Gijón
Ein Skandal innerhalb der Regeln, und eine vom Ergebnis rückwärts geschriebene Erlösung
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien)
1. Ein Skandal ohne ein einziges Foul
Am 25. Juni 1982, im Molinón-Stadion im nordspanischen Gijón: Westdeutschland gegen Österreich, die letzte Runde der ersten Gruppenphase.
Es war eine Weltmeisterschaft, ausgetragen in einem Land im Übergang. Spanien hatte die Ausrichtung schon 1966 zugesprochen bekommen; als das Turnier tatsächlich begann, war Franco seit sieben Jahren tot, und das Land bewegte sich von der Diktatur in Richtung Demokratie. Auch der Wettbewerb selbst war neu: zum ersten Mal in der Geschichte auf vierundzwanzig Mannschaften erweitert, zunächst in sechs Gruppen zu je vier Teams aufgeteilt; die beiden Bestplatzierten jeder Gruppe wurden dann zu vier neuen Dreiergruppen zusammengestellt, in denen die vier Halbfinalisten ausgekämpft wurden. Neuer Modus, neues Land — und das erste große Ereignis, das dieses Turnier der Geschichte hinterließ, ereignete sich ausgerechnet im Stadion einer kleinen Stadt im Norden.
Die Rechnung zu diesem Spiel lag schon vor dem Anpfiff offen da. Neun Tage zuvor hatte Algerien Westdeutschland mit einer der größten Überraschungen der WM-Geschichte 2:1 bezwungen; nach drei Spielen stand Algerien mit vier Punkten da, seine Partien waren bereits vollständig gespielt, die Zahl stand unübersehbar in der Tabelle. Nach der damaligen Regel von zwei Punkten pro Sieg genügte es Westdeutschland, Österreich mit einem oder zwei Toren Unterschied zu schlagen, damit beide Mannschaften gemeinsam weiterkämen und Algerien ausschiede. Ein Tor mehr ging nicht, ein Tor weniger auch nicht — 1:0 oder 2:0, genau richtig.
Diese Rechenaufgabe brauchte niemand laut auszusprechen. Bevor die beiden Mannschaften das Spielfeld betraten, hatte die Tabelle den Satz für sie bereits zu Ende gesprochen: welches Ergebnis beiden Seiten nützte, stand klar und deutlich geschrieben. Um ein stillschweigend verabredetes Spiel zustande zu bringen, ist der bequemste Weg nicht ein Handel im Hinterzimmer, sondern die Antwort vorab öffentlich auszuhängen und dann die beiden, die von genau dieser Antwort profitieren, gemeinsam in die Prüfung gehen zu lassen. Den Rest erledigt die menschliche Natur von selbst.
Kurz nach Anpfiff traf Horst Hrubesch für Westdeutschland. 1:0. Und dann verließ der Fußball dieses Fußballspiel.
In späteren Rückblicken wird das Bild dieser achtzig Minuten immer wieder in denselben Zügen gezeichnet: Der Ball wird träge zwischen Abwehr und Mittelfeld hin- und hergeschoben, die Torhüter halten den Ball fest, um Zeit totzuschlagen, kein Pressing, keine Grätsche, kein einziger Lauf, der wirklich auf das gegnerische Tor zielte. Die Stimmung auf den Rängen wandelte sich von Verwirrung über Pfiffe zu Wut und verdichtete sich schließlich zu etwas noch Verletzenderem: Hohn. Den Zuschauern war nicht zum ersten Mal ein schlechtes Spiel geboten worden; was sie nicht ertragen konnten, war, dass die beiden Mannschaften direkt vor ihren Augen stillschweigend übereingekommen waren, überhaupt nicht zu spielen.
Ein schlechtes Spiel enttäuscht das Eintrittsgeld; Nichtspielen enttäuscht das Wort Fußball selbst. Man bezahlte, um einen Zweikampf zu sehen, und bekam stattdessen ein Unentschieden vorgeführt, das nur für die Tabelle inszeniert war. Dieses Gefühl, betrogen worden zu sein, blieb Jahrzehnte später noch zwischen den Zeilen jedes Rückblicks hängen.
Für die verbleibenden fast achtzig Minuten hält jeder spätere Rückblick übereinstimmend dasselbe Bild fest: Die beiden Mannschaften schoben den Ball hin und her, spazierten über den Platz, keine von beiden startete noch einen ernstzunehmenden Angriff auf das gegnerische Tor. Der westdeutsche Fernsehkommentator Stanjek erklärte live auf Sendung, er schäme sich; sein österreichischer Kollege riet den Zuschauern, den Fernseher abzuschalten. Auf den Rängen schwenkten spanische Zuschauer weiße Taschentücher und skandierten im Chor, die beiden Mannschaften sollten sich doch küssen. Die Lokalzeitung von Gijón druckte den Bericht über dieses Spiel am nächsten Tag in der Kriminalitätsrubrik.
Hier liegt etwas Ungewöhnliches: Das Urteil über diesen Skandal fiel noch auf der Stelle, und zwar einstimmig. Es brauchte weder den Abstand der Geschichte noch eine nachträgliche Revision — der deutsche Kommentar, der österreichische Kommentar, die Spanier auf den Rängen, die Zeitungen am nächsten Tag: Die ganze Welt kam noch in derselben Nacht zum selben Schluss. Es fehlte nur ein einziges Urteil, nämlich das des Konstrukts selbst. Das Gericht der öffentlichen Meinung sprach sein Urteil noch am selben Abend, das Gericht der Regeln aber fand nicht einmal die Grundlage, um überhaupt eine Verhandlung zu eröffnen.
Am ungerechtesten traf es die Algerier. Sie hatten alles getan, was in ihrer Macht stand: eine der größten Überraschungen der Geschichte geliefert, zwei Spiele gewonnen, vier Punkte gesammelt — und saßen nun draußen und mussten mit ansehen, wie ihre eigene Weltmeisterschaft, in den neunzig Minuten eines fremden Spiels, völlig regelkonform verdunstete. Sie konnten nicht einmal ein Foul finden, das sie anklagen konnten. Das ist schwerer zu ertragen als eine Niederlage durch einen bestochenen Schiedsrichter — ein bestochener Schiedsrichter hat wenigstens eine Pfeife, hier aber gab es nicht einmal eine Pfeife, nur ein makelloses Spielprotokoll, an dem niemand etwas auszusetzen fand.
Algerien legte Protest ein. Die Antwort der FIFA legte die erste Grundfrage auf den Tisch: keine Strafe. Der Grund war nicht, dass dieses Spiel sauber gewesen sei, sondern dass sich, wie oft man das damalige Regelwerk auch durchsuchte, keine einzige verletzte Bestimmung finden ließ. Ein Skandal, den die ganze Welt gesehen hatte, war im Kontobuch des Konstrukts ein regelkonformes Spiel.
2. Zuerst der Riss, dann der Flicken
Dieser Riss ist in Wirklichkeit nicht erst an jenem Tag in Gijón entstanden.
Regeln sind die typischste Form, in der ein Konstrukt auftritt. Sie schreiben schwarz auf weiß, Klausel für Klausel, fest, wie Fußball gespielt werden soll: wie ein Foul geahndet wird, wie Abseits berechnet wird, wie Punkte vergeben werden — alles steht ausdrücklich geschrieben. Doch jedes Regelwerk beruht auf einer nicht niedergeschriebenen Voraussetzung: dass die beiden Mannschaften auf dem Platz gegeneinander gewinnen wollen. Das gesamte Regelwerk schützt vor exzessiver Härte, vor Schlägen und Tritten, vor Verzögerung, vor Betrug; wovor es nicht schützt, wovor es gar nicht weiß, wie es schützen sollte, ist das Verschwinden des Wettkampfs selbst. Sobald die Interessen zweier Mannschaften genau zusammenfallen und keine von beiden mehr ein Tor braucht, greift die Regel ins Leere. In diesen neunzig Minuten von Gijón beging niemand ein Foul, niemand stand im Abseits, niemand betrog — es spielte nur niemand Fußball. Die Bestimmungen können Fouls unter Kontrolle halten, Untätigkeit können sie nicht kontrollieren.
Blickt man noch eine Ebene tiefer, zeigt sich, dass dieser Riss sich eigentlich gar nicht dicht flicken lässt. Was Regeln einschränken können, sind allein sichtbare Handlungen — Schubsen, Ziehen, Handspiel, Abseits: All das lässt sich messen und ahnden. Ob man gewinnen will oder nicht, ist dagegen etwas, das sich nicht messen lässt. Man kann in ein Regelwerk keine Klausel schreiben, die verlangt, dass beide Seiten ernsthaft siegen wollen müssen, denn für Ernsthaftigkeit gibt es kein Maß. Ein Konstrukt kann nur die Grenze des Verhaltens kontrollieren, es dringt nicht in das Gebiet des Willens vor — und in jenen neunzig Minuten von Gijón lag das Übel gerade im Willen, während das Verhalten tadellos blieb.
Verfolgt man diese Frage bis zur Wurzel, ist es das alte, unlösbare Problem des Konstrukts in neuem Gewand. Ein Regelwerk, das jedes erdenkliche Übel auf dem Fußballplatz im Voraus erschöpfend niederschreiben will, und ein Konstrukt, das jeden Rest hinter verschlossenen Türen einsperren will, sind ein und dieselbe Unmöglichkeit. Geschriebenes hat notwendig eine Grenze; alles, was niedergeschrieben ist, lässt etwas ungeschrieben — und gerade dort, wo nichts geschrieben steht, ist der lebende Mensch der Bestimmung immer einen Schritt voraus. Mit jedem Zoll, den die Regel schließt, rückt die menschliche Berechnung einen Zoll in das vor, was noch offen ist.
Deshalb löst es nichts, das ganze Feuer auf jene zweiundzwanzig Männer zu richten. Spieler zu beschimpfen ist leicht, aber die Prüfungsaufgabe hing schon vorher an der Wand; tauscht man diejenigen aus, die sie beantworten, bleibt die Antwort dieselbe. Solange die Schwelle vorab öffentlich ausgehängt bleibt, solange Untätigkeit unbestrafbar bleibt, wird bei der nächsten Weltmeisterschaft ebenso jemand dasselbe tun. Menschen lassen sich austauschen, der Riss nicht. Wer wirklich zur Verantwortung gezogen werden soll, dem fällt die eine Hälfte zu, der die Wahl getroffen hat — die andere Hälfte fällt dem Konstrukt zu, das diese Wahl zur optimalen Lösung gemacht hat.
Was diesen Riss am weitesten aufriss, war der Spielplan. Algeriens Spiele waren bereits beendet, die Schwelle stand schon fest, und Westdeutschland wie Österreich betraten die Prüfung im Wissen um die Antwort. Dieser Riss war nicht unbekannt: Vier Jahre zuvor hatte er schon über der Nacht von Argentinien gegen Peru gehangen, wo das früher spielende Brasilien die Schwelle offen hingestellt hatte und der später spielende Gastgeber sie genau erfüllte. 1978 zweifelte man daran, ob hinter der Schwelle ein Handel steckte; 1982 erübrigte sich selbst der Zweifel — alles geschah vor den Augen der ganzen Welt, völlig regelkonform.
Vergleicht man beide, so hat 1982 dem Konstrukt tiefer geschadet. In jener Nacht von Buenos Aires vermutete man einen schmutzigen Handel hinter verschlossenen Türen; wie schwer dieser Verdacht auch wog, er richtete sich gegen die Menschen, die sich hinter dem Konstrukt verbargen. In jener Nacht von Gijón dagegen gab es keine verschlossenen Türen, keine Hinterzimmer — alles lag offen im Sonnenlicht, und die Menschen mussten mit ansehen, wie der Skandal sich sicher und geborgen im Schoß der Regeln vollzog. Der Verdacht richtete sich hier gegen das Konstrukt selbst. Das eine lässt vermuten, jemand habe die Regeln beschmutzt; das andere lässt vermuten, die Regeln seien von Anfang an nicht imstande gewesen, diesen Sport zu schützen.
Und dieser Verdacht trifft das Fundament. Der Verdacht auf ein einzelnes Machenschaften-Geflecht lässt sich beilegen, sobald man den Fall aufklärt; der Verdacht gegen die Regel selbst kennt keinen Fall, den man untersuchen könnte, niemanden, den man belangen könnte — beilegen lässt er sich nur, indem man die Regel umschreibt. Von hier aus betrachtet war der Flicken von 1986 nicht nur das Stopfen eines Risses, sondern eine Selbstrettung des Konstrukts: Es musste öffentlich beweisen, dass es diesen Sport noch schützen konnte — sonst hätten sich jene neunzig Minuten von Gijón allmählich von einem Skandal zu einem Urteilsspruch gegen das Konstrukt selbst verdichtet.
Hier muss die Beweislage klar dargelegt werden. Nach allem, was sich an Material auffinden lässt, gibt es für Gijón keinen Beweis für Bestechung, keinen Beweis für eine Absprache vor dem Spiel; es ist nicht dasselbe wie ein bezahltes abgesprochenes Spiel. Die sicherste Formulierung lautet: Dies waren zwei jeweils für sich rationale Entscheidungen, die sich auf dem Platz rasch zu einem stabilen Zustand zusammenfügten, in dem sich keine Seite mehr bewegen musste; ob die beiden Mannschaften sich vorher abgesprochen hatten, ist bis heute nicht geklärt. Doch gerade deshalb bringt es das Konstrukt in eine noch peinlichere Lage: Einen Schiedsrichter zu bestechen bedeutet, die Regel zu brechen; Gijón dagegen bewahrte die Regel unverändert und ließ sie mit ansehen, wie sie selbst nicht schützen konnte, was sie schützen sollte.
Damit stößt man auf die letzte Bilanz der Regel. Die Bestimmungen waren nie der Zweck des Fußballs, sie sind sein Geländer; man hat diese Regeln aufgestellt, um jene wichtigere Sache zu schützen, einen echten, mit voller Kraft geführten Wettkampf. Doch ein Geländer ist tot: Es kann die Form innerhalb seiner Grenzen schützen, nicht den Herzschlag innerhalb dieser Grenzen. Wenn sich die Bestimmung von dem trennt, was sie schützen soll, wird das Konstrukt in eine peinliche Lage gedrängt: Entweder es verrät seine eigene schriftliche Urkunde, oder es verrät seine eigene ursprüngliche Absicht. An jenem Nachmittag 1982 entschied es sich, an der Urkunde festzuhalten, und sah mit an, wie die ursprüngliche Absicht durch die Lücken im Geländer entwich. Anders konnte es sich auch gar nicht entscheiden — etwas, das seine Existenz auf Bestimmungen gründet, kann nicht selbst vorangehen und diese Bestimmungen zerstören.
Der Flicken wurde später aufgesetzt. Ab dem Turnier von 1986 wurde der gleichzeitige Anpfiff der letzten Gruppenspiele innerhalb einer Gruppe zu einem eisernen, ins Regelwerk geschriebenen Gesetz; die Sache, erst die Antwort auszuhängen und dann die Prüfung zu eröffnen, ließ sich fortan nicht mehr machen. Doch dieser Flicken kam wirklich zu spät: Der Schaden wurde 1982 von Algerien getragen, der Riss war schon 1978 einmal aufgerissen, und erst 1986 wurde er zugenäht. So flickt sich das Konstrukt immer selbst: Der Rest geht voraus, die Bestimmung hinkt hinterher, und wenn die Regel gelernt hat, diesen Riss zu stopfen, ist derjenige, der den Schaden trug, längst nach Hause gegangen. Wo der nächste Riss liegt, weiß die Bestimmung nach wie vor nicht.
Schlägt man heute irgendein Regelheft auf, so steht hinter fast jeder Klausel eine alte Geschichte. Hinter der Klausel zum gleichzeitigen Anpfiff steht Gijón; hinter der später eingeführten Regel, die es Torhütern verbietet, Rückpässe mit der Hand aufzunehmen, steht ein Turnier, das so trostlos war, dass es zum Einschlafen langweilte. Jedes neu hinzugefügte Verbot ist ein verspäteter Verband für eine bestimmte alte Wunde. Die Regel als Konstrukt ist im Grunde ein Fossil des Skandals: Sie hält nicht fest, wie Fußball sein sollte, sondern wo Fußball einst schiefgegangen ist.
3. Klar gesehen, und trotzdem unerreichbar
Dieselbe Weltmeisterschaft hinterließ noch eine andere Art von Unerreichbarkeit.
Am 8. Juli 1982, in Sevilla, das Halbfinale zwischen Frankreich und Westdeutschland. In der zweiten Halbzeit erhielt der kurz zuvor eingewechselte Franzose Battiston den Ball und brach durch; der westdeutsche Torhüter Schumacher verließ sein Tor, sprang ihm entgegen und rammte ihn mit seinem ganzen Körper in der Luft. Battiston verlor sofort das Bewusstsein und wurde auf einer Trage vom Platz getragen: zwei Schneidezähne abgebrochen, drei Rippen gebrochen, ein Wirbel verletzt.
Die Entscheidung von Schiedsrichter Corver lautete: Abstoß. Kein Elfmeter, keine Rote Karte, nicht einmal eine Gelbe. Auch im Nachhinein ist keine nachweisbare zusätzliche Strafe verhängt worden. An Schumachers Miene in jenem Moment erinnert man sich immer wieder als beinahe gleichgültig — und diese Miene rief nicht weniger Empörung hervor als der Zusammenprall selbst.
Und eben diese Hände hielten an jenem Abend bis zum Schluss durch. Nach dem 3:3 kam es zum Elfmeterschießen, und Schumacher zog mit Westdeutschland ins Finale ein. Der Zertrümmerte lag im Krankenhaus, der Zertrümmernde stand weiter auf der Torlinie und setzte diese Weltmeisterschaft fort — die Asymmetrie in diesem Bild stach schärfer ins Auge als jeder Kommentar.
In den Aufzeichnungen war jener Moment nur ein Abstoß, zwei Worte, blank und sauber. Battistons Körper führte eine andere Akte: zwei abgebrochene Schneidezähne, drei gebrochene Rippen, ein verletzter Wirbel. Zwei Aufzeichnungen über dieselbe Sekunde, und das Konstrukt erkennt nur die erste an. Dass sich die Menschen später über dieses Spiel empörten, geschah weniger aus Mitgefühl mit Frankreich als aus Empörung über jene nicht anerkannte Akte — warum sollte, was der Körper festhält, nicht zählen? Erst viele Jahre später, 2014, sagte Schumacher öffentlich, er bereue, sich damals nicht um den am Boden liegenden Battiston gekümmert und ihn auch nicht im Krankenhaus besucht zu haben. Battiston selbst sagte später, er habe längst vergeben.
Die alte Frage von Wembley taucht hier in einer noch kälteren Fassung wieder auf. 1966 ließ sich jenes Tor nicht klären, weil man es nicht klar sehen konnte — der Ball war schneller als das menschliche Auge reichte. 1982 sah jeder diesen Zusammenprall klar, die Zeitlupe lief immer wieder, die ganze Welt hatte es gesehen — und dennoch reichte die Hand des Konstrukts nicht heran. Die Entscheidung war gefallen, Abstoß, die Aufzeichnung damit geschlossen; ob dieser Zusammenprall hätte geahndet werden müssen und wie streng, blieb eine für immer offene Debatte. Sehen zu können bedeutet also nicht, auch eingreifen zu können.
Reiht man diese Turniere aneinander, treten die jeweiligen Grenzen von Auge und Hand des Konstrukts hervor. 1966 reichte das Auge nicht aus, der Ball war schneller als das menschliche Auge, die Wahrheit ging dabei verloren. 1978 wurde das Auge verbunden, Menschen, die Bescheid wussten, machten es sich zum Geschäft, die Wahrheit zu vernichten. 1982 war das Auge völlig unversehrt, Hunderte Millionen Augen sahen gemeinsam klar — und dennoch rührte sich die Hand nicht. Die erste ist eine Grenze des Vermögens, die zweite eine Grenze der Macht; die dritte ist die eigentümlichste von allen, denn sie ist eine Grenze, die das Konstrukt sich selbst gezogen hat: Was die Bestimmung nicht niedergeschrieben hat, wagt es nicht zu ahnden; was der amtierende Schiedsrichter nicht entschieden hat, mag es nicht mehr ändern.
Dieses Nicht-mehr-Ändern-Können hat seine eigene, harte Logik. Die Endgültigkeit einer Entscheidung ist die tragende Wand des Konstrukts: Sobald die Pfeife des amtierenden Schiedsrichters ertönt ist, muss Richtig und Falsch feststehen. Öffnete sich in dieser Wand einmal ein Riss, der eine nachträgliche Umkehrung erlaubte, könnte jedes Spiel zur erneuten Verhandlung zurückgeschickt werden, und das Konstrukt hätte kein einziges Spiel mehr, das wirklich abgeschlossen wäre. Deshalb trägt das Konstrukt lieber ein Unrecht, das jeder gesehen hat, als diese Wand anzurühren. Das ist keine Kaltblütigkeit, sondern die Wahl zwischen zwei Übeln zugunsten desjenigen, das seiner Einschätzung nach langsamer einstürzt. Battistons Rippen wurden auf diese Weise zum Preis dieser Wand. Die Grenze des Konstrukts verläuft nicht an der Grenze des menschlichen Auges, sondern am Ende der Bestimmung und am Ende des Mutes desjenigen, der sie vollstreckt.
Und in derselben Nacht gestand das Konstrukt sich selbst noch etwas anderes ein. 3:3, nach hundertzwanzig Minuten ließ sich kein Sieger ermitteln, und so wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaften ein Spiel dem Elfmeterschießen übergeben; Westdeutschland zog mit 5:4 ins Finale ein. Diese Erfindung kommt einem schwarz auf weiß ins Regelwerk geschriebenen Eingeständnis gleich: Manche Spiele lassen sich, wie lange man auch weiterspielt, nicht entscheiden, also überlässt man sie dem Zufall auf dem Elfmeterpunkt. Der Zufall, der einst als Schande galt, erhielt nun einen offiziellen Eingang und wurde in die Bestimmungen aufgenommen. In derselben Nacht war das Konstrukt zunächst außerstande, eine von allen gesehene Untat zu ahnden, und gestand gleich darauf mit eigenem Mund ein, dass es manches Spiel nicht entscheiden könne.
Einzugestehen, dass es nicht entscheiden kann, ist tatsächlich eine seltene Ehrlichkeit des Konstrukts. Zuvor musste man sich stets mit Wiederholungsspielen, Auslosungen und ähnlichen Mitteln behelfen, um ein Ergebnis gewaltsam herauszupressen — das hieß, so zu tun, als ließe sich jedes Spiel entscheiden. Das Elfmeterschießen spricht die Sache offen aus: Manche Spiele zeigen in hundertzwanzig Minuten keine wahre Entscheidung, also überlässt man sie dem Elfmeterpunkt, jenen wenigen Schritten voller Zufall, den niemand berechnen kann. Was einst Schande war, erhielt nun einen rechtmäßigen Platz. Dass der Zufall in die Bestimmungen aufgenommen wurde, heißt nicht, dass das Konstrukt ihn bezwungen hätte — es heißt, dass das Konstrukt eingestanden hat, ihm nicht gewachsen zu sein.
Diese offizielle Tür schrieb nebenbei auch die Grammatik von Sieg und Niederlage um. Seither gibt es auf der Welt eine neue Art zu verlieren, die man Niederlage im Elfmeterschießen nennt; wer so verliert, kann erhobenen Hauptes sagen: Wir haben nicht im Fußball verloren. Sieg und Niederlage waren entschieden, die innere Zustimmung nicht. Das Konstrukt löste eine Pattsituation und schuf zugleich eine neue Schwebe. Es hat den Fall abgeschlossen, aber es kann den Nachhall dieses Falles in den Herzen der Menschen nicht abschließen.
4. Gespenst
Nun zu Rossi.
1980 erschütterte Italien der als Totonero bekannte Wett- und Spielabsprache-Skandal, in den auch Rossi verwickelt wurde: zunächst mit drei Jahren Sperre belegt, nach Berufung auf zwei Jahre reduziert. Hier gibt es drei Ebenen, die man sorgfältig auseinanderhalten muss. Erste Ebene: Die sportliche Strafe fiel real aus, er hat die Sperre tatsächlich abgesessen. Zweite Ebene: Eine strafrechtliche Verurteilung folgte nicht; die spätere Fallgeschichte hält übereinstimmend fest, dass es den Angeklagten nicht gelang, vor einem Strafgericht eine haltbare Anklage wegen Betrugs zu begründen — das damalige italienische Recht war noch kaum darauf vorbereitet, Spielmanipulation zu behandeln. Dritte Ebene: Rossi selbst bestritt die Vorwürfe von Anfang bis Ende; bis an sein Lebensende beharrte er darauf, dass es nichts gebe, was er sühnen müsste. Strafe, Verurteilung, eigenes Bekenntnis — drei getrennte Ebenen, von denen keine die andere ersetzen kann.
Dass sich diese drei Ebenen nicht zu einer zusammenfügen lassen, liegt daran, dass sie von vornherein nicht dieselbe Frage beantworten. Das sportliche Gericht fragt, ob man nach den Regeln des Gewerbes gesperrt werden soll; das Strafgericht fragt, ob man nach staatlichem Recht verurteilt werden kann; und das eigene Beharren eines Menschen beantwortet, mit welchem Selbstbild er weiterleben will. Drei Fragen, drei Beweisstandards, drei Antworten — sie könnten ursprünglich durchaus nebeneinander bestehen. Das Problem ist, dass das Gedächtnis der Menschen drei schwebende Ebenen nicht erträgt; es verlangt eine einzige Antwort, schuldig oder unschuldig, und so gibt es immer eine Kraft, die drei Ebenen zu einer zusammenzupressen.
Als die Sperre auslief, war bereits Frühjahr 1982. Erst am 5. Mai erzielte er für Juventus sein erstes Tor nach der Rückkehr — nur noch wenige Wochen bis zur Eröffnung der Weltmeisterschaft.
Was zwei Jahre ohne offizielles Spiel für einen Stürmer bedeuten, ist nicht schwer zu berechnen. Ein Torjäger lebt von Rhythmus und Gespür, und Rhythmus und Gespür lassen sich nur im Spiel selbst pflegen. Dass er in der Gruppenphase schwach wirkte, war fast das Vorhersehbarste auf der Welt — kein Rätsel, sondern Arithmetik. Doch die damalige Erzählung wollte keine Arithmetik, sie wollte einen Sünder; die spätere Erzählung wollte ebenfalls keine Arithmetik, sie wollte ein Wunder. Dieselbe Schwäche wurde zuerst als Beweis des Verfalls gelesen, später als Vorspiel einer Legende — nur nie als das, was sie tatsächlich war: der normale Rost eines Mannes, der zwei Jahre lang nicht gespielt hatte.
Die andere Seite des Rostens ist ebenfalls Arithmetik. Bei einem einst erstklassigen Torjäger sitzt das Schießvermögen im Körper selbst; verrostet ist nur das Zielen, und sobald der Rhythmus zurückkehrt, ist die Waffe wieder dieselbe Waffe. Was fünf Wochen später geschah, sollte man eher als das Zusammentreffen der zurückkehrenden Leistungsfähigkeit mit der zweiten Hälfte des Turnierplans bezeichnen denn als Wunder. Wunder ist ein Wort, das die Erzählung liebt; der Körper kennt dieses Wort nicht, der Körper kennt nur die Kurve der Genesung. Italien nahm ihn dennoch mit nach Spanien, und was er mitbrachte, war zunächst eine Katastrophe. In der ersten Gruppenphase spielte Italien 0:0 gegen Polen, 1:1 gegen Peru, 1:1 gegen Kamerun — drei Unentschieden, mit denen man sich nur mühsam in die zweite Runde rettete. Rossi blieb in allen drei Spielen ohne Tor. Der bekannte italienische Journalist Brera fällte damals ein berüchtigt bissiges Urteil: Er spiele wie sein eigenes Gespenst.
Es lohnt sich, diesen Moment einzufrieren und ihn genauer zu betrachten. Die Erzählung jener Zeit lag fertig bereit: ein Mann, der aus einem Spielabsprache-Skandal kam, dessen Ballgefühl die Sperre zerstört hatte, der gar nicht erst hätte mitgenommen werden dürfen — er war der plausibelste Krankheitsherd in dieser mittelmäßigen italienischen Mannschaft.
Gerade die Bequemlichkeit dieser Zuschreibung macht sie verdächtig. Für drei Unentschieden gibt es hundert mögliche Gründe — Form, Eingespieltheit, Gegner, Glück —, doch der aus der Sperre zurückgekehrte Rossi stand einfach da wie eine fertige Antwort; zeigte man auf ihn, ließ sich alles erklären. Die Zuschreibung eilte den Beweisen voraus, nicht weil irgendein Beweis auf ihn gezeigt hätte, sondern weil seine Geschichte sich am leichtesten erzählen ließ.
5. Fünf Wochen schrieben zwei Jahre rückwärts um
Dann kam Sarrià.
In der zweiten Runde schickte Italien zunächst Argentinien mit 2:1 nach Hause. Am 5. Juli 1982, im Sarrià-Stadion in Barcelona, traf Italien auf Brasilien, und Rossi allein erzielte alle drei Tore beim 3:2-Sieg. Im Halbfinale gegen Polen erzielte er beide Tore zum 2:0. Am 11. Juli, im Bernabéu von Madrid, im Finale gegen Westdeutschland, eröffnete wieder er den Torreigen; Tardelli und Altobelli trafen ebenfalls, Breitner verkürzte einmal — Endstand 3:1, Italiens dritter Weltmeistertitel. Der vierzigjährige Kapitän und Torhüter Zoff stemmte den Pokal in die Höhe — bis heute der älteste Weltmeisterspieler überhaupt.
Auch Italiens gesamter Weg wurde vom Ergebnis vollständig rückwärts umgeschrieben. Vor dem Titelgewinn waren jene drei Unentschieden ein Skandal, Mittelmäßigkeit, ein Beweis dafür, dass man nach Hause hätte geschickt werden müssen; nach dem Titelgewinn wurden dieselben drei Spiele nach und nach als Kraftsparen, abgeklärte Routine, als Vorzeichen eines spät erblühenden Triumphs erzählt. Die Spiele hatten sich nicht verändert, die Ergebnisse hatten sich nicht verändert — verändert hatte sich nur die Rolle, die sie in der Geschichte zugewiesen bekamen. Das Ergebnis wirkt wie eine Lampe, die vom Zielpunkt aus rückwärts leuchtet: Wohin sie scheint, dort dreht sich der Schatten in die andere Richtung.
Und Rossis Ausgang goss reichlich Öl in diese rückwärts leuchtende Lampe. Meistertitel, Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers — alle drei fielen gleichzeitig auf einen einzigen Mann, ein Kunststück, das seit Einführung der Auszeichnung für den besten Spieler des Turniers niemand sonst vollbracht hat. Je vollständiger das Ergebnis, desto größer die Kraft der Rückwärtsschreibung: Hätte er nur zwei Tore erzielt, bliebe der Geschichte noch ein Riss zum Streiten offen; doch sechs Tore plus dreifacher Triumph stopften jeden Riss vollständig zu, und von da an floss die Erzählung ungehindert, rückwärts bis ins Jahr 1980. Ein vollkommenes Ergebnis ist der beste Brennstoff für eine rückwärts geschriebene Erzählung.
Rossi sicherte sich mit sechs Toren die Torjägerkrone und wurde zugleich zum besten Spieler des Turniers gekürt. Das Museum der FIFA vermerkt später ausdrücklich, dass er, seit die Auszeichnung für den besten Spieler 1982 eingeführt wurde, der einzige ist, der in derselben Weltmeisterschaft Titel, Torjägerkrone und Auszeichnung als bester Spieler zugleich errungen hat.
Fünf Wochen. Vom Spielen wie sein eigenes Gespenst bis zum dreifach gekrönten Retter lagen nur fünf Wochen dazwischen. Doch die Hand der Erzählung griff viel weiter als fünf Wochen — sie griff bis ins Jahr 1980 zurück. Nach dem Titelgewinn wuchs ein Wort fest an Rossi: Erlösung. Als hätten die drei Tore von Sarrià, das eine Tor im Bernabéu, nicht nur die Spiele gewonnen, sondern gleich auch jenen zwei Jahre zuvor eröffneten Fall miterledigt.
Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Tore fügen der Beweislage nichts hinzu, ein Pokal ändert keine Akte. Von den drei Ebenen jenes Falls aus 1980 — sportliche Strafe erlitten, strafrechtliche Verurteilung ausgeblieben, eigenes Bestreiten bis zuletzt — hat sich nach dem 11. Juli 1982 keine einzige verändert. Verändert hat sich nur die Erzählung. Man mache ruhig den einfachsten Gegenvergleich: Wäre Italien in der Gruppenphase ausgeschieden und Rossi torlos nach Hause gefahren, würde dieselbe Akte, dieselbe Beteuerung heute wahrscheinlich als das Ende eines Gescheiterten erzählt, dem die Sperre den Rest gegeben habe und der es sich selbst zuzuschreiben habe. Es gibt nicht zwei Akten, aber es gibt zwei Erzählungen, und welche davon benutzt wird, hängt einzig davon ab, ob der Ball ins Tor ging. Die sogenannte Erlösung ist der Akzent des Ergebnisses, nicht die Schlussfolgerung der Akte. Die Anzeigetafel des Stadions kann den Fall vor Gericht nicht abschließen.
Entscheidend ist: Dieser Maßstab muss an beiden Enden gleichermaßen gelten. Wenn sechs Tore keinen Freispruch ergeben können, dann kann umgekehrt auch ein glanzloses Ausscheiden in der Gruppenphase kein Schuldurteil ergeben. Wer sagt, der Pokal habe ihn reingewaschen, und wer sagt, er sei doch letztlich ein Spielverderber gewesen, begehen denselben Fehler in entgegengesetzter Richtung: Beide setzen ein Ergebnis auf dem Platz an die Stelle von Beweisen außerhalb des Platzes. Der Fall hing 1980 in der Schwebe, und in der Schwebe bleibt er; Tore können diese Schwebe nicht auffüllen, und Schmähungen können es ebenso wenig.
Das Wort Erlösung trägt noch eine kaum wahrnehmbare Gewaltsamkeit in sich. Es ist ein Wort mit religiösem Beigeschmack, das eine Sünde voraussetzt — erst wenn es eine Sünde gibt, die man sühnen kann, lässt sich überhaupt von Erlösung sprechen. Dieses Wort einem Mann anzuheften, der seine Schuld sein Leben lang bestritt, kommt einem Bekenntnis gleich, das man stellvertretend für ihn ablegt — zu einer Schuld, die er selbst nie eingestanden hat. Jene Beteuerung, die er sein ganzes Leben lang aufrechterhielt, wird von diesem so warmherzig klingenden Wort mit Haut und Haaren vereinnahmt. Die Erzählung tötet manchmal ohne Messer; sie braucht dazu nur, ein Wort zu wählen.
Und der Mann, den dieses Wort sich ausgesucht hat, kann nichts dagegen tun. Rossi konnte nicht verhindern, dass die ganze Welt sein Jahr 1982 Erlösung nannte, ebenso wenig, wie er darauf warten konnte, dass seine Akte eine letztinstanzliche Seite erhielte. Ein Mensch hat, wie sich zeigt, nicht einmal ein Vetorecht gegen die Erzählung über sich selbst; das Einzige, was er festhalten kann, ist jener Satz, den er sein ganzes Leben lang wiederholt hat.
6. Sarrià, und ein Zitat unbekannter Herkunft
Die andere Hälfte von Sarrià gehört Brasilien.
Jene brasilianische Mannschaft von 1982 — Zico, Sócrates, Falcão, Cerezo, Júnior, Leandro, Éder — sollte auf Geheiß von Trainer Santana nach Gefühl spielen, die Außenverteidiger sollten aufrücken, die Mittelfeldspieler sollten den Ball gestalten können, statt bloß zu zerstören; er gab ihnen reichlich Freiheit. In den ersten vier Spielen erzielten sie dreizehn Tore und kassierten nur drei, bezwangen nacheinander die Sowjetunion, Schottland, Neuseeland und Argentinien und entzückten mit einer scheinbar sorglosen Unbekümmertheit die ganze Welt.
Doch gerade diese Sorglosigkeit war einstudiert. Santana ordnete Freiheit als Disziplin an: Nach Gefühl zu spielen war seine Forderung, das Aufrücken der Außenverteidiger war seine Forderung, jener fließende, wie Wasser dahingleitende Stil war das Ergebnis, das eine Mannschaft nach einem Bauplan eintrainiert hatte. Das ist dasselbe Paradox wie bei den Niederländern acht Jahre zuvor: Der scheinbar mühelosste Fußball verbirgt die aufwendigste Vorbereitung. Improvisation bedeutet nie, dass keine Arbeit dahintersteckt, sondern dass die Arbeit bis zur Unsichtbarkeit getrieben wurde. Die FIFA urteilte später, diese Mannschaft habe den Pokal nicht gewonnen, aber unbestreitbar dieses Turnier bezaubert.
Das Spiel gegen Argentinien hinterließ noch eine weitere Fußnote. Der einundzwanzigjährige Maradona, bei seiner ersten Weltmeisterschaft, absolvierte fünf Spiele, erzielte zwei Tore und wurde zuletzt in der Niederlage gegen Brasilien vom Platz gestellt. Niemand hätte aus dieser Roten Karte lesen können, was vier Jahre später geschehen würde.
Der Maradona jener Zeit war ein Enttäuschter, der eine astronomische Ablösesumme mit sich herumtrug, ohne ihr gerecht zu werden: fünf Spiele, zwei Tore, eine Rote Karte, eine Weltmeisterschaft, in die man große Hoffnungen gesetzt hatte und die achtlos endete. Würde man die Geschichte aus dieser Bilanz linear extrapolieren, dürfte danach nichts Weltbewegendes mehr folgen — für einen jungen Mann, der auf der größten Bühne an eine Wand gelaufen ist, gibt es reichlich Präzedenzfälle, die danach im Nichts verschwanden. Doch Geschichte extrapoliert nie, und ein Mensch ist keine Kurve; das Scheitern eines Einundzwanzigjährigen garantiert weder seinen Niedergang, noch nimmt es seine Heiligsprechung vorweg.
1982 ist nur für 1982 zuständig — das ist die mindeste Gerechtigkeit, die man jedem Menschen schuldet, dem einundzwanzigjährigen Maradona ebenso wie dem fünfundzwanzigjährigen Rossi.
Dann kam der 5. Juli, Sarrià, Rossis drei Tore, 3:2, Brasilien ausgeschieden. Innerhalb von achtundzwanzig Jahren war dies bereits das dritte Mal, dass sich dasselbe Drehbuch wiederholte: Ungarn 1954, die Niederlande 1974, Brasilien 1982 — der schönspielende große Favorit unterlag immer wieder der pragmatischeren Seite. Dieser Reim sitzt so genau, dass man ihn allzu leicht als Schicksal lesen könnte: Schönheit sei dazu verdammt, dem Nützlichen zu unterliegen. Nimmt man die Fälle jedoch auseinander, so sind es drei jeweils unabhängige Spiele; nur eine ähnliche Struktur hat wiederholt ein ähnliches Ergebnis hervorgerufen, und wer alles auf die Angriffskarte setzt, überlässt damit von vornherein mehr seiner empfindlichsten Stellen dem Zufall. Hervorrufen bedeutet nicht Vorherbestimmen.
Zudem gibt es zu diesem Reim ein Gegenbeispiel, das sich nicht einfügen will. Brasilien 1970 setzte ebenso alles auf den Angriff, spielte ebenso unbeschreiblich schön — und trug den Pokal ganz solide davon. Derselbe Einsatz gewann 1970 und verlor 1982; genau das ist die wahre Gestalt des Zufalls. Wäre Schönheit dazu verdammt, dem Nützlichen zu unterliegen, ließe sich 1970 nicht erklären; wäre Schönheit dazu bestimmt, das Nützliche zu besiegen, ließe sich 1982 nicht erklären. Die Wahrheit ist viel schlichter: Wer seine Chips auf den Angriff setzt, überlässt mehr seiner empfindlichsten Stellen dem Glück jenes einen Tages, und Glück kommt an manchen Tagen, an anderen nicht.
Brasilien verlor, doch es ist ausgerechnet diese verlierende Mannschaft, an die man sich später erinnerte. Jahr für Jahr wurde sie in die Liste der besten Brasilien-Mannschaften der Geschichte, der größten nie gekrönten Mannschaften emporgetragen, und diese Gedächtniskette wurde alle paar Jahre erneut verstärkt.
Stellt man sie neben die Niederländer von acht Jahren zuvor, lässt sich noch eine Regel der Heiligsprechung erkennen. Die Niederländer erreichten immerhin das Finale, nur einen Schritt entfernt; diese Brasilianer schafften es nicht einmal ins Halbfinale und wurden bereits in der zweiten Runde gestoppt. Nach erreichter Runde gemessen, war ihr Scheitern früher und vollständiger, doch die Verehrung, die sie erhielten, war um keinen Deut geringer als die der Niederländer. Offenbar bemisst sich der Rang im Tempel der Erinnerung nicht danach, wie weit man gekommen ist, sondern nach dem Produkt aus der eigenen Schönheit und dem eigenen Fall. In jenem Tempel wird ausschließlich Schönheit verehrt, die nicht gewonnen hat.
Diese Regel ist nicht schwer zu erklären. Schönheit, die gewinnt, wird vom Titel vereinnahmt; spricht man vom Brasilien des Jahres 1970, sagt man zuerst, das seien Weltmeister gewesen, und erst dann, das sei Schönheit gewesen — Schönheit wird zum Beiwerk des Titels. Schönheit, die verliert, hat keinen Titel, der sie vereinnahmen könnte; die Schönheit bleibt sich selbst überlassen, steht einsam da und wird gerade dadurch zum Denkmal. Ein Titel ist ein Eigentumsrecht, das dem gehört, der gewonnen hat; herrenlose Schönheit dagegen gehört allen, die um sie trauern — jeder darf ihr ein Räucherstäbchen entzünden.
Nur so reich der Weihrauch auch brennt, man sollte nicht vergessen, wie sie tatsächlich waren. Jene elf Männer betraten damals Sarrià, um zu gewinnen, nicht um Märtyrer zu werden; sie wollten diesen Pokal ebenso ernsthaft wie jede noch so pragmatische Mannschaft. Sie als Märtyrer der Schönheit zu erinnern, sie zum von der Erzählung benötigten Opfer zu machen, heißt einmal mehr, lebende Menschen in Symbole zu pressen. Dass sie ein Spiel verloren, das sie gewinnen wollten — diese schlichte Tatsache verdient ihre Verehrung mehr als jedes Räucherstäbchen. Diese Gedächtniskette selbst ist real, doch sie wurde von der Nachwelt Glied für Glied nachträglich geschmiedet, sie hing nicht schon am Abend des 5. Juli 1982 dort.
Das hellste Glied dieser Kette ist ein berühmter Satz: Der Fußball starb in Sarrià. Dieser Satz ist heute überaus weit verbreitet, doch ausgerechnet seine Herkunft lässt sich nicht festmachen. Manche Versionen schreiben ihn Zico zu, andere sagen, Sócrates habe ihn in der Kabine gesagt; durchsucht man jedoch alles auffindbare Material, findet sich kein einziger Bericht vom Tag selbst 1982, keine damalige Tonaufnahme, die diesen Satz irgendeinem bestimmten Mund zuordnen könnte. Er gleicht eher einer späteren Erzählung, die eine ganze Wolke von Bedauern zu einem einzigen Etikett verdichtet hat. Und die Arbeit, die dieses Etikett verrichtet, besteht darin, die Niederlage in einem Spiel nachträglich zum Begräbnis einer ganzen Epoche zu erheben. Doch was an jenem Tag starb, war nicht der Fußball, sondern die eine Weltmeisterschaft einer Mannschaft. Der Fußball pfiff am nächsten Tag ganz normal wieder an, vier Jahre später drehte sich der Kreislauf wie gewohnt weiter; eine Niederlage aber als Epochenbruch zu erzählen, lässt diese Niederlage bedeutungsschwerer erscheinen. Die Geschichte selbst kennt keine Epochenbrüche — Epochenbrüche sind immer ein Werk der Erzählung.
Dieses Etikett hat noch einen unschuldig Beschuldigten: Italien. Der Fußball sei in Sarrià gestorben — wer ihn getötet habe, bleibt im Satz unausgesprochen, doch die Antwort liegt trotzdem offen zutage. Rossi und seine Mitspieler gewannen an jenem Tag makellos, drei echte, mit voller Kraft erzielte Tore, doch in der Grammatik dieses berühmten Satzes wurde ihnen für immer die Rolle der Mörder zugewiesen; ihr Titel trägt seither eine stilistische Schuld. Die Schönheit des Gegners zur Schuld des Siegers zu erklären — das ist eine weitere Tyrannei dieses Etiketts. Ein Spiel darf einen Verlierer haben, es braucht keinen zusätzlichen Schuldigen.
Später hieß es auch oft, diese Niederlage von Sarrià habe die Spielweise Brasiliens für immer verändert, der schöne Fußball habe seither dem Pragmatismus Platz gemacht. Solche Behauptungen überspannen Jahrzehnte der Kausalität, und die Beweise können der Aussage nie folgen. Den mehrere Jahrzehnte währenden Wandel einer Fußballnation, der mehrere Spielergenerationen, mehrere Trainer und die gesamte Strömung der Fußballwelt mit sich zieht, an einem bestimmten Nachmittag, einem bestimmten Spiel festzumachen, heißt, die Geschichte wie eine Maschine mit nur einem einzigen Schalter zu behandeln. Jener Nachmittag schmerzte tatsächlich; Schmerz ist aber nicht dasselbe wie ein Wendepunkt — ein Wendepunkt wird immer erst nachträglich von der Erzählung zuerkannt.
7. Ein Prinz betritt das Spielfeld
Dieses Turnier lieferte noch eine weitere Szene, die der ganzen Welt eine andere Grenze des Konstrukts vor Augen führte.
Am 21. Juni 1982, in Valladolid, Frankreich gegen Kuwait. Frankreich spielte flüssig, erzielte Tor um Tor und schoss erneut den Ball ins Netz. Die kuwaitischen Spieler jedoch blieben stehen; sie sagten später, sie hätten einen Pfiff gehört und geglaubt, der Schiedsrichter habe abgepfiffen, und daher nicht mehr verteidigt. Auf der Tribüne erhob sich der Delegationsleiter der kuwaitischen Mannschaft, zugleich Präsident des kuwaitischen Fußballverbandes, Prinz Fahad, stieg von den Rängen herab, ging direkt auf das Spielfeld und protestierte von Angesicht zu Angesicht. Daraufhin tat der amtierende Schiedsrichter Stupar etwas in der Fußballgeschichte Seltenes: Er nahm ein bereits als gültig gewertetes Tor auf der Stelle zurück. Wenige Minuten später erzielte Bossis ein weiteres Tor, und der Endstand lautete 4:1.
4:1, Frankreich gewann, das Weiterkommen blieb unberührt — das ist wohl der Grund, weshalb aus dieser Szene kein größerer Sturm wurde. Doch das Geschehene wird nicht dadurch leichter, dass es das Ergebnis nicht beeinträchtigte: Eine bereits gefällte Entscheidung wurde von jemandem, der von den Rängen herabgestiegen war, auf der Stelle umgeschrieben. Die Grundlage dieser Revision war keine Regelbestimmung, keine Fahne eines Linienrichters, sondern die Identität dieser Person. Das Konstrukt beugte sich auf seinem eigenen Terrain, vor vollem Stadion, einmal in die Knie.
Ob die kuwaitischen Spieler tatsächlich einen Pfiff gehört hatten, lässt sich nicht klären, und man muss es auch für niemanden klären; dass tatsächlich ein Pfiff von den Rängen her ertönte, ist gesichert, ob die Spieler ihn nun ernst nahmen oder sich die Gelegenheit einfach zunutze machten, gehört zu jener Art kleinerer, für immer offener Fälle. Der eigentlich große Fall liegt nicht hier. Damit eine Entscheidung geändert werden darf, darf der Grund nur aus dem Innern der Regel selbst kommen — von der Fahne des Linienrichters, von den eigenen Augen des Schiedsrichters: Das ist das Fundament, auf dem das Konstrukt steht. An jenem Tag kam der Grund von einer Identität, die von den Rängen herabgestiegen war. Sobald sich diese Tür der Identität einmal geöffnet hat, und sei es nur ein einziges Mal, trägt jede künftige Entscheidung des Konstrukts einen zusätzlichen Schatten.
Doch andererseits kollabierte das Konstrukt an jenem Tag auch nicht auf der ganzen Linie. Das Tor wurde zurückgenommen, das Endergebnis nicht; Frankreich gewann trotzdem mit 4:1 und kam trotzdem weiter. Der Prinz schrieb eine Minute um, nicht neunzig. Das Konstrukt beugte sich, es brach nicht. Das ist wohl das letzte Maß dieser Szene: Macht kann einen Fuß auf das Spielfeld setzen, aber sie kann das ganze Spiel nicht wegtreten; sie kann eine einzelne Entscheidung auslöschen, aber nicht die endgültige Zahl auf der Anzeigetafel.
Was sich an zeitgenössischer Aufarbeitung tatsächlich bestätigen lässt, ist folgende Liste: Der kuwaitische Fußballverband wurde verwarnt und mit 25.000 Schweizer Franken belegt; Prinz Fahad wurde wegen Verstoßes gegen die Sportethik verwarnt; das Ergebnis von 4:1 blieb gültig; die Ordnungsführung im Stadion wurde gerügt; Schiedsrichter Stupar wurde suspendiert, bis zur nächsten Sitzung der Schiedsrichterkommission. Spätere Artikel machten aus Stupars Schicksal oft ein lebenslanges Verbot, internationale Spiele zu leiten, doch das ist eine Zuspitzung aus zweiter Hand; in zeitgenössischen Quellen lässt sich nur eine Suspendierung bis zur weiteren Beratung bestätigen. Das Konstrukt bekam eine Ohrfeige und schlug mit einem Bußgeldbescheid zurück.
Die Bilanz dieses Bußgeldbescheids hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Fünfundzwanzigtausend Schweizer Franken kauften eine öffentliche Verbeugung zurück; zwei Verwarnungen wurden auf das Konto des Verbandes und des Prinzen gebucht. Doch das eigentlich beschädigte Gut, die Unabänderlichkeit einer Entscheidung, steht auf niemandes Konto, lässt sich nicht ersetzen und nicht nachträglich ausgleichen. Das Konstrukt beglich mit einem Bußgeldbescheid, den es ausstellen konnte, ein Defizit, für das sich gar kein Preis ausstellen lässt — und über diese Rechnung dürfte es sich selbst durchaus im Klaren gewesen sein.
Diese Szene gleicht einer verkleinerten Fabel. Vier Jahre zuvor hatte in Argentinien ein Regime das gesamte Turnier zu seinem eigenen Projekt gemacht; 1982 in Valladolid genügte es, dass ein Prinz das Spielfeld betrat, und eine Entscheidung drehte sich auf der Stelle um. Die Grenze des Konstrukts war gegenüber Macht nie wasserdicht — der Unterschied liegt nur darin, ob Macht das ganze Stadion aufkauft oder nur einen einzigen Ball zurücktritt. Und Aufzeichnung und Tatsache trennen sich hier erneut: Wembley trug ein Tor in die Aufzeichnung ein, bei dem sich nicht klären ließ, ob es die Linie überquert hatte; Valladolid löschte ein bereits gegebenes Tor. Im Protokoll steht es nicht, doch zehntausende Augen haben es gesehen.
In späteren Erzählungen aus zweiter Hand wurde Stupars Schicksal immer schwerwiegender dargestellt, von der Suspendierung bis zur Beratung bis hin zu einem lebenslangen Verbot. Diese Zuspitzung stammt aus derselben Hand wie die, die Rossi die Erlösung aufsetzte: Das Gedächtnis findet die Aufzeichnung zu milde und verhängt eigenhändig eine härtere Strafe, damit die Gerechtigkeit in der Geschichte etwas ordentlicher erscheint als die Gerechtigkeit in der Akte. Doch eine Akte bleibt eine Akte; zeitgenössisch bestätigen lässt sich allein die Suspendierung. Geschichten wollen rund sein, die Geschichte kümmert sich nicht darum, ob sie es ist.
8. Bündelung
Führen wir dies alles zusammen.
Spanien 1982, eine Weltmeisterschaft in einem Land im Übergang, legte anhand von vier Städten, eine nach der anderen, die vier Grenzen des Konstrukts offen. Gijón zeigte die Grenze der Bestimmung: Die Regel setzt den Wettkampf voraus, und wenn der Wettkampf selbst verschwindet, bleibt die Regel unverändert bestehen, kann aber nicht mehr schützen, was sie schützen soll — ein Skandal ohne ein einziges Foul schloss sich im Kontobuch völlig regelkonform ab. Sevilla zeigte die Grenze der Vollstreckung: eine von der ganzen Welt klar gesehene Untat, weder auf der Stelle geahndet noch nachträglich bestraft, sichtbar und dennoch unerreichbar; und in derselben Nacht gestand das Konstrukt im ersten Elfmeterschießen der Geschichte mit eigenem Mund ein, dass es manche Spiele nicht entscheiden kann. Valladolid zeigte die Grenze der Macht: Ein Prinz betrat das Feld, ein bereits gegebenes Tor verdunstete auf der Stelle, das Konstrukt beugte sich und richtete sich mit einem Bußgeldbescheid wieder auf. Sarrià und Madrid zeigten die Grenze der Erzählung: Sobald ein Ergebnis feststeht, beginnt die Erzählung, alles rückwärts umzuschreiben — ein Gespenst wird in fünf Wochen zum Retter, ein Fall ohne letztinstanzliches Urteil wird durch sechs Tore zu einem Freispruch erklärt, den er nie erhalten hat; eine Niederlage wird durch einen Satz unbekannter Herkunft nachträglich zum Begräbnis einer Epoche erhoben.
Flicken wurden später überall angesetzt. Der gleichzeitige Anpfiff der letzten Runde wurde ins Regelwerk geschrieben; das Elfmeterschießen wurde zu einem dauerhaften Ausweg. Doch die Stiche des Flickens fallen immer erst nach dem Riss: Die geschädigten Algerier waren längst nach Hause gefahren, Battistons abgebrochene Zähne wachsen nicht in die Aufzeichnung zurück. Genau so bewegt sich das Konstrukt vorwärts: Es lernt, gestützt auf ein Defizit nach dem anderen, die jeweils nächste Bestimmung, während sich der nächste Riss bereits an einer Stelle, die niemand beobachtet, lautlos auftut.
Das ist keine Schande des Konstrukts, es ist seine Natur. Von einem Regelwerk zu verlangen, im Voraus jedes Übel erschöpfend niederzuschreiben, und von einem Konstrukt zu verlangen, jeden Rest einzusperren, ist dieselbe Art von unerfüllbarem Wunsch. Worauf man hoffen kann, war nie eine nahtlose Regel, sondern dass nach jedem Riss noch jemand bereit ist, den Flicken aufzusetzen; nicht ein Fußball ohne Skandal, sondern dass nach einem Skandal noch jemand sich erinnert, dass es einer war. Das Beruhigendste an jenem Abend in Gijón war gerade das Pfeifkonzert im ganzen Stadion: Die Regel hatte versagt, die Zuschauer hatten nicht versagt.
Letztlich: Die Bestimmung kann ins Leere greifen, eine Entscheidung kann sich vertun, die Aufzeichnung kann die Akte des Körpers auslassen, die Erzählung kann alles rückwärts umschreiben — diese vier Dinge versagten in jenem Sommer, eines nach dem anderen. Doch der Fußball starb weder in Gijón noch in Sarrià; wer ihn immer wieder aus diesen Löchern zurückholte, waren jene Menschen, innerhalb und außerhalb des Stadions, die sich weigerten, so zu tun, als hätten sie nichts gesehen. Pfiffe, Proteste, weiße Taschentücher, eine Entschuldigung Jahre später und eine Vergebung als Antwort darauf — all das steht in keinem Regelwerk, doch die wahren Flicken des Konstrukts wurden immer von diesen Menschen aufgesetzt.
Was die Menschen selbst betrifft: Sie sind immer größer als die Aufzeichnung über sie. Rossi trug einen Fall, der nie eine letzte Instanz erreichte, zu Ende, spielte seine Spiele zu Ende, lebte sein Leben zu Ende; weder die Tore noch die Schmähungen haben den Fall für ihn abgeschlossen. Battistons Körper erinnert sich an jenen Zusammenprall, in der Aufzeichnung aber steht nur ein Abstoß. Jene elf Brasilianer wurden in die Unsterblichkeit emporgetragen, doch Unsterblichkeit ist ein Bauwerk der Nachwelt; was sie selbst mit nach Hause nahmen, war ein tatsächlich verlorenes Spiel. Die Bestimmung kann den Fußball nicht vollständig erfassen, die Aufzeichnung kann den Menschen nicht vollständig erfassen, und die Erzählung eilt beiden immer voraus. Der Fußball aber wartet nicht, bis diese Rechnungen beglichen sind. Vier Jahre später wird die Pfeife wie gewohnt ertönen, ein neuer Riss wird sich auftun, ein neuer Flicken wird zu spät kommen, eine neue Erzählung wird vorauseilen. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.