Azteca
Eine Hand und ein Tor, vier Minuten derselben Person
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko)
1. Zwei Dinge in vier Minuten
Der 22. Juni 1986, Mexiko-Stadt, Estadio Azteca. WM-Viertelfinale, Argentinien gegen England. Zweite Halbzeit, die einundfünfzigste Minute, und die fünfundfünfzigste.
Diese beiden Minuten wurden seither immer wieder nebeneinandergestellt und zum berühmtesten Minutenpaar der Fußballgeschichte. Berühmt sind sie nicht, weil jede für sich so legendär wäre, sondern weil sie so eng beieinanderliegen — so eng, dass sie, obwohl derselbe Mann, dasselbe Spiel, nur vier Minuten auseinander, wie aus zwei verschiedenen Welten zu stammen scheinen.
In der einundfünfzigsten Minute sprang Maradona zum Kopfball hoch, und der Ball überquerte die Linie von Englands Torhüter Shilton. In der Zeitlupe war es unübersehbar deutlich zu sehen: Was den Ball hineinbeförderte, war seine linke Hand, nicht sein Kopf. Der tunesische Schiedsrichter Bin Nasser erkannte das Tor an, und Englands Spieler umringten ihn sofort.
Der Protest brach auf der Stelle aus, nicht erst nach dem Spiel, langsam heranreifend. Maradona feierte noch, da hatte der Schiedsrichter schon auf den Mittelkreis gezeigt und damit das Tor anerkannt; Englands Spieler umringten ihn daraufhin und forderten eine Handspielentscheidung. Doch die Geste des Schiedsrichters war bereits gemacht, und in jener Zeit ohne Wiederholung, ohne Videoschiedsrichter, war eine bereits auf den Mittelkreis zeigende Geste das endgültige Urteil. Das Umringen änderte nichts mehr, den Engländern blieb nichts, als mit eigenen Augen zusehen zu müssen, wie dieses Tor zählte. Nach dem Spiel hinterließ Maradona den berühmten Satz: Das Tor sei ein wenig mit dem Kopf von Maradona erzielt worden, und ein wenig mit der Hand Gottes.
Dieser Satz ist ein kunstvoll gearbeitetes Ding. Er leugnet nicht, und er gesteht nicht, er übergibt eine unzweifelhaft menschliche Hand mit leichter Hand Gott selbst. Wer ihn hörte, verstand genau, was er meinte, doch er hatte kein einziges Wort zugegeben. Verschlagen, keck, und mit einer Gelassenheit, die fast schon an Unverfrorenheit grenzte, ging dieser Satz danach um die Welt — nicht, weil er irgendetwas klargestellt hätte, sondern weil er einen offenkundigen Betrug so erzählte, dass man ihn nicht hassen konnte.
In der fünfundfünfzigsten Minute nahm er den Ball in der eigenen Hälfte auf, rannte los, umspielte mehrere englische Spieler nacheinander, tanzte den Torhüter aus und schob den Ball ins leere Tor. Dieses Tor wurde später zum Jahrhunderttor gekürt.
Von der ersten Ballberührung seines linken Fußes in der eigenen Hälfte bis der Ball ins englische Tor rollte, lagen dazwischen nur gut zehn Sekunden. In diesen gut zehn Sekunden durchquerte er den größten Teil des Spielfelds und schüttelte einen sich entgegenwerfenden Gegner nach dem anderen ab — das war kein wildes Durchbrechen, sondern jeder Schritt so präzise, als wäre er vorher genau ausgemessen worden; eine Verlagerung seines Schwerpunkts genügte, und der Verteidiger griff ins Leere. Als er den zuletzt herausstürzenden Torhüter umkurvt hatte, stand das Tor weit offen, er musste nur noch sanft nachschieben. Das ganze Azteca-Stadion hielt in jenen gut zehn Sekunden zunächst den Atem an, um dann zu explodieren.
Viele Jahre später hat man dieses Tor unzählige Male Bild für Bild nachanalysiert: wie oft er den Ball berührte, wie viele Meter er lief, wie viele Sekunden er brauchte, wie viele Männer er überwand. Bei diesen Zahlen gibt es geringfügige Abweichungen — zählt die erste Ballannahme als eine Berührung oder nicht, zählt eine zweimalige Auseinandersetzung mit demselben Verteidiger als einen Mann oder als zwei, misst man die Luftlinie oder die tatsächliche Laufbahn mit Ball — je nach Maßstab fallen die Zahlen etwas anders aus. Doch wie man auch zählt, die Größe dieses Tores liegt nicht in den Zahlen. Zahlen können bestätigen, wie schnell, wie weit, wie schwierig es war, aber sie können nicht messen, warum Menschen mehr als dreißig Jahre später bei seinem Anblick immer noch den Atem anhalten. Manche Dinge werden umso klarer, je genauer man sie misst; manche Dinge entgleiten einem gerade beim Messen.
Vier Minuten. Derselbe Mann, dasselbe Spiel: erst stahl er mit einer Hand ein Tor, dann schoss er mit seinen beiden Füßen das sauberste Tor der Fußballgeschichte. Zur einen Hälfte Betrug, zur anderen Hälfte Genie, zur einen Hälfte Empörung erregend, zur anderen Hälfte Bewunderung abnötigend — sie waren nicht auf zwei Menschen verteilt, sie fielen nacheinander auf denselben Menschen.
Lägen diese beiden Tore Jahre auseinander, in zwei verschiedenen Spielen, wäre die Sache einfach: Man könnte sie getrennt in Erinnerung behalten, das eine mit Groll, das andere mit Wohlwollen. Doch ausgerechnet drängen sie sich in dieselben vier Minuten desselben Spiels, dicht nebeneinander, und keines lässt sich von dem anderen abschütteln. Man kann nicht nur die Hand behalten und den Lauf vergessen, ebenso wenig kann man nur den Lauf bewundern und so tun, als gäbe es die Hand nicht. Die Zeit hat sie zusammengenagelt und zwingt jeden, der das Spiel sieht, zwei einander entgegengesetzte Gefühle zugleich zu ertragen. Diese vier Minuten sind der am schwersten aufzulösende Punkt dieser gesamten Weltmeisterschaft.
Schwer aufzulösen, nicht weil die Fakten unklar wären. Die Fakten sind vollkommen klar: die einundfünfzigste Minute ist die Hand, die fünfundfünfzigste der Fuß, an diesen beiden Punkten gibt es keinerlei Streit. Schwer aufzulösen ist, dass diese beiden vollkommen klaren Fakten auf zwei völlig entgegengesetzte Urteile hindeuten, und dass sie doch demselben Menschen, demselben Spiel, denselben vier Minuten angehören. Je klarer die Fakten, desto weniger lässt sich das Urteil fällen.
2. Sichtbar, und doch unerreichbar
Zuerst zu jener Hand.
Es war eine Fehlentscheidung, daran besteht kein Zweifel. Entscheidend aber ist, auf welche Weise diese Fehlentscheidung zustande kam. Der amtierende Schiedsrichter Bin Nasser erklärte später, er habe die Hand nicht gesehen und sie für einen Kopfball gehalten; er habe auf ein Signal seines Linienrichters gewartet, doch der bulgarische Linienrichter auf jener Seite, Dochev, habe die Fahne nicht gehoben. Die beiden Männer stellten es später unterschiedlich dar: Der eine sagte, er habe nicht klar gesehen und auf den anderen gewartet; der andere sagte, er habe im Moment selbst gespürt, dass etwas nicht stimmte, habe es aber, beschränkt durch die damalige Art der Zusammenarbeit, nicht wie heute sofort mit dem Hauptschiedsrichter absprechen können. Ihre einzige Übereinstimmung: Keiner von beiden konnte in jenem Augenblick das Tor verhindern.
Hier gibt es keinen Bösewicht, den man mit gutem Gewissen anklagen könnte. Der Schiedsrichter vernachlässigte seine Pflicht nicht, er wartete, seiner damaligen Rollenteilung entsprechend, auf das Signal des Linienrichters; der Linienrichter war auch nicht nachlässig, er war nur durch die Zusammenarbeitsweise jener Zeit eingeschränkt und konnte sein inneres Zögern nicht rechtzeitig weitergeben. Jeder der beiden tat für sich, was damals dem Ablauf entsprechend richtig erschien, und zusammen ließen sie doch ein Handspiel durchgehen, das die ganze Welt sah. Die Lücken des Konstrukts entstehen oft nicht, weil irgendeiner schlecht gehandelt hätte, sondern weil jeder in seinem eigenen Feld etwas scheinbar Richtiges tut, während die Lücke gerade durch die Naht zwischen den Feldern hindurchrutscht.
Hier verbirgt sich eine vertraute Frage. Zwanzig Jahre zuvor ließ sich jenes Tor von Wembley nicht klären, weil man es nicht klar sehen konnte — der Ball war zu schnell, das menschliche Auge kam nicht heran. Diese Hand von 1986 war genau das Gegenteil: Hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher sahen sie im selben Augenblick klar, kaum lief die Zeitlupe, war alles unübersehbar deutlich. Doch was nützte das klare Sehen? Die beiden diensthabenden Männer sahen es nicht klar, und 1986 gab es außer diesen beiden Paar bloßer Augen nichts, was sie hätte korrigieren können. Die Entscheidung fiel, die Aufzeichnung schloss sich, die Engländer umringten den Schiedsrichter auf der Stelle protestierend, das ursprüngliche Urteil blieb unverändert bestehen. Soweit sich anhand der auffindbaren Unterlagen sagen lässt, ist kein formeller Einspruch überliefert, der das Ergebnis hätte ändern können.
So erschien die alte Frage in einer neuen Gestalt. Nicht klar sehen können und deshalb nicht herankommen — das lässt sich leicht verstehen; doch etwas vollkommen klar zu sehen und trotzdem nicht heranzukommen, ist viel schwerer zu ertragen. Die Wahrheit ging nicht jenseits der Grenzen des menschlichen Auges verloren, sondern in einer peinlichen Lücke: Hunderte Millionen außerhalb des Stadions hatten es gesehen, die beiden, die es innerhalb des Stadions hätten sehen sollen, hatten es nicht gesehen, und in jener Zeit gelangte das Sehen von außerhalb nicht ins Innere.
Diese Lücke war eine Lücke der Technik. 1986 gab es auf dem Spielfeld so gut wie keine Mittel zur Fehlerkorrektur. Die bloßen Augen des Schiedsrichters und der beiden Linienrichter waren das gesamte Instrumentarium der Urteilsfindung; übersahen sie etwas, gab es keinerlei Abhilfe. Auf den Rängen dagegen, vor den Fernsehern, hielten Hunderte Millionen Menschen bereits das klarere Bild in Händen — Zeitlupe, mehrere Blickwinkel, wiederholte Wiederholungen. Das Widersinnige liegt genau darin: In jener Zeit besaßen die drei Menschen, die am dringendsten hätten klar sehen müssen, die geringsten Mittel, während die am weitesten entfernten Hunderte Millionen am klarsten sahen — doch deren klares Sehen half dem Geschehen im Stadion nicht im Geringsten. Die Wahrheit existierte nicht etwa nicht, sie leuchtete auf unzähligen Bildschirmen, nur führte kein Weg von diesen Bildschirmen in die Augen jener drei Männer. Die Hand des Konstrukts krankte nicht daran, nichts sehen zu können, sie krankte daran, festzulegen, dass nur das Sehen jener beiden diensthabenden Augenpaare zählte. Jedes andere Sehen, so klar es auch sein mochte, blieb ein Sehen von außerhalb.
Dieser Zusammenprall beleuchtet erneut eine Grundlinie des Konstrukts. Ist eine Entscheidung einmal gefallen, ist sie endgültig; selbst wenn die ganze Welt erkennt, dass sie falsch war, weigert sich das Konstrukt, zurückzugehen und sie zu ändern. Nicht, weil es den Fehler nicht erkennen könnte, sondern weil es sich die Änderung nicht leisten kann: Erlaubte man einmal die nachträgliche Aufhebung, könnte jedes Spiel zur Wiederaufnahme zurückgeschickt werden, und das Konstrukt hätte kein einziges Spiel mehr, das wirklich abgeschlossen wäre. Es trägt lieber ein Unrecht, das jeder sieht, als jene Grenzlinie der Endgültigkeit preiszugeben. 1966 verteidigte es ein Tor, das sich nicht klären ließ; 1986 verteidigte es eine Hand, die man klar sehen konnte. Verteidigt wurde dieselbe Linie.
Diese Linie zu verteidigen, kostet das Konstrukt sichtlich etwas: ein Fehler, den die ganze Welt kennt, blieb einfach schwarz auf weiß in der Aufzeichnung stehen, und England musste diesen Ärger hinunterschlucken, jahrzehntelang. Doch diese Linie nicht zu verteidigen, käme teurer zu stehen. Ließe sich das Endgültige einmal aufheben, könnte niemand mehr sagen, welches Spiel als zu Ende gespielt gilt, welches Ergebnis als feststehend gilt, und das Konstrukt verlöre die Fähigkeit, einem Spiel überhaupt einen Schlusspunkt zu setzen. Zwischen zwei Übeln wählend, trägt es lieber ein sichtbares Unrecht, um jene Macht zu bewahren, einen Schlusspunkt setzen zu können. Das ist keine Kaltblütigkeit, sondern ein Ding, das seine Existenz auf Urteilsfindung gründet und sich zwischen zwei Übeln für jenes entscheidet, das es für erträglicher hält.
3. Die andere Hälfte: ein Tor, das keinen Widerspruch duldet
Das Tor vier Minuten später ist der andere Pol dieser Frage.
Wenn jene Hand ein toter Winkel war, den das Konstrukt nicht erreichen konnte, dann ist dieses Tor ein Ort, an dem das Konstrukt seine Hand überhaupt nicht auszustrecken brauchte.
Wieder derselbe Mann, wieder in diesem selben Spiel: Diesmal setzte er sich in der eigenen Hälfte in Bewegung, umspielte fünf englische Feldspieler nacheinander, schüttelte dann den Torhüter ab und beförderte den Ball ins Netz. Die gängige technische Rekonstruktion hält fest: elf Ballkontakte, etwa zehn bis elf Sekunden, fünfzig bis sechzig Meter.
Zusammengenommen wirken diese Zahlen kaum wie etwas, das ein einzelner Mensch vollbringen könnte. In der K.o.-Runde einer Weltmeisterschaft, unter dem vollen Druck der gegnerischen Umklammerung, durchquerte ein Mann mit dem Ball in etwa zehn Sekunden den größten Teil des Spielfelds, umspielte fünf Männer und dazu noch den Torhüter, ohne einen einzigen Pass, ohne eine einzige Unterbrechung. Zerlegt man diesen Weg, ist jeder einzelne Schritt für sich betrachtet äußerst schwierig, und er reihte diese äußerst schwierigen Bewegungen in einem einzigen Atemzug zu einer Linie, fließend wie Wasser über Wolken, als koste es ihn keinerlei Mühe. Das Schwierigste so aussehen zu lassen wie das Leichteste, genau darin liegt das Faszinierendste am Genie — und zugleich das Trügerischste. Die FIFA kürte es später zum Jahrhunderttor.
Das Besondere an diesem Tor ist, dass an ihm überhaupt nichts strittig ist. Kein Handspiel zu erkennen, kein Abseits auszumessen, keine Entscheidung, über die man streiten müsste, nicht die geringste Kleinigkeit, die man im Nachhinein hätte klarstellen müssen. Es ist einfach ein Tor, ein Tor, das von Anfang bis Ende offen im hellen Tageslicht liegt, restlos klar, an dem niemand einen Fehler finden kann. Der englischsprachige Fernsehkommentator Davies rief im Moment spontan aus, an diesem Tor gebe es nichts zu diskutieren, das sei reines fußballerisches Genie. Der spanischsprachige Kommentator Morales dagegen schrie jenen Satz heraus, der später fast so berühmt wurde wie das Tor selbst: kosmischer Drachen, von welchem Planeten kommst du.
Zwei Kommentare, der eine kühl und unumstößlich, der andere so aufgeregt, dass er fast unzusammenhängend wurde, und doch weisen beide auf denselben Sinn hin: An diesem Tor gibt es nichts weiter zu sagen, es ist so gut, dass es keiner Verteidigung bedarf. Genau darin liegt der tiefste Unterschied zu jener Hand: Jene Hand bedarf einer endlosen Verteidigung — richtig oder falsch entschieden, zählt es oder nicht, hätte es sein sollen oder nicht —, darüber wird bis heute gestritten, ohne ein Ende zu finden; dieses Tor dagegen bedarf keines einzigen Wortes der Verteidigung, es ist sein eigener Beweis.
Stellt man diese beiden Tore nebeneinander, formen sich die zwei Pole dieser vier Minuten heraus. Jenes mit der Hand ist ganz und gar Streit, Entscheidung, Wahrheit, die Frage, ob es hätte zählen sollen — bis heute wird darüber gestritten; das Jahrhunderttor dagegen enthält nicht die geringste Spur von Streit, es braucht keine Entscheidung, die es vollenden müsste, und duldet auch keine Entscheidung, die es aufheben könnte. Das eine ist ein Rest, den das Konstrukt nicht erreichen kann, gefallen in die Lücke der Entscheidungsfindung, für immer unfähig, Gerechtigkeit klar zu benennen; das andere ist etwas, das das Konstrukt überhaupt nicht zu beurteilen braucht, es ist das Tor selbst, sich selbst erklärend, sich selbst genügend, ohne äußere Bestätigung nötig zu haben. Derselbe Mann übergab, innerhalb derselben vier Minuten desselben Spiels, mit der einen Hand jene Seite des Fußballs, die am dringendsten der Schlichtung bedarf, und mit der anderen jene Seite, die am wenigsten der Schlichtung bedarf.
Diese beiden Seiten zusammengenommen wirken fast, als hätte der Fußball als Sport sich anhand von Maradonas Körper selbst ein Geständnis abgelegt. Auf der einen Seite steckt er voller unklärbarer Streitfragen, Entscheidungen, Fehlurteile, Sollens-Fragen, die ein ganzes Regelwerk, eine ganze Schar von Schiedsrichtern brauchen, um endlos weiter zu richten und zu urteilen; auf der anderen Seite besitzt er jene Schönheit, die so rein ist, dass sie keinen Zweifel zulässt — ein Tor, so gut, dass jede Beurteilung überflüssig wird. Der Fußball ist zugleich jene Hand, die der Schlichtung bedarf, und jener Lauf, der ihrer nicht bedarf, und diese beiden Dinge waren von Anfang an eins.
4. Das Konstrukt kann diesen Menschen nicht richten
Das ist das eigentliche Rätsel von 1986. Wem sich das Konstrukt gegenübersieht, ist weder ein guter noch ein böser Mensch, sondern ein Mensch, der innerhalb von vier Minuten sowohl Betrug als auch Genie auf die Spitze getrieben hat.
Es kann Maradona nicht zu einem Betrüger erklären. Hätte er nur jene Hand, wäre die Geschichte einfach: ein Betrüger, der sich seinen Sieg durch Handspiel erschlichen hat, an den Schandpfahl genagelt, fertig. Doch vier Minuten später schoss er jenes Tor, das keinen Widerspruch duldet, ein Tor so sauber, dass keine Spur von Unreinheit daran haftet, eines, das kein Betrüger je hätte schießen können. Es kann ihn ebenso wenig zu einem reinen Genie erklären. Hätte er nur jenen Lauf, wäre die Geschichte auch einfach: ein Held, der die Welt allein durch sein Können eroberte, in den Tempel erhoben, fertig. Doch vier Minuten zuvor hatte er unzweifelhaft mit der Hand ein Tor gestohlen, jene Hand war ganz real, sich herauszureden unmöglich.
Beides ist wahr, und beides ist wahr bis zum Äußersten. Er ist kein Genie mit einem Makel — das Wort Makel ist viel zu leicht, es klingt, als sei Genie die Grundlage und das Handspiel nur ein gelegentlicher Fehltritt —, und er ist auch kein Betrüger, der gelegentlich sein Talent aufblitzen lässt. Er ist Betrug und Genie, beide bis zum Gipfel getrieben, gleichzeitig in einem einzigen Menschen untergebracht. Einem solchen Menschen kann man kein sauberes Urteil geben. Nennt man ihn einen Betrüger, widerspricht das Jahrhunderttor; nennt man ihn einen Helden, widerspricht jene Hand.
Menschen ertragen dieses Nicht-richten-Können schlecht. Einem Menschen gegenüber will das Gehirn immer möglichst schnell ein Etikett aufkleben — guter Mensch, böser Mensch, Genie, Betrüger —, erst wenn das Etikett klebt, kommt das Herz zur Ruhe. Maradona verweigert ausgerechnet diese Ruhe. Er trieb innerhalb von vier Minuten beide Richtungen bis zum Gipfel, so weit, dass kein Etikett die jeweils andere Hälfte zudecken kann. So heften sich jene, die es eilig haben, ein Urteil über ihn zu fällen, entweder ausschließlich an jene Hand und schimpfen ihn ein Leben lang einen Betrüger, oder ausschließlich an jenen Lauf und verehren ihn ein Leben lang wie einen Gott — doch beides bedeutet, einen ganzen Menschen zur Hälfte wegzuschneiden, damit die verbleibende Hälfte in ein vorgefertigtes Fach passt. Er ist ein Mensch, den man nicht richten kann.
Und gerade dieses Nicht-richten-Können ist die ehrlichste Haltung gegenüber einem Menschen. Der Mensch war von Anfang an kein Entweder-Schwarz-oder-Weiß-Ding, nur dass Schwarz und Weiß in den meisten Menschen nicht so dicht konzentriert sind, dass sie einen zum genauen Hinsehen zwingen. Maradona verdichtete beides auf vier Minuten, so dicht, dass man ihn mit keinem einzigen Wort mehr abtun kann. Der Drang, ihm ein sauberes Urteil zu geben, und der Drang, jeden komplizierten Menschen auf ein Etikett zu vereinfachen, sind ein und derselbe Drang. Und diese vier Minuten von 1986 trieben diesen Drang in eine Sackgasse: Sie zwingen alle zuzugeben, dass es Menschen, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht richten kann, die man nur zweiseitig stehen lassen kann, wobei keine Seite die andere auslöscht.
Genau das ist auch das Ehrlichste an diesem Sport. Er beschönigt niemanden, und er vertuscht für niemanden die Hässlichkeit, er legt die widersprüchlichsten zwei Seiten eines Menschen unverändert in ein und dasselbe Spiel und überlässt es einem selbst, sich ihnen zu stellen. Jene auf den Rängen, die zugleich jubeln und protestieren wollten — ihre Verlegenheit in jenem Moment war keine Verwirrung, sondern gerade Ehrlichkeit, denn der Mensch vor ihnen verdiente eben zugleich Jubel und Protest. Nur wer diese Verlegenheit aushalten kann, hat jene vier Minuten wirklich verstanden.
5. Was er wirklich gesagt hat
Jener Satz von der Hand Gottes wurde später unzählige Male wiedergegeben, doch was er selbst tatsächlich gesagt hat, dafür lohnt es sich, die Zeitlinie Schicht für Schicht zu entwirren.
Noch auf dem Platz, in der Mixed Zone des Azteca-Stadions, sagte er den ursprünglichen Satz: ein wenig mit dem Kopf von Maradona, ein wenig mit der Hand Gottes. Dieser Satz verbreitete sich über die englischsprachigen Telegramme der Nachrichtenagenturen in der britischen und amerikanischen Presse. Das ist die früheste, und zugleich die am besten belegbare Fassung.
Noch im selben Jahr, etwas später, hatte er sich bereits deutlicher ausgedrückt. Im November 1986 zitierte ein Bericht, gestützt auf eine Dolmetschung, seine Worte: Natürlich sei es nicht die Hand Gottes gewesen, das sei er selbst gewesen. Dieser Beleg ist wichtig, er zeigt, dass eine weitverbreitete Behauptung — er habe es erst viele Jahre später zugegeben — nicht zutrifft. Schon innerhalb des Jahres 1986 hatte es ein Selbstgeständnis gegeben, das weit unverblümter war als jenes von Hand und Gott.
Bis 2005 gestand er dann in seiner eigenen Fernsehsendung, vor einem globalen Publikum, ohne jede Zweideutigkeit, dass es Handspiel gewesen sei. Dieser Moment wurde als der Zeitpunkt des offiziellen Eingeständnisses verzeichnet. Will man also sagen, wann er gestand, muss man zwei Ebenen unterscheiden: Schon innerhalb von 1986 hatte es eine Aussage gegeben, die einem Geständnis nahekam; 2005 dagegen war ein öffentliches Geständnis vor der ganzen Welt, das keinen Spielraum zum Zurückrudern mehr ließ.
Diese Zeitlinie selbst zeigt, wie das Erzählen die Erinnerung auswählt. Ein früheres, unverblümteres Geständnis liegt still in den Berichten von 1986, an das sich kaum jemand erinnert; ein zweideutigerer, keckerer Ausspruch dagegen wird immer wieder zitiert, jedem bekannt. An Wahrheit fehlte es nicht, sie war schon 1986 vorhanden, nur klang sie nicht gut genug und wurde deshalb jahrzehntelang vernachlässigt, bis jenes Fernsehgeständnis von 2005 dem Geständnis wieder Erzählwert verlieh. Es ist nicht so, dass die Menschen die Wahrheit nicht kennen würden — die Menschen lieben nur mehr jene Fassung, die die Wahrheit in einen keck-witzigen Satz einwickelt.
Diese Linie zu klären, dient nicht nur der Genauigkeit. Sie beleuchtet eine Gewohnheit des Erzählens: Die Menschen erinnern sich lieber an den keck-witzigen Satz von Hand und Gott als an den unverblümten Satz natürlich nicht Gott, ich war es. Denn im keck-witzigen Satz stecken Geschichte, List, eine Zweideutigkeit, die sich immer wieder durchkauen lässt; im unverblümten Satz steckt nur die Tatsache, kein Nachgeschmack.
Das menschliche Gedächtnis war nie ein treuer Tonbandrekorder, es ist ein Redakteur, der Geschichten liebt. Von zwei Sätzen, die derselbe Betroffene mit eigenem Mund gesagt hat, behält es den wohlklingenden, gefälligen und streicht still den nüchtern-geraden. Der Satz von Hand und Gott überzieht diesen Betrug mit einem legendären Glanz, sodass er nicht mehr wie schlichter Betrug wirkt, sondern wie ein listiger Mythos; der Satz natürlich nicht Gott, ich war es durchsticht diesen Glanz und legt die schlichte Tatsache darunter frei. Das Gedächtnis wählte den Mythos aus und ließ die Tatsache fallen, nicht weil es die Tatsache nicht kannte, sondern weil sich der Mythos besser erzählen lässt. Derselbe Mann hat mit eigenem Mund beide Sätze gesagt, und das Erzählen wählte jenen aus, den es mehr liebt, sodass der andere aus der Erinnerung verblasste. Was immer wieder weitergegeben wird, ist nie der wahrste Satz, sondern der am besten erzählbare.
6. Wann die Rache herangewachsen ist
Hinter diesem Spiel lastet ein wirklicher Krieg.
1982 führten Großbritannien und Argentinien einen Krieg um die Malwinen (Falklandinseln), vom 2. April bis zum 14. Juni, vierundsiebzig Tage lang; mehr als sechshundert argentinische Soldaten fielen, mehr als zweihundert britische Soldaten fielen, und dazu starben drei Zivilisten auf den Inseln im Kriegsgeschehen.
Diese Zahlen sind der schwerste Grundton dieses Spiels. Mehr als sechshundert argentinische Familien, mehr als zweihundert britische Familien hatten vier Jahre zuvor ihre Söhne verloren, und all das lag von jenem Nachmittag 1986 nur vier Jahre entfernt. Als zweiundzwanzig Männer auf dem Rasen des Azteca einem Lederball hinterherjagten, hatten sich auf den Rängen, vor den Fernsehern, beide Nationen von jenem Krieg noch nicht erholt. Der Ball ist rund, doch er rollte über eine Geschichte, die noch lange nicht verheilt war. Vier Jahre danach trafen die beiden Länder im Azteca aufeinander. Der Nachkriegshintergrund war damals eine ganz reale Gegenwart, und die Medien der damaligen Zeit waren sich dessen durchaus bewusst. Unter den englischen Journalisten war jener Unmut über das Betrogenwordensein unverkennbar; die argentinischen Journalisten dagegen leugneten das Handspiel nicht, ließen aber eher eine Art Bewunderung dafür erkennen, dass Maradona es geschafft hatte, damit durchzukommen. Diese Spaltung war schon damals vorhanden.
Klarzustellen ist: Diese Spaltung drehte sich damals um Gefühle, nicht um einen bereits ausgeformten Deutungsrahmen. Die Engländer fühlten sich betrogen, die Argentinier fühlten Genugtuung — beides waren unmittelbare, schlichte Gefühle. Diese Gefühle zu einer symbolischen Rache einer Nation an einer anderen zu erheben, sie zu einem immer wieder zitierbaren Deutungsrahmen zu verdichten, das geschah erst später. Damals gab es nur eine dampfend heiße Wolke von Gefühlen, erst später kam ein kühl ausgeformtes Narrativ dazu.
Doch wann genau der Deutungsrahmen der Rache herangewachsen ist, muss man genau nehmen. Sicher belegen lassen sich zwei Ebenen. Erstens: Das Zusammentreffen vier Jahre nach dem Krieg ist eine Tatsache jenes Augenblicks. Zweitens: Maradona selbst hat viele Jahre später immer wieder ausdrücklich erklärt, jenes Tor sei eine Art symbolischer Rache gewesen. Doch jener vielzitierte Satz — obwohl wir vor dem Spiel alle sagten, Fußball habe mit den Malwinen nichts zu tun, wussten wir doch, dass sie dort viele argentinische Jungen getötet hatten, das ist Rache — findet sich weit häufiger in späteren Wiedergaben als als ein am Tag selbst 1986 Wort für Wort belegbares öffentliches Originalzitat.
Dieser Unterschied ist keine Haarspalterei. Das Zusammentreffen vier Jahre nach dem Krieg ist der Grundton, den die Geschichte diesem Spiel verliehen hat, den niemand auslöschen kann; diesen Sieg jedoch, insbesondere jene Hand, ausdrücklich als Rache an einer Nation zu deuten, ist eine Interpretation, die Maradona selbst später wieder und wieder mit eigener Hand verstärkt hat. Das eine ist die damalige Lage, das andere die spätere nachträgliche Zuschreibung. Die spätere nachträgliche Zuschreibung als die Original-Worte jenes Tages hinzuschreiben, hieße, den Maradona von 1986 Worte sprechen zu lassen, die er erst viele Jahre später aussprach. Dass ein Spiel von einer Bedeutung in Beschlag genommen wird, geschieht meist nicht am Tag seines Geschehens, sondern in den langen Jahren danach, in denen es immer wieder neu erzählt wird, bis jene Bedeutung aussieht, als wäre sie dem Spiel von Anfang an eingewachsen gewesen.
Das ist genau der übliche Weg, auf dem Bedeutung nachträglich zugeschrieben wird. Am Tag, an dem sich etwas ereignet, gibt es meist nur das Ereignis selbst und eine noch ungeformte Wolke von Gefühlen; die Bedeutung wird erst später Schicht um Schicht aufgetragen. Ist sie lange genug, dick genug aufgetragen, wird sie den Nachgeborenen, die zurückblicken, erscheinen, als sei sie von Geburt an dagewesen, als hätte Maradona in dem Moment, in dem er hochsprang und die Hand benutzte, an die Malwinen gedacht, an Rache. Doch jene Hand war damals höchstwahrscheinlich nur eine Gelegenheitstat auf dem Spielfeld, eine Berechnung, die einfach gewinnen wollte. Die große Bedeutung wurde ihr von den Jahren nachträglich hinzugefügt, sie war ihr nicht bei der Geburt mitgegeben.
Das heißt nicht, jene Bedeutung sei falsch. Der Krieg ist wahr, die Opfer sind wahr, der ungelöste Groll zwischen beiden Nationen ist wahr, und auch das Gefühl, dieses Spiel schwerer zu nehmen als ein bloßes Spiel, ist wahr. Nachträgliche Zuschreibung ist nicht dasselbe wie Erfindung, sie greift einen ganz realen Abschnitt Geschichte auf. Doch nachträgliche Zuschreibung bleibt nachträgliche Zuschreibung — sie ist die Bedeutung, die spätere Menschen, Maradona selbst eingeschlossen, von diesem Ende der Jahre aus, zurückblickend auf jenen Augenblick, ihm verliehen haben. Diese spätere Zuschreibung als die Aufgabe darzustellen, die jene Hand schon am Tag selbst getragen habe, heißt, eine spontane Gelegenheitstat nachträglich zu einer vorbedachten Rache zu erheben. Ersteres hat er wirklich getan, Letzteres ist das, was er sich später wünschte, damals getan zu haben.
Hier ist besondere Vorsicht geboten. Die Wahrheit liegt weder auf jener Seite, die die Rache ganz auslöscht — der Krieg ist wahr, die Gefühle sind wahr, der Grundton lässt sich nicht auslöschen —, noch auf jener Seite, die die Rache zu einer am Tag selbst in Stein gemeißelten Erklärung macht. Die ehrlichste Darstellung lässt die Lage die Lage sein und die nachträgliche Zuschreibung die nachträgliche Zuschreibung, stellt beides nebeneinander, ohne sie zu einer besser erzählbaren Geschichte zu verschmelzen.
Sie zu einer besser erzählbaren Geschichte zu verschmelzen, ist die größte Versuchung und zugleich die tiefste Verzerrung. Dass ein Spieler auf dem Platz, mit einer Hand und zwei Füßen, ein Spiel gegen England gewann, das ist die Lage; diesen Sieg zur Allegorie einer besiegten Nation zu erheben, die sich über den Fußball ihre Würde zurückholt, das ist die nachträgliche Zuschreibung. Ersteres ist konkret, unscheinbar, behaftet mit Gelegenheit und Glück; Letzteres ist groß, tragisch, beladen mit dem Gewicht der Geschichte. Die nachträgliche Zuschreibung ist nicht gänzlich falsch, sie greift einen wirklichen Krieg und wirkliche Gefühle auf, doch sobald sie sich als die Original-Worte jenes Tages ausgibt, wirft sie einen Gelegenheitsaugenblick und eine wohldurchdachte Erklärung in einen Topf.
7. Die Weltmeisterschaft eines Mannes, und die Mannschaft von elf Männern
Maradona strahlte zu hell — so hell, dass diese Weltmeisterschaft oft als seine ganz allein erzählt wird. Das ist eine griffige Redewendung, aber keine Tatsache.
Tatsache ist, dass er allein in diesem Turnier fünf Tore erzielte, fünf Vorlagen gab und direkt an zehn der insgesamt vierzehn Tore der Mannschaft beteiligt war — eine solche Bilanz hatte es zuvor nie gegeben. Ebenso Tatsache ist aber, dass Brown im Finale das erste Tor erzielte, dass Valdano den Vorsprung ausbaute, dass Burruchaga den Siegtreffer erzielte, dass das einzige Tor gegen Uruguay im Achtelfinale von Pasculli kam und dass die Torlinienklärung gegen England kurz vor Schluss von Olarticoechea stammte. Diese Mannschaft besaß ein vollkommen klares Gerüst, elf Startspieler, jeder mit seiner eigenen Position, nicht Maradona und zehn verschwommene Schatten.
Dieses Gerüst lässt sich Name für Name aufzählen. In der Startaufstellung des Finales standen Pumpido, Brown, Cuciuffo, Ruggeri, Batista, Giusti, Olarticoechea, Burruchaga, Enrique, Maradona, Valdano. Sie waren keine Kulisse, sie waren die ganz realen zehn von elf Teilen dieser Mannschaft. Dass man sie zu einem Schatten hinter einem einzigen Mann verschwimmen lässt, ist nicht Maradonas Schuld, sondern das Ergebnis eines Erzählens, das sich das Leben leicht machen will.
Wichtiger noch: Der Rahmen, der es Maradona erlaubte, sich nach Herzenslust zu entfalten, war von Trainer Bilardo aufgebaut worden. Drei Mann in der Abwehrreihe, Außenbahnen und Mittelfeld übernahmen die Hauptlast der Abdeckung und Absicherung, und der vordere Bereich wurde Maradona überlassen, um zu verbinden, vorzustoßen, den letzten Pass zu spielen. Ein Mitspieler sagte später direkt, es sei Bilardos Konzept gewesen, das Maradona zu seiner besten Form gebracht habe.
In diesen Worten steckt ein leicht zu übersehender Sinn. Genie ist nicht umso besser, je mehr Freiheit es hat, Genie braucht eine genau passende Struktur, die es trägt. Gäbe man Maradona eine ungeordnete Mannschaft, müsste er, selbst mit übermenschlichem Können, zurückweichen, um die Abwehr zu unterstützen, den Ball zu holen, Dinge zu tun, die eigentlich nicht seine Aufgabe wären — und dadurch würde seine Klinge stumpf. Bilardos Konzept nahm ihm all das ab und ließ ihn seine gesamte Energie allein auf die wenigen entscheidenden Aktionen verwenden. Struktur ist nicht der Gegensatz des Genies, gute Struktur ist der Verstärker des Genies. Ein Genie braucht eine Struktur, die es zu tragen vermag; ohne jenes Gerüst im Rücken kann selbst das größte Genie sich allein nicht aufrechthalten.
Das Problem am Satz von der Weltmeisterschaft eines Mannes liegt nicht darin, dass er Maradona übertreibt — er verdient jenes Lob —, sondern darin, dass er alle anderen auslöscht. Er presst eine Mannschaft von elf Männern, eine von einem Trainer sorgfältig aufgebaute Struktur, zu einem Solotanz eines Einzelnen zusammen. Das ist derselbe Drang, der jede von vielen gemeinsam vollbrachte Leistung auf den Kopf eines einzelnen Genies zurückführen will. Das Genie ist real, doch Genie leuchtet nie allein im Vakuum, es steht auf einem von anderen errichteten Gerüst, getragen von einer Schar von Menschen, die sich bereitwillig mit Nebenrollen begnügen.
Diese Wahrheit haben frühere Mannschaften bereits auf verschiedene Weise vorgeführt. Das freieste aller Teams, die Niederlande, kam nicht ohne jenen einen einzigen Kern aus; der strahlendste Maradona kommt ebenso wenig ohne jenes stille Gerüst in seinem Rücken aus. Genie und Struktur ersetzen einander nie, sie vollenden einander. Doch das Erzählen bevorzugt das Genie und vernachlässigt die Struktur, weil ein einzelner glänzender Name sich viel leichter schreiben und viel leichter merken lässt als elf Namen, die jeder seine eigene Aufgabe erfüllen. So richtet sich der Scheinwerfer der Geschichte immer auf jenen einen Menschen und lässt jene, die ihn tragen, im Schatten außerhalb des Lichtkegels zurück. Das Erzählen liebt es, von Einzelherrschern zu erzählen, weil die Geschichte eines Einzelherrschers am einfachsten ist — doch die einfachste Geschichte lässt meist die meisten Menschen aus.
8. Das übernommene Stadion, und das Erdbeben acht Monate zuvor
All dies geschah in einem Land, das den Auftrag in letzter Not übernommen hatte.
Die Weltmeisterschaft von 1986 war ursprünglich gar nicht für Mexiko vorgesehen. Als Gastgeber war zunächst Kolumbien bestimmt, doch Kolumbien zog sich im Herbst 1982 offiziell zurück, weil es die Anforderungen der FIFA an Infrastruktur und finanzielle Absicherung nicht erfüllen konnte; Mexiko übernahm daraufhin 1983 die Ausrichtung und wurde damit das erste Land in der Geschichte der Weltmeisterschaft, das das Turnier zweimal ausrichtete.
Und nur etwa acht Monate vor Turnierbeginn, am 19. September 1985, wurde Mexiko-Stadt von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Die genaue Zahl der Opfer ist seit langem umstritten; die vorsichtigste Aussage nennt keine absolute Zahl, sondern besagt lediglich: Es war ein verheerendes Erdbeben, mindestens mehrere Tausend Tote, oft mit einer Zahl nahe zehntausend oder mehr angegeben, während die genaue Gesamtzahl bis heute nicht feststeht. Ob man das Turnier nach dem Beben an einen anderen Ort verlegen sollte, wurde damals tatsächlich ernsthaft erwogen, die FIFA erwähnte zeitweise die Möglichkeit, das Turnier nach Westdeutschland zu verlegen. Am Ende bestanden die wichtigsten Stadien der Hauptstadt die Prüfung ohne lebensgefährliche strukturelle Mängel, und das Turnier blieb in Mexiko.
Festzuhalten ist: Die Verlegung des Turniers wurde damals tatsächlich ernsthaft erwogen, das ist keine spätere Einbildung. Kaum war das Erdbeben vorüber, veranstaltete die FIFA eigens dafür eine Beratung und erwähnte die Möglichkeit, das Turnier nach Westdeutschland zu verlegen. Das zeigt, wie gewaltig der Schlag jenes Erdbebens war — gewaltig genug, dass man bei einer bereits in Vorbereitung befindlichen Weltmeisterschaft ernsthaft erwog, das Gastgeberland zu wechseln. Dass sie am Ende nicht verlegt wurde, lag zum einen daran, dass die Stadien die Prüfung bestanden, zum anderen wohl auch daran, dass die Eigendynamik einer Weltmeisterschaft zu groß ist — ist sie einmal in Gang gesetzt, lässt sie sich nur schwer aufhalten.
Hier gibt es eine parallele Ebene, die nicht übergangen werden sollte. Gerade als die Auslosung der Weltmeisterschaft planmäßig stattfand, machten Demonstranten vor Ort die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass viele durch das Erdbeben obdachlos gewordene Menschen noch immer nicht angemessen untergebracht waren. Auf der einen Seite die planmäßige Vorbereitung des alle vier Jahre stattfindenden Großereignisses, auf der anderen Seite der Wiederaufbau nach der Katastrophe, der noch längst nicht abgeschlossen war — diese beiden Linien liefen Ende 1985 in Mexiko-Stadt nebeneinander her. Die Weltmeisterschaft wird nie im Vakuum gespielt, sie wird immer über einer Wirklichkeit gespielt, die ihre eigenen Wunden und Nöte hat. Die Trümmer von acht Monaten zuvor waren noch nicht vollständig geräumt, und der Ball rollte trotzdem — darin liegt keine Schuld irgendjemandes, es erinnert nur an eines: So groß der Fußball auch ist, er ist immer nur eine Schicht, die über dem Leben liegt, und die Schicht darunter hat ihr eigenes Gewicht.
Diese Ebene wurde später vom Glanz jener Weltmeisterschaft oft überdeckt. Die Menschen erinnern sich an Maradona, erinnern sich an jene vier Minuten, erinnern sich an Argentiniens Titelgewinn, doch nur selten erinnern sie sich daran, dass all dies in einer Stadt gespielt wurde, die acht Monate zuvor gerade ein verheerendes Erdbeben durchlitten hatte. Glanz besitzt eine bestimmte Fähigkeit: Er kann die Wunden des Bodens, der ihn trägt, unsichtbar machen. Doch die Wunde blieb die ganze Zeit da, der Jubel im Stadion deckte sie zu, ohne sie aufzufüllen. Das soll jener Weltmeisterschaft keinen Dämpfer versetzen, es geht nur darum, sich zu erinnern, dass selbst unter den strahlendsten vier Minuten eine schwere, mit Fußball nichts zu tun habende Wirklichkeit liegt.
9. Das Finale, und sieben Minuten des Schreckens
Der Weg zum Titel war kein reiner Spaziergang.
Am 29. Juni 1986, im Azteca, das Finale, Argentinien gegen Westdeutschland. In der dreiundzwanzigsten Minute köpfte Brown nach einem von Burruchaga getretenen Freistoß ein; in der sechsundfünfzigsten Minute erhöhte Valdano, 2:0. Der Sieg schien bereits entschieden, doch Westdeutschland glich innerhalb von sieben Minuten zweimal aus, in der vierundsiebzigsten Minute durch Rummenigge, in der einundachtzigsten durch Völler, 2:2.
Jene sieben Minuten verspotteten jede Planung. Eine Führung von zwei Toren in einem WM-Finale kommt fast einer bereits mit der halben Hand berührten Trophäe gleich. Doch Westdeutschland brauchte nur sieben Minuten, um diese halbe Hand wieder zu öffnen. Standardsituation, Konter — das erfahrene Westdeutschland nutzte seine Chancen zu zwei Ausgleichstreffern und drängte ein Finale, dessen Ende bereits geschrieben schien, zurück in die Ungewissheit. Keine Führung ist versichert, kein Drehbuch ist endgültig festgeschrieben, das Spielfeld hält immer, genau dort, wo die Wachsamkeit am meisten nachlässt, einen Schreckensmoment für einen bereit.
Dann kam die vierundachtzigste Minute. Maradona, von Matthäus als Schwerpunkt bewacht, spielte trotz dieser Bewachung einen entscheidenden Steilpass; Burruchaga nahm den Ball auf, stürmte durch und erzielte das siegbringende Tor, 3:2. Argentinien stemmte zum zweiten Mal den WM-Pokal in die Höhe.
Dieses Ende erzählte noch einmal jene alte Geschichte. Wie groß auch die Anordnung des Konstrukts sein mag, sie kann die Schwankungen eines Spiels nicht auffangen. Ein 2:0 sah sicher aus, sieben Minuten später war es ein 2:2; ein 2:2 sah aus, als würde es in die Verlängerung gehen, drei Minuten später war es ein 3:2. Niemand kann den Verlauf eines Finales anordnen, es biegt selbst ab, erschreckt selbst, und übergibt sich im letzten Augenblick dem Steilpass des einen, dem Vorstoß des anderen. Und der Angelpunkt dieser Wendung war wieder der Besitzer jener Hand, nur dass er sich diesmal seines sauberen Fußes bediente. Dieselben Füße, die innerhalb von vier Minuten das Jahrhunderttor geschossen hatten, lieferten im Finale die entscheidende Vorlage — sie gehörten demselben Mann, der auch mit der Hand ein Tor gestohlen hatte.
Das ist wohl das vollständigste Echo jener Metapher der vier Minuten. Jene Füße, jene Hand, jenes Genie, jene List — sie steckten unablässig in ein und demselben Menschen, vom Viertelfinale im Azteca bis zum Finale im Azteca. Man kann sie nicht auseinandernehmen und sagen, diese Hälfte sei der Held, jene Hälfte der Betrüger — sie sind ein Mensch. Und genau dieser nicht auseinandernehmbare Mensch trug Argentinien auf den Gipfel.
10. Schluss
All dies zusammengeführt.
Mexiko 1986 stellte der ganzen Welt einen Menschen vor Augen, der sich fast unmöglich vereinfachen lässt. Vier Minuten, eine Hand, ein Tor — zur einen Hälfte der Streit, den der Fußball am dringendsten der Schlichtung bedarf, zur anderen Hälfte die Vollkommenheit, die der Fußball am wenigsten der Schlichtung bedarf, beides fiel zugleich auf einen einzigen Menschen, Maradona. Das Konstrukt wollte ihm ein sauberes Urteil geben, doch es vermochte es nicht: Nennt man ihn einen Betrüger, widerspricht jenes Tor, das keinen Widerspruch duldet; nennt man ihn einen Helden, widerspricht jene Hand, der man nicht entkommen kann.
Dass diese vier Minuten unsterblich sind, liegt genau daran, dass sie sich weigern, vereinfacht zu werden. Zu viele Legenden werden erst dadurch überliefert, dass das Erzählen sie glattgeschliffen hat — Ecken abgerundet, Widersprüche getilgt, bis nur noch ein reiner, klar umrissener Held oder Bösewicht übrigbleibt. Doch diese vier Minuten lassen sich nicht glattschleifen, jene Hand und jener Lauf sitzen wie zwei fest eingelassene Kanten, keine von beiden lässt sich herausbrechen. Sie zwingen jede Generation, die sie neu erzählt, dazu, gleichzeitig die beiden Worte Betrug und Genie auszusprechen, keines von beiden darf wegfallen. Nur eine Geschichte, die sich weigert, glattgeschliffen zu werden, bewahrt ihr gesamtes Gewicht. Er lässt sich nur zweiseitig hinstellen, wie alle wirklichen Menschen und Dinge — keine Seite löscht die andere aus.
Eine solche Zweiseitigkeit ist keine Ausnahme, die nur Maradona betrifft, sondern eine Allgemeingültigkeit, die er auf die Spitze getrieben hat. In jedem Menschen gibt es Unklares, eine Seite, die das Licht scheut, und eine Seite, die man vorzeigen kann, nur sind diese beiden Seiten bei den meisten Menschen blass, so blass, dass sie sich mit einem pauschalen guter Mensch oder böser Mensch abtun lassen. Maradona hat beide Seiten auf höchste Konzentration gebracht, so konzentriert, dass kein pauschales Wort ihn mehr fassen kann. Er ist wie ein besonders blank polierter Spiegel, und was er zeigt, ist in Wahrheit die allgemeine Wahrheit über den Menschen: Der Mensch war von Anfang an kein Ding, das sich mit einem Wort erschöpfend beschreiben lässt.
Diese vier Minuten zeichneten zudem mehrere alte Grenzlinien des Konstrukts noch einmal nach. Die Linie des Sichtbaren-und-doch-Unerreichbaren steigerte sich von dem Nicht-klar-sehen-Können von 1966 zu dem Klar-gesehen-und-trotzdem-nutzlos von 1986: Die Wahrheit ereignete sich vor den Augen von Hunderten Millionen Menschen, blieb aber in der Naht zwischen jenen beiden diensthabenden Augenpaaren stecken und fand keinen Eingang ins Stadion. Die Linie der Unabänderlichkeit des Endgültigen ließ eine Hand, die die ganze Welt gesehen hatte, fest in der Aufzeichnung stehen. Und die Linie des Erzählens war wie eh und je nachträglich unablässig beschäftigt: Sie wählte den keck-witzigen Satz aus und vernachlässigte den unverblümten; sie verschob die spätere nachträgliche Zuschreibung der Rache still auf den Tag selbst zurück; sie schrieb eine Mannschaft von elf Männern zum Solotanz eines Einzelnen um. Das Konstrukt kann diesen Menschen nicht richten, doch dem Erzählen fehlt es nicht an Mitteln, ihm immer wieder ein neues Gesicht zu formen.
Bis 2017 trat Maradona selbst hervor, sprach sich für den Videoassistenten aus und gestand ein, dass seine Hand Gottes, hätte es dieses Mittel schon damals gegeben, überhaupt nicht zustande gekommen wäre. Das ist keine Wiederaufnahme des Falls von 1986, sondern das Konstrukt, dem später endlich jenes Auge gewachsen ist, das es einst nicht besaß.
Dieses Auge kam zu spät, dreißig Jahre zu spät. Es kann die Hand von 1986 nicht mehr erreichen, jene Hand ist längst in der Aufzeichnung erstarrt, längst in der Legende erstarrt, niemand kann sie noch bewegen. Es kann nur noch die Tore danach beleuchten. Genau so schreitet das Konstrukt voran: Jede neu gewachsene Fähigkeit wird von einem alten Bedauern erzwungen, und jenes Bedauern, das sie erzwungen hat, kommt selbst nie mehr in den Genuss der Vorzüge dieser neuen Fähigkeit. Die Technik rennt dem Streit hinterher, doch sie ist ihm immer einen Schritt hinterher, immer erst nachdem der Fehler bereits geschehen ist, holt sie jenes Auge nach, das eigentlich früher hätte offen sein sollen. Doch selbst mit gewachsenem Auge kann sie nur klar erkennen, ob jene Hand die Linie überschritten hat oder nicht; einen Menschen kann sie nach wie vor nicht klar erkennen, kann jenen Menschen, der Betrug und Genie in vier Minuten verdichtete, nach wie vor zu keiner einzigen Seite hin verurteilen. Die Technik kann eine Hand einholen, einen ganzen Menschen kann sie nicht einholen.
Dieser Satz lässt sich fast als Fußnote zu dieser gesamten Weltmeisterschaft lesen. Die Menschen erfinden immer ausgefeiltere Technik, in der Hoffnung, jeden Streit auf dem Spielfeld restlos zu klären — ob der Ball die Linie überschritten hat, ob das Abseits nur wenige Zentimeter betrug, ob ein Handspiel absichtlich war oder nicht. Diese Techniken werden tatsächlich immer leistungsfähiger, ob eine Hand die Grenze überschritten hat, lässt sich ihr heute nicht mehr verheimlichen. Doch selbst die leistungsfähigste Technik hat es immer nur mit vereinzelten Augenblicken zu tun, einer Ballberührung, einem Foul. Sie kann über einen Augenblick richten, nicht über ein ganzes Menschenleben; sie kann einem sagen, dass jene Hand ein Foul war, doch sie kann einem niemals sagen, wie jener Mensch, der zugleich mit der Hand betrog und das Jahrhunderttor schoss, in Erinnerung bleiben sollte. Der Mensch ist größer als der Augenblick, viel größer.
Jene zwei Namen, die mit einundzwanzig Jahren zur Weltmeisterschaft aufbrachen und danach hoch emporgehoben wurden, jene elf Spieler, jeder mit seiner eigenen Position, jener Trainer, der das Gerüst errichtete, jenes Stadion, das in letzter Not übernommen wurde, jene Trümmer, die acht Monate zuvor noch nicht geräumt waren — sie alle leben, jedes für sich, unter diesem Meistertitel weiter, keines von ihnen wurde von jenem strahlendsten Menschen völlig verdeckt. Und jener strahlendste Mensch selbst wurde ebenfalls nie von irgendeiner sauberen Formel vollständig eingefangen.
Die Menschen haben viele Deutungen versucht. Manche sagen, er sei der größte Spieler der Geschichte; manche sagen, er sei ein Betrüger, der mit der Hand mogelte; manche sagen, er sei der Held der Armen; manche sagen, er sei ein von der Verehrung verdorbener Wüstling. Jede Deutung erfasst einen Teil von ihm, und keine kann ihn vollständig fassen. Er war zu voll, so voll, dass kein Gefäß ihn hätte fassen können, immer musste eine Hälfte überschwappen. Diese vier Minuten sind das Miniaturbild seines ganzen Lebens, zur einen Hälfte im Licht, zur anderen Hälfte im Schatten; welche Hälfte man auch wegnehmen möchte, die andere folgt ihr, unabschüttelbar. Zur einen Hälfte Hand, zur anderen Hälfte Fuß — nicht zu richten, und darum auch nicht auszulöschen. Alles, was sich in jenen vier Minuten ereignete, wird sich nach diesen vier Minuten immer wieder von Neuem wiederholen, mit einem anderen Menschen, einem anderen Spiel, einem anderen Streit, doch jenes Dilemma, das sich weder richten noch auslöschen lässt, ist beständig da. Der Zyklus ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich noch immer weiter.