Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 08 von 22

Mexiko

Die ins Farbbild versiegelte Mannschaft und das Schönste, das sich nicht messen lässt

(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko)

Han Qin (秦汉) · 2026

1. Die Schönste aller Zeiten

Fast jeder, der über Fußball spricht, hat diesen Satz schon gehört: Die brasilianische Mannschaft von 1970 ist die schönste Mannschaft der Geschichte.

Der Wert dieser Mannschaft ist real und handfest. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko gewann Brasilien alle sechs Spiele und erzielte neunzehn Tore. Jairzinho traf in jedem einzelnen Spiel, von der Gruppenphase bis zum Finale, ohne eine einzige Ausnahme. Im Finale wurde Italien mit 4:1 bezwungen, mit Toren aus Sturm und Mittelfeld gleichermaßen. In der Mannschaft standen Pelé, Gérson, Rivelino, Tostão und der Kapitän Carlos Alberto, der mit einem Sprint aus der rechten Verteidigerposition den entscheidenden Treffer erzielte. Das sind alles harte Fakten, die niemand widerlegen kann.

Dazu gehört noch ein Rekord, der oft in einem Atemzug genannt wird. Der Cheftrainer dieser Mannschaft, Mário Zagallo, hatte als Spieler bereits 1958 und 1962 zweimal die Weltmeisterschaft gewonnen; 1970 führte er Brasilien nun als Cheftrainer an die Spitze und wurde damit der erste Mensch der Geschichte, der die Weltmeisterschaft sowohl als Spieler als auch als Cheftrainer gewonnen hatte. Eine Mannschaft mit sechs Siegen aus sechs Spielen, ein Flügelspieler, der in jedem Spiel traf, ein Cheftrainer, der den Titel in zwei verschiedenen Rollen errungen hatte — all das zusammengenommen ist tatsächlich eine blendende Bilanz. Diese Bilanz als herausragend zu bezeichnen, ist völlig unproblematisch. Das Problem liegt darin, dass man ihr nicht das Wort herausragend verleiht, sondern das Schönste, das Größte der Geschichte.

Zwischen herausragend und dem Schönsten liegt nicht nur ein Gradunterschied, sondern ein Unterschied der Art. Herausragend ist die Beschreibung einer Bilanz, gestützt auf Fakten, die jeder nachprüfen kann. Das Schönste hingegen ist eine Krone. Sie verlangt keine Beschreibung, sondern eine Krönung — diese eine Mannschaft aus allen Mannschaften, die je Fußball gespielt haben, herauszugreifen und sie auf jenen einzigen, höchsten Platz zu setzen. Um eine Mannschaft so zu krönen, genügt es nicht, dass sie selbst gut spielt; es braucht eine ganze Welt, die gleichzeitig zusieht und diese Krone gemeinsam anerkennt. Die Brasilianer von 1970 trafen genau auf einen solchen Moment.

Auch vor ihr hatte es große Mannschaften gegeben. Die Ungarn von 1954, die Brasilianer von 1958 — beide spielten einen Fußball, der die Menschen zum Staunen brachte. Doch diese Mannschaften wurden nicht wie die Brasilianer von 1970 gleichzeitig von der ganzen Welt in Farbbildern gesehen und gemeinsam im Gedächtnis behalten. Ihre Größe blieb größtenteils in der mündlichen Überlieferung der Augenzeugen und in verstreuten Schwarzweißaufnahmen hängen. Die Brasilianer von 1970 dagegen waren die erste Mannschaft, die schon während sie spielte, von der gesamten Welt gleichzeitig zum Mythos erhoben wurde. Die Hälfte ihres Ruhms als Schönste verdankte sie jenem Farbbildschirm.

Das soll die Mannschaft nicht schmälern, sondern eine oft übersehene Tatsache wiederherstellen. Ob eine Mannschaft zur Schönsten gekrönt wird, hängt nie nur davon ab, wie gut sie spielt, sondern auch davon, wie viele Menschen unter welchen Bedingungen ihre Klasse zu sehen bekommen. Ebenso brillanter Fußball, gespielt in einer Zeit ohne Farbfernsehen und ohne Satellitenübertragung, wäre wohl nur einer kleinen Gruppe von Augenzeugen im Gedächtnis geblieben und hätte nie zu einem weltweit geteilten Mythos werden können. Die Brasilianer von 1970 gewannen sowohl mit ihren Füßen als auch mit ihrer Epoche — sie gewannen dadurch, dass sie genau in dem Moment spielten, in dem das Bild zum ersten Mal die ganze Welt umarmen konnte.

Doch die Schönste der Geschichte zu sein, ist eine andere Sache. Das ist kein Rekord, sondern ein Urteil. Sechs Siege aus sechs Spielen lassen sich zählen, neunzehn Tore lassen sich zählen, doch das Schönste lässt sich nicht zählen. Es ist eine Behauptung, die von den Nachgeborenen immer wieder wiederholt wurde, so oft, dass man sie fast für so gesichert hält wie ein Spielergebnis.

Dass diese Mannschaft von der ganzen Welt gemeinsam erinnert und gemeinsam zur Schönsten gekrönt werden konnte, hat noch eine oft übersehene Voraussetzung: 1970 war es zum ersten Mal in der Weltgeschichte möglich, eine Weltmeisterschaft gleichzeitig per Farbfernsehen über Satellit zu verfolgen. Diese Mannschaft und ihr Bild, das sich über die ganze Welt verbreitete, wurden zusammen geboren.

2. Die Weltmeisterschaft in Farbe

Die Weltmeisterschaft 1970 markiert in der Geschichte der Fernsehübertragung einen entscheidenden Wendepunkt.

Die vorsichtigste Formulierung lautet: Dies war die erste Weltmeisterschaft, die in großem Maßstab per Farbfernsehen übertragen wurde, und zugleich eine wichtige Etappe bei der ersten Übertragung von Weltmeisterschaftsspielen per Satellit in Echtzeit an ein breiteres internationales Publikum.

Für die Menschen von heute sind Farbfernsehen und Live-Satellitenübertragung längst etwas ganz Alltägliches, und es fällt schwer nachzuvollziehen, was das damals bedeutete. Doch 1970 war das etwas völlig Neues. Zuvor konnten die weit entfernten Zuschauer in Europa entweder gar keine Echtzeitbilder der Weltmeisterschaft sehen, oder nur schwarzweiße, verzögerte, unscharfe Übertragungen. 1970 aber erschienen der grüne Rasen, das goldgelbe Trikot Brasiliens, ein Tor nach dem anderen, zum ersten Mal in Farbe und nahezu zeitgleich in Wohnzimmern tausende Kilometer entfernt. Zum ersten Mal wurde Fußball auf diese lebendige Weise gleichzeitig von Menschen an so vielen Orten gesehen. Die Quellen eines britischen Wissenschafts- und Medienmuseums halten eindeutig fest, dass die Weltmeisterschaft 1970 nicht nur erstmals in Farbe ausgestrahlt wurde, sondern auch das erste Mal war, dass europäische Zuschauer die Weltmeisterschaft live über einen transatlantischen Satelliten verfolgen konnten. Auch die FIFA selbst beschreibt in ihrem Rückblick 1970 unmittelbar als die erste Weltmeisterschaft, die weltweit in Farbe übertragen wurde.

Doch hier ist eine vorsichtige Einschränkung nötig. Dass Fußball zu einem globalen Fernsehereignis wurde, geschah nicht über Nacht im Jahr 1970. Manche kommunikationsgeschichtliche Forschung sieht nicht 1970, sondern das frühere Jahr 1966 als den eigentlichen Wendepunkt in der Verbindung von Fußball und Fernsehen. Genauer gesagt war 1970 also der entscheidende Schritt auf der Ebene von Farbe und Satellitenübertragung, während die Entwicklung der Weltmeisterschaft zu einem globalen Fernsehereignis sich zwischen 1966 und 1970 Schritt für Schritt beschleunigte, statt bei einem einzigen Turnier aus dem Nichts aufzutauchen.

Einen Wendepunkt starr auf ein einzelnes Jahr festzunageln, ist eine bequeme Art der Erzählung, doch meistens ist sie ungenau. Echter Wandel geschieht selten über Nacht. Die Verbreitung des Farbfernsehens, die Reife der Satellitentechnik, der Ausbau der Übertragungsnetze — all das häufte sich über viele Jahre hinweg Stück für Stück an. Dass man sich an 1970 erinnert, liegt daran, dass sich diese Anhäufung gerade bei diesem Turnier zu einem eindrucksvollen Bild zusammenfügte. Doch wollte man deshalb behaupten, erst die Weltmeisterschaft 1970 habe aus dem Nichts Fußball zu einem globalen Ereignis gemacht, würde man einen allmählichen Prozess als ein plötzliches Wunder missverstehen.

Wichtiger noch: Hinter dieser Bildebene stand bereits ein voll ausgebildetes Geschäft. Untersuchungen zeigen, dass die FIFA die Übertragungsrechte dieses Turniers frühzeitig an eine mexikanische Fernsehgesellschaft verkaufte, für 1,6 Millionen Dollar; danach wurde für die europäische Übertragung wiederholt mit der Europäischen Rundfunkunion verhandelt, und 1969 kam es sogar zu einem Weiterverkauf, bei dem sich ein Dritter einschaltete. Das heißt, spätestens 1970 war die Übertragung der Weltmeisterschaft nicht mehr das bloße Ausstrahlen von Spielen, sondern ein ganzes Geflecht von Geschäften um internationale Rechte und Signalverteilung.

Das ist wichtig. Denn es bedeutet, dass die Art, wie Fußball gesehen wird, von diesem Zeitpunkt an nicht mehr kostenlos und selbstverständlich war. Ob ein Spiel überhaupt zu sehen war und auf welche Weise, hing fortan an einer Kette von Verträgen, Preisen und Verhandlungen. Zwischen jenem reinsten Ding, das auf dem Platz gespielt wurde, und den unzähligen Menschen, die es sehen wollten, spannte sich von nun an ein Netz, das das Geschäft geknüpft hatte. Der Ball blieb derselbe Ball, doch der gesamte Weg, auf dem er vor die Augen der Menschen gelangte, war bereits in ein immer größer werdendes Geschäft eingebettet.

Dieses Geschäft war damals erst in seiner Anfangsform, doch die Richtung, in die es wies, sollte sich in den folgenden Jahren immer weiter fortsetzen. Als sich herausstellte, dass ein Sport sich in so großem Maßstab übertragen ließ, dass sich so beachtliche Lizenzgebühren erzielen ließen und ein so gewaltiges Publikum erreicht werden konnte, begann sein Gewicht in den Augen der Geschäftsleute sich allmählich von seinem Gewicht in den Augen der Fans zu trennen. Was die Fans sahen, war der Ball selbst; was immer mehr Menschen zu sehen begannen, war der riesige, erschließbare Markt hinter dem Ball. 1970 ist der Ausgangspunkt, an dem diese beiden Blickweisen begannen, nebeneinander zu existieren.

Natürlich war all dies 1970 erst ein Anfang. Die damaligen Lizenzgebühren waren, verglichen mit den später oft astronomischen Übertragungsverträgen, nur ein Bruchteil; die damalige kommerzielle Erschließung war auch bei weitem noch nicht so ausgefeilt und allgegenwärtig wie später. Doch die Richtung war bereits festgelegt. Sobald die Menschen erkannten, dass ein Spiel gleichzeitig von der ganzen Welt gesehen, immer wieder abgespielt und zu einem guten Preis verkauft werden konnte, konnte Fußball nie wieder zu jener reinen, schlichten Gestalt zurückkehren, die einst nur den paar Zehntausend im Stadion gehörte. Er begann, zu einem Geschäft zu werden — und zu einem Geschäft, das immer größer wurde.

Was die Frage betrifft, wie viele Menschen tatsächlich zusahen, gab es schon damals sehr hohe Schätzungen. Nach der Weltmeisterschaft 1970 nannte eine amerikanische Zeitschrift eine Größenordnung von etwa siebenhundert Millionen Menschen. Diese Zahl lässt sich als eine damalige Schätzung anführen, sie sollte jedoch nicht als eine später vereinheitlichte, mit modernen Einschaltquotenmessungen direkt vergleichbare präzise Statistik behandelt werden.

3. Fußball wird zum Bild

Das eigentlich bedeutsame Ereignis von 1970 geschah nicht auf dem Spielfeld, sondern in jenem Bildschirm. Von diesem Jahr an besaß Fußball eine zweite Existenz.

Zuvor lebte ein Spiel im Grunde nur innerhalb jener neunzig Minuten. Es wurde einmal gespielt und war dann verschwunden. Wer auf der Tribüne saß, sah es; wer es nicht sah, konnte meist am nächsten Tag nur ein Ergebnis und ein paar Zeilen in der Zeitung lesen. Das Spiel selbst war einmalig und flüchtig.

Diese Einmaligkeit war einst das Wesen des Fußballs. Wie alles, was live geschieht, war Vergangenes vergangen, und nur die Erinnerung der Anwesenden, die mündliche Weitergabe und verstreute nachträgliche Texte konnten mühsam ein wenig Spur davon bewahren. Selbst bei einem noch so brillanten Spiel verflog sein Glanz größtenteils mit dem Schlusspfiff, aufgelöst in jenem bestimmten Nachmittag. Voll und ganz erleben konnten es nur jene, die damals anwesend waren.

Doch von 1970 an bekam der Fußball ein Double: ein farbiges, weltweit verbreitbares, immer wieder ansehbares Bild. Carlos Albertos Kanonenschuss, Pelés Dribbling um den Torwart herum, Banks' Parade — sie lebten nicht mehr nur in der Erinnerung der paar Zehntausend im Aztekenstadion. Sie wurden zu Bildern, in alle Welt versandt, von Generation zu Generation wieder hervorgeholt und erneut angesehen. Jenes Spiel, das mit seinem einmaligen Ablauf eigentlich hätte verschwinden müssen, gewann durch dieses Bild ein nahezu ewiges Leben.

Das ist natürlich eine gute Sache. Dank dieser Bilder können Menschen noch Jahrzehnte später mit eigenen Augen sehen, wie die Brasilianer von 1970 spielten, können immer noch über jenes Tor, jene Parade staunen. Jene Augenblicke verschwanden nicht zusammen mit jenem Nachmittag, sie blieben erhalten und wurden zum gemeinsamen Schatz der ganzen Menschheit. In diesem Sinne ist das Bild ein Versuch, das flüchtige Spiel festzuhalten, ein Bemühen, das Schöne zu bewahren.

Das ist eine großartige Sache, aber auch eine Sache, die man klar durchschauen muss. Denn dieses Bild und jenes Spiel sind nicht dasselbe. Das Bild ist ein aus jenem Spiel herausgeschnittenes, übertragenes und aufbewahrtes Double, doch sobald es sich verselbständigt, entwickelt es ein ganz anderes Temperament als das Original. Das Original ist einmalig, das Bild jedoch lässt sich endlos wiederholen; das Original ist Zufall, doch wer das Bild oft genug sieht, dem erscheint es wie Schicksal; im Original gibt es unzählige Augenblicke, die nie gefilmt und nie erinnert wurden, das Bild aber bewahrt nur die paar glänzendsten, und lässt die Menschen glauben, jenes Spiel, jene Mannschaft, sei genau so gewesen wie diese wenigen Augenblicke.

So geschieht eine feine Vertauschung. Die Menschen glauben, sich an jenes Spiel zu erinnern, doch woran sie sich tatsächlich erinnern, ist das Bild jenes Spiels. Und das Bild ist nur der kleine, fotogenste Ausschnitt, der aus jenem Spiel ausgewählt wurde. Die nicht fotogenen Augenblicke, die unscheinbaren Ballstafetten, die Fehler und Zögerlichkeiten, die Teile, die nicht gefilmt wurden oder die niemand wieder und wieder sehen wollte, wurden still weggelassen. Mit der Zeit erscheint dieses fein geschnittene Bild eher wie die Wahrheit als jenes reale, unfertige, vollständige Spiel.

Dieses Verwechseln von Schein und Wirklichkeit ist die angeborene Fähigkeit des Bildes. Es schneidet eine Facette der Wirklichkeit heraus und präsentiert diese Facette den Menschen immer wieder, bis sie vergessen, dass es nur eine Facette ist, und sie für die ganze Wirklichkeit halten. Ein neunzigminütiges Spiel wird zu einer Zusammenfassung von wenigen Minuten geschnitten; eine Mannschaft, die einen Monat lang spielte, wird auf ein paar Höhepunkte verdichtet. Was herausgeschnitten wird, ist die Masse des Unscheinbaren, das dennoch ebenso real war. Und das wenige, das übrigbleibt, gewinnt durch das wiederholte Ansehen ein Gewicht, das die Realität selbst überwiegt. Was die Menschen am Ende erinnern, ist nicht, was geschehen ist, sondern was immer wieder gezeigt wurde.

Auf den Fußball übertragen, sind die Folgen davon besonders tiefgreifend. Denn von nun an hängt es nicht mehr nur davon ab, wie eine Mannschaft oder ein Spieler spielte, ob und wie sie von der Geschichte erinnert werden, sondern auch davon, wie sie gefilmt, geschnitten und ausgestrahlt wurden. Was die Kamera bevorzugt, wird grenzenlos vergrößert; was die Kamera verpasst, wird still vergessen. Ein großartiger Augenblick, der nicht gefilmt wurde, ist, als hätte er nie stattgefunden; ein gewöhnlicher Augenblick, der immer wieder gezeigt wird, kann zum Klassiker erhoben werden. Die Geschichte des Fußballs lässt sich von nun an nicht mehr von der Geschichte seiner Bilder trennen.

Diese Bildebene ist zugleich ein Segen und eine Fessel für den Fußball. Der Segen liegt darin, dass jene flüchtige Schönheit endlich eine Form gefunden hat, in der sie für immer bewahrt werden kann. Die Fessel liegt darin, dass der wirkliche Fußball von nun an mit seinem fein geschnittenen, beschönigten Schatten um das Gedächtnis der Menschen konkurrieren muss — und dabei meistens den Kürzeren zieht. Die Menschen glauben lieber jenem perfekten Bild, als sich die Mühe zu machen, die unfertige Wirklichkeit zu rekonstruieren. Mit der Zeit wird das Bild zur Hauptfigur, während das reale Spiel, das es festgehalten hat, zu einem verschwommenen Hintergrund zurücktritt.

Und das Erste, was dieses Bild tat, war, die Brasilianer von 1970 zu einem ewigen Denkmal erstarren zu lassen: der Schönsten der Geschichte.

4. Das Schönste lässt sich nicht messen

Doch das Wort das Schönste hält einer genaueren Prüfung nicht stand.

Was heißt am schönsten? Gibt es ein Maß, mit dem man vergleichen kann, wer schöner ist? Ist Brasilien 1970 schöner als die Ungarn von 1954? Schöner als das spätere Brasilien von 1982, das den Titel nicht gewann? Schöner als die Meister des Ballbesitzspiels viele Jahre später? Keine dieser Fragen hat eine Standardantwort. Denn Schönheit lässt sich, anders als eine Anzahl von Toren, nicht einfach nebeneinanderlegen und im Rang vergleichen. Eine Mannschaft die Schönste der Geschichte zu nennen, klingt entschieden und endgültig, doch genau jenes endgültige Urteil, das es verspricht — diese eine, und keine andere, für immer die Erste —, lässt sich gerade nicht wasserdicht belegen.

Das klingt vielleicht etwas ernüchternd. Ist es also falsch, eine Mannschaft die schönste zu nennen? Natürlich nicht. Jeder Mensch kann von Herzen empfinden, dass Brasilien 1970 die schönste Mannschaft war, und dieses Gefühl ist echt und bewegend. Das Problem liegt nicht in der Zuneigung, sondern in jenem Wort am meisten. Zuneigung ist persönlich, doch am meisten deutet eine Rangfolge an, die über das Persönliche hinausgeht, eine endgültige Rangliste, nachdem alle Mannschaften miteinander verglichen wurden. Und für eine solche Rangliste gibt es weder einen Schiedsrichter noch eine Ziellinie. Sagst du, diese Mannschaft sei die schönste, sage ich, eine andere sei es — und keiner von uns kann ein allgemein anerkanntes Maß vorlegen, das die Sache endgültig entscheidet.

Das ist keine Behandlung, die nur Brasilien 1970 zuteilwurde. Im selben Turnier wurde das Halbfinale zwischen Italien und Westdeutschland, 4:3, mit fünf Toren allein in der Verlängerung, später fest als Jahrhundertspiel bezeichnet; vor dem Aztekenstadion steht bis heute eine Gedenktafel für dieses Jahrhundertspiel. Banks' Parade wurde die Parade des Jahrhunderts genannt. Carlos Albertos Tor wurde das beste Mannschaftstor der Geschichte genannt. Keiner dieser Titel stand ursprünglich in den offiziellen Spielaufzeichnungen jener Zeit; sie wurden allesamt später von Nachgeborenen hinzugefügt, versehen mit einem Superlativ.

Diese Superlative haben eine interessante Gemeinsamkeit: Fast alle sind sie in eben diesem einen Turnier entstanden. Die schönste Mannschaft, das Jahrhundertspiel, die Parade des Jahrhunderts, das beste Mannschaftstor der Geschichte — als hätte die Weltmeisterschaft 1970 sämtliche im Fußball überhaupt denkbaren Superlative auf einmal eingesammelt. Das liegt nicht unbedingt daran, dass 1970 in jeder Hinsicht wirklich das historisch Erste war, sondern eher daran, dass dies die erste Weltmeisterschaft war, die von der ganzen Welt gleichzeitig in Farbbildern gesehen wurde. Nur etwas, das von so vielen Menschen gleichzeitig gesehen wird, verdient es überhaupt, von so vielen Menschen gemeinsam zum Höchsten gekrönt zu werden. Diese Flut an Superlativen ist gerade ein Anzeichen dafür, dass das Zeitalter des Bildes angebrochen war.

Genau darin liegt die Verführung des Superlativs. Er verschafft einem das befriedigende Gefühl einer endgültigen Entscheidung, als sei die Debatte damit beendet und die Antwort bereits feststehend. Doch was er festlegt, ist etwas, das sich seiner Natur nach gar nicht festlegen lässt. Es gibt kein Instrument auf der Welt, das messen könnte, welches Spiel das beste der Geschichte war, welche Mannschaft die schönste, welche die stärkste. Diese Aussagen klingen wie Schlussfolgerungen, sind in Wirklichkeit aber eine für immer ungelöste Debatte, die nur vorübergehend von einer schönen Formulierung zugedeckt wird.

Das klarzustellen bedeutet nicht, Brasilien 1970 herabzusetzen. Diese Mannschaft war tatsächlich großartig, ihr makelloser Erfolg, ihre Tore, ihre einzelnen unvergesslichen Augenblicke — all das ist wahr. Was man auseinanderhalten muss, ist nur der wahre Wert und jener nachträglich hinzugefügte Superlativ, der sich anmaßt, eine endgültige Antwort zu geben. Ersteres ist Tatsache, Letzteres Urteil, und ein Urteil wird, egal von wie vielen Menschen es wiederholt wird, nie zu einer messbaren Tatsache.

Diese Verwechslung von Urteil und Tatsache scheint harmlos, birgt aber tatsächlich eine schwer erkennbare Falle. Sobald das Schönste als endgültiges Urteil behandelt wird, verlieren spätere Generationen unter dem Schatten dieses Urteils leicht den Raum für ein eigenes Urteil. Sie meinen dann, da doch allgemein anerkannt sei, dass Brasilien 1970 am schönsten spielte, sei jeder weitere Widerspruch ein Zeichen von Unkenntnis des Fußballs. Doch wirkliches Verständnis von Fußball besteht gerade darin, klar zu unterscheiden, was zählbare Tatsache und was ausgesprochenes Urteil ist, und sich für Letzteres die Freiheit zu bewahren, anderer Meinung sein zu dürfen.

Das eigentliche Problem des Superlativs liegt nicht darin, dass er das falsche Objekt gewählt hätte, sondern darin, dass er vorgibt, eine Diskussion zu beenden, die gar nicht beendet werden sollte. Schönheit muss von Generation zu Generation jeweils neu empfunden, erstritten und wiederentdeckt werden. Was man heute für das Schönste hält, kann morgen von einer anderen Schönheit ergriffen werden; das Höchste, das diese Generation verehrt, mag für die nächste Generation ganz neuen Maßstäben weichen. Diese fortwährende Neubewertung ist an sich etwas Gesundes, sie hält die Schönheit lebendig. Doch der Satz die Schönste der Geschichte wirkt wie ein Deckel, der versucht, diese Diskussion, die eigentlich für immer weitergehen sollte, mit einem Mal fest zu verschließen. Er erklärt etwas Fließendes, Offenes gewaltsam zu etwas Erstarrtem, bereits Entschiedenem.

Das ist genau das nie endende Ringen zwischen Erstarrung und Fließen. Der Mensch möchte das Schöne immer festhalten, versiegeln, ihm einen ewigen, unangreifbaren Platz geben. Doch das Schöne ist ausgerechnet fließend, es bleibt nur lebendig, wenn es in jeder Generation neu empfunden wird. Sobald man es gewaltsam zu einem Superlativ erstarren lässt, beginnt es zu verkrusten, wird zu einem Präparat, das man verehrt, aber nicht mehr empfindet. Der wirkliche Fußball dagegen kümmert sich nicht um diese Titel; er wird weitergespielt wie eh und je und bringt den Menschen immer wieder neue Schönheit, neue Größe.

Statt sich also darüber zu zerstreiten, ob Brasilien 1970 wirklich die Schönste der Geschichte war, sollte man lieber anerkennen, dass diese Frage von vornherein keine Antwort hat und auch keine braucht. Ob sie die Schönste war oder nur eine der schönsten Mannschaften, ändert nichts daran, dass sie tatsächlich jenen bewegenden Fußball gespielt hat. Ob man ihr diesen Hut des Schönsten aufsetzt oder wieder abnimmt, verändert nur das Rangspiel der Nachgeborenen, nicht das, was in jenem Monat wirklich geschehen ist. Zieht man seine Aufmerksamkeit vom Streit um ein eitles Höchstes zurück, sieht man die Mannschaft, wie sie wirklich war, umso klarer.

5. Auch Pelé hatte Fehlschüsse

Das Bild tut noch etwas anderes: Es schneidet den Zufall still zurecht, bis er wie Notwendigkeit aussieht.

Im Bild erscheint Brasilien 1970 wie eine Mannschaft, die zum Titel und zur Vergöttlichung bestimmt war. Doch in jenem wirklichen Monat war überall Zufall am Werk. Am deutlichsten zeigt sich das gerade an Pelés zwei berühmtesten Torschüssen — und beide gingen nicht hinein.

Der eine ereignete sich im Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei. Pelé sah aus der eigenen Hälfte, dass der gegnerische Torwart weit vor seinem Tor stand, und schoss einen extrem weiten Lupfer. Der Ball beschrieb einen Bogen über den Torwart hinweg, streifte den Pfosten und ging daneben. Das war ein aufsehenerregender Einfall — doch er ging vorbei. Der andere ereignete sich im Halbfinale gegen Uruguay. Tostão spielte einen Steilpass, der uruguayische Torwart stürmte heraus, Pelé kam vor dem Ball an, berührte ihn aber absichtlich nicht, ließ ihn auf der einen Seite des Torwarts vorbeirollen, umlief ihn selbst auf der anderen Seite und schoss dann noch während der Drehung ab. Der Ball verfehlte den entfernten Pfosten. Wieder ein unfassbarer Geistesblitz — und wieder ging er daneben.

Diese beiden verfehlten Schüsse wurden später ebenso berühmt wie die tatsächlich erzielten Tore. Doch sie erinnern die Menschen an etwas, das das Bild leicht überdeckt: Selbst der allgemein als größter Spieler anerkannte Mann kann in seinem genialsten Augenblick danebengreifen. Jener Lupfer war nur eine Winzigkeit von einem der größten Tore der Geschichte entfernt, doch genau diese Winzigkeit war der Zufall. Er hätte hineingehen können, er hätte auch nicht hineingehen können — und er ging eben nicht hinein.

Das zeigt mehr als jene Tore, die tatsächlich fielen. Ein erzieltes Tor wird als die Notwendigkeit des Genies erzählt; doch ein Schuss, der beinahe, aber am Ende doch nicht hineinging, enthüllt die wahre Natur des Genies: dass es ebenfalls im Zufall um sein Leben spielt. Pelés Größe bestand nicht darin, dass sich jeder seiner Geistesblitze in ein Tor verwandelte, sondern darin, dass er es wagte, immer wieder Dinge zu versuchen, die sich gewöhnliche Menschen gar nicht erst vorzustellen wagen — selbst wenn viele davon am Ende danebengingen. Seine Größe als eine Art unfehlbares Wunder darzustellen, würde gerade jenen lebendigen Menschen auslöschen, der danebengreifen kann und dennoch das Risiko wagt.

Und die gesamte brasilianische Mannschaft war nicht anders. Sie gewann alle sechs Spiele, doch jedes einzelne wurde auf jenem Feld, das immer wieder von Höhenlage und Hitze gequält wurde, mit echtem Kampf erstritten. Höhenlage und Hitze waren tatsächlich eine bei dieser Weltmeisterschaft allgemein anerkannte Hürde — Mexiko-Stadt liegt über zweitausend Meter über dem Meeresspiegel, dazu die Hitze, und jede Mannschaft behandelte dies als Problem Nummer eins. Doch Sieg oder Niederlage eines einzelnen Spiels einfach auf Höhenlage oder Wetter zurückzuführen, ist wiederum eine erst im Nachhinein konstruierte, allzu einfache Erklärung. Ein wirkliches Spiel wird nie von einem einzigen Faktor entschieden, es ist das Ergebnis unzähliger ineinander verdrehter Zufälle.

Diesen Drang, Komplexes auf Einfaches zu reduzieren, begeht das Bild am liebsten. Eine Mannschaft, die alles gewinnt, erscheint im Bild so, als sei jeder ihrer Siege selbstverständlich gewesen, die natürliche Einlösung ihrer Stärke. Doch jedes wirkliche Spiel stand auf der Kippe, war riskant, hätte durch einen einzigen Zufall in ein anderes Ergebnis kippen können. All diesen Zufall zu tilgen und nur einen unaufhaltsam voranschreitenden Champion übrigzulassen, ist die Lieblingsbeschönigung des Bildes und zugleich seine wirksamste Täuschung. Sie lässt die Menschen vergessen, dass Sieg nie vorherbestimmt ist, sondern in unzähligen Augenblicken, die auch anders hätten ausgehen können, mit Glück erkämpft wird.

Dieses Glück anzuerkennen, mindert die Größe von Brasilien 1970 nicht im Geringsten, sondern lässt diese Größe umso wirklicher und kostbarer erscheinen. Eine Mannschaft, die sich auf einem gnadenlosen Feld, in unzähligen Augenblicken, die auch in die Niederlage hätten führen können, immer wieder den Sieg zurückerkämpft, ist weitaus bewegender als eine zum Sieg vorherbestimmte Mannschaft. Ein vorherbestimmter Sieg hat keine Geschichte; erst ein Sieg, der über dem Zufall schwebt und jederzeit einstürzen könnte, lässt einen im Nachhinein erschaudern und zugleich bewundern. Dass das Bild den Zufall glättet, sieht so aus, als werte es die Mannschaft auf, in Wirklichkeit aber nimmt es ihr genau das Großartigste: jenen Mut, der sich in der Ungewissheit erkämpft.

Pelés zwei verfehlte Schüsse sind gerade die beste Fußnote zu diesem Mut. Ein vorsichtiger Spieler würde nicht leichtfertig aus der eigenen Hälfte einen Lupfer schießen, würde nicht den Ball unberührt lassen, um das Risiko einzugehen, den Torwart zu umlaufen. Wer so etwas versucht, ist jemand, der sich nicht mit dem Mittelmaß zufriedengibt, jemand, der bereit ist, für jene eine Chance unter zehntausend, die alle verblüfft, ein Risiko einzugehen. Er scheiterte, der Ball ging vorbei, doch genau diese Bereitschaft, das Scheitern zu riskieren, machte ihn zu Pelé. Das Bild hat sich seine erfolgreichen Augenblicke gemerkt und ihn zum Gott erhoben; doch der wirkliche, aus Fleisch und Blut bestehende Pelé verbirgt sich gerade in diesen gescheiterten, verfehlten, aber ungeheuer mutigen Versuchen.

Diese beiden verfehlten Schüsse kommen der Wahrheit des Fußballs vielleicht näher als jenes von der ganzen Welt erinnerte Tor. Die Wahrheit des Fußballs ist von vornherein nicht Treffer um Treffer, sondern acht oder neun von zehn Versuchen gehen daneben, nur gelegentlich trifft einer. Das Bild schneidet gerne jenen einen Treffer heraus und vergrößert ihn zur Notwendigkeit; doch jene acht oder neun herausgeschnittenen Fehlschläge sind die wahre Grundfarbe dieses Sports. Das Bild hat all diesen Zufall geglättet und nur ein makellos siegreiches Brasilien übriggelassen, das aussieht, als hätte es den Sieg schon von Anfang an in der Tasche gehabt.

6. Der Ball von Carlos Alberto

Am vollständigsten im Bild versiegelt wurde Carlos Albertos Tor im Finale.

Es wird oft das beste Mannschaftstor der Geschichte genannt. Was den Ablauf betrifft, stimmen die meisten Rückblicke im Wesentlichen überein. Der Angriff begann in Brasiliens eigener Hälfte, Tostão war zunächst am Rückspiel und Verlagern des Balls beteiligt, Clodoaldo setzte sich in seiner eigenen Hälfte nacheinander gegen mehrere italienische Spieler durch, danach wurde der Ball zu Rivelino auf den linken Flügel gespielt, Jairzinho lenkte ihn wieder ins Zentrum, Pelé hielt ihn am Strafraumrand einen Moment und legte ihn seitlich nach rechts, Carlos Alberto kam mit hohem Tempo von rechts durchgestartet und vollendete den Ball mit einem wuchtigen Schuss im Tor. Eine Kette von Pässen vom eigenen Strafraum bis zum gegnerischen, zuletzt abgeschlossen mit einem alles niederwalzenden Fernschuss.

Dieses Tor bewegt gerade deshalb, weil es das Beste dieser Mannschaft in etwas mehr als zehn Sekunden verdichtete: jenes Vorrücken in Schichten aus der eigenen Hälfte, das Zusammenspiel vieler Spieler, jenes fließende Kombinationsspiel. Es war nicht der Solotanz eines einzelnen Genies, sondern das Zusammenspiel einer ganzen Mannschaft.

Genau das ist das Faszinierendste an diesem Brasilien. Es hatte mit Pelé ein Jahrhundertgenie, doch sein bestes Tor war keine Vorführung individuellen Heldentums, sondern wurde von mehreren der elf Spieler, von der eigenen Hälfte bis zum gegnerischen Tor, Glied um Glied ineinandergreifend hineingetragen. Es beweist, dass Fußball auf höchstem Niveau kein Solo eines Genies ist, sondern das Zusammenspiel einer Gruppe von Meistern. Der individuelle Geistesblitz kann sein größtes Leuchten erst dann entfalten, wenn er sich in den Fluss des Kollektivs einfügt.

Doch selbst bei diesem immer wieder gepriesenen Tor ist die Überlieferung nicht so sauber, wie es im Bild aussieht. Manche verzeichnen dieses Tor in der sechsundachtzigsten Minute, andere in der siebenundachtzigsten; wie viele brasilianische Spieler bei diesem Angriff den Ball in der Passfolge berührten, wird in manchen Rückblicken mit sieben, in anderen mit acht, in wieder anderen mit neun angegeben. Diese Abweichungen sind keine grundsätzlichen Streitfragen, sondern nur unterschiedliche Zeitnahme und statistische Maßstäbe. Doch gerade sie zeigen, dass selbst ein Augenblick, den das Bild als vollkommen festgehalten hat, sobald man genau nachprüft, darunter noch eine gewisse unklare Rauheit birgt. Das Bild gibt einem ein sauberes, klares Bild, doch der wirkliche Vorgang darunter weist immer ein paar mehr unklare Falten auf, als das Bild selbst zeigt.

Diese Unklarheit mindert die Brillanz jenes Tores nicht im Geringsten, doch sie erinnert die Menschen daran, dass jene messerscharfe Klarheit, die das Bild vorgibt, zu einem gewissen Grad falsch ist. Es hält einen Augenblick, der von vornherein mehrere unterschiedliche Versionen hatte, als scheinbar einziges, scheinbar präzises Bild fest. Wer das Bild sieht, glaubt, die ganze Wahrheit zu sehen, ohne zu wissen, dass selbst die Minute des Tores und die Zahl der Spieler, die den Ball berührten, noch immer strittig sind. Die Klarheit des Bildes ist eine zurechtgeschnittene Klarheit.

Und dieses Zurechtschneiden geht in der Legende jenes Tores noch weiter. Es schneidet nicht nur die Unklarheit über Minute und Spielerzahl weg, sondern schneidet auch das tägliche Training der ganzen Mannschaft hinter diesem Tor weg. In den überlieferten Bildern wirkt dieses Tor wie aus einem Guss geboren, als hätten ein paar Genies spontan zusammengespielt. Doch hinter dieser scheinbaren Natürlichkeit standen immer wieder einstudierte Laufwege, längst eingespieltes gegenseitiges Verständnis, die mühselige Arbeit einer Mannschaft an unzähligen ungesehenen Nachmittagen, um in jenem Augenblick ein solches Zusammenspiel zustande zu bringen. Das Bild liebt es nur, die Pracht des Ergebnisses festzuhalten, niemals die Mühsal und Plage des Prozesses.

Das ist auch der Grund, warum es eine bequeme Romantisierung ist, Brasilien 1970 als eine Mannschaft darzustellen, die sich allein auf Talent stützte und kein Training brauchte. Sie besaß gewiss ein alle überragendes Talent, doch ohne jenes immer wieder geschliffene System, ohne jene klare Arbeitsteilung und eingespielte Abstimmung hätte selbst das beste Talent sich nie zu einem so fließenden Ganzen zusammengefügt. Wirklich selten war nicht, dass sie Genies besaß, sondern dass sie eine Gruppe von Genies zu einer präzisen und zugleich prachtvollen Maschine organisierte. Doch das Bild filmt nur gern jene Pracht, nicht die Mühsal hinter jener Präzision; so wurde das Talent vergrößert, die mühsame Arbeit verborgen, und was den Nachgeborenen blieb, wurde zum Mythos genialer Spontaneität.

Hier verbirgt sich noch eine weitere Ebene. Brasilien 1970 wird in den überlieferten Bildern oft als eine Mannschaft dargestellt, die ganz auf Talent und Improvisation setzte, als seien jene prächtigen Kombinationen allesamt spontane Eingebungen der Spieler im Moment gewesen. Doch spätere Taktikhistoriker widersprechen dieser Darstellung größtenteils. Sie betonen stärker, dass dies in Wirklichkeit eine äußerst gründlich vorbereitete Mannschaft mit äußerst klarer Aufgabenteilung war. Carlos Albertos Tor, das wie fließende Improvisation wirkt, verbarg dahinter ein immer wieder eingeübtes Angriffsmuster. Was das Bild bewahrt hat, ist jene wie von selbst entstandene Schönheit, doch die mühsame Arbeit hinter dieser Schönheit hat es gleich mit verborgen.

7. Ein für immer eingezogener Pokal

Durch diesen dritten Titel vollbrachte Brasilien 1970 noch etwas, das keiner Mannschaft zuvor gelungen war.

Nach den damaligen Regeln durfte jene Mannschaft, die als Erste dreimal die Weltmeisterschaft gewann, den Jules-Rimet-Pokal für immer behalten. 1970 wurde Brasilien die erste dreimalige Titelträgerin und dadurch die Mannschaft, die diesen Pokal für immer in ihren Besitz brachte. Ein umlaufender Pokal, der eigentlich reihum von verschiedenen Nationen gestemmt werden sollte, blieb von da an für immer bei einem einzigen Land.

Das sieht wie ein rundum gelungener Abschluss aus. Eine Mannschaft erklimmt dreimal den Gipfel und macht sich jenen Pokal, der die höchste Ehre symbolisiert, vollständig zu eigen — die Geschichte scheint damit einen vollkommenen Schlusspunkt zu erhalten.

Dieser Drang, einer glanzvollen Epoche einen Schlusspunkt zu setzen und sie ein für alle Mal zu versiegeln, ist gut nachvollziehbar. Wer würde einer Mannschaft, die drei Titel in Folge gewinnt und den Gipfel erklimmt, nicht wünschen, dass ein solcher Ruhm einen dauerhaften, unerschütterlichen Ort finden könnte? Den Pokal für immer zu behalten, ist genau die konkrete Gestalt dieses Drangs — es ist, als wollte man sagen: Diese Sache ist bis zur Vollendung gebracht, von nun an steht das Urteil fest, ein weiterer Streit erübrigt sich.

Doch dieser Schlusspunkt hat in Wirklichkeit gar nichts wirklich beendet. Der Jules-Rimet-Pokal wurde eingezogen, doch die Weltmeisterschaft hörte nicht auf. Ein neuer Pokal wurde geschaffen, der die Nachfolge des alten antrat, und wurde weiterhin zwischen den Nationen umkämpft. Jenes Ende, das man durch dauerhaften Besitz festschreiben wollte, erzwang am Ende nur einen neuen Pokal, erzwang nur die nächste Runde des Kampfes. Der Versuch, etwas Fließendes ein für alle Mal festzulegen, hatte zur Folge, dass nicht das Fließen aufhörte, sondern ein neuer Kreislauf begann.

Das ist eigentlich das gemeinsame Schicksal jedes Bemühens, das nach Dauer und Endgültigkeit strebt. Der Sinn eines umlaufenden Pokals liegt von vornherein gerade im Umlaufen, darin, dass er von einer Mannschaft nach der anderen gestemmt und wieder weitergegeben wird. Sobald er dauerhaft bei einer einzigen Mannschaft bleibt, ist er nicht mehr jener Pokal, der den Kreislauf trägt. Also muss ein neuer geschaffen werden, damit dieser Kreislauf weitergeht. Der Versuch, den Kreislauf zu beenden, gab dem Kreislauf am Ende nur einen neuen Träger — der Kreislauf selbst hat keinen Augenblick angehalten.

Und das spätere Schicksal jenes für immer eingezogenen goldenen Pokals wirkt eher wie eine vielsagende Fußnote zu all dem. Sobald ein Pokal, der die höchste Ehre trägt, endgültig zum Privateigentum einer bestimmten Mannschaft, eines bestimmten Landes wird, verwandelt er sich von einem fließenden Symbol in ein handfestes Vermögensstück. Und ein Vermögensstück lässt sich schätzen, wird begehrt, kann gestohlen werden. Je fester Ehre zu etwas Besitzbarem erstarrt, desto unausweichlicher zieht sie sich all die Schwierigkeiten eines Gegenstandes zu. Das folgt eigentlich demselben Weg wie der Fußball selbst in eben diesem Jahr, als er begann, als verkäufliches Bild behandelt und in Rechteverträge verpackt zu werden — jenes Ding, das am wenigsten zu einem Vermögensstück werden sollte, verwandelt sich Schritt für Schritt genau in ein solches.

Dieser Wandel ist der am tiefsten vergrabene Handlungsstrang dieser Weltmeisterschaft, unter all den prächtigen Bildern und den höchsten Titeln. Am Anfang war Fußball ein Spiel, bei dem eine Gruppe von Menschen auf einem Feld allein um einen reinen Sieg oder eine reine Niederlage lief. Doch 1970 begann er, eine zweite Identität zu erhalten: etwas, das übertragen, verkauft, dauerhaft in Besitz genommen werden konnte. Jene in den goldenen Pokal eingeschlossene Ehre, jenes in Farbbilder verpackte Spiel — beides sind Anzeichen dieser neuen Identität. Das Reinste verwandelte sich gerade in das Wertvollste, und die Spannung zwischen diesen beiden würde sich in den kommenden Jahren immer weiter verschärfen.

Und jener für immer eingezogene Pokal wurde später ebenfalls zu einer vielsagenden Fußnote. Ein goldener Pokal, der als höchste Ehre behandelt und von einem Land feierlich verwahrt wird, hat einen Wert, der eigentlich so schwer wiegen sollte — doch letztlich ist er auch nur ein Gegenstand, der eingezogen, aufbewahrt und sogar begehrt werden kann. Sobald Ehre zu einem Pokal erstarrt, der jemandem gehören kann, nimmt sie auch etwas von der Natur eines Vermögensstücks an. Und das ist, mit dem, dass Fußball in eben diesem Jahr begann, in Farbbilder verpackt und als Recht verkauft zu werden, eigentlich nur zwei Seiten derselben Sache. Das Reinste verwandelt sich Stück für Stück in etwas, das besessen und gehandelt werden kann.

8. Schluss

Fassen wir dies alles zusammen.

1970 gewann Brasilien zum dritten Mal die Weltmeisterschaft und hinterließ eine Mannschaft, die von der Nachwelt als die schönste anerkannt wird. Doch die eigentliche Wende dieses Turniers verbirgt sich in jenem farbigen Bildschirm, der über Satellit rund um die Welt verbreitet wurde. Von diesem Jahr an besaß Fußball eine zweite Existenz: neben jenem einmal gespielten und dann verschwundenen, zufälligen Spiel gab es nun zusätzlich ein Bild, das sich endlos wiederholen ließ, sich über die ganze Welt verbreitete und immer wieder gepriesen wurde.

Diese zweite Existenz ist ein Geschenk und zugleich ein schwieriges Problem. Ein Geschenk ist sie, weil sie jene flüchtige Schönheit bewahrt hat und auch Nachgeborene sie noch erleben können. Ein Problem ist sie, weil sie allzu leicht mit dem Spiel selbst verwechselt wird. Je öfter die Menschen jenes Bild immer wieder ansehen, desto leichter vergessen sie, dass das Bild nicht die Wahrheit ist, dass das Bewahrte nicht das Ganze ist, und dass das gepriesene Schönste keine messbare, endgültig entschiedene Tatsache ist.

Und unter dieser Bildebene, unter dieser Krone des Schönsten, unter diesem immer größer werdenden Geschäft, stehen lebendige Menschen, die danebengreifen und altern können. Pelé hatte einen verfehlten Lupfer, einen genialen Einfall, bei dem er den Torwart umlief und dennoch vorbeischoss; jeder Einzelne in jener zur Ewigkeit gekrönten Mannschaft wird schließlich altern, in den Hintergrund treten und von neuen Idolen abgelöst werden. Das Bild hat sie zu unsterblichen Abbildern erstarren lassen, doch außerhalb des Abbilds sind sie, wie alle Menschen, Sterbliche, die im Zufall um ihr Leben spielen und mit der Zeit verwelken. Was die Kamera versiegelt hat, ist ihr glänzendster Augenblick; und außerhalb dieses Augenblicks wird ihr langes, wirkliches, aus Fleisch und Blut bestehendes Leben von eben diesem glänzenden Bild am leichtesten verdeckt.

1970 hinterließ der Nachwelt also weit mehr als nur eine zur Schönsten gekrönte Mannschaft. Es hinterließ jenen Ausgangspunkt, an dem Fußball begann, eine zweite Existenz zu besitzen: ein gewaltiges Spiegelbild des Fußballs, gemeinsam errichtet aus Farbbildern, weltweiter Übertragung und kommerziellen Verwertungsrechten. Von da an war ein großer Teil dessen, was die Menschen liebten, priesen, worüber sie stritten, was sie kauften und verkauften, nicht mehr jenes einmal gespielte und dann verschwundene Spiel, sondern sein niemals verschwindender Schatten.

Und um zu sehen, wie Fußball wirklich ist, muss man sich immer wieder daran erinnern, dass hinter jenem niemals verschwindenden Schatten stets ein wirkliches Spiel steht, das sich nur ein einziges Mal ereignet hat und nie wiederkehren kann. Der Schatten lässt sich immer wieder ansehen, einordnen, kaufen und verkaufen, doch jenes wirkliche Spiel war vorbei, sobald es zu Ende gespielt war; niemand kann es zurückholen, und erst recht kann ihm niemand ein für alle Mal ein endgültiges Höchstes zusprechen.

Dieses Bild hat drei Dinge getan. Es hat jenes großartige Brasilien zu einem ewigen Denkmal erstarren lassen und zur Schönsten der Geschichte gekrönt. Es hat die unzähligen Zufälle jenes Monats — Pelés zwei verfehlte Geistesblitze, jenes von Höhenlage und Hitze immer wieder gequälte Spielfeld — allesamt geglättet und nur ein Brasilien übriggelassen, das aussieht, als sei ihm der Sieg von vornherein bestimmt gewesen. Und es hat jenes ursprünglich einmalige, reine Ding in einen Gegenstand verwandelt, der übertragen, aufbewahrt und verkauft werden kann.

Doch dieses ins Bild versiegelte Schönste ist letztlich nicht das Spiel selbst. Das Schönste lässt sich nicht messen; das für immer Erste, das es verspricht, ist ein Streit, der sich nicht entscheiden lässt, nur vorübergehend von einer schönen Formulierung zugedeckt. Jene Zufälle lassen sich nicht glätten — selbst der größte Spieler hat Schüsse, die danebengehen, Augenblicke, in denen er versagt. Und jene Reinheit, die in den goldenen Pokal eingeschlossen, in das Bild verpackt wurde, ist deshalb keineswegs von irgendjemandem wirklich in Besitz genommen worden: Die Weltmeisterschaft wird weiterhin gespielt, um den neuen Pokal wird weiterhin gekämpft, und die nächste Mannschaft, die man die schönste nennen wird, reift bereits irgendwo heran.

Das Bild verleiht dem Fußball einen Anschein nahezu ewiger Dauer, doch der Fußball selbst war nie ewig. Er ist einmalig, zufällig, kann versagen, wird immer wieder von neuen Geschichten überdeckt. Der Augenblick, in dem die Kamera ihn festhält und der Superlativ ihn versiegelt, sieht wie ein Endpunkt aus, ist es in Wirklichkeit aber nie. Das wirkliche Spiel war vorbei, sobald es zu Ende gespielt war, und jenes endgültige Schönste im hinterlassenen Bild ist nur eine weitere, sich nicht schließende Frage, die man als geschlossene Antwort ausgegeben hat.

Die nächste schönste Mannschaft wird noch erscheinen, um den nächsten Pokal wird noch gekämpft werden, und niemand kann die zwei Worte das Schönste je für immer an eine bestimmte Mannschaft nageln. Das Bild wird immer wieder eine bestimmte Mannschaft zu einer unübertreffbaren Ewigkeit erheben; und der wirkliche Fußball wird immer wieder mit der nächsten Mannschaft, dem nächsten atemberaubenden Augenblick, jene sogenannte Ewigkeit sanft umstoßen. Der Titel ist tot, der Fußball ist lebendig. Ein festgenageltes Höchstes versiegelt einen bereits vergangenen Glanz; der lebendige Fußball dagegen bereitet immerzu den nächsten, noch unbenannten Glanz vor. Der Kreislauf ist nicht stehengeblieben, er dreht sich noch immer weiter.