Bern
Die perfekteste Mannschaft, und eine Partie, die sich nicht verschließen ließ
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz und Ungarns Goldenes Team)
1. Die Mannschaft, die der Perfektion am nächsten kam
Am 25. November 1953, London, Wembley. England hatte auf eigenem Boden noch nie gegen eine Mannschaft von außerhalb der Britischen Inseln verloren. Diesen Rekord hatte man Jahrzehnte lang gehütet. An jenem Nachmittag zerschlugen ihn die Ungarn mit 6:3 in Stücke. Rund neunzig Sekunden nach Anpfiff traf bereits Hidegkuti, und bis zum Schlusspfiff war er dreifacher Torschütze; Puskás legte zwei weitere Tore nach, und das Ergebnis von 6:3 schmeichelte den Gastgebern eigentlich noch. Die Spielweise, auf die die Engländer so stolz waren, fand von der ersten bis zur letzten Minute keinen Zugriff auf diese osteuropäische Mannschaft. Beim Rückspiel ein halbes Jahr später gewann Ungarn in Budapest erneut, mit 7:1, bis heute Englands schwerste Niederlage. Zum Zeitpunkt dieses zweiten Gemetzels galt Ungarn bereits allgemein als der klare Favorit für die kommende Weltmeisterschaft. Beide Spiele zusammengenommen nagelten eine Sache endgültig fest: Das Geburtsland dieses Sports war von einer Mannschaft aus Osteuropa taktisch um eine ganze Generation abgehängt worden.
Jene ungarische Mannschaft wurde später das Goldene Team genannt. Zwischen 1950 und 1956 war sie die stärkste des Planeten. Sie hatte 1952 die olympische Goldmedaille gewonnen und über eine lange Strecke hinweg beinahe vergessen, wie sich eine Niederlage überhaupt anfühlte. Nach einer gängigen Zählung blieb sie von 1950 bis zum Vorabend des Finales von 1954 in einunddreißig offiziellen Länderspielen ungeschlagen, rechnet man das in seiner Wertung umstrittene Spiel von 1952 gegen Ostdeutschland mit ein, sogar zweiunddreißig. Weitet man das Fenster auf die ganze Spanne von 1950 bis 1956 aus, verlor sie in fünfzig Spielen nur eines und gewann zweiundvierzig. Genau diese Zahlenreihe trägt ein Urteil, das inzwischen fast als ausgemacht gilt: Dies sei vielleicht die stärkste Mannschaft der Geschichte der Weltmeisterschaft, die dennoch nie den Titel holte.
Als eine solche Mannschaft ins Finale von 1954 einzog, zweifelte kaum jemand am Ausgang. Eine Serie ohne Niederlage verdichtet sich, hält sie lange genug an, in den Köpfen der Menschen zu etwas, das einem physikalischen Gesetz nahekommt. Sie gewann so viel und so lange, dass Gewinnen nicht mehr wie eine Möglichkeit aussah, sondern wie eine Notwendigkeit. Der Gegner musste im Kopf schon verlieren, ehe er den Platz betrat; die öffentliche Meinung hatte den Pokal bereits vor Anpfiff vergeben. Diese den ganzen Platz überziehende Gewissheit war selbst ein Teil der über Jahre angesammelten Kampfkraft dieser Mannschaft, eines ihrer größten Kapitale bestand gerade darin, alle glauben zu machen, sie sei unbesiegbar. Doch genau diese beinahe gesetzhafte Gewissheit legte den Keim für die wichtigste Frage dieses Abschnitts: War die Unbesiegbarkeit einer Mannschaft, die so stark war, dass man sie für unbesiegbar hielt, eine Tatsache – oder eine Illusion, die der Sieg immer wieder selbst genährt hatte?
Am stärksten, und doch ohne Titel. Der Spalt zwischen diesen beiden Tatsachen ist genau das, dem dieser Abschnitt nachgehen will.
Ein Konstrukt lässt sich bis zur Vollendung schleifen und kann sich trotzdem nicht wirklich schließen. Das Goldene Team ist die reinste Probe, die dieser Satz je bestanden hat. Wenn es in der Geschichte des Fußballs je eine Mannschaft gegeben hat, die dieses Spiel fast wie eine gelöste Aufgabe erscheinen ließ, die dieses System fast bis zur Fehlerlosigkeit poliert hat, dann war es diese. Sie durchschaute ihre Gegner bis auf den Grund, erneuerte die Formation und machte den Sieg zu einer beinahe instinktiven Gewohnheit. Doch selbst sie, selbst so stark, überwand nie den Spalt zwischen „die Stärkste sein" und „jene eine Partie gewinnen". Die Stärkste zu sein ist ein Konstrukt, ein reales, mühsam erarbeitetes, glanzvolles Konstrukt. Das Finale zu gewinnen dagegen ist ein Zufallsereignis. Der Spalt zwischen beidem ist ein Rest, den auch die vollkommenste Politur nicht auffüllen kann. Anders gesagt: „Die Stärkste sein" bezeichnet einen Zustand, einen Zustand, der sich über Jahre der Anstrengung aufhäufen lässt und sich immer wieder aufs Neue bestätigen lässt; „jene Partie gewinnen" dagegen bezeichnet ein Ereignis, ein Ereignis, das sich nur ein einziges Mal ereignet, das sich nicht wiederholen und nicht vorausbuchen lässt. Ein Zustand lässt sich anhäufen, ein Ereignis kann man nur abwarten. Und keine noch so dicke Schicht an Zustand fängt jenes bisschen Ungewissheit auf, das in einem Ereignis steckt, das noch nicht eingetreten ist. Das Goldene Team hatte seinen Zustand bis zum Gipfel aufgehäuft, doch ausgerechnet das Ereignis des Finales wollte von dieser Art des Aufhäufens nichts wissen. Mit dem eigenen Schicksal bewies diese Mannschaft der Nachwelt eines: Der Fußball stellt selbst seinem größten Herrn keine unterschriebene Garantie auf den Sieg aus.
2. Was sie auf dem Platz veränderten
Die Stärke dieser Mannschaft lag nicht nur an guten Füßen, sondern an einer strukturellen Revolution, die das alte System auf der Stelle außer Kraft setzte. Der Schnitt, den sie auf dem Platz führte, saß genau und ging tief.
Ihr Ausgangspunkt war das WM, das damals im Elitefußball gängige System. Diese Formation war selbst schon das Ergebnis einer Entwicklung aus der älteren Pyramide früherer Jahre; die Engländer hatten sie am feinsten geschliffen und einst mit ihr die Welt beherrscht. Was Sebes, der Cheftrainer des Goldenen Teams, tat, war, diese jedem vertraute Form in etwas weit Fließenderes zu verwandeln – mit dem Mittel, den Mittelstürmer Hidegkuti aus seiner eigentlich vordersten Position dahinter zurückzuziehen.
Dieser Schnitt traf genau das empfindlichste Gelenk der WM. Der defensive Angelpunkt der WM war der zentrale, manndeckende Mittelläufer, dessen gesamte Aufgabe darin bestand, sich unerbittlich an den gegnerischen Mittelstürmer zu heften. Doch nun stand der gegnerische Mittelstürmer nicht mehr an jener Stelle, an der er hätte festgehalten werden sollen – er war bis in die Nähe des Mittelfelds zurückgewichen. Der Mittelläufer, der ihn decken sollte, geriet damit in ein Dilemma: Folgte er ihm, riss dahinter ein großes Loch auf, durch das Puskás und Kocsis ungehindert vorstoßen konnten; folgte er ihm nicht, konnte Hidegkuti in jenem herrenlosen Niemandsland zwischen Mittelfeld und Abwehrkette in aller Ruhe den Ball annehmen und das Spiel frei aufziehen. Weder Vorrücken noch Zurückbleiben half. Eine einzige zurückgezogene Bewegung ließ die gesamte gegnerische Manndeckungslogik ins Stocken geraten.
Diese Manndeckungslogik war in der Ära der WM die Wurzel der Verteidigung. Jeder Verteidiger heftete sich fest an einen Mann, jeder hielt seinen Bereich, alles war fein geordnet. Hidegkutis Rückzug entzog dieser Ordnung genau die Voraussetzung, auf der sie beruhte: den Mittelstürmer, der stets an einer festen Position blieb. War der Ordnung die Wurzel entzogen, begann sie überall Wind durchzulassen. Das war nicht etwas, das sich durch einen einzelnen schnelleren oder treffsichereren Spieler bewerkstelligen ließ – es bewegte die Achse, um die sich das ganze System drehte. Ein Schnitt in die Achse nützt weit mehr als zehn Hiebe auf die Zweige. Das wirklich Furchteinflößende am Goldenen Team lag genau darin, dass es diese Achse fand – und es wagte, sie zu durchtrennen.
Das Geniale an Hidegkutis Rolle lag zudem in ihrer Kontraintuitivität. Ein Spieler, der den Titel Mittelstürmer trug, stand ausgerechnet nicht dort, wo ein Mittelstürmer stehen sollte – das war zu jener Zeit fast unbegreiflich. Gegner schickten der Gewohnheit nach jemanden, den Mittelstürmer zu decken, und griffen ins Leere; sie sicherten der Gewohnheit nach den Strafraum, doch das Mittelfeld wurde von einem Mann, der eigentlich im Strafraum hätte stehen sollen, auf den Kopf gestellt. Das Goldene Team gewann, weil es als Erstes durchschaute, dass die kaum je hinterfragte Konvention „Der Mittelstürmer gehört ganz nach vorn" eben nur eine Konvention war, kein ehernes Gesetz. Eine für ein Gesetz gehaltene Konvention zu durchschauen ist häufig der Ausgangspunkt jeder Erneuerung.
Die Spielweise des Goldenen Teams beschränkte sich nicht auf die veränderte Position eines Einzelnen. Puskás beschrieb später die kollektive Logik der ganzen Mannschaft: Griff Ungarn an, griffen alle an; verteidigte man, zog sich dieselbe Gruppe gemeinsam zur Verteidigung zurück. Position war kein festgenageltes Raster mehr, sondern eine fließende Struktur, in der man sich gegenseitig vertreten und die Lücken des anderen füllen konnte. In dieser Mannschaft war Puskás Innenstürmer und Kapitän, sein linker Fuß von unnachahmlicher Klasse; Bozsik dirigierte das Mittelfeld, das Metronom im Passspiel, zuständig dafür, den Rhythmus der ganzen Mannschaft gleichmäßig zu halten; Hidegkuti war jener zurückgezogene Mittelstürmer, eigens dazu da, die gegnerischen Verteidiger aus ihrer Position zu locken; Kocsis war ein erstklassiger Vollstrecker, im Kopfballspiel schlechthin unlösbar, bei dieser Weltmeisterschaft mit elf Toren Torschützenkönig; Czibor riss auf der linken Seite mit Tempo und kaum vorhersehbaren Läufen die gegnerische Abwehr auseinander. Die spätere Fußballgeschichte betrachtet all dies als Vorboten des Totalen Fußballs. Jonathan Wilson, der sich mit ungarischem Fußball befasst hat, stellt in seinem Buch, das eigens dieser Geschichte gewidmet ist, das Goldene Team genau in die Mitte der modernen taktischen Entwicklung, statt es nur als eine nostalgische Fußnote der Weltmeisterschaftserinnerung zu behandeln – denn genau diese Mannschaft machte fließende Positionen und die Beteiligung aller erstmals, auf dem höchsten Niveau der Welt, zu einem System, mit dem sich Spiele gewinnen ließen.
Das 6:3 von Wembley war die deutlichste öffentliche Vorführung dieser Erneuerung. England war von Hidegkutis Rückzug vollkommen aus dem Konzept gebracht; das eigene Verständnis der WM erwies sich auf der Stelle als überholt. Eine Mannschaft, die selbst die Regeln, ja diesen Sport überhaupt erfunden hatte, wurde im eigenen Haus von einer Spielweise, die sie schlicht nicht zu lesen vermochte, gründlich belehrt. Die Taktik des Fußballs machte, ihrer eigenen Logik folgend, wieder einen großen Schritt nach vorn, und dieser Schritt geschah vor den Augen der ganzen Welt.
Die Taktik des Fußballs war nie eine Erfindung aus einem Guss, sondern ein Staffellauf. Von der frühesten Pyramide über die von den Engländern fein ausgearbeitete WM bis zu diesem ungarischen Rückzug stand jeder Schritt auf dem vorigen und stieß ihn zugleich beiseite. Das Goldene Team war kein vom Himmel gefallenes Wunder – es stand auf den Schultern der WM, erkannte den blinden Fleck, den die WM selbst nicht sehen konnte, und griff hinüber, um ihn aufzureißen. Und die Öffnung, die es aufriss, wurde später von anderen weitergeführt, bis hin zum Totalen Fußball, bis hin zum modernen Fußball. Auf dieser langen Staffellinie ist sie eines der entscheidendsten Glieder.
3. Vom Staat konzentrierte Genies
Die Stärke dieser Mannschaft hatte noch eine Herkunft außerhalb des Spielfelds, die geklärt werden muss, denn sie lässt sich von der Politik jener Zeit nicht trennen.
Sebes war nicht nur ein Trainer, der Aufstellungen bestimmte, er war ein Sportfunktionär innerhalb des Systems, mit einer ungewöhnlichen Machtfülle über die Vorbereitung der Mannschaft und die Zusammenziehung der Spieler. Ungarns Sportpolitik konzentrierte damals die besten Nationalspieler auf die beiden Budapester Vereine Honvéd und MTK, sodass die Mannschaftskameraden der Nationalelf auch im Verein Mannschaftskameraden waren. Puskás, Kocsis und Bozsik spielten alle für Honvéd, Hidegkuti für MTK; Sebes konnte immer wieder Trainingslager und Testspiele ansetzen und eine Nationalmannschaft führen, als wäre sie ein seit Jahren eingespielter Verein. Der sogenannte sozialistische Fußball war keine leere Phrase – dahinter stand ein Staat, der mit administrativer Hand Talent und Trainingsumfeld in höchstem Maße konzentrierte. Dass eine Nationalmannschaft so eingespielt auftreten konnte wie ein Verein, lag genau daran, dass ihr Fundament vom Staat absichtlich an einem Ort gebündelt worden war.
Eine solche Konzentration war im Fußball jener Epoche ein beinahe luxuriöser Vorteil. Die Nationalspieler anderer Länder waren über verschiedenste Vereine verstreut, kamen übers Jahr nur wenige Male überhaupt zusammen und wurden erst kurz vor einem großen Turnier hastig versammelt, mit erbärmlich wenig Zeit zum Einspielen. Diese ungarische Gruppe dagegen trainierte und spielte das ganze Jahr über gemeinsam; die Laufwege und das Timing der Pässe des anderen kannten sie schon so gut, dass sie gar nicht mehr hinsehen mussten. Was eine eingespielte Mannschaft von einem Haufen zusammengewürfelter Stars unterscheidet, ist genau diese über Jahre herangereifte Vertrautheit – und eben diese Vertrautheit hatte der Staat dieser Mannschaft mit administrativer Kraft im Voraus bereitet.
Hier verläuft eine Linie, die es vorsichtig zu gehen gilt. Dass der Staat diese Mannschaft geformt hat, ist real; sie war tatsächlich ein staatliches Projekt, ein Schaufenster des Sozialismus. Doch dies unterscheidet sich von jener Art, den Fußball ins Gesicht eines Regimes einzugliedern. Die staatliche Konzentration erstickte die Kreativität auf dem Platz nicht. Jener zurückgezogene Mittelstürmer, jene fließende Struktur des Totalen Fußballs – das ließ sich durch keinen administrativen Befehl herbeikommandieren. Es war Sebes' Blick, es war die Begabung der Puskás und seiner Mitspieler, es war eine ganze Generation von Spielern, die es im wiederholten Ausprobieren Stück für Stück herausgearbeitet hatte. Der Staat konnte diese Männer an einem Ort versammeln und ihnen die besten Bedingungen geben, doch die Kunstfertigkeit in ihren Füßen konnte er nicht erschaffen. Die Menschen zusammenzubringen und den Fußball auf diese Weise zu spielen sind zwei verschiedene Dinge, und Letzteres reicht die administrative Hand nicht heran.
So ist diese Mannschaft zweigesichtig. Sie ist zugleich ein Produkt staatlicher Konzentration und eine Gruppe echter Genies. Erzählt man sie als reines Erzeugnis des Systems, löscht man jene Kunstfertigkeit aus, die niemand ersetzen kann; erzählt man sie als reine, mit Politik gänzlich unbefleckte Kunst, übersieht man das Fundament, das der Staat ihr sorgfältig unter die Füße gelegt hat. Beide Seiten sind zugleich wahr, und keine frisst die andere auf. Und jene Kunstfertigkeit, die dieser Mannschaft ganz allein gehört, jene, die die ganze Welt sprachlos machte, bleibt fest an einem Ort stehen, den das Verdienstbuch des Staates nicht erreicht. Sie wurde konzentriert, doch was sie auf dem Platz hervorbrachte, war am Ende ganz ihr Eigenes. Diese Kunstfertigkeit sollte diesen Menschen später noch bis in die entferntesten Winkel der Erde folgen – doch davon später.
4. Die Irreführung des 8:3
Bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz walzte diese Mannschaft sich fast ohne Unterbrechung bis zum Ende durch.
Im ersten Spiel überrollte sie Südkorea mit 9:0, dann besiegte sie Westdeutschland in Basel deutlich mit 8:3. Doch dieser hohe Sieg hatte seinen Preis: Puskás verletzte sich in diesem Spiel den Knöchel und konnte in den nächsten beiden Partien, dem Viertelfinale gegen Brasilien und dem Halbfinale gegen Uruguay, nicht auflaufen. Doch selbst ohne seinen Kapitän bezwang Ungarn Brasilien mit 4:2 – jenes Spiel, das später wegen seiner Rohheit als die Schlacht von Bern bekannt wurde –, und schlug anschließend in der Verlängerung den Titelverteidiger Uruguay mit 4:2. Dass eine Mannschaft ohne ihre Seele auskommen und dennoch Brasilien und den Titelverteidiger nacheinander bezwingen konnte, spricht für sich. Über das gesamte Turnier erzielte Ungarn in fünf Spielen siebenundzwanzig Tore, ein Torrekord für ein einzelnes Turnier, den bis heute niemand gebrochen hat.
Dieser durchgehende Triumphzug mästete den Eindruck der Unbesiegbarkeit nur immer weiter. 9:0, 8:3, ohne ihren Kern noch Brasilien und den Titelverteidiger Uruguay der Reihe nach bezwungen, siebenundzwanzig Tore in fünf Spielen – jede Zahl bürgte für jenes bereits geschriebene Ende. Alle, wohl auch Ungarn selbst, hielten das Finale nur für eine weitere routinemäßige Krönung. Doch gerade in dieser einhelligen Gewissheit verbarg sich eine Schwachstelle, die alle übersahen.
Doch jenes 8:3 ist eine der irreführendsten Tatsachen dieser ganzen Geschichte.
Das Problem daran ist, dass jenes Westdeutschland, das Ungarn in der Gruppenphase mit 8:3 besiegte, überhaupt nicht dieselbe Mannschaft war wie im Finale. Herberger, der Trainer Westdeutschlands, hatte in jenem Gruppenspiel keineswegs seine stärkste Aufstellung geschickt, sondern eine Art zweite Mannschaft aufs Feld gestellt. Es gibt eine noch weitergehende These, wonach er sogar bereit gewesen sei, jenes Spiel absichtlich zu verlieren und lieber Gruppenzweiter zu werden, weil sich damit ein leichterer Weg durch die Runden ergab. Diese These ist eine spätere Rekonstruktion; manche halten sie für zutreffend, andere begegnen ihr mit Vorsicht. Doch eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Herberger wechselte in jenem Spiel massiv durch, schluckte die Niederlage gelassen und sparte die Kräfte seiner Stammspieler für das Entscheidungsspiel gegen die Türkei und die darauffolgende K.-o.-Runde auf.
Das war damals zugleich ein Wagnis und eine kühle Kalkulation. Das Wagnis lag darin, dass ein absichtlich verlorenes Spiel bedeutete, den Nimbus der Unbesiegbarkeit dem Gegner eigenhändig zu überlassen und sich selbst der Geringschätzung auszusetzen. Die Kalkulation lag darin, dass ein für das Weiterkommen bedeutungsloses Gruppenspiel dazu genutzt, Kräfte zu sparen und nebenbei den Gegner auszuloten, weit günstiger war, als sich für einen bloßen Schein bis zur Erschöpfung zu verausgaben. Herberger wettete darauf, dass über den Titel nie das Gesicht wahrende Ergebnis eines Gruppenspiels entscheidet, sondern die Substanz jener wenigen Spiele in K.-o.-Runde und Finale. Er nahm lieber zuerst das Gesicht in Kauf, um die Substanz fest in der Hand zu behalten.
Dieser Griff zur Rotation verbarg nebenbei auch Westdeutschlands wahre Stärke. Was Ungarn in der Gruppenphase zu sehen bekam, war ein verwässertes Westdeutschland, nicht seine schärfste Seite. Im Finale traf Ungarn dann auf einen Gegner, der seine Kräfte geschont hatte und den der Gegner mit hoher Wahrscheinlichkeit nie vollständig zu Gesicht bekommen hatte. Der Satz „Ungarn hat Deutschland bereits mit 8:3 geschlagen" ist damit wahr, und zugleich unvollständig. Die Deutschen hatten mit jenem ersten Spiel teilweise eine Tarnung vollzogen. Und genau diese Tarnung ist der erste Stein, über den jede Version des Determinismus stolpert, die behauptet, Ungarn hätte ohnehin gewinnen müssen. Eine Mannschaft glaubt, sie habe den Gegner bereits durchschaut, doch was sie zu fassen bekam, war ausgerechnet jene Seite, die der Gegner ihr absichtlich zum Fassen hinstreckte. Der Determinismus liebt es, im Tonfall des „hat doch längst schon einmal gewonnen" zu sprechen, sieht dabei aber nicht, dass jenes „längst schon" manchmal nichts anderes ist als eine vom Gegner gestellte Falle.
Was hier durchstoßen wird, ist eine besonders hartnäckige Illusion: dass vergangene Ergebnisse künftige Resultate im Voraus verbürgen könnten. Das 8:3 ist Vergangenheit, das Finale ist Gegenwart, und dazwischen liegen eine fast völlig andere deutsche Mannschaft und ein ganz neuer Nachmittag. Vergangene Siege als Bürgschaft für die Zukunft zu nehmen, ist der häufigste Stolperer des Determinismus, und jene Regennacht des Goldenen Teams ist genau der Sturz, der am lautesten widerhallte. Einmal gewonnen zu haben, heißt niemals, zwangsläufig noch einmal zu gewinnen – erst recht nicht, wenn der Gegner das erste Mal eigens als Attrappe hingestellt hat, die man zu Gesicht bekommen sollte.
5. Die Partie von Bern
Das Finale fand am 4. Juli 1954 in Bern statt, ein schwerer Regen ergoss sich von der ersten bis zur letzten Minute über den Platz.
Der Beginn verlief genau so, wie alle es sich vorgestellt hatten. Ungarn ging binnen der ersten acht Minuten mit 2:0 in Führung, Puskás traf zuerst, Czibor nutzte kurz darauf eine Verwirrung in der deutschen Abwehr zum zweiten Tor. Das längst geschriebene Ende schien nur noch die verbleibenden gut achtzig Minuten abwarten zu müssen. Doch die Deutschen antworteten fast augenblicklich; bis zur achtzehnten Minute hatte Rahn bereits auf 2:2 ausgeglichen. In gerade einmal zehn Minuten war die Zwei-Tore-Führung restlos verschwunden. Dann, kurz vor Schluss, traf Rahn erneut, 3:2. Ungarn blieb dennoch eine Chance zum Ausgleich nicht verwehrt: Kurz vor Schlusspfiff brachte Puskás den Ball ins Netz, doch das Tor wurde wegen Abseits nicht gegeben.
Der Verlauf dieses Spiels ist geradezu ein Drama darüber, wie Gewissheit in sich zusammenfällt. Das 2:0 nach acht Minuten löste beinahe das von allen geschriebene Drehbuch ein, in jenem Moment erreichte die Gewissheit ihren Gipfel. Doch die folgende Geschichte handelt davon, wie dieser Gipfel Stück für Stück einstürzte. Zuerst der rasche Ausgleich, der zum ersten Mal einen Riss in diese Gewissheit schlug; dann die Führung des Gegners, die den Riss zu einer Bresche erweiterte; und schließlich jener abgepfiffene Ausgleichstreffer, wie eine Hand des Schicksals, die den letzten schmalen Hoffnungsfaden auf eine Wende wieder niederdrückte. Neunzig Minuten lang musste eine als unbesiegbar geltende Mannschaft mit ansehen, wie ihre eigene Unbesiegbarkeit ihr Stück für Stück entrann.
Jenes aberkannte Tor wurde zu einer der langlebigsten Kontroversen dieses Finales. Der Zorn der Ungarn war zu jener Zeit echt, doch auch das später erhaltene Bildmaterial hat die Sache nie restlos geklärt. Die überlieferten Fernsehaufnahmen liefern für keine der beiden Seiten einen endgültigen Beweis. Die verlässlichste Aussage kann daher nur lauten: Der als Abseits gewertete Ausgleichstreffer entzündete auf der Stelle einen heftigen Streit, und allein anhand der überlieferten Aufnahmen lässt sich bis heute kein abschließendes Urteil fällen. Dies ist ein Riss, den dieses Spiel für immer offengelassen hat – weder lässt sich damit feststellen, dass Ungarn Unrecht geschah, noch umgekehrt, dass jene Entscheidung mit Sicherheit korrekt war.
Auch die immer wieder angeführten Zufälle sind sämtlich real, nur kann keiner von ihnen für sich allein dieses Ergebnis erklären. Der schwere Regen brachte einen Ausdruck hervor, das „Fritz-Walter-Wetter": Angeblich lag dieses nasse, kühle Wetter dem deutschen Kapitän Fritz Walter besonders, der bei solchem Wetter am besten spielte. Adi Dassler stattete die westdeutsche Mannschaft mit leichteren Schuhen aus, deren Stollen sich herausschrauben und auswechseln ließen, was auf dem aufgeweichten Boden angeblich half. Hier gibt es allerdings eine spätere Korrektur: Das deutsche Patent- und Markenamt hat klargestellt, dass Dassler die auswechselbaren Schraubstollen nicht eigens für dieses Finale erfunden hat; die Technik entstand nicht aus dem Nichts in ebendiesem Spiel, sondern dieses Finale trug lediglich dazu bei, den Ruf der Marke zu begründen. Der Sinn dieser Korrektur ist nicht, dass die Schuhe gänzlich wirkungslos gewesen wären, sondern dass jenes Gewicht, das ihnen als einzigartig nachgesagt wird, übertrieben worden ist.
Alle diese Zufälle haben eines gemeinsam: Rückblickend sieht jeder von ihnen wie eine Ursache des Ergebnisses aus, doch vorausblickend war keiner eine Garantie dafür. Regen begünstigte nicht zwangsläufig Deutschland; die Schuhe hätte jeder tragen können; und die verborgene Stärke musste erst tatsächlich auf dem Platz zur Geltung kommen, um überhaupt zu zählen. Es waren Bedingungen, die eine gewisse Möglichkeit erhöhten oder senkten, doch keine von ihnen konnte eine Möglichkeit zur Notwendigkeit verriegeln. Diese Bedingungen aneinanderzureihen und zu einer Kausalkette „und deshalb hat Deutschland gewonnen" zusammenzufügen, ist eine Illusion, die sich erst aufbauen lässt, wenn man das Ergebnis bereits kennt. Hätte Ungarn an jenem Tag gewonnen, wären diese Bedingungen größtenteils mit keinem Wort erwähnt worden, oder umgekehrt als belanglose Randnotizen erzählt worden. Dass sie wichtig erscheinen, liegt allein daran, dass Deutschland gewonnen hat – nicht daran, dass Deutschland wegen ihnen gewonnen hätte.
Regen, Schuhe, Wetter – jedes von ihnen existierte an jenem Nachmittag wirklich, doch zählt man sie alle zusammen, ergeben sie noch immer nicht den Satz: „Deutschland musste gewinnen."
6. Auch das perfekteste Konstrukt kann eine Partie nicht verschließen
Verfolgt man dieses Finale bis auf den Grund, stößt man auf das, worauf dieser Abschnitt eigentlich hinaus will.
Die bequemste Erzählung lautet, Ungarn sei der Titel gestohlen worden. Jenes Abseitstor, jener schwere Regen, jene Schuhe, jenes Westdeutschland, das seine Stärke verborgen hatte – zusammengenommen wirkt das wie ein Unrecht gegen eine vollkommene Mannschaft. Diese Erzählung tut gut, doch sie und ihr Gegenstück – jener deutsche Mythos, der diesen Sieg als reines Wunder, als reine Fügung erzählt – sind in Wahrheit zwei Seiten derselben Münze. Beide Seiten wollen aus diesem Spiel eine saubere, in Schwarz und Weiß geschiedene Geschichte machen: entweder ein zu Unrecht um seinen Lohn gebrachtes Genie oder ein herabgestiegenes Wunder.
Doch die Wahrheit lässt sich von keiner der beiden Seiten für sich beanspruchen. Ungarn war zweifellos die stärkere Mannschaft, daran ist nicht zu zweifeln. Aber Westdeutschland hat dieses Spiel auch wirklich gewonnen, und zwar mit echtem Wert – eine reale Wende, im realen Schlamm, drei Tore gegen einen Rückstand von zwei Toren herangeholt. Und man vergesse nicht: Ungarn selbst zeigte an jenem Nachmittag ebenfalls Schwächen, es ließ eine Mannschaft drei Tore in Folge aufholen, sein Kapitän lief mit einem noch nicht auskurierten Knöchel nur unter Mühen auf, und der Gegner, den es in der Gruppenphase gesehen hatte, war überhaupt nicht diese Mannschaft, die nun vor ihm stand. Zu sagen, es sei reiner Diebstahl gewesen, löscht Westdeutschlands echte, handfeste Wende aus; zu sagen, Westdeutschland habe es reiner Fügung zu verdanken, löscht wiederum aus, wie jener Nachmittag, der die Krönung des Stärksten hätte sein können, von einer Reihe ganz realer Dinge Stück für Stück umgeschrieben wurde. Dass eine wirklich stärkere Mannschaft an einem Nachmittag, an dem alles gegen sie stand, jene Partie verlor – dafür gibt es kein befriedigendes Urteil.
Diesen Drahtseilakt zu gehen bedeutet, zwei Dinge zugleich festzuhalten, die man nur allzu gern loslassen möchte. Das eine ist der Drang, für den Stärksten Gerechtigkeit einzufordern, das Gefühl, es sei schlicht himmelschreiend, dass eine so gute Mannschaft nicht den Titel holte, und darum hastig nach einem Schuldigen zu greifen, der sie um ihn gebracht hat. Das andere ist die Trägheit, die sich vom Mythos des Siegers mitreißen lässt – dem Gefühl, Gewinnen sei einfach Fügung, sei vollkommene Tugend. Doch der Fußball kennt weder himmlische Gerechtigkeit noch verleiht er Tugendpreise. Er lässt an jenem konkreten Nachmittag zweiundzwanzig konkrete Menschen im konkreten Regen neunzig Minuten lang spielen und nimmt dann jenes konkrete Ergebnis hin. Diesen konkreten Nachmittag zu einem Justizirrtum oder zu einem Wunder zu abstrahieren, heißt in beiden Fällen, einer Sache, der von sich aus keine Bedeutung zukommt, gewaltsam eine Bedeutung aufzuzwingen.
Diese Zurückhaltung ist kein fauler Kompromiss, kein Fünfzig-fünfzig-Ausgleich. Sie ist das Eingeständnis, dass die Wahrheit eines Spiels manchmal einfach keine Version besitzt, die alle zufriedenstellt. Ungarn war stärker, das ist wahr; Deutschland hat gewonnen, auch das ist wahr; und diese beiden zugleich wahren Tatsachen fügen sich ausgerechnet nicht zu einem sauberen Urteil darüber, wer im Recht und wer im Unrecht war, wer betrogen und wer begünstigt wurde. Ein Urteil zu erzwingen hieße, aus dieser doppelt wahren Wahrheit gewaltsam eine Seite herauszuschneiden. Die diesem Spiel am treuesten bleibende Erzählung hält beide Seiten zugleich in der Hand – auch wenn dies weit weniger befriedigt als eine glatte Schlussfolgerung.
Und genau das ist die tiefste Lehre, die das Goldene Team der Nachwelt hinterlassen hat.
Sie hatte das System Fußball fast bis zur Vollkommenheit geschliffen. Mit so vielen ungeschlagenen Spielen, mit einer Demütigung des Geburtslandes dieses Sports, mit einem Vorstoß der Taktik in ein neues Zeitalter. Wenn es je auf dieser Welt ein Konstrukt gab, das stark genug war, sich selbst einen Ausgang zu verriegeln, dann hätte es dieses sein müssen. Doch es gelang ihr nicht. Auch das perfekteste System kann einen nur zu demjenigen machen, der am wahrscheinlichsten gewinnt, niemals zu demjenigen, der zwangsläufig gewinnt. Zwischen „am wahrscheinlichsten" und „zwangsläufig" liegt für immer ein Spalt, und genau in diesem Spalt wohnt jene torarme Struktur des Fußballs, jenes Reglement, das über Leben und Tod in einer einzigen Partie entscheidet, fest verankert. Je vollkommener das Goldene Team war, desto mehr bewies es umgekehrt, dass selbst die Vollkommenheit jene eine Partie nicht verschließen kann.
Das ist die reinste Erscheinungsform dessen, dass sich ein Konstrukt nicht wirklich schließen lässt. Anderswo, wo ein Konstrukt sich nicht schließen lässt, können sich die Menschen noch damit trösten, es sei eben noch nicht genug geschliffen worden, mit der Zeit werde sich der Spalt vielleicht noch füllen lassen. Doch das Goldene Team hatte bereits alles, was sich schleifen ließ, bis zum Äußersten geschliffen – sie war genau die Grenze, die dieses Konstrukt erreichen konnte. Und selbst diese Grenze vermochte den Spalt nicht zu füllen. Das erzwingt einen härteren Schluss: Dass sich ein Konstrukt nicht schließen lässt, liegt nicht daran, dass es noch nicht gut genug wäre, sondern daran, dass sich selbst das beste Konstrukt niemals schließen lässt. Der Rest verschwindet nicht, nur weil man sich der Vollkommenheit annähert – er wird gerade an der vollkommensten Stelle am grellsten sichtbar.
Das ist eine Mahnung an alle, die an die Vollkommenheit glauben. Wir denken stets, es genüge, eine Sache gut genug, bis zum Äußersten zu machen, um ein sicheres Ergebnis zu erkaufen und dem Zufall keinen Raum zum Eingreifen mehr zu lassen. Ausgerechnet das Goldene Team ging bis zu diesem Äußersten und verkündete dann allen: Nein, jener Spielraum lässt sich nie schließen. Auch die vollkommenste Vorbereitung hebt nur die Gewinnchance an, und eine noch so hohe Gewinnchance ist kein Sieg in der Tasche. In jenem schmalen Spielraum wohnt für immer ein Gast, den niemand hinauswerfen kann: der Zufall. Ihn anzuerkennen heißt nicht, sich seinem Schicksal zu ergeben, sondern die wahre Gestalt dieses Sports – und vieler anderer Dinge – klar zu erkennen. Wer seine ganze Hoffnung darauf setzt, dass Vollkommenheit todsicher sei, wird früher oder später von irgendeinem Regentag in Bern bis auf die Haut durchnässt.
Dass die stärkste Mannschaft den Titel nicht holte, ist keine Ausnahme von diesem Gesetz – es ist genau die lauteste Verkündigung dieses Gesetzes.
7. „Wir sind wieder wer": die Geburt eines Mythos
Die Verliererseite trug fortan eine Wunde; die Siegerseite erhielt einen Mythos.
Der Sieg von Bern wurde im Nachkriegs-Westdeutschland zu einem gewaltigen Erinnerungssymbol. Ein späterer Satz hat das emotionale Gewicht dieses Ausgangs in jenem Moment für immer festgehalten: „Wir sind wieder wer." Der Aufschrei des Rundfunksprechers – „Es ist vorbei! Deutschland ist Weltmeister!" – wurde zu einem Teil dieses emotionalen Neustarts. Später nannte man Bern häufig den eigentlichen Geburtsmoment der Bundesrepublik Deutschland. Ein Land, das gerade erst aus den Trümmern und der Schmach des Krieges gekrochen war, fand über einen Fußballsieg ein wenig von der Zuversicht wieder, wieder aufrecht gehen zu können. Ein solches Gefühl war, für jene Zeit betrachtet, echt und bewegend.
Doch auch hier ist Zurückhaltung geboten. Dieser Sieg war zu jener Zeit tatsächlich eine echte emotionale Erschütterung, doch wie unmittelbar und wie gewaltig seine politische Wirkung wirklich war, darüber sind sich Historiker uneinig. Eine Arbeit, die sich eigens damit befasst, wie dieser Mythos politisch genutzt wurde, weist darauf hin, dass dieses Ereignis für die Menschen jener Zeit ein echter Schock war, seine Wirkung jedoch weit kürzer und weit mittelbarer ausfiel, als der spätere Mythos behauptet. Bern zum Geburtstag der Bundesrepublik zu erklären, ist eine Deutung, die erst im Nachhinein Schicht um Schicht emporgehoben wurde, und diese Erhebung geschah vor allem nicht an jenem Tag im Jahr 1954, sondern in den langen darauffolgenden Jahrzehnten, in denen sie durch Generation um Generation von Gedenken, Erzählung und Verfilmung allmählich zu ihrer heutigen Gestalt aufgeschichtet wurde. Der Mythos entstand nicht in dem Augenblick, in dem der Schlusspfiff ertönte – er wurde über Jahrzehnte hinweg Stein für Stein errichtet.
Das heißt nicht, dass jenes Gefühl der Wiedergeburt falsch gewesen wäre. Dass das Volk eines besiegten Landes auf internationaler Bühne einmal aufatmen und den Kopf heben durfte, jene Erregung war ganz und gar unverfälscht. Doch Erregung ist eine Sache, die Erregung über ein Fußballspiel im Nachhinein zum Ausgangspunkt der politischen Wiedergeburt einer Nation zu erklären, eine andere. Ersteres war die reale Emotion jenes Moments; Letzteres ist eine nachträglich hinzugefügte Deutung. Und die nachträglich hinzugefügte Deutung geht stets weiter und behauptet stets mehr als die damalige Emotion. Ein Sieg war an jenem Tag nur ein Sieg; Jahrzehnte später wurde er zum Übergangsritus einer ganzen Nation erzählt. Genau diese Distanz dazwischen ist es, die der Mythos Stück für Stück aufgefüllt hat.
Und diese Art des Aufschichtens errichtet im Grunde dasselbe wie jenes andere Land, das sich nach einer Niederlage selbst einen Namen der Minderwertigkeit gibt. Das eine schichtet einen Sieg zur Wiedergeburt der Nation auf; das andere schichtet eine Niederlage zur Minderwertigkeit der Nation auf. Die Richtungen sind genau entgegengesetzt, doch das Verfahren ist völlig identisch: Beide wollen ein Fußballspiel zu einer Allegorie über das Schicksal dieser Nation erzählen. Was diese Allegorie zudeckt, ist, wie jenes Spiel eigentlich war – ein Spiel zwischen ebenbürtigen Gegnern, entschieden vom Regen, vom Zufall, von einer Reihe ganz realer Dinge. Der Mythos der Siegerseite und der Komplex der Verliererseite sind derselbe Meißel, der dem Zufall unbedingt eine große Bedeutung geben will, nur dass er auf den beiden verschiedenen Seiten derselben Münze ansetzt. Die Menschen können es einfach nicht ertragen, dass ein Spiel nur ein Spiel bleibt – gewinnt man, soll es etwas beweisen, verliert man, soll es ebenfalls etwas beweisen, und die wahre Gestalt des Fußballs wird durch dieses immer wiederholte Beweisen nur immer tiefer zugedeckt.
8. Die Spritzen, über die sich nichts Sicheres sagen lässt
Unter diesem zum Wunder aufgeschichteten Sieg liegt zudem etwas, das sich bis heute nicht restlos klären ließ.
Das ist der heikelste Teil dieser ganzen Geschichte und muss mit besonderer Vorsicht behandelt werden. Das Mindeste, was sich zweifelsfrei feststellen lässt, ist: Die deutschen Spieler erhielten während dieses Turniers Injektionen. Viele Jahre später sagte der Mannschaftsarzt Loogen, jene Spritzen hätten Vitamin C und Traubenzucker enthalten, zur Unterstützung der körperlichen Erholung. 2004 verteidigte Loogen diese Darstellung öffentlich, und die damaligen Nationalspieler wiesen wütend jede Behauptung zurück, dieser Titel sei mit Dopingmitteln erkauft worden.
Doch der Streit spitzte sich in späteren Untersuchungen wieder zu. 2010 legte ein Forschungsprojekt die Vermutung nahe, dass manche deutschen Spieler damals nicht einfach Vitamine, sondern ein methamphetaminhaltiges Aufputschmittel namens Pervitin injiziert bekommen haben könnten. Was die Sache besonders verdächtig macht, ist, dass jene Injektionen damals im Geheimen erfolgten und dass nach dem Turnier mehrere Spieler an Gelbsucht erkrankten. Später gab es auch Historiker, die die Version mit Vitamin C nicht akzeptierten und den Verdacht auf Pervitin lenkten. Doch dieselben Stimmen machten ebenso klar: 1954 gab es überhaupt noch keine Dopingkontrollen, und dieser Vorwurf ist niemals eindeutig nachgewiesen worden. Eine Untersuchung, die sich eigens damit befasst, diesen Sieg als Mythos und als historische Tatsache zu prüfen, weist ausdrücklich darauf hin, dass es keinerlei Beweis dafür gibt, dass jene verbotenen Substanzen tatsächlich zum Einsatz kamen.
Die fairste Darstellung kann daher nur darin bestehen, diese Sätze nebeneinanderzustellen: Es gab Injektionen, es gab einen Fall von Gelbsucht, spätere Forscher haben die Möglichkeit des Einsatzes von Dopingmitteln, einschließlich Pervitin, aufgeworfen, der Mannschaftsarzt und die früheren Nationalspieler haben dies bestritten, und die Sache ist bis heute ungeklärt. Es als hieb- und stichfest bewiesenen Dopingskandal darzustellen, geht über die Beweislage hinaus; es aber als völlig aus der Luft gegriffene Erfindung abzutun, löscht wiederum die realen Zweifel aus, die jene Spritzen und jene Gelbsucht hinterlassen haben. Zwischen dem Beweisbaren und dem Unbeweisbaren steckt diese Sache genau fest, und niemand kann sie für uns schließen.
Genau diese Unklarheit ist es, was man ehrlich bewahren muss. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis der Deutschen, einen hart erkämpften Titel zu verteidigen, und die Kränkung der früheren Nationalspieler, des Betrugs bezichtigt zu werden – das sollte nicht leichtfertig weggewischt werden. Auf der anderen Seite stehen jene geheimen Injektionen und jene merkwürdige Gelbsucht – auch diese Zweifel sollten nicht durch eine einzige Verteidigungsrede überdeckt werden. Die ehrlichste Haltung besteht darin, beide Seiten auf dem Tisch zu lassen: der Anklage nicht Beweise zuzuschreiben, die sie nicht vorlegen kann, der Verteidigung aber auch nicht die Zweifelswolken glattzubügeln, die sie nicht auflösen kann. Bei manchen Dingen hat die Geschichte einfach keine Antwort geliefert, und ihr mit Gewalt eine aufzuzwingen – ob schuldig oder unschuldig –, ist nur eine andere Form der Unehrlichkeit.
Diese paar unklaren Spritzen sind genau der Rest, den jener saubere Mythos auf keine Weise ganz sauber bekommt. Die Erzählung vom Wunder verlangt einen makellosen, vom Himmel gefallenen Sieg, doch in einem Winkel der Geschichte bleibt ausgerechnet dieses Fragezeichen zurück – zu groß, um jenen Titel umzustoßen, aber auch nicht klein genug, um restlos ausgelöscht zu werden. Es hängt einfach dort und erinnert alle daran, dass selbst unter dem makellosesten Mythos stets ein, zwei Dinge verborgen bleiben, die er auf keine Weise dicht verschließen kann. Eine Geschichte, die makellos erzählt werden will, behält immer ein paar Stellen, die sich nicht makellos erzählen lassen.
9. Das Ende des Goldenen Teams
Für Ungarn ist das eigentliche Ende dieser Geschichte nicht der Schlusspfiff von Bern, sondern der politische Umsturz des Jahres 1956.
Das Goldene Team zerfiel nicht schon, nachdem es jenes Finale verloren hatte. Was es wirklich auseinanderbrechen ließ, war das Jahr 1956. Als in Ungarn der Aufstand ausbrach, war Honvéd gerade mit der Mannschaft im Ausland bei einem europäischen Wettbewerb unterwegs, und jenes gemeinsame Fundament, auf dem diese Mannschaft beruhte, zerbrach in diesem Augenblick. Puskás befand sich, als der Aufstand ausbrach, mit Honvéd gerade in Spanien und blieb am Ende dort; 1958 wechselte er zu Real Madrid. Kocsis und Czibor ließen sich später ebenfalls in Spanien nieder und wurden nacheinander Spieler von Barcelona. Der große Honvéd, der sich entschied, nicht sofort in die Heimat zurückzukehren, verstreute auf diese Weise seinen Kern, einen nach dem anderen, in die Fremde.
Das wichtigste Schlusswort zum Goldenen Team lautet also nicht, dass es das Finale von 1954 verlor, sondern dass die politische Krise von 1956 jene Gruppe von Menschen zerstreute, die diese Mannschaft überhaupt erst möglich gemacht hatte. Eine Mannschaft, die der Staat sorgfältig konzentriert hatte, wurde am Ende von einem Umsturz desselben Staates eigenhändig auseinandergerissen. Was die Menschen zusammenbrachte, war Politik; was sie zerstreute, war ebenfalls Politik. Und dazwischen stand eine Gruppe von Menschen, die einfach nur Fußball spielen wollte. Ihre besten Jahre, jener Weg, den sie gemeinsam noch viel weiter hätten gehen können, wurde von der Geschichte außerhalb des Spielfelds mitten durchgeschnitten. Den Weltmeistertitel konnten sie nicht erringen, und am Ende konnten sie nicht einmal die Mannschaft selbst zusammenhalten.
Nachdem diese Gruppe von Menschen in die Fremde zerstreut worden war, verkam ihre Kunstfertigkeit deswegen keineswegs. Puskás schrieb bei Real Madrid eine neue Legende, Kocsis und Czibor hinterließen ebenfalls ihre Namen bei Barcelona. Jene in Budapest ausgereifte Spielweise, jenes Verständnis von Raum und fließender Bewegung wurde auf diese Weise von einer Gruppe von Exilanten in das Blut des westeuropäischen Fußballs getragen und beeinflusste still viele der folgenden Jahre. Der Staat konnte sie zusammenbringen, konnte sie auch auseinanderreißen, doch er konnte nicht verhindern, dass das, was in ihren Füßen steckte, mit ihnen weiterzog und anderswo von Neuem Wurzeln schlug. Das ist vielleicht der letzte Rest in dieser leicht melancholischen Geschichte, der sich nicht geschlagen geben will: Die Menschen wurden zerstreut, doch die Kunstfertigkeit, die sie mit sich trugen, wurde es nicht.
Fasst man das alles zusammen: Eine beinahe vollkommene Mannschaft schliff das System Fußball bis an seine äußerste Grenze und konnte dennoch jenes einzige, von der ganzen Welt erinnerte Finale nicht gewinnen. Was sie damit bewies, ist nicht, dass sie nicht gut genug war, sondern dass sich selbst das beste Konstrukt jene eine Partie nicht verschließen lässt, denn zwischen „am wahrscheinlichsten gewinnen" und „zwangsläufig gewinnen" wohnt für immer ein Zufall. Der Sieger schichtete diesen Zufall zu einem Mythos nationaler Wiedergeburt auf; die Verliererseite dagegen kam gar nicht erst dazu, irgendetwas aufzuschichten, ehe sie von einem Umsturz auseinandergerissen wurde. Und unter all diesen Mythen, Kontroversen und Auflösungen bleiben zwei Dinge zurück, die sich nicht einverleiben lassen. Das eine ist der Zufall, der selbst dem vollkommensten Konstrukt keine unterschriebene Garantie gewährt. Das andere sind die Menschen – jene Spieler, die konzentriert und dann zerstreut wurden, die niemals nur ein taktisches System, nur ein Schaufenster waren. Sie waren eine Gruppe von Menschen, mit eigener Begabung, eigenen Verletzungen, einem eigenen Leben, das die Geschichte umgeschrieben hat.
Diese beiden Dinge, Zufall und Mensch, treibt die Geschichte des Goldenen Teams an die auffälligste Stelle. Den Zufall, weil dies eine Mannschaft war, die so stark war, dass sie eigentlich nicht hätte verlieren dürfen – ihre Niederlage führte die Sache, dass auch die größte Stärke keinen Sieg garantiert, auf besonders grelle Weise vor; hätte eine mittelmäßige Mannschaft verloren, hätte sich niemand weiter Gedanken gemacht, doch gerade weil ausgerechnet sie verlor, konnte sich jener Rest nirgendwo mehr verstecken. Den Menschen, weil dies eine Gruppe von Spielern war, die von der Hand des Staates zusammengebracht und vom Umsturz desselben Staates zerstreut wurde – ihr Schicksal machte besonders deutlich, dass Menschen letztlich kein System sind, das sich beliebig anordnen lässt. Eine Mannschaft verlor zuerst gegen den Zufall, dann gegen die Geschichte, doch von Anfang bis Ende verlor sie nie gegen einen Gegner, der besser gewesen wäre als sie selbst.
Jene Mannschaft, die vielleicht die stärkste der Geschichte war und dennoch nie den Weltpokal in die Höhe stemmen konnte, verlor am Ende gegen keinen Gegner im eigentlichen Sinn, sondern gegen einen Regen, ein Abseits und einen Nachmittag, den niemand im Voraus hätte niederschreiben können – und wurde anschließend von einer Geschichte, auf die sie keinen Einfluss hatte, in ein zerstreutes Ende getrieben.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Geschichte einen länger begleitet als ein Titel es könnte. Hätte eine Mannschaft gewonnen, würde man sie als vollendete Legende in Erinnerung behalten, als runde Geschichte darüber, dass sich Stärke am Ende auszahlt. Doch das Goldene Team gewann nicht, und was es hinterließ, ist eine Geschichte mit einer Lücke – und in genau dieser Lücke steckt das Wahrhaftigste, das dieser Sport zu bieten hat: Auch die beste Mannschaft muss sich jenem unvorhersehbaren Nachmittag ausliefern; auch die sorgfältigste Vorbereitung hält jene Hand nicht auf, die die Geschichte von außerhalb des Spielfelds hereinstreckt. Eine vollendete Geschichte weckt Bewunderung, eine Geschichte mit einer Lücke aber lässt einen wirklich verstehen.
Niemand hat festgelegt, wohin es von hier aus weitergeht, und genau diese von niemandem vorherbestimmbare Ungewissheit lässt dieses Spiel, Partie um Partie, immer wieder den Atem anhalten, immer wieder gespielt und immer wieder angesehen werden. Selbst die perfekteste Mannschaft kann jene eine Partie nicht verschließen, und genau das ist es, was dieses uralte Spiel Fußball niemals langweilig werden lässt. Der Zyklus ist nicht stehen geblieben. Er dreht sich weiter.