Bern
Die vollkommenste Mannschaft und ein Spiel, das sich nicht festlegen ließ
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz und Ungarns Goldenes Team)
In diesem Essay
- I. Die Mannschaft, die der Vollkommenheit am nächsten kam
- II. Was sie auf dem Rasen veränderten
- III. Vom Staat zusammengeführte Genies
- IV. Wie ein 8:3 täuschen kann
- V. Das Spiel von Bern
- VI. Auch der vollkommenste Aufbau kann ein Spiel nicht schließen
- VII. „Wir sind wieder wer!“: Die Geburt eines Mythos
- VIII. Die Spritzen, über die keine Klarheit herrscht
- IX. Das Auseinandergehen der Goldenen Elf
I. Die Mannschaft, die der Vollkommenheit am nächsten kam
London, Wembley, 25. November 1953. Noch nie hatte England zu Hause gegen eine Mannschaft verloren, die nicht von den Britischen Inseln kam. Jahrzehntelang hatte diese Serie gehalten. An jenem Nachmittag rissen die Ungarn sie mit einem 6:3 in Stücke. Nach ungefähr neunzig Sekunden traf Hidegkuti zum ersten Mal; am Ende hatte er drei Tore erzielt, Puskás zwei weitere. Und selbst das 6:3 schmeichelte den Gastgebern noch. Mit der Spielweise, auf die sie so stolz waren, machten die Engländer gegen diese osteuropäische Mannschaft von Anfang bis Ende keinen Stich. Ein halbes Jahr später gewann Ungarn das Rückspiel in Budapest mit 7:1. Bis heute ist es Englands höchste Niederlage. Spätestens nach diesem zweiten Debakel galt Ungarn allgemein als der große Favorit auf die bevorstehende Weltmeisterschaft. Zusammen ließen die beiden Spiele keinen Zweifel mehr: Eine Mannschaft aus Osteuropa hatte das Mutterland des Fußballs taktisch um eine ganze Generation hinter sich gelassen.
Diese ungarische Mannschaft ging als Goldene Elf in die Geschichte ein. Zwischen 1950 und 1956 war sie die stärkste Mannschaft der Welt. Sie gewann 1952 olympisches Gold und hatte über lange Zeit beinahe vergessen, wie sich Verlieren anfühlte. Nach einer gängigen Zählung blieb sie von 1950 bis zum Finale von 1954 in 31 offiziellen Länderspielen ungeschlagen. Zählt man das Spiel gegen die DDR von 1952 mit, dessen Status umstritten ist, waren es 32. Über den Zeitraum von Juni 1950 bis Anfang 1956 betrachtet, verlor sie von fünfzig Spielen nur eines und gewann 42. Auf solchen Zahlen beruht ein Urteil, das längst beinahe als feststehend gilt: Vielleicht war sie die stärkste Mannschaft der WM-Geschichte, die niemals Weltmeister wurde.
Als eine solche Mannschaft 1954 ins Finale einzog, zweifelte kaum jemand am Ausgang. Wer lange genug ungeschlagen bleibt, lässt in den Köpfen der Menschen etwas entstehen, das fast einem Naturgesetz gleicht. Die Ungarn hatten so oft und so lange gewonnen, dass der Sieg nicht mehr wie eine Möglichkeit aussah, sondern wie eine Notwendigkeit. Bevor der Gegner den Rasen betrat, hatte er innerlich schon die erste Niederlage hinnehmen müssen; bevor das Spiel begann, hatte die Öffentlichkeit den Pokal bereits vergeben. Diese Gewissheit, die über jedem Spiel lag, war selbst ein Teil der über Jahre erworbenen Stärke. Zu den größten Vorteilen der Mannschaft gehörte, dass sie alle an ihre Unbesiegbarkeit glauben ließ. Genau darin aber steckt die entscheidende Frage dieses Abschnitts: Wenn eine Mannschaft so stark ist, dass sie unbesiegbar erscheint, ist diese Unbesiegbarkeit dann eine Tatsache? Oder ist sie eine Täuschung, die von einem Sieg nach dem anderen genährt wird?
Die stärkste Mannschaft sein und doch nicht Weltmeister werden. Um den Spalt zwischen diesen beiden Tatsachen geht es hier.
Ein Aufbau lässt sich bis zur Vollkommenheit verfeinern. Vollständig schließen lässt er sich nicht. Die Goldene Elf ist die reinste Probe auf diesen Satz. Wenn je eine Mannschaft den Fußball beinahe wie eine Aufgabe restlos gelöst, sein System nahezu bis zur Fehlerlosigkeit vervollkommnet hat, dann war es diese. Sie hatte die Gegner durchschaut, die Aufstellung erneuert und das Gewinnen zu einer fast instinktiven Gewohnheit gemacht. Doch selbst sie, selbst eine Mannschaft von solcher Stärke, konnte den Spalt zwischen „die stärkste sein“ und „dieses eine Spiel gewinnen“ nicht überwinden. Die stärkste zu sein ist ein Aufbau: ein wirklicher, mühsam errungener, glänzender Aufbau. Der Sieg im Endspiel hingegen ist ein kontingentes Ereignis. Der Spalt zwischen beidem ist jener Rest, den auch die vollkommenste Ausarbeitung nicht beseitigt. Anders gesagt: „Die stärkste sein“ bezeichnet einen Zustand, den man durch jahrelange Arbeit herstellen und immer wieder nachweisen kann. „Dieses eine Spiel gewinnen“ bezeichnet ein Ereignis, das nur einmal stattfindet, sich weder wiederholen noch im Voraus buchen lässt. Einen Zustand kann man aufbauen; bei einem Ereignis muss man abwarten, bis es eintritt. Kein noch so gefestigter Zustand fängt das Ungewisse eines Ereignisses auf, das noch gar nicht stattgefunden hat. Die Goldene Elf hatte ihren Zustand bis zum Äußersten ausgebaut. Nur hielt sich das Ereignis namens Finale nicht daran. Mit ihrem Schicksal bewies diese Mannschaft der Nachwelt: Der Fußball stellt nicht einmal seinen größten Meistern eine Siegesgarantie aus.
II. Was sie auf dem Rasen veränderten
Die Stärke dieser Mannschaft lag nicht allein in der Technik ihrer Spieler. Sie vollzog eine strukturelle Neuerung, die das alte System auf der Stelle versagen ließ. Ihr Eingriff saß tief und traf genau.
Ausgangspunkt war das WM-System, das damals im Spitzenfußball üblich war. Diese Formation hatte sich schon früher aus der alten Pyramide entwickelt. Die Engländer hatten sie am gründlichsten ausgearbeitet und mit ihr eine Zeit lang die Fußballwelt beherrscht. Gusztáv Sebes, der Trainer der Goldenen Elf, machte aus der vertrauten Anordnung etwas weit Beweglicheres. Dazu ließ er seinen Mittelstürmer Hidegkuti die vorderste Position verlassen und weiter hinten spielen.
Dieser Eingriff traf das WM-System an seiner empfindlichsten Stelle. Der Angelpunkt seiner Abwehr war der Mittelläufer als zentraler Manndecker. Seine Aufgabe bestand darin, dem gegnerischen Mittelstürmer keinen Schritt von der Seite zu weichen. Nun aber stand dieser Mittelstürmer gar nicht mehr dort, wo er gedeckt werden sollte. Er hatte sich in die Nähe des Mittelfelds zurückgezogen. Sein Bewacher steckte in einem Dilemma: Folgte er ihm, riss hinter ihm ein riesiger Raum auf, in den Puskás, Kocsis und die anderen vorstoßen konnten. Blieb er stehen, nahm Hidegkuti zwischen Mittelfeld und Abwehr unbedrängt den Ball an und baute in aller Ruhe das Spiel auf. Weder Mitgehen noch Zurückbleiben half. Ein einziges Zurückfallen brachte die gesamte Logik der gegnerischen Manndeckung zum Stocken.
In der Zeit des WM-Systems war diese Logik das Fundament der Verteidigung. Jeder Verteidiger hielt sich an seinen Mann, jeder bewachte seinen Bereich, alles hatte seine Ordnung. Hidegkutis Rückzug entzog dieser Ordnung ihre Voraussetzung: den Mittelstürmer, der stets an seinem festen Platz blieb. Sobald das Fundament fehlte, wurde das ganze Gebäude undicht. Das ließ sich nicht erreichen, indem ein einzelner Spieler schneller lief oder genauer schoss. Hier wurde an der Achse angesetzt, um die sich das gesamte System drehte. Ein Schnitt durch diese Achse bewirkt mehr als zehn Hiebe gegen bloßes Beiwerk. Das eigentlich Furchteinflößende an der Goldenen Elf war, dass sie diese Achse fand und sich traute, sie zu durchtrennen.
Der besondere Reiz von Hidegkutis Rolle lag auch darin, dass sie dem gesunden Fußballverstand widersprach. Ein Spieler hieß Mittelstürmer und stand ausgerechnet nicht dort, wo ein Mittelstürmer zu stehen hatte. Damals schien das beinahe widersinnig. Der Gegner schickte ganz vernünftig jemanden los, um den Mittelstürmer zu decken, und griff ins Leere. Er sicherte ganz vernünftig seinen Strafraum ab, während im Mittelfeld ein Mann alles durcheinanderbrachte, der eigentlich in diesem Strafraum hätte stehen sollen. Die Goldene Elf war im Vorteil, weil sie früher als die anderen erkannte: „Der Mittelstürmer gehört nach ganz vorn“ war nur eine kaum je hinterfragte Gewohnheit, kein eisernes Gesetz. Eine Gewohnheit als solche zu durchschauen, die alle für ein Gesetz halten, ist häufig der Anfang jeder Neuerung.
Dabei beschränkte sich ihre Spielweise keineswegs auf die veränderte Position eines einzigen Spielers. Puskás beschrieb später das gemeinsame Prinzip: Wenn Ungarn angriff, griffen alle an; musste die Mannschaft verteidigen, gingen dieselben Spieler gemeinsam zurück. Positionen waren keine festgezurrten Kästchen mehr, sondern Teile eines beweglichen Gefüges, in dem man Aufgaben übernahm und füreinander Räume sicherte. Puskás spielte als Halbstürmer, war Kapitän und besaß einen geradezu zauberhaften linken Fuß. Bozsik dirigierte das Mittelfeld, gab mit seinen Pässen den Takt vor und regelte den Rhythmus der Mannschaft. Hidegkuti war der zurückfallende Mittelstürmer, der die gegnerischen Verteidiger aus ihren Positionen zog. Kocsis gehörte zu den besten Vollstreckern, war vor allem mit dem Kopf kaum zu stoppen und wurde bei dieser WM mit elf Toren Torschützenkönig. Czibor zog auf dem linken Flügel mit Tempo und schwer vorhersehbaren Laufwegen die gegnerische Abwehr auseinander. Später sah die Fußballgeschichtsschreibung darin einen Vorläufer des totalen Fußballs. Jonathan Wilson, der sich eingehend mit Ungarns Fußball befasst hat, rückt die Goldene Elf in seinem Buch über diese Geschichte ins Zentrum der Entwicklung moderner Taktik. Sie ist bei ihm weit mehr als eine nostalgische WM-Episode. Denn diese Mannschaft machte aus beweglichen Positionen und der Beteiligung aller erstmals auf höchstem Weltniveau ein System, mit dem sich Spiele gewinnen ließen.
Das 6:3 von Wembley war die deutlichste öffentliche Demonstration dieser Neuerung. England wusste mit Hidegkutis Zurückfallen überhaupt nichts anzufangen; sein Verständnis des WM-Systems erwies sich auf dem Platz als überholt. Die Mannschaft aus dem Land, das die Regeln und das Spiel selbst erfunden hatte, bekam im eigenen Haus eine gründliche Lehrstunde von einem Fußball, den sie nicht einmal lesen konnte. Die Taktik war ihrer eigenen Logik folgend einen großen Schritt weitergegangen. Und die ganze Welt hatte zugesehen.
Fußballtaktik ist nie eine Erfindung aus einem Guss. Sie ist ein Staffellauf. Von der frühen Pyramide über das von den Engländern verfeinerte WM-System bis zu jenem Schritt zurück, den die Ungarn ihren Mittelstürmer machen ließen: Jeder Schritt baut auf dem vorigen auf und stößt sich zugleich von ihm ab. Die Goldene Elf war kein Wunder, das vom Himmel fiel. Sie stand auf den Schultern des WM-Systems, erkannte dessen eigenen blinden Fleck und brach genau dort hindurch. Durch die Öffnung, die sie schuf, gingen später andere weiter, bis zum totalen Fußball und bis zum modernen Spiel. Auf dieser langen Strecke übernahm sie einen der entscheidenden Abschnitte.
III. Vom Staat zusammengeführte Genies
Ein weiterer Ursprung ihrer Stärke lag außerhalb des Spielfelds. Auch darüber muss gesprochen werden, denn er lässt sich von der Politik jener Zeit nicht trennen.
Sebes war nicht nur ein Trainer, der Aufstellungen und Spielzüge entwarf. Als Sportfunktionär innerhalb des Systems besaß er ungewöhnlich weitreichende Befugnisse bei der Vorbereitung der Mannschaft und der Zusammenführung ihrer Spieler. Die ungarische Sportpolitik hatte die besten Nationalspieler bei zwei Budapester Vereinen konzentriert: Honvéd und MTK. So waren die Mitspieler der Nationalmannschaft auch im Vereinsalltag Mannschaftskameraden. Puskás, Kocsis und Bozsik spielten bei Honvéd, Hidegkuti bei MTK. Sebes konnte immer wieder Lehrgänge und Vorbereitungsspiele ansetzen und eine Nationalelf so führen, als wäre sie eine seit Jahren eingespielte Vereinsmannschaft. „Sozialistischer Fußball“ war keine leere Formel. Dahinter stand ein Staat, der mit administrativer Macht Talente und Trainingsbedingungen stark bündelte. Dass diese Nationalmannschaft so blind eingespielt wirkte wie ein Verein, lag eben daran, dass der Staat ihr Fundament gezielt an einem Ort zusammengeführt hatte.
Für den damaligen Fußball war eine solche Konzentration ein fast luxuriöser Vorteil. Die Nationalspieler anderer Länder waren auf viele Vereine verteilt, kamen im Jahr nur wenige Male zusammen und wurden vor großen Turnieren hastig versammelt. Zum Einspielen blieb erschreckend wenig Zeit. Diese Ungarn dagegen trainierten und spielten das ganze Jahr miteinander. Die Laufwege und den richtigen Augenblick für einen Pass kannten sie so gut, dass sie dafür nicht mehr aufschauen mussten. Zwischen einer eingespielten Mannschaft und einer kurzfristig versammelten Gruppe von Stars liegt genau dieses Verständnis, das nur im täglichen Miteinander wächst. Der Staat hatte es dieser Elf durch seine administrative Macht gleichsam im Voraus ermöglicht.
Hier verläuft eine Grenze, die man nicht verwischen darf. Der Staat hatte diese Mannschaft tatsächlich geformt. Sie war ein staatliches Projekt, ein Schaufenster des Sozialismus. Doch dieser Fall unterschied sich von jenen, in denen der Fußball ganz dem Ansehen eines Regimes einverleibt wurde. Die staatliche Konzentration hatte die Kreativität auf dem Rasen nicht erstickt. Ein zurückfallender Mittelstürmer, dieses fließende gemeinsame Angreifen und Verteidigen, ließ sich durch keinen Verwaltungsbefehl verordnen. Es entstand aus Sebes’ Blick, aus dem Talent von Puskás und den anderen, aus dem fortgesetzten Nachdenken und Erproben einer ganzen Spielergeneration. Der Staat konnte die Spieler zusammenbringen und ihnen die besten Bedingungen verschaffen. Das Können in ihren Füßen konnte er nicht herstellen. Menschen zusammenzubringen und sie so Fußball spielen zu lassen sind zweierlei. An das Zweite reichte seine administrative Hand nicht heran.
Diese Mannschaft hatte deshalb zwei Seiten. Sie war das Ergebnis staatlicher Konzentration und zugleich eine Gruppe wirklicher Genies. Wer sie ausschließlich zum Produkt des Systems erklärt, streicht jene Kunst, die niemand an ihrer Stelle hervorbringen konnte. Wer sie als reine, von aller Politik unberührte Kunst beschreibt, übersieht das Fundament, das der Staat ihr so sorgfältig gelegt hatte. Beide Seiten sind wahr, und keine verschlingt die andere. Was dieser Mannschaft aber wirklich selbst gehörte, jenes Können, bei dem die ganze Welt staunend zusah, blieb außerhalb der Reichweite staatlicher Verdienstbilanzen. Man hatte sie zusammengeführt. Was sie spielte, war am Ende doch ihr eigenes Werk. Dieses Können sollte den Spielern später bis in die fernsten Winkel ihres Exils folgen. Doch davon später.
IV. Wie ein 8:3 täuschen kann
Bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz überrollte die Mannschaft ihre Gegner beinahe bis zuletzt.
Zum Auftakt fegte sie Südkorea mit 9:0 vom Platz, danach gewann sie in Basel 8:3 gegen Westdeutschland. Dieser hohe Sieg hatte allerdings einen Preis. Puskás verletzte sich am Knöchel und fiel für die nächsten beiden Partien aus: das Viertelfinale gegen Brasilien und das Halbfinale gegen Uruguay. Selbst ohne ihren Kapitän besiegten die Ungarn Brasilien mit 4:2, in einer Begegnung, die wegen ihrer Brutalität als „Schlacht von Bern“ in Erinnerung blieb. Anschließend bezwangen sie Titelverteidiger Uruguay nach Verlängerung ebenfalls mit 4:2. Wer ohne die Seele seiner Mannschaft erst Brasilien und dann den amtierenden Weltmeister ausschaltet, verfügt über eine außergewöhnliche Substanz. Ungarn erzielte bei diesem Turnier in fünf Spielen 27 Tore. Diesen Rekord für eine einzelne WM hat bis heute niemand übertroffen.
Der Siegeszug ließ die Vorstellung von ihrer Unbesiegbarkeit immer weiter anschwellen. 9:0, 8:3, dann ohne den wichtigsten Mann nacheinander Brasilien und Titelverteidiger Uruguay geschlagen, 27 Tore in fünf Spielen: Jede Zahl schien das bereits geschriebene Ende zu beglaubigen. Alle, vermutlich auch die Ungarn selbst, hielten das Finale nur noch für eine weitere routinemäßige Krönung. Doch gerade in dieser einhelligen Gewissheit lag eine Schwachstelle verborgen, die niemand beachtete.
Denn jenes 8:3 war eine Tatsache, mit der man sich besonders leicht täuschen konnte.
Das Problem daran: Die westdeutsche Mannschaft, die in der Vorrunde 3:8 gegen Ungarn verloren hatte, war keineswegs die Mannschaft des Endspiels. Sepp Herberger hatte im Gruppenspiel gar nicht seine stärkste Elf aufgeboten, sondern eine zweite Besetzung. Einer weitergehenden Deutung zufolge wollte er sogar lieber verlieren und Gruppenzweiter werden, weil er sich davon einen leichteren Weg durch das Turnier versprach. Das ist eine nachträgliche Rekonstruktion, der manche folgen, während andere vorsichtig bleiben. Eines aber lässt sich verlässlich sagen: Herberger wechselte für dieses Spiel in großem Umfang durch, nahm die Niederlage gelassen hin und schonte seine Stammspieler für das Entscheidungsspiel gegen die Türkei und die anschließende K.-o.-Runde.
Das war unter den damaligen Bedingungen ein Wagnis und zugleich ein genau kalkulierter Zug. Das Wagnis bestand darin, mit einer bewusst hingenommenen Niederlage dem Gegner den Nimbus der Unbesiegbarkeit selbst zu überlassen und sich in eine Lage zu bringen, in der man unterschätzt wurde. Die Kalkulation bestand darin, ein für das Weiterkommen unerhebliches Gruppenspiel zur Schonung der Kräfte und nebenbei zum Auskundschaften des Gegners zu nutzen. Das war lohnender, als sich für einen bloßen Prestigegewinn zu verausgaben. Herberger setzte darauf, dass über den Titel nie das Ansehen aus diesem einen Gruppenspiel entschied, sondern die tatsächliche Substanz in den entscheidenden Spielen der K.-o.-Runde und im Finale. Lieber gab er zunächst das Ansehen preis, als die Substanz aus der Hand zu geben.
Nebenbei verbarg diese Rotation auch die wirkliche Stärke Westdeutschlands. Ungarn hatte in der Vorrunde eine westdeutsche Mannschaft gesehen, die ihre Kräfte zurückhielt, nicht ihre stärkste Besetzung. Im Endspiel traf es auf einen erholten Gegner, dessen ganzes Können es womöglich noch nie vollständig zu Gesicht bekommen hatte. „Ungarn hat Deutschland schon einmal 8:3 geschlagen“ war also wahr, aber unvollständig. Die Deutschen hatten das erste Spiel zum Teil auch dazu genutzt, sich zu tarnen. Genau daran musste jede deterministische Behauptung, Ungarn habe eigentlich gewinnen müssen, zuerst stolpern. Eine Mannschaft glaubte, den Gegner durchschaut zu haben. Dabei hatte sie nur die Seite kennengelernt, die er ihr absichtlich gezeigt hatte. Der Determinismus spricht gern in diesem Ton: Man habe doch „schon einmal gewonnen“. Er übersieht dabei, dass dieses „schon einmal“ mitunter gerade die Falle ist, die der Gegner aufgestellt hat.
Damit zerplatzt eine besonders hartnäckige Illusion: der Glaube, vergangene Ergebnisse könnten künftige vorwegnehmen. Das 8:3 lag in der Vergangenheit; das Finale fand jetzt statt. Dazwischen lagen eine fast völlig andere deutsche Mannschaft und ein vollkommen neuer Nachmittag. Wer den vergangenen Sieg zur Garantie für den nächsten erklärt, begeht einen der häufigsten Fehltritte des Determinismus. Nie krachte dieser Sturz lauter als bei der Goldenen Elf an jenem regnerischen Abend. Einmal gewonnen zu haben heißt niemals, zwangsläufig wieder zu gewinnen. Erst recht nicht, wenn der Gegner das erste Spiel als Blendwerk benutzt hat, das eigens für einen aufgebaut wurde.
V. Das Spiel von Bern
Das Finale fand am 4. Juli 1954 in Bern statt. Von Anfang bis Ende ging ein heftiger Regen auf den Rasen nieder.
Zunächst lief alles so, wie man es erwartet hatte. Nach acht Minuten führte Ungarn bereits 2:0. Erst traf Puskás, dann nutzte Czibor eine Verwirrung in der deutschen Abwehr zum zweiten Tor. Das längst geschriebene Ende schien nur noch gut achtzig Minuten Spielzeit von seiner Vollstreckung entfernt. Doch die Deutschen schlugen fast sofort zurück. In der 18. Minute hatte Rahn bereits zum 2:2 ausgeglichen. Innerhalb von nur zehn Minuten war der Vorsprung von zwei Toren verschwunden. Kurz vor Schluss traf Rahn erneut: 3:2. Ungarn hatte durchaus noch die Gelegenheit zum Ausgleich. Vor dem Abpfiff brachte Puskás den Ball im Netz unter, doch der Treffer wurde wegen Abseits aberkannt.
Der Verlauf dieses Spiels ist ein Schauspiel darüber, wie Gewissheit zerfällt. Das 2:0 nach acht Minuten schien das Drehbuch zu erfüllen, das alle schon geschrieben hatten. In diesem Augenblick erreichte die Sicherheit ihren höchsten Punkt. Danach brach diese Gewissheit Stück für Stück zusammen. Erst kam der schnelle Ausgleich, der erste Riss in der Gewissheit. Dann geriet Ungarn in Rückstand, und aus dem Riss wurde eine offene Bresche. Der zuletzt aberkannte Ausgleich wirkte, als habe das Schicksal selbst die Hand ausgestreckt, um auch den letzten Hoffnungsschimmer auf eine Wende wieder hinabzudrücken. Neunzig Minuten lang musste eine für unbesiegbar gehaltene Mannschaft zusehen, wie ihre Unbesiegbarkeit nach und nach versickerte.
Der aberkannte Treffer wurde zu einer der dauerhaftesten Streitfragen dieses Finales. Die Empörung der Ungarn damals war echt. Doch auch die später betrachteten Bilder schufen keine endgültige Klarheit. Die erhaltenen Fernsehaufnahmen liefern für keine Seite einen entscheidenden Beweis. Verlässlich sagen lässt sich deshalb nur: Der mögliche Ausgleich wurde wegen Abseits nicht anerkannt, die Entscheidung löste sofort heftigen Streit aus, und anhand der erhaltenen Bilder lässt sich bis heute kein abschließendes Urteil fällen. Hier blieb ein Riss zurück, der sich nicht mehr schließen lässt. Daraus folgt weder, dass Ungarn nachweislich Unrecht geschah, noch umgekehrt, dass die Entscheidung zweifelsfrei richtig war.
Auch die Zufälligkeiten, von denen später so oft die Rede war, waren wirklich vorhanden. Nur erklärt keine für sich allein den Ausgang. Aus dem strömenden Regen wurde das „Fritz-Walter-Wetter“: Angeblich lagen dem deutschen Kapitän Fritz Walter kühle, nasse Tage besonders, und er spielte dann am besten. Adi Dassler stattete die Westdeutschen mit leichteren Fußballschuhen aus, deren Schraubstollen ausgewechselt werden konnten und die im Schlamm geholfen haben sollen. Allerdings musste auch hier später etwas berichtigt werden. Das Deutsche Patent- und Markenamt stellte klar, dass Dassler die Schraubstollen nicht eigens für dieses Finale erfunden hatte. Die Technik war nicht plötzlich an jenem Tag aus dem Nichts aufgetaucht. Vielmehr trug das Finale dazu bei, den Ruhm der Marke zu begründen. Diese Richtigstellung besagt nicht, dass die Schuhe wirkungslos waren. Sie besagt, dass ihre angeblich einzigartige Bedeutung übertrieben wurde.
All diese Zufälligkeiten haben etwas gemeinsam: Im Rückblick sieht jede wie eine Ursache des Ergebnisses aus. Im Voraus war keine von ihnen eine Garantie dafür. Regen muss Deutschland nicht begünstigen. Solche Schuhe können auch andere tragen. Verborgene Stärke zählt erst, wenn sie auf dem Platz tatsächlich wirksam wird. Es waren Bedingungen, die eine Möglichkeit wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machten. Keine konnte aus einer Möglichkeit eine Notwendigkeit machen. Sie nachträglich aneinanderzureihen und zu einer Kausalkette mit dem Schlusssatz „Deshalb gewann Deutschland“ zusammenzubauen, ist eine Täuschung, die sich überhaupt erst errichten lässt, wenn das Ergebnis schon bekannt ist. Hätte an diesem Tag Ungarn gewonnen, wären diese Bedingungen vermutlich mit keinem Wort erwähnt oder umgekehrt als belanglose Nebensachen abgetan worden. Sie wirken nur deshalb bedeutend, weil Deutschland gewann. Deutschland gewann nicht deshalb, weil es sie gab.
Regen, Schuhe, Wetter: Alles war an diesem Nachmittag wirklich da. Doch auch zusammengenommen ergibt es nicht den Satz: „Deutschland musste gewinnen.“
VI. Auch der vollkommenste Aufbau kann ein Spiel nicht schließen
Wer diesem Finale bis an sein Ende folgt, stößt auf das, worum es hier eigentlich geht.
Die bequemste Erzählung lautet, Ungarn sei der Titel geraubt worden. Das Abseitstor, der Regen, die Schuhe und eine westdeutsche Elf, die ihre Stärke verborgen hatte: Zusammen sieht das aus wie ein Unrecht an einer vollkommenen Mannschaft. Diese Erzählung tut gut. Doch sie ist nur die Kehrseite ihres vermeintlichen Gegenteils, des deutschen Mythos, der den Sieg zum reinen Wunder und zur Fügung des Himmels erklärt. Beide möchten aus diesem Spiel eine saubere, eindeutige Geschichte machen. Entweder geschieht dem Genie Unrecht, oder es ereignet sich ein Wunder.
Die Wahrheit lässt sich jedoch von keiner Seite vereinnahmen. Ungarn war tatsächlich die stärkere Mannschaft. Daran muss man nicht zweifeln. Aber Westdeutschland gewann tatsächlich dieses Spiel, und dieser Sieg war echt: eine wirkliche Aufholjagd in wirklichem Schlamm, in der eine Mannschaft einen Rückstand von zwei Toren Stück für Stück wettmachte. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Ungarn an diesem Nachmittag eigene Schwächen zeigte. Es ließ drei Gegentore in Folge zu. Sein Kapitän spielte mühsam mit einem noch nicht ausgeheilten Knöchel. Der Gegner, den es aus der Vorrunde kannte, war ein anderer als der, der ihm jetzt gegenüberstand. Wer bloß von einem Raub spricht, streicht die wirkliche deutsche Aufholjagd. Wer den deutschen Sieg ausschließlich der Vorsehung zuschreibt, streicht wiederum all die handfesten Dinge, die einen Nachmittag, an dem sich die stärkste Mannschaft hätte krönen können, nach und nach umgeschrieben haben. Eine tatsächlich stärkere Elf verlor dieses eine Spiel an einem Nachmittag, an dem sich alles gegen sie wandte. Dafür gibt es keinen wohltuend eindeutigen Richterspruch.
Auf diesem schmalen Grat muss man zwei Regungen zugleich im Zaum halten, denen man nur zu gern freien Lauf ließe. Da ist der Drang, für den Stärksten Gerechtigkeit einzufordern: Eine so gute Mannschaft ohne Titel, das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Also sucht man hastig nach einem Schuldigen. Daneben steht die Bequemlichkeit, sich vom Mythos des Siegers mitreißen zu lassen: Wer gewonnen hat, muss vom Himmel erwählt sein und in jeder Hinsicht tugendhaft. Doch Fußball kennt weder eine höhere Gerechtigkeit noch vergibt er Tugendpreise. An jenem konkreten Nachmittag ließ er zweiundzwanzig konkrete Menschen in einem konkreten Regen neunzig Minuten spielen und erkannte danach den konkreten Spielstand an. Wer diesen Nachmittag zu einem Justizirrtum oder einem Wunder abstrahiert, presst einem Ereignis einen Sinn auf, der ihm von sich aus gar nicht zukommt.
Diese Zurückhaltung ist kein Ausweichen und kein bequemer Kompromiss, der beiden Seiten die gleiche Rüge erteilt. Sie erkennt an, dass die Wahrheit eines Spiels manchmal keine Fassung besitzt, mit der alle zufrieden sein können. Ungarn war stärker: Das ist wahr. Deutschland gewann: Auch das ist wahr. Zusammen ergeben diese beiden Wahrheiten aber gerade kein sauberes Urteil darüber, wer recht hatte, wem Unrecht geschah und wer Glück hatte. Wer ein solches Urteil erzwingt, muss eine der beiden wahren Seiten abschneiden. Am treuesten erzählt man das Spiel, indem man beide Seiten zugleich festhält. Auch wenn das weit weniger Genugtuung verschafft als ein endgültiger Bescheid.
Genau darin liegt die tiefste Lehre, die die Goldene Elf hinterlassen hat.
Sie hatte das System Fußball beinahe bis zur Vollkommenheit ausgearbeitet. Sie blieb über so viele Spiele ungeschlagen, demütigte das Mutterland dieser Sportart und führte die Taktik in ein neues Zeitalter. Wenn irgendein Aufbau stark genug hätte sein sollen, seinen eigenen Ausgang festzuschreiben, dann dieser. Doch er konnte es nicht. Selbst das vollkommenste System kann einen nur zu dem machen, der am ehesten gewinnt. Es kann einen nicht zu dem machen, der zwangsläufig gewinnt. Zwischen „am wahrscheinlichsten“ und „zwangsläufig“ bleibt immer ein Spalt. Darin haben die geringe Zahl der Tore und der Modus, in dem ein einziges Spiel über alles entscheidet, ihren festen Platz. Je vollkommener die Goldene Elf war, desto nachdrücklicher bewies sie im Umkehrschluss: Auch Vollkommenheit kann dieses eine Spiel nicht schließen.
Hier zeigt sich in seiner reinsten Form, dass ein Aufbau sich nicht vollständig schließen lässt. Anderswo kann man sich noch damit trösten, er sei eben nicht gründlich genug ausgearbeitet. Mit etwas mehr Zeit lasse sich der Spalt vielleicht füllen. Doch die Goldene Elf hatte alles, was sich verfeinern ließ, bis ans Ende verfeinert. Sie war die Grenze dessen, was dieser Aufbau erreichen konnte. Und selbst an dieser Grenze blieb der Spalt offen. Das erzwingt einen schärferen Schluss: Ein Aufbau bleibt offen, nicht weil er noch nicht gut genug wäre, sondern weil selbst der beste Aufbau sich nicht schließen lässt. Der Rest verschwindet nicht, wenn man sich der Vollkommenheit nähert. Gerade dort, wo der Aufbau am vollkommensten ist, sticht er am grellsten ins Auge.
Für alle, die an Vollkommenheit glauben wie an ein Heilsversprechen, ist das eine Mahnung. Wir meinen stets, man müsse etwas nur gut genug machen, bis zur äußersten Perfektion, um dafür ein sicheres Ergebnis zu erhalten und dem Glück keinen Spielraum mehr zu lassen. Die Goldene Elf ging bis an diesen äußersten Punkt und sagte dann allen: Nein, dieser Spielraum wird nie geschlossen. Die vollkommenste Vorbereitung erhöht nur die Gewinnchance. Und die höchste Gewinnchance ist noch kein sicherer Sieg. In diesem schmalen Zwischenraum wohnt immer ein Gast, den niemand vor die Tür setzen kann: der Zufall. Seine Anwesenheit anzuerkennen heißt nicht, sich dem Schicksal zu ergeben. Es heißt, diese Sportart und vieles andere in seiner wirklichen Gestalt zu erkennen. Wer alle Hoffnung auf den Satz setzt, mit vollkommener Vorbereitung könne nichts mehr schiefgehen, wird früher oder später von einem Berner Regentag bis auf die Knochen durchnässt.
Dass die stärkste Mannschaft nicht Weltmeister wurde, ist keine Ausnahme von dieser Gesetzmäßigkeit. Es ist ihre lauteste Verkündung.
VII. „Wir sind wieder wer!“: Die Geburt eines Mythos
Die Verlierer trugen eine Wunde davon. Die Sieger erhielten einen Mythos.
Im Westdeutschland der Nachkriegszeit wurde der Sieg von Bern zu einem mächtigen Symbol im kollektiven Gedächtnis. Ein später oft zitierter Satz verdichtete das damalige emotionale Gewicht des Ergebnisses: „Wir sind wieder wer!“ Der Jubelschrei des Radioreporters, „Aus! Deutschland ist Weltmeister!“, wurde Teil dieses emotionalen Neubeginns. Noch später wurde Bern häufig als die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik bezeichnet. Ein Land, das gerade erst aus den Trümmern und der Schande des Krieges herausgekrochen war, gewann durch einen Fußballerfolg ein wenig von dem Selbstvertrauen zurück, das man braucht, um aufrecht zu gehen. In jener Zeit war dieses Gefühl wirklich und bewegend.
Doch auch hier ist Zurückhaltung nötig. Der Sieg löste damals tatsächlich eine gewaltige Gefühlswelle aus. Wie unmittelbar und wie weitreichend seine politische Wirkung war, darüber sind Historiker jedoch uneins. Untersuchungen, die sich eigens mit der politischen Verwendung dieses Mythos befassen, weisen darauf hin: Das Ereignis bewegte die Zeitgenossen wirklich, doch sein Einfluss war weit flüchtiger und mittelbarer, als der spätere Mythos behauptet. Die Vorstellung von Bern als Geburtstag der Bundesrepublik wurde erst nachträglich Schicht um Schicht aufgebaut. Ihre heutige Bedeutung erhielt sie vor allem in den langen Jahrzehnten danach, nicht schon an jenem Tag im Jahr 1954. Wiederkehrende Gedenkfeiern, Erzählungen, Filme und Fernsehsendungen gaben dem Mythos nach und nach die Gestalt, die er heute besitzt. Er stand nicht mit dem Schlusspfiff fertig da. Er wurde über Jahrzehnte Stein für Stein gemauert.
Das heißt nicht, dass das Gefühl der Wiedergeburt unecht gewesen wäre. Die Menschen eines besiegten Landes konnten auf einer internationalen Bühne endlich wieder aufatmen und den Kopf heben. Ihre Begeisterung war durch und durch echt. Aber Begeisterung ist das eine. Die Begeisterung über ein Fußballspiel nachträglich zum Ausgangspunkt der politischen Wiedergeburt eines Landes zu erklären ist etwas anderes. Das Erste war ein damals wirklich empfundenes Gefühl. Das Zweite ist eine später hinzugefügte Deutung. Eine nachträgliche Deutung greift immer weiter aus und macht größere Aussagen als das Gefühl des Augenblicks. An jenem Tag war ein Sieg zunächst ein Sieg. Jahrzehnte später wurde er als Mündigwerdung eines ganzen Landes erzählt. Die Entfernung zwischen beidem füllte der Mythos Stück für Stück aus.
Diese Art des Aufbaus bringt im Grunde dasselbe hervor wie jene, bei der sich ein Land nach einer Niederlage einen Namen für sein Minderwertigkeitsgefühl gibt. Hier wird aus einem Sieg die Wiedergeburt der Nation errichtet, dort aus einer Niederlage ein nationales Minderwertigkeitsgefühl. Die Richtungen sind entgegengesetzt, das Verfahren ist gleich: Ein Fußballspiel soll zur Parabel über das Schicksal eines Landes werden. Unter der Parabel verschwindet das Spiel, wie es war: eine ausgeglichene Begegnung, entschieden von Regen, Zufall und einer ganzen Reihe handfester Umstände. Der Mythos der Sieger und der Komplex der Verlierer sind dieselbe Bewegung des Abtragens, die dem Zufall einen großen Sinn geben will. Sie setzt nur auf den beiden Seiten derselben Münze an. Die Menschen wollen ein Spiel einfach nicht ein Spiel sein lassen. Im Sieg soll es etwas beweisen, in der Niederlage ebenso. Und unter all diesen Beweisen wird die wirkliche Gestalt des Fußballs immer tiefer begraben.
VIII. Die Spritzen, über die keine Klarheit herrscht
Unter jenem Sieg, der zum Wunder aufgetürmt wurde, liegt noch etwas, das bis heute nicht geklärt ist.
Das ist der empfindlichste Teil dieser Geschichte und muss besonders behutsam erzählt werden. Das zweifelsfrei gesicherte Minimum lautet: Deutsche Spieler erhielten während des Turniers Injektionen. Viele Jahre später erklärte Mannschaftsarzt Franz Loogen, man habe Vitamin C und Traubenzucker gespritzt, um die Erholung zu fördern. 2004 verteidigte Loogen diese Darstellung öffentlich. Auch die früheren Nationalspieler wiesen empört zurück, dass der Titel durch Doping gewonnen worden sei.
Spätere Forschungen verschärften den Streit jedoch erneut. 2010 äußerte ein Forschungsprojekt den Verdacht, einigen deutschen Spielern könnten damals statt bloßer Vitamine stimulierende Mittel gespritzt worden sein, möglicherweise das Methamphetaminpräparat Pervitin. Besonders verdächtig erschienen die Geheimhaltung der Injektionen und die Gelbsucht, an der nach dem Turnier mehrere Spieler erkrankten. Auch andere Historiker fanden sich später mit der Vitamin-C-Erklärung nicht ab und richteten ihren Verdacht auf Pervitin. Zugleich machten diese Stimmen aber deutlich: 1954 gab es überhaupt keine Dopingkontrollen, und der Vorwurf ist nie zweifelsfrei bewiesen worden. Eine Untersuchung, die den Sieg eigens zwischen Mythos und historischer Wirklichkeit verortet, hält fest, dass es keinen Beleg gibt, der die tatsächliche Verwendung solcher verbotenen Mittel nachweist.
Die fairste Darstellung kann deshalb nur mehrere Sätze nebeneinanderstehen lassen: Es gab Injektionen. Es gab Gelbsuchterkrankungen. Spätere Forscher brachten die Möglichkeit ins Spiel, dass leistungssteigernde Mittel, darunter Pervitin, verwendet worden waren. Der Mannschaftsarzt und die früheren Nationalspieler bestritten dies. Bis heute gibt es keine abschließende Klärung. Wer daraus einen lückenlos bewiesenen Dopingskandal macht, geht über die Belege hinaus. Wer die Sache als haltloses Gerücht abtut, als wäre nichts gewesen, streicht dagegen die wirklichen Fragen, die die Spritzen und die Gelbsucht hinterlassen haben. Zwischen dem Beweisbaren und dem Unbewiesenen steckt die Angelegenheit fest. Niemand kann sie für die Geschichte zum Abschluss bringen.
Genau diese Ungeklärtheit muss man ehrlich aushalten. Auf der einen Seite stehen der Wunsch der Deutschen, einen schwer errungenen Titel zu verteidigen, und die Kränkung der ehemaligen Nationalspieler, denen Betrug vorgeworfen wird. Darüber darf man nicht leichtfertig hinweggehen. Auf der anderen Seite stehen die heimlichen Injektionen und die rätselhaften Gelbsuchterkrankungen. Diese Zweifel verschwinden nicht durch eine bloße Verteidigungsrede. Am ehrlichsten ist es, beides auf dem Tisch zu lassen: der Anklage nicht die Beweise zu verschaffen, die sie selbst nicht vorlegen kann, und der Verteidigung nicht die Verdachtsmomente aus dem Weg zu räumen, die sie nicht entkräften kann. Auf manche Fragen hat die Geschichte keine Antwort gegeben. Ihr unbedingt eine abzuringen, ob sie nun „schuldig“ oder „unschuldig“ lautet, wäre eine weitere Form der Unehrlichkeit.
Diese ungeklärten Spritzen sind eben jener Rest, den der makellose Mythos nicht restlos in sich aufnehmen kann. Eine Wundererzählung verlangt nach einem reinen, vom Himmel gefallenen Sieg. Doch in einer Ecke der Geschichte bleibt dieses Fragezeichen zurück. Es ist weder groß genug, um den Titel zu Fall zu bringen, noch klein genug, um gänzlich ausgelöscht zu werden. So bleibt es in der Schwebe und erinnert daran, dass unter jedem noch so blank polierten Mythos etwas liegt, das sich nicht vollständig verpacken lässt. Eine Geschichte, die ganz sauber erzählt werden möchte, behält immer ein paar Stellen, an denen das nicht gelingt.
IX. Das Auseinandergehen der Goldenen Elf
Für Ungarn endete diese Geschichte nicht mit dem Schlusspfiff von Bern. Ihr eigentliches Ende kam mit der politischen Erschütterung von 1956.
Die Goldene Elf zerfiel nicht schon nach der Niederlage im Endspiel. Was sie wirklich auseinanderbrechen ließ, war das Jahr 1956. Während der politischen Krise von 1956 reiste Honvéd zu europäischen Pokalspielen ins Ausland. Das gemeinsame Fundament, auf dem diese Elf entstanden war, brach damit weg. Puskás kehrte schließlich nicht nach Ungarn zurück, ließ sich später in Spanien nieder und schloss sich 1958 Real Madrid an. Auch Kocsis und Czibor ließen sich später in Spanien nieder und wurden nacheinander Spieler des FC Barcelona. So verlor die große Honvéd-Mannschaft, die sich entschieden hatte, vorerst nicht sofort nach Hause zurückzukehren, einen Kernspieler nach dem anderen an die Fremde.
Der entscheidende Schlusssatz über die Goldene Elf lautet deshalb nicht, dass sie das Finale von 1954 verlor. Er lautet, dass die politische Krise von 1956 jene Menschen auseinandertrieb, die diese Mannschaft erst möglich gemacht hatten. Eine Elf, die der Staat sorgfältig zusammengeführt hatte, wurde schließlich durch die Erschütterung desselben Staates wieder zerlegt. Die Politik hatte die Menschen zusammengebracht. Die Politik zerstreute sie wieder. Dazwischen standen Menschen, die nichts anderes wollten als Fußball spielen. Ihre besten Jahre, der Weg, den sie gemeinsam noch viel weiter hätten gehen können, wurden von der Geschichte jenseits des Spielfelds mitten entzwei geschnitten. Den Weltmeistertitel hatten sie nicht gewonnen. Am Ende konnten sie nicht einmal mehr ihre Mannschaft bewahren.
Als die Spieler in der Fremde verstreut waren, verkümmerte ihr Können jedoch nicht. Puskás schrieb bei Real Madrid eine neue Legende; Kocsis und Czibor hinterließen in Barcelona ihre Namen. Die Spielweise, die in Budapest gereift war, das Verständnis von Raum und Bewegung, ging mit diesen Exilanten in den Blutkreislauf des westeuropäischen Fußballs ein und wirkte dort noch viele Jahre leise weiter. Der Staat konnte sie zusammenführen und auseinanderreißen. Er konnte aber nicht verhindern, dass das, was sie mit ihren Füßen vermochten, mit ihnen zog und anderswo wieder Wurzeln schlug. Vielleicht ist dies der letzte Rest in dieser etwas traurigen Geschichte, der sich weigert aufzugeben: Die Menschen wurden verstreut. Das Können, das sie mitnahmen, ging nicht verloren.
Führen wir alles zusammen. Eine beinahe vollkommene Mannschaft trieb das System Fußball bis an seine Grenze und gewann doch nicht dieses eine Endspiel, an das sich die ganze Welt erinnert. Sie bewies damit nicht, dass sie ungenügend war. Sie bewies, dass auch der beste Aufbau dieses eine Spiel nicht schließen kann. Denn zwischen „am ehesten gewinnen“ und „zwangsläufig gewinnen“ bleibt immer ein Raum des Zufalls. Die Sieger errichteten daraus einen Mythos nationaler Wiedergeburt. Die Verlierer kamen noch gar nicht dazu, etwas zu errichten, ehe eine politische Erschütterung sie auseinanderriss. Unter all den Mythen, Streitfragen und Abschieden bleiben zwei Dinge, die sich nicht darin unterbringen lassen. Das eine ist der Zufall, der selbst dem vollkommensten Aufbau jede Garantie verweigert. Das andere sind die Menschen: jene Spieler, die zusammengeführt und wieder verstreut wurden. Sie waren nie bloß eine Taktik, nie bloß ein Schaufenster. Sie waren Menschen mit ihrem eigenen Talent, ihren eigenen Wunden und einem Leben, das die Geschichte umschrieb.
Diese beiden Dinge, den Zufall und den Menschen, rückt die Geschichte der Goldenen Elf so deutlich wie nur möglich ins Licht. Den Zufall, weil diese Mannschaft so stark war, dass sie eigentlich nicht hätte verlieren dürfen. Ihre Niederlage machte besonders schmerzhaft sichtbar, dass keine Stärke den Sieg garantiert. Hätte eine mittelmäßige Elf verloren, hätte sich niemand viel dabei gedacht. Gerade weil aber diese Mannschaft verlor, konnte sich der Rest nirgendwo mehr verbergen. Den Menschen, weil diese Spieler von staatlicher Hand zusammengeführt und durch staatliche Erschütterungen wieder auseinandergetrieben wurden. An ihrem Schicksal wird besonders klar, dass Menschen letztlich kein System sind, über das man nach Belieben verfügen kann. Diese Mannschaft verlor zuerst gegen den Zufall und dann gegen die Geschichte. Doch von Anfang bis Ende verlor sie nie gegen einen Gegner, der besser war als sie.
Diese vielleicht stärkste Mannschaft der Geschichte, die den WM-Pokal am Ende doch nicht in die Höhe stemmen durfte, unterlag keinem Gegner im eigentlichen Sinn. Sie unterlag dem Regen, einer Abseitsentscheidung und einem Nachmittag, den niemand im Voraus festschreiben konnte. Danach trieb eine historische Entwicklung, auf die sie keinen Einfluss hatte, die Mannschaft auseinander.
Vielleicht beschäftigt uns ihre Geschichte gerade deshalb stärker als ein gewonnener Titel. Hätte die Mannschaft gesiegt, wäre sie als vollendete Legende in Erinnerung geblieben: als runde Geschichte davon, wie Können am Ende seinen verdienten Lohn erhält. Aber die Goldene Elf gewann nicht. Sie hinterließ eine Geschichte mit einem Riss. Und in diesem Riss liegt gerade das Wahrste an dieser Sportart. Auch die beste Mannschaft muss sich jenem Nachmittag ausliefern, dessen Verlauf noch nicht geschrieben steht. Auch die umsichtigste Vorbereitung kann die Hand nicht abwehren, mit der die Geschichte von außerhalb auf den Rasen greift. Vollkommene Geschichten wecken Bewunderung. Geschichten mit einem Riss helfen uns zu verstehen.
Niemand hat vorgeschrieben, wohin es als Nächstes gehen muss. Gerade dieses Unberechenbare, das niemand festschreiben kann, macht es immer wieder lohnend, bei jedem neuen Spiel den Atem anzuhalten, noch einmal zu spielen und noch einmal zuzusehen. Selbst die vollkommenste Mannschaft kann dieses eine Spiel nicht schließen. Genau deshalb sehen wir uns an diesem alten Spiel namens Fußball niemals satt. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.