München
Die Mannschaft, die am freiesten spielte, und der Titel, den sie nicht gewann
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Westdeutschland)
1. Zwei Wege nach München
Das Finale der Weltmeisterschaft 1974 wurde in München ausgetragen, Westdeutschland gegen die Niederlande. Wer später von diesem Turnier erzählt, erinnert sich fast ausschließlich an die Mannschaft, die das Finale verlor.
Die Niederlande zogen ungeschlagen ins Finale ein. In der Gruppenphase gewannen sie 2:0 gegen Uruguay, spielten 0:0 gegen Schweden und gewannen 4:1 gegen Bulgarien; in der zweiten Runde folgten drei Siege in Serie, 4:0 gegen Argentinien, 2:0 gegen die DDR, 2:0 gegen Brasilien. Nach sechs Spielen hatten sie vor dem Finale erst ein einziges Gegentor kassiert. Sie spielten einen Fußball, wie ihn zu jener Zeit noch niemand gesehen hatte, und die ganze Welt verliebte sich auf der Stelle in ihn.
Das war keine gewöhnliche starke Mannschaft. Schon die Art, wie sie Fußball spielte, wirkte wie eine Erklärung. Die Spieler wechselten unablässig ihre Positionen, das Pressing kam von allen Seiten zugleich, und die ganze Mannschaft glich einem lebendigen Ganzen, das auf dem Platz atmete und wogte. Wer an einen Fußball gewöhnt war, in dem jeder seine feste Position hütet und alles nach Schema abläuft, empfand beim ersten Anblick dieser Spielweise etwas wie eine Erschütterung, als würde sich der eigene Horizont plötzlich öffnen. Sie gewann, und sie gewann schön, gewann auf eine Weise, die frisch wirkte, gewann so, dass man das Gefühl hatte, Fußball könne offenbar auch so aussehen.
Westdeutschland ging einen anderen Weg. Sie begannen mit einem 1:0 gegen Chile, einem 3:0 gegen Australien, verloren dann in Hamburg 0:1 gegen die DDR; in der zweiten Runde gewannen sie 2:0 gegen Jugoslawien, 4:2 gegen Schweden, 1:0 gegen Polen, wobei erst Müllers Siegtor in der sechsundsiebzigsten Minute gegen Polen ihnen den Einzug ins Finale sicherte.
Zwei Dinge werden von späteren Erzählern gern durcheinandergebracht. Erstens: Was die Wucht der Resultate angeht, war die Niederlande, die ins Finale einzog, klar überlegen. Zweitens: Westdeutschland war keineswegs ein Störenfried, der sich nur durch Glück ins Finale gemogelt hatte. Sie waren der amtierende Europameister von 1972, und Beckenbauer, Müller, Maier bildeten einen Kern, der zugleich das Rückgrat der Nationalmannschaft und das Fundament jener großen, damals aufstrebenden Mannschaft des FC Bayern war. Zwei Wege, zwei Arten von Fußball, prallten in München aufeinander. Und die Mannschaft, die die ganze Welt sich merkte, die den Fußball neu schrieb, verlor.
Das ist die erste merkwürdige Tatsache, der man sich bei 1974 stellen muss. Eine Weltmeisterschaft, bei der eine Mannschaft den Titel gewinnt, während man sich an eine andere erinnert. Westdeutschland, das den Pokal in Empfang nahm, sank in den späteren Erzählungen zur bloßen Kulisse für jene schöne Mannschaft herab. Ein Meister, der von der Aufzeichnung feststeht, und ein Sieger, der vom Herzen der Menschen nachträglich gekürt wird, fielen ausgerechnet auf zwei verschiedene Mannschaften. Und was genau die verlorene Mannschaft spielte, ist der Ausgangspunkt, von dem aus sich all das verstehen lässt.
Zwei Wege führten nach München, und das waren im Grunde auch zwei Auffassungen von Fußball, die auf denselben Punkt zuliefen. Die Niederlande standen für einen Fußball, der ungebremst einem Ideal entgegenlief, der eine Vorstellung von Schönheit und Freiheit auf dem Platz bis zum Äußersten verwirklichen wollte. Westdeutschland stand für einen Fußball mit beiden Beinen auf dem Boden, dem es nicht um Verblüffung ging, sondern darum, jedes einzelne Glied solide zu machen und dort zu gewinnen, wo man gewinnen sollte. Zwischen diesen beiden Arten von Fußball gibt es an sich kein Höher oder Niedriger; sie tragen nur zwei verschiedene Erwartungen an dieselbe Sache Fußball heran. Und das Finale war genau der frontale Zusammenstoß dieser beiden Erwartungen.
Und der liebste Scherz, den die Geschichte macht, besteht darin, ausgerechnet die Seite verlieren zu lassen, die eigentlich hätte gewinnen sollen. Was die Höhe des Ideals angeht, was die Verblüffung der Spielweise angeht, was den Grad angeht, in dem sie die Welt in ihren Bann zog, war die Niederlande in jeder Hinsicht überlegen. Doch was das endgültige Ergebnis angeht, gewann Westdeutschland. Genau in diesem Gefälle liegt der Ursprung der ganzen Geschichte. Ein Sieg, der eigentlich der Schönheit zu gehören schien, fiel am Ende dem Praktischen zu, und die Schönheit holte sich auf andere Weise, in der Erinnerung der Menschen, zurück, was sie verloren hatte.
2. Die Spielweise, die die Position abschaffte
Das, was die Niederlande spielten, bekam später einen klangvollen Namen: der Totale Fußball.
Über seine sichersten Mechanismen besteht Einigkeit. Es gab keine feste Position auf dem Platz, weder im Angriff noch in der Verteidigung; die Spieler wechselten unablässig ihre Plätze; das Pressing war äußerst aggressiv; alles drehte sich um das Schaffen und Kontrollieren von Raum. Die von Trainer Michels bevorzugte Grundformation gilt gemeinhin als 4-3-3, doch was wirklich zählt, ist nicht diese Zahlenfolge, sondern dass diese Struktur fließend war, nicht erstarrt.
Das Wort fließend klingt abstrakt, wird auf dem Platz aber sehr konkret. Ein Außenverteidiger konnte den ganzen Weg nach vorn stoßen und zur Spitze des Angriffs werden; ein Stürmer konnte sich ins Mittelfeld zurückziehen, sogar bis in die Abwehr, um am Spielaufbau teilzunehmen; ein Mittelfeldspieler konnte in die Außenbahn rücken oder bis an die Sturmreihe vorstoßen. Die Position war nicht länger das Erkennungszeichen einer Person, sondern wurde zu einer Reihe von Lücken, die jederzeit von jemand anderem besetzt werden konnten. Wer der Lücke am nächsten war, füllte sie, und sobald sie gefüllt war, wurde weitergewechselt. Die ganze Mannschaft war nicht elf Bauteile mit je eigener Aufgabe, sondern ein einziges Kraftfeld, das sich ständig neu ordnete.
Doch selbst ein solches, nicht mehr in Einzelteile zu trennendes Kraftfeld hatte einen Kern, um den es nicht herumkam. Positionen ließen sich austauschen, aber der Mensch Cruyff ließ sich nicht austauschen. Darin steckt etwas Subtiles: Eine Spielweise, die behauptet, jeder könne jeden ersetzen, hing im Betrieb in hohem Maße von einem einzigen unersetzlichen Menschen ab. Die Position wechselten die anderen, gedreht wurde um ihn. Das ist kein Widerspruch, es zeigt nur, dass, wie sehr man auch das Ganze und das Fließende betont, jener Funke, der das Ganze zum Leben erweckt, letzten Endes doch auf einen ganz bestimmten Menschen fällt, sich nicht auflösen und nicht gleichmäßig verteilen lässt.
Die Seele dieser Spielweise war Cruyff. Nominell war er Mittelstürmer, tatsächlich aber streifte er überall umher, zog sich zurück, schuf lokale Überzahl und verzog die gegnerische Abwehrlinie, während seine Mitspieler abwechselnd die Position füllten, die er freigemacht hatte. Spätere statistische Erhebungen zählten für Cruyff 1974 sechsunddreißig geschaffene Torchancen, laut dieser Datenbank der Spieler mit den meisten geschaffenen Chancen in einer einzigen Weltmeisterschaft. In diesem Turnier entstand außerdem eine Bewegung, die für immer in Erinnerung bleiben sollte. Im Gruppenspiel gegen Schweden brachte Cruyff mit einer Finte einen schwedischen Verteidiger aus dem Gleichgewicht; jene Drehung wurde später Cruyff-Drehung genannt. Der Vollständigkeit halber sei gesagt: Ähnliche Ziehbewegungen mit dem Ball hatte es schon vor ihm gegeben; was 1974 wirklich geschah, war, dass diese Bewegung zum Wahrzeichen wurde und für immer seinen Namen trug.
Cruyff war das Gehirn dieses Systems und zugleich sein Motor. Wo er war, war die Gefahr; zog er sich zurück, stand der gegnerische Innenverteidiger vor einem Dilemma: ihm folgen und damit die Abwehrlinie aufreißen, oder ihn gewähren lassen und ihm so erlauben, in aller Ruhe das Spiel zu organisieren. Sein Umherstreifen zwang den Gegner, sich immer wieder zwischen zwei schlechten Optionen zu entscheiden. Die Zahl sechsunddreißig ist weniger ein Beweis seiner individuellen Fähigkeiten als ein Beweis dafür, dass sich die ganze Spielweise um ihn drehte. Er war kein Spieler, der auf einer Position stand, sondern die Achse, um die sich diese Philosophie des Fließens überhaupt drehen konnte.
Die Bewegung, die man Cruyff-Drehung nannte, ist ebenfalls ein Abbild im Kleinen dieser Philosophie. Ihr Kern liegt nicht in der Verspieltheit, sondern darin, mit einer unerwarteten Richtungsänderung den Gegner im selben Augenblick hinter sich zu lassen und sich damit Raum zu verschaffen. Die Kontrolle über den Raum wird in dieser Bewegung auf einen einzigen, sekundenlangen Augenblick verdichtet. Dass sie von der ganzen Welt in Erinnerung behalten wurde, liegt nicht nur an ihrer Schönheit, sondern mehr noch daran, dass sie genau das zentrale Streben dieser Spielweise, Raum, Freiheit, das Unerwartete, lebendig vorführte.
Natürlich war der Totale Fußball nicht Cruyffs Ein-Mann-Show. Neeskens, der im Mittelfeld unermüdlich hin und her lief, war der Motor dieser Spielweise, der niemals schlappmachte; Rensenbrinks Vorstöße auf dem Flügel, Krol und Haan mit ihren Übergängen zwischen Abwehr und Angriff, waren allesamt unentbehrliche Teile dieser Maschine. Ohne diese ganze Gruppe von Spielern, die bereit waren, für das System zu laufen, gäbe es Cruyffs Umherstreifen gar nicht zu besprechen. Der Reiz dieser Spielweise liegt genau darin, dass sie sowohl ein Genie als auch eine Gruppe fähiger Männer braucht, die bereit sind, Nebenrollen zu spielen; fehlt eines von beidem, dreht sich nichts mehr.
Diese Spielweise wies auf ein bezauberndes Ideal hin: die feste Position abzuschaffen, jeden überall auftauchen zu lassen, den Fußball in ein restloses Fließen zu verwandeln.
3. Freiheit ist eine schwerere Fessel
Man neigt leicht dazu, den Totalen Fußball als ein Entkommen des Fußballs aus der Struktur zu betrachten. Keine feste Position mehr, also ist jeder frei.
Doch darin verbirgt sich eine schwer zu bemerkende Umkehrung. Die feste Position abzuschaffen, nahm die Fessel nicht weg, sondern trieb sie im Gegenteil auf die Spitze. Damit niemand eine feste Position hat, muss vorausgesetzt sein, dass jeder Einzelne jede beliebige Position spielen kann. Er muss den Raum des gesamten Feldes lesen können, jederzeit den von irgendwem freigemachten Platz füllen können, unermüdlich laufen können. Die sogenannte Freiheit wurde mit einer äußerst schweren Bürde erkauft: übermenschlicher Kondition, übermenschlichem Spielverständnis, übermenschlicher Disziplin.
Auf dem Platz zeigt sich das auf die schlichteste Weise. Eine Spielweise, in der jeder seine Position hütet, verlangt von einem Spieler nur Begrenztes: Er muss lediglich sein eigenes kleines Stückchen Land hüten, sein Laufbereich und der Raum, um den er sich kümmern muss, haben klare Grenzen. Schafft man aber die feste Position ab, ist der Bereich, für den jeder Einzelne verantwortlich ist, dem Prinzip nach das gesamte Spielfeld. Er muss jederzeit bereit sein, überall dort aufzutauchen, wo er gebraucht wird, das heißt, er kann sich fast keinen einzigen Augenblick der Ruhe gönnen. Treibt man diese Spielweise auf die Spitze, ist der Verschleiß an Kondition und Konzentration um ein Vielfaches höher als bei der gewöhnlichen Spielweise.
Die Fessel verschwand nicht, sie zog nur um. Vom ursprünglichen Satz jeder hütet seine Position zu dem neuen Satz du musst jede Position füllen können. Welche dieser beiden Forderungen ist die leichtere? Offensichtlich die erste. Der Fußball, der am freiesten gespielt wird, ist ausgerechnet der Fußball mit den härtesten Anforderungen. Es ist nicht so, dass er keine Struktur hätte, er hat die Struktur nur auf eine Höhe gehoben, die eine gewöhnliche Mannschaft überhaupt nicht tragen kann.
Genau das ist die härteste Regel des Meißel-Konstrukt-Zyklus, die hier auf dem Fußballplatz in Erscheinung tritt. Die Fessel lässt sich nicht auslöschen; man glaubt, sie weggenommen zu haben, treibt sie in Wahrheit aber nur von einem Ort zu einem anderen. Man wollte mit einer restlos freien Spielweise den Beschränkungen der Struktur entkommen, und am Ende erweist sich diese Spielweise selbst als eine noch strengere Struktur.
Das ist nicht allein das Schicksal des Totalen Fußballs, sondern das gemeinsame Schicksal jeder Anstrengung, die aus einer Beschränkung ausbrechen will. Beschränkung gleicht einer Masse, die, drückt man sie an einer Stelle hinein, an anderer Stelle wieder hervorquillt; drückt man sie hier flach, wölbt sie sich dort auf. Hebt man die Beschränkung der Position auf, kommt die Beschränkung von Kondition und Spielverständnis; lockert man die Anforderung an die Stellung, verschärft sich die Anforderung an die umfassende Fähigkeit jedes Einzelnen. Die Gesamtmenge ändert sich nicht, sie wechselt nur von einer Gestalt in eine andere. Wirklich vollständige Freiheit gibt es auf dem Fußballplatz nicht, ebenso wenig, wie es sie anderswo gibt.
Hat man diese Ebene verstanden, betrachtet man den Totalen Fußball mit größerer Nüchternheit. Er war wirklich schön, wirklich neu, hat den Fußball wirklich an einen Ort geführt, den es zuvor nicht gab. Doch was er brachte, war nicht der Sieg der Freiheit über die Struktur, sondern eine Modernisierung der Struktur. Die alte Struktur war starr, steif, leicht zu durchschauen; die neue Struktur war fließend, flexibel, schwer zu fassen. Doch im Grunde waren beide Strukturen, beide eine Art Bindung und Anforderung an die Spieler. Was der Totale Fußball austauschte, war die Form der Struktur, nicht die Struktur selbst. Wer glaubt, er habe die Struktur aufgehoben, ist von ihrer prächtigen Oberfläche getäuscht worden.
Das erklärt auch, warum es so wenige Mannschaften gab, die den Totalen Fußball wirklich spielen konnten. Die Anforderungen an die Spieler waren so hoch, dass nur jene eine Generation der Niederländer, gestützt auf eine Gruppe gleichzeitig auftretender Spieler von herausragender Technik und Spielintelligenz, sie gerade noch tragen konnte. Mit anderen Spielern, in einer anderen Epoche, wäre diese Spielweise sofort unter dem Gewicht ihrer eigenen Anforderungen zusammengebrochen. Je mehr eine Spielweise sich aus alten Fesseln befreien will, desto härter sind meist die Anforderungen an diejenigen, die sie spielen sollen. Freiheit war nie umsonst; ihre Rechnung wird auf die Beine und die Köpfe jedes einzelnen Spielers geschrieben.
Man sollte also eher sagen, der Totale Fußball sei nicht der Fußball, der seine Ketten abgestreift hat, sondern der Fußball, der sich selbst eine kunstvollere und zugleich schwerere Kette angelegt hat. Diese neue Kette sieht sehr viel schöner aus, sie lässt die Spieler ungebunden erscheinen, frei, um überall auftauchen zu können. Doch der Preis dieser Freiheit ist, dass sich niemand mehr hinter einer festen Position verstecken und sich schonen kann, dass jeder in jedem Augenblick das ganze Spielfeld auf den Schultern tragen muss. Die Spielweise, die am lässigsten wirkt, ist im Verborgenen die anstrengendste. Genau darin liegt das Paradoxe dieser Regel: Sie versteckt die Fessel unter dem Mantel der Freiheit, und zwar so gut, dass die Menschen nur die Freiheit sehen, nicht die Fessel.
So ist es beim Fußball, und wie viele Dinge außerhalb des Spielfelds sind es nicht ebenso. Jedes Mal, wenn jemand verkündet, eine Ordnung gefunden zu haben, die alle vollkommen frei machen könne, lohnt es sich, misstrauisch zu werden. Denn nach jener Regel gilt: Je vollständiger die versprochene Freiheit, desto schwerer meist die heimlich hinzugefügte Fessel, nur dass diese Fessel geschickt an einen Ort verschoben wurde, an dem man sie nicht so leicht bemerkt. Was der Totale Fußball auf dem Platz vorführte, war genau ein solches Gleichnis.
4. Auch er fiel nicht vom Himmel
Der Totale Fußball fiel nicht 1974 vom Himmel.
Ihn so darzustellen, als hätte Michels ihn ganz allein in Amsterdam aus dem Nichts erfunden, wäre zu einfach. Er hat eine lange Ahnenlinie. Verfolgt man sie zurück, findet man den Engländer Hogan, Österreichs Wunderteam, das ungarische Goldene Team der 1950er Jahre, Ajax' alten Trainer Reynolds.
Reiht man diese Namen aneinander, ergibt sich eine verborgene Linie, die mehrere Jahrzehnte und mehrere Länder überspannt. Hogan brachte eine auf Passspiel und Laufwege ausgerichtete Fußballphilosophie auf den europäischen Kontinent; Österreichs Wunderteam der dreißiger Jahre formte daraus einen fließenden, wie Wasser dahingleitenden Stil; das ungarische Goldene Team trieb sie in den fünfziger Jahren auf eine Höhe, die die ganze Fußballwelt aufhorchen ließ. Diese Linie ist nie abgerissen, sie ist nur zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Gestalten wieder aufgetaucht. Der niederländische Totale Fußball ist das neueste, glänzendste Auftauchen dieser Linie, nicht ihr Ursprung.
Die Linie des ungarischen Goldenen Teams verbindet 1974 im Stillen mit dem Finale zwanzig Jahre zuvor. 1954 war es genau jenes von der ganzen Welt favorisierte, unvergleichlich prächtig spielende Ungarn, das im Finale dem praktischeren Westdeutschland unterlag. Zwanzig Jahre später wiederholte sich fast dasselbe Drehbuch, nur dass der schöne große Favorit von Ungarn zu den Niederlanden gewechselt hatte, wobei in dessen fußballerischem Blut ausgerechnet die Gene des damaligen Ungarn flossen. Dass die schöne Seite von einem pragmatischen Westdeutschland aufgehalten wurde, gelang den Deutschen auf diese Weise zweimal innerhalb von zwanzig Jahren.
Diese Ahnenlinie zurückzuverfolgen bedeutet nicht, jemandem den Verdienst streitig zu machen, sondern eine verbreitete Täuschung aufzulösen, die glaubt, Großes werde stets von irgendeinem Genie aus dem Nichts geschaffen. Die Tatsachen sind fast nie so. Gräbt man bei jeder scheinbar aus dem Nichts erschienenen neuen Sache tiefer, findet man stets eine lange Reihe von Schatten der Vorgänger. Sie sind auf den Schultern der Vorgänger gewachsen, nicht aus dem Stein gesprungen. Den ganzen Verdienst des Totalen Fußballs einem Einzigen zuzuschreiben, lässt sich zwar einfach erzählen, löscht aber jene wahrhaftigere, ergreifendere Überlieferung aus, in der Generation um Generation, an verschiedenen Orten, denselben Gedanken Stück für Stück vorantrieb.
Zwischen dem zurückgezogenen Mittelstürmer, den Hidegkuti 1953 spielte, und dem umherstreifenden Mittelstürmer, den Cruyff 1974 spielte, liegen mehr als zwanzig Jahre und zwei Länder, doch der Drang, sich aus der festen Position zu befreien und den Gegner mit Fließen zu verwirren, ist ein und derselbe, der sich fortsetzt. Aus dieser Sicht war der niederländische Totale Fußball weniger eine Erfindung als eine Unterströmung, die sich über Jahrzehnte angesammelt hatte und in jenem Sommer endlich zu einer für alle sichtbaren Flut hervorschoss. Die Linie Ungarns ist dabei besonders konkret. In jenem Spiel Englands gegen Ungarn 1953 spielte Hidegkuti die Rolle des zurückgezogenen Mittelstürmers heraus: Er zog sich von der Sturmreihe zurück, ließ andere an ihm vorbei nach vorn stoßen und verwirrte mit Läufen in tiefere Räume die starre gegnerische Abwehr. Das war noch nicht das vollständige System von 1974, aber es war ein dokumentiertes Vorzeichen jener Logik der positionellen Fluidität, die später mit Michels und Cruyff verbunden wurde. Die Ungarn selbst haben es einmal so gesagt: Hogan hat uns alles beigebracht, was wir wissen.
Die vorsichtigere Aussage lautet also nicht, Michels habe das Fließen im Fußball erfunden, sondern: Auf jener langen Ahnenlinie, die sich bis zu Reynolds, Hogan, Österreich und Ungarn zurückverfolgen lässt, war Michels derjenige, der diese Spielweise systematisierte, auf die Spitze trieb und über die ganze Welt verbreitete. Ein Konstrukt hat nie eine reine Herkunft, und der Totale Fußball macht davon keine Ausnahme. Er ist kein Wunder aus dem Nichts, sondern ein alter Fluss, der in seinem niederländischen Abschnitt auf eine neue Höhe geleitet wurde.
Nimmt man das Wort Erfindung von Michels weg, schmälert das seine Leistung nicht im Geringsten. Das Verstreute zu vereinen, auf die Spitze zu treiben, aus einer über die Geschichte verstreuten Idee ein vollständiges System zu formen, das Spiele gewinnen und der Nachwelt überliefert werden kann, ist bereits eine großartige Schöpfung. Nur ist diese Schöpfung kein Schaffen aus dem Nichts, sondern das Herbeileiten einer größeren Flut in ein von den Vorgängern bereits gegrabenes Flussbett. Sie als aus dem Nichts erschienenen Mythos zu erzählen, verdeckt gerade jene wirklich interessante, sich über Jahrzehnte erstreckende Ahnenlinie.
5. In Führung, dann verloren
Das Finale wurde am 7. Juli 1974 in München ausgetragen.
Der Anfang ist eines der am genauesten belegten Bilder der Fußballgeschichte. Nach dem Anstoß der Niederländer folgte eine Kette von Pässen, den Aufzeichnungen zufolge sechzehn an der Zahl, ehe ein westdeutscher Spieler den Ball zum ersten Mal berührte. Gleich darauf drang Cruyff mit dem Ball in den westdeutschen Strafraum ein, wurde von Hoeneß zu Fall gebracht, und der englische Schiedsrichter Taylor entschied auf Elfmeter. Es war der erste Elfmeter in der Geschichte der WM-Finalspiele. Neeskens verwandelte ohne zu zögern, und dieses Tor fiel in der achtundachtzigsten Sekunde des Spiels, bis heute das schnellste Tor in der Geschichte der Finalspiele bei Männer-Weltmeisterschaften. Die Niederlande lagen in Führung, und Westdeutschland hatte den Ball noch kaum berührt.
Dieser Auftakt wirkt fast wie eine Metapher, die eigens für diese niederländische Mannschaft geschneidert wurde. Sechzehn Pässe, ohne dass der Gegner an den Ball kam, das ist die vielleicht deutlichste Vorführung jener Philosophie der Raumkontrolle. Eine Führung nach weniger als anderthalb Minuten wirkte eher, als winke das Schicksal dieser schönen Mannschaft zu, als wolle es sagen, dieser Titel gehöre ihr bereits. In jenem Augenblick dachte wohl die ganze Welt, die Niederlande würden gewinnen, und zwar auf eine Weise, die ihrer Spielweise würdig war.
Dieser Elfmeter zu Beginn besitzt auch für sich genommen ein gesichertes Gewicht. Er war der erste Elfmeter in der Geschichte von WM-Finalspielen, das ist eine felsenfeste Aufzeichnung, keine Legende. Eine Mannschaft, die die Kontrolle über den Raum zu ihrem obersten Grundsatz erhoben hatte, zwang den Gegner gleich zu Beginn des Finales mit einer Kette von Pässen, bei denen dieser den Ball nicht berühren konnte, zu einem Foul und damit zu einem Elfmeter, fast so, als hielte ihre Fußballphilosophie damit auf denkbar unverblümte Weise ihre Eröffnungsrede vor der ganzen Welt. In jenem Augenblick spielte die Niederlande vollständig das aus, was sie sein wollte.
Doch hier nimmt die Geschichte eine Wendung. In der fünfundzwanzigsten Minute bekam auch Westdeutschland einen Elfmeter zugesprochen. Taylors Darstellung war, Jansen habe gegenüber Hölzenbein eine stellende oder ein Stellen versuchende Bewegung gemacht; er bestritt später zeitlebens, diesen Elfmeter nur gegeben zu haben, um den ersten auszugleichen. Breitner verwandelte sicher. Dann, in der dreiundvierzigsten Minute, erzielte Müller das entscheidende Tor. Westdeutschland führte 2:1. Eine Mannschaft, die stärker auf Praktikabilität und eine stabilere Struktur setzte, mit Beckenbauer als Libero im Rücken der Abwehr und Müller als Vollstrecker vorn, besiegte die Mannschaft, die am freiesten spielte.
Jener zweite Elfmeter blieb seither umstritten. Schiedsrichter Taylor beharrte bis zu seinem Tod darauf, richtig entschieden zu haben, doch Vogts äußerte Jahre später, 1997, eine andere Ansicht: Der Westdeutschland zugesprochene Elfmeter sei eine Fehlentscheidung gewesen. Wie bei jenen ungeklärten alten Fällen ist die Tatsache, dass der Elfmeter gegeben wurde, feststehend; ob er gerecht war, wurde zu einem Streit, der sich nie endgültig klären lässt. Doch ganz gleich, ob dieser Elfmeter hätte gegeben werden sollen oder nicht, eines sollte nicht übersehen werden: Westdeutschlands Sieg war nicht unverdient. Sie stahlen den Titel nicht durch Glück auf dem Rücken einer umstrittenen Entscheidung, sie waren eine wirklich starke Mannschaft mit einer eigenen, ausgereiften Ordnung, die das Spiel aus dem Rückstand heraus mit eigener Kraft drehte.
Warum die Niederlande von einem derart traumhaften Beginn bis zur Niederlage abrutschten, dafür haben Nachgeborene viele Erklärungen geliefert, doch keine davon lässt sich als sicherer Beweis gelten. Manche sagen, die zu frühe Führung habe die Niederländer im Gegenteil nachlässig werden lassen, sie hätten den Gedanken gehegt, mit dem Gegner zu spielen, und vergessen, ihren Vorteil auszubauen. Andere sagen, Westdeutschlands Manndeckung und Anpassungen hätten allmählich gewirkt. Diese Erklärungen haben alle einen gewissen Wahrheitsgehalt, doch sie sind allesamt nachträgliche Zusammensetzungen, keine Tatsachen, die sich im Moment selbst hätten überprüfen lassen. Das wirkliche Spiel war das Ergebnis unzähliger Spielzüge, unzähliger Entscheidungen, unzähligen Glücks, die sich ineinander verdrehten; es auf einen einzigen Grund zurückzuführen, wie stimmig dieser Grund auch klingen mag, ist stets eine nachträgliche Vereinfachung.
Gesichert ist nur eine schlichte Tatsache: Die Niederlande gingen in Führung, wurden dann eingeholt, überholt und verloren am Ende. Alles Übrige sind Deutungen, bei denen jeder auf seiner eigenen Sichtweise beharrt. Westdeutschland dagegen gewann in aller Redlichkeit. Eine Mannschaft, die in einem WM-Finale, nach einem Rückstand innerhalb der ersten zwei Minuten, die Nerven behält, den Rückstand aufholt und das Spiel dreht, das ist bereits eine großartige Fähigkeit. Diese Fähigkeit ist nicht so auffällig wie der Totale Fußball, sie lässt sich nicht so leicht zur Legende verklären, aber sie ist ganz real, und sie hat am Ende darüber entschieden, wem der Pokal gehörte.
Beckenbauer spielte in dieser westdeutschen Mannschaft eine besonders bedeutsame Rolle. Hinter der Abwehrlinie besetzte er jene Position, die man Libero nennt, eine Rolle, die keinen bestimmten Gegenspieler bewachen musste, die sich je nach Lage bewegen konnte, die sowohl absichern als auch aus der Abwehr heraus Angriffe einleiten konnte. Das war seinerseits eine Auflockerung der festen Position. Anders gesagt: Es war nicht so, dass auf dem Platz die eine Seite ganz und gar fließend, die andere ganz und gar starr gewesen wäre. Auch Westdeutschland besaß seine Flexibilität, nur dass diese Flexibilität auf einem stabileren Ganzen aufbaute, statt die gesamte Mannschaft ins Fließen aufzulösen. Beide Mannschaften mischten Fließen und Stabilität nur in zwei unterschiedlichen Verhältnissen.
Wie verlor die Niederlande ihre Führung? Die vorsichtigste Antwort ist nur zum Teil taktischer Natur. Unmittelbar gesichert ist, dass die Führung nur bis zur fünfundzwanzigsten Minute anhielt, dass sich die Lage noch vor der Halbzeitpause umgekehrt hatte und dass Westdeutschland gewann, nachdem es zuvor selbst ein Tor kassiert hatte. Spätere taktische Rückblicke betonen immer wieder Vogts' enge Manndeckung gegen Cruyff und wie Westdeutschland über Beckenbauer, Hoeneß und Overath den Griff auf das Spiel immer fester zog, doch das ist eine spätere Deutung, kein statistischer Beleg, der schon im Moment selbst vorlag. Als spätere taktische Analyse ist das unbedenklich; sie als im Moment selbst felsenfesten Beweis zu behandeln, ginge zu weit.
6. Nicht Meister geworden, doch als Sieger erinnert
Den Pokal des Champions trug Westdeutschland davon. Doch die Legende blieb den Niederlanden.
Diese niederländische Mannschaft von 1974 wurde zur meistverehrten Kategorie von Mannschaften in der Fußballgeschichte, die es nicht geschafft haben, den Titel zu gewinnen. Cruyff sagte später sinngemäß, vielleicht seien sie die wahren Sieger, weil die ganze Welt sich lebendiger an ihre Mannschaft erinnere. Doch dieser Satz ist eine Tatsache über die Erinnerung, nicht die Aussage, sie seien in irgendeinem objektiven Sinne tatsächlich überlegen gewesen.
Diese beiden Dinge werden oft miteinander verwechselt, doch ihr Gewicht ist ganz unterschiedlich. Erinnerung ist parteiisch. Eine Mannschaft, die einen Augenschmaus bot, wird leichter erinnert, vermisst und immer wieder aufs Neue erzählt, selbst wenn sie verlor. Eine Mannschaft dagegen, die solide spielte und gewann, ohne besonders auffällig zu sein, wird von genau dieser Sehnsucht leicht in die Ecke gedrängt. So entsteht eine Verschiebung: Wer am festesten in Erinnerung bleibt, ist nicht unbedingt derjenige, der gewonnen hat; wer am weitesten besungen wird, ist nicht unbedingt derjenige, der ganz oben stand. Doch fest in Erinnerung zu bleiben und weit besungen zu werden, ist am Ende nicht dasselbe wie zu gewinnen.
Dass die Niederlande so fest in Erinnerung geblieben sind, verdankt sich zu einem Teil ausgerechnet ihrer Niederlage. Hätte eine schöne Mannschaft folgerichtig den Titel gewonnen, wäre ihre Schönheit von der Vollständigkeit des Titels vereinnahmt worden, erzählt hätte man dann nur wieder eine Geschichte vom Aufstieg des Starken an die Spitze. Doch verlor eine schöne Mannschaft, bekam diese Schönheit einen tragischen Unterton, eine Wehmut des Verlangens, das nicht erfüllt wurde, und das zieht die Menschen erst recht an, lässt sie es nicht vergessen. Die Unsterblichkeit der Niederlande wurde mit jenem nicht erlangten Titel erkauft. Das klingt grausam, ist aber die wirkliche Funktionsweise der Erinnerung: Sie bevorzugt das Bedauern gegenüber der Vollständigkeit.
Darin liegt eine grundlegende Unterscheidung: Die Aufzeichnung gehört der Aufzeichnung, das menschliche Herz gehört dem menschlichen Herzen. Die Aufzeichnung ist kalt, sie kennt nur das im Buch verzeichnete 2:1, nur den Titel des Weltmeisters, der Westdeutschland zufiel. Das menschliche Herz ist warm, es umgeht die Aufzeichnung und weist den Lorbeerkranz im Stillen demjenigen zu, den es lieber mag. Diese beiden Maßstäbe haben je ihre eigene Berechtigung und je ihren eigenen blinden Fleck. Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass man die Vorliebe des Herzens oft mit einer Korrektur der Aufzeichnung verwechselt und annimmt, dass die Niederlande, weil sie fester in Erinnerung geblieben sind, eigentlich den Titel hätten gewinnen müssen. Doch die Vorliebe der Erinnerung ändert nichts am Ergebnis auf dem Platz, so wenig wie die tiefste Sehnsucht je den einen Tor-Unterschied auf der Anzeigetafel ausgleichen kann.
Andererseits ist es auch eine großartige Sache, dass die Niederlande, obwohl sie das Spiel verloren, ein derart dauerhaftes Andenken gewinnen konnten. Es zeigt, dass die Menschen, wenn sie Fußball schauen, nie nur auf das Ergebnis schauen. Was eine Mannschaft spielt, ihr Charakter, ihre Vorstellungskraft, ihr Verständnis von dieser Sache Fußball, kann manchmal mehr Herzen bewegen als ein Pokal und der Läuterung durch die Zeit besser standhalten. Der Titel gehört Westdeutschland, daran gibt es nichts zu rütteln; fragt man aber, welche Mannschaft die Vorstellung, die die Menschen später vom Fußball hatten, wirklich verändert hat, dann muss die Antwort wohl den Niederlanden zugerechnet werden. Diese beiden Dinge, Sieg und Niederlage auf dem Platz einerseits, historischer Einfluss andererseits, müssen von vornherein nicht dieselbe Sache sein.
So hinterließ 1974 einen scharfen Kontrast. Zwei Mannschaften nahmen je etwas Eigenes mit nach Hause. Westdeutschland nahm jenen schweren, schwarz auf weiß verzeichneten Meisterpokal mit; die Niederlande nahmen eine Legende ohne Pokal mit, die dennoch länger währt als mancher gewonnene Pokal. Was wiegt schwerer? Auf diese Frage wird es wohl nie eine Standardantwort geben, weil sie davon abhängt, mit welchem Maßstab man misst. Mit dem Maßstab des Spielfelds gewann Westdeutschland; mit dem Maßstab des menschlichen Herzens und der Geschichte gewann auch die Niederlande. Zwei Maßstäbe ergeben zwei Sieger, und genau das ist das Besondere an 1974.
Hier müssen zwei Dinge auseinandergehalten werden. Hätte gewinnen müssen und der Stärkste sind beides Bewertungen; Weltmeister dagegen ist eine Aufzeichnung. Die Niederlande zogen tatsächlich ungeschlagen ins Finale ein, bezwangen tatsächlich schmerzhaft Argentinien und Brasilien, lagen tatsächlich schon in Führung, bevor Westdeutschland den Ball überhaupt berührt hatte. Das sind Tatsachen, die die Behauptung hätte gewinnen müssen stützen. Doch zugleich war Westdeutschland tatsächlich der amtierende Europameister, hatte tatsächlich Beckenbauer und Müller auf dem Höhepunkt ihrer Form, und gewann tatsächlich auf dem Platz mit 2:1. Der Stärkste ist ein Urteil, Weltmeister ist ein feststehendes Ergebnis.
Und darin verbirgt sich eine noch tiefere Umkehrung. Dass die Niederlande unsterblich wurden, liegt genau daran, dass sie verloren. Hätten sie gewonnen, wären sie nur ein weiterer Weltmeister gewesen, kaum verschieden von anderen Meistern. Gerade jene Niederlage schmiedete sie zu jenem ewigen romantischen Symbol. Jene von der ganzen Welt besungene Schönheit ist auf jenem Finale errichtet, das sie nicht gewinnen konnten. Was die Aufzeichnung ihnen nahm, wurde stattdessen zur Nahrung, von der der Mythos wuchs. Hinzuzufügen ist, dass bei der Formel vom schönen Verlierer die unmittelbare Begeisterung echt war, diese endgültig ausgeformte Formel selbst aber größtenteils erst später, Stück für Stück, konstruiert wurde.
Das anzuerkennen, soll den Fans der Niederlande nicht die Freude verderben, sondern zwei Arten von Wirklichkeit, jede an ihren richtigen Platz stellen. Wie schön diese Mannschaft spielte, wie tief die Zuneigung der Welt zu ihr war, das ist eine Wirklichkeit, die niemand bestreiten kann. Aber dass Westdeutschland an jenem Nachmittag ganz real gewann, ist eine andere Wirklichkeit, ebenso unbestreitbar. Die erste Wirklichkeit zu der Behauptung aufzublähen, die Niederlande hätten eigentlich gewinnen müssen, überschreitet ihre Grenze; die zweite Wirklichkeit zu der Behauptung zu verkleinern, Westdeutschland habe nur Glück gehabt, ist ebenso ungerecht. Die Schönheit gehört den Niederlanden, der Titel gehört Westdeutschland, diese beiden Dinge könnten ohne Weiteres nebeneinander bestehen, ohne dass man unbedingt ausfechten müsste, wer der wahre Sieger ist.
7. Selbst diese Spielweise erstarrte später zur Norm
Der Totale Fußball hat noch ein Ende, das zum Nachdenken anregt.
Seine Seele war ursprünglich das Fließen, der Widerstand gegen alles Feste. Doch später wurde er selbst zu etwas Festem, Verehrtem: einer Philosophie mit Namen und Titel, einem in Lehrbücher geschriebenen Etikett, einem Denkmal. Jene Spielweise, die die feste Position abschaffte, wurde selbst zu einem feststehenden Monument. Jene Negation, die die Struktur auflöste, gerann am Ende zu einer neuen Struktur.
Das ist ein Ende, das fast schon ironisch anmutet. Das Schicksal einer Spielweise, deren ganzer Sinn darin bestand, das Feste zu durchbrechen, ist es am Ende, selbst zu etwas neuem Festem zu werden. Wenn spätere Trainer vom Totalen Fußball sprechen, sprechen sie von ihm wie von einem Klassiker, zu dem man aufblicken, den man studieren, den man nachbilden muss. Er wurde von einem Verb, einer sich gerade vollziehenden, lebendigen Negation, zu einem Nomen, einem dort aufgestellten, toten Monument. Er negierte die alte Struktur und wurde dann selbst zur neuen Struktur erhoben, die darauf wartet, von der nächsten Generation wiederum negiert zu werden.
So vollendete der Meißel-Konstrukt-Zyklus am Beispiel des Totalen Fußballs eine vollständige Runde. Er selbst war ein Meißelschlag gegen jene zuvor festen Formationen, eine schallende Negation. Doch nachdem dieser Meißelschlag gesetzt war, blieb er nicht im Zustand der Negation stehen, sondern erstarrte rasch zu einem neuen Konstrukt, einer neuen, verehrten Orthodoxie. Und ein Konstrukt, mag es bei seinem ersten Auftreten noch so ketzerisch gewesen sein, ist, sobald es sich etabliert hat, dazu bestimmt, zum Ziel des nächsten Meißelschlags zu werden. Der spätere Fußball ging genau auf dem Weg weiter, das Studium, die Nachahmung und die Überwindung des Totalen Fußballs.
Sieht man das klar, gewinnt man ein anderes Verständnis von der Entwicklung des Fußballs. Sie ist keine gerade Linie, die stetig auf eine letzte Vollkommenheit zusteigt, sondern eine Runde um Runde von Meißeln und Konstrukten, von Negation und erneuter Negation. Jede Generation glaubt, die beste Spielweise gefunden zu haben, und wendet dann alle Kraft auf, sie zu einem Gipfel aufzutürmen; die nächste Generation aber tut als Erstes nichts anderes, als mit allen Mitteln diesen Gipfel aufzumeißeln, ihn zu überqueren und auf der anderen Seite einen neuen aufzurichten. Der Totale Fußball ist einer der besonders glänzenden Gipfel unter ihnen, doch wie jeder andere Gipfel ist er letztlich dazu da, überquert zu werden, nicht dazu, ein für alle Mal Rast zu machen.
Das ist auch der Grund, warum es dazu verdammt ist, ins Leere zu laufen, wenn man irgendeine Spielweise zur endgültigen Gestalt des Fußballs erhebt. Der Totale Fußball wirkte in seiner glanzvollsten Zeit wie der Endpunkt der Evolution des Fußballs, als müsse der Fußball von da an nur noch der von ihm gewiesenen Richtung folgen. Doch die Geschichte verlief nicht so. Er wurde aufgenommen, umgeformt, von Generation zu Generation von Nachfolgern, jeder auf seine eigene Weise, weitergemeißelt. Der Endpunkt kam nie wirklich, weil es überhaupt keinen Endpunkt gibt.
Nicht nur das. Selbst diese zu jener Zeit fortschrittlichste Spielweise wurde ebenso gezielt angegangen, entschlüsselt und verlor im Finale. Der spätere Fußball blieb nicht beim Totalen Fußball stehen. Er nahm ihn in sich auf, studierte ihn, fand Mittel gegen ihn und ging über ihn hinaus weiter. Man kann diesem Kreislauf nicht entkommen, indem man ein letztgültiges System schafft. Jenes letztgültige System wird im nächsten Augenblick selbst zu dem Konstrukt, das es zu überwinden gilt.
Das ist die reinste Vorführung des Meißel-Konstrukt-Zyklus. Ein Meißelschlag, die Negation des Totalen Fußballs gegen die feste Position, wurde, nachdem er gesetzt war, zu einem Konstrukt, zu einem Monument, das die Nachwelt wieder aufmeißeln, wieder überwinden muss. Die Spielweise, die sich am meisten aus der Festlegung befreien wollte, wurde selbst festgelegt. Niemand kann einen Fußball spielen, der nicht veraltet, ebenso wenig, wie jemand ein Konstrukt meißeln kann, das nicht wieder gemeißelt werden kann.
Das ist ein unangenehmes Wort für alle, die immer wieder auf das Erscheinen einer letztgültigen Spielweise hoffen. In gewissen Abständen taucht auf dem Fußballplatz eine neue, als revolutionär gefeierte Spielweise auf, und man glaubt, nun die endgültige Antwort auf den Sieg gefunden zu haben. Doch das Schicksal des Totalen Fußballs zeigt: Eine solche endgültige Antwort gibt es nicht. Ist ein noch so fortschrittliches System erst einmal ausgeformt, liefert es dem Gegner eine Zielscheibe zum Studium und zur Entschlüsselung; wird es erst einmal als Klassiker verehrt, wird es zum Rahmen, der die Vorstellungskraft der Nachwelt einschränkt. Die Revolution von heute ist der Gegenstand der Revolution von morgen. Das ist kein Makel des Fußballs, sondern der Grund dafür, dass er nie zu Ende gespielt ist, dass es immer wieder Neues zu sehen gibt.
8. Schluss
Fassen wir das alles zusammen.
1974 unternahm der Fußball einen seiner ehrgeizigsten Versuche: Mit der Spielweise des Totalen Fußballs wollte er sich aus der Beschränkung der festen Position befreien und eine restlose Freiheit spielen. Das war ein schöner Traum, doch er stieß auf mehrere Mauern des Meißel-Konstrukt-Zyklus.
Die erste Mauer: Will man die Fessel wegnehmen, verschwindet sie nicht, sie taucht nur an anderer Stelle wieder auf. Restlos freier Fußball ist der Fußball mit den härtesten Anforderungen, die Kehrseite der Freiheit ist eine schwerere Bürde, die jedem Einzelnen auferlegt wird. Die zweite Mauer: Diese fortschrittlichste aller Spielweisen konnte ebenso wenig ein Finale für sich entscheiden. Sie führte, sie spielte schöner, die ganze Welt liebte sie, doch sie verlor. Auch das fortschrittlichste System ist nur ein weiteres Konstrukt, das angegriffen und überwunden werden kann. Die dritte Mauer: Diese Spielweise, deren Seele das Fließen war, erstarrte am Ende selbst zu einem feststehenden Monument und wurde umgekehrt zu etwas, das die Nachwelt aufmeißeln muss.
Diese drei Mauern sagen zusammengenommen dasselbe: Der Struktur entkommt man nicht. Man kann sie auf eine neue Höhe treiben, ihr ein völlig neues, bezauberndes Gesicht geben, mit ihr eine nie zuvor gesehene Schönheit spielen, aber man kann sie nicht aufheben, nicht aus ihr heraushüpfen. Der Totale Fußball hat diese Wahrheit auf die Spitze getrieben, und gerade weil er der Versuch war, der der Befreiung von der Struktur am nächsten kam, ist sein Scheitern am überzeugendsten. Konnte nicht einmal er entkommen, dann kann niemand mehr entkommen.
Unter all diesen Wahrheiten steht noch eine Gruppe konkreter Menschen. Diese niederländische Mannschaft war kein abstraktes Symbol der Schönheit, sondern elf Menschen mit Namen, die müde wurden, Fehler machten, die nach der Niederlage traurig waren. Dass die ganze Welt sie zu einer ewigen Romanze erhob, birgt in dieser Zuneigung auch eine leicht zu übersehende Vernachlässigung: Was die Menschen lieben, ist jenes destillierte Ideal der Schönheit, während der jeweils eigene Verlust jener Menschen, die wirklich auf dem Rasen von München standen, die wirklich den Titel gewinnen wollten und am Ende wirklich verloren, von diesem Heiligenschein sanft zugedeckt wurde. Als Sieger erinnert zu werden, ist für eine Gruppe von Menschen, die eigentlich verloren haben, nicht unbedingt nur ein Trost.
Die Geschichte von 1974 legt mehrere Dinge übereinander in ein und dieselbe Weltmeisterschaft. Eine Spielweise, die sich aus jeder Fessel befreien wollte, ist ausgerechnet die Spielweise mit der schwersten Fessel; eine Mannschaft, die am schönsten spielte, konnte ausgerechnet den Titel nicht gewinnen; eine Idee, die sich am meisten gegen alles Feste stellte, wurde ausgerechnet selbst zum meistverehrten Festen; eine Gruppe von Menschen, die eindeutig verloren hatte, wurde ausgerechnet als Sieger erinnert. Diese Umkehrungen scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, doch im Kern sagen sie dasselbe: Wie sehr man sich auch befreien will, jener Kreislauf wartet immer genau dort auf einen, wo man glaubt, ihm bereits entkommen zu sein.
Dieser großartigste Befreiungsversuch des Totalen Fußballs gelang am Ende nicht, doch sein Scheitern schmälert seine Größe nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil: Gerade weil er sich so sehr bemühte, so hoch flog, sind jene Mauern, auf die er stieß, so deutlich zu erkennen. Mit seinem eigenen Schicksal machte er aus jener Regel eine der schönsten Lektionen der Fußballgeschichte.
Und die Mannschaft, die verlor, wurde als der wahre Sieger erinnert. Das ist die Großzügigkeit der Erinnerung, doch sie löscht dabei im Stillen auch etwas aus. Jene Spielweise, die behauptete, jeder könne mit jedem die Position tauschen, kam in Wirklichkeit nie ohne Cruyff aus, den einen unaustauschbaren Menschen; jene Spieler, die zu einem schönen Symbol geformt wurden, waren zugleich Menschen aus Fleisch und Blut, die aufrichtig gewinnen wollten und aufrichtig verloren. Der Mythos hob sie hoch empor, deckte aber zugleich ihren jeweils eigenen, konkreten, aus Fleisch und Blut bestehenden Verlust mit zu. Der Titel wurde durch ein Urteil nachträglich dem Verlierer zugesprochen, doch den Pokal selbst trug nun einmal die andere Mannschaft davon.
Letzten Endes barg jenes Münchner Stadion von 1974 ein ewiges Dilemma des Fußballs. Auf der einen Seite der Drang, Schönheit und Freiheit bis zum Äußersten zu verfolgen; auf der anderen Seite die Pflicht, die Sache von Sieg und Niederlage ehrlich zu erledigen. Beides zugleich zu haben, gelingt oft nicht. Die Niederlande entschieden sich für Ersteres und spielten einen Fußball, den die Nachwelt ein halbes Jahrhundert lang besingen sollte, konnten aber an jenem Nachmittag den Vorsprung nicht halten; Westdeutschland entschied sich für Letzteres, spielte weniger verblüffend, trug den Pokal aber ganz real nach Hause. Welche Wahl war richtiger? Auf diese Frage gibt es keine Antwort, weil sie im Grunde nicht nach richtig oder falsch fragt, sondern danach, was man eigentlich vom Fußball will. Die einen wollen den Sieg jenes Augenblicks, die anderen jene nie verblassende Schönheit, und die Weite des Fußballs besteht genau darin, dass er beide Arten von Menschen zugleich Platz bieten kann, ohne dass einer den anderen überzeugen müsste.
Auch deshalb steht diese Weltmeisterschaft so außergewöhnlich lange in der Erinnerung. Sie gab keine saubere, endgültige Antwort, sondern hinterließ eine tiefere Frage samt ihrer ganzen Spannung. Der Stärkste wird nicht unbedingt Meister, der Meister wird nicht unbedingt erinnert, wer sich am meisten befreien will, wird gerade dadurch am festesten gebunden, wer am freiesten spielt, zahlt gerade dafür den höchsten Preis. Diese sperrigen Umkehrungen sind kein Fehler der Geschichte, sondern ihre eigentliche Gestalt. Wer 1974 verstanden hat, begreift, dass Fußball nie eine Rechenaufgabe mit Standardantwort war, sondern eher einem Spiegel gleicht, der die Sehnsucht der Menschen nach Vollkommenheit zeigt, und jenen kleinen, nie ganz zu überbrückenden Abstand, den diese Sehnsucht nie erreicht.
Schon der Gedanke, mit einer letztgültigen Spielweise dem Kreislauf zu entkommen, steckt selbst noch im Kreislauf. Der freieste Fußball konnte ein Finale nicht für sich entscheiden, die fließendste Spielweise wurde am Ende selbst zur festen Norm, und jener nicht gewonnene Titel wird länger in Erinnerung bleiben als mancher wirklich gewonnene. Der Kreislauf ist nicht stehengeblieben. Er dreht sich noch immer.