Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 03 von 22

Maracanã

Der vorab verkündete Sieg und der Zufall, der sich nicht einsperren lässt

(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

I. Ein Sieg, bevor das Spiel begonnen hat

Rio de Janeiro, am Vormittag des 16. Juli 1950. Das Spiel, das über den Weltmeistertitel entscheiden sollte, war noch nicht angepfiffen. Doch die örtliche Zeitung O Mundo hatte auf ihrer Titelseite bereits ein Foto der brasilianischen Mannschaft gedruckt. Darunter stand sinngemäß: Das sind die Weltmeister. Als die Zeitungen auf den Straßen verkauft wurden, waren es noch mehrere Stunden bis zum Anstoß.

Das ist keine nachträglich erfundene Legende. Exemplare dieser Zeitung sind bis heute erhalten. Dass ein Blatt es wagte, den Weltmeister schon vor dem Spiel auszurufen, lag nicht an seiner Leichtfertigkeit. Dahinter stand eine Gewissheit, die damals ein ganzes Land teilte: Brasilien würde gewinnen. Die Sache war entschieden, was noch folgte, war bloße Formsache.

Der Drang, den Fußball festzuschreiben, zeigte sich wieder einmal in einer neuen Gestalt. In der Phase der Grundlegung wollten seine Hüter die Form des Spiels festlegen. Im Faschismus wollten die Machthaber über seine Bedeutung verfügen. Jetzt wollte ein ganzes Land das Ergebnis eines Spiels festsetzen. Noch bevor der Ball rollte, behandelte es Sieg und Niederlage wie bereits niedergeschriebene Tatsachen. Ein Ausgang, der noch offen war, wurde vorzeitig geschlossen und in eine eindeutige Antwort verwandelt.

Nur lässt sich kaum etwas so ungern im Voraus aburteilen wie der Fußball.

Sein Aufbau hat eine Besonderheit, die nur wenige andere Sportarten kennen: Es fallen sehr wenige Tore. Oft sind es in einem Spiel gerade einmal ein oder zwei, manchmal gar keines. Eine Mannschaft kann über neunzig Minuten überlegen sein, häufiger schießen und den Sieg eher verdienen, ohne dass ihr das Ergebnis am Ende recht gibt. Ein zufälliger Augenblick genügt: ein abgefälschter Ball, ein überraschender Fernschuss, ein Treffer ins kurze Eck, das eigentlich hätte zugestellt sein müssen. Schon ist der Vorteil eines ganzen Spiels dahin. Je seltener ein Tor fällt, desto schwerer wiegt es. Und je schwerer es wiegt, desto mehr kann der Zufall aus den Angeln heben. In einer Sportart, in der regelmäßig Dutzende Punkte erzielt werden, gleichen sich die Schwankungen mit jedem weiteren Punkt allmählich aus. Meist setzt sich die tatsächlich stärkere Seite am Ende durch; das Glück kann nicht allzu viel durcheinanderbringen. Im Fußball aber ist das Zahlenpolster auf der Anzeigetafel hauchdünn. Darin kann der Zufall sich dauerhaft einrichten. Ein einziger glücklicher Schuss kann mehr zählen als alle guten Gründe eines ganzen Spiels.

Darin liegt eine Kluft, die Menschen nur ungern wahrhaben wollen: Den Sieg zu verdienen und tatsächlich zu gewinnen sind zweierlei. Eine Mannschaft kann den Gegner über die gesamte Spielzeit beherrschen, mehr Talent haben, höher gehandelt werden, den Pokal eher verdienen. Und dann verlieren. Der Fußball vergibt keinen Preis für das Verdiente. Er richtet sich allein nach diesem knappen Spielstand, und dort zählen Tore, keine Begründungen. Wo es Tore oder Punkte regnet, wird die Kluft zwischen Verdienen und Bekommen durch das fortgesetzte Zählen geschlossen. Im Fußball bleibt sie offen, als Bleibe für den Zufall. Je fester ein Land glaubt, es müsse doch eigentlich gewinnen, desto ungläubiger steht es da, wenn diese Kluft aufreißt.

Diesem Rest geht der folgende Abschnitt der Geschichte nach. Gewissheit ist das Ergebnis menschlichen Aufbaus; der Zufall ist das, was sich in diesem Aufbau niemals vollständig einschließen lässt. Ein Land mag eine noch gar nicht gespielte Partie schon als gewonnen verbuchen. Es kann aber nicht bestimmen, wem die ein oder zwei entscheidenden Treffer gelingen und in welchem Tor der Ball landet. Brasilien sollte 1950 an einem einzigen Nachmittag erfahren, wie zerbrechlich ein solches Urteil ist.

II. Die Rückkehr nach dem Krieg und ein ungewöhnlicher Modus

Der Modus der Weltmeisterschaft 1950 unterscheidet sich erheblich von dem Bild, das die Nachwelt im Gedächtnis behalten hat. Das muss zunächst klargestellt werden. Sonst lässt sich auch jener Nachmittag nicht verstehen.

Als die Weltmeisterschaft 1950 wieder stattfand, lag die letzte Ausgabe zwölf Jahre zurück. Die Turniere von 1942 und 1946 waren wegen des Krieges und der schwierigen Nachkriegsverhältnisse ausgefallen. Für manche Spieler einer ganzen Generation vergingen die besten Jahre im Krieg. Erst mit der Rückkehr der WM wurde auf dem Rasen jener Faden wieder aufgenommen, den das Geschützfeuer zerrissen hatte. Brasilien richtete die erste Nachkriegs-WM aus. Zur Endrunde kamen schließlich dreizehn Mannschaften statt sechzehn, weil es rund um das Turnier immer wieder Rückzüge gab. Auch die Gruppen waren ungleich besetzt: In einer spielten drei Teams, in einer anderen nur zwei. Indien hatte vor der Auslosung abgesagt, Frankreich danach. Frankreichs Rückzug ging den überlieferten Berichten zufolge auf Unzufriedenheit mit dem Spielplan zurück. Dieser hätte die Mannschaft zwischen zwei rund dreitausend Kilometer voneinander entfernten Städten mit völlig unterschiedlichem Klima hin- und hergeschickt. Durch all die fehlenden und zurückgezogenen Mannschaften brachte auch diese „Welt“-Meisterschaft wieder nicht die ganze Welt zusammen. Der Riss, der das Turnier seit seiner Entstehung begleitet hatte, blieb bestehen.

Für Brasilien hatte die Ausrichtung der ersten WM nach dem Krieg ein besonderes Gewicht. Ein Land, das sich lange am Rand der Welt gesehen hatte, wollte mit diesem Turnier und einem neuen, damals weltgrößten Stadion verkünden: Wir sind da. Dafür baute es das Maracanã, veranstaltete ein Turnier von gewaltigen Ausmaßen und setzte alle Hoffnungen, die es für sich selbst hegte, auf eine hoch gehandelte Mannschaft. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich begreifen, warum die Niederlage so schmerzte. Verloren ging nicht bloß ein Pokal. Verloren ging auch die sorgfältig vorbereitete Erklärung eines Landes, endlich einen ebenbürtigen Platz in der Welt verdient zu haben.

Noch wichtiger ist: Ein einzelnes Endspiel war für die WM 1950 überhaupt nicht vorgesehen. Die Sieger der vier Vorrundengruppen, Brasilien, Uruguay, Schweden und Spanien, kamen in eine Finalgruppe, in der jeder gegen jeden spielte. Deren Tabelle entschied über den Titel. Brasilien hatte sich vor Jugoslawien, der Schweiz und Mexiko durchgesetzt. Uruguay dagegen brauchte nach Frankreichs Rückzug praktisch nur ein einziges Gruppenspiel: Ein 8:0 gegen Bolivien reichte zum Weiterkommen. In der Finalgruppe zerlegte Brasilien Schweden mit 7:1 und Spanien mit 6:1. Uruguay spielte 2:2 gegen Spanien und schlug Schweden knapp mit 3:2. Vor dem letzten Spieltag hatte Uruguay drei Punkte, Brasilien vier. Nach der damaligen Zwei-Punkte-Regel genügte Brasilien am 16. Juli ein Unentschieden zum Weltmeistertitel. Uruguay musste gewinnen.

Die Partie, die später als Finale in die Erinnerung einging, war streng genommen also keines. Sie gehörte zum letzten Spieltag der Finalgruppe. Brasilien musste nicht einmal gewinnen, es durfte nur nicht verlieren. Spätere Darstellungen ließen diese Besonderheit verschwinden und erzählten, Brasilien habe in einem Endspiel den Titel verloren. Tatsächlich scheiterte ein haushoher Favorit an der letzten Hürde, obwohl ihm ein Remis genügt hätte. Um den goldenen Pokal in die Arme zu schließen, hätte Brasilien lediglich ungeschlagen bleiben müssen. Nicht einmal das gelang.

Dabei war diese brasilianische Mannschaft der Erwartungen durchaus würdig. In ihren ersten beiden Spielen der Finalgruppe gewann sie 7:1 und 6:1, dreizehn Tore in zwei Partien. Ademir, Zizinho und Jair gehörten zu den glanzvollsten Angreifern Südamerikas. Ihr Spiel floss mit einer Leichtigkeit dahin, die ein ganzes Land in ihren Bann zog. Gerade weil diese beiden Auftritte so großartig gewesen waren, erschien die Gewissheit des Sieges derart selbstverständlich. Eine Mannschaft fegte ihre Gegner vom Platz und brauchte zur Krönung nur noch ein weiteres Spiel ohne Niederlage: Unter solchen Umständen schien es beinahe folgerichtig, die Weltmeisterzeitung schon einmal zu drucken. Die Zeitung brachte lediglich etwas früher zu Papier, was in den Köpfen des Landes längst feststand. Der Aufbau der Gewissheit ruhte auf einer Überlegenheit, die unangreifbar wirkte. Und je unangreifbarer sie erschien, desto entsetzlicher musste der Absturz sein, wenn ein einziges Tor sie zu Fall brachte. Eine Mannschaft, deren Sieg sicher schien, verlor an diesem Tag nicht nur ein Spiel. Mit ihr ging eine Welt unter, die ebenso sicher erschienen war.

Auch die Kräfteverhältnisse vor der Begegnung verdienen einen genauen Blick. Brasilien war in der öffentlichen Meinung und in den Herzen der Menschen der überwältigende Favorit. Daran ist nichts falsch: Gerade erst hatte es Schweden und Spanien auseinandergenommen, und nun fand die Entscheidung in Rio, vor der eigenen Haustür, statt. Uruguay war aber kein unbeschriebenes Blatt, das erst nachträglich in die Geschichte hineingeschoben wurde. Die Mannschaft war in der Finalgruppe ungeschlagen und lag nur einen Punkt zurück. Weil sie die ganze Zeit konkurrenzfähig geblieben war, fiel die Entscheidung über den Titel erst am letzten Tag. Die spätere Kurzfassung, Brasilien hätte leicht gewinnen müssen, trifft die Erwartung vor dem Spiel. Sie unterschlägt jedoch, dass Uruguay ohnehin zu den vier verbliebenen besten Mannschaften gehörte und nur das letzte Spiel gewinnen musste, um den Pokal mitzunehmen. Ein unterschätzter Gegner, der noch alle Chancen hat, erklärt niemals den Zufall in seiner Gesamtheit. Aber häufig bahnt der Zufall sich gerade durch solche Unterschätzung seinen Weg.

III. Die Sensation vor der Sensation

Der Zufall hatte seinen großen Auftritt bei diesem Turnier schon einmal geprobt, bevor jener berühmte Nachmittag kam.

Am 29. Juni 1950 besiegten die USA in Gruppe B in Belo Horizonte England mit 1:0. Den Treffer erzielte Gaetjens. Die amerikanische Mannschaft war damals eine kurzfristig zusammengestellte Auswahl, überwiegend aus Halbprofis. Vor dem Turnier soll sie nur ein einziges Mal gemeinsam trainiert haben. Gaetjens, der Schütze des einzigen Tores, war in Haiti geboren und besaß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal die amerikanische Staatsbürgerschaft. Eine solche Mannschaft schlug das Land, in dem der moderne Fußball entstanden war.

Auf dem Papier ließ diese Begegnung kaum eine offene Frage. Hier das Mutterland des Fußballs, mit mehr als hundert Jahren Tradition und reichlich Selbstüberhebung; dort eine zusammengewürfelte Gruppe von Amateuren, die einander vor dem Turnier gerade einmal begegnet waren. Und der Mann, der das Spiel entscheiden sollte, war nicht einmal Bürger des Landes, für das er antrat. Bei Abpfiff hieß es dennoch 1:0. Gewonnen hatte die Mannschaft, der man auf dem Papier wenig zugetraut hatte. Doch Tradition und Selbstgewissheit lassen sich auf dem Rasen nicht automatisch in Tore umtauschen. Ohne Tor gewinnt auch die längste Tradition kein Fußballspiel.

Die Bedeutung dieses Ergebnisses ging weit über eine kuriose Begebenheit hinaus. England nahm zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Die Regeln des modernen Fußballs, seine Organisation, ja der Sport selbst hatten sich von Großbritannien aus verbreitet. Die Engländer verstanden sich seit jeher als seine eigentlichen Hausherren und hatten lange nicht daran gedacht, sich zu einer von anderen ins Leben gerufenen Weltmeisterschaft herabzulassen. Kaum taten sie es doch, scheiterten sie in der Vorrunde an einer zusammengewürfelten Amateurmannschaft, die einmal gemeinsam trainiert hatte. Auf den Auftaktsieg gegen Chile folgten Niederlagen gegen die USA und Spanien. England schied in der Gruppe aus und verpasste die Finalgruppe. Bei seinem ersten WM-Auftritt wurde der selbst ernannte Lehnsherr des Fußballs mit einem Ruck aus der vorgezeichneten Bahn geworfen. Im Grunde unterlagen Engländer und Brasilianer demselben Irrtum. Beide hielten einen Vorteil auf dem Papier für ein auf dem Platz bereits feststehendes Ergebnis. Die Kräfteverhältnisse schienen entschieden; man musste nur noch der Form halber spielen und den selbstverständlichen Ausgang nach Hause tragen. Aber der Fußball unterschreibt für niemanden das Ergebnis im Voraus. Immer wieder erinnert er diejenigen, die sich ihres Sieges sicher sind: Vor dem Schlusspfiff steht nichts fest. England erfuhr das zuerst in Belo Horizonte. Der Gastgeber, der diese Lektion am dringendsten hätte verstehen müssen, kam erst in Rio an die Reihe.

Wenn sich innerhalb eines Turniers zwei solche Überraschungen ereignen, wirkt der Zufall nicht länger wie eine vereinzelte Abweichung. Er erweist sich als struktureller Riss im Aufbau des Fußballs. Eine Sportart mit wenigen Toren lässt Außenseitersiegen von vornherein viel Raum. Eine schwächere Mannschaft muss nur standhalten und ein oder zwei Augenblicke nutzen, um die Kräfteverhältnisse auf dem Papier auf den Kopf zu stellen. Genau das geschah gegen England: Die Amerikaner verteidigten ihr 1:0. Die WM 1950 schien diesen Riss bis zum Äußersten vorführen zu wollen. Sie brachte zwei solche Momente hintereinander hervor. Der erste traf die selbstgefälligen Engländer. Der zweite wartete in Rio auf einen Gastgeber, dessen Selbstvertrauen kaum größer hätte sein können.

IV. Diese elf Minuten

Die entscheidende Begegnung des letzten Spieltags fand am 16. Juli 1950 im Maracanã statt. Der Engländer Reader leitete sie, Uruguay besiegte Brasilien mit 2:1. Die Reihenfolge der Tore ist eindeutig dokumentiert: Friaça traf in der 47. Minute, Schiaffino in der 66., Ghiggia in der 79.

Die erste Halbzeit blieb torlos. Kurz nach dem Seitenwechsel brachte Friaça Brasilien in Führung. Das ganze Stadion schien bereits den vorgezeichneten Ausgang zu feiern. Fast zweihunderttausend Menschen warteten darauf, diesen Treffer als Salutschuss zur Krönung zu bejubeln. Dann glich Schiaffino für Uruguay aus. Und dann, elf Minuten vor Schluss, erzielte Ghiggia das Siegtor. In diesem Augenblick wurde es im Maracanã mit seinen fast zweihunderttausend Menschen totenstill. Viele Jahre später machte Ghiggia eine oft zitierte Bemerkung: Nur drei Menschen hätten das Maracanã je zum Schweigen gebracht, der Papst, Frank Sinatra und er. Das war natürlich ein späterer Rückblick, keine Äußerung aus dem Jahr 1950. Aber der Satz erfasst die Wucht jenes Augenblicks. Ein einziger Schuss ließ ein ganzes Stadion verstummen, das zu einer Krönung gekommen war.

Die Stimmung an diesem Nachmittag folgte beinahe einer Parabel, die der Zufall mitten im Schwung zerbrach. Als Friaça traf, schien der Jubel von fast zweihunderttausend Menschen das Dach abheben zu lassen. Der vorab geschriebene Ausgang wurde offenbar endlich Wirklichkeit. Mit Schiaffinos Ausgleich mischte sich zum ersten Mal Unruhe in den Jubel. Als Ghiggia in der 79. Minute Uruguays zweites Tor schoss, stürzte die bis dahin aufsteigende Kurve senkrecht ab. Innerhalb weniger Sekunden war die gewaltige Geräuschkulisse verschwunden. Zurück blieb eine Stille, die fast ein eigenes Gewicht hatte. Ein ganzes Stadion war gekommen, um einer Gewissheit beizuwohnen. Was es erlebte, war deren Zerbrechen vor aller Augen.

Dass Uruguay standhielt, ist untrennbar mit seinem Kapitän Obdulio Varela verbunden. In späteren Erinnerungen werden verschiedene Aussprüche von ihm überliefert. Nach einer Fassung forderte er seine Mitspieler vor dem Anpfiff auf, nicht auf die voll besetzten Ränge zu schauen: Die Menschen dort seien alle aus Holz. Andere Fassungen bringen es schlichter auf den Punkt: Auf dem Platz spielen elf gegen elf. Es gibt auch Berichte, wonach er die Zeitung mit Brasiliens vorweggenommenem Titel gezielt nutzte, um den Widerspruchsgeist seiner Mannschaft zu wecken. Der genaue Wortlaut wechselt von Erzählung zu Erzählung. Es ist deshalb angemessener, sie als gut fundierte spätere Erinnerungen zu lesen, nicht als wörtliche Mitschrift. Worauf sie verweisen, bleibt wahr: Während ein ganzes Land den Ausgang für entschieden hielt, weigerten sich elf Männer, dieses vorab geschriebene Drehbuch anzunehmen.

Varelas Weigerung galt genau diesem Aufbau von Gewissheit. Fast zweihunderttausend Menschen auf den Tribünen, die schon gedruckten Weltmeister in der Zeitung und die Überzeugung eines ganzen Landes fügten sich zu einem lückenlosen Urteil: Brasilien musste gewinnen. Doch so massiv dieses Urteil auch war: Gegen das, was sich in jenen elf Minuten auf dem Platz ereignete, war es machtlos. Ein Tor, ein einziges Tor in der 79. Minute, brachte es vollständig zu Fall.

Hier zeigt sich am schärfsten, was die geringe Torzahl für den Aufbau des Fußballs bedeutet. Vielleicht war Brasilien an diesem Nachmittag tatsächlich die bessere Mannschaft. Aber „besser“ ist nicht die Währung, in der der Fußball abrechnet. Es zählt nur der knappe Spielstand, und der lässt sich in einem einzigen Augenblick umschreiben. Neunzig Minuten Überlegenheit, die Erwartungen einer Nation, eine schon gedruckte Zeitung: Vor Ghiggias Schuss zählte das alles nichts. Uruguay war allerdings auch keine Sensation, die aus dem Nichts kam. Die Mannschaft gehörte zu den verbliebenen Spitzenteams. Sie hatte Menschen wie Varela, die sich ihrem vermeintlichen Schicksal nicht beugten, und die Härte, den Pfiffen von zweihunderttausend Menschen standzuhalten. Das Spiel als bloße Anomalie oder als Verrat an der Logik des Fußballs zu erzählen, trifft es nicht. Uruguay gewann eine Partie, die es gewinnen musste und die es sehr wohl gewinnen konnte. Zufall bedeutet nicht, dass ein Schwacher aus heiterem Himmel einen Starken besiegt. Er bedeutet, dass niemand den Ausgang im Voraus festgelegt hat, selbst wenn ein ganzes Land das glaubt.

Den Moment von Ghiggias Siegtor hielt man später immer wieder fest. Immer wieder lastete man den Treffer Torhüter Barbosa an. Im kurzen Eck, hieß es, hätte er sich nicht überwinden lassen dürfen. Wer das Tor hütet, in dem der Ball landet, lässt sich am leichtesten zu demjenigen erklären, der alles zum Einsturz brachte. Was in jenen elf Minuten tatsächlich geschah, war jedoch dies: Eine Mannschaft, die niemals aus dem Spiel gewesen war, nutzte einen Augenblick, den niemand vorausberechnen konnte, und riss die Gewissheit eines ganzen Landes aus den Wurzeln. All das zu einem einzigen Torwartfehler zusammenzuziehen, war das Werk späterer Deutungen. Auch sie versuchten nur, dem Zufall einen Namen zu geben.

Uruguay war obendrein ein kleines Land mit nur wenigen Millionen Einwohnern, und es hatte schon die erste Weltmeisterschaft 1930 gewonnen. Wieder einmal holte dieses von den Großen ständig unterschätzte Land den Titel außerhalb des Drehbuchs, das alle für verbindlich hielten. Oft findet der Zufall bei demjenigen Unterschlupf, den man unterschätzt.

V. Der unerträgliche Zufall und die Herstellung eines Sündenbocks

Hätte die Geschichte mit Ghiggias Tor geendet, wäre sie lediglich die Geschichte einer schmerzhaften Niederlage geblieben. Was 1950 zu einer Wunde machte, die jahrzehntelang nicht heilte, geschah erst danach.

Ein Land konnte den Zufall nicht ertragen.

Kaum etwas ist so schwer auszuhalten wie der Zufall. Er bedeutet, dass hinter einem so gewaltigen Schmerz kein angemessener Grund steht. Niemand, den man hassen oder zur Rechenschaft ziehen kann. Niemand, auf den man mit dem Finger zeigen kann: Deinetwegen. Er bedeutet, dass man alles eingesetzt, die Hoffnungen eines ganzen Landes in die Waagschale geworfen hat, und dass der Ausgang trotzdem vom Glück bei einem einzigen Fernschuss abhängt. Ein Schmerz ohne Grund ist für Menschen unerträglich. Also schaffen sie sich einen Grund. Selbst ein falscher lässt sich leichter ertragen als das Eingeständnis, dass es gar keinen gibt. Ein Schuldiger mit Vor- und Nachnamen zieht den uferlosen Schmerz auf einen bestimmbaren Punkt zusammen. Und ein Punkt, auf den man zeigen kann, ist, selbst wenn man auf den Falschen zeigt, erträglicher als eine Leere, in der es nichts zu greifen gibt.

Die Erklärung, die Brasilien sich schuf, bestand aus den Namen einiger Spieler: Torhüter Barbosa, dazu Bigode und Juvenal. Diese Zuweisung wurde nicht erst im Nachhinein erfunden. Sie begann sofort und setzte sich über Jahrzehnte fort. Die Niederlage einer ganzen Mannschaft, womöglich überhaupt eine zufällige Niederlage, zwei oder drei Einzelnen anzulasten hieß, dem unbegreiflichen Zusammenbruch einen sichtbaren Urheber zu geben. Sobald der Schuldige gefunden war, ließ sich der unerträgliche Zufall in eine Ursache mit Namen und Gesicht einsperren.

Diese Schuldzuweisung kam schnell und traf hart. Noch während das Stadion in tödliche Stille versank, begann die Suche nach einem Schuldigen. Eine Mannschaft, von der eben noch ein ganzes Land Heldentaten erwartet hatte, wurde im nächsten Moment vom ganzen Land angeklagt. Und die Anklage brauchte einzelne Gesichter. Die Niederlage eines Teams, einen zufälligen Moment, in die Schuld von zwei oder drei Menschen umzurechnen, war emotional erschreckend einfach. Endlich fand die überwältigende, nirgends unterzubringende Enttäuschung einige Stellen, an denen sie abgeladen werden konnte. Den Preis zahlten die Auserwählten. Sie mussten für ein ganzes Land eine Last tragen, die keinem Einzelnen gehört hatte.

Doch diese Ursache war falsch. Tatsächlich war die Partie denkbar eng, Uruguay wirklich stark, und Ghiggia nutzte einen Augenblick, den niemand vorausberechnen konnte. Kein einzelner Spieler hatte die Niederlage „verursacht“, so wenig wie ein einzelner Spieler allein einen Sieg „verursachen“ kann. Der Sündenbockmechanismus musste genau diese Wahrheit verdecken. Denn ihr entscheidender Bestandteil, der Zufall, war das, dem er sich am wenigsten stellen wollte. Ihn anzuerkennen hätte bedeutet, einen Schmerz anzuerkennen, für den niemand zur Rechenschaft zu ziehen war. Und ein solcher Schmerz lässt sich schwerer unterbringen als einer mit einem klaren Schuldigen. Deshalb wurde der Sündenbock geschaffen und an die Stelle des Zufalls gesetzt. Ein sichtbarer Mensch büßte für ein unsichtbares Spiel des Glücks.

Das geschieht keineswegs nur in Brasilien. Jede Gemeinschaft, die der Zufall hart getroffen hat, ist versucht, jemanden zu finden, der die Schuld übernimmt. Einen Menschen zur Verantwortung zu ziehen ist leichter, als zu akzeptieren, dass niemand verantwortlich gemacht werden kann. So betrachtet zeugt der Sündenbock nicht von einer besonderen Grausamkeit der Brasilianer, sondern von einer instinktiven menschlichen Reaktion auf den Zufall. Verständnis können wir dem Schmerz entgegenbringen, der hinter diesem Instinkt steht: Ein Land hatte alle seine Hoffnungen eingesetzt und in einem Augenblick verloren. Es brauchte einen Ausweg. Aber den Instinkt zu verstehen heißt nicht, das Unrecht hinzunehmen, das er hervorbringt. Zu verstehen, warum ein Land einen Sündenbock sucht, und festzustellen, dass es den Falschen beschuldigt und einem Menschen Unrecht getan hat, widerspricht sich nicht.

Den Zufall durch einen Schuldigen zu ersetzen: Das war die erste und tiefste Kerbe, die dieses Abtragen im Jahr 1950 hinterließ. Doch warum mussten ausgerechnet diese drei Menschen an die Stelle des Zufalls treten?

VI. Warum gerade diese drei?

Die drei Männer, die an den Pranger gestellt wurden, Barbosa, Bigode und Juvenal, waren Schwarze Spieler dieser brasilianischen Mannschaft.

Diese Feststellung ist keine Erfindung heutiger Kritiker. Schon vor Jahrzehnten bemerkten Forscher des brasilianischen Fußballs dieses Muster. Sie beschrieben, wie die Niederlage von 1950 den „drei Schwarzen Spielern“ der brasilianischen Mannschaft angelastet wurde. Die spätere brasilianische Forschung ging der Sache weiter nach und benannte sie deutlicher. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Niederlage gerade deshalb zum Schauplatz rassistischer Deutungen wurde, weil die Vorwürfe in einer metaphorisch verschlüsselten Sprache auf die Schwarzen Spieler konzentriert wurden. Barbosa wurde zum Symbol. An ihm reproduzierten sich immer wieder rassistische Vorstellungen, Schwarze seien emotional instabil, zu wenig vernunftgeleitet und für das Tor ungeeignet. Eine damals verbreitete Behauptung lautete, Schwarze Spieler und Spieler mit gemischter Herkunft versagten im entscheidenden Moment. Andere Studien stellen fest: Wenn die damaligen Medien weiße Spieler kritisierten, ging es um deren Leistung. Bei nichtweißen Spielern gebrauchten sie dagegen rassistisch gefärbte Begriffe über Charakter, Mut und Verlässlichkeit. Unter dem Deckmantel solcher Umschreibungen galten Schwarze Spieler als unzuverlässig, ohne dass die Kritik offen rassistische Ausdrücke verwenden musste. Rassistisch codiert war also nicht allein, wen die Schuld traf, sondern auch, wie sie ihm zugeschrieben wurde.

Damit liegt der Mechanismus vollständig offen. Ein Land kann den Zufall nicht akzeptieren und muss sich für die Niederlage eine Ursache schaffen. Wohin diese Ursache verlegt wird, entscheidet sich aber nicht beliebig auf einem unbeschriebenen Blatt. Sie fällt in eine längst vorbereitete Rinne: in bestehende rassistische Vorurteile. Der Drang, einen Schuldigen zu finden, und ein fertiges Arsenal solcher Vorurteile passen genau ineinander. Wer als Schuldiger herhalten soll, ist durch das Vorurteil deshalb beinahe schon im Voraus ausgewählt. Noch bevor das Spiel beginnt, stehen seine Verdächtigen bereit. Es fehlt nur eine Niederlage, um den Verdacht zu bestätigen. Der Sündenbockmechanismus enthält damit einen doppelten Verschluss. Zuerst wird der Zufall in eine schuldhafte Ursache eingesperrt. Dann wird diese Ursache, nach Hautfarbe sortiert, einigen Menschen vorab zugewiesen, denen eigentlich nichts vorzuwerfen ist.

Das Unrecht daran braucht keine lautstarke Anklage. Die Tatsachen wiegen schwer genug. Diese drei Menschen hatten nichts falsch gemacht. Sie hatten lediglich im falschen Augenblick ein Gesicht, das nach den Maßstäben jener Vorurteile als unzuverlässig galt. Ihnen die ganze Last einer zufälligen Niederlage aufzubürden war gedankliche Bequemlichkeit und zugleich ein ganz konkreter Schaden für ganz konkrete Menschen. Ein Land weigerte sich, dem Zufall ins Gesicht zu sehen. Die Rechnung bezahlten diese drei.

Auch hier ist Genauigkeit nötig. Nicht jeder Brasilianer beschuldigte damals aus bewusster Bosheit Schwarze Spieler zu Unrecht. Rassistische Codierung wirkt häufig in einer Sprache und in ungeprüften Vorannahmen. Über einen weißen Spieler heißt es, er sei heute außer Form gewesen. Über einen Schwarzen Spieler dagegen, Leute wie er seien nicht verlässlich, hielten dem Druck nicht stand und knickten im entscheidenden Moment ein. Die erste Kritik gilt einer einzelnen Leistung, die zweite einer ganzen Gruppe von Menschen. Diese in der Wortwahl verborgenen doppelten Maßstäbe lenkten die Vorwürfe unmerklich entlang der Trennlinien der Hautfarbe, bis sie bei den drei Männern ankamen. Dafür musste niemand eine offene Beschimpfung aussprechen. Die vorhandene Sprache erledigte die schmutzige Arbeit von selbst.

Später verankerte sogar Brasiliens eigenes Fußballmuseum diese neue Lesart. Es stellte fest, dass das bisherige öffentliche Gedächtnis Barbosas ganzes Leben auf das „Scheitern von 1950“ verkürzt hatte. Geschaffen worden war dieses Gedächtnis vor allem von Sportfunktionären, Journalisten und Intellektuellen, die „nicht zufällig allesamt weiß“ gewesen seien. Das Museum änderte daraufhin seine Dauerausstellung. Es entfernte das berühmte Foto, das Barbosa nach dem zweiten Gegentor auf den Knien zeigte, und ersetzte es durch eine eindeutige Aussage: Die brasilianische Niederlage war Juvenal, Bigode und Barbosa zu Unrecht angelastet worden, den „drei Schwarzen Spielern“ der Mannschaft von 1950. Ein Bild, das einst zur Verurteilung gedient hatte, wurde nun als Zeichen eines Unrechts erkannt, das berichtigt werden musste. In dieser Berichtigung selbst brach die lange niedergehaltene Wahrheit viele Jahre später wieder an die Oberfläche.

Die Worte des Museums, „nicht zufällig allesamt weiß“, treffen einen tieferen Punkt. Eine öffentliche Erinnerung wächst nie auf neutralem Boden von allein. Sie nimmt feste Gestalt an, weil bestimmte Menschen sie mit bestimmten Worten immer wieder erzählen. Wer das Mikrofon hält, wer die Berichte schreibt und wer die Bücher verfasst, bestimmt, wem diese Erinnerung die Verantwortung zuschiebt. Die Erinnerung an 1950, die Schwarze Spieler an den Pranger stellte, war von einer Gruppe geschaffen worden, die durchweg dieselbe Hautfarbe hatte. Ihre Vorurteile wurden ganz selbstverständlich zum „Konsens“ eines Landes. Erst als Jahrzehnte später andere Menschen die Archive erneut öffneten, bekam die festgenagelte Wahrheit die Chance, durch die Risse der Erinnerung wieder hervorzudringen. Die Erhaltung des Restes zeigt sich hier in anderer Gestalt: Niedergehaltene Gerechtigkeit verschwindet nicht. Sie wartet nur auf jemanden, der sie wieder zur Sprache bringen kann.

VII. Barbosas fünfzig Jahre

Unter all diesen Mechanismen und späteren Berichtigungen liegt das Leben eines einzelnen Menschen. Er hatte sein Leben lang im Tor gestanden. Der Ausgang eines einzigen Spiels nahm ihm sein restliches Leben.

Aus Barbosas letzten Lebensjahren ist ein häufig zitierter Satz überliefert. Um seinen 79. Geburtstag herum sagte er, die höchste Gefängnisstrafe nach brasilianischem Recht betrage dreißig Jahre, seine eigene „Haft“ dauere aber schon fünfzig. In einer früheren Fassung aus dem Jahr 1993 fragte er, welches Verbrechen, welche Sünde er denn begangen habe, dass man ihn mehr als vierzig Jahre lang bestrafe. Der Wortlaut unterscheidet sich etwas. Unverändert bleibt jedoch seine Beschreibung des eigenen Lebens: Er verstand dessen zweite Hälfte als eine von der Gesellschaft verhängte Haftstrafe, die niemals enden würde. Wegen eines einzigen Tores lebte ein Torhüter sein Leben als Strafgefangener.

Dieses Urteil traf nicht nur Barbosa. Auch Bigode und Juvenal trugen es ein Leben lang. Barbosa aber hatte im Tor gestanden. Der Ball war an ihm vorbeigeflogen, und so wurde er zum unübersehbaren Gesicht dieses Unrechts. Er trug auch noch den Anteil der beiden anderen mit. Eine Niederlage, die die ganze Mannschaft hätte tragen müssen, womöglich mit jenem Zufall zusammen, der sich keiner Rechenschaft unterwerfen lässt, lastete am Ende auf drei Menschen. Auf einem von ihnen lastete sie besonders schwer.

Die Haftstrafe bestand nicht bloß aus Worten. Vor der Weltmeisterschaft 1994 wollte Barbosa die brasilianische Mannschaft in ihrem Trainingslager besuchen. Man ließ ihn nicht hinein und verweigerte ihm den Kontakt zu den Spielern. Die Begründung: Er könne Unglück bringen. Ein Mann, der einst das Tor der Nationalmannschaft gehütet hatte, blieb Jahrzehnte später bei der Mannschaft seines eigenen Landes ausgesperrt, als sei er ein Unheilbringer. Ein Ball war in seinem Tor gelandet. Fast ein halbes Jahrhundert ließ ihn dieses Land dafür bezahlen, bis hin zur Verweigerung eines bloßen Besuchs. Ein gewöhnliches Gegentor wäre bei einem anderen vielleicht nach einigen Jahren verblasst. Bei ihm erstarrte es zu einem Brandmal fürs ganze Leben. Denn man brauchte ihn. Man brauchte einen Menschen, auf den das ganze Land zeigen konnte: Deinetwegen. Letztlich bezahlte er nie für diesen Ball. Er bezahlte für den Schmerz eines Landes, das den Zufall nicht ertragen konnte. Dieser Schmerz war so groß, dass ein ganzes Menschenleben für ihn herhalten musste.

Hier sollten wir innehalten, statt immer weiter für ihn zu sprechen. Ein Mensch war von einem ganzen Mechanismus ausgewählt worden, der einen Sündenbock brauchte. Die Rolle, die dieser Mechanismus ihm zuwies, war die einer Ursache, eines Schuldigen, eines Gefäßes für den Schmerz der Nation. Aber er war keine Ursache. Er war ein Mensch mit einem eigenen Leben, und dieses Leben bestand aus weit mehr als dem einen Ball, den er nicht gehalten hatte. Gerade damit kann der Sündenbockmechanismus nicht rechnen: Er verlangt ein Symbol, doch unter diesem Symbol bleibt ein lebendiger Mensch, der niemals vollständig darin aufgeht. Als das Museum das Foto des knienden Barbosa entfernte, tauschte es nicht einfach ein Bild aus. Es gab einem Menschen, der jahrzehntelang als Gefäß hatte dienen müssen, sein Menschsein zurück. Diese späte Rückgabe zeigt: Auch wenn ein ganzes Land ihn über Jahrzehnte auf ein Symbol festnagelte, hatte es den lebendigen Menschen doch nie wirklich darin festhalten können.

VIII. Vom weißen zum gelben Trikot und ein spät gefundener Name

Nach 1950 legte das Land Schicht um Schicht über diese Niederlage. Auch bei diesen späteren Schichten muss man unterscheiden, wann sie entstanden und wie sie aufgetragen wurden.

Die auffälligste war die Trikotfarbe. Brasiliens heute unverwechselbares gelbes Trikot gehört zur Nachgeschichte von 1950. Seine Entstehung lässt sich aber genauer bestimmen als mit der bequemen Kurzformel: Man verlor und wechselte deshalb die Farbe. 1953 schrieb die Zeitung Correio da Manhã gemeinsam mit dem brasilianischen Sportverband einen öffentlichen Wettbewerb für eine neue Spielkleidung der Nationalmannschaft aus. Der Entwurf musste alle vier Farben der brasilianischen Flagge enthalten. Der Schriftzug „Brasilien“ und eine direkte Abbildung der Flagge auf dem Trikot waren dagegen verboten. Das alte weiße Trikot sollte verschwinden, weil es in der öffentlichen Wahrnehmung seit 1950 von der Niederlage befleckt schien und dem Land nicht mehr würdig war. 301 Menschen beteiligten sich. Es gewann der erst neunzehnjährige Aldyr Garcia Schlee. Er hatte mehr als hundert Skizzen angefertigt. Die größte Schwierigkeit bestand darin, die vier Flaggenfarben in einer stimmigen Spielkleidung unterzubringen. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass die gesamte Grundfläche des Oberteils gelb sein musste. Die übrigen Farben verteilte er auf Besatz, Hose und Stutzen. So entstand das Kanariengelb, das die von 1930 bis 1950 getragenen weißen Trikots ablöste. Äußerlich wurde nur eine Farbe ausgetauscht. Darunter lag der Wunsch, die Niederlage vom Körper der Nation abzuwaschen. Die weitere Geschichte hatte eine bemerkenswerte Ironie: Dieses gelbe Trikot, geschaffen, um eine Niederlage zu begraben, wurde später zum strahlendsten und einprägsamsten Trikot des Weltfußballs. Gelb wurde beinahe ein anderer Name für den brasilianischen Fußball selbst. Eine Farbe, aus der Asche einer Niederlage herausgegriffen, wurde zum Sinnbild des Sieges. Die Niederlage sollte begraben werden. Doch genau dort, wo man sie begrub, wuchs die Grundfarbe allen späteren Ruhms. Auch das zeigt, dass der Zufall sich nicht einfach ausstreichen lässt.

Eine andere Schicht bestand aus einem Namen, dem Namen für eine Haltung. Nelson Rodrigues bezeichnete sie als „Straßenköterkomplex“, complexo de vira-latas: die Neigung der Brasilianer, sich vor der Welt, insbesondere im Fußball, unwillkürlich für minderwertig zu halten. Dieser Ausdruck gehört jedoch ins Jahr 1958, nicht ins Jahr 1950. Der zeitliche Abstand ist wesentlich. Er stammt aus einer Kolumne, die Rodrigues im Mai 1958 veröffentlichte. Darin schrieb er, seit 1950 schäme sich der brasilianische Fußball, an sich selbst zu glauben. Damit verband er das Minderwertigkeitsgefühl ausdrücklich mit der Niederlage gegen Uruguay. Der später unzählige Male zitierte Komplex, den es scheinbar schon am Tag der Niederlage gegeben hatte, erhielt seinen Namen also erst acht Jahre später. Erst rückblickend wurde er auf jenes Spiel bezogen. Die Haltung bekam einen Namen, und dieser Name legte umgekehrt fest, was der zuvor so schwer zu erklärende Schmerz bedeuten sollte.

Die neuere Geschichtsschreibung zeichnet auch von der großen kulturellen Erzählung um 1950 ein vielschichtigeres Bild. Eine Untersuchung zeigt, dass die 1964 erschienene erweiterte Ausgabe eines Buches über Schwarze im brasilianischen Fußball zu einer wesentlichen Vorlage wurde, nach der das spätere Sportgedächtnis das Jahr 1950 erzählte. Die Deutungen im Hinblick auf Hautfarbe, Moral und Politik wurden erst nachträglich, Schicht um Schicht, zur maßgeblichen Bedeutung dieser Niederlage erhoben. Derselbe Forscher stellt fest, die nationale Fixierung auf diesen zweiten Platz sei so stark, dass die Menschen im Vergleich dazu über viele andere Spiele des Turniers beinahe nichts wüssten. Damit soll das Gewicht der Niederlage nicht bestritten werden. Gemeint ist, dass spätere Erzählungen ihre Bedeutung zugleich verfestigten und verengten. Ein Spiel lässt sich auf viele Arten erzählen: als Geschichte von Uruguays Widerstandskraft, von der Unberechenbarkeit des Zufalls, vom Glanz dieser Generation brasilianischer Angreifer oder vom gewaltigen Anblick eines neuen Stadions, das zum ersten Mal zweihunderttausend Menschen aufnahm. Die spätere Erinnerung lief jedoch fast nur noch auf eines hinaus: ein einziges Gleichnis über nationale Minderwertigkeitsgefühle, über Hautfarbe, über Schicksal. Die anderen Spiele des Turniers und die anderen möglichen Erzählungen verschwanden unter dieser übermächtigen Deutung. Kaum jemand erinnerte sich noch an sie. Wenn eine Bedeutung die Alleinherrschaft gewinnt, werden die übrigen eine nach der anderen verschlossen. Gerade in diesen verschlossenen Erzählmöglichkeiten lag aber ein Bild des Spiels, das seiner Wirklichkeit nähergekommen wäre.

Alle später aufgetragenen Schichten taten dasselbe. Mit dem gelben Trikot sollte das befleckte weiße samt der Niederlage begraben werden. Der Name für einen Komplex sollte dem scheinbar zusammenhanglosen Schmerz eine einleuchtende psychologische Erklärung geben. Die übereinandergelegten Bedeutungen von Hautfarbe, Moral und Schicksal sollten eine zufällige Niederlage wie eine Parabel über das Wesen dieses Landes lesbar machen. Jede Schicht versuchte, das Spiel in seiner tatsächlichen Gestalt zuzudecken. Und diese Gestalt war nichts weiter als ein Fußballspiel zwischen ebenbürtigen Gegnern, entschieden durch einen zufälligen Augenblick. Bevor all diese Bedeutungen darübergelegt wurden, war es genau das.

Das heißt nicht, dass sämtliche Bedeutungen frei erfunden waren. Eine Niederlage kann einem Land eine wirkliche Wunde zufügen. Minderwertigkeitsgefühle und obsessive Erinnerungen sind keine Gefühle, die aus dem Nichts entstehen. Doch ein Gefühl ist etwas anderes, als dieses Gefühl zum endgültigen Urteil über den Charakter eines Landes zu verhärten. Das eine ist menschlich. Das andere ist ein weiterer Versuch, durch Abtragen den Zufall in eine feste Form zu zwingen. Aus der Zufälligkeit eines Fußballspiels ein unabwendbares nationales Schicksal zu machen folgt demselben Verfahren, mit dem man sie damals zur unvermeidlichen Schuld einzelner Spieler erklärte. Beides soll einen Schmerz ohne Grund mit einem scheinbar einleuchtenden Grund versehen. Nur wird diesmal nicht eine Handvoll Menschen festgenagelt, sondern das Bild, das ein ganzes Land von sich selbst hat.

IX. Zum Schluss: Der Zufall lässt sich nicht einschließen, der Mensch geht nicht darin auf

Ein Land erklärte einst ein Spiel für gewonnen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Es schloss einen offenen Ausgang vorzeitig und machte ihn zur feststehenden Tatsache. Die Zeitung hatte die Weltmeister schon gedruckt, fast zweihunderttausend Menschen saßen auf den Rängen, das ganze Land hielt die Entscheidung für gefallen. Doch der Fußball brachte dieses Urteil mit einem Tor in der 79. Minute vollständig zu Fall. Weil so wenige Tore fallen, bleibt im knappen Ergebnis stets Raum für den Zufall. Er ist der Rest, den kein Aufbau von Gewissheit einschließen kann. Auch wenn ein ganzes Land glaubte, der Ausgang sei bereits geschrieben, war er es nicht. Er hing die ganze Zeit am Glück eines einzigen Fernschusses.

Nach der Niederlage konnte das Land den Zufall nicht hinnehmen. Es schuf deshalb einen zweiten Aufbau und schloss den Schmerz, für den sich niemand zur Rechenschaft ziehen ließ, in einige Menschen mit Vor- und Nachnamen ein. Wer diese Schuldigen sein sollten, hatte ein vorhandenes rassistisches Vorurteil im Voraus bestimmt. Es traf drei Schwarze Spieler. Auch dieser Aufbau vermochte nicht einzusperren, was er einsperren wollte. Wahr blieb, dass das Spiel eng war, dass Uruguay tatsächlich stark war und dass niemand allein die Niederlage verursacht hatte. Später legte sich das gelbe Trikot über das weiße, ein verspäteter Name über den Schmerz. Schichtweise machten Bedeutungen von Hautfarbe, Moral und Schicksal aus einer ausgeglichenen Fußballpartie eine nationale Parabel. Jede Schicht sollte das Spiel in seiner wirklichen Gestalt endgültig begraben. Unter jeder Schicht blieb diese Gestalt dennoch bestehen.

Durch all diese Aufbauten hindurch bleiben zwei Dinge übrig, die sich nicht in ihnen unterbringen lassen. Das erste ist der Zufall. Der Aufbau des Fußballs mit seinen wenigen Toren sichert ihm seinen Platz. Er sorgt dafür, dass die „bessere“ Mannschaft nicht zwangsläufig gewinnt und dass jedes Wort über Notwendigkeit, Vorherbestimmung oder einen verdienten Sieg jederzeit von einem Tor widerlegt werden kann. Das zweite ist der Mensch. Barbosa, den man zum Schuldigen gemacht hatte, hatte ein Leben lang das Tor gehütet und wurde dafür fünfzig Jahre bestraft. Aber er war niemals eine Ursache, sondern ein lebendiger Mensch, der in keinem Symbol aufgeht. Als viele Jahre später ein Museum das Foto des knienden Torhüters entfernte und ihn wieder als Menschen anerkannte, traten diese beiden nicht einzuschließenden Dinge verspätet, jedes auf seine Weise, wieder an die Oberfläche.

Eigentlich sind sie zwei Seiten derselben Sache. Weil es im Fußball Zufall gibt, steht der Ausgang nicht von vornherein fest. Und ein offener Ausgang bedeutet, dass niemand zum Sieger bestimmt ist und niemand dazu bestimmt ist, für eine Niederlage sterben zu müssen. Den Zufall durch einen schuldigen Menschen zu ersetzen leugnet das eine und zertritt das andere. Man tut so, als hätte sich das Ergebnis kontrollieren lassen, und rechnet zugleich das Unkontrollierbare einem lebendigen Menschen an. Den Zufall anzuerkennen ist deshalb gerade eine Form von Nachsicht gegenüber Menschen. Es bedeutet, dass es Niederlagen gibt, für die niemand die ganze Verantwortung tragen kann, weil sie von vornherein nicht in seiner Hand lagen. Wer hinnehmen kann, dass ein Ball eben auch einmal auf diese Weise ins Tor geht, braucht niemanden zu suchen, um ihn jahrzehntelang an den Pranger zu stellen.

Diese Erzählung zerdrückte Menschen wie Barbosa. Sie unterschätzte das, was Varelas Satz „elf gegen elf“ besagte. Doch weder das Zerdrücken noch das Unterschätzen vermochte die Menschen am Ende vollständig in das vorab geschriebene Drehbuch einzupassen. Was 1950 den Nachgeborenen hinterlässt, ist keine Antwort auf die Frage, wer die Schuld tragen soll. Es ist eine schlichtere und schwerer anzunehmende Tatsache: Dieses Spiel war zu keinem Zeitpunkt vorherbestimmt. So wenig wie der Fußball sich jemals vorherbestimmen lässt.

Brasilien brauchte Jahrzehnte und das wiederholte Zurückblicken mehrerer Generationen, um dieser Lehre allmählich Gehör zu schenken. Zwischen dem Pranger und dem Tag, an dem das Museum jenes Foto entfernte, liegt der lange Weg eines Landes, das lernte, sich mit dem Zufall zu versöhnen. Versöhnung bedeutet nicht, das Spiel zu vergessen. Sie bedeutet, endlich anzuerkennen, dass ein Teil seines Ausgangs von niemandem beherrscht werden konnte. Also muss auch niemand ein Leben lang dafür büßen.

Niemand hat festgelegt, wohin es als Nächstes geht. Gerade diese Unberechenbarkeit macht es lohnend, den Fußball immer wieder neu zu spielen, Partie für Partie. Ein Ausgang, den das nächste Tor jederzeit umschreiben kann, ist das Faszinierendste und zugleich das Ehrlichste an diesem Sport. Er verspricht niemandem einen vorherbestimmten Sieg. Dann darf er auch von niemandem verlangen, der vorherbestimmte Schuldige an einer Niederlage zu sein. Der Kreislauf ist nicht zum Stillstand gekommen. Er dreht sich weiter.