Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 07 von 22

Wembley

Der Sieger lässt sich bestimmen, die Wahrheit nicht

(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

1. Das Ursprungsland gewinnt endlich

1966 holte England im eigenen Land den Weltpokal. Es ist bis heute sein einziger.

Dieser Sieg hatte ein besonderes Gewicht. Schließlich waren es die Engländer gewesen, die dem Fußball seine Regeln gegeben und ihn in die Welt hinausgetragen hatten. Doch ausgerechnet sein Ursprungsland hielt zur Weltmeisterschaft lange eine vornehme Distanz. An der ersten WM 1930 nahm England nicht einmal teil. Man hielt sich für etwas Besseres als dieses gerade erst gegründete Turnier. Erst Jahrzehnte später gewann das Land, das der ganzen Welt den Ball zugespielt hatte, vor der eigenen Haustür jenen Pokal, für den es einst nur Verachtung übriggehabt hatte.

Der Widerspruch springt ins Auge. Dieses Land hatte die Regeln des Spiels festgelegt; in seinen Fabriken und Schulen hatte der moderne Fußball Gestalt angenommen. Und doch tat gerade das Land, das der ganzen Welt den Ball zugespielt hatte, bei der Geburt der Weltmeisterschaft so, als ginge es das alles nichts an. Ein Turnier, das andere auf die Beine gestellt hatten, war offenbar unter seiner Würde. England verstand sich als Oberhaupt der Fußballfamilie, nicht als einer von vielen Teilnehmern auf dem Platz. Bis es sich schließlich herabließ, ernsthaft um diesen Pokal zu kämpfen, vergingen mehrere Jahrzehnte.

1966 war deshalb weniger die Heimkehr des Fußballs an den Ort, an den er schicksalhaft gehörte. Vielmehr war sein einst so hochmütiges Ursprungsland endlich bereit, selbst anzutreten, sich wie alle anderen auf einem vom Zufall mitbestimmten Spielfeld dem Ausgang eines Spiels auszusetzen. Und diesmal gewann es eben. England hatte auf diesen Sieg weder mehr Anspruch als andere, noch war er ihm eher vorherbestimmt. Es behielt den Pokal im eigenen Land, begünstigt durch allerlei Vorteile des Gastgebers und durch jenen Ball, über den bis heute keine Klarheit herrscht.

Das einzugestehen, macht Englands Titel kein bisschen weniger wirklich. England hat gewonnen, seine Spieler haben gekämpft, und diese Mannschaft ohne Flügelstürmer hatte unbestreitbar ihre besonderen Qualitäten. Zurückzuweisen ist nur die Erzählung, die diesen Sieg als eine von unsichtbarer Hand gelenkte Rückkehr des Fußballs zu seinem Ursprung ausgibt. Ein Sieg ist ein Sieg. Er entstand aus allem, was in jenen neunzig Minuten und den dreißig Minuten Verlängerung tatsächlich geschah, einschließlich jenes Balls, über den niemand Gewissheit hat. Einen Heiligenschein des Schicksals braucht er nicht, um vergoldet zu werden.

Später machte ein Satz die Runde: Der Fußball kommt nach Hause. Gemeint war, dass er einmal um die Welt gezogen sei und nun endlich an seinen Geburtsort zurückkehre. Eines muss dabei klar sein: Dieser Satz stammt nicht aus dem Jahr 1966. Er stammt aus dem Lied, das 1996 zur Europameisterschaft geschrieben wurde, und erklang erst in jenem Sommer überall, als England erneut ein großes Turnier ausrichtete. Das Gefühl, England, den Ursprung des Fußballs und den Titel von 1966 miteinander zu verbinden, gab es durchaus schon früher. Die konkrete Formel von der Heimkehr des Fußballs aber gehört ins Jahr 1996, nicht ins Jahr 1966.

Diese beiden Jahreszahlen auseinanderzuhalten, ist keine Haarspalterei. Dass man einen Slogan für das Turnier von 1996 kurzerhand dem Jahr 1966 unterschiebt, zeigt gerade, wie stark der Wunsch ist, den Titelgewinn im Ursprungsland als vollkommene Heimkehr zu erzählen. Man möchte dieser Geschichte so gern eine schöne Form geben, dass selbst eine dreißig Jahre jüngere Liedzeile nachträglich zum Ausdruck der damaligen Stimmung erklärt wird.

Die Unterscheidung ist wichtig, weil im Satz von der Heimkehr des Fußballs ein Gedanke steckt, der leicht über die Lippen geht, genauerem Nachdenken aber nicht standhält: als hätte der Fußball zu seinem Ursprung zurückkehren müssen, als sei Englands Titelgewinn im eigenen Land eine vom Schicksal bestimmte Rückkehr an den angestammten Platz gewesen. So glatt ging es jedoch nicht zu. Dass das Ursprungsland zu Hause Weltmeister wird, ist keine Vollendung eines Schicksals. Es ist ein Sieg, der sich ereignet hat. Und ob dieser Sieg mit rechten Dingen zustande kam, wurde schon an jenem Tag zu einer offenen Frage, die sich bis heute nicht abschließen lässt.

2. Jener Ball in Wembley

Die offene Frage entstand im Finale.

30. Juli 1966, Wembley. England gegen die Bundesrepublik. Nach der regulären Spielzeit stand es 2:2, die Partie musste in die Verlängerung. Haller hatte die Westdeutschen in der zwölften Minute in Führung gebracht, Hurst in der achtzehnten ausgeglichen. Peters schoss England in der 78. Minute nach vorn, doch Weber gelang in der neunzigsten Minute der erneute Ausgleich.

Es war ein Finale, in dem es hin und her ging. Zunächst gingen die Westdeutschen in Führung; England glich aus und ging dann selbst in Führung, ehe den Westdeutschen der Ausgleich gelang. Vor allem Webers Treffer in der neunzigsten Minute entriss den Engländern fast im letzten Augenblick vor dem Schlusspfiff einen Titel, den sie schon in den Händen zu halten glaubten. Nach Ende der regulären Spielzeit stand es 2:2. Die ganze Ungewissheit wurde in jene zusätzlichen dreißig Minuten weitergereicht. Ganz Wembley, mehr als neunzigtausend Zuschauer, stand unter Hochspannung.

Der eigentliche Streit entzündete sich in der Verlängerung. In der 101. Minute schoss Hurst im Strafraum aus der Drehung. Der Ball traf die Unterkante der Latte, schlug heftig auf dem Boden in der Nähe der Torlinie auf und sprang wieder heraus. Ob er die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hatte, wusste auch der Schweizer Schiedsrichter Dienst nicht sicher. Er lief zu Bachramow, dem Linienrichter auf dieser Seite, und fragte ihn. Bachramow war Sowjetbürger und stammte aus Aserbaidschan; er war kein ethnischer Russe. In England nannte man ihn später trotzdem jahrzehntelang den russischen Linienrichter. Dienst sagte später, Bachramows Gesichtsausdruck habe ihm zu verstehen gegeben, dass es ein Tor gewesen sei.

Also zählte der Treffer. England führte 3:2, und in der 120. Minute traf Hurst noch einmal zum Endstand von 4:2. Eine Mannschaft sicherte sich die Weltmeisterschaft mithilfe eines Tores, das der Schiedsrichter selbst nicht eindeutig hatte erkennen können und über das er anhand des Gesichtsausdrucks seines Linienrichters entschied.

Von seinem Standort aus hatte Dienst gar nicht klar sehen können, ob der Ball die Linie überschritten hatte. Das räumte er selbst ein. Deshalb überließ er die Beurteilung dem Linienrichter an jenem Ende des Spielfelds. Doch auch der stand nicht eben dicht daneben. Was er beisteuerte, war weniger ein zweifelsfrei gesehener Befund als eine augenblickliche Reaktion. Zwei Menschen, ein Stück voneinander entfernt, entschieden mit einer Geste, einem Gesichtsausdruck und innerhalb weniger Sekunden, an wen ein Weltpokal gehen sollte. Das ungeheure Gewicht der Entscheidung und die Dürftigkeit dessen, worauf sie beruhte, bildeten einen geradezu grellen Gegensatz.

Dabei ist dieser Gegensatz im Fußball der Normalfall. Meist fällt er nur nicht so ins Auge. In jedem Spiel muss der Schiedsrichter unzählige Male blitzschnell entscheiden: Abseits oder nicht? Handspiel oder nicht? Hinter der Linie oder nicht? Meistens verändern diese Pfiffe nicht den großen Lauf der Dinge. Geht einer daneben, geht er eben daneben, und niemand fragt weiter nach. Fällt eine solche Entscheidung aber in einem WM-Finale, betrifft sie jenes Tor, das über den Titel entscheidet, dann wird eine sonst übersehene Anfälligkeit ins Unermessliche vergrößert. Die Spitze der ganzen Pyramide lastet auf einem Urteil, das in wenigen Sekunden fällt, obwohl niemand genau sieht, was geschehen ist.

Vielleicht lässt dieser Ball die Menschen gerade wegen dieser Anfälligkeit nicht los. Er zerstört eine Illusion, an die man gern glauben möchte: dass auf höchster Ebene der Titel doch wohl aufgrund unbestreitbarer Überlegenheit und unter eindeutig geklärten Verhältnissen vergeben werde. Die Wirklichkeit zeigt jedoch, dass selbst eine Weltmeisterschaft an einem Augenblick hängen kann, den nicht einmal der Schiedsrichter klar erkennt. Diese Wahrheit ist unangenehm. Also streitet man lieber immer wieder über den Ball, als ohne Weiteres zu akzeptieren, dass selbst der Gipfel des Ruhms auf einem derart unsicheren Fundament steht.

Diese Unsicherheit gehört zum Wesen des Fußballs. Meist wird sie nur verdeckt. Hinter jedem glänzenden Pokal stehen unzählige solcher Augenblicke: ein Schuss, der vom Pfosten nach außen statt nach innen springt; ein Abseits, das gepfiffen wird oder ungeahndet bleibt; eine Entscheidung, die der Schiedsrichter in einem einzigen Gedankensprung trifft. Nähme man den Zufall aus diesen Momenten heraus, sähe die Geschichte womöglich anders aus. Doch im Rückblick starren wir gewöhnlich nur auf das Ergebnis und übersehen all die dicht an dicht liegenden Zufälle auf dem Weg dorthin.

3. War er hinter der Linie oder nicht

Hat der Ball die Linie nun überschritten oder nicht?

Bis heute gibt es auf diese Frage keine Antwort. Die Zweifel entstanden nicht erst später. Schon der Bericht einer damaligen amerikanischen Zeitschrift hielt fest, dass auch nach einer weiteren Wiederholung im Fernsehen nur wenige der anwesenden Beobachter darauf hätten schwören mögen, tatsächlich ein Tor gesehen zu haben. Anders gesagt: Der Zweifel war im Augenblick des Treffers bereits da. Er entsprang nicht erst nachträglich dem Unmut der Deutschen über die Niederlage.

Darauf kommt es an. Wären die Zweifel erst nach dem Spiel und allein von der unterlegenen Seite geäußert worden, hätte man sie als bloße Verbitterung der Verlierer abtun können. Tatsächlich wollten jedoch schon im Augenblick des Treffers selbst neutrale Zuschauer keine Garantie übernehmen. Der Verdacht gegen dieses Tor entstand also nicht aus einer parteiischen Voreingenommenheit. Der Augenblick selbst war so undeutlich, dass niemand, der hinsah, eine vollkommen sichere Antwort geben konnte.

Interessant ist, wie die Geschichten, die um dieses Tor herum entstanden, ihm ihrerseits immer neue Dramatik verliehen. Obwohl der Linienrichter Aserbaidschaner war, blieb er den Engländern lange als russischer Linienrichter in Erinnerung. Als gewänne die Entscheidung erst dann Bedeutung, wenn man ihn in den größeren Zusammenhang der Konfrontation zwischen Ost und West rückte. Offenbar fällt es schwer zu akzeptieren, dass ein Pfiff einfach auf dem alltäglichen Urteil eines gewöhnlichen Menschen in einem flüchtigen Augenblick beruht. Immer muss ihm noch eine schwerere Bedeutung aufgeladen werden, selbst wenn diese Bedeutung frei erfunden ist.

Später versuchte man tatsächlich, die Frage technisch zu klären. Forscher in Oxford rekonstruierten den Vorgang anhand alter Aufnahmen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln. Ihr Ergebnis: Der Ball war auf der Linie aufgekommen. Selbst bei der ungünstigsten angenommenen Fehlerspanne hätten ihm noch mindestens drei Zoll gefehlt, um die Torlinie vollständig zu überschreiten. Eine andere moderne Rekonstruktion kam 2016 jedoch zum gegenteiligen Schluss: Der Treffer sei zu Recht anerkannt worden. In beiden Fällen wurde der Ablauf rückwärts aus altem Filmmaterial erschlossen. Weder handelte es sich um Torlinientechnik, die damals bereits im Einsatz gewesen wäre, noch um eine neue Entscheidung irgendeines zuständigen Verbandes. Den Streit konnte daher niemand wirklich beenden.

Dass die beiden Rekonstruktionen zu gegensätzlichen Ergebnissen gelangten, sagt bereits viel. Sie arbeiteten mit denselben alten Aufnahmen und mit demselben aufrichtigen Wunsch, die Wahrheit herauszufinden. Doch je gewissenhafter sie rechneten, desto mehr erhielten sie Antworten, die einander widersprachen. Das lag nicht daran, dass eine Seite nicht sorgfältig genug gerechnet hätte. Es lag daran, dass die Informationen in diesen Bildern schlicht nicht ausreichten, um eine einzige, unanfechtbare Schlussfolgerung zu tragen. Man kann ein noch so präzises Lineal an etwas anlegen, das selbst unscharf ist: Was man misst, bleibt unscharf.

Gerade deshalb lässt uns dieser ungelöste Fall so unbefriedigt und so hilflos zurück. Er gehört nicht zu jenen Rätseln, deren Antwort nur vorläufig fehlt und irgendwann zutage treten wird, sobald die Technik weiter und das Material vollständig ist. Hier ist eine genaue Antwort schon vom Ursprung her unmöglich. Denn der Augenblick, von dem alles abhing, war bereits unscharf, als er aufgezeichnet wurde. Was spätere Generationen immer wieder betrachten können, ist lediglich diese Unschärfe. Aus ihr lässt sich keine Gewissheit erzwingen.

So ist dieser Streit dazu bestimmt, ewig weiterzugehen. Eine Generation von Fans nach der anderen, in Deutschland wie in England, wird die alten Bilder erneut hervorholen. Jede Seite wird auf ihrer Sicht beharren, keine die andere überzeugen. Nicht weil es ihnen an Vernunft fehlte, sondern weil der Gegenstand ihres Streits gar keine Antwort hergibt, die alle überzeugen könnte. Manche Auseinandersetzungen verstummen, sobald Beweise auftauchen. Diese wird immer offenbleiben, weil der Beweis, der sie beenden könnte, von Anfang an nicht existierte. Sie ist zu einem Fall geworden, dessen Akte sich nie schließen lässt.

Gerade weil er unlösbar ist, lebt dieser Fall so lange weiter. Bei einer Kontroverse, die eine abschließende Antwort gefunden hat, verfliegt irgendwann die Aufregung. Ein Streit, der sich nie entscheiden lässt, kann dagegen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Jede neue Generation glaubt, vielleicht doch noch etwas entdecken zu können, und greift erneut nach jener unerreichbaren Antwort. Dass der Fall nicht abzuschließen ist, hält ihn lebendig. Eine Frage, die sich nie schließen lässt, lebt länger als eine frühzeitig abgeschlossene Antwort.

Um den Linienrichter entstand auch eine besonders verbreitete Legende. Als man ihn im Alter nach seiner damaligen Entscheidung gefragt habe, soll er mit einem einzigen Wort geantwortet haben: Stalingrad. Was die Deutschen jener Stadt damals angetan hätten, dafür hätten sie nun bezahlen müssen. Das klingt dramatisch, hält einer Überprüfung aber nicht stand. Historiker haben darauf hingewiesen, dass es keinerlei Beleg dafür gibt, Bachramow habe diesen Satz gesagt. Er selbst hat ihn ebenfalls bestritten. Dieses Stalingrad gehört deshalb zu den nachträglich ausgeschmückten Legenden, nicht zu den gesicherten Tatsachen.

4. Die Aufzeichnung lässt sich abschließen, die Wahrheit nicht

Der offizielle Eintrag zu diesem Tor ist abgeschlossen. Das Ergebnis lautet 4:2, Hurst hat drei Tore erzielt, England ist Weltmeister. Seit jenem Tag hat kein Fußballverband dieses Resultat nachträglich geändert. Auf der Ebene der Aufzeichnung ist die Sache entschieden. Hier gibt es keinen Streit.

Unter diesem sauberen Eintrag liegt jedoch eine Frage, die sich niemals abschließen lässt: War der Ball vollständig hinter der Linie? Eine Aufzeichnung kann diese Frage nicht beantworten. Sie kann sagen, wie das Ergebnis lautet. Ob dieses Ergebnis richtig ist, kann sie nicht sagen.

Gewöhnlich fällt beides so oft zusammen, dass man es leicht für ein und dieselbe Sache hält. Meistens ist ein Tor unzweifelhaft gefallen. Das festgehaltene Ergebnis und das tatsächliche Geschehen passen dann genau aufeinander. In solchen Fällen ist die Aufzeichnung zugleich die Wahrheit; man muss die beiden nicht unterscheiden. Sobald man jedoch auf jenen Ball an der Grenze trifft, fallen sie auseinander. Die Aufzeichnung bleibt bestehen und muss ein klares Urteil liefern. Die Wahrheit zieht sich unterdessen an einen Ort zurück, den niemand mehr erreicht.

Ein Fußballspiel muss ein Ergebnis haben. Der Treffer zählt oder er zählt nicht. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht, und der Schiedsrichter muss sofort, binnen weniger Sekunden, entscheiden. Das Spiel kann nicht stehen bleiben und auf eine sichere Antwort warten, die niemals kommen wird. Es muss weitergehen, es braucht einen Spielstand, es muss über Sieg und Niederlage entschieden werden. Dieser unvermeidliche Abschluss ist selbst schon ein Aufbau: eine Entscheidung, die der Wirklichkeit aufgezwungen wird.

Letztlich ist jedes Ergebnis im Fußball ein solcher aufgezwungener Aufbau. Ein Spiel dauert neunzig Minuten und muss am Ende einen Spielstand haben. Ein Schuss wird als Tor gewertet oder nicht; für ein unbestimmtes Dazwischen ist kein Platz. Das Regelwerk zwingt eine ungeordnete, ununterbrochen fließende und von Zufällen durchzogene Wirklichkeit an jedem entscheidenden Punkt dazu, in ein Entweder-oder zusammenzufallen. Meistens bereitet das keine Schwierigkeiten, weil die Wirklichkeit selbst hinreichend eindeutig ist. Im Kern bleibt es jedoch ein Verfahren, das Ungewissheit mit Gewalt in Gewissheit zurechtbiegt.

Diesem Zurechtbiegen kann der Fußball nicht ausweichen. Anders als auf manchen anderen Gebieten kann er sich kein „vorläufig offen“, kein „zweifelhaft“ und kein „später vielleicht“ erlauben. Nach dem Pfiff muss das Spiel weitergehen. Erreicht der Ball die Torlinie, ist an Ort und Stelle zu entscheiden, ob der Treffer zählt. Den Luxus, anzuhalten und auf eine restlos befriedigende Antwort zu warten, hat er nicht. Deshalb muss er hinnehmen, dass manche seiner Entscheidungen zwangsläufig Behelfslösungen sind: Festlegungen, die getroffen werden müssen, obwohl sich die Wahrheit nicht ermitteln lässt, damit das Spiel überhaupt weitergehen kann.

Dieser Zwang unterscheidet den Fußball von Bereichen, in denen mehr Zeit bleibt. Ein ungeklärter historischer Fall darf offenbleiben und späteren Generationen überlassen werden. Eine wissenschaftliche Frage darf vorläufig unbeantwortet bleiben, bis bessere Versuche möglich sind. Beide können warten. Der Fußball kann es nicht. Jedes seiner Spiele muss in neunzig Minuten ein Ergebnis hervorbringen, jede strittige Entscheidung muss sofort fallen. Gerade weil er unter Zeitdruck urteilen muss, legt er etwas besonders deutlich offen: Manchmal entscheiden Menschen nicht, weil sie klar sehen. Sie entscheiden, weil sie nicht anders können, und ringen sich eben zu einem Urteil durch.

Das zu erkennen, heißt weder, dem Schiedsrichter seine Berechtigung abzusprechen, noch, die Regeln des Fußballs umzustürzen. Im Gegenteil: Gerade weil die Wirklichkeit oft unscharf ist, braucht es umso dringender jemanden, der die Last der Entscheidung übernimmt, wenn eine Entscheidung fällig ist. Ein Schiedsrichter, der sich nicht festlegen will und alles offenlässt, würde das Spiel vollständig lahmlegen. Die Frage ist nicht, ob entschieden werden soll. Sie lautet, ob wir anerkennen wollen, dass diese unvermeidlichen Urteile die Möglichkeit des Irrtums von Anfang an in sich tragen und deshalb nicht als absolute Wahrheit verehrt werden dürfen. Die Grenzen eines Urteils anzuerkennen und seine Autorität zu respektieren, widerspricht sich nicht.

Nur spielt die Wirklichkeit manchmal nicht mit. Bisweilen überschreitet der Ball die Linie eindeutig, und Entscheidung und Wahrheit decken sich vollkommen. Bisweilen bleibt er aber gleichsam auf dieser Linie hängen: Niemand kann es genau sagen, entschieden werden muss trotzdem. Ein solches Urteil hält dann nicht mehr die Wahrheit getreu fest. Es gibt lediglich auf eine Frage, die beantwortet werden muss, eine Antwort, die gegeben werden muss. Damit wird die Aufzeichnung abgeschlossen. Die Wahrheit wird es nicht und kann es dadurch auch nicht werden.

So kommt es zu Fällen wie jenem Ball in Wembley. Es muss entschieden werden, weil das Spiel nicht ohne Ergebnis bleiben kann. Doch welche Wahrheit dieser Entscheidung entspricht, vermag niemand sicher zu sagen. Ein Urteil hält dann keine Tatsache mehr fest, sondern schreibt einem unlösbaren Problem gewaltsam eine Antwort vor. Sobald sie niedergeschrieben ist, wird diese Antwort zum unveränderlichen Eintrag. Die Wahrheit, der sie eigentlich entsprechen sollte, bleibt für immer vor der Tür.

Und sobald die Antwort in der Aufzeichnung steht, besitzt sie eine Autorität, die den bloßen Eintrag für die Wahrheit ausgeben kann. Wer später die betreffende Seite aufschlägt, liest dort klar und deutlich: England 4:2. Als hätte dieser Ball ganz selbstverständlich als Tor zählen müssen. Neben dem Spielstand steht keine kleingedruckte Anmerkung: Diesen Treffer hat eigentlich niemand genau gesehen. Das damalige Zögern, der Streit und das letzte Ungeklärte sind getilgt. Übrig bleibt nur ein unumstößliches Ergebnis. Je mehr Zeit vergeht, desto selbstverständlicher erscheint das Tor. Die Zweifel, die es anfangs umgaben, werden nach und nach von jener sauberen Aufzeichnung zugedeckt, die es selbst hervorgebracht hat.

Die Aufzeichnung wurde also unter Zwang abgeschlossen, nicht durch einen Beweis. Sie wurde abgeschlossen, weil die Spielregeln es verlangten, nicht weil jemand tatsächlich gesehen hätte, ob der Ball die Linie überschritt. Das Urteil kann entschieden ausfallen, während die Wahrheit unentschieden bleibt. Von jenem Augenblick an gingen beide getrennte Wege und fanden nicht wieder zusammen. Alle späteren Versuche, auch die Wahrheit endgültig festzunageln, ob durch technische Rekonstruktionen oder immer neue Debatten, blieben erfolglos. Denn der Augenblick war vergangen, und die Spuren, die er hinterlassen hatte, waren von Anfang an undeutlich.

5. Nicht nur dieser Ball blieb ungeklärt

An Englands Weltmeisterschaft war allerdings mehr unklar als dieser eine Ball.

Ob das Ursprungsland den Titel zu Hause mit rechten Dingen gewonnen hatte, wurde von Beginn an bezweifelt, besonders in Südamerika. In den britischen diplomatischen Archiven sind zahlreiche zeitgenössische Berichte erhalten. Südamerikanische Protestierende behaupteten, England habe sich mit der Bundesrepublik abgesprochen und das gesamte Turnier manipuliert. Andere beschwerten sich über die Schiedsrichter. Britische Botschaften vermerkten sogar Hunderte beleidigender Anrufe und hielten fest, wie die Angelegenheit die Beziehungen zwischen den Ländern in ungerechter Weise belastete. Die Akten belegen tatsächlich eines: wie laut diese Anschuldigungen waren. Sie belegen aber nur deren Ausmaß, nicht deren Wahrheit. Anders gesagt: Aus den Archiven erfahren wir, dass viele Menschen an einen englischen Betrug glaubten. Ob England wirklich betrogen hat, erfahren wir daraus nicht. Auch diese Frage lässt sich nicht entscheiden.

Hier müssen zwei Dinge besonders sorgfältig auseinandergehalten werden. Die Akten beweisen, dass sehr viele Menschen damals fest davon überzeugt waren, England habe betrogen. Das ist eine Tatsache darüber, was Menschen glaubten, und diese Tatsache ist gesichert. Sie beweist jedoch in keiner Weise, dass England tatsächlich gemeinsam mit der Bundesrepublik das Turnier manipulierte. Wie viele Menschen etwas glauben und wie laut sie es verkünden, macht es noch nicht wahr. Wer beides vermischt, läuft Gefahr, England Unrecht zu tun oder ein tatsächlich begangenes Unrecht zu entschuldigen. Tatsächlich gesichert ist nur, wie laut die Vorwürfe waren. Dahinter beginnt ein Nebel, in dem sich nichts mehr eindeutig bestimmen lässt.

Auch der Heimvorteil liegt in diesem Nebel. Eine Mannschaft spielt auf vertrautem Rasen, wird von ohrenbetäubendem Jubel getragen und profitiert manchmal auch von jener kleinen unbewussten Neigung des Schiedsrichters, eine unklare Situation zugunsten des Gastgebers zu entscheiden. All das gibt es wirklich. In welchem Maß es aber die Entscheidung über jenen Ball oder den Verlauf des ganzen Turniers beeinflusste, lässt sich weder beziffern noch schlüssig belegen. Der Heimvorteil kann nicht die gesamte Erklärung für Englands Titel liefern. Ebenso wenig lässt sich kategorisch behaupten, er habe keinerlei Einfluss gehabt. Er bleibt dort hängen, unbestimmt und ungeklärt.

Für die südamerikanischen Mannschaften und Fans, die sich benachteiligt fühlten, war bereits diese Unbestimmtheit eine Qual. Sie konnten keinen unumstößlichen Beweis für einen englischen Betrug vorlegen. Zugleich empfanden sie sehr konkret, wie viel bei diesem Turnier ihnen gegenüber ungerecht gewesen war. Mit einem Groll zu leben, dem man kein Gehör verschaffen kann, ist schwerer zu ertragen als ein schwarz auf weiß vorliegendes Urteil. Gegen ein klar benennbares Unrecht kann man wenigstens ankämpfen, Beschwerde einlegen. Ein ungreifbarer Verdacht lässt einen dagegen nicht einmal einen bestimmten Gegner finden. Dann bleibt nur, den aufgestauten Groll in Hunderten von Beschimpfungen am Telefon loszuwerden oder dem Pokal noch viele Jahre später seine Rechtmäßigkeit abzusprechen.

Und auch auf englischer Seite dürfte es schwer gewesen sein, sich restlos unbefangen über den Titel zu freuen. Wo ein Triumph mit ungeklärtem Streit vermischt ist, fällt unvermeidlich ein Schatten auf seinen Glanz. Wer Jahre später von 1966 spricht, kommt neben dem Pokal immer auch auf diesen Ball zurück. Der Sieg ist in Erinnerung geblieben, der Zweifel ebenfalls. Sie hängen aneinander, keiner wird den anderen los. Vielleicht ist das der Preis solcher Siege: Sie stehen tatsächlich zu Buche, erhalten aber niemals von allen die vorbehaltlose Anerkennung.

Die Zweifel hatten greifbare Anlässe. Die Spielleitung sorgte bei diesem Turnier immer wieder für Streit. Im Viertelfinale England gegen Argentinien wurde der argentinische Kapitän Rattín in der 35. Minute vom Platz gestellt. Rote und Gelbe Karten gab es damals noch nicht. Einen Platzverweis musste der Schiedsrichter mit Worten und Gesten vermitteln. Ausgerechnet dieser Schiedsrichter war Westdeutscher und sprach kein Spanisch, während Rattín kein Deutsch verstand. Über die Sprachbarriere hinweg stritten die beiden mehrere Minuten lang. Rattín zeigte seine Kapitänsbinde und verlangte einen Dolmetscher, um eine Erklärung zu bekommen. Erst schließlich verließ er das Feld. In dem Augenblick, in dem klare Worte am nötigsten gewesen wären, konnte ein Spieler sich nicht einmal verständlich machen und musste hilflos hinnehmen, dass er vom Platz geschickt wurde.

Auch diese Szene wurde später zu einem Kennzeichen des Turniers. Ein Spieler verlor das Recht, weiterzuspielen, und konnte nicht einmal ein paar Worte zu seiner Verteidigung vorbringen, weil zwischen ihm und dem Mann, der über sein Schicksal entschied, kein Gespräch möglich war. Das Urteil sollte vollzogen werden, doch die Sprache stand dazwischen. Ihm blieb nur, seine Binde als Zeichen seiner Funktion vorzuzeigen und vergeblich nach einem Dolmetscher zu verlangen. Die Durchsetzung der Regeln stieß hier auf die denkbar schlichteste Wand: Menschen konnten einander nicht einmal vermitteln, was sie meinten.

Solche Szenen, die sich auf dem Platz nicht klären ließen und in denen erbittert gestritten wurde, trugen später zur Entstehung der Roten und Gelben Karten bei. Wie schon die Schlacht von Santiago gaben die Konflikte von 1966 Ken Aston einen weiteren Anstoß, das Kartensystem zu entwickeln. Offiziell eingesetzt wurde es erst 1970. Wieder entstand ein neues Stück Regelwerk, herausgeschlagen aus jenem Chaos, das die bisherigen Regeln nicht hatten einschließen können.

Die Karten konnten allerdings nur Verwarnungen und Platzverweise deutlicher ausdrücken. Rattíns eigentliches Dilemma in jenem Augenblick lösten sie nicht: die Sprachbarriere, den Streit über die Entscheidung und die Unmöglichkeit, sich gegen den Ausschluss zu verteidigen. Sie machten verständlicher, was der Schiedsrichter meinte, aber sein Urteil dadurch nicht treffsicherer. Sie schlossen die Lücke in der Verständigung, nicht die Lücke im Urteilen selbst. Und diese zweite Lücke war im Grunde dieselbe wie bei jenem Ball auf der Torlinie.

6. Nordkorea wird adoptiert

Dasselbe Turnier brachte noch eine andere Geschichte hervor, die eine andere Seite des ungelösten Falls sichtbar macht.

Nordkorea spielte damals zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Der britischen Regierung war die Anreise der Mannschaft zunächst höchst unangenehm, weil Großbritannien diesen Staat nicht anerkannte. Die Behörden erwogen sogar, die Visa zu verweigern. Dass es nicht dazu kam, lag an der unmissverständlichen Haltung der FIFA: Wenn eine qualifizierte Mannschaft ausgesperrt werde, könne das Turnier an einen anderen Austragungsort verlegt werden.

Darin lag etwas Absurdes. Die Mannschaft eines politisch nicht anerkannten Landes wurde in einer kleinen Stadt im Ausland von ganz gewöhnlichen Menschen nach und nach angenommen und ins Herz geschlossen. Die Zuschauer auf den Rängen interessierten sich wenig dafür, welche Staaten einander anerkannten und welche nicht. Sie sahen eine Mannschaft, die alles gab und mitreißenden Fußball spielte. Politisches Kalkül und die schlichte Zuneigung am Spielfeldrand nahmen in jenem Sommer zwei auseinanderführende Wege. Als die Mannschaft tatsächlich in Middlesbrough eintraf, begannen die einheimischen Fans, sie als eine der ihren zu betrachten. Besonders galt das nach ihrer großen Sensation.

Am 19. Juli schlug Nordkorea Italien mit 1:0. Die damaligen Zeitungen nannten es die größte WM-Überraschung seit dem Sieg der USA über England 1950. In der 35. Minute hatte ein italienischer Spieler nach einem Zusammenprall das Feld verlassen müssen. Da bei diesem Turnier keine Auswechslungen erlaubt waren, musste Italien mit einem Mann weniger weiterspielen. Sieben Minuten später schoss Pak Doo-ik das entscheidende Tor.

Im Viertelfinale gegen Portugal gelang den Nordkoreanern zunächst etwas noch Erstaunlicheres. Nach fünfundzwanzig Minuten führten sie 3:0. Dann aber erzielte der Portugiese Eusébio allein vier Tore, und Portugal drehte die Partie zu einem 5:3. Eine Mannschaft, die ein Wunder vollbracht hatte, ging nach drei Toren Vorsprung in einem noch größeren Wunder des Gegners unter.

Mit drei Toren zu führen und am Ende 3:5 zu verlieren, bewegt mehr als eine bloße Überraschung. Ein solcher Verlauf macht das Wunder besonders zerbrechlich. Als hätte der Zufall die Nordkoreaner gerade erst so hoch emporgehoben, um es sich im nächsten Augenblick anders zu überlegen und sie hart fallen zu lassen. Eine Mannschaft kann in fünfundzwanzig Minuten den Fußball ihres Lebens spielen und in der folgenden Stunde zusehen, wie ein einziger Mann all das im Alleingang wieder auslöscht.

Legt man die Geschichte der Nordkoreaner neben den ungelösten Fall auf der Torlinie, fällt vor allem eines auf: wie unterschiedlich klar die jeweiligen Vorgänge sind. Nordkorea schlug Italien und verlor gegen Portugal. Jeder Spielstand ist eindeutig, nichts daran muss ausdiskutiert werden. Die ganze Dramatik liegt in der Unberechenbarkeit des Zufalls, nicht im Zweifel an irgendeiner Schiedsrichterentscheidung. Beim Tor im Finale liegt die Dramatik hingegen vollständig in der Unklarheit einer solchen Entscheidung. Beides sind Augenblicke, die uns nicht loslassen. Der eine lässt uns über die Launen des Schicksals nachdenken, der andere mit einer Wahrheit ringen, die sich nicht ergründen lässt. Es sind zwei sehr verschiedene Arten des Unvergesslichen.

An der Geschichte der Nordkoreaner berührt noch etwas anderes. Eine Gruppe von Spielern aus dem fernen Osten, deren Heimatland von ihrem Gastgeber nicht einmal anerkannt wurde, gewann auf fremden Rängen einen Beifall, der ursprünglich nicht ihr gegolten hatte. Die Politik hielt ihr Land draußen. Der Fußball verband sie in jenem Augenblick an jenem Ort mit einer ganzen Stadt voller Fremder. Diese Verbindung reichte nicht besonders tief; mit dem Turnier ging auch sie auseinander. Aber sie hat tatsächlich bestanden. Sie erinnert daran, dass der Fußball manchmal etwas vermag, was der Politik nicht gelingt: zwei Gruppen von Menschen, die eigentlich voneinander getrennt bleiben sollten, durch dasselbe Spiel für kurze Zeit auf dieselbe Seite zu bringen.

Freilich sollte man auch diese Wärme nicht überhöhen. Die Nordkoreaner verloren schließlich doch, das Turnier ging zu Ende, und die Verbindung über die trennenden Grenzen hinweg blieb kurzlebig und oberflächlich. Fußball kann zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort manches Harte etwas weicher machen. Die harten Verhältnisse selbst verändert er nicht. Er schenkt eine Episode, keine Antwort. Wer sie allzu schön ausmalt, übersieht gerade ihre Grenzen. Doch selbst wenn es nur eine Episode war: Im Middlesbrough jenes Sommers hat sie wirklich stattgefunden.

Diese Geschichte bildet das genaue Gegenstück zum ungelösten Fall an der Torlinie. Weder an Nordkoreas Sensationssieg noch am Zusammenbruch nach dem 3:0 gibt es eine unklare Entscheidung. Die Spielstände stehen eindeutig fest, niemand wird sie bestreiten. Hier herrscht der reine Zufall: Er stürzt Italien und lässt anschließend eine glänzende Ausgangslage zunichtewerden. Die Geschichte erinnert uns daran, dass das Messer des Zufalls immer nach beiden Seiten schneidet. Es kann ein Wunder zustande bringen und sich dann umdrehen, um dasselbe Wunder mit einem Schnitt an der Wurzel zu beseitigen.

7. Ramsey nimmt die Flügelstürmer heraus

Auch taktisch wird Englands damaliger Titel oft unter einem handlichen Etikett abgelegt: das System ohne Flügelstürmer.

Dieses Etikett erfasst durchaus etwas Wirkliches. Die Mannschaft von Trainer Ramsey verließ sich in der K.-o.-Phase tatsächlich nicht mehr auf traditionelle Außenstürmer. In der Startelf des Finales spielte Stiles im zurückgezogenen Mittelfeld, Bobby Charlton war der weiter vorn eingesetzte Spielgestalter. Ball und Peters rückten von den Seiten nach innen. Sie waren keine reinen Flügelstürmer, die so dicht an der Seitenlinie entlangliefen, dass ihnen der Kreidestaub an den Schuhen klebte. Hunt und Hurst bildeten die beiden Angriffsspitzen. Für Breite sorgten teilweise die aufrückenden Außenverteidiger Cohen und Wilson. Dieses Spiel war nicht länger auf einen endlosen Strom von Flanken der Außenstürmer angelegt, sondern auf Kontrolle im Zentrum und eine kompakte Defensive. Später schwankten die Bezeichnungen zwischen einem engen 4-4-2 und einem 4-1-3-2. Entscheidend ist aber nicht, mit welcher Zahlenfolge man es nachträglich versieht. Entscheidend ist, dass die traditionellen Flügelstürmer herausgenommen wurden.

Es war eine Spielweise, die durch Weglassen gewann. Der Schlüssel lag nicht darin, etwas neuartig Raffiniertes hinzuzufügen, sondern darin, etwas zu entfernen, das lange als selbstverständlich gegolten hatte: die Flügelstürmer. Damals gehörte es fast zur Grundausstattung eines Angriffs, dass jemand außen an der Linie entlangdribbelte und anschließend flankte. Ramsey verzichtete ausgerechnet auf diesen Standardbaustein. Dafür bekam er mehr Dichte und Kontrolle im Zentrum und eine geschlossenere Ordnung beim Verteidigen. Er gewann, weil er ein Teil herauszuschneiden wagte, an das andere sich nicht herantrauten.

Der Gedanke, durch Herausnehmen zu gewinnen, steht in der Fußballgeschichte keineswegs allein. Bei vielen Spielweisen, die spätere Generationen als Neuerung verehren, besteht der Kern nicht in einer Ergänzung, sondern in einer Wegnahme. Jemand erkennt, dass etwas, das alle für unverzichtbar halten, entbehrlich ist und dass sein Wegfall anderswo Raum schafft. Der Fortschritt eines Aufbaus besteht oft nicht darin, immer mehr aufzutürmen. Er entsteht, weil jemand einen bestimmten Baustein aus einer Position herauszulösen wagt, die ihm scheinbar von Natur aus zukommt.

Allerdings ist auch die vollständige Erklärung von Ramseys Erfolg durch den einen genialen Einfall, ohne Flügelstürmer zu spielen, eine nachträgliche Bereinigung. Im wirklichen Jahr 1966 spielte England keineswegs vom Anfang bis zum Ende nach demselben Muster. Man probierte es von Spiel zu Spiel aus, veränderte es und fand erst in der K.-o.-Phase zu jener stabilen Form, die später in Erinnerung blieb. Aus einem Prozess voller Zweifel und Anpassungen die Geschichte eines Trainers zu machen, der von Anfang an alles im Griff hatte und mit einem einzigen Kunstgriff gewann, klingt schön, ist aber nicht wahr. Wie bei jenem Ball, dessen Unklarheit die Aufzeichnung einebnete, war der tatsächliche Verlauf weit rauer als die spätere Erzählung.

So begegnet uns in Englands Turniergeschichte überall dieselbe Kraft: beim undeutlichen Ball ebenso wie beim sauberen Etikett des Systems ohne Flügelstürmer. Es ist die Kraft, die eine raue Wirklichkeit zu einer glatten Erzählung zurechtstreicht. Sie macht Geschichte leichter erzählbar, leichter merkbar und leichter weiterzugeben. Zugleich schneidet sie unablässig und beinahe unbemerkt all das Wirkliche zurück, das nicht so ordentlich in die Form passt.

Das saubere Etikett des Systems ohne Flügelstürmer verdeckt jedoch einen keineswegs so sauberen Entstehungsprozess. Viele spätere Darstellungen erwecken den Eindruck, England habe während des gesamten Turniers mit einer unverrückbaren Formation gespielt. Was sich verlässlicher belegen lässt, ist wesentlich enger gefasst. Ramsey probierte vor und während der WM fortwährend aus, änderte fortwährend nach. Erst die englische Mannschaft der K.-o.-Phase nahm jene feste Gestalt an, die später als das Team ohne Flügelstürmer bekannt wurde. Etwas, das durch wiederholtes Feilen, Versuch und Irrtum entstanden war, wurde nachträglich unter einen griffigen Namen gebracht und zu einem Geniestreich erklärt, als hätte sein Urheber von Anfang an genau gewusst, wie es ausgehen würde. Im Grunde ist es derselbe Vorgang wie bei jenem Ball, dessen Unklarheit im Ergebnis eingeebnet wurde: Der wirkliche Prozess hat raue Kanten, die spätere Erzählung möchte sie stets restlos glätten.

Der Drang, einen rauen Prozess auf ein griffiges Etikett zu bringen, ist im Grunde derselbe wie der Drang, einen unklaren Ball in einem eindeutigen Spielstand festzuhalten. Menschen sehnen sich beinahe instinktiv nach Klarheit. Eine Vorbereitung voller Versuche, Irrtümer und Umwege lässt sich leichter merken, sobald sie auf die Worte „ohne Flügelstürmer“ schrumpft. Ein Augenblick auf der Linie, über den niemand Gewissheit hat, ist viel handlicher, sobald er als Tor gewertet wird. Doch diese Klarheit wird nachträglich aufgezwungen. Ausgelöscht werden dabei gerade jene undeutlichen Falten der Wirklichkeit, in denen oft das Wichtigste steckt.

8. Was bleibt

Führen wir das alles zusammen.

1966 gewann das Ursprungsland des Fußballs im eigenen Land seine einzige Weltmeisterschaft. Spätere Generationen erzählten davon als einer Vollendung, als wäre der Fußball endlich an seinen angestammten Platz zu Hause zurückgekehrt. Doch diese Vollkommenheit kam erst hinterher hinzu. Der Titelgewinn des Ursprungslands war kein Schicksal. Und vom Augenblick seines Gewinns an zog dieser Titel eine ganze Reihe unabschließbarer Fragen hinter sich her: den Ball, der die Linie überschritten hatte oder nicht; die Vorwürfe der Turniermanipulation; den Heimvorteil, dessen genaue Wirkung niemand benennen konnte.

Die tiefste Spur dieses Turniers hinterließ vielmehr die Einsicht, die uns jener Ball in Wembley aufdrängt. Ein Spiel muss über Sieg und Niederlage entscheiden, ein Ball als Tor gewertet werden oder nicht. So lautet das eiserne Gesetz der Regeln. Es duldet keine Unbestimmtheit. Die Wirklichkeit aber ist manchmal genau das: unbestimmt. Der Ball hängt auf jener Linie. Auch dann muss entschieden werden, auch dann muss die Aufzeichnung abgeschlossen werden, auch dann wird England Weltmeister. Auf der Ebene der Aufzeichnung ist alles sauber, eindeutig und endgültig entschieden. Die Wahrheit darunter aber, ob der Ball die Linie überschritten hat, bleibt für immer in der Schwebe. Über Sieg und Niederlage lässt sich entscheiden. Die Wahrheit lässt sich nicht feststellen. Seit jenem Augenblick haben die beiden nicht mehr zueinandergefunden.

Das ist im Grunde das Schicksal jeder Aufzeichnung. Alle Aufzeichnungen, die wir über die Vergangenheit hinterlassen, sind Festlegungen, die in einem Augenblick erzwungen wurden, in dem etwas zu einem Abschluss kommen musste. Das gilt für den Spielstand einer Partie genauso wie für ein abschließendes Urteil über einen Abschnitt der Geschichte. Sie sehen sauber, bestimmt und unbezweifelbar aus. Unter ihnen liegt jedoch oft eine Wirklichkeit, die weit unschärfer ist als sie selbst. Ein Teil ihrer Klarheit ist dadurch erkauft, dass die Unklarheit des Wirklichen mit einem Federstrich gelöscht wurde.

Wer das verstanden hat, wird auch jene Menschen mit mehr Nachsicht betrachten, deren Bild von Aufzeichnungen und Legenden gemeinsam geformt wurde. Rattín blieb als der argentinische Rüpel in Erinnerung, der grundlos Streit machte und vom Platz flog. In jenem Moment war er aber bloß ein Mensch, der sich dringend erklären wollte und seine Worte nicht einmal zu Gehör bringen konnte. Bachramow blieb als der russische Linienrichter in Erinnerung, der England begünstigte. Tatsächlich war er ein Aserbaidschaner, der im Bruchteil eines Augenblicks ein Urteil fällte, dessen er sich womöglich selbst nicht völlig sicher war. Aufzeichnungen und Legenden pressen lebendige Menschen zu Symbolen zusammen. Sobald das Symbol steht, verschwindet der Mensch aus Fleisch und Blut dahinter.

Das Turnier von 1966 hinterließ also nicht nur einen Pokal für das Ursprungsland, sondern auch ein Problem im Verhältnis zwischen Aufzeichnung und Wahrheit. Die Aufzeichnung ist eine Festlegung, die Menschen erzwingen, damit eine Sache abgeschlossen werden kann. Die Wahrheit liegt unter dieser Festlegung und bleibt oft unerreichbar. Meistens liegen beide so nahe beieinander, dass man sie nicht unterscheiden muss. Doch immer wieder gibt es Augenblicke wie jenen Ball in Wembley, die den Spalt zwischen ihnen vor aller Augen aufreißen. Erst dann müssen Menschen anerkennen, wie viele ungeklärte Falten unter den sauberen Einträgen verborgen liegen, auf die sie sich stützen, um sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Dieses Problem gehört nicht allein dem Fußball. Fast alles, worauf Menschen ihr Wissen über die Vergangenheit gründen, ist irgendeine Form von bereits geordneter und beurteilter Aufzeichnung. Unter welchem Eintrag liegt nicht etwas verborgen, das schon damals niemand genau sah und dem später erst recht nicht mehr nachzugehen ist? Nur weil die Regeln des Fußballs so entschieden sind, seine Augenblicke so dicht aufeinanderfolgen und seine Streitfälle so sichtbar werden, vergrößert er vor aller Augen ein Problem, das jeden betrifft und über das kaum jemand gründlich nachdenkt. Jener Ball in Wembley ist weniger ein ungelöster Fall des Fußballs als ein Spiegel. Er zeigt die Grenze, die alle Aufzeichnungen miteinander teilen.

Das Schwerste ist vielleicht nicht, einen bestimmten ungelösten Fall hinzunehmen. Es ist, diese Grenze selbst anzuerkennen und zu akzeptieren, dass keine Aufzeichnung so verlässlich ist, wie sie aussieht.

Spätere Generationen mochten die Sache nie einfach offenlassen. Also kamen technische Rekonstruktionen, endlose Debatten und die Stalingrad-Legende hinzu, die selbst der Betroffene bestritt. Diese Bemühungen zeigen gerade, wie schwer Menschen eine Frage ertragen, auf die es niemals eine Antwort geben wird. Doch je mehr sie nach ihr greifen, desto weniger bekommen sie sie zu fassen. Der Augenblick ist vergangen, die zurückgebliebenen Bilder waren von Anfang an unscharf. Niemand kann aus dieser Unschärfe eine unumstößliche Wahrheit herauspressen.

Und jene beiden Menschen, die in diese ungeklärte Geschichte hineingerieten? Der argentinische Kapitän, der an der Sprachbarriere stand, seine Binde zeigte und vergeblich um einen Dolmetscher bat; der Linienrichter, der in wenigen Sekunden eine Entscheidung traf und danach den größeren Teil seines Lebens auf diese Entscheidung und auf einen Satz festgelegt wurde, den er nie gesagt hatte? Auch sie waren lebendige Menschen. Beide aber wurden zu einem Symbol in diesem Streitfall zusammengepresst. Aufzeichnungen finden einen Abschluss, Legenden leben weiter. Ausgerechnet die Menschen, die jenen Augenblick wirklich durchlebt, geurteilt und gestritten haben, werden am leichtesten gemeinsam von der sauberen Aufzeichnung und der lautstarken Legende verdeckt.

Ob dieser Ball vollständig hinter der Linie war, kann niemand mehr klären. Gerade dieses Ungeklärte, dieses Dilemma, entscheiden zu können und doch keine Gewissheit zu gewinnen, lässt die Menschen sechzig Jahre nach dem Spiel noch immer darüber streiten. Jede neue Debatte, für die man die alten Bilder wieder hervorholt, bestätigt nur erneut: Bei manchen Dingen lässt sich die Aufzeichnung festnageln, während die Wahrheit für immer unbestimmbar bleibt. Der Zyklus ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.