Non Dubito Essays in the Self-as-an-End Tradition
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Reihe Weltfußball — Essay 02 von 22

Die Vereinnahmung

Ein Regime will den Fußball dem Staat einverleiben

(Einstiegspunkt: Weltmeisterschaften 1934 in Italien und 1938 in Frankreich)

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

1. Vereinnahmung: Den Fußballplatz dem Staat einverleiben

10. Juni 1934, Rom. Nach dem Finale überreicht Mussolini eigenhändig die Pokale. Es bleibt nicht bei einem. Weltmeister Italien nimmt den goldenen Weltmeisterpokal entgegen, der Zweite, die Tschechoslowakei, erhält einen „Pokal des Duce“, die Coppa del Duce, und der Dritte, Deutschland, bekommt einen Pokal des italienischen Fußballverbands. Schon der Name des Stadions, in dem das Endspiel stattfindet, nennt ausdrücklich die Nationale Faschistische Partei. Vor dem Anpfiff haben die italienischen Spieler den Zuschauern den faschistischen Gruß entboten. Ein Pokal nach dem anderen wird überreicht. Glied um Glied verbinden sie den Sieg mit den Zeichen des Staates und des Regimes.

Das ist keine politische Deutung, die Nachgeborene beim Aufarbeiten alter Verfehlungen erst herausgelesen hätten. Diese politische Verpackung lag schon damals offen zutage.

Der Drang, den Fußball in einer bestimmten Gestalt festzuhalten, zeigt diesmal ein anderes Gesicht. Bei der Grundlegung der ersten Weltmeisterschaft kamen diejenigen, die das Spiel festschreiben wollten, aus seinem Inneren. Seine Hüter verteidigten, wie Fußball ihrer Ansicht nach zu sein hatte: die Reinheit des Amateurgedankens, Großbritannien als Mittelpunkt. Jetzt kommt die Kraft von außen, von einem Regime. Es will nicht die Gestalt des Spiels festlegen, sondern seine Bedeutung. Fußball soll nur noch für eines stehen: die Stärke des Staates und die Ordnung des Regimes. Darauf soll die Bedeutung des Fußballs ein für alle Mal festgelegt werden. Für anderes darf kein Raum bleiben.

Das ist ein Akt der Kolonisierung. Etwas Bedingtes, das Legitimationsprojekt eines bestimmten Regimes zu einer bestimmten Zeit, will sich als etwas Unbedingtes ausgeben: als Bedeutung des Fußballs selbst. Mussolinis Italien will sagen: Wir haben gewonnen, also ist das faschistische Italien stark und wohlgeordnet, also verdient es die Bewunderung der Welt. Als wäre der Fußball von Natur aus dazu da, diesen Satz zu bezeugen. Eine Sportart, die zig Millionen Menschen auf je eigene Weise lieben, wird in einen einzigen Verwendungszweck gepresst. Sie soll nur noch dem Ansehen eines Regimes dienen.

Doch je vollständiger man den Fußball vereinnahmen will, desto deutlicher zeigt sich die Vergeblichkeit dieses Versuchs. Würde ein Regime ihn nur nebenbei benutzen, sich bei einem Sieg in seinem Glanz sonnen und eine Niederlage achselzuckend hinnehmen, wäre das eine Sache. Mussolinis Regime aber will alles. Jeder Sieg soll nur eines beweisen, die ganze Bedeutung dieser Sportart soll dem Staat gehören. Dass der Fußball auch anderswoher kommt und anderes bedeuten könnte, wird nicht geduldet. Gerade weil dieser Anspruch so restlos, so absolut formuliert ist, sticht alles, was nicht in ihn hineinpasst, einzeln ins Auge. Eine nicht ganz so reine Mannschaft. Ein Spiel, bei dem unklar bleibt, ob es gewonnen oder geschenkt wurde. Ein Mensch, der sich nicht fügen will. In einem weniger anmaßenden Umfeld würde womöglich niemand ein zweites Mal hinsehen. Doch vor einem Regime, das die Bedeutung des Fußballs mit einem Bissen verschlingen möchte, wird jedes davon zu einem auffälligen Rest. Darin liegt eine allgemeine Regel der Kolonisierung: Je vollständiger man die Bedeutung einer Sache besitzen will, desto sichtbarer werden jene Reste, die sich nicht in Besitz nehmen lassen. Je gründlicher die Vereinnahmung, desto greller treten die Reste hervor.

Die Vereinnahmung des Fußballs lässt sich kritisieren, und man muss sie kritisieren. Wenn ein Regime eine Sportart für sich beansprucht und zur Beglaubigung seiner eigenen Legitimität benutzt, ist das keine Frage des Einerseits und Andererseits. Es gehört zu den wenigen Dingen, die man ohne Umschweife benennen und verurteilen sollte. Die Vereinnahmung durch das Regime zu kritisieren heißt jedoch nicht, den Fußball selbst gleich mit auszustreichen. Genau auf dieser Grenze liegt die Schwierigkeit. Ein Regime kann das Turnier vereinnahmen, die Symbole, sogar die Zuschreibung des Sieges. Den Fußball selbst kann es nicht vereinnahmen. Der bringt immer wieder etwas hervor, das sich in der Erzählung des Regimes nicht unterbringen lässt. Diese Dinge zu erkennen ist die wichtigste Aufgabe bei der Betrachtung dieser Jahre.

Zunächst also: Wie ging diese Vereinnahmung vor sich?

Seit etwa 1926 wurde der italienische Fußball in das faschistische Staatsprojekt eingegliedert. Die neuere Forschung zeichnet diesen Prozess im Allgemeinen deutlich nach. Im Inneren diente Fußball der nationalen Formierung und der Mobilisierung der Massen: Die über die Regionen verteilten Menschen sollten sich unter der Fahne eines einzigen Staates sammeln. Nach außen sollte er dessen Ordnung, Modernität und Ansehen vorführen. Die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 1934 bildete einen Höhepunkt dieses Prozesses. Der italienische Fußballverband übernahm die enormen Veranstaltungskosten. Das ganze Turnier wurde zum Schaufenster des Landes, seiner Gastfreundschaft, seines Organisationstalents und seiner touristischen Anziehungskraft. Die Behörden ließen zahlreiche Sonderzüge verkehren, um Zuschauer aus dem Ausland ins Land zu holen. Das faschistische Stadion, der persönlich anwesende Duce, der Gruß vor dem Anpfiff und nach dem Spiel die vielen mit Zeichen des Regimes versehenen Pokale: Zusammengenommen war das weit mehr als ein Fußballturnier. Es war eine öffentliche Aufführung. Vorgeführt wurde, zu welch großen Taten dieser faschistische Staat fähig sei, wie wohlgeordnet er sei und wie sehr es sich für die Welt lohne, ihn zu besuchen.

Bei der Verleihung der drei Pokale lag dieser Anspruch ganz offen da. Neben dem goldenen Pokal für den Weltmeister gab es für die zweitplatzierte Tschechoslowakei einen „Pokal des Duce“, benannt nach Mussolinis Titel. Überreicht wurde er von Mussolini selbst. Eine Trophäe, die dem Fußball und seinen Spielern hätte gehören sollen, trug den Namen eines Diktators und ging dann aus seiner Hand an die Spieler. In diesem Augenblick wurden die Ehre des Fußballs und das Ansehen des Regimes zusammengeschweißt. Eines ließ sich vom anderen nicht mehr lösen. Unverhüllter lässt sich Vereinnahmung kaum zeigen: den eigenen Namen in einen Sieg eingravieren, der einem nicht gehört.

Nebenbei zeigt etwas anderes, wie sehr der Aufbau namens Fußball in diesen Jahren gewachsen war. 1934 fand erstmals eine Weltmeisterschaft mit einer wirklichen Qualifikation statt. Zweiunddreißig Mannschaften meldeten sich an, sechzehn erreichten die Endrunde. Selbst Gastgeber Italien musste zunächst die Qualifikation überstehen, ein bis heute einmaliger Fall in der WM-Geschichte. Für die erste Weltmeisterschaft hatte man noch bloß Einladungen verschicken und abwarten müssen, wer kommen wollte. Vier Jahre später mussten mehr als dreißig Teams in mehreren Schritten ausgesiebt werden. Der Fußball war gewachsen. Er war so groß geworden, dass ein Regime bereit war, beträchtliche Anstrengungen auf sich zu nehmen, um ihn zu vereinnahmen. Eine Sache muss erst Gewicht bekommen, bevor andere darauf verfallen, sie für sich zu beanspruchen. Mussolini begehrte genau das Gewicht, das sich der Fußball in diesen Jahren erworben hatte.

2. Die Ausgeschlossenen kehren zurück: Uruguays Absage

Die auffälligste Leerstelle von 1934 hinterließ der Titelverteidiger Uruguay.

Um dieses Fernbleiben zu verstehen, muss man vier Jahre zurückgehen. Zur ersten Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay waren nur vier europäische Mannschaften bereit gewesen, den Ozean zu überqueren. Der größte Teil Europas fehlte. Die Europäer hatten auf die Überfahrt, die Kosten und die verweigerte Freigabe durch die Vereine verwiesen. Diese Gründe hatten durchaus eine handfeste Seite. In uruguayischen Augen aber veranstaltete der amtierende Olympiasieger die allererste Weltmeisterschaft, und der Großteil des alten Kontinents geruhte nicht zu erscheinen. Das blieb im Gedächtnis. Als 1934 Europa an der Reihe war, wollte Uruguay als amtierender Weltmeister nicht nach Italien reisen. Es wurde damit zum einzigen Weltmeister in der Geschichte des Turniers, der zur Verteidigung seines Titels nicht antrat.

An diesem Beispiel lässt sich besonders klar erkennen, dass der Rest, den eine Negation zurücklässt, nicht einfach verschwindet. 1930 waren Uruguay und Südamerika übergangen worden. Vier Jahre später kehrte sich der zurückgebliebene Groll um: Nun ließ Uruguay die Europäer stehen. Der Ausschluss war nicht erledigt. Er hatte nur die Richtung gewechselt und kehrte zurück. Wer ausgeschlossen wurde, erinnert sich daran. Und die Form dieser Erinnerung besteht darin, selbst fernzubleiben, sobald man an der Reihe ist. Eine Rechnung, die nicht beglichen wird, wird nur auf der anderen Seite noch einmal angeschrieben.

Mit Uruguays Abwesenheit verlor das Turnier zugleich viel von seinem sportlichen Wert. Der amtierende Weltmeister fehlte. Und Argentinien, vier Jahre zuvor ebenfalls im Finale, schickte diesmal eine Mannschaft, die von seiner stärksten Besetzung weit entfernt war. Von den beiden besten Teams Südamerikas blieb das eine vollständig aus, das andere trat erheblich geschwächt an. Ausgerechnet jener sorgfältig vom faschistischen Italien inszenierten Meisterschaft, die sich 1934 der Welt zeigen sollte, fehlte damit der Sieger der vorherigen Weltmeisterschaft. Ein Turnier, das beweisen sollte, wer auf der Welt der Stärkste war, ließ den zuletzt allgemein anerkannten Stärksten vor der Tür stehen. Diese Lücke konnte keine noch so feierliche Inszenierung des Gastgebers füllen.

Spätere Darstellungen nennen auch inneruruguayische Gründe: Geld, den Spielkalender, Unzufriedenheit im Verband. Die Belege dafür sind verstreut; als Hauptgrund gelten diese Erklärungen in der Regel nicht. Am besten gesichert bleibt die Deutung als Gegenboykott auf Europas Fernbleiben von 1930. Einer Meisterschaft namens „Welt“ fehlte bei ihrer zweiten wie bei ihrer dritten Austragung ein großer Teil dieser Welt. Und was beim dritten Mal fehlte, hing mit derselben unbeglichenen Rechnung zusammen wie das Fehlen beim zweiten Mal. Nur Gläubiger und Schuldner hatten die Plätze getauscht. Der größte Rest des Gründungsaugenblicks bestand fort: das Loch in einem Turnier, das „Welt“ hieß und doch die ganze Welt nicht fassen konnte. Vier Jahre später stand es noch immer an derselben Stelle offen.

3. Die Schlacht von Florenz und der Streit um den „Betrug“

Der schmutzigste Abschnitt auf Italiens Weg zum Titel war das Viertelfinale gegen Spanien.

Gespielt wurde in Florenz. Nach einem 1:1 in der ersten Begegnung gewann Italien das Wiederholungsspiel am folgenden Tag mit 1:0. Die Partie war von äußerster Härte geprägt und wurde später als „Schlacht von Florenz“ bekannt. Im ersten Spiel verletzte sich Spaniens Torwart Zamora. Zur Wiederholung fehlten gleich sieben Spieler der spanischen Anfangsformation. Nach nur einem Spiel war eine halbe Mannschaft so zugerichtet, dass sie nicht mehr auflaufen konnte. Die spanischen Zeitungen jener Tage und die spätere Erinnerung hielten daran fest: Vor Italiens Ausgleich sei Zamora gefoult worden, ein anderer spanischer Treffer sei auf umstrittene Weise aberkannt worden. Auch das Halbfinale gegen Österreich gibt zu denken. Österreich gehörte damals unbestritten zu Europas Spitzenmannschaften; sein „Wunderteam“ genoss höchstes Ansehen. Vor diesem Halbfinale hatte Italien von zwölf Begegnungen mit Österreich nur eine gewonnen. Am Spieltag war der Platz schlammig. Italien siegte durch ein Tor von Guaita mit 1:0. Der schwedische Schiedsrichter Eklind leitete dieses Halbfinale und wurde anschließend auch für das Finale angesetzt.

Die bekannteste Geschichte um diese Spiele lautet, Eklind habe Mussolini vor dem Spiel getroffen, ja sogar mit ihm zu Abend gegessen. Sie ist außerordentlich weit verbreitet und kehrt in zahllosen späteren Darstellungen wieder. Doch bis heute wird sie weder durch ein Sitzungsprotokoll noch durch ein Tagebuch oder eine amtliche Akte belegt. Selbst Autoren, die einen politischen Einfluss auf die Weltmeisterschaft von 1934 grundsätzlich für wahrscheinlich halten, sprechen hier meist nur von Gerüchten und fehlenden harten Belegen. Eher handelt es sich um eine immer weitergetragene Geschichte als um eine feststehende Tatsache. Direkt sagen lässt sich: Eklind pfiff sowohl das Halbfinale als auch das Finale. Und die Heimmannschaft profitierte 1934 tatsächlich von einer für sie günstigen Regelauslegung und einem vorteilhaften politischen Umfeld.

Dieses günstige Umfeld lässt sich aber nicht auf einen einzelnen Schiedsrichter oder ein einziges Abendessen reduzieren. Schon das K.-o.-System verstärkte den Zufall. Ein Spiel entschied über alles. Wurde etwas gröber gespielt oder etwas einseitiger gepfiffen, stand das Ergebnis fest; ein Rückspiel, das etwas hätte berichtigen können, gab es nicht. Hinzu kamen die voll besetzten Heimtribünen, die geschlossenen Anfeuerungsrufe und jener politische Druck, um den alle wussten. Wer als Gast diesen Rasen betrat, hatte es mit mehr als elf Italienern zu tun. Diese strukturellen Vorteile waren real. Keine einzelne geheime Absprache muss bewiesen werden, damit sie es sind. Der Schlüssel zu 1934 liegt in solchen strukturellen Vorteilen, nicht in unbelegten Abendessen.

Hier verläuft ein schmaler Grat. Eine bequeme Darstellung lautet, Italien habe den Titel ausschließlich durch Betrug gewonnen; korrupte Schiedsrichter hätten dem Gastgeber das Turnier zugeschoben. Das klingt befriedigend und ist doch nur eine andere Vereinfachung. Von der antifaschistischen Seite her wird der Fußball abermals auf reine Politik reduziert. Diese Erzählung und der Satz des Regimes „Wir gewinnen, also sind wir groß“ sind die beiden Seiten derselben Münze. Die eine Seite verlangt nach dem Triumph eines Regimes, die andere nach dessen Machenschaften. Beide wollen aus diesen zwei Weltmeisterschaften möglichst rasch eine saubere, schwarz-weiße politische Geschichte machen.

Doch die Wahrheit lässt sich von keiner der beiden Seiten in Beschlag nehmen. Italien war 1934 eine wirklich starke Mannschaft. Es besaß eine reife Spielergeneration, mit Pozzo einen modernen Trainer und eine durchdachte Spielweise. Zugleich spielte es in einem Umfeld, das den Gastgeber stark begünstigte und vom Regime mit aller Macht politisch umschlossen wurde. Beides ist gleichzeitig wahr. Wer behauptet, Italien habe nur durch Betrug gewonnen, streicht die tatsächliche Stärke dieser Mannschaft aus. Wer von einem vollkommen fairen Sieg spricht, streicht die Hand des Regimes aus, die auf die Waage drückte. Immer weniger ernsthafte Historiker erzählen 1934 noch als die geradlinige Geschichte eines ausschließlich durch Betrug erlangten Titels. Denn in den Akten findet sich kein abschließendes Urteil, das vorsätzliche Manipulation durch die Schiedsrichter zweifelsfrei festgestellt hätte. Vorhanden sind die schon damals heftigen Vorwürfe und ein deutlich zugunsten des Gastgebers verschobenes Umfeld. Präziser lässt es sich so sagen: Eine wirklich starke Mannschaft gewann in einem manipulierten Umfeld. Dafür gibt es kein Urteil, das alles mit einem Schlag erledigt. Die beiden Tatsachen, die es dabei zusammenzuhalten gilt, können einander nicht verschlingen.

Der Wunsch nach einem solchen Urteil kommt daher, dass beide sauberen Geschichten das Denken erleichtern. Gewann Italien ausschließlich durch Betrug, hat die antifaschistische Seite ihren vollkommenen Bösewicht. Der Sieg wird gestrichen, die Gerechtigkeit bleibt moralisch unversehrt. Gewann Italien vollkommen fair, besitzt das Regime seinen ungetrübten Triumph. Der Fußball hat ihm gehorsam Stärke und Ordnung bescheinigt. Beide Geschichten nehmen sich, was sie brauchen, und bezahlen denselben Preis: Sie müssen die lästige Vielschichtigkeit des Wirklichen einebnen. Nur lässt sich der Fußball nicht einebnen. Er führt uns eine Mannschaft vor, die tatsächlich etwas konnte und zugleich tatsächlich einen gewaltigen Vorteil genoss. Er hinterlässt eine unbequeme Lage, in der sich weder das Regime reinwaschen noch die Mannschaft einfach ausstreichen lässt. Gerade diese Unbequemlichkeit, die keine Seite in Besitz nehmen kann, ist sein hartnäckigster Rest. Solche Vielschichtigkeit anzuerkennen heißt nicht, irgendjemandem aus der Verlegenheit zu helfen. Nur wer beide Seiten zusammen festhält, erkennt, was die Hand auf der Waage niederdrückte und was sie nicht niederdrücken konnte.

Die Hand auf der Waage zu kritisieren ist richtig. Den wirklichen Fußball dieser Mannschaft gleich mit zu verneinen geht zu weit. Vereinnahmung bleibt Vereinnahmung, Fußball bleibt Fußball. Man muss jedem seinen Platz lassen. Dazu aber muss zuerst deutlich werden, worin die wirkliche fußballerische Qualität dieser Mannschaft bestand.

4. Pozzos metodo: Die eigene Substanz des Fußballs

Gerade der wirkliche Fußball dieser Mannschaft ist es, den die Erzählung des Regimes nicht vereinnahmen kann.

Die Italiener nennen Pozzos Spielweise metodo. Meist wird sie als 2-3-2-3 notiert; auf dem Platz sieht sie wie zwei übereinandergelegte W aus. Gegenüber der noch bei der ersten Weltmeisterschaft üblichen 2-3-5-Pyramide zieht sie die beiden Halbstürmer zurück, in die Nähe des Mittelläufers, um das Mittelfeld fest in die Hand zu bekommen. Dort liegt die Schaltstelle des Spiels. Wer das Mittelfeld beherrscht, entscheidet, wohin der Ball läuft und wie hoch das Tempo ist. In der Pyramide, die fünf Spieler gemeinsam nach vorn schiebt, bleibt die Mitte oft leer. Genau diese Lücke soll der metodo schließen, indem er Spieler ins Zentrum zurückholt. Von Chapmans WM-System unterscheidet er sich wiederum in einem anderen Punkt. Das WM-System zieht den entscheidenden Mann in der Mitte vollständig zurück und macht ihn zum Abwehrspieler, der den gegnerischen Mittelstürmer eng bewacht und sich ganz auf die Abwehr konzentriert. Der metodo will diesen Spieler nicht auf eine einzige Aufgabe festlegen. Er soll sich zur Verteidigung zurückziehen, aber ebenso nach vorn das Spiel ordnen und die Bälle verteilen können. Damit ähnelt er eher einem Vorläufer dessen, was man später einen Spielmacher nennt. Beide Systeme antworten auf dieselbe Lage nach der Änderung der Abseitsregel: Der Angriff ist stärker geworden, die Abwehr schwächer. Die englische Antwort ist das WM-System, die italienische der metodo. Zwei Wege, bei denen man jeweils anderes gewinnt und anderes aufgibt. Besonders gut liegt der metodo Mannschaften mit sicherer Balltechnik, flachem Kurzpassspiel und einem ausgeprägten Gefühl für das Tempo. Genau so eine Mannschaft ist Italien damals.

Hier verläuft eine entscheidende Spur. Die Taktik entwickelte sich in diesen Jahren nach der eigenen Logik des Fußballs weiter, weitgehend unabhängig von der Politik auf den Tribünen. Die Abseitsänderung von 1925 zwang Angriff und Abwehr, ein neues Gleichgewicht zu finden. Die Engländer entwickelten das WM-System, die Italiener den metodo: verschiedene Antworten, erzwungen von derselben Schwierigkeit. Diese Entwicklung folgt ihrem eigenen Weg. Sie wechselt nicht die Richtung, weil ein anderes Land das Turnier ausrichtet. Und ein Tor fällt nicht von selbst zusätzlich, nur weil auf der Tribüne ein Duce sitzt. Ein Regime kann seine Fahne über dem Weltmeister aufpflanzen. In die Taktiktafel kann es sie nicht stecken. Wie man die Mitte beherrscht, Lücken in der Abwehr schließt und den Ball von hinten nach vorn spielt: Dieses Nachdenken hat eine eigene Herkunft und eine eigene Zukunft. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die Politik reicht nicht dorthin und kann dort nicht anknüpfen. Eine Hand kann den Sieg hochheben und wie eine Fahne schwenken. Was diese Mannschaft aber eines Sieges würdig machte, haben andere Menschen anderswo über viele Jahre hinweg langsam erarbeitet.

Pozzos Arbeit erschöpfte sich auch nicht in der Formation. Er war ein taktischer Erneuerer und legte zugleich großen Wert auf den psychischen Zustand seiner Spieler und die gemeinsame Vorbereitung vor einem Turnier. Er holte die Mannschaft zu langen Trainingslagern zusammen und beschäftigte sich mit der Verfassung und dem Temperament jedes Einzelnen. Anders gesagt: Italiens Erfolg in den dreißiger Jahren wurde nicht einfach durch einen staatlichen Befehl hervorgepresst. Er beruhte auf einer durchaus modernen Führung der Nationalmannschaft und auf einer ganzen Generation ausgereifter Spieler. Solche Voraussetzungen muss man über Jahre hinweg mit fachkundigem Blick Stück für Stück schaffen. Auch der strengste Erlass kann sie nicht herbeizaubern.

Genau hier liegt die Grenze der Vereinnahmung. Das Regime kann auf dem Siegerpodest stehen und den Erfolg zum Sieg des Faschismus erklären. Doch diese Spielweise kann es nicht hervorbringen, diese Generation nicht ausbilden und Pozzo nicht die Überlegung abnehmen, wie sich das Mittelfeld beherrschen lässt. Wem der Sieg zugeschrieben wird, lässt sich mit einem Satz umschreiben. Wie er zustande kam, lässt sich nicht umschreiben. Die Substanz des Fußballs besteht in dieser Taktik, dieser Technik und der harten Arbeit jener Generation. Sie bleibt fest an einem Ort, den die Worte des Regimes nicht erreichen. Es kann dem Pokal seinen Namen aufdrücken, nicht den Füßen der Spieler. Deshalb sind später immer mehr Menschen bereit gewesen anzuerkennen: Selbst wenn man die ganze faschistische Verpackung entfernt, bleibt diese Mannschaft eine wirklich starke Mannschaft. Ihre beiden Weltmeistertitel brauchen die Erzählung des Regimes nicht, um etwas zu gelten.

5. Oriundi: Die Lücken im Aufbau namens Nation

Die größte Lücke in dieser Erzählung liegt jedoch nirgends anders als in der Aufstellung der „italienischen Mannschaft“ selbst.

Der Faschismus verlangte vom Fußball den Beweis für die Stärke und Reinheit der italienischen Nation. Doch mehrere Spieler des Weltmeisters von 1934 waren gar nicht in Italien geboren. Die wichtigsten von ihnen kamen aus Argentinien. Spieler italienischer Abstammung, die aus Südamerika zurückkehrten und das italienische Trikot überzogen, hießen in Italien oriundi. Zu ihnen gehörten Luis Monti, Raimundo Orsi, Enrique Guaita und Attilio Demaría. Eine Mannschaft sollte nationale Reinheit beweisen. Ihr Rückgrat aber bildeten Südamerikaner, die über den Ozean zurückgekehrt waren.

Ihre Herkunft führt in eine Migrationsgeschichte mit unscharfen Grenzen. Im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert überquerten Millionen Italiener auf der Suche nach einem Auskommen den Atlantik. Sie strömten nach Argentinien, Uruguay und in andere südamerikanische Länder, ließen sich dort nieder und gründeten Familien. Ihre Nachkommen lernten in den Straßen und Gassen von Buenos Aires das Fußballspielen und wurden Teil des südamerikanischen Fußballs. Als unter diesen Kindern große Talente heranwuchsen, beanspruchte Italien sie aufgrund ihrer Abstammung wieder für sich und steckte sie ins blaue Trikot. Waren sie nun Italiener oder Argentinier? Die Antwort hing davon ab, von welcher Grenzlinie aus man sie betrachtete. Diese Linie selbst aber war durch die Wanderung von Millionen Menschen hin und her gezogen worden und nie eindeutig gewesen. Zudem brachten die in Südamerika aufgewachsenen Spieler mehr zurück als ein Paar Füße. Mit ihnen kam eine südamerikanische Spielweise, die Technik und Dribbling hochschätzte. Dass Pozzos metodo so sehr auf flache kurze Pässe und Ballfertigkeit setzte, verdankte sich zu einem beträchtlichen Teil der südamerikanischen Ausbildung dieser oriundi. Selbst in jener italienischen Spielweise, die nationale Stärke beweisen sollte, steckte also eine Herkunft vom anderen Ufer des Ozeans. Der Faschismus wollte eine reine Nation mit scharfen Grenzen. Doch was ihn trug, war ausgerechnet das Produkt einer Migrationsgeschichte, die diese Grenzen verwischt hatte. Nicht einmal die Spielweise, die ihm Ruhm verschaffte, war rein.

Monti ist ein besonders bemerkenswerter Fall. Bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 stand er für Argentinien im Finale. Als Argentinien gegen Uruguay verlor, spielte Monti auf argentinischer Seite. Vier Jahre später stand er auf der italienischen, bestritt das Endspiel von 1934 und gewann. Bis heute ist er der einzige Spieler, der WM-Endspiele für zwei verschiedene Länder bestritten hat. Ein Mensch, zwei Flaggen, zwei Endspiele, gerade einmal vier Jahre dazwischen. Das Regime wollte durch den Fußball sagen: Wir sind eine reine und festgefügte Nation. Einer seiner wichtigsten Spieler hatte eben noch für ein anderes Land im Finale gestanden. Was könnte das Wort „rein“ gründlicher durchlöchern?

Darüber wurde schon damals gestritten. Es ist keine Erfindung späterer Generationen. In Zeitungen von 1934 finden sich bereits Spott und Satire über Vereine und Funktionäre, die eifrig Spieler italianisierten und deren tatsächliche ethnische Herkunft mitunter absichtlich verdeckten. Ob diese Männer überhaupt als Italiener galten, war also schon 1934 heftig umstritten. Gegen die Kritik führte Pozzo eine weithin überlieferte Verteidigung an. Ihr Sinn war: Wenn diese spielberechtigten Männer für Italien Militärdienst leisten müssen und sogar für Italien sterben können, dann dürfen sie auch für Italien Fußball spielen.

Gerade diese Verteidigung verrät, worum es geht. Sie räumt ein, dass die italienische Identität dieser Menschen nicht von Natur aus feststeht. Sie muss begründet und erstritten werden; erst der Satz, sie seien bereit, für Italien zu sterben, soll sie ganz ausfüllen. Hier zeigt die Nation ihr eigentliches Gesicht als Aufbau. Sie ist kein fester Block mit eindeutigen Grenzen. Sie wird aus Abstammung, Berechtigung, Wanderung und dem Dienst für ein Land Schicht um Schicht zusammengefügt. Jede Naht kann sich lösen. Die oriundi sind der Rest, den dieser Aufbau nicht zudecken kann. Dass zahlreiche in Südamerika geborene Spieler italienischer Abstammung in die Mannschaft aufgenommen wurden, ist eine Tatsache. Dass sie von Natur aus und ohne jeden Streit einen reinen Nationalstaat verkörperten, widerspricht gerade dieser Tatsache. Je entschlossener der Faschismus mit dem Fußball die Reinheit der Nation beweisen wollte, desto deutlicher widerlegte die Mannschaft, die er auf den Platz schickte, eben diese Reinheit. Er hob einen Weltmeisterpokal hoch, um die Nation zu beglaubigen. Doch mehrere der Hände, die ihn hielten, kamen von jenseits des Ozeans.

Letztlich ist noch nie eine Mannschaft von selbst aus einer reinen Nation hervorgewachsen. Jede Nationalmannschaft wird durch Regeln abgegrenzt, die bestimmen, wer dazugehört. Diese Regeln haben immer Ränder, immer Stellen, um die sich streiten lässt. Über wie viele Generationen zählt Abstammung? Zählt der Geburtsort? Zählt, wo jemand aufgewachsen ist? Zählt, für wen jemand spielen will? Jede dieser Linien wurde von Menschen gezogen. Jede lässt sich in die eine wie in die andere Richtung verschieben. Gewöhnlich verschwinden sie unter einer Nationalflagge. Niemand sieht genauer hin, und die Nationalmannschaft gilt als natürliche Verkörperung ihrer Nation. Die oriundi holten dieses sonst Verborgene mitten auf die Bühne eines WM-Finales. Sie sind keine Ausnahme von nationaler Reinheit. An ihnen verrät sich, wie der Aufbau namens Nation tatsächlich beschaffen ist. Ausgerechnet ein Regime, das mit Fußball unbedingt Reinheit beweisen wollte, hob eigenhändig die Flagge an, unter der alles verborgen lag. Alle konnten sehen: Unter der vermeintlich reinen Nation liegen Linien, die sich hin und her verschieben lassen.

6. 1938: Der Schatten des kommenden Krieges und die immer offeneren Symbole

Vier Jahre später fand die Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich statt. Diesmal waren die Schatten erheblich dunkler als 1934.

Die FIFA hatte 1936 in Berlin über den Austragungsort entschieden. Frankreich setzte sich gegen Argentinien und Deutschland durch. Dass zum zweiten Mal hintereinander Europa das Turnier ausrichten sollte, löste in Südamerika heftigen Unmut aus. Dort hatte man einen Wechsel zwischen Europa und Amerika erwartet. Dieser Unmut trug unmittelbar zum Fernbleiben Argentiniens und Uruguays bei. Uruguay blieb bereits zum zweiten Mal in Folge aus, und diesmal kam auch Argentinien, der Zweite von 1930, nicht. Spanien konnte wegen des Bürgerkriegs nicht teilnehmen. Auf der einen Seite blieb Südamerika aus Verärgerung über die Vergabe zu Hause, auf der anderen konnte Spanien wegen des Krieges im eigenen Land nicht kommen. Noch bevor das Turnier begann, hatte die Politik außerhalb des Spielfelds Teilnehmer aus ihm gestrichen. Wer bei einem Turnier namens Welt auf diesem Rasen stehen durfte, hing immer weniger davon ab, wie gut er Fußball spielte, und immer mehr von den Feindschaften und dem Geschützfeuer außerhalb der Stadionmauern, die mit Fußball an sich nichts zu tun hatten. Diese Weltmeisterschaft stand bereits unübersehbar im Schatten des bevorstehenden großen Krieges. Der eigentliche Schatten aber folgte erst noch.

Die größte geopolitische Erschütterung ging vom „Anschluss“ Österreichs aus. Im März 1938 annektierte Deutschland das Nachbarland. Österreich schied daraufhin aus dem Teilnehmerfeld aus; seine besten Spieler wurden der deutschen Mannschaft einverleibt. Es hatte zu den starken Teams dieses Turniers gehört. Das „Wunderteam“ hatte seinen Höhepunkt zwar überschritten, doch seine Grundlagen bestanden fort. Mit dem Rückzug Österreichs änderte sich der ganze Turnierbaum. Schweden kam ohne Spiel weiter. Deutschland wiederum nahm einen Teil der österreichischen Spieler auf und schied dennoch im Wiederholungsspiel gegen die Schweiz aus. Spätere Darstellungen führen das Scheitern häufig auf mangelndes Zusammenspiel in einer erzwungenen Mannschaft und auf die feindselige Stimmung zurück, in der niemand dem anderen etwas zugestehen wollte. Zwei frühere Gegner mit Gewalt zu einem Team zusammenzupressen hatte keine stärkere Mannschaft hervorgebracht, sondern eine lose Ansammlung von Menschen, die jeder etwas anderes im Sinn hatten. Ein Regime kann auf der Landkarte ein Land verschlucken. Auf dem Fußballplatz kann es deshalb noch lange nicht zwei Mannschaften wirklich zu einer machen.

Im Verschwinden der österreichischen Mannschaft zeigte sich die Vereinnahmung in ihrer nacktesten Form. Sie begnügte sich nicht mehr damit, einen Sieg mit einem Etikett zu versehen. Sie griff unmittelbar zu, strich eine vollständige Mannschaft aus der Weltmeisterschaft und verteilte die Spieler nach einer neuen Staatsangehörigkeit um. Eine Staatsgrenze wurde mit Gewalt ausradiert. Eine Mannschaft, die ganz Europa begeistert hatte, wurde entwurzelt und in den Fleischwolf der Politik gezogen. Hier wurde nicht länger bloß am Spielfeldrand Politik gemacht. Die Menschen auf dem Platz wurden als Eigentum behandelt, das sich zusammen mit einem Territorium überschreiben ließ. Doch selbst wer den Namen einer Mannschaft streichen konnte, konnte nicht die Tatsache streichen, dass dieser Fußball einmal existiert hatte. Das Wunderteam, das nie wieder vollständig zusammenkommen würde, blieb nach seiner Tilgung als Rest zurück. Seine Stellung in der Erinnerung lag außerhalb der Reichweite einer Annexion auf der Landkarte.

Auch Italiens Verbindung mit den faschistischen Zeichen trat diesmal offener hervor als beim vorherigen Turnier. Besonders gut dokumentiert ist das Viertelfinale gegen Frankreich. Italien trug weder das gewohnte Blau noch die üblichen weißen Auswärtstrikots, sondern lief in Schwarz auf, der Farbe des Faschismus. Vor dem Anpfiff zeigte die Mannschaft den faschistischen Gruß. Dass sie sich bei jedem Spiel des gesamten Turniers so verhalten habe, ist hingegen nicht ebenso lückenlos belegt. Die sichere Aussage lautet: Für das Spiel gegen Frankreich sind schwarze Trikots und Gruß gut dokumentiert. Wer das auf jede Partie ausdehnt, muss vorsichtiger sein.

Im Finale schlug Italien schließlich Ungarn mit 4:2. Colaussi und Piola trafen je zweimal. Piola gehörte zu den herausragenden Mittelstürmern dieser Generation. Und Italiens Elf von 1938 sah zum Großteil anders aus als jene von 1934: weniger oriundi, mehr in Italien geborene Spieler, und doch gewann sie wieder. Ihre Stärke beruhte nicht auf dem Zufall einiger einzelner Talente. Hinter ihr stand ein Gefüge, das immer neue Leistung hervorbringen konnte. Sie war die erste Mannschaft, die ihren WM-Titel erfolgreich verteidigte. Für Pozzo war es der zweite Weltmeistertitel, eine bis heute von keinem anderen Trainer erreichte Zahl. Noch immer ist er der einzige Nationaltrainer mit zwei WM-Siegen. Diese Leistung braucht keine Aufwertung durch die faschistische Erzählung. Wenn eine Mannschaft innerhalb von vier Jahren zweimal Weltmeister wird, liegt das am Fußball. Das Regime kann sie mit seinen Symbolen überziehen. Diese Symbole erklären aber nicht, weshalb sie gewinnt. Die Zeichen gehören dem Regime. Fußball spielen immer noch die Menschen auf dem Platz.

Unter all diesen Zeichen stand der Krieg bereits vor der Tür. 1938 war die Vereinnahmung des Fußballs durch das Regime so offen sichtbar wie nie zuvor. Doch die Welt, die es sich einverleiben wollte, sollte bald in dem Feuer, das es selbst entfacht hatte, zu verbrannter Erde werden. Etwas mehr als ein Jahr später gab es in Europa keine Weltmeisterschaft mehr zu spielen.

7. Menschen, die sich nicht einverleiben lassen: Sindelar und Leônidas

Unter allen Symbolen und Pokalen gibt es immer Menschen, die sich in keinen politischen Rahmen einpassen lassen.

Einer von ihnen ist Matthias Sindelar. Österreichs Mannschaft der frühen dreißiger Jahre wurde in Europa das „Wunderteam“ genannt. Eine Zeit lang spielte sie den kunstvollsten und schönsten Fußball des Kontinents. Sindelar war ihre Seele. Er war schmal gebaut, sein Spiel leicht und schwebend. Mit dem Ball schien er über Wasser zu gleiten. Man nannte ihn den „Papierenen“. In einer Epoche, in der Kraft und lange, hohe Bälle vorherrschten, verkörperte er einen anderen Fußball: einen des Kopfes und der Füße, nicht der Körperwucht. Ein Mensch, der eigentlich nur auf den Rasen und nicht in die Politik gehört hätte, wurde von der brutalsten Hand seiner Zeit gepackt, die sich nun auch seines Schicksals bemächtigte. Nach dem Anschluss fuhr er nicht mit jener aus Deutschen und Österreichern zusammengesetzten Mannschaft zur Weltmeisterschaft 1938. Die vorherrschende spätere Deutung lautet, er habe sich geweigert, für die Nationalmannschaft des NS-Staates zu spielen. Im Einzelnen gehen die Quellen auseinander: War es offener politischer Widerstand, oder berief er sich bei seinen Absagen auf Alter, Verletzungen und Rücktritt? Dass er der deutschen WM-Mannschaft von 1938 nicht beitrat, steht jedoch außer Zweifel. Ein Mensch, der eben noch den ganzen Fußballstolz Wiens verkörpert hatte, entschied sich nach der Auslöschung seines Landes dagegen, das Trikot des Eroberers anzuziehen.

Über seinen Tod muss in dieser Geschichte mit der größten Zurückhaltung geschrieben werden. Am 23. Januar 1939 wurden Sindelar und seine Freundin Camilla Castagnola tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Als offizielle Todesursache wurde eine Kohlenmonoxidvergiftung durch Gas beziehungsweise einen fehlerhaften Rauchabzug angegeben. Seither haben drei Erklärungen ihre Anhänger behalten: Unfall, Selbsttötung durch Vergiftung, Mord durch die Gestapo. Doch die Belege für sie sind keineswegs gleich stark. Für einen Unfall sprechen frühere Beschwerden von Nachbarn über den schadhaften Rauchabzug. Die Annahme eines Suizids stützt sich vor allem auf spätere literarische Erinnerungen und psychologisierende Deutungen. Ein politischer Mord wird meist aus den Begleitumständen erschlossen: Sindelars Haltung gegen den Nationalsozialismus, der Aufmerksamkeit, die ihm die NS-Polizei schenkte, und dem auffällig raschen Abschluss des Falls. Bis heute lässt sich mit der nötigen Zurückhaltung nur sagen: Amtlich wurde eine unfallbedingte Vergiftung festgestellt. Suizid und Mord sind nicht restlos auszuschließen. Es gibt aber nicht genügend öffentlich zugängliche Belege, um eine dieser alternativen Erklärungen zur Gewissheit zu erheben.

Ein Mensch, der sich weigert, das Trikot des Eroberers zu tragen, und ein Tod, der sich bis heute nicht eindeutig erzählen lässt. Diesen Tod gewaltsam auf eine einzige Fassung festzulegen, sei es auf das heroische politische Martyrium oder auf eine andere, wäre abermals der Versuch, jemanden, der sich nicht vereinnahmen ließ, nachträglich in eine saubere Geschichte einzuverleiben. Am ehrlichsten ist es, das Ungeklärte stehen zu lassen. Weder darf man das stille Gewicht seiner Entscheidung, nicht zu spielen, ausstreichen noch seinem Tod eine Gewissheit andichten, die er nicht besitzt.

Ein anderer Mensch kommt von der anderen Seite der Erde. Der Brasilianer Leônidas ist die glänzendste Einzelgestalt der Weltmeisterschaft von 1938, genannt der „Schwarze Diamant“. Brasiliens erste Partie gegen Polen wird beim 6:5 zu einem Klassiker. Leônidas trifft dreimal, der Pole Wilimowski viermal. Im strömenden Regen antworten sie einander Tor um Tor und spielen eines der verrücktesten Ergebnisse der WM-Geschichte heraus. Am Ende wird Leônidas mit sieben Treffern Torschützenkönig des Turniers. Der Name „Schwarzer Diamant“ geht nun endgültig um die Welt. Während Europas Faschisten den Fußballplatz zur staatlichen Paradefläche herrichten, führt ein schwarzer brasilianischer Stürmer vom anderen Ende der Erde mit seinen geschickten Füßen den europäischen Zuschauern erstmals den Zauber eines anderen Fußballs vor Augen. Wie viele Gesichter der Aufbau namens Fußball besitzt, wird 1938 besonders deutlich. Ein Regime kann ihn auf seine Ausstellungsfläche stellen. Und im selben Turnier kann ein Einzelner, den niemand vereinnahmen kann, ihn in reinem Glanz aufleuchten lassen.

Die Geschichten um Leônidas muss man auseinanderhalten. Eine lautet, er habe den Fallrückzieher erfunden. Genauer wäre: Er gilt gewöhnlich als dessen Erfinder oder zumindest als der Erste, der diese Bewegung auf der ganzen Welt bekannt machte. Tatsächlich war er der erste Star, der das europäische WM-Publikum mit diesem Schuss verzauberte. Der Titel des uneingeschränkten Erfinders lässt jedoch frühere südamerikanische Vorläufer nicht einfach verschwinden. Eine andere Geschichte erzählt, er habe barfuß im Schlamm ein Tor erzielt. Ihr Kern ist glaubhaft. Im Spiel gegen Polen verlor er einen Schuh im Morast, oder der Schuh ging kaputt; beim Tor bemerkte der Schiedsrichter es nicht. Die zugespitzte Fassung, nach der er das ganze Spiel barfuß bestritt, macht aus der Partie eine Barfußlegende. Das ist offenkundig eine dramatische Vergrößerung.

Umstritten ist außerdem, warum Leônidas bei Brasiliens Halbfinalniederlage gegen Italien nicht in der Anfangsformation stand. Nach der klassischen Erklärung war Brasilien so siegessicher, dass es ihn für das Finale schonen wollte. Daneben hält sich seit Langem eine andere Darstellung: Nach den beiden harten Spielen gegen die Tschechoslowakei sei er verletzt gewesen, und das Trainerteam habe das Risiko gescheut. Dass er im Halbfinale nicht zur Startelf gehörte, ist eine Tatsache. Dass er allein aus Überheblichkeit geschont wurde, ist dagegen keine unumstrittene Gewissheit.

Leônidas und Sindelar: Um den einen legen sich immer neue Schichten von Legenden, über dem anderen liegt das Rätsel seines Todes. Doch etwas verbindet sie. Wenn Regime und Mythen aus diesen beiden Weltmeisterschaften eine saubere Geschichte machen wollen, schlüpft von diesen lebendigen Menschen immer etwas durch deren Fugen. Der Schuh, der im Schlamm verloren ging, der Fall, der zu schnell geschlossen wurde: Beides lässt sich in keine Erklärung restlos einsortieren. Menschen sind größer als Geschichten. In diesem Punkt geht die Rechnung der Vereinnahmung niemals auf.

8. Den Sieg vereinnahmen, den Fußball nicht

Ein Regime hat einmal sehr ernsthaft versucht, den Fußball dem Staat einzuverleiben. Es machte das Turnier von 1934 zu seinem Werkzeug, erklärte den Sieg zum Ruhm des Faschismus und überzog den Fußball mit seinen Zeichen. Seine Bedeutung sollte auf eines festgenagelt werden: die Stärke des Staates, die Ordnung des Regimes. Eine Zeit lang gelang die Instrumentalisierung tatsächlich. Aus dem Turnier wurde eine Staatswerbung, ausgestrahlt für die ganze Welt.

Doch es gelang ihm nicht, die Bedeutung des Fußballs darauf ein für alle Mal festzulegen. Die oriundi widerlegten jene reine Nation, die der Fußball beweisen sollte. In der Weltmeistermannschaft stand ein Spieler, der gerade noch für ein anderes Land ein Finale bestritten hatte. Pozzos Spielweise und die Fähigkeiten dieser Spielergeneration waren etwas, das das Regime weder hervorbringen noch an sich ziehen konnte. Wem der Sieg zugeschrieben wurde, ließ sich umschreiben; wie er zustande gekommen war, nicht. Auch die Vorwürfe von Betrug und Einschüchterung ließen sich von niemandem zu einem restlos eindeutigen Urteil verdichten. Italien war wirklich stark und profitierte zugleich von einem manipulierten Umfeld. Beides war gleichzeitig wahr. Sindelars Weigerung und sein ungeklärter Tod, Leônidas' Schuh im Schlamm: Überall waren Menschen, die in keinen Rahmen passten. Am Ende verbrannte das Regime zusammen mit der Welt, die es sich einverleiben wollte, in dem Krieg, den es selbst entfacht hatte.

Die zwei Weltmeistertitel blieben. Sie gehören dem Fußball, nicht dem Regime. Doch ihr öffentliches Ansehen wird sich nie ganz davon lösen können, wie das Regime sie einst benutzt hat. Der Konsens der neueren Forschung zielt nicht darauf, ihre fußballgeschichtliche Bedeutung zu widerrufen. Er besteht darin, dass sie den Schatten der faschistischen Vereinnahmung weiterhin tragen. Beides muss zugleich gesagt werden: In der Geschichte des Fußballs wiegen sie schwer, und der Schatten auf ihnen lässt sich nicht abwaschen. Ein Pokal, den ein Regime einmal hoch über seinen Kopf gehoben hat, mag ehrlich verdient sein. Die Fingerabdrücke der Hände, die ihn hielten, bekommt er dennoch kaum wieder los.

Darin steckt etwas Allgemeineres. Faschistischer Ruhm und reiner Betrug: Die beiden Erzählungen wirken wie unversöhnliche Gegensätze. Im Inneren treibt sie derselbe Impuls. Beide wollen die Bedeutung des Fußballs in der Politik einschließen. Die eine verlangt nach dem Triumph eines Regimes, die andere nach seinen Machenschaften. Beide wollen eine saubere, eindeutige Geschichte. Die Wahrheit aber bleibt der Rest, den keine von ihnen an sich bringen kann: eine wirklich starke Mannschaft in einem günstigen und politisch umschlossenen Umfeld, mit Spielern, die sich durch die nationale Erzählung nicht widerspruchsfrei beanspruchen lassen, hochgehalten von einem Regime, das den Sieg vereinnahmen kann, den Fußball aber nicht. Die mächtigen Schichten der Legenden, das Telegramm „Sieg oder Tod“, Eklinds Abendessen, die Gewissheiten über Sindelars Tod, Leônidas als barfüßiger Spieler, sind großenteils Ablagerungen jener Sehnsucht nach einer sauberen Geschichte. Jede einzelne löst sich, aus der Nähe betrachtet, in etwas weniger Ordentliches auf. Der Wunsch nach Sauberkeit ist ein anderer Name für Vereinnahmung. Die Geschichte des Fußballs weigert sich immer wieder, sich säubern zu lassen.

Diese beiden Weltmeisterschaften verdienen eine so genaue Betrachtung nicht deshalb, weil sie dunkler gewesen wären als alle anderen. Sie verdienen sie, weil die Vereinnahmung hier am unverhülltesten betrieben wurde und deshalb auch ihre Grenzen am deutlichsten hervortreten. Ein Regime mobilisierte beinahe die ganze Kraft eines Staates: Es veranstaltete das Turnier, schuf Stimmung, brachte seine Zeichen an und verlieh die Pokale. Fast alles, was sich vereinnahmen ließ, wurde vereinnahmt. Und dennoch bekam es nur die Hülle des Sieges in die Hand, nicht sein Inneres. Nicht die Ballfertigkeit dieser Mannschaft, nicht die Vielfalt dieser Nation, nicht das Bleiben oder Fortgehen dieser Menschen. Je mehr Kraft das Regime aufwandte, desto heller beleuchtete es selbst das, was es nicht hatte einverleiben können. Darin liegt die Grenze der Vereinnahmung. Darin liegt auch das Unauslöschliche, das diese beiden von Schatten begleiteten Titel den Nachgeborenen hinterlassen.

Die Menschen, die sich nicht einverleiben lassen, bleiben still unter den Zeichen und Pokalen gegenwärtig. Der Mann, der kein Spieler des Eroberers sein wollte. Die in Argentinien Geborenen im italienischen Trikot. Der Mann, den die Legenden umschließen. Und die gewöhnlichen Menschen auf den Tribünen, denen ein Fußballspiel mehr bedeutet als jede Politik. In der Geschichte des Regimes kommen sie selten vor. Doch sie sind die ganze Zeit da, spielen, schauen und erinnern sich, Spiel für Spiel. Wie groß die Fahne des Regimes auch sein mag: Sie kann nicht zudecken, was jedem Einzelnen für sich gehört.

Der Fußball hat diese Vereinnahmung überstanden. Mit einer unauslöschlichen Narbe ist er weitergegangen. Das Regime, das seine Bedeutung festnageln wollte, war selbst als Erstes Geschichte. Der Fußball blieb. Man hatte ihn vereinnahmt, aber nicht restlos. Der Drang, ihn festzuhalten, wird später wiederkehren und noch ein anderes Gesicht tragen. Vermutlich wird es dem Fußball wieder ergehen wie diesmal: Man wird ihn vereinnahmen, benutzen, mit Bedeutungen aller Art beladen. Doch immer wird eine Fuge bleiben, die sich nicht schließen lässt. Niemand hat vorgeschrieben, wohin der nächste Schritt führen soll. Der Zyklus dreht sich weiter.