Wembley
Der Ausgang lässt sich entscheiden, die Wahrheit nicht
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England)
1. Das Ursprungsland gewinnt endlich
1966 gewann England die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Es ist bis heute der einzige Titel des Landes.
Diese Tatsache hat ein besonderes Gewicht. Der Fußball als Sportart wurde von den Engländern mit Regeln versehen und in alle Welt getragen. Doch dieses Ursprungsland hielt sich der Weltmeisterschaft gegenüber sehr lange auf Distanz. Bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 nahm England nicht einmal teil – es stellte sich über diesen jungen Wettbewerb. Erst Jahrzehnte später gewann das Land, das den Ball in die ganze Welt getragen hatte, endlich vor der eigenen Haustür jene Trophäe, die es einst mit Geringschätzung gestraft hatte.
Dieser Kontrast sticht ins Auge. Die Regeln eines Sports wurden von diesem Land festgelegt; die Urform des modernen Fußballs wuchs in den Fabriken und Schulen dieses Landes heran. Doch genau dieses Land, das den Ball in die ganze Welt getragen hatte, nahm bei der Geburt der Weltmeisterschaft eine Haltung des Sich-Heraushaltens ein und meinte, ein von anderen organisierter Wettbewerb sei seines Ranges nicht würdig. Es betrachtete sich als Elternteil des Fußballs, nicht als Teilnehmer auf dem Platz. Bis es sich schließlich herabließ, ernsthaft um diese Trophäe zu kämpfen, sollten noch etliche Jahrzehnte vergehen.
Man sollte 1966 daher weniger so lesen, dass der Fußball zu seiner vorbestimmten Heimat zurückkehrte, sondern eher so, dass dieses einst so hochmütige Ursprungsland sich endlich herabließ, wie alle anderen auf einem vom Zufall regierten Feld um Sieg und Niederlage zu kämpfen – und dieses eine Mal eben gewann. Sein Sieg war um kein Haar verdienter oder vorherbestimmter als der jedes anderen. Es hat lediglich, vor der eigenen Haustür, dank all der Vorteile des Heimvorteils sowie jenes Balles, über den man bis heute nicht Klarheit gewonnen hat, die Trophäe behalten.
Dies anzuerkennen mindert die Realität von Englands Titel keineswegs. Es hat tatsächlich gewonnen, die Spieler haben sich tatsächlich aufgeopfert, und jene Mannschaft ohne Flügelstürmer hatte tatsächlich ihre Vorzüge. Was zurückzuweisen ist, ist einzig jene Version, die diesen Sieg zu einer schicksalhaften Rückkehr des Fußballs an seinen Ursprungsort verklärt. Ein Sieg ist ein Sieg – er stammt aus jenen neunzig Minuten plus dem, was in den dreißig Minuten der Verlängerung tatsächlich geschah, einschließlich jenes Balles, über den niemand Klarheit hat. Er braucht keinen Schimmer der Vorbestimmung, um sich selbst zu vergolden.
Später verbreitete sich ein Satz weithin: der Fußball kommt nach Hause. Gemeint ist, dass der Fußball einmal die Runde gemacht hat und schließlich an seinen Geburtsort zurückgekehrt ist. Zur Klarheit muss gesagt werden: Dieser Satz gehört nicht dem Jahr 1966. Er stammt aus jenem Lied, das 1996 zur Europameisterschaft geschrieben wurde, und wurde erst in jenem Sommer, in dem England wieder ein großes Turnier ausrichtete, wirklich gesungen. Das Gefühl, England, den Ursprung des Fußballs und den Titelgewinn von 1966 miteinander zu verknüpfen, gab es zwar schon früher; doch die genaue Formulierung vom Fußball, der nach Hause kommt, stammt aus dem Jahr 1996, nicht aus dem Jahr 1966.
Diese beiden Jahreszahlen auseinanderzuhalten ist keine Haarspalterei. Dass eine für den Wettbewerb von 1996 geschriebene Losung beiläufig dem Jahr 1966 aufgesetzt wurde, diese Verwechslung zeigt gerade, wie stark der Drang ist, den Titelgewinn des Ursprungslandes als eine vollkommene Rückkehr an den rechten Ort zu erzählen. Die Menschen wollten diesem Ereignis so sehr eine schöne Formel geben, dass sogar eine um dreißig Jahre verspätete Liedzeile nachträglich zum Ausdruck des damaligen Gefühls erklärt wurde.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn in dem Satz vom Fußball, der nach Hause kommt, steckt eine Bedeutung, die sich sehr geschmeidig anhört, aber einer genaueren Prüfung nicht standhält: als müsse der Fußball notwendig zu seinem Ursprungsort zurückkehren, als sei Englands Titelgewinn vor der eigenen Haustür eine schicksalhaft vorbestimmte Rückkehr an den rechten Platz. Doch so glatt läuft die Sache nicht. Dass das Ursprungsland im eigenen Land den Titel gewann, ist keine schicksalhafte Vollendung, sondern nur ein Sieg, der sich zugetragen hat. Und ob dieser Sieg sauber errungen wurde, ist seit jenem Tag zu einem bis heute ungeklärten Fall geworden.
2. Der Ball von Wembley
Der ungeklärte Fall ereignete sich im Finale.
30. Juli 1966, Wembley. England gegen Westdeutschland, nach der regulären Spielzeit 2:2, es wurde in die Verlängerung gezwungen. Der Westdeutsche Haller hatte in der zwölften Minute zuerst getroffen, Hurst glich in der achtzehnten Minute aus, Peters brachte England in der achtundsiebzigsten Minute in Führung, doch der Westdeutsche Weber glich in der neunzigsten Minute aus.
Es war ein Finale des ständigen Hin und Her. England ging zweimal in Führung, Westdeutschland glich zweimal aus, und besonders Webers Tor in der neunzigsten Minute entriss den Engländern, fast im allerletzten Moment vor dem Schlusspfiff, den Titel, der ihnen schon so gut wie sicher gewesen war. Nach der regulären Spielzeit stand es 2:2, und alle Spannung wurde in jene zusätzlichen dreißig Minuten hineingetrieben. Das gesamte Wembley-Stadion, mehr als neunzigtausend Zuschauer, hatte die Nerven bis zum Äußersten gespannt.
Der eigentliche Streit entstand in der Verlängerung. In der hundertersten Minute drehte sich Hurst im Strafraum und schoss; der Ball traf die Unterkante der Querlatte, schlug hart auf den Boden nahe der Torlinie und sprang wieder heraus. Ob der Ball die Torlinie tatsächlich vollständig überquert hatte, war sich der Schweizer Schiedsrichter Dienst selbst nicht sicher. Er lief zu dem Linienrichter an jenem Ende, Bachramow, um ihn zu fragen. Dieser Linienrichter war Sowjetbürger, stammte aus Aserbaidschan und war nicht ethnischer Russe, wurde aber in England noch lange danach schlicht der russische Linienrichter genannt. Dienst sagte später, es sei Bachramows Miene gewesen, die ihm gesagt habe, dies sei ein Tor.
Also wurde das Tor gegeben. England führte mit 3:2, und Hurst erzielte in der hundertzwanzigsten Minute ein weiteres Tor, wodurch der Endstand bei 4:2 feststand. Eine Mannschaft sicherte sich den Titel einer Weltmeisterschaft mithilfe eines Tores, das nicht einmal der Schiedsrichter selbst klar erkennen konnte und das anhand der Miene eines Linienrichters entschieden werden musste.
Von der Position, an der Schiedsrichter Dienst stand, konnte er gar nicht klar erkennen, ob der Ball die Linie überquert hatte oder nicht – das gab er selbst zu. Also übertrug er diese Beurteilung dem Linienrichter an jenem Ende. Doch auch der Linienrichter stand nicht besonders nah dran; was er lieferte, war weniger ein wirklich klar gesehenes Urteil als eine augenblickliche Reaktion. Zwei Männer, durch eine gewisse Entfernung getrennt, entschieden mit einer Geste, einer Miene, innerhalb weniger Sekunden, wem der Titel einer Weltmeisterschaft zufiel. Das Gewicht der ganzen Sache stand in schneidendem Gegensatz zur Dürftigkeit dessen, worauf sie sich stützte.
Und genau dieser Gegensatz ist der Normalzustand des Fußballs, nur ist er sonst nicht so augenfällig. In einem Spiel werden unzählige Augenblicke vom Schiedsrichter blitzschnell entschieden: Abseits oder nicht, Handspiel oder nicht, Linie überquert oder nicht. Meistens sind diese Entscheidungen für das große Ganze unerheblich; ist eine falsch, dann ist sie eben falsch, niemand geht dem weiter nach. Doch fällt so etwas in das Finale einer Weltmeisterschaft, auf jenes Tor, das über den Titel entscheidet, wird jene sonst übersehene Zerbrechlichkeit ins Unermessliche vergrößert. Die Spitze der gesamten Pyramide ruht dann auf einem wenige Sekunden dauernden, nicht klar erkannten Urteil.
Vielleicht ist es gerade diese Zerbrechlichkeit, weshalb die Menschen dieses Tor bis heute nicht loslassen können. Es zerstach eine Illusion, an die man gern glaubt: dass auf höchster Ebene die Zugehörigkeit des Titels stets aufgrund unbestreitbarer Stärke klar und eindeutig entschieden werde. Doch die Wirklichkeit sagt den Menschen, dass selbst der Titel einer Weltmeisterschaft an einem Augenblick hängen kann, den nicht einmal der Schiedsrichter klar erkennen konnte. Diese Wahrheit ist höchst unbehaglich, und so streiten die Menschen lieber immer wieder aufs Neue über dieses Tor, als leichthin zu akzeptieren, dass der Gipfel des Ruhmes auf einem derart unsicheren Fundament steht.
Diese Unsicherheit ist eigentlich das wahre Wesen des Fußballs, nur wird sie meistens verdeckt. Hinter jeder golden glänzenden Meistertrophäe stehen unzählige solcher Augenblicke: ein Schuss, der am Pfosten hinaus- statt hineinsprang, ein Abseits, das gepfiffen oder nicht gepfiffen wurde, eine Entscheidung, die der Schiedsrichter in einem Augenblick der Eingebung fällte. Zöge man diese zufälligen Augenblicke ab, sähe die Geschichte vielleicht ganz anders aus. Doch beim Rückblick starren die Menschen gewohnheitsmäßig nur auf das Ergebnis und übersehen völlig die dicht gedrängten Zufälle auf dem Weg dorthin.
3. Über die Linie oder nicht
Hat der Ball die Linie nun überquert oder nicht?
Bis heute gibt es auf diese Frage keine Antwort. Der Zweifel kam nicht erst später auf. Ein damaliges amerikanisches Magazin berichtete, dass, nachdem man sich die Wiederholung im Fernsehen noch einmal angesehen hatte, unter den anwesenden Beobachtern nur wenige bereit waren zu schwören, dass es sich tatsächlich um ein Tor gehandelt habe. Mit anderen Worten: Der Zweifel bestand bereits in dem Moment, in dem der Ball im Netz landete – er war nicht erst nachträglich aus deutschem Groll entstanden.
Das ist wichtig. Wäre der Zweifel erst nach dem Spiel aufgetaucht und nur von der verlierenden Seite gekommen, hätte man ihn noch als sauren Trauben abtun können. Doch tatsächlich wagten in dem Moment, als der Ball im Netz landete, nicht einmal neutrale Beobachter, sich festzulegen. Das zeigt, dass die Fragwürdigkeit dieses Tores keine durch Parteinahme bedingte Voreingenommenheit war, sondern dass jener Augenblick selbst hinreichend unklar war – so unklar, dass gleich wer hinsah, keine hundertprozentig sichere Antwort geben konnte.
Interessant ist, dass die verschiedenen Erzählungen, die um dieses Tor herum entstanden sind, es selbst immer weiter dramatisierten. Jener Linienrichter, obwohl eindeutig Aserbaidschaner, wurde von den Engländern über lange Zeit als russischer Linienrichter erinnert – als erschiene die Entscheidung erst dann bedeutungsvoller, wenn man sie in einen größeren Rahmen der Konfrontation zwischen Ost und West einbettete. Die Menschen können nicht akzeptieren, dass eine Entscheidung nur das gewöhnliche Urteil eines gewöhnlichen Menschen in einem einzigen Augenblick war; sie müssen ihr stets eine schwerere Bedeutung anheften, selbst wenn diese Bedeutung frei erfunden ist.
Später gab es tatsächlich Versuche, die Sache mit technischen Mitteln zu klären. Forscher aus Oxford rekonstruierten den Vorgang anhand von zwei alten Filmaufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und kamen zu dem Schluss, der Ball sei auf die Linie geprallt, wobei er selbst im ungünstigsten Fehlerfall die Linie um mindestens drei Zoll verfehlt habe, sie also nicht vollständig überquert habe. Doch im Jahr 2016 kam eine weitere, moderne Rekonstruktion zum gegenteiligen Schluss: Das Tor sei korrekt gegeben worden. Beide Rekonstruktionen wurden rückwirkend aus altem Filmmaterial abgeleitet, keine beruhte auf einer damals existierenden Torlinientechnik, keine auf einer erneuten Entscheidung einer autoritativen Instanz. So konnte niemand diesen ungelösten Fall wirklich zu einem Abschluss bringen.
Dass die beiden Rekonstruktionen zu gegensätzlichen Schlüssen kamen, spricht für sich. Sie nutzten dasselbe alte Filmmaterial, sie folgten derselben aufrichtigen Absicht, die Wahrheit zu klären, doch je gründlicher sie rechneten, desto mehr widersprachen sich ihre Ergebnisse. Das liegt nicht daran, dass eine Seite nicht sorgfältig genug gerechnet hätte, sondern daran, dass die Informationen in jenem Filmmaterial schlicht nicht ausreichten, um eine einzige, unanfechtbare Schlussfolgerung zu stützen. Selbst mit dem präzisesten Lineal lässt sich an einem von Grund auf unklaren Gegenstand nur Unklarheit messen.
Genau das macht diesen ungeklärten Fall zugleich am unbefriedigendsten und am hoffnungslosesten. Er gleicht nicht jenen Rätseln, für die man bloß vorübergehend keine Antwort gefunden hat und die eines Tages, wenn die Technik fortgeschritten und das Material vollständig ist, doch noch ans Licht kommen. Er gehört zu jener Art von Frage, die von ihrem Ursprung her gar keine eindeutige Antwort haben kann, weil jener alles entscheidende Augenblick bereits verschwommen war, als er festgehalten wurde. Was die Nachwelt immer wieder betrachten kann, ist nur diese Verschwommenheit selbst, und aus Verschwommenheit lässt sich keine Gewissheit erzwingen.
Also ist dieser Streit dazu bestimmt, ewig weiterzugehen. Generation um Generation von Fans, deutsche wie englische, werden jene alten Aufnahmen immer wieder hervorholen, jeder auf seiner Position beharrend, ohne dass einer den anderen überzeugen könnte. Das liegt nicht daran, dass es ihnen an Vernunft fehlte, sondern daran, dass der Gegenstand ihres Streits von vornherein keine Antwort besitzt, die alle überzeugen könnte. Mancher Streit legt sich, sobald Beweise auftauchen; dieser aber wird ewig in der Schwebe bleiben, weil der Beweis, der ihn beilegen könnte, von Anfang an nicht existiert. Er ist zu einem ungeklärten Fall ohne Tag des Abschlusses geworden.
Und dieser ungeklärte Fall konnte sich gerade deshalb so lange halten, weil er unlösbar ist. Ein Streit, der zu einem endgültigen Schluss gekommen ist, verliert mit der Zeit an Hitze; ein Streit hingegen, der sich nie festlegen lässt, kann sich von Generation zu Generation weitertragen, weil jede Generation glaubt, sie könnte vielleicht einen neuen Ansatz erkennen, und es nicht lassen kann, noch einmal nach jener unerreichbaren Antwort zu greifen. Seine Lebenskraft speist sich gerade aus seiner Unabschließbarkeit. Eine Frage, die sich nie schließen lässt, lebt länger als eine Antwort, die zu früh geschlossen wurde.
Was jenen Linienrichter betrifft, so entstand um ihn eine weitverbreitete Legende: Als er im Alter seine damalige Entscheidung erklären sollte, habe er nur ein Wort gesagt, Stalingrad – gemeint war, die Deutschen hätten damals in jener Stadt eine Schuld hinterlassen, die nun beglichen werden müsse. Diese Geschichte klingt sehr dramatisch, hält aber einer Überprüfung nicht stand. Historiker weisen darauf hin, dass es keinerlei Beleg dafür gibt, dass Bachramow diesen Satz je gesagt hat, und er selbst hat es bestritten. Dieses Stalingrad kann also nur als eine später hinzugedichtete Legende gelten, nicht als verbürgte Tatsache.
4. Die Aufzeichnung lässt sich schließen, die Wahrheit nicht
Die offizielle Aufzeichnung jenes Tores ist geschlossen. Das Ergebnis lautet 4:2, Hurst erzielte einen Hattrick, England ist Weltmeister. Von jenem Tag bis heute hat kein Fußballverband dieses Resultat nachträglich verändert. Auf der Ebene der Aufzeichnung ist die Sache endgültig entschieden, ohne jeden Widerspruch.
Doch unter dieser sauberen, klaren Aufzeichnung lastet eine Frage, die sich nie schließen lässt: ob der Ball die Linie nun überquert hat oder nicht. Diese Frage kann die Aufzeichnung nicht lösen. Eine Aufzeichnung kann sagen, wie das Ergebnis lautet, aber nicht, ob dieses Ergebnis richtig ist.
Diese beiden Dinge fallen normalerweise so oft zusammen, dass man leicht dazu neigt, sie für ein und dasselbe zu halten. Meistens ist ein Tor eindeutig ein Tor, und das aufgezeichnete Ergebnis deckt sich lückenlos mit dem, was wirklich geschehen ist. In solchen Fällen ist Aufzeichnung gleich Wahrheit, und man muss beides nicht unterscheiden. Doch sobald man auf einen Ball stößt, der auf der Linie hängt, brechen diese beiden Dinge auseinander. Die Aufzeichnung bleibt bestehen und muss einen klaren Schluss liefern; die Wahrheit hingegen zieht sich an einen Ort zurück, den niemand mehr erreichen kann.
Ein Spiel muss ein Ergebnis hervorbringen. Jener Ball musste entweder zählen oder nicht zählen, eine dritte Möglichkeit gab es nicht, und die Entscheidung musste auf der Stelle, innerhalb weniger Sekunden, vom Schiedsrichter getroffen werden. Das Spiel kann nicht einfach anhalten und auf eine sichere Antwort warten, die nie kommen wird. Es muss weitergehen, es muss einen Spielstand geben, es muss eine Entscheidung über Sieg und Niederlage fallen. Dieser unbedingt notwendige Abschluss ist selbst bereits ein Konstrukt, ein der Wirklichkeit von außen aufgezwungenes Urteil.
Jedes Ergebnis im Fußball ist letztlich ein solches aufgezwungenes Konstrukt. Ein Spiel dauert neunzig Minuten und muss am Ende einen Spielstand haben; ein Schuss zählt entweder als Tor oder nicht, dazwischen gibt es keinen Raum für Zweideutigkeit. Dieses Regelwerk zwingt die chaotische, kontinuierliche, von Zufall durchdrungene Wirklichkeit dazu, an jedem einzelnen Punkt zu einem Entweder-oder-Urteil zusammenzustürzen. Meistens ist dieses Zusammenstürzen unproblematisch, weil die Wirklichkeit selbst klar genug ist. Doch im Kern bleibt es stets eine Operation, die Ungewissheit gewaltsam in Gewissheit verwandelt.
Diesem gewaltsamen Verdrehen kann sich der Fußball nicht entziehen. Er kann nicht, wie manche andere Dinge, ein Ausstehen, ein Offenlassen, ein Später-Klären zulassen. Ertönt der Pfiff, muss das Spiel weitergehen; erreicht der Ball die Torlinie, muss auf der Stelle entschieden werden, ob er zählt oder nicht. Er hat nicht den Luxus, innehalten und auf eine vollkommene Antwort warten zu können. Genau deshalb muss er hinnehmen, dass manche seiner Urteile zwangsläufig nur Notlösungen sind, Entscheidungen, die man treffen musste, ohne die Wahrheit klären zu können, allein damit das Spiel weitergehen kann.
Dieses Müssen trennt den Fußball von manch anderem, gelasseneren Bereich. Ein historischer Streitfall kann ungeklärt bleiben und der Nachwelt überlassen werden; eine wissenschaftliche Frage kann vorübergehend offenbleiben, bis bessere Experimente vorliegen. Beide haben den Spielraum zu warten. Der Fußball hat ihn nicht. Jedes seiner Spiele muss innerhalb von neunzig Minuten ein Ergebnis liefern, jede seiner strittigen Entscheidungen muss auf der Stelle abgeschlossen werden. Diese vom Zeitdruck erzwungene Lage, ein Urteil fällen zu müssen, legt besonders deutlich etwas offen: dass ein Mensch manchmal nicht deshalb urteilt, weil er klar gesehen hat, sondern weil er, da ein Urteil unumgänglich ist, sich gezwungenermaßen eines abringt.
Dies zu erkennen bedeutet nicht, den Schiedsrichter zu verwerfen oder die Regeln des Fußballs umzustürzen. Ganz im Gegenteil: Gerade weil die Wirklichkeit oft unklar ist, braucht es umso mehr jemanden, der zu dem Zeitpunkt, an dem ein Ergebnis fällig ist, die Last des Urteilens auf sich nimmt. Ein Schiedsrichter, der sich nicht festlegen will und alles in der Schwebe lässt, würde das Spiel vollständig lähmen. Die Frage ist nicht, ob geurteilt werden soll, sondern ob die Menschen bereit sind anzuerkennen, dass diese notgedrungenen Urteile von vornherein die Möglichkeit des Irrtums in sich tragen und nie als absolute Wahrheit verehrt werden sollten. Die Begrenztheit eines Urteils anzuerkennen und seine Autorität zu respektieren, das eine widerspricht dem anderen nicht.
Doch die Wirklichkeit spielt nicht immer mit. Manchmal überquert der Ball die Linie klar und eindeutig, und Urteil und Wahrheit decken sich lückenlos; manchmal aber hängt der Ball genau auf der Linie, niemand kann es sicher sagen, und dennoch muss das Urteil gefällt werden. In solchen Fällen ist das gefällte Urteil keine getreue Aufzeichnung der Wahrheit mehr, sondern nur eine erzwungene Antwort auf eine Frage, die unbedingt eine Antwort haben musste. Es schließt die Aufzeichnung, doch es schließt die Wahrheit weder mit, noch könnte es das.
So entstand ein Fall wie jener Ball von Wembley. Das Urteil musste gefällt werden, weil ein Spiel nicht ohne Ergebnis bleiben kann; doch die Wahrheit, der dieses Urteil entsprechen sollte, konnte niemand mit Sicherheit sagen. Das in diesem Moment gefällte Urteil zeichnete nicht mehr eine Tatsache auf, sondern schrieb gewaltsam eine Antwort auf eine unlösbare Frage. Sobald diese Antwort niedergeschrieben war, wurde sie zu einer unabänderlichen Aufzeichnung, während die Wahrheit, der sie eigentlich hätte entsprechen sollen, für immer vor der Tür zurückblieb.
Und sobald diese Antwort in die Aufzeichnung eingegangen ist, gewinnt sie eine Autorität, die das Falsche als echt erscheinen lässt. Wer später jene Seite aufschlägt, sieht England mit 4:2, klar und eindeutig, als hätte jenes Tor immer schon gezählt. Die Aufzeichnung wird neben diesem Spielstand keine Fußnote anbringen, die besagt, dass eigentlich niemand es klar gesehen hat. Sie verbirgt die damalige Unschlüssigkeit, den Streit, jene Unklarheit, restlos und lässt nur ein unumstößliches Ergebnis zurück. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto selbstverständlicher erscheint jenes Tor also, während seine ursprüngliche Fragwürdigkeit gerade durch jene von ihm selbst geschaffene, saubere Aufzeichnung Stück für Stück zugedeckt wird.
Jene Aufzeichnung wurde also erzwungenermaßen geschlossen, nicht durch Beweis herbeigeführt. Sie schloss sich, weil die Regeln des Spiels es verlangten, nicht weil jemand tatsächlich klar gesehen hätte, ob der Ball die Linie überquert hatte. Ein Urteil kann unumstößlich sein, während die Wahrheit ungeklärt bleibt. Diese beiden Dinge trennten sich von jenem Augenblick an und konnten nie wieder zusammengeführt werden. Alle späteren Versuche, auch die Wahrheit endgültig festzunageln, ob durch technische Rekonstruktion oder durch immer neue Debatten, sind gescheitert. Denn jener Augenblick war bereits vergangen, und die Beweise, die er hinterließ, waren von Anfang an unklar.
5. Nicht nur jener Ball blieb ungeklärt
Doch bei jenem Turnier blieb bei England nicht nur jener eine Ball ungeklärt.
Ob der Titelgewinn des Ursprungslandes im eigenen Land sauber errungen wurde, zog von Anfang an Zweifel auf sich, besonders in Südamerika. In den britischen diplomatischen Archiven sind zahlreiche Aufzeichnungen aus jener Zeit erhalten. Südamerikanische Protestierende behaupteten, England habe sich mit Westdeutschland abgesprochen und das gesamte Turnier manipuliert; man beklagte sich über die Schiedsrichter; eine britische Botschaft hielt sogar fest, dass Hunderte beleidigende Anrufe eingegangen seien, in denen behauptet wurde, die Sache habe die Beziehungen zwischen den beiden Ländern ungerechtfertigt beschädigt. Diese Archive belegen tatsächlich eine Sache, nämlich wie laut diese Vorwürfe waren. Doch sie belegen nur das Ausmaß der Vorwürfe, nicht deren Wahrheitsgehalt. Mit anderen Worten: Die Archive können zeigen, dass viele Menschen glaubten, England habe betrogen, aber sie können nicht sagen, ob England tatsächlich betrogen hat. Auch das ist eine Frage, die sich nicht entscheiden lässt.
Hier muss man besonders sorgfältig zwei Dinge auseinanderhalten. Was die Archive belegen, ist, dass eine große Zahl von Menschen einst fest daran glaubte, England habe betrogen – das ist eine Tatsache darüber, was Menschen glaubten, und sie ist gesichert. Sie beweist aber nicht im Geringsten, dass England sich tatsächlich mit Westdeutschland abgesprochen und das Turnier manipuliert hat. Je mehr Menschen etwas glauben und je lauter ihre Stimme, desto weniger macht das die Sache wahr. Vermengt man diese beiden Dinge, tut man entweder England unrecht oder entschuldigt eine tatsächlich begangene Ungerechtigkeit; die wahre Lage ist, dass gesichert nur die Lautstärke des Vorwurfs ist, und alles, was darüber hinausgeht, liegt in unentscheidbarem Nebel.
Auch der Heimvorteil ist ein Knäuel in diesem Nebel. Eine Mannschaft im eigenen Stadion hat vertrauten Rasen, tosende Unterstützung von den Rängen, und manchmal auch jene winzige unbewusste Neigung des Schiedsrichters, bei einer unklaren Entscheidung die Heimmannschaft zu bevorzugen. Diese Dinge existieren tatsächlich, doch inwieweit sie jene Entscheidung am Tor oder den Verlauf des ganzen Turniers beeinflusst haben, lässt sich weder quantifizieren noch beweisen. Man kann darin weder die vollständige Erklärung für Englands Titelgewinn sehen, noch kann man rundheraus behaupten, es habe überhaupt keine Wirkung gehabt. Es bleibt einfach so, unklar, in der Schwebe.
Für jene südamerikanischen Mannschaften und Fans, die sich benachteiligt fühlten, ist diese Unklarheit selbst schon eine Qual. Sie können keinen hieb- und stichfesten Beweis vorlegen, dass England betrogen hat, doch sie empfinden sehr real, dass ihnen bei jenem Turnier in vielerlei Hinsicht Unrecht geschah. Diese Lage, Groll zu empfinden, ohne ihn vorbringen zu können, ist schwerer zu ertragen als ein schriftliches Urteil. Gegen ein eindeutiges Unrecht kann man wenigstens ankämpfen, Beschwerde einlegen; doch eine unklare Wolke des Zweifels lässt einen nicht einmal einen klaren Gegner finden, sodass sich der aufgestaute Ärger nur in Hunderten beleidigenden Anrufen entladen kann oder darin, die Rechtmäßigkeit jener Trophäe auch nach Jahrzehnten noch nicht anzuerkennen.
Und auf englischer Seite dürfte man wohl auch kaum wirklich ruhigen Gewissens sein können. Ein mit ungeklärtem Streit vermischter Titel trägt in seinem Glanz unweigerlich einen Schatten. Wenn Jahrzehnte später von 1966 die Rede ist, kommt man nicht nur um jene Trophäe, sondern auch um jenen Ball nicht herum. Der Sieg wurde erinnert, doch der Zweifel wurde ebenso erinnert, beide aneinandergekettet, keines kann das andere abschütteln. Das ist vielleicht der Preis solcher Siege: Sie werden zwar verbucht, doch sie können nicht die vorbehaltlose Anerkennung aller gewinnen.
Dieser Zweifel hat einen realen Grund. Die Spielleitung bei jenem Turnier war tatsächlich fortwährend umstritten. Im Viertelfinale England gegen Argentinien wurde der argentinische Kapitän Rattín in der fünfunddreißigsten Minute vom Platz gestellt. Damals gab es noch keine roten und gelben Karten; ein Platzverweis musste allein durch Worte und Gesten des Schiedsrichters vermittelt werden. Ausgerechnet der Schiedsrichter war Westdeutscher und sprach kein Spanisch, während Rattín kein Deutsch sprach; die beiden stritten, durch die Sprache voneinander getrennt, mehrere Minuten lang. Rattín zeigte seine Kapitänsbinde vor und verlangte einen Dolmetscher, um eine Erklärung zu bekommen, und verließ das Feld erst nach langem Hin und Her. Ein Spieler, der sich ausgerechnet in dem Moment, in dem er sich am dringendsten hätte klar machen müssen, dem anderen nicht einmal verständlich machen konnte, musste hilflos zusehen, wie er des Feldes verwiesen wurde.
Diese Szene wurde später zu einem Kennzeichen jenes Turniers. Ein Spieler, dem das Recht auf Weiterspielen entzogen wurde, konnte nicht einmal ein paar Worte zu seiner Verteidigung vorbringen, weil er mit demjenigen, der über sein Schicksal entschied, überhaupt nicht sprechen konnte. Die Entscheidung musste fallen, doch die Sprache stand dazwischen; alles, was er tun konnte, war, jene identitätsstiftende Binde vorzuzeigen und vergeblich einen Dolmetscher zu verlangen. Die Durchsetzung der Regel stieß hier auf die schlichteste aller Mauern: dass sich zwischen zwei Menschen nicht einmal der bloße Sinn vermitteln ließ.
Genau solche Szenen, die sich nicht auf der Stelle klären ließen und dennoch erbittert umstritten waren, trieben später die Entstehung der roten und gelben Karten voran. Ebenso wie jene Schlacht von Santiago wurden auch diese Streitfälle von 1966 für Ken Aston zu einem weiteren Anlass, sich das Kartensystem auszudenken, das offiziell aber erst 1970 eingesetzt wurde. Das Regelwerk meißelte einmal mehr aus dem Chaos, das es nicht bändigen konnte, ein neues Stück heraus.
Doch was die Karte löste, war nur, Verwarnung und Platzverweis etwas deutlicher auszudrücken; sie konnte Rattíns eigentliches Dilemma in jenem Moment nicht lösen: die Sprachbarriere, die umstrittene Entscheidung und die Unmöglichkeit für einen des Feldes verwiesenen Spieler, sich zu rechtfertigen. Sie machte die Absicht des Schiedsrichters verständlicher, konnte aber sein Urteil nicht treffsicherer machen. Sie schloss die Lücke im Ausdruck, nicht die Lücke im Urteil selbst. Und die Lücke im Urteil selbst ist dieselbe wie jene beim Ball auf der Torlinie.
6. Die adoptierte Mannschaft Nordkoreas
Bei jenem Turnier gibt es noch eine andere Geschichte, die genau die andere Seite jenes ungeklärten Falls beleuchtet.
Bei jenem Turnier spielte Nordkorea zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Die britische Regierung war über die Ankunft der Mannschaft zunächst sehr unbehaglich, da Großbritannien diesen Staat nicht anerkannte; offiziell erwog man sogar, die Visa zu verweigern. Am Ende geschah dies nicht, weil die FIFA unmissverständlich klarmachte, dass, sollte man eine qualifizierte Mannschaft aussperren, das Turnier möglicherweise an einen anderen Ort verlegt würde.
Darin liegt etwas Absurdes. Die Mannschaft eines politisch nicht anerkannten Staates wurde in einer fremden Kleinstadt nach und nach von den einfachen Leuten dort angenommen und ins Herz geschlossen. Die Leute auf den Rängen kümmerten sich kaum darum, ob Staaten einander anerkannten oder nicht; was sie sahen, war lediglich eine Mannschaft, die alles gab und mitreißend spielte. Politisches Kalkül und die schlichteste Zuneigung am Spielfeldrand gingen in jenem Sommer zwei getrennte Wege. Doch als die Mannschaft wirklich in Middlesbrough ankam, begannen die dortigen Fans sie allmählich als die Ihren zu betrachten, besonders nachdem sie jene große Überraschung geschafft hatte.
Am 19. Juli warf Nordkorea Italien mit 1:0 um. Die damaligen Zeitungen bezeichneten es als die größte Überraschung der WM-Geschichte seit dem Sieg der USA gegen England 1950. In jenem Spiel musste ein italienischer Spieler in der fünfunddreißigsten Minute nach einer Kollision das Feld verlassen, und da bei jenem Turnier noch keine Auswechslungen erlaubt waren, musste Italien mit einem Mann weniger spielen; sieben Minuten später erzielte Pak Doo-ik das entscheidende Siegtor.
Im Viertelfinale gegen Portugal zeigte Nordkorea zeitweise noch Erstaunlicheres. In den ersten fünfundzwanzig Minuten führten sie mit 3:0. Doch danach erzielte der Portugiese Eusébio im Alleingang vier Tore und drehte das Ergebnis in ein 5:3. Eine Mannschaft, die ein Wunder vollbracht hatte, wurde, nachdem sie mit drei Toren geführt hatte, von einem noch größeren Wunder der Gegenseite überflutet.
Mit drei Toren zu führen und am Ende doch 3:5 zu verlieren, ist noch ergreifender als ein bloßer Überraschungssieg. Es lässt jenes Wunder außerordentlich zerbrechlich erscheinen, als hätte der Zufall Nordkorea gerade erst so hoch emporgehoben, um es sich im nächsten Moment anders zu überlegen und die Mannschaft wieder schwer zu Fall zu bringen. Eine Mannschaft kann in fünfundzwanzig Minuten den besten Fußball ihres Lebens spielen und in der folgenden Stunde mit ansehen, wie all das von einem einzigen Mann im Alleingang ausgelöscht wird.
Stellt man die Geschichte Nordkoreas neben jenen ungeklärten Fall an der Torlinie, zeigt sich der Unterschied am deutlichsten im jeweiligen Grad an Klarheit. Bei Nordkoreas Sieg über Italien und der Niederlage gegen Portugal ist jeder einzelne Spielstand völlig eindeutig, nichts davon muss man bestreiten. Ihre Dramatik liegt ganz in der Unbeständigkeit des Zufalls selbst, nicht in irgendeiner fragwürdigen Entscheidung. Die Dramatik jenes Balles im Finale hingegen liegt ganz in der Ungeklärtheit einer Entscheidung. Beides sind unvergessliche Augenblicke, doch der eine lässt einen über die Unbeständigkeit des Schicksals staunen, der andere lässt einen mit der Unauffindbarkeit der Wahrheit ringen – zwei sehr unterschiedliche Arten der Unvergesslichkeit.
In der Geschichte Nordkoreas gibt es noch etwas besonders Bewegendes. Eine Gruppe von Spielern aus dem fernen Osten, deren eigenes Land vom Gastland nicht einmal anerkannt wurde, gewann vor einer fremden Tribüne einen Applaus, der ihnen eigentlich gar nicht zustand. Die Politik hatte ihr Land vor der Tür ausgesperrt, doch der Fußball verband sie, für diesen einen Ort und diese eine Zeit, mit den Fremden einer ganzen Stadt. Diese Verbindung war nicht sonderlich tief und löste sich wieder auf, sobald das Turnier zu Ende war, doch sie hat sich ganz real ereignet. Sie erinnert daran, dass der Fußball manchmal etwas vermag, das der Politik nicht gelingt: zwei Gruppen, die eigentlich voneinander getrennt sein sollten, wegen ein und desselben Spiels vorübergehend auf dieselbe Seite zu stellen.
Natürlich sollte man diese Wärme auch nicht übertreiben. Nordkorea verlor am Ende doch, das Turnier ging am Ende doch zu Ende, und jene Verbindung, die Gräben überwand, blieb letztlich flüchtig und oberflächlich. Der Fußball kann für eine Zeit an einem Ort manch Hartes weich machen, doch er kann diese Dinge selbst nicht verändern. Was er bietet, ist eine Episode, keine Antwort. Sie zu schön darzustellen hieße gerade, ihre Grenzen zu übersehen. Doch auch wenn es nur eine Episode war, hat sie sich in jenem Sommer in Middlesbrough tatsächlich ereignet.
Diese Geschichte und jener ungeklärte Fall an der Torlinie bilden genau ein Gegenstück zueinander. Ob es Nordkoreas Überraschungssieg ist oder der Zusammenbruch nach der 3:0-Führung, nirgendwo gibt es etwas Ungeklärtes; die Spielstände sind eindeutig, niemand würde darüber streiten. Es ist reiner Zufall, Zufall, der Italien umwarf, und Zufall, der eine ausgezeichnete Ausgangslage zunichtemachte. Es erinnert daran, dass das Messer des Zufalls von jeher nach beiden Seiten schneidet: Es kann ein Wunder vollbringen und sich im nächsten Moment umdrehen, um dieses Wunder mit der Wurzel auszureißen.
7. Ramsey strich den Flügelstürmer
Englands Titelgewinn bei jenem Turnier wird taktisch auch oft unter ein ordentliches Etikett gefasst: das flügellose System.
Dieses Etikett erfasst durchaus ein Stück Wahrheit. Cheftrainer Ramseys England verließ sich in der K.-o.-Phase tatsächlich nicht mehr auf den klassischen Flügelstürmer. In der Startelf des Finales war Stiles der zurückgezogene Mittelfeldspieler, Bobby Charlton die weiter vorn agierende Mittelfeldachse, Ball und Peters rückten von den Flügeln nach innen und spielten nicht mehr jenen reinen Flügelstürmer, der sich die Kreidelinie an die Schuhsohlen holt, während Hunt und Hurst die beiden Spitzen im Angriff bildeten. Die Breite im Spiel lieferten zum Teil die beiden aufrückenden Außenverteidiger Cohen und Wilson. Dieses System suchte nicht mehr den ständigen Nachschub an Flanken vom Flügelstürmer, sondern setzte stattdessen auf Kontrolle im Zentrum und defensive Kompaktheit. Man schwankte später zwischen Bezeichnungen wie enges 4-4-2 oder 4-1-3-2, doch worauf es wirklich ankam, war nicht, wie man es im Nachhinein nummerierte, sondern dass der klassische Flügelstürmer entfernt worden war.
Dies war eine Spielweise, die durch Subtraktion siegte. Ihr Schlüssel lag nicht darin, etwas Neuartiges hinzuzufügen, sondern darin, etwas seit Langem für selbstverständlich Gehaltenes zu entfernen: den Flügelstürmer. In jener Ära war es fast der Standard des Angriffsspiels, dass jemand auf dem Flügel den Ball an der Linie entlangtrug und dann flankte. Ausgerechnet diesen Standard strich Ramsey, und was er dafür eintauschte, war dichtere Kontrolle im Zentrum und eine geschlossenere Ordnung in der Verteidigung. Er gewann, weil er es wagte, ein Bauteil abzuschneiden, das sonst niemand abzuschneiden wagte.
Dieser Gedanke, durch Wegnahme zu siegen, steht in der Geschichte des Fußballs nicht allein da. Bei vielen Spielweisen, die die Nachwelt als Innovation feiert, besteht der Kern nicht darin, etwas hinzugefügt, sondern etwas weggenommen zu haben – darin, erkannt zu haben, dass etwas, das alle für unverzichtbar hielten, sich tatsächlich preisgeben lässt, und dass dieses Preisgeben gerade anderswo Raum schafft. Der Fortschritt eines Konstrukts besteht oft nicht darin, immer mehr aufzuhäufen, sondern darin, dass jemand wagt, ein Teil von seinem scheinbar selbstverständlichen Platz herauszubrechen.
Doch Ramseys Erfolg ganz allein diesem einen genialen Schachzug, dem flügellosen System, zuzuschreiben, ist ebenfalls eine nachträgliche Glättung. Im wirklichen Jahr 1966 spielte England nicht von Anfang bis Ende nach diesem Muster. Es wurde von Spiel zu Spiel ausprobiert und angepasst und stabilisierte sich erst in der K.-o.-Phase zu jener Gestalt, an die sich die Nachwelt erinnert. Einen Prozess voller Zögern und Anpassung als die Geschichte eines Trainers zu erzählen, der von Anfang an einen todsicheren Plan hatte, klingt zwar gut, ist aber nicht wahr. Genau wie bei jenem Ball, den die Aufzeichnung glattgebügelt hat, ist der wirkliche Verlauf stets viel unfertiger als die nachträgliche Erzählung davon.
So lässt sich in Englands Geschichte bei jenem Turnier, vom unklaren Ball bis zum griffigen Etikett des flügellosen Systems, überall dieselbe Kraft am Werk erkennen: eine Kraft, die unfertige Wirklichkeit zu einer sauberen Erzählung glättet. Diese Kraft macht Geschichte leicht erzählbar, leicht merkbar, leicht weitergebbar, doch sie schneidet dabei unaufhörlich, ganz still, jene weniger ordentlichen Wahrheiten weg.
Doch das saubere Etikett des flügellosen Systems verdeckt auch einen Verlauf, der gar nicht so sauber war. Viele spätere Artikel schreiben, als hätte England das ganze Turnier hindurch ein unveränderliches, eisernes System gespielt, doch die verlässlichere Überlieferung ist weit enger gefasst. Ramsey probierte und passte tatsächlich sowohl vor als auch während des Turniers ständig an. Was sich wirklich zu jener Mannschaft festigte, die die Nachwelt als flügellos bezeichnet, war das England der K.-o.-Phase. Etwas, das durch wiederholtes Feilen und Ausprobieren entstanden war, wurde später unter einen griffigen Namen eingemeindet und so erzählt, als hätte man von Anfang an einen genialen, todsicheren Plan gehabt. Das ist im Grunde dasselbe wie bei jenem Ball, den die Aufzeichnung glattgebügelt hat: Der wirkliche Verlauf ist stets unfertig, und die nachträgliche Erzählung will ihn immer blank und sauber polieren.
Der Drang, einen unfertigen Verlauf zu einem griffigen Etikett zu glätten, und der Drang, jenen unklaren Ball als eindeutigen Spielstand zu verbuchen, sind im Grunde ein und dasselbe. Der Mensch hat ein geradezu instinktives Verlangen nach Klarheit. Eine Vorbereitung voller Umwege und wiederholter Versuche lässt sich, zu den drei Worten flügelloses System zusammengepresst, viel leichter merken; ein auf der Linie hängender, für niemanden entscheidbarer Augenblick wird, als Tor gewertet, viel eindeutiger. Doch diese Klarheit ist nachträglich aufgezwungen, und was sie auslöscht, sind gerade jene unklaren, aber oft entscheidenden Falten der Wirklichkeit.
8. Schluss
Führen wir dies alles zusammen.
1966 gewann das Ursprungsland des Fußballs im eigenen Land seinen einzigen Weltmeistertitel. Die Nachwelt erzählte dies als eine Art Vollendung, eine Rückkehr des Fußballs an seinen angestammten Platz. Doch diese Vollendung wurde nachträglich hinzugefügt. Der Titelgewinn des Ursprungslandes war kein Schicksal, und dieser Titel schleppte von dem Moment an, in dem er errungen wurde, eine ganze Reihe ungeklärter Fragen mit sich: jenen Ball, der die Linie überquerte oder nicht, jene Vorwürfe der Turniermanipulation, jenen nicht eindeutig zu bestimmenden Heimvorteil.
Das Tiefste, was dieses Turnier hinterlassen hat, ist die Lehre, die jener Ball von Wembley erteilt. Ein Spiel muss Sieg oder Niederlage hervorbringen, ein Tor muss als zählend oder nicht zählend beurteilt werden – das ist ein eisernes Gesetz der Regeln, das keine Unklarheit duldet. Doch die Wirklichkeit ist manchmal ausgerechnet unklar, und jener Ball hing genau auf der Linie. In einem solchen Moment muss das Urteil dennoch gefällt, die Aufzeichnung dennoch geschlossen werden, und England wurde dennoch Weltmeister. Auf der Ebene der Aufzeichnung ist alles sauber und endgültig entschieden. Doch die Wahrheit unter der Aufzeichnung, ob der Ball die Linie überquerte, blieb für immer in der Schwebe. Der Ausgang lässt sich entscheiden, die Wahrheit nicht. Diese beiden Dinge konnten von jenem Augenblick an nie wieder zusammengeführt werden.
Dies ist eigentlich das Schicksal jeder Aufzeichnung überhaupt. Alle Aufzeichnungen, die wir über die Vergangenheit hinterlassen, ob der Spielstand eines Fußballspiels oder das abschließende Urteil eines geschichtlichen Ereignisses, sind Urteile, die zu einem Zeitpunkt, an dem ein Abschluss unumgänglich war, gewaltsam gefällt wurden. Sie wirken sauber, sicher, unanfechtbar. Doch darunter lastet meist eine Wirklichkeit, die weit unklarer ist als sie selbst. Die Klarheit einer Aufzeichnung wird zum Teil dadurch erkauft, dass die Unklarheit der Wirklichkeit mit einem Federstrich getilgt wird.
Hat man diese Ebene begriffen, blickt man mit größerem Verständnis auf jene Menschen, die von Aufzeichnung und Legende gemeinsam geformt wurden. Rattín wird als jener unvernünftig aufbegehrende, vom Platz gestellte argentinische Haudegen erinnert, doch in jenem Moment war er in Wirklichkeit nur jemand, der sich dringend rechtfertigen wollte und dabei kein Wort hervorbrachte. Bachramow wird als jener England begünstigende russische Linienrichter erinnert, doch er war in Wirklichkeit nur ein Aserbaidschaner, der in einem einzigen Augenblick ein Urteil fällte, dessen er sich selbst wohl nicht hundertprozentig sicher war. Aufzeichnung und Legende pressen lebendige Menschen zu Symbolen, und ist ein Symbol erst einmal fest etabliert, wird der Mensch aus Fleisch und Blut dahinter verdeckt.
1966 hinterließ der Nachwelt also nicht nur eine dem Ursprungsland gehörende Trophäe, sondern auch ein Rätsel über Aufzeichnung und Wahrheit. Die Aufzeichnung ist das Urteil, das der Mensch gewaltsam fällt, damit eine Sache zu einem Abschluss kommen kann; die Wahrheit ist das, was unter diesem Urteil liegt und oft unerreichbar bleibt. Meistens liegen diese beiden Dinge so eng beieinander, dass man sie nicht unterscheiden muss. Doch es gibt immer wieder Momente, wie jenen Ball von Wembley, die den Riss zwischen ihnen klar und deutlich aufreißen und offenlegen. In solchen Momenten wird man gezwungen anzuerkennen, dass unter den sauberen Aufzeichnungen, auf die man sich beim Erinnern der Vergangenheit stützt, in Wirklichkeit so viele unklare Falten verborgen liegen.
Dieses Rätsel gehört nicht allein dem Fußball. Fast alles Wissen über die Vergangenheit, auf das sich der Mensch in seinem Leben stützt, ist eine Art geordnete, beurteilte Aufzeichnung. Unter welcher Aufzeichnung lastet nicht irgendeine Unklarheit, die man schon damals nicht klar gesehen hat und der später erst recht nicht mehr nachzugehen ist? Nur weil die Regeln des Fußballs so eindeutig sind, seine Augenblicke so dicht gedrängt, seine Streitfälle so auffällig, vergrößert er dieses Rätsel, das jeder mit sich trägt, über das aber kaum jemand nachdenkt, für alle sichtbar. Jener Ball von Wembley ist weniger ein ungeklärter Fall des Fußballs als vielmehr ein Spiegel, der jene Begrenztheit widerspiegelt, die allen Aufzeichnungen gemeinsam ist.
Und das Schwierigste ist vielleicht nicht, einen einzelnen konkreten ungeklärten Fall zu akzeptieren, sondern diese Begrenztheit selbst zu akzeptieren – zu akzeptieren, dass jede Aufzeichnung weniger verlässlich ist, als sie erscheint.
Die Nachgeborenen konnten es nie hinnehmen, die Sache einfach so in der Schwebe zu lassen. So kam es zu technischen Rekonstruktionen, zu endlosen Debatten, zu jener Stalingrad-Legende, die sogar der Beteiligte selbst bestritt. Gerade diese Bemühungen zeigen, wie schwer es dem Menschen fällt, eine Frage zu ertragen, die für immer ohne Antwort bleibt. Doch je mehr man nach ihr greift, desto unerreichbarer wird sie. Jener Augenblick ist vergangen, und die hinterlassenen Aufnahmen waren von Anfang an unklar; niemand kann aus dieser Unklarheit eine unumstößliche Wahrheit erzwingen.
Was die beiden Menschen betrifft, die in diesen ungeklärten Fall hineingezogen wurden – jener argentinische Kapitän, der, durch Sprache getrennt, seine Binde vorzeigte und vergeblich einen Dolmetscher verlangte, und jener Linienrichter, der ein paar Sekunden lang ein Urteil fällte und danach den größten Teil seines Lebens durch dieses Urteil und einen Satz definiert wurde, den er nie gesagt hat –, auch sie waren lebendige Menschen, die aber beide zu einem Symbol in diesem ungeklärten Fall zusammengepresst wurden. Die Aufzeichnung schließt sich, die Legende verbreitet sich weiter, und gerade jene Menschen, die in jenem Augenblick wirklich gelebt, geurteilt, gestritten haben, werden von dieser sauberen Aufzeichnung und der lebhaften Legende am leichtesten gemeinsam zugedeckt.
Ob jener Ball nun wirklich die Linie überquert hat, kann niemand mehr klären. Und genau diese Ungeklärtheit, dieses Dilemma, dass sich der Ausgang entscheiden, doch die Wahrheit nicht festlegen lässt, sorgt dafür, dass sechzig Jahre nach diesem Spiel immer noch Menschen darüber streiten. Jede neue Debatte, die jene Aufnahmen wieder hervorholt, bestätigt nur aufs Neue: Manche Dinge lassen sich in der Aufzeichnung festnageln, doch die Wahrheit lässt sich nie endgültig festlegen. Der Zyklus hat nicht angehalten. Er dreht sich noch immer weiter.