Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 05 von 22

Schweden

Das ausgefeilteste Kalkül und der Schuss, der sich nicht berechnen lässt

(Einstiegspunkt: die Weltmeisterschaft 1958 in Schweden)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

I. Endlich war Brasilien an der Reihe

29. Juni 1958, Råsundastadion am Stadtrand von Stockholm. Brasilien schlug Gastgeber Schweden mit 5:2 und holte zum ersten Mal den WM-Pokal. In großen Lettern druckten die brasilianischen Zeitungen jenen Satz: Die Weltmeisterschaft gehört uns.

Einen solchen Titel hatte es zuvor nicht gegeben. 1950 hatte Brasilien zu Hause im entscheidenden letzten Spiel 1:2 gegen Uruguay verloren. Diese Niederlage, die später als das Trauma von Maracanã bekannt wurde, warf ihren Schatten jahrzehntelang über ein ganzes Land. 1954 folgte das 2:4 im Viertelfinale gegen Ungarn. Bis 1958 hatte dieses Land, das allgemein als das fußballverrückteste und talentierteste galt, noch keine einzige Weltmeisterschaft gewonnen.

Damals war das beinahe zu einem Paradox geworden. Ob es um die Leidenschaft für den Fußball ging, um das Talent der Spieler oder um die Zahl der Menschen, die auf Straßen und in Gassen kickten: Brasilien war schon in jener Zeit der Ort auf der Welt, der einem Königreich des Fußballs am nächsten kam. Und ausgerechnet dieses Land, das am ehesten hätte gewinnen müssen, hatte noch nie den WM-Titel gewonnen. Besonders demütigend war die Niederlage von 1950: im eigenen Land, vor fast zweihunderttausend Menschen, im letzten Spiel, in dem ein Unentschieden zum Titel gereicht hätte, von Uruguay noch um den Sieg gebracht zu werden. Danach stellte ein ganzes Land einigen wenigen Spielern die Rechnung aus, vor allem einigen schwarzen Spielern. Torwart Barbosa trug die Schmach ein Leben lang. 1954 scheiterte man dann wieder, diesmal an Ungarn. Bis 1958 war es beinahe so weit gekommen, dass man sich fragte, ob diesem Land von Natur aus jenes gewisse Etwas fehlte, das man brauchte, um Weltmeister zu werden.

Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, welches Gewicht der Titel von 1958 hatte. Hier war nicht bloß ein Finale gewonnen worden. Ein Land, das schon an sich selbst zu zweifeln begonnen hatte, bewies endlich, dass es dieser Trophäe würdig war. Gerade weil dieser Sieg so schwer wog, ließ er sich so leicht zu einer großen Erzählung machen, zu Schicksal, zu Erlösung. Ein Land, das zu lange gewartet und zu viel in sich hineingefressen hatte, wollte dem Sieg im Augenblick seines Eintretens fast instinktiv einen Sinn geben, der dieser langen Wartezeit entsprach.

So wurde der Titel von 1958 in Brasilien ganz selbstverständlich mit der Wunde von 1950 verbunden. Diese Verbindung entstand keineswegs erst im Rückblick. Schon vor dem Turnier hatte der Dramatiker Nelson Rodrigues das nationale Minderwertigkeitsgefühl, das 1950 hinterlassen hatte, auf die Formel vom „Straßenköterkomplex“ gebracht. Nach dem Sieg machten die Zeitungen mit Schlagzeilen wie „Die Weltmeisterschaft gehört uns“ daraus eine Geschichte wiedergewonnener Würde. Die alte Wunde und der neue Sieg wurden also bereits damals zusammen erzählt.

Doch aus dieser Verbindung eine geschlossene Erlösungsgeschichte zu machen, zu behaupten, die Niederlage von 1950 habe existiert, damit es den Sieg von 1958 geben konnte: Diese griffige Fassung bildete sich erst nach und nach heraus. Hier muss man genau unterscheiden. Ein Sieg ist ebenso kontingent wie eine Niederlage. Wer die Niederlage als das einem Volk bestimmte Minderwertigkeitsgefühl erzählt, versieht den Zufall mit einem großen Sinn. Wer den Sieg als Erlösung von jener Niederlage erzählt, tut genau dasselbe. Brasilien war 1958 nicht zum Sieg bestimmt, so wenig es 1950 zur Niederlage bestimmt gewesen war. Beides geschah einfach. Erst danach wurde das eine vor das andere gestellt und beides in dieselbe Geschichte eingewoben.

Damit soll die Wunde von 1950 keineswegs für unwirklich erklärt werden. Ein Land wird von einer Niederlage so tief getroffen, dass es seinem eigenen Minderwertigkeitsgefühl einen Namen geben muss: Dieser Schmerz ist wirklich. Aber Schmerz ist das eine, ihn als Schicksal zu deuten etwas anderes. Als Brasilien 1958 tatsächlich gewann, kehrte derselbe Drang zum Erzählen die Richtung um und machte den Sieg zur Umkehr jenes Schicksals. Tatsächlich geschehen waren von Anfang bis Ende bloß zwei Fußballspiele mit unterschiedlichem Ausgang. Zu einem Erlösungsepos verbunden haben sie Menschen, nicht der Ball.

Die Frage, der nachzugehen sich wirklich lohnt, gilt deshalb nicht jener Erlösungsgeschichte. Sie lautet anders: Was war es unter all dem Kalkül, all der Vorbereitung und all den Systemen, das diese Weltmeisterschaft tatsächlich gewann?

II. Der siebzehnjährige Junge

Am leichtesten lässt sich der siebzehnjährige Junge zur Legende machen: Pelé.

Zunächst muss eine weitverbreitete Behauptung berichtigt werden. Pelé erschien nicht erst 1958 wie aus dem Nichts. Nach den offiziellen Aufzeichnungen der FIFA hatte er bereits am 7. Juli 1957 sein Debüt in der brasilianischen Nationalmannschaft gegeben und in diesem Spiel gegen Argentinien auch schon ein Tor erzielt. Genau genommen machte die Weltmeisterschaft von 1958 ihn also zu einem Weltstar; sie brachte ihn nicht erst hervor. Als er nach Schweden kam, war er bereits ein junger Spieler mit Länderspielerfahrung.

Das ist wichtig, weil es eine Gewohnheit durchkreuzt: die Vergöttlichung des Genies. Der Mythos erzählt am liebsten von einem Erlöser, der vom Himmel fällt und mit seinem bloßen Erscheinen alles verändert. Das wirkliche Jahr 1958 verlief weniger geradlinig. In Brasiliens ersten beiden Spielen kam Pelé nicht zum Einsatz. Die Mannschaft gewann 3:0 gegen Österreich und spielte anschließend gegen England ein zähes Unentschieden, das erste 0:0 der WM-Geschichte. Mit anderen Worten: Bevor Pelé auftrat, gab es diese Mannschaft schon, und sie war bereits stark. Pelé erschuf sie nicht aus dem Nichts. Er kam zu einer starken, schon geformten Mannschaft und setzte sie dann, als es in die entscheidenden K.-o.-Spiele ging, endgültig in Brand.

Dieses Feuer wurde von Spiel zu Spiel heftiger. Gegen Wales erzielte er den einzigen Treffer der Partie und entschied sie mit einem Schlag. Im Halbfinale gegen Frankreich legte er einen Hattrick nach und drückte damit selbst eine französische Mannschaft mit einem Ausnahmetorjäger wie Fontaine nieder. Im Finale traf er noch einmal doppelt. In diesen drei K.-o.-Spielen traf er in jeder Partie und wurde von Partie zu Partie entscheidender. Erst in diesen drei Spielen in Schweden begriff die Welt, was dieser Name bedeutete. Aus einem Jungen, den man in Brasilien ein wenig kannte, wurde ein Name, den die ganze Welt sich merken musste. Ein Star wird nicht durch eine einzige Partie gemacht. Eine solche Folge unwiderlegbarer Leistungen schmiedet ihn, Schlag für Schlag.

Vor diesem Turnier hatte Pelé sich im Training am Knie verletzt und deshalb Brasiliens erste beiden Spiele verpasst. Seinen ersten Einsatz bei dieser WM hatte er am 15. Juni gegen die Sowjetunion. Nach seinem Geburtsdatum gerechnet war er an diesem Tag siebzehn Jahre alt.

Auch darin steckt ein Stück Zufall. Ob Pelé überhaupt spielen konnte, hing an diesem verletzten Knie. Wäre die Verletzung ein wenig schwerer gewesen, hätte die Genesung ein wenig länger gedauert, wäre der Siebzehnjährige womöglich das ganze Turnier über nicht zum Einsatz gekommen. Die Geschichte von 1958 sähe dann anders aus. Eine Legende, die später als Erfüllung einer Vorsehung erzählt wurde, begann in Wirklichkeit mit einem verletzten Bein, das ihn beinahe um die gesamte Weltmeisterschaft gebracht hätte. Selbst der Auftritt des Genies musste erst durch das Nadelöhr des Zufalls.

Von jenem Spiel an schrieb er sich mit einer Reihe von Toren unauslöschlich in die WM-Geschichte ein. Gegen Wales erzielte er den einzigen Treffer und wurde zum jüngsten Torschützen der WM-Geschichte. Im Halbfinale gegen Frankreich gelang ihm ein Hattrick, und damit war er auch der jüngste Hattrickschütze. Im Endspiel gegen Schweden traf er zweimal. Bei seinem ersten Tor lupfte er den Ball zunächst über den Verteidiger vor ihm und jagte ihn dann volley ins Netz. Bis heute ist er der jüngste Torschütze in der Geschichte der WM-Endspiele. Vier Partien, sechs Tore: Ein siebzehnjähriger Junge erlebte auf der größten Bühne der Welt einen wirklichen Durchbruch.

Hinter dieser Folge von Rekorden steht eine Tatsache, die man beinahe vergisst: Er war tatsächlich noch ein Kind. Als er gegen Wales traf, war er siebzehn Jahre und gut zweihundert Tage alt. Beim Hattrick gegen Frankreich und beim Doppelpack gegen Schweden war er nur wenige Tage, höchstens zehn, älter. Die Weltmeisterschaft war damals ein Schlachtfeld für Erwachsene, ein Ort, an dem kampferprobte Veteranen gegeneinander antraten. Und auf diesem Schlachtfeld spielte ein Siebzehnjähriger von Partie zu Partie unerbittlicher. Einen nach dem anderen meißelte er seine Rekorde ein: jüngster Torschütze, jüngster Hattrickschütze, jüngster Torschütze in einem WM-Finale. Bis heute hat niemand sie auslöschen können. Ein Kind wurde im Krieg der Erwachsenen zur schärfsten Klinge.

Das sind harte Tatsachen. Ergebnisse, Alter und Tore lassen sich genau überprüfen. Viele der dramatischeren Einzelheiten, die diesen Jungen umgeben, stammen dagegen aus späteren Erinnerungen, Biografien und immer wieder neu erzählten Mediengeschichten. Trägt man die Schichten der Legende um Pelé im Jahr 1958 ab, bleibt ein Kern, der schon erstaunlich genug ist: Ein siebzehnjähriges Kind entschied in der K.-o.-Phase ein Spiel nach dem anderen. Dieser Kern braucht keine Ausschmückung.

Die Legende abzutragen und die Tatsachen stehen zu lassen lohnt sich bei Pelé besonders, denn kaum ein Name wurde später so dicht von Mythen umhüllt wie seiner. Je dichter diese Hülle wird, desto leichter verschwindet der wirkliche siebzehnjährige Junge darunter. Tatsächlich war er 1958 weder ein Wunder, das bei null begann, noch ein allmächtiger Gott. Er war ein begabter, verletzter Junge mit Länderspielerfahrung, der in einer Folge wirklicher Spiele wirkliche Tore schoss. Diese unverzierte Fassung ist schon bewegend genug.

Pelé aus dem Mythos herauszulösen heißt zudem keineswegs, ihn kleiner zu machen. Im Gegenteil: Erst so lässt sich erkennen, worin seine wahre Größe lag. Bei einem Gott ist nichts erstaunlich, was er tut, denn er ist ohnehin allmächtig. Dass aber ein siebzehnjähriger Junge aus Fleisch und Blut, der sich verletzen und nervös werden kann, in den K.-o.-Spielen einer Weltmeisterschaft Partie um Partie Tore schießt, das ist wirklich kaum zu glauben. Der Mythos erzeugt Staunen durch Übertreibung. Die Wirklichkeit erzeugt durch ihre Konkretheit ein tieferes Staunen.

III. Diese krummen Beine

Noch deutlicher als Pelé macht allerdings ein anderer die Sache sichtbar: Garrincha.

Garrincha hieß mit bürgerlichem Namen Manuel Francisco dos Santos und wurde 1933 in einem kleinen Arbeiterort namens Pau Grande geboren. Er stammte aus armen Verhältnissen und wuchs in einer Fabriksiedlung auf. Was ihn zunächst von anderen unterschied, waren seine beiden Beine.

Dass seine Beine deutlich verformt waren, ist unstrittig. Über die Ursache und die genaue Art dieser Verformung stimmen die späteren Berichte jedoch nicht überein. Manche führen sie auf eine Kinderlähmung in seiner Kindheit zurück. Andere beschreiben vor allem das Aussehen: ein nach innen gebogenes und ein nach außen abstehendes Bein, insgesamt eine starke Fehlstellung. Wieder andere fügen genaue Angaben hinzu, etwa dass das rechte Bein um einige Zentimeter kürzer gewesen sei als das linke. Mit Sicherheit festhalten lässt sich nur die grundlegende Tatsache: Er hatte zwei sichtbar fehlgebildete Beine. Und diese Beine, die aus ärztlicher Sicht beinahe eine Behinderung darstellten, gehörten zu einem der besten Flügelstürmer aller Zeiten.

Darin liegt ein beinahe absurder Gegensatz. Nach allem, was vernünftig erscheint, hätten solche Beine beim Fußball eine Last sein müssen, ein Grund, jemanden früh auszusortieren. Doch gerade mit ihnen spielte Garrincha die Dribblings, an denen die Verteidiger seiner Zeit am meisten verzweifelten. Seine Wege mit dem Ball schienen jeder Logik zu spotten. Oft genügte eine Finte, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen, während er selbst auf jenen Beinen, die anderen als behindert erschienen, Richtungswechsel in Winkeln vollzog, die gewöhnliche Menschen nicht hinbekamen. Er wurde nicht zum Genie, indem er seine Beine überwand. In gewisser Weise wuchs sein Genie gerade aus ihrer Eigenart. So etwas kann keine Fußballschule lehren und kein Maßstab der Talentsichtung erfassen. Es taucht unvermittelt auf, ist einzigartig und lässt sich nicht vervielfältigen.

Noch wichtiger ist die beinahe kindliche Freude, mit der Garrincha Fußball spielte. Seine Dribblings und Finten dienten nicht ausschließlich der Taktik. Manchmal ging es einfach um die Lust an der Bewegung selbst. Je mehr man so etwas zu einer reproduzierbaren Spielweise disziplinieren will, desto mehr rinnt es einem durch die Finger. Es gehört keinem System und gehorcht keiner Anweisung. Es gehört allein diesem bestimmten Menschen mit seinen krummen Beinen, der auf dem Platz sein Vergnügen hat. Eine Mannschaft kann ihn in ihren Reihen haben. Über jenes Etwas in seinen Füßen kann sie jedoch nicht verfügen. Das gehört von Anfang bis Ende ihm allein.

Ein Mensch, den der Maßstab als behindert einstufte, besaß Füße, die sich mit keinem Maßstab erfassen ließen. Das ist die leiseste und zugleich gründlichste Widerlegung jenes Maßes, das alles ausrechnen möchte. Nach seinen eigenen Kriterien hätte es Garrincha den früh Auszusortierenden zuordnen müssen. Doch ausgerechnet dieser vermeintlich Auszusortierende wurde zu einem der entscheidenden Bausteine des Weltmeistertitels. Das vom Maßstab für überflüssig Erklärte erweist sich als das Unentbehrlichste. Schärfer kann der Rest kaum hervortreten.

Garrinchas Geschichte nahm später noch einen langen, komplizierten Verlauf, mit Höhepunkten und vielen traurigen Tiefen. Das gehört in ein späteres Kapitel. Hier genügt es, sich an ihn im Jahr 1958 zu erinnern, wie er unbekümmert über den rechten Flügel lief: ein Mann aus einem Armenviertel, mit zwei fehlgebildeten Beinen, der den freiesten Fußball der Welt spielte. In einer Zeit, in der alle den Fußball wissenschaftlicher und beherrschbarer machen wollten, war er eine lebendige Erinnerung daran, dass es in diesem Sport immer einen Bereich geben wird, den keine Wissenschaft verplanen kann.

Gerade deshalb sind Spieler wie Garrincha in der Fußballgeschichte so kostbar. Später wurde der Fußball immer professioneller und präziser, die Kriterien der Talentauswahl immer strenger. Einer wie er, mit behinderten Beinen, wenig Disziplin und einem Spiel, das ganz von seiner Eingebung lebte, würde im heutigen System sehr wahrscheinlich gar nicht bis an die Spitze kommen. Doch gerade solche Menschen haben einige der unvergesslichsten Augenblicke dieses Sports hervorgebracht. Ob ein immer vollkommenerer Auswahlmechanismus, der immer mehr Mittelmaß aussiebt, nicht zugleich auch diese unwiederholbare Genialität mit aussiebt, bleibt eine offene Frage.

Es waren genau diese Beine, aus denen ein Dribbling entstand, das niemand lehren und gegen das niemand verteidigen konnte. Garrincha besaß Fantasie und herausragende Technik. Seine Wege mit dem Ball wirkten oft widersinnig, und doch griffen die gegnerischen Verteidiger ins Leere. 1958 bestritt er ebenso wie Pelé seinen ersten Turniereinsatz gegen die Sowjetunion. Von dieser Partie bis zum Finale gewann Brasilien jedes Spiel. Später hielt die FIFA sogar eigens eine Zahl fest: Wann immer Pelé und Garrincha gemeinsam für Brasilien auf dem Platz standen, verlor die Mannschaft kein einziges Spiel.

Zwei seiner unstrittigsten Beiträge zu diesem Turnier lassen sich unmittelbar benennen. Der eine betrifft das Spiel gegen die Sowjetunion. Alle Rückblicke schildern, wie er gleich zu Beginn die sowjetische Abwehr durcheinanderwirbelte; die Spielstatistiken führen gewöhnlich beide brasilianischen Tore auf seine Vorlagen von rechts für Vavá zurück. Der andere betrifft das Finale. Hier führen die Statistiken die ersten beiden brasilianischen Tore übereinstimmend auf Flanken Garrinchas von rechts und die Abschlüsse Vavás zurück. Ein Mann, dessen Beine als behindert galten, bereitete mit diesen krummen Beinen im Endspiel die beiden Tore vor, die den Rückstand in eine Führung verwandelten.

Dass Brasilien mit Pelé und Garrincha gemeinsam auf dem Feld ungeschlagen blieb, wird immer wieder hervorgehoben, weil diese Zahl auf etwas beinahe Geheimnisvolles verweist: Das Schicksal einer Mannschaft hing offenbar daran, ob zwei bestimmte Menschen gleichzeitig auf dem Platz standen. Kein System kann das erklären. Auch die ausgefeilteste Formation kann nicht ausrechnen, warum ausgerechnet das Zusammentreffen dieser beiden eine Mannschaft von Grund auf verwandeln konnte. Was sie mitbrachten, kam von außerhalb des Systems. Es war jene Variable, vor der dem Gegner auf seiner Taktiktafel jede Rechnung ausging.

Solche Variablen machen den Fußball so faszinierend und bereiten zugleich jeder Berechnung Kopfzerbrechen. Man kann die gegnerische Formation bis ins Letzte untersuchen und die Laufwege jedes Einzelnen auf der Tafel einzeichnen. Man kann aber nicht einzeichnen, welche Finte Garrincha in der nächsten Sekunde schlagen oder wie Pelé den nächsten Ball nehmen wird. Was die Taktiktafel erfassen kann, ist die Struktur. Was sie nicht erfassen kann, ist der spontane Geistesblitz jener lebendigen Menschen, die sich in dieser Struktur bewegen. Und oft entscheidet genau dieses Unberechenbare darüber, wer gewinnt und wer verliert.

IV. Die den Erfolg ausrechnen wollten

Mit welchen Vorbereitungen reiste Brasilien 1958 nach Schweden? Gerade diese Vorbereitungen lassen erkennen, was ein Mensch wie Garrincha bedeutete.

Die brasilianische Mannschaft bereitete sich mit dem Anspruch vor, möglichst alles zu rationalisieren und wissenschaftlich zu erfassen. Sie zog einen Psychologen hinzu, der die Spieler begutachten sollte. Form, Charakter und Zuverlässigkeit im entscheidenden Augenblick wollte man in ein Raster einordnen, mit dem sich messen und auswählen ließ. Dahinter stand ein sehr moderner Impuls: Aus dem so ungewissen Unternehmen, Weltmeister zu werden, möglichst etwas Vorhersehbares, Beherrschbares und Herstellbares zu machen.

Dieser Anspruch war seiner Zeit weit voraus. Damals stützte sich die Vorbereitung der meisten Mannschaften noch auf die Erfahrung des Trainers und die jeweilige Tagesform der Spieler. Brasilien versuchte, dem Ganzen zusätzlich ein wissenschaftliches Gewand zu geben. Fachliche Begutachtung sollte das schwer Fassbare in Daten verwandeln, die sich benoten und ordnen ließen und auf deren Grundlage man auswählen oder aussortieren konnte. Dahinter stand eine schlichte, mächtige Überzeugung: Wenn man nur jeden Teil des Ablaufs genau genug vermesse und jede Variable unter Kontrolle bringe, könne man den Sieg aus einem Zufallsereignis in ein planbares Ergebnis verwandeln.

An dieser Stelle begegnet uns eine äußerst verbreitete Geschichte. Der Psychologe soll in seiner Beurteilung ausgerechnet jene beiden, die später zur Seele der Mannschaft wurden, Pelé und Garrincha, für ungeeignet für ein großes Turnier erklärt haben. Die Begründung lautete ungefähr, Pelé sei zu kindlich, Garrincha fehle es an Verantwortungsbewusstsein und an der nötigen Verbissenheit, gewinnen zu wollen. Mit dieser Geschichte ist Vorsicht geboten. Was heute kursiert, sind überwiegend rückblickende Wiedergaben späterer Erinnerungen, kein überprüfbares Originaldokument. Ob die einzelnen Formulierungen tatsächlich so lauteten, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen.

Doch auch wenn man den genauen Wortlaut jener Beurteilung beiseitelässt, war der Impuls selbst wirklich. Und wirklich war auch die Grenze, an die er stieß. Ein Maßstab, der den Erfolg ausrechnen will, kann noch so ausgefeilt sein: Eines bekommt er nicht in seine Rechnung hinein, einen Menschen wie Garrincha. Kein Fragebogen kann messen, was diese krummen Beine mit einem Ball anzufangen vermögen. Kein Kriterienkatalog kann vorhersagen, dass ein siebzehnjähriges Kind in den K.-o.-Spielen förmlich explodieren wird. Erst recht lässt sich jene Eingebung, die aller Logik spottet, nicht in eine benotbare Kennziffer umrechnen. Ausgerechnet der Erfolg, den man am dringendsten berechnen wollte, hing an einem Menschen, der sich am wenigsten berechnen ließ.

Das heißt nicht, dass die Begutachtung völlig sinnlos gewesen wäre. Ob jemand emotional stabil ist und Druck aushalten kann, hat tatsächlich mit seiner Leistung zu tun und verdient Beachtung. Das Problem ist: Sie kann nur jenen Teil eines Menschen ausleuchten, der sich messen lässt. Das Entscheidende an einem Genie liegt aber gerade in jenem Teil, der sich nicht messen lässt. Man kann Garrinchas Größe und Gewicht ermitteln, sogar den Krümmungswinkel seiner Beine. Wohin seine nächste Finte geht, kann man nicht vermessen. Man kann Pelés psychisches Entwicklungsalter beurteilen. Dass er im Finale den Ball über einen Gegner lupfen und anschließend volley ins Tor schießen wird, lässt sich damit nicht beurteilen. Der Maßstab erfasst das Regelmäßige, nicht die Eingebung. Und über ein Spiel entscheidet oft genau dieses kleine Aufleuchten jenseits des Regelmäßigen.

An Garrincha stieß der Maßstab, der den Erfolg ausrechnen wollte, daher an seine Grenze. Er kann allenfalls ein Genie erkennen. Er kann es niemals errechnen und schon gar nicht herstellen. Ein Genie lässt sich nur entdecken, nicht entwerfen. Brasiliens eigentliches Glück lag 1958 nicht darin, etwas richtig berechnet zu haben. Es lag darin, dass man das Kalkül am Ende nicht über zwei Menschen entscheiden ließ, deren Wert es nicht zu berechnen vermochte, und ihnen nicht die Tür verschloss. Man behielt die Menschen. Und diese Menschen gewannen für Brasilien die Trophäe, auf die es so lange hingerechnet hatte.

Darin steckt eine Ironie. Das Kalkül war eingeführt worden, um den Sieg wahrscheinlicher zu machen. Hätte man es jedoch bis zum Ende durchgezogen, wäre der Sieg womöglich in weitere Ferne gerückt. Je entschlossener man alles ausrechnen will, desto leichter sortiert man gerade das, was sich nicht ausrechnen lässt und doch am wichtigsten ist, als Verunreinigung aus. Rationale Maßstäbe haben ihren Nutzen. Sobald sie aber so selbstgewiss werden, dass sie alles vermessen zu können glauben und alles Unmessbare für wertlos halten, werfen sie eigenhändig das Kostbarste auf den Abfallhaufen.

Die spätere Entwicklung des Fußballs trieb den Wunsch, alles auszurechnen, immer weiter. Daten, Modelle und die unterschiedlichsten quantitativen Kennzahlen wurden immer feiner und drangen in immer mehr Bereiche vor. Natürlich ist das alles nützlich. Die Mannschaften können sich dadurch erheblich wissenschaftlicher vorbereiten als früher. Doch Garrincha, der 1958 beinahe wegberechnet worden wäre, bleibt wie ein kaum merklicher Stachel neben all diesen Berechnungen stecken. Er erinnert daran, dass, so fein man den Maßstab auch macht, immer ein Garrincha dort stehen wird, wo er nicht hinreicht, bereit, mit einem Dribbling, das niemand vorhersagen konnte, das ganze Spiel umzuschreiben.

Hätte jener rationale Maßstab wirklich das letzte Wort gehabt, wäre jene Beurteilung wirklich für bare Münze genommen worden, dann hätte die Mannschaft die beiden für ungeeignet Erklärten vielleicht gar nicht mitgenommen. Und damit wären auch jene beiden entscheidenden Aktionen, die diese Weltmeisterschaft gewannen, niemals geschehen. Wer den Erfolg ausrechnen wollte, hätte beinahe genau das wegberechnet, was ihn tatsächlich herbeiführen konnte.

V. Eine Formation ohne eindeutige Herkunft

Natürlich lebte Brasilien 1958 nicht allein von zwei Genies. Die Mannschaft brachte auch eine Formation mit, die später immer wieder genannt werden sollte: das 4-2-4.

Wie diese Formation bei dem Turnier aussah, lässt sich belegen. Hinten standen vier Verteidiger, davor bildeten Zito und Didi das Zweiermittelfeld, noch weiter vorn spielten Garrincha, Vavá, Pelé und Zagallo als vier Angreifer. Es handelte sich nicht um eine starre, vollkommen symmetrische Aufstellung. Zagallo sagte in einem FIFA-Interview sehr deutlich: Mit Ball war er Linksaußen, ohne Ball musste er sich zur Defensivarbeit zurückfallen lassen. Beim Verteidigen wirkte die Formation deshalb häufig eher asymmetrisch, mitunter näher an einem 4-3-3. Sie war beweglich, und auch die Außenverteidiger konnten nach vorn rücken, um den Angriff zu unterstützen.

Die Stärke dieser Struktur lag darin, dass sie im Angriff vier Offensivspieler aufbot und damit enorme Wucht entfaltete, sich im Verteidigen aber durch das Zurückfallen eines Spielers wie Zagallo zusätzliche Dichte im Mittelfeld verschaffen konnte. Die Tore standen dem Gegner also nicht einfach offen. Die Formation verband Angriffsschärfe mit defensiver Balance. Was diese Balance tatsächlich aufrechterhielt, waren jedoch die Entscheidungen der Spieler im jeweiligen Augenblick und ihre unablässigen Laufwege, nicht die fest eingezeichneten Kreise auf einem Aufstellungsbild.

Fragt man allerdings, ob dieses 4-2-4 eine brasilianische Erfindung war, liefern die maßgeblichen Darstellungen keine eindeutige Antwort. Das FIFA-Museum verbindet seine Verbreitung in Brasilien mit dem paraguayischen Trainer Fleitas Solich. Eine in Cambridge erschienene Fußballgeschichte führt die taktischen Grundlagen der brasilianischen Mannschaft von 1958 dagegen auf die ungarische Entwicklungslinie und den Einfluss des Ungarn Guttmann zurück. Jonathan Wilson wiederum schreibt ausdrücklich, der Ursprung des 4-2-4 sei komplex und umstritten. Er nimmt auch frühere Entwicklungen innerhalb Brasiliens in diese Geschichte auf, insbesondere Zezé Moreiras Veränderungen an Raumdeckung und Abwehrreihe.

Diese Entwicklungslinien überlagern sich. Niemand kann sagen, welche von ihnen die einzige Quelle gewesen wäre. Einiges brachte der Paraguayer mit, einiges sickerte aus der ungarischen Tradition ein, anderes fanden die brasilianischen Trainer selbst heraus. Erst als dies zusammenfloss, entstand das 4-2-4, das jene brasilianische Mannschaft bei der WM 1958 spielte. Es sah aus wie aus einem Guss. Verfolgt man es aber zurück, löst es sich in mehrere miteinander verflochtene Wege auf, bei denen sich Haupt- und Nebenlinien nicht eindeutig trennen lassen.

Das ist eigentlich das gemeinsame Schicksal dessen, was wir Aufbau nennen. Ein System, das in sich geschlossen wirkt und klare Grenzen hat, verleitet zu der Annahme, es müsse auch einen eindeutigen Anfang haben: ein Genie, das es erfunden hat, einen genauen Augenblick seiner Geburt. Doch sobald man zurückgeht, zerfällt dieser eindeutige Anfang in ein Knäuel wechselseitig ineinander verwobener Herkunftslinien. So ist es beim 4-2-4, so war es zuvor beim WM-System und noch früher bei der Pyramide. Kein Aufbau wurde in einem einzigen Akt aus dem Nichts geschaffen. Sie alle nahmen unter dem Druck des Restes, den der vorangegangene Aufbau hinterlassen hatte, nach und nach Gestalt an, durch Umarbeiten und neues Zusammensetzen.

Der ganzen Welt vorgespielt hat das 4-2-4 allerdings tatsächlich Brasilien 1958. Danach prägte diese Spielweise mit vier Angreifern, zusammen mit dem Gedanken vorstoßender Außenverteidiger und eines beweglichen Mittelfelds, den Fußball auf Jahre hinaus. Ein Aufbau ohne eindeutige Herkunft kann in dem Augenblick, in dem er auf dem Platz Wirklichkeit wird, durchaus zum Vorbild werden, dem eine ganze Generation nacheifert. Die Unklarheit seiner Herkunft mindert seine spätere Bedeutung kein bisschen. Auch das ist an solchen Aufbauten interessant: Woher sie kommen, mag verworren sein; wohin sie wirken, kann dennoch klar erkennbar und von großer Tragweite sein.

Die verflochtene Herkunft hindert das 4-2-4 also nicht daran, einen klaren Meilenstein zu bilden. Entscheidend war nie, aus welcher einzigen Quelle es hervorgesprungen sein sollte, sondern welche Gestalt es 1958 im Spiel jener brasilianischen Mannschaft annahm. Der Wert eines Aufbaus liegt nicht in der Reinheit seiner Herkunft. Er liegt darin, ob er, wenn er zur Anwendung kommt, das Spiel der lebendigen Menschen auf dem Feld tragen kann. Dieser Aufbau konnte es.

Am sichersten lässt sich deshalb sagen: Brasilien führte der ganzen Welt 1958 das 4-2-4 vor und machte es populär. Diese Formation hat aber keinen allgemein anerkannten, geradlinigen brasilianischen Ursprung. Sie nahm allmählich Gestalt an, indem mehrere Entwicklungslinien zusammenflossen. Darin gleicht sie allen taktischen Neuerungen des Fußballs, von der Pyramide über das WM-System bis zu jenem Zurückfallen der Ungarn: Keine Formation ist unvermittelt aus einer einzigen, sauber abgrenzbaren Quelle hervorgesprungen. Jedes System, das in sich geschlossen scheint, erweist sich beim Blick zurück als ein Knäuel verflochtener Herkunftslinien.

VI. Der Sieg gehörte nicht einem allein

1958 zum Solostück von Pelé und Garrincha zu erklären hieße wiederum, zu weit in die andere Richtung zu gehen.

Der eigentliche Mittelpunkt des brasilianischen Mittelfelds war Didi. Die FIFA kürte ihn offiziell zum besten Spieler der Weltmeisterschaft 1958 und hielt ausdrücklich fest, dass er bei dieser Wahl vor Garrincha und Pelé lag. Didi gab der Mannschaft im Mittelfeld ihren gleichmäßigen Rhythmus. Er brachte den Ball im Angriff dorthin, wo er hingehörte. Dass die beiden Genies glänzen konnten, verdankten sie gerade dieser gut funktionierenden Struktur hinter sich: der Unterstützung von Zito und Didi im Mittelfeld, Vavás Abschlüssen im Sturm und den Räumen, die Zagallo durch sein stilles Zurückfallen freimachte.

Ein Spieler wurde offiziell zum Besten des Turniers gewählt, weil er Rhythmus, Passspiel und das rechte Maß beherrschte, nicht weil er die spektakulärsten Dribblings zeigte. Eine Mannschaft gewinnt niemals allein dank ihrer ein oder zwei strahlendsten Figuren. Sie braucht auch einen solchen Mittelpunkt, der alles miteinander verbindet, Zitos Abfangen von Bällen und seine Anspielbarkeit neben Didi, all jene, die bereit sind, eine Nebenrolle zu übernehmen und so die beiden Genies ins hellste Licht zu rücken. Ohne diese Struktur wäre Garrinchas Dribbling vielleicht ein Solotanz ohne Mitspieler geblieben, der den Ball übernehmen konnte, und Pelés Eingebung ein Funke ohne Boden, auf dem er zünden konnte.

Hier tritt eine wechselseitige Abhängigkeit hervor. Der Einzelne braucht das System, um zur Entfaltung zu kommen. Das System braucht den Einzelnen, um aufzuleuchten. Doch keines von beiden kann das andere vollständig in sich aufnehmen. Das System kann den Einzelnen nicht ganz erfassen, weil sich jener Geistesblitz nicht berechnen lässt. Der Einzelne kann sich aber auch nicht vom System lösen, weil selbst die hellste Eingebung einen Boden braucht, auf dem sie wirksam wird. Brasilien gewann 1958 nicht, weil es eines von beidem zu einem geschlossenen Ganzen vollendet hätte, sondern weil zufällig beides zusammenkam. Und selbst als beides zusammengekommen war, besaß es noch keinerlei Sieggarantie. Es hatte lediglich die Möglichkeit zu gewinnen bis an die Grenze dessen gesteigert, was in jener Zeit erreichbar war.

Brasilien war 1958 also weder eine mittelmäßige Mannschaft, die zufällig von Genies gerettet wurde, noch eine Präzisionsmaschine, in die zufällig zwei gute Bauteile eingesetzt worden waren. Es war eine gute Mannschaft mit einem guten System und mit Genies, wie sie nur äußerst selten vorkommen. Beides war zufällig zugleich vorhanden, und beides funktionierte zufällig ohne Panne. Wer den Sieg auf eines allein verkürzt, ob er nun nur die Formation oder nur die beiden Einzelspieler preist, lässt die andere Hälfte weg. Wirkliches Gewinnen entsteht immer dadurch, dass mehrere Dinge zusammentreffen. Und darunter ist stets eines, an das kein Kalkül heranreicht.

Dieses Zusammentreffen lässt sich auf keine Formel bringen. Man kann sagen, zum Weltmeistertitel brauche es ein gutes System plus gute Spieler. Doch damit ist fast nichts gesagt. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, dass beides an einem bestimmten Nachmittag genau zur Stelle sein und genau dann funktionieren muss. Brasilien gelang das 1958. Aber wie es gelang, lässt sich nicht in eine Schrittfolge zerlegen, die man nur nachmachen müsste. Die nächste Mannschaft, die Weltmeister werden möchte, kann Brasiliens Formation und Spieler noch so gründlich studieren: Die Fügung jenes Nachmittags kann sie nicht kopieren.

Deshalb muss hier auch der entgegengesetzte Impuls gebremst werden: den Sieg vollständig einzelnen Genies zuzuschreiben, als sei alles andere belanglos, sobald man nur diese beiden Menschen habe. Auch das trifft nicht zu. Garrinchas Flanke brauchte Vavás Kopfball, damit sie sich auszahlte. Pelés Eingebung brauchte eine Mannschaft, die bereit war, ihm den Ball anzuvertrauen, damit sie sich entfalten konnte. Individuelles Genie leuchtet niemals aus dem Nichts. Es muss in einer Struktur wachsen, um seine Kraft wirklich entfalten zu können.

Das führt zu einer noch feineren Schwierigkeit. Das System ist wichtig. Doch wie wir gesehen haben, besitzt auch das System selbst keine eindeutige Herkunft, sondern ist aus einem Knäuel verflochtener Entwicklungslinien zusammengeflossen. Der Einzelne ist unersetzlich. Doch auch sein Genie braucht das System, um zur Entfaltung zu kommen. Beide Seiten sind wichtig, und keine kann die andere vollständig einschließen. Eine Mannschaft gewinnt weder sicher, indem sie ihre Formation zur Vollkommenheit durchrechnet, noch kann sie sich beruhigt zurücklehnen, weil sie einige Genies besitzt. Sie braucht beides. Und selbst beides zusammen garantiert noch nichts.

VII. Der Schuss, der sich nicht berechnen lässt

Unter den Weltmeistertiteln von 1954 und 1958 liegen zwei Seiten ein und derselben Sache.

Die ungarische Mannschaft von 1954 erzählt die eine Geschichte: Auch das vollkommenste System kann jenes eine Spiel nicht einschließen. Ein Aufbau kann bis zum Äußersten verfeinert sein und doch die Kluft zwischen der stärksten Mannschaft und der siegreichen Mannschaft nicht überbrücken. Von oben lässt er sich nicht schließen.

Brasilien 1958 erzählt die andere Seite. Ein Maßstab, der den Erfolg ausrechnen möchte, kann noch so ausgefeilt sein: Garrinchas krumme Beine kann er nicht errechnen, Pelés Explosion mit siebzehn nicht errechnen, jene aller Logik spottende Eingebung nicht errechnen. Auch von unten geht die Rechnung nicht auf. Ein Aufbau kann den Sieg weder von oben festschreiben noch von unten den Menschen, der tatsächlich über Sieg und Niederlage entscheidet, im Voraus herstellen oder herausfiltern.

Dieser irreduzible Einzelne ist der Rest, den kein rationaler Maßstab in sich aufnehmen kann. Man kann ihn trainieren, ihm die besten Bedingungen geben und ihn in ein sorgfältig entworfenes System stellen. Aber jene eine Aktion seiner Füße kann man nicht herstellen. Man kann nur warten, bis sie geschieht, und sie erkennen, nachdem sie geschehen ist. Vorher lässt sie sich niemals genau ausrechnen. Garrinchas Dribblings und Pelés Ausbruch gehören zu solchen Dingen. Sie sind keine Produkte irgendeiner Berechnung. Sie wachsen dort, wo die Berechnung nicht mehr hinreicht.

Darin liegt das Widersinnigste und Faszinierendste am Einzelnen als Rest. Niemand hat ihn unter Kontrolle, auch nicht die Mannschaft, zu der er gehört. Brasilien konnte nicht garantieren, dass Garrincha in jeder Partie von seiner Eingebung getragen würde, ebenso wenig, wie es garantieren konnte, dass das Glück in jenem einen Spiel ganz auf seiner Seite stünde. Es konnte einen solchen Menschen nur mitnehmen, ihm die beste Bühne bieten und dann hoffen, dass jener Funke im wichtigsten Augenblick gerade aufleuchtete. Was es suchte, war keine Notwendigkeit, sondern eine Wahrscheinlichkeit: eine durch ein irreduzibles Genie stark erhöhte Wahrscheinlichkeit, die doch niemals hundert Prozent betrug.

1954 und 1958 ergeben genau die beiden Hälften dieser Gesetzmäßigkeit. Ein Aufbau lässt sich von oben nicht schließen, weil auch das vollkommenste System nicht über den letzten Zufall hinwegkommt, der zwischen ihm und dem Sieg liegt. Von unten lässt er sich ebenso wenig durchrechnen, weil gerade der Mensch und jene Eingebung, auf die er am meisten angewiesen ist, von ihm weder berechnet noch hergestellt werden können. Oben der Zufall, unten der Einzelne: Von beiden Enden zugleich halten diese beiden den Aufbau offen, sodass er sich niemals vollständig schließen kann. Ungarn bewies die erste Hälfte, Brasilien die zweite. Beide sagen im Grunde dasselbe: Ein Aufbau kann sich selbst niemals ganz schließen.

Wer das verstanden hat und dann noch einmal auf den WM-Pokal blickt, wird ihn nicht länger als Sieg einer Berechnung oder eines Systems betrachten. Eine Gruppe von Menschen brachte an einem bestimmten Nachmittag Glück und Eingebung zusammen und erspielte ihn auf dem Platz. Ungarns vollkommenere Mannschaft brachte das nicht zusammen; Brasiliens weniger vollkommene, aber hinreichend lebendige Mannschaft brachte es zusammen. Der Unterschied lag nicht darin, wer genauer gerechnet hatte. Er lag in jener Kluft, die niemand genau berechnen kann: Dieses Mal stand Brasilien zufällig an der richtigen Stelle.

Allerdings muss auch das deutlich gesagt werden: Ein solches irreduzibles Genie zu besitzen heißt nicht, den Sieg schon sicher zu haben. Es heißt nicht, die Vernunft könne nicht genau rechnen, das Genie aber schon. Auch ein Genie ist kein Garantieschein. So zauberhaft Garrincha spielen mochte, ein bestimmter Schuss konnte trotzdem danebengehen. So genial Pelé war, in einem bestimmten Spiel konnte er trotzdem stumm bleiben. Die Eingebung des Einzelnen lässt sich ebenso wenig im Voraus festschreiben wie der Zufall eines Spiels. Damit zeigt sich nur erneut, dass dieser Sieg keiner Berechnung gehört, weder einer Rechnung über das System noch einer Rechnung über das Genie. Er gehört jenem bestimmten Nachmittag, jenen bestimmten Menschen und jenen Aktionen, die sie auf dem Platz vollbrachten.

Auch deshalb fasziniert Fußball als Sport, in dem so wenige Tore fallen, mehr als viele andere Wettkämpfe. Je seltener ein Tor ist, desto weiter öffnet sich jene unberechenbare Kluft und desto mehr können Glück und Eingebung bewirken. In einem Spiel, in dem ohne Weiteres mehrere Dutzend Punkte erzielt werden, gewinnt meist die stärkere Seite; Kalkül und System geben den Ausschlag. Im Fußball reichen neunzig Minuten dagegen oft gerade für ein oder zwei Tore. Und genau diese ein oder zwei Tore fallen besonders leicht dem Zufall und dem Genie zu. Diese strukturelle Knappheit des Sports lässt jenem Rest, den kein Kalkül in sich aufnehmen kann, reichlich Raum.

So ist ausgerechnet der Fußball, den man so dringend durchrechnen möchte, zu einer der am wenigsten berechenbaren Sportarten geworden. Ein großer Teil seines Reizes stammt aus dieser Unberechenbarkeit. Sollte er eines Tages tatsächlich restlos berechnet sein, sollte sich der Ausgang jeder Partie wirklich genau vorhersagen lassen, dann wäre er es vermutlich auch nicht mehr wert, ihm mit angehaltenem Atem entgegenzusehen. Was ihn immer wieder sehenswert macht, ist gerade, dass die Rechnung nie genau aufgeht.

VIII. Zum Schluss

Führen wir all das zusammen.

1958 gewann endlich ein Land den WM-Titel, das ihn noch nie gewonnen hatte. Später wurde dieser Sieg mit der Wunde von 1950 verbunden und als Erlösung erzählt. Doch die Erlösung ist eine Geschichte, die erst im Nachhinein aufgeschichtet wurde. Die Niederlage von 1950 und der Sieg von 1958 waren beide kontingent; keines von beidem war vorherbestimmt. Wer das eine als Ausdruck eines nationalen Minderwertigkeitsgefühls erzählt und das andere als dessen Tilgung, bedient sich desselben Verfahrens. Einem Spiel mit offenem Ausgang soll ein Sinn mit Anfang und Ende gegeben werden. Barbosa jedoch, den die Erzählung von 1950 erdrückt hatte, erhielt durch den Titel von 1958 keine wirkliche Wiedergutmachung. Ein neuer Sieg kann ein altes Unrecht nicht zudecken. Es wird nur so erzählt, als könnte er es.

Das anzuerkennen soll die Freude über 1958 nicht verderben. Der Sieg war wirklich, die Freude war es auch, und ein Land, das so lange gewartet hatte, durfte sich von Herzen darüber freuen. Zurückzuweisen ist allein jene Fassung, die daraus Vorsehung, Notwendigkeit oder eine historische Entschädigung macht. Ein Sieg muss nicht als Erlösung erzählt werden, um kostbar zu sein. Im Gegenteil: Gerade weil er auch hätte ausbleiben können, gerade weil er an den Füßen einiger weniger unberechenbarer Menschen hing, war er so schwer errungen und so sehr zu schätzen.

Unter diesem spät errungenen Weltmeistertitel bleiben deshalb zwei Dinge bestehen, die in keinem Kalkül aufgehen. Das eine ist der Zufall jenes einzelnen Spiels: Brasilien hätte 1958 verlieren können, so wie Brasilien 1950 hätte gewinnen können. Das andere sind jene irreduziblen Menschen: Garrinchas krumme Beine, deren Kunst niemand lehren konnte, und jener Nachmittag des siebzehnjährigen Pelé. Das Kalkül möchte den Sieg zu einem herstellbaren Produkt machen. Am Ende kann es aber weder das Glück im Zufall herstellen noch jene Eingebung in den Füßen dieser beiden. Es kann nur die Menschen zusammenbringen, die Bühne aufbauen und dann die letzte Aktion jenem Augenblick überlassen, den niemand im Voraus festschreiben kann.

Brasilien überließ 1958 diese letzte Aktion Garrinchas krummen Beinen und Pelés jugendlichem Überschwang. Und sie enttäuschten nicht. Dass sie dieses eine Mal nicht enttäuschten, war aber ebenfalls Glück. Sie hätten enttäuschen können, so wie vier Jahre zuvor Ungarns vollkommenere Füße eine vollkommenere Mannschaft enttäuscht hatten. Auf der einen Seite das Glück, dass alles zusammenkam, auf der anderen das Bedauern, dass es nicht zusammenkam. Die Linie, die beides trennt, lag niemals innerhalb irgendeines Kalküls.

Diese Linie stellte Ungarn 1954 und Brasilien 1958 an die beiden entgegengesetzten Enden von Trauer und Freude. Doch beide Mannschaften befanden sich eigentlich in derselben Lage. Beide vertrauten sich jener unberechenbaren Kluft an. Nur ließ sie die eine im Stich und trug die andere ans Ziel. Bei der nächsten Weltmeisterschaft wird diese Kluft wieder da sein. Weiter wird sie manche Mannschaften in den Himmel heben und andere in den Abgrund stoßen. Niemand kann im Voraus wissen, auf welcher Seite er landen wird.

Diese Ungewissheit im Voraus ist kein Mangel des Fußballs, sondern sein Lebensnerv. Gerade weil niemand den Ausgang vorher kennt, lohnt es sich noch, jedes einzelne Spiel zu spielen und anzusehen. Ist bei einer Partie alles ausgerechnet, gibt es auch nicht mehr viel zu sehen.

Unter all diesen Berechnungen, Systemen und Erlösungsgeschichten waren es einige unberechenbare Menschen, die diese Weltmeisterschaft tatsächlich gewannen. Es waren Garrinchas krumme Beine, deren Kunst niemand lehren konnte, und jener Volleyschuss des siebzehnjährigen Pelé. Eine Mannschaft hatte einen Psychologen hinzugezogen und eine ausgefeilte Formation mitgebracht, um Erfolg messbar und beherrschbar zu machen. Am Ende aber entschied ausgerechnet das über Sieg und Niederlage, was dieser Maßstab am liebsten ausgeschlossen hätte und am wenigsten vorhersagen konnte: ein irreduzibler Mensch und sein spontaner Geistesblitz auf dem Platz.

Auch das ausgefeilteste Kalkül kann diesen einen Schuss nicht ausrechnen. Das heißt nicht, dass Kalkül und System nutzlos wären. Es heißt, dass dort, wo Kalkül und System an ihr Ende gelangen, immer noch etwas übrig bleibt, das sie weder erreichen noch in sich aufnehmen können. Manchmal ist es der Zufall eines Spiels. Manchmal ist es einfach ein bestimmter, lebendiger Mensch, den niemand kopieren kann.

Niemand hat festgelegt, dass dieser Schuss unbedingt ins Tor gehen muss. Niemand hat festgelegt, dass er unbedingt daneben gehen muss. Gerade diese Unberechenbarkeit macht es Partie um Partie lohnend, diesen Sport noch einmal anzusehen und noch einmal selbst zu spielen. Auch das ausgefeilteste Kalkül kann nicht ausrechnen, wo der nächste Schuss landen wird. Genau hier lässt sich der Fußball nie ganz in die Karten sehen. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.