare Tatsachen. In diesem Streit sind sie die stärksten Argumente jener, die Südkoreas Siege auf eine mit erlaubten Mitteln geleistete Vorbereitung zurückführen. Damals war man weithin der Ansicht, dass Südkorea wohl zu den konditionsstärksten Mannschaften des Turniers gehörte. Gerade diese Ausdauer half dem Team, Italien und Spanien zu zermürben.
Dieser Leistung muss man uneingeschränkt gerecht werden. Eine Mannschaft verpflichtet einen guten Trainer, arbeitet hart, bringt sich körperlich in die beste Verfassung des gesamten Teilnehmerfeldes und behält dank dieser Kondition am Ende die Oberhand: Das ist echtes Können, das Respekt verdient. Sämtliche Erfolge Südkoreas bei dieser WM pauschal auf bestochene Schiedsrichter zurückzuführen, wäre unfair. Damit würde man all den Schweiß für nichts erklären, den die Spieler tatsächlich vergossen haben. Ihr Einsatz in den Zweikämpfen war echt, ihr Kampfgeist war echt, und auch die ohrenbetäubende Begeisterung ihres heimischen Publikums war echt.
Doch genau darin liegt die Schwierigkeit: Die Vorbereitung war echt, und die Zweifel waren es ebenfalls. Beides war wirklich. Wer die Stärke Südkoreas anerkennt, schafft damit die Fehlentscheidungen nicht aus der Welt. Wer auf die auffälligen Entscheidungen hinweist, erklärt damit nicht die Anstrengungen der Mannschaft zum Schwindel. Beides sollte nebeneinander bestehen können. Man muss sich nicht auf ein Entweder-oder festlegen: entweder alles verschoben oder alles aus eigener Kraft. Tatsächlich gewann eine wirklich starke Mannschaft Spiele, deren Verlauf durch schlechte Schiedsrichterentscheidungen schwer belastet war. Diese beiden Tatsachen widersprechen einander kein bisschen. Sie verweigern uns lediglich die Befriedigung einer rein schwarzen oder weißen Antwort.
Unter diesem Verdacht litt auch ein ganz bestimmter Mensch. Ahn Jung-hwan, der Schütze des Golden Goal, spielte damals auf Leihbasis beim italienischen Klub Perugia. Kaum war Italien ausgeschieden, griff Klubbesitzer Gaucci ihn öffentlich an: Er wolle niemanden bezahlen, der den italienischen Fußball zerstört habe. In dieser Atmosphäre endete Ahns Zeit in Perugia. Ein Spieler tat auf dem Platz das, was seine Aufgabe war. Er erzielte ein regelgerechtes Tor und bezahlte dafür mit seinem Arbeitsplatz, weil über diesem Tor ein Verdacht hing, auf den er keinerlei Einfluss hatte. Als jenes unerreichbare Warum auf ihn herabfiel, wurde daraus eine sehr greifbare Arbeitslosigkeit.
7. Nicht nur dieses Spiel blieb ein ungeklärter Fall
Die ungeklärten Fälle dieser Weltmeisterschaft beschränkten sich keineswegs auf die beiden Spiele Südkoreas.
Titelverteidiger Frankreich reiste als einer der großen Favoriten an. Dann verlor die Mannschaft das Eröffnungsspiel mit 0:1 gegen Senegal, spielte 0:0 gegen Uruguay und unterlag Dänemark mit 0:2. Drei Gruppenspiele, kein einziges Tor, und es ging nach Hause. Der Weltmeister des vorigen Turniers, einer der großen Favoriten vor dem Anpfiff, schied auf denkbar klägliche Weise aus. Wieder zerbrach eine Prognose. Die weithin geteilte Erwartung einer erfolgreichen Titelverteidigung hielt nicht stand, sobald der Ball rollte. Weder der Ruhm der vorigen WM noch die günstigen Vorhersagen konnten das Ergebnis dieser WM garantieren. Das letzte Wort hatte der erbarmungslose Zufall auf dem Rasen.
Und mitten in all diesen Dingen, die sich nicht erklären und nicht abschließend klären ließen, gab ein Mann auf die unwiderlegbarste Weise eine Antwort auf seinen eigenen ungeklärten Fall von vier Jahren zuvor. Dieser Mann war Ronaldo. Was an jenem Nachmittag des Endspieltags 1998 in seinem Körper geschehen war, hatte nicht einmal die Einschaltung des brasilianischen Parlaments aufklären können. Es war ein Fall, der für immer unerreichbar blieb. Danach erlitt er 1999 und 2000 zwei schwere Knieverletzungen und verpasste nahezu die gesamte WM-Qualifikation Brasiliens. Alle glaubten, dieser Ronaldo werde nicht mehr zurückkommen.
Doch 2002 kam er zurück. Er erzielte acht Tore und gewann den Goldenen Schuh. Im Finale gegen Deutschland traf er zweimal. Beim ersten Tor konnte der deutsche Torwart Kahn einen Schuss von Rivaldo nicht festhalten, Ronaldo verwertete den Abpraller. Kahn bezeichnete das später als seinen einzigen Fehler im Endspiel. Brasilien gewann mit 2:0 den Titel. Vier Jahre zuvor war dieser Spieler mit der Nummer neun wie geistesabwesend über den Rasen des Finales gelaufen, und niemand hatte gewusst, was in seinem Körper vor sich ging. Vier Jahre später gewann er auf derselben Bühne mit zwei Toren, an denen niemand rütteln konnte, den WM-Pokal. Das Warum jenes Nachmittags von 1998 wird sich vielleicht nie abschließend klären lassen. Aber diese beiden Bälle von 2002 landeten im Netz, deutlich sichtbar, ohne jeden Zweifel. Manche ungeklärten Fälle lassen sich auf dem Papier nicht lösen. Doch man kann etwas anderes, ebenso Unbestreitbares über sie legen. Ronaldo erklärte jenen Nachmittag nicht. Er sorgte mit einem Weltmeistertitel lediglich dafür, dass dieser Nachmittag nicht länger das Ende seiner Geschichte war.
8. Was zusammenkommt
Führen wir das alles zusammen.
Die Weltmeisterschaft 2002 trieb eine alte Frage in eine völlig neue Sackgasse. Vierundzwanzig Jahre zuvor, in jener Nacht in Buenos Aires, hielten Regime die Wahrheit unter Verschluss; die Menschen konnten nicht klar sehen. 2002 dagegen lag die Wahrheit vor Hunderten Millionen Augen offen. Jede umstrittene Entscheidung in den beiden Spielen Südkoreas war vollständig aufgezeichnet, und die ganze Welt hatte reichlich Gelegenheit, sie Bild für Bild zu betrachten. Einige Fehlentscheidungen waren deutlich zu erkennen; andere Entscheidungen blieben umstritten. Doch auch wer den Fehler klar erkannte, konnte noch immer nicht erkennen, warum er begangen worden war. Lag es am Können, am Druck oder an Manipulation? Sämtliche Aufnahmen zusammengenommen konnten das nicht unterscheiden. Sichtbar war die Entscheidung. Unsichtbar blieb das Warum dahinter.
Dieses Warum wurde zum tiefsten Rest, den das Turnier hinterließ. Es blieb unerreichbar, auch für jene Verfahren des Aufbaus, denen Beweise am wichtigsten sind. Eine Untersuchung, eine Stellungnahme: Am Ende reichten sie nur bis zur Feststellung unzulänglicher Spielleitung. Für die Auffälligkeiten gab es objektive Aufzeichnungen; für eine Manipulation gab es weiterhin kein einziges Dokument, das sie belegte. Diese beiden Sätze müssen zusammen gesagt werden. Keiner darf den anderen übertönen. Wer aus den auffälligen Entscheidungen unmittelbar eine nachgewiesene Verschwörung macht, erklärt Umstrittenes zur Gewissheit. Wer umgekehrt so tut, als seien die Entscheidungen tadellos gewesen, verschließt die Augen vor nachweislichen Auffälligkeiten. Zwischen diesen beiden Sätzen bleibt die Wahrheit in der Schwebe und verweigert beiden Seiten eine befriedigende Antwort. Doch die Menschen halten diesen Schwebezustand nicht aus. Als Moreno acht Jahre später zum Drogenschmuggler wurde, griffen sie deshalb nach dem Bösewicht, der allzu gut passte. Sie machten das Heroin von 2010 zum Urteil im ungeklärten Fall von 2002, obwohl es in diesem Fall überhaupt nichts entschieden hatte.
Am greifbarsten bleiben die Menschen, auf die dieses unerreichbare Warum seinen Schatten warf. Ahn Jung-hwan erzielte ein regelgerechtes Golden Goal und verlor wegen eines Verdachts, den er nicht beeinflussen konnte, seine Arbeit in Italien. Die ganze südkoreanische Mannschaft hatte sich tatsächlich in die beste körperliche Verfassung des Teilnehmerfeldes gebracht und bis zum Ende gekämpft. Doch der Verdacht zog auch ihre Anstrengungen in Mitleidenschaft. Für immer blieb offen, welchen Anteil ihr Können hatte und welchen die rätselhaften Begleitumstände. Morenos späterer Absturz machte ihn zu dem Bösewicht, den die Menschen so dringend brauchten. Der Frage, was es mit dem früheren Spiel wirklich auf sich hatte, wurde dadurch noch seltener ernsthaft nachgegangen. Der Aufbau kann jede Entscheidung filmen, jede Untersuchung in Gang setzen und den Menschen einen fertigen Bösewicht liefern. Doch er kann die Motive hinter den Entscheidungen nicht aufnehmen, das eigentliche Warum nicht ermitteln und den Menschen, die dabei zu Schaden kamen, ihre ungetrübte Unschuld nicht zurückgeben. Immer mehr wird sichtbar. Klarer wird deshalb längst nicht alles. Dieses Warum liegt vor aller Augen, wird millionenfach betrachtet, und doch vermag es niemand wirklich zu durchschauen. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.