Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 06 von 22

Chile

Wunder und Barbarei sind im Grunde dasselbe

(Einstiegspunkt: die Fußball-Weltmeisterschaft 1962 in Chile)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

1. Die Titelverteidigung

1962 holte Brasilien in Chile erneut den WM-Pokal. Im Finale besiegte die Mannschaft die Tschechoslowakei mit 3:1 und verteidigte ihren Titel.

Diese brasilianische Mannschaft war fast noch dieselbe wie vier Jahre zuvor. Legt man die Startaufstellungen der Endspiele von 1958 und 1962 nebeneinander, findet man unter den elf Spielern acht alte Bekannte: Gilmar, Djalma Santos, Nílton Santos, Zito, Garrincha, Didi, Vavá und Zagallo standen alle wieder auf ihren angestammten Positionen. Im gesamten Turnier setzte Brasilien nur zwölf Spieler ein: im Wesentlichen die erste Elf und dazu einen Ersatzmann, Amarildo. Noch immer war die Mannschaft um den Kern von 1958 herum aufgebaut.

Zwei Weltmeisterschaften hintereinander zu gewinnen, war in der Geschichte dieses Turniers nie etwas Alltägliches. Wer den Gipfel erreicht und vier Jahre später mit weitgehend denselben Spielern noch einmal hinaufkommt, muss über eine seltene Beständigkeit verfügen. Brasilien stützte sich nicht auf einen von Grund auf erneuerten Kader, sondern auf einen vielfach bewährten Kern. Acht Spieler, die schon das Finale von 1958 bestritten hatten, nahmen im Endspiel von 1962 wieder ihre vertrauten Plätze ein. Dass eine Mannschaft vier Jahre lang derart Bestand hat, zeigt: Hier hatten sich längst nicht mehr bloß zufällig einige Genies zusammengefunden. Eine wirkliche Struktur war entstanden, die der Zeit standhielt.

Doch so stabil diese Struktur auch war, dieser Sieg unterschied sich von dem vier Jahre zuvor. 1958 hatten sich außergewöhnliche Spieler auf dem Höhepunkt ihres Könnens frei entfaltet und auf glänzende, schöne Weise gewonnen. 1962 musste sich Brasilien durch Ausfälle, Aggression und unvorhergesehene Rückschläge hindurchkämpfen. Derselbe Pokal, einmal mit Leichtigkeit emporgehoben, einmal unter einer schweren Last. Gerade dieser schwer errungene Titel machte weitere Gesichter des Fußballs sichtbar, die gewöhnlich verborgen bleiben.

Solange eine Mannschaft ungestört von Sieg zu Sieg zieht, sieht Fußball einfach aus: Wer technisch besser ist, schießt den Ball ins gegnerische Tor. Wird dieser günstige Lauf jedoch unterbrochen, wie 1962, und brechen Zufall, Aggression und Kontrollverlust nacheinander herein, treten unter dem Glanz des Siegens nach und nach andere Gesichter hervor. Es geht offenbar um mehr als den Vergleich technischen Könnens. Glück spielt hinein, Gefühle spielen hinein und jene Seiten der menschlichen Natur, die weniger ansehnlich sind. Erst wer auch sie erkennt, sieht den Fußball als Ganzes.

Die Turniere von 1958 und 1962 zeigen zwei völlig verschiedene Erscheinungsformen dieses Sports. Auf der einen Seite das Strahlen unter günstigen Umständen: Das Genie entfaltet sich, der Sieg ergibt sich wie von selbst. Auf der anderen Seite das von Widrigkeiten gezeichnete Gesicht: Zufälle, Aggression und Kontrollverlust folgen aufeinander, der Weg zum Sieg ist holprig. Erst beide Bilder zusammen ergeben das ganze Gesicht des Fußballs. Dieselben Spieler führten innerhalb von vier Jahren seine hellste und seine vielschichtigste Seite vor.

Dieser zweite Titel hatte also ein anderes Gesicht. 1958 hatte ein Land, das viel zu lange gewartet hatte, mithilfe einer Gruppe von Genies und eines schwer erklärbaren Funkens Eingebung endlich gewonnen. Darin lag das Strahlen eines jungen Menschen, dem früh Großes gelingt. Der Titel von 1962 war sehr viel schwerer und unter sehr viel komplizierteren Umständen errungen. Die Mannschaft verlor mitten im Turnier ihren hellsten Stern. Sie kämpfte sich durch ein von Aggression erfülltes Turnier. Und ihr überragender Spieler vollbrachte in ein und demselben Spiel Wunder, die der Welt den Atem nahmen, und beging zugleich eine so rohe Tätlichkeit, dass er vom Platz gestellt wurde.

In Erinnerung blieben von dieser Weltmeisterschaft vor allem zwei beinahe gegensätzliche Dinge. Da war Garrinchas Genie, das Brasilien nach Pelés Verletzung fast im Alleingang ins Finale trug. Und da war Chile gegen Italien, die sogenannte Schlacht von Santiago, eines der brutalsten Spiele der WM-Geschichte. Das eine war so schön, dass man sich darin verlieren konnte, das andere so hässlich, dass man kaum hinsehen mochte. Gewöhnlich erzählt man davon getrennt, als verkörpere das Erste das Wesen des Fußballs und das Zweite seine Schande. Hier geht es gerade darum, dass beides nicht voneinander zu trennen ist.

2. Pelés Verletzung

Die Wendung kam früh.

Pelé erwischte einen hervorragenden Start in dieses Turnier. Beim 2:0 im Auftaktspiel gegen Mexiko bereitete er Zagallos Führungstreffer vor und erzielte das zweite Tor selbst. Alles wirkte wie die Fortsetzung dessen, was der Junge von 1958 begonnen hatte. Nur galt er inzwischen unbestritten als der größte Star des Weltfußballs.

Pelé war also nicht angeschlagen angereist, sondern in Bestform. 1962 war er nicht mehr jener Jugendliche von 1958, der sich erst noch beweisen musste. Die ganze Welt erkannte ihn als ihren besten Fußballer an. Er sollte Brasiliens größter Trumpf bei der Titelverteidigung sein. Vermutlich ging jede Planung stillschweigend davon aus, dass er das Turnier von Anfang bis Ende bestreiten würde.

Dann verletzte er sich im zweiten Spiel, beim 0:0 gegen die Tschechoslowakei. Nach den Darstellungen der FIFA und von Reuters zog er sich dabei eine Zerrung der Oberschenkelmuskulatur zu und konnte den Rest des Turniers nur noch von draußen verfolgen. Manche späteren Nacherzählungen sprechen von einer Leistenverletzung. Die verlässlichste Darstellung nennt jedoch eine Oberschenkelzerrung im zweiten Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei. Wo genau die Verletzung saß, ändert nichts an dem übereinstimmenden Kern: Pelés Weltmeisterschaft war noch in der Gruppenphase vorbei.

Für einen Titelverteidiger bedeutete das, dass ihm praktisch schon zu Beginn der entscheidende Trumpf aus der Hand geschlagen wurde. Ein mit aller Kraft ausgearbeiteter und um den größten Star herum angelegter Plan war im zweiten Spiel wegen eines gezerrten Muskels zum größten Teil hinfällig. Ob und wann dieser Muskel nachgeben würde, hatte niemand einplanen können. Keine noch so gründliche Vorbereitung schützt eine Mannschaft vor einem solchen Zufall, der sie aus heiterem Himmel trifft. Ist er erst einmal eingeschlagen, bleibt ihr nur, nachzusehen, was ihr noch zur Verfügung steht und wie sie damit weiterkommt.

Verliert ein Titelverteidiger bereits in der Gruppenphase seinen besten Spieler, müsste das eigentlich eine Katastrophe sein. Brasilien musste sich ja zunächst überhaupt für die nächste Runde qualifizieren. Im letzten Gruppenspiel gegen Spanien geriet die Mannschaft zeitweilig in Rückstand. Erst Amarildo, der für Pelé in die Mannschaft gerückt war, drehte das Spiel mit zwei Toren in den letzten zwanzig Minuten zum 2:1 und brachte Brasilien in die K.-o.-Runde. So übernahm Amarildo Pelés Platz im Angriff. Ein Spieler, für den keine Hauptrolle vorgesehen gewesen war, stand durch die Verletzung eines anderen plötzlich im Scheinwerferlicht.

Als Amarildo einsprang, bewältigte die Mannschaft etwas ausgesprochen Schwieriges: Sie schrieb mitten in einem großen Turnier ihre Spielweise um. Ohne Pelé mussten das Zusammenspiel im Angriff, die Laufwege und der Abschluss neu aufeinander abgestimmt werden. Doch genau das gelang ihr, und mit jedem Schritt wurde sie sicherer. Der Plan, dem sein größter Trumpf genommen worden war, brach nicht zusammen. Stattdessen entwickelte sich daraus eine neue Art, zu bestehen.

Pelés Verletzung zog damit einen zunächst verdeckten Erzählfaden durch das gesamte Turnier. Einer der großen Favoriten hatte im zweiten Spiel erleben müssen, wie ein Zufall sein Drehbuch für den Titelgewinn zur Hälfte zerriss. Nun musste die Mannschaft es an Ort und Stelle neu schreiben. Die Titelverteidigung kam am Ende nicht dadurch zustande, dass ein ursprünglicher Plan bis zum Schluss ablief. Sie wurde erst zusammengesetzt, nachdem dieser Plan durcheinandergeraten war. Im Fußball ist das der Normalfall: Selbst das beste Drehbuch muss sich von Zwischenfällen umschreiben lassen, über die kein Autor verfügt.

Das Bemerkenswerteste an diesem verdeckten Faden ist, dass er Brasilien am Ende nicht zu Fall brachte, sondern anderen Spielern ihre große Stunde ermöglichte. Ohne Pelés Verletzung hätte Amarildo womöglich das ganze Turnier auf der Ersatzbank verbracht. Vielleicht wäre auch Garrincha in jenen beiden Spielen, die ihn zur Legende machten, nie so sehr gezwungen gewesen, alles auf eine Karte zu setzen. Derselbe Zufall, der einen Menschen zu Boden wirft, wendet sich um und schiebt andere auf die Bühne. Der Zufall nimmt nicht nur, er gibt auch. Wem er gibt und wem er etwas nimmt, dafür interessiert ihn allerdings kein einziger Plan.

Brasiliens Glück bestand 1962 nicht darin, vom Zufall verschont geblieben zu sein. Es bestand darin, dessen Folgen auffangen zu können. Dieselbe Verletzung hätte für eine Mannschaft mit schwachem Fundament den Beginn eines Zusammenbruchs bedeuten können. Brasilien hingegen fing den Schlag mit Amarildo und Garrincha Stück für Stück auf. Der Zufall trifft alle gleichermaßen. Doch ob eine Mannschaft ihn auffangen kann, ist eine ganz andere Frage. Gerade dieses Können unterscheidet einen ausgereiften Aufbau von einer Gruppe kurzfristig zusammengebrachter Stars.

Darin steckt bereits ein Gedanke, der später immer wiederkehren wird. Der beste Spieler einer Mannschaft fiel aus, aber die Mannschaft fiel nicht mit ihm. Sie setzte einen anderen Spieler ein, fand eine andere Art zu gewinnen und ging weiter.

3. Garrincha trägt die Last allein

Als Pelé ausfiel, war es Garrincha, der die Mannschaft auf seine Schultern nahm.

Im Viertelfinale gegen England gewann Brasilien mit 3:1, Garrincha traf zweimal. Der Rückblick der FIFA beschreibt Garrincha in diesem Spiel in seiner glanzvollsten Form: eine meisterhafte Vorstellung. Im Halbfinale gegen Chile erzielte er erneut zwei Tore, Brasilien gewann 4:2. Vier Treffer in zwei K.-o.-Spielen: Auf seinen krummen Beinen führte Garrincha Brasilien Schritt für Schritt ins Finale.

Gegen den Garrincha dieser beiden Spiele war keine Abwehr gewappnet. Die FIFA spricht rückblickend auf das England-Spiel von Garrincha in seiner glanzvollsten Form. Wieder und wieder brach er allein auf der rechten Seite durch, ließ die gegnerischen Verteidiger ins Leere taumeln und schloss dann selbst ab oder brachte den Ball genau dorthin, wo er am gefährlichsten war. Ein Mann, der wegen seiner Beinerkrankung eigentlich schon früh hätte aussortiert werden müssen, wurde in der K.-o.-Runde einer Weltmeisterschaft zum schärfsten, unaufhaltsamsten Angreifer.

Auch im Halbfinale gegen Chile, in feindseliger Atmosphäre, traf Garrincha zweimal. Unter einem solchen Druck in zwei aufeinanderfolgenden K.-o.-Spielen jeweils einen Doppelpack zu erzielen und den Titelverteidiger auf den eigenen Schultern weiterzutragen: Selbst in der WM-Geschichte lassen sich Leistungen dieser Art an einer Hand abzählen. Kein Wunder, dass es hinterher hieß, er habe die Weltmeisterschaft allein gewonnen. Der überwältigende Eindruck, aus dem dieser Satz entstand, war echt. Nur verdeckte er am Ende die ebenso entscheidenden Verdienste anderer.

Den anderen ihre Verdienste zurückzugeben, schmälert Garrinchas Bedeutung jedoch um nichts. In einer Mannschaft kann es mehrere Lichtquellen geben. Aber das hellste dieser Lichter lässt sich deshalb noch lange nicht ersetzen. Vavá und Zito konnten manches auffangen, doch das, womit Garrincha auf der rechten Seite eine ganze Abwehr außer Kraft setzte, konnten sie nicht liefern. Es ließ sich in keinem taktischen Plan berechnen und auf keinem Trainingsplatz herstellen. Es gehörte allein diesem einen Mann mit den krummen Beinen. Brasilien konnte den Verlust Pelés verkraften. Hätte es aber auch niemanden vom Schlage eines Garrincha gehabt, wäre es vermutlich nicht bis ins Finale gekommen. Der Einzelne lässt sich nicht ersetzen, und das System kann nicht alles übernehmen. Beides ist unverzichtbar.

Damit wird das feine Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem System deutlicher. Das System braucht den Einzelnen, weil es den hellsten Funken Eingebung nicht selbst erzeugen kann. Der Einzelne braucht wiederum das System, weil auch die strahlendste Eingebung Mitspieler benötigt, die sich anbieten und die Lücken schließen. Sonst bleibt sie ein Solotanz ohne Wirkung. Beide sind aufeinander angewiesen, doch keines kann das andere ganz in sich aufnehmen. Eine wirklich starke Mannschaft besitzt beides in der richtigen Form, statt alles auf eines von beiden zu setzen.

Brasilien verfügte 1962 über beides. Es hatte in Garrincha einen durch niemanden ersetzbaren Funken und zugleich eine Struktur, die sich nach Pelés Ausfall rasch neu ordnen konnte. Hätte eines von beiden gefehlt, wäre dieser Titel vermutlich unerreichbar geblieben. Deshalb greift es zu kurz, den Erfolg allein Garrincha zuzuschreiben oder allein dem lange eingespielten System. Die wirkliche Antwort liegt zwischen beiden. Bei den genauen Spielminuten der Tore weichen die Datenbanken geringfügig voneinander ab, was bei einer Zeit ohne digitale Aufzeichnungen häufig vorkommt. Die Ergebnisse, die Torschützen und Garrinchas Überlegenheit stehen dagegen fest.

Gerade diese beiden Auftritte brachten den weitverbreiteten Satz hervor: Garrincha habe diese Weltmeisterschaft allein gewonnen.

Wörtlich genommen geht dieser Satz zu weit. Einen wahren Kern erfasst er durchaus: Nach Pelés Verletzung war Garrincha tatsächlich der herausragende Spieler und erzielte in den K.-o.-Spielen auf dem Weg ins Finale vier Tore. Doch Brasilien wurde nicht nur seinetwegen Weltmeister. Amarildos Doppelpack gegen Spanien hatte die Mannschaft überhaupt erst durch die Gruppenphase gebracht. Vavá traf gegen England, gegen Chile und gegen die Tschechoslowakei. Zito erzielte im Finale das entscheidende Tor zur Führung. Die romantische Formel erfasst Garrinchas zentrale Stellung, erklärt aber nicht, dass die Beiträge, die tatsächlich über Sieg und Niederlage entschieden, auf mehrere Spieler verteilt waren.

Das zu erkennen heißt nicht, Garrincha kleiner zu machen. Es heißt, die wirkliche Stärke dieser Mannschaft genauer zu sehen. Ihre Stärke lag nicht darin, dass sie einen Garrincha besaß, sondern darin, dass selbst nach dem Ausfall des Spielers, auf den sie sich am meisten verließ, andere hervortreten konnten. Fiel Pelé aus, war Amarildo da. Wurde Garrincha aus dem Spiel genommen, gab es Vavá und Zito. Eine Mannschaft, in der nur einer leuchtet, ist zerbrechlich: Erlischt er, steht die ganze Mannschaft im Dunkeln. Brasilien hatte 1962 mehr als eine Lichtquelle. Darin lag der eigentliche Grund, warum es auch ohne Pelé bis zum Ende kommen konnte.

Das knüpft an den Gedanken von vier Jahren zuvor an. Der Spieler, von dem eine Mannschaft am stärksten abhängt, kann nicht allein alles entscheiden, ob er nun Pelé heißt oder Garrincha. So wundersam Garrincha spielte: Jemand musste seine Flanken in Tore verwandeln. Jemand musste hervortreten, wenn er von der Deckung ausgeschaltet wurde. Der Einzelne ist unersetzlich, doch eine Mannschaft ist niemals die Einmannvorstellung eines Einzelnen. Sie konnte den Verlust Pelés verkraften. In gewissem Sinne durfte von ihr aber auch nicht nur ein Garrincha übrig bleiben.

4. Ein Mensch und zwei Gesichter

Doch eben dieser Garrincha, der Brasilien ins Finale trug, hinterließ im Halbfinale gegen Chile auch eine andere Szene.

Zunächst schoss er zwei Tore. Das war die Seite des Genies. Dann, kurz vor Schluss, ungefähr in der 83. Minute, wurde er vom Platz gestellt. Nach der gängigen Darstellung hatte er, nachdem er wiederholt gefoult worden war, dem Chilenen Eladio Rojas das Knie hineingerammt. Es war eine Revancheaktion. Eben noch hatte dieser Mann mit seinen Dribblings das ganze Stadion staunen lassen. Einen Augenblick später beendete eine rohe Tätlichkeit seinen Auftritt.

Dasselbe Spiel, derselbe Mensch, zwei Gesichter. Eben noch ein Wunder, gleich darauf Barbarei.

Dass beide Gesichter im selben Spiel zu demselben Menschen gehörten, zwingt zu einer unangenehmen Frage: In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Man kann es sich leicht machen und sie auseinandertrennen. Dann wäre der Garrincha, der Wunder vollbrachte, der wahre Garrincha, und der Garrincha, der vom Platz gestellt wurde, wäre bloß für einen Moment außer sich gewesen. Doch diese Trennung hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Sie hält ihr deshalb nicht stand, weil beide Gesichter von demselben inneren Vorrat zehrten. Garrincha kam aus der gegnerischen Verfolgung und Umzingelung heraus, weil er einen wagemutigen, ungestümen Kampfgeist besaß, der sich um nichts scherte. Und genau dieser Wagemut, dieser Kampfgeist ließ ihn schließlich mit dem Knie zurückschlagen, nachdem er ein ums andere Mal zu Boden getreten worden war. Schöpferisch tätig, war diese Kraft Genie. Außer Kontrolle geraten, war sie Barbarei. Doch es war immer dieselbe Kraft. Wer den Garrincha will, der sich aus ausweglosen Situationen herausdribbelt, kann schwerlich zugleich einen Garrincha verlangen, der immer fügsam bleibt und niemals zornig wird. Beide sind ein und derselbe Mensch.

Das anzuerkennen entschuldigt Garrinchas Kniestoß nicht. Das Foul bleibt ein Foul und muss entsprechend bestraft werden. Doch etwas zu verstehen und es zu verzeihen sind zwei verschiedene Dinge. Verstehen heißt, den ganzen Menschen zu sehen, statt die eine Hälfte zu verehren und die andere zu beschimpfen. Garrincha war weder ein Gott, der ausschließlich Schönheit erschuf, noch ein Raufbold, der nur Unheil stiftete. Er war ein Mensch mit einem ungeheuren Talent und zugleich mit dem gewöhnlichen Temperament und den Schwächen eines Menschen. Ihn als diesen Menschen aus Fleisch und Blut wieder sichtbar zu machen kommt der Wahrheit viel näher und erweist ihm mehr Respekt, als ihn zur makellosen Legende zu erheben.

Gerade dieses Ganze verweigern spätere Erzählungen über Genies ihren Helden besonders hartnäckig. Man möchte aus ihnen makellose Idole machen, ihre Launen, ihre Schwächen und ihre Ausbrüche tilgen und nur die glänzende Seite bewahren. Doch häufig ist gerade das Getilgte der Grund, warum ein Genie dieser lebendige Mensch ist und keine Statue. Garrinchas Größe schloss seine Unvollkommenheit von Anfang an ein. Beides lässt sich nicht auseinandernehmen.

Wer diesen Gedanken zu Ende denkt, wird auch die Gefühlsausbrüche auf dem Spielfeld mit etwas mehr Verständnis betrachten. Die heftigen Auseinandersetzungen und die Momente des Kontrollverlusts haben gewiss ihre hässliche Seite. Doch sie wachsen auf demselben Boden wie die Augenblicke, die uns am tiefsten bewegen. Einen Boden, auf dem nur schöne Blumen und nie ein einziger Unkrauthalm wachsen, gibt es nicht.

Wenn von Garrincha die Rede ist, erzählt man am liebsten von der ersten Seite: von dem Genie, das mit dem Ball durch die Gegner ging, als wäre niemand da; von dem Mann, der mit fehlgebildeten Beinen den freiesten Fußball spielte. Diese Seite ist wahr. Aber ebenso wahr ist die andere: der Mensch, den die Tritte seiner Gegenspieler so wütend machten, dass er mit dem Knie Vergeltung übte und vom Platz gestellt wurde. Wer ihn nur als reinen Künstler beschreibt, lässt eine Hälfte weg. Wer ihn nur als brutalen Spieler beschreibt, unterschlägt die andere. Er war ein ganzer Mensch, in dem eine bewundernswerte Eingebung und ein aufbrausendes, bisweilen unbeherrschtes Temperament zugleich lebten. Und sie wohnten keineswegs in zwei sauber getrennten Räumen.

Ganz im Gegenteil: Was ihn zu solchen Wundern befähigte und was ihn zu solchen Rohheiten brachte, war sehr wahrscheinlich ein und dieselbe Sache, die rückhaltlose Intensität, mit der er sich dem Spiel hingab. Ein Mensch, dem Sieg und Niederlage gleichgültig sind und den auch der körperliche Zusammenprall unberührt lässt, würde vermutlich weder Garrinchas Dribblings zustande bringen noch Garrinchas Foul begehen. Wendet sich diese Kraft zum Guten, wird sie zum Genie. Wendet sie sich zum Schlechten, wird sie zur Barbarei. Beide haben dieselbe Wurzel.

5. Die Schlacht von Santiago

Was hier an einem einzelnen Spieler sichtbar wird, zeigt die Schlacht von Santiago im Maßstab eines ganzen Spiels.

Am 2. Juni 1962 trafen im Nationalstadion von Santiago Chile und Italien aufeinander. Ein britischer Fernsehkommentator bezeichnete die Partie später als das dümmste, entsetzlichste, widerlichste und beschämendste Fußballspiel, das er je gesehen habe. Geleitet wurde sie vom englischen Schiedsrichter Ken Aston.

Von Anfang an war die Atmosphäre dieses Spiels hochexplosiv. Chile war gerade von einem gewaltigen Erdbeben getroffen worden und setzte nun die Kräfte des ganzen Landes ein, um diese Weltmeisterschaft auszurichten. Das Turnier sollte die Gelegenheit sein, sich vor der Welt zu beweisen. Italien reiste mit einer starken Mannschaft und einer gehörigen Portion Hochmut an. Als diese beiden Gemütslagen auf dem Rasen aufeinanderprallten, überließ die Vernunft das Feld sehr bald den Fäusten.

Was auf dem Platz geschah, steht fest. Das Publikum sah Spucken, beidbeinige Grätschen, Faustschläge, Handgemenge und Polizisten auf dem Spielfeld. Italiens Ferrini wurde des Feldes verwiesen, weigerte sich aber zu gehen. Am Ende führten ihn Polizisten ab. Der Chilene Leonel Sánchez brach dem Italiener Maschio mit einem Faustschlag die Nase. Weder der Schiedsrichter noch seine Linienrichter hatten den Schlag gesehen. Später wurde auch Italiens Mario David vom Platz gestellt, weil er Sánchez einen Tritt versetzt hatte. Chile gewann schließlich 2:0. Es war eines der gewalttätigsten und chaotischsten Spiele der WM-Geschichte.

Dass hier von einem der gewalttätigsten Spiele die Rede ist und nicht von dem gewalttätigsten, hat seinen Grund. Ob ein Spiel tatsächlich das brutalste aller Zeiten war, lässt sich nicht präzise ausmessen. Manche Tatsachen wiegen schon schwer genug, ohne dass eine absolute Behauptung sie noch größer machen müsste: ein Haken, der ein Nasenbein brach, zwei Platzverweise, ein Spieler, der von Polizisten abgeführt werden musste, und wiederholte Polizeieinsätze auf dem Rasen. Schon diese Aufzählung lässt keinen Zweifel daran, wie sehr dieses Spiel außer Kontrolle geraten war.

Diese Barbarei entstand jedoch nicht aus dem Nichts. Ihre Vorgeschichte lässt sich nachvollziehen. Vor dem Spiel hatten italienische Medien Chile mit scharfer Feder verhöhnt und infrage gestellt, ob das Land überhaupt würdig sei, eine Weltmeisterschaft auszurichten. Die chilenischen Medien antworteten ebenso nationalistisch und ebenso schonungslos. Noch bevor der erste Ball gespielt war, hatten die Zeitungen auf beiden Seiten aus einem sportlichen Wettkampf ein Duell um die Würde zweier Nationen entfacht. Als die zweiundzwanzig Spieler schließlich auf dem Rasen standen, bewegten sie mit ihren Füßen längst nicht mehr nur einen Ball. Mit ihm trugen sie die gesamte Feindseligkeit aus, die die Medien zwischen beiden Ländern angeheizt hatten.

Deshalb sollte man die Rohheit dieses Spiels nicht einfach damit erklären, dass die Spieler der einen oder anderen Seite von Natur aus grob gewesen seien. Es war ein Feuer, das nationale Gefühle außerhalb des Stadions immer wieder mit Öl genährt hatten, bis es auf dem Spielfeld aufloderte. Sobald man ein Fußballspiel in ein Gefäß namens nationale Würde gießt, ist es nicht länger bloß ein Fußballspiel. So viel nationaler Stolz und so viel nationale Demütigung darin Platz finden, so viel Aggression kann daraus auf dem Rasen aufflammen.

Genau das ist der Preis dafür, ein Spiel in dieses Gefäß der nationalen Würde zu stecken. Für sich genommen besteht es nur darin, dass zweiundzwanzig Menschen um einen Ball kämpfen. So viel Hass ist darin nicht angelegt. Er wird von außen hineingegossen, von den Medien Artikel für Artikel angehäuft. Die Gefühle, die sich zwischen den beiden Ländern aufgestaut haben, finden darin ein Ventil. Lastet all das schließlich auf diesen neunzig Minuten, wird der Platz zum entzündeten Pulverfass. Und die Spieler werden zu denen, die auf dem Rasen stellvertretend für eine viel größere Auseinandersetzung kämpfen.

Eben deshalb trifft es den Kern nicht, die Schlacht von Santiago einfach als Ausschreitung von Barbaren zu beschimpfen. Gewiss trugen die Spieler Verantwortung dafür, dass sie im Spiel die Kontrolle verloren. Doch die Zündschnur zu dieser Gewalt hatten Menschen außerhalb des Spielfelds schon lange vorher gelegt. Die Medien hatten ein Spiel zu einem Krieg um nationale Würde aufgebauscht. Die Fans hatten die Gefühle eines ganzen Landes auf diese zweiundzwanzig Menschen geladen. Als das alles auf dem Rasen explodierte, starrte man dennoch nur auf die wenigen, die dort mit den Fäusten zuschlugen. Was man eigentlich sehen müsste, ist die Zündschnur, die von draußen bis auf den Platz brannte.

Diese Zündschnur ist in der Geschichte des Fußballs immer wieder neu angezündet worden. Ein Spiel zu einem Kräftemessen zwischen Staaten zu erheben gehört zu den ältesten und gefährlichsten Versuchungen dieses Sports. Es kann einer Begegnung ein Gewicht verleihen, das weit über den Sport hinausgeht, und Hunderte Millionen Menschen mitfiebern lassen. Dasselbe Gewicht kann aber jederzeit in Gewalt auf dem Rasen und in Zusammenstöße auf den Tribünen umschlagen. Die Schlacht von Santiago war nur eine besonders bittere Frucht dieser Versuchung. Sie erinnert daran, dass Fußball aufhören kann, Fußball zu sein, sobald er als Stellvertreter für etwas anderes dienen soll.

Am ratlosesten macht dabei, dass sich der Drang, ein Spiel zum Kampf zwischen Nationen zu erheben, kaum ausrotten lässt. Solange es Staaten gibt und solange Staaten miteinander konkurrieren, wird eine Bühne wie die Weltmeisterschaft unvermeidlich mit Bedeutungen aufgeladen, die über den Sport hinausgehen. Die Menschen können offenbar nicht einfach nur ein Spiel ansehen. Sie wollen darin ihr Land erkennen, seine Würde und die größeren Dinge hinter Sieg und Niederlage. Dieses zusätzliche Gewicht erklärt, warum eine Weltmeisterschaft so tief bewegt. Es ist zugleich die Ursache dafür, dass so leicht Aggression aus ihr hervorschlägt.

6. Schönheit und Gewalt haben dieselbe Wurzel

Garrinchas Spiel und die Partie von Santiago erzählen im Grunde von zwei Seiten derselben Sache.

Der Fußball beschreibt sich gern als schöne Kunst, als reine Freude. Im Portugiesischen gibt es den Ausdruck „jogo bonito“, das schöne Spiel, der genau diese Sehnsucht nach Schönheit bezeichnet. Die Schlacht von Santiago ist die Kehrseite dieser Sehnsucht: das hässliche, gewalttätige, kaum erträgliche Gesicht des Fußballs. Instinktiv halten wir die Schönheit für sein eigentliches Wesen und die Gewalt für seinen Verfall, für einen Zwischenfall, der gar nicht hätte eintreten dürfen.

Dieser Instinkt ist verständlich. Jeder glaubt lieber, dass das, was er liebt, rein sei und das Hässliche bloß ein zufällig aufgespritzter Fleck, den man nur abwischen müsse. Leider ist die Sache nicht so sauber.

Denn beides lässt sich nicht trennen.

Was den Fußball schön macht und was ihn gewalttätig macht, ist ein und dasselbe: die Intensität, mit der die Menschen sich in ihn werfen. Der Wille, unbedingt gewinnen zu müssen, die entflammte Leidenschaft, die Spannung mit hoher Geschwindigkeit zusammenprallender Körper, der Ernst, mit dem ein Spiel wichtiger genommen wird als alles andere. Genau das trug Garrinchas Wunder. Genau das ließ auch das Handgemenge von Santiago aufflammen. Schönheit und Gewalt entstehen, wenn sich diese Intensität in zwei verschiedene Richtungen bewegt. Es sind keine zwei getrennten Dinge, sondern zwei Seiten ein und derselben Sache.

Man frage sich nur, was ein Spiel sehenswert macht. Dass die Spieler laufen, als ginge es um ihr Leben. Dass sie dem Gegner nicht den kleinsten Vorteil gönnen. Dass sie sich so hineingeben, als wäre der Ausgang wichtiger als alles andere. Erst diese Intensität, mit der Körper und Geist restlos aufs Spiel gesetzt werden, erzeugt die Augenblicke, die uns eine Gänsehaut machen. Doch genau dieselbe Intensität wird, sobald sie außer Kontrolle gerät und die Grenze überschreitet, zur brutalen Grätsche, zum Faustschlag, zum Handgemenge wie in Santiago. Schönheit und Gewalt trinken aus demselben Brunnen.

Die Gewalt im Fußball ist deshalb ein Rest, den dieser Sport niemals ganz beseitigen kann. Man kann sie verurteilen, sie bestrafen und alles daransetzen, sie einzudämmen. Aber man kann sie nicht mit der Wurzel ausreißen und zugleich jene Intensität bewahren, die den Fußball so bewegend macht. Denn sie ist die Quelle der Schönheit und die Quelle der Gewalt. Wer das Erste will, muss mit dem Risiko leben, dass das Zweite jederzeit hervorbrechen kann. Ein vollständig gezähmter Sport, aus dem keinerlei Aggression mehr hervorschlagen könnte, würde vermutlich auch niemanden mehr entflammen.

Darin liegt eine Wahrheit, die man ungern annimmt. Wir lieben am Fußball gerade seine Intensität, seine Rücksichtslosigkeit gegenüber allem anderen, jenen Augenblick, in dem er den ursprünglichsten menschlichen Drang zu siegen freisetzt. Zugleich wünschen wir uns, dass er immer sauber bleibt, immer zivilisiert und niemals Grenzen überschreitet. Diese Wünsche widersprechen sich zum Teil. Wir wollen das Licht und die Wärme dieses Feuers, wünschen uns aber, dass es niemals jemanden verbrennt. Das ist nahezu unmöglich. Höchstens lässt sich um das Feuer ein Ofen bauen, damit es weniger Menschen verletzt. Das Feuer selbst können und sollten wir dagegen nicht löschen.

Dass der Fußball die Menschen seit mehr als hundert Jahren bewegt, liegt nie daran, wie zivilisiert er ist, sondern daran, wie wahrhaftig er ist. Er zeigt unverhüllt den instinktivsten Siegeswillen und die ursprünglichste Leidenschaft des Menschen: den Siegestaumel, die Tränen nach einer Niederlage, mitunter sogar die Handgreiflichkeit, wenn die Wut zu groß wird. Diese ungeschminkte Wahrhaftigkeit trifft die Menschen tiefer als vieles, das weit gesitteter ist. Und diese Wahrhaftigkeit und die gelegentlich hervortretende Barbarei sind zwei Enden derselben Sache. Wer jene Wahrhaftigkeit will, muss auch das Risiko dieser Barbarei auf sich nehmen.

Mit diesem Verständnis hört man die Stimmen, die Gewalt im Fußball verurteilen, mit einem vielschichtigeren Gefühl. Was verurteilt werden muss, muss selbstverständlich verurteilt werden. Wer zuschlägt, schlägt zu; dafür gibt es keine Entschuldigung. Zugleich muss man begreifen, dass solche Entgleisungen jederzeit wieder möglich sein werden, solange dieser Sport seine bewegende Intensität behält. Verurteilung kann sie verringern, aber nicht abschaffen. Das verteidigt keine Gewalt. Es bedeutet, ihre Herkunft nüchtern zu erkennen.

Erst mit dieser Nüchternheit wird die Liebe zum Fußball mehr als bloßes Wunschdenken. Etwas zu lieben heißt, nicht nur seine glänzende Seite zu lieben, sondern auch seine Schatten und seine Gefahren anzuerkennen. Schönheit und Gewalt des Fußballs bilden von Anfang an ein Ganzes. Wer ihn wirklich versteht, nimmt dieses Ganze an, statt einer geschönten Fassung anzuhängen, aus der alles Unansehnliche gestrichen wurde.

Garrinchas zwei Gesichter im Halbfinale führen das am deutlichsten vor. Dieselbe Kraft ließ ihn die beiden Tore erzielen und den Kniestoß ausführen. Man kann nicht das Erste behalten und das Zweite herausstreichen, denn beides wächst aus derselben Wurzel. Würde man dem Fußball jede Intensität entziehen, die in Gewalt umschlagen könnte, bliebe vermutlich auch kaum etwas Bewegendes übrig. Gewalt ist der Schatten, den die Schönheit nicht abschütteln kann. Sie kommen zusammen und können nur zusammen bestehen.

Das ist ein Rest dieses Sports, der sich niemals vollständig einfangen lässt. Man kann die Schönheit des Fußballs in den Himmel heben. Doch während man sie genießt, kann man die Gewalt, mit der sie dieselbe Wurzel teilt, nicht restlos herauslösen. Diese Gewalt ist kein Schmutz, der von außen hineingeraten wäre. Sie ist das andere Gesicht dieser Intensität selbst.

7. Was die Regeln niemals einholen

Angesichts dieser Gewalt, die sich nicht abschütteln lässt, bleibt dem Fußball eines: Regeln aufzustellen.

Gerade die Spielfelder von 1962 zeigten jedoch, wo die Kraft der Regeln versagte. Den Faustschlag von Sánchez hatte der Schiedsrichter nicht gesehen, also blieb jede Strafe aus. Ein Mann brach einem anderen die Nase und durfte unbehelligt weiterspielen. Ferrini wurde hinausgestellt, weigerte sich aber zu gehen und musste von Polizisten abgeführt werden. Und Garrincha spielte am Ende doch im Finale, obwohl er im Halbfinale eindeutig des Feldes verwiesen worden war.

Warum Garrincha im Finale spielen durfte, wird im Rückblick nicht ganz einheitlich erzählt. Die FIFA hebt hervor, dass sich in Chile eine öffentliche, politisch gefärbte Bewegung für ihn einsetzte. Selbst Chiles Präsident Alessandri sprach sich dafür aus, ihn spielen zu lassen. Nach einer anderen Darstellung kam der Fall vor die Disziplinarkommission der FIFA. Da der Schiedsrichter das Foul nicht selbst gesehen, sondern auf den Hinweis seines Linienrichters hin entschieden hatte, entging Garrincha einer Strafe. Hinzu kommt eine allgemeinere historische Richtigstellung: 1962 bedeutete ein Platzverweis nicht automatisch ein Spiel Sperre. Darüber musste erst ein Disziplinarverfahren entscheiden. Das Ergebnis steht fest: Er spielte im Finale. Doch der Mechanismus, durch den ihm das ermöglicht wurde, hat in den späteren Darstellungen unterschiedliche Konturen.

Welcher Mechanismus es genau war, eines ist klar: Dass ein des Feldes verwiesener Spieler doch wieder im Finale stand, entsprang nicht der inneren Logik der Fußballregeln. Es waren Kräfte außerhalb der Regeln: der Wunsch eines Staatspräsidenten, eine öffentliche Solidaritätsbewegung, ein Verfahren, das Abwägungen und Spielraum zuließ. Hier wurde das Regelwerk von einer Hand außerhalb des Spielfelds sanft verschoben.

Damit ist nicht gesagt, Regeln seien nutzlos. Ohne sie wäre der Fußballplatz längst eine reine Gladiatorenarena. Sie verhindern tatsächlich einen Großteil der Unordnung, und das ist ihr Verdienst. Ihre Schwierigkeit besteht darin, dass sie niemals vollkommen dicht sind. Sie müssen von Menschen angewandt werden, und Menschen übersehen etwas. Sie brauchen Verfahren, die Entscheidungen treffen, und Verfahren können unter Druck geraten. Auf dem Papier sind Regeln neutral und eindeutig. Sobald sie aber in die Wirklichkeit von Leidenschaft und Interessen geraten, öffnen sich immer wieder Ritzen, durch die Kräfte von außerhalb des Spielfelds eindringen können.

Hier verbirgt sich ein Grundproblem der Regeln. Sie sollen neutral, eindeutig und verbindlich sein. Doch sobald sie angewandt werden müssen, zieht es durch ihre Fugen. Sie übersehen einen Faustschlag, bekommen einen Spieler nicht vom Platz, der sich weigert zu gehen, und können unter politischem Druck und dem Druck der öffentlichen Meinung selbst die Folgen eines bereits ausgesprochenen Platzverweises wieder aufheben. Die Ordnung auf dem Spielfeld ist niemals ein autarkes, lückenlos geschlossenes System. Sie hat immer Risse. Durch sie sickern Kräfte von draußen hinein, nationale Gefühle und politischer Wille.

Aus einem Chaos wie dem von 1962 heraus versuchten die Regeln, ein neues Stück anzusetzen. Ken Aston, der die Schlacht von Santiago geleitet hatte, entwickelte später aus seinen Erfahrungen mit solchen gewalttätigen und unübersichtlichen Spielen nach und nach die Idee, Verwarnungen und Platzverweise durch gelbe und rote Karten eindeutig sichtbar zu machen. Dazu gehörten das Spiel von 1962 ebenso wie England gegen Argentinien 1966. Dieses Kartensystem war ein neues Stück, das die Regeln aus dem Chaos herausgemeißelt hatten.

Es wäre allerdings übertrieben, die Erfindung des Kartensystems allein der Schlacht von Santiago zuzuschreiben. Solider ist die Aussage, dass Astons Erfahrungen aus mehreren brutalen und schwer zu leitenden Spielen gemeinsam zu dieser Idee führten. Die Partie von 1962 war eine wichtige Quelle, aber nicht der einzige Auslöser.

Entscheidend an der Geschichte des Kartensystems ist jedoch weniger, woher es kam, als das, was es zwangsläufig nicht einschließen konnte. Es machte Platzverweise und Verwarnungen verständlicher. Doch Fouls, Aggression und versteckte Unsportlichkeiten verschwinden nicht, nur weil zwei Karten hinzukommen. Sie bestehen in veränderter Form weiter. Die Regeln müssen ihnen nachsetzen und nach den Karten weitere, feinere Bestimmungen und neue Mittel hinzufügen. Ein Aufbau schließt eine alte Lücke, stößt auf eine neue und ruft damit den nächsten Aufbau hervor. Diese Verfolgung hat kein Ende.

Diese endlose Verfolgung ist im Grunde das Schicksal jeder Regel. Eine neue Regel soll eine Lücke schließen, die die vorherige offengelassen hat. Indem sie die alte Lücke schließt, lässt sie aber wieder neue zurück. Ein Stück wird abgetragen, ein neues eingesetzt. Im eingesetzten Stück entsteht ein neuer Riss, also beginnt das Abtragen und Ausbessern von vorn. Die Geschichte der Fußballregeln, von den anfangs wenigen Bestimmungen bis zum heutigen dicken Regelbuch, folgt genau diesem Weg ohne Endpunkt. Das Regelwerk wird immer feinmaschiger, doch den grundlegendsten Spalt kann es nie schließen. Denn dieser Spalt führt zum Lebensnerv des Fußballs.

Statt darauf zu hoffen, dass Regeln den Fußball eines Tages restlos bereinigen könnten, sollte man daher anerkennen, dass dieser Kreislauf aus Abtragen und Ausbessern nicht aufhören wird. Dass er nicht aufhört, liegt weder an mangelnder Klugheit der Regelmacher noch an zu ungenauen Bestimmungen. Er lässt sich nicht beenden, weil das, womit die Regeln es zu tun haben, von ihnen gar nicht beseitigt werden kann: jene Intensität, die Schönheit wie Gewalt hervorbringt. Regeln können sich mit ihr auseinandersetzen und ihre zerstörerische Kraft so weit wie möglich verringern. Vollständig ausrotten können sie sie niemals, und sie sollten es auch nicht.

Doch auch dieses neue Stück ist nur ein weiterer Aufbau, der nicht dicht schließt. Karten haben Verwarnungen und Platzverweise etwas klarer gemacht. Sie haben die Gewalt auf dem Fußballplatz aber nicht restlos eingeschlossen und werden das auch niemals können. Denn diese Gewalt hängt an jener Intensität, von der der Fußball lebt. Sie lässt sich durch Regeln nicht abschaffen. Würde man sie abschaffen, schaffte man den Fußball selbst ab. Den Regeln bleibt deshalb nur, Runde um Runde hinterherzujagen: ein neues Stück herauszuarbeiten, die verbleibenden Lücken zu entdecken und ein noch neueres Stück herauszuarbeiten. Sie werden das, was ihnen entkommt, nie einholen, denn es ist der Schatten dessen, woraus dieser Sport lebt.

8. Was zusammenkommt

Führen wir all das zusammen.

Brasilien verteidigte 1962 seinen Titel. Schon darin zeigte sich die Widerstandskraft eines Aufbaus: Die Mannschaft konnte ihren besten Spieler verlieren, einen anderen einsetzen, auf andere Weise gewinnen und dennoch bis ans Ende gehen. Es ist der Beweis dafür, dass keine einzelne Person eine Mannschaft vollständig festlegt.

Solche Widerstandskraft besitzt nur ein ausgereifter Aufbau. Eine eben erst zusammengewürfelte Mannschaft zerfällt häufig, wenn ihr Schlüsselspieler ausfällt. Eine wirklich ausgebildete Struktur kann einen solchen Schlag hingegen aufnehmen, sich neu ordnen und weiterarbeiten. Brasilien führte 1962 genau das vor. Die Mannschaft konnte einen Pelé verlieren, weil sie längst mehr war als Pelé.

Doch auch diese Widerstandskraft hat Grenzen. Ein Aufbau kann den Verlust eines Spielers verkraften. Der Intensität, die den Fußball einmal über sich hinaushebt und ein andermal außer Kontrolle geraten lässt, wird er dagegen nicht Herr. Er kann einen Pelé ersetzen, aber nicht Garrinchas Wunder verlangen und zugleich Garrinchas Zorn zurückweisen. Er kann immer feinere Regeln aufstellen, aber die Gewalt, die mit der Schönheit dieselbe Wurzel teilt, nicht endgültig einschließen. Widerstandskraft bewältigt den Wechsel von Personen. Den Spalt im Innersten dieses Sports bekommt sie nicht zu.

So stellte diese Weltmeisterschaft von 1962 zwei Dinge deutlich nebeneinander. Zum einen die Widerstandskraft eines ausgereiften Aufbaus, der Zufälle und Verluste aushält und selbst ohne seinen größten Trumpf noch den Titel gewinnen kann. Zum anderen den Rest, den auch diese Widerstandskraft nicht auffängt: jene Intensität, die den Fußball mal schön und mal gewalttätig macht, jenen Spalt, den die Regeln niemals einholen. Das Erste zeigt, wie stark eine Struktur sein kann. Das Zweite zeigt, dass selbst die stärkste Struktur immer etwas hat, das sie nicht einschließen kann.

Fehlt eines von beiden, ist der Fußball unvollständig. Gäbe es nur Widerstandskraft und keinen unverschließbaren Spalt, wäre er eine kalte Maschine mit vorhersehbarem Ausgang und kaum noch sehenswert. Gäbe es nur das Chaos dieses Spalts und keine Widerstandskraft, die es auffängt, zerfiele er in einen Scherbenhaufen, der sich nicht mehr zusammenfügen ließe. Erst weil beides einander trägt, kann der Sport Halt finden und zugleich immer Raum für Überraschungen bewahren. Doch dieser Titel wurde nicht mit Leichtigkeit errungen. Er musste einer von nationalen Gefühlen angeheizten Aggression abgerungen werden, mithilfe eines Genies, das Wunder vollbringen und zugleich vom Platz gestellt werden konnte.

Das Tiefste, was dieses Turnier hinterließ, war allerdings nicht der Pokal. Es legte vor aller Augen gleichzeitig die beiden Gesichter des Fußballs offen. Auf der einen Seite Garrinchas Dribblings, die Schönheit. Auf der anderen das Handgemenge von Santiago, die Gewalt. Die Menschen möchten immer nur die erste Seite haben und die zweite zu einem ausrottbaren Zwischenfall erklären. Doch beide Seiten sind zwei Richtungen derselben Intensität. Keine kommt ohne die andere aus. Einen Fußball, der nur Schönheit und keine Gewalt kennt, kann man ebenso wenig herstellen wie einen Garrincha, der nur Genie und keinen Zorn besitzt. Wer das Erste will, bekommt das Zweite mit, und das Zweite bleibt mit dem Ersten verbunden. Seit der Geburt des Fußballs gibt es für dieses Geschäft kein Widerrufsrecht.

Die Regeln wollen diese Gewalt einschließen. Deshalb kamen die Karten und danach eine immer feinere Bestimmung nach der anderen. Sie wirken tatsächlich, doch ganz einschließen werden sie diese Gewalt niemals. Dazu müssten sie erst jene Intensität trockenlegen, die Fußball überhaupt zu Fußball macht. Das können Regeln nicht, und sie sollten es auch nicht. Also müssen sie immer weiter hinterherjagen, immer weiter abtragen, und doch werden sie nie ganz ans Ziel kommen. Dieses letzte Stück, das immer fehlt, beweist nicht das Scheitern der Regeln. Es beweist gerade, dass der Fußball noch lebt.

An Garrincha erinnern sich die Menschen oft nur wegen seiner Dribblings, seiner Wunder und der Freiheit, die er mit seinen krummen Beinen spielte. Doch er führte auch jenen Kniestoß aus und wurde vom Platz geschickt. Er war ein ganzer Mensch, mit der hellsten Eingebung und mit einem Zorn, der außer Kontrolle geraten konnte. Später sollte sein Leben noch viele andere Höhen und Tiefen kennen, aber das gehört in eine andere Geschichte. Hier genügt es, den Garrincha von 1962 im Gedächtnis zu behalten: den Mann, der Brasilien ins Finale trug und auf demselben Spielfeld zugleich sein anderes Gesicht zeigte. Einen lebendigen Menschen, der sich auf keine seiner Seiten reduzieren lässt.

Niemand hat festgelegt, dass diese Intensität unbedingt zur Schönheit führen muss. Niemand hat festgelegt, dass sie unbedingt in Gewalt enden muss. Und niemand kann sie, bevor sie hervortritt, auf eine der beiden Seiten festlegen. Oft geht sie in beide Richtungen zugleich. Wunder und Barbarei entspringen mitunter demselben Menschen, demselben Spiel, derselben Kraft. Gerade diese Ungewissheit, dieses Dilemma einer Schönheit und einer Gewalt, die immer dieselbe Wurzel teilen, lässt uns von Spiel zu Spiel bangen und macht es zugleich unmöglich, davon loszukommen. Die Regeln tragen Runde um Runde ab, die Intensität bricht Mal um Mal hervor. Keine hat die andere vollständig bezwungen. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.