Die Grundlegung
Ein Aufbau, der vom ersten Tag an erstarren wollte
(Einstiegspunkt: Fußball-Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay)
In diesem Essay
- 1. Eine Grundlegung schafft nichts aus dem Nichts
- 2. Schriftliche Regeln als Abtragen: Einheit wird erkämpft, nicht verkündet
- 3. Das Amateurideal: Ein Fossil gibt sich als Wesen der Sache aus
- 4. Die Hüter wollen den Stillstand, und selbst das Neue verneigt sich vor dem Alten
- 5. Die Welt hält nicht still: Südamerikas Aufstieg erzwingt ein offenes Turnier
- 6. Die Ausgeschlossenen: Der Rest bei der Grundlegung
- 7. Das Turnier selbst und 1930 als Augenblick des Übergangs
- 8. Ein Aufbau, der anhalten will und nicht anhalten kann
1. Eine Grundlegung schafft nichts aus dem Nichts
30. Juli 1930, Estadio Centenario in Montevideo. Uruguay besiegt Argentinien mit 4:2 und gewinnt die erste Weltmeisterschaft. Hunderttausend Zuschauer, so wird es später oft heißen. Die amtlichen Aufzeichnungen verzeichnen etwas mehr als achtundsechzigtausend. Welche Zahl man auch nimmt: Die Menschenmenge dieses Tages war wirklich, ebenso der Jubel, der die ganze folgende Nacht anhielt. Uruguay erklärte den nächsten Tag zum Feiertag. Am anderen Ufer des Río de la Plata, in Buenos Aires, kam es nach der Niederlage zu Unruhen.
Im Rückblick lässt sich dieser Tag leicht als ein sauberer Anfang erzählen: Hier beginnt der Weltfußball. Doch es lohnt sich, diesen Tag einmal aus der entgegengesetzten Richtung zu betrachten.
Eine Grundlegung schafft nie etwas aus dem Nichts. Sie ist eine Negation, ein Abtragen. Was dabei herausgearbeitet wird, ist keine Wahrheit. Es ist eine Ablagerung, ein Fossil. Und vom ersten Tag seines Bestehens an wollen seine Hüter dieses Fossil in seiner Gestalt festhalten. Nichts soll sich mehr bewegen. Ein solcher Aufbau will vom ersten Tag an zum Stillstand kommen. Und kann es vom ersten Tag an nicht.
Unter dem „Anfang“ von 1930 liegen mindestens vier Dinge. Keines entstand aus dem Nichts; jedes ist eine Ablagerung früherer Negationen. Da sind zunächst die Fußballregeln, um die man schon vor 1930 jahrzehntelang gestritten hatte. Dann der Berufsspieler, den ein Ideal schon lange immer wieder hatte ausschließen wollen und doch nicht losgeworden war. Drittens die Organisation des internationalen Fußballs: Auch sie bestand längst und hatte sich vom Tag ihrer Entstehung an vor der alten Ordnung verneigt. Und viertens das Turnier selbst. Es wurde nicht aus dem Nichts gestiftet, sondern von einer Wirklichkeit erzwungen, die sich nicht mehr abweisen ließ. Nimmt man diese vier Dinge zusammen, bleibt von der vermeintlichen Grundlegung ein Aufbau, der bereits erstarren wollte und bereits nicht mehr erstarren konnte. Im Jahr 1930 wurde ein Augenblick dieses Aufbaus zum Anfang erklärt.
Diese vier Dinge entsprechen verschiedenen Seiten des Aufbaus, den diese Sportart bildet. Die Regeln sind eine Seite, die Organisation eine andere, die mit dem Berufsspielertum einziehenden Geschäfte eine dritte. Und auch die taktische Seite, die Frage, wie auf dem Platz gespielt wird, befand sich 1930 mitten in einem erzwungenen Wandel. Es sind verschiedene Gesichter desselben Aufbaus Fußball. In diesem Augenblick bewegen sie sich gegenseitig: Eine Regeländerung formt die Taktik um, der Zusammenbruch eines Ideals verändert die Organisation.
2. Schriftliche Regeln als Abtragen: Einheit wird erkämpft, nicht verkündet
Der moderne Fußball kam 1863 nicht über Nacht zur Welt.
Am 26. Oktober 1863 wurde in London der englische Fußballverband, die Football Association, gegründet. Sein Ziel war ein eindeutiges Regelwerk. Doch kaum waren die neuen Regeln niedergeschrieben, herrschten sie noch lange nicht überall. Über viele Jahre bestanden sie neben anderen Regelwerken, vor allem denen aus Sheffield. Zuvor hatte es bereits die Kompromissregeln von Cambridge gegeben, einen wichtigen Vorläufer. 1863 war also kein Ausgangspunkt, sondern ein Schritt in einem langen Prozess der Verengung. Davor hatten Schulen, Universitäten, Vereine und Orte mit ihren unterschiedlichen Regelbüchern miteinander konkurriert. Dabei ging es um keine abstrakte Philosophie, sondern um ganz konkrete Abläufe des Spiels. Durfte man die Hände benutzen? Dem Gegner gegen das Schienbein treten? Wann stand jemand im Abseits? Wurde der Ball nach einem Seitenaus eingeworfen oder eingekickt? Wie ging es weiter, wenn er die Torlinie überschritten hatte? Ein schriftliches Regelwerk musste zunächst in solchen winzigen, handfesten Einzelheiten Stück für Stück erkämpft werden.
Ausgeschlossen wurde in diesem Streit nicht bloß die eine oder andere Regel, sondern eine ganze Vorstellung von Fußball. Als die neuen Verbandsregeln Tritte gegen das Schienbein verboten, trat der Verein Blackheath aus, der der Tradition der Rugby School nahestand. Er ging nicht, weil man sich über ein technisches Detail nicht einigen konnte. Er wollte einen anderen Fußball: einen, der Rempeln und das Laufen mit dem Ball in den Armen erlaubte und dem körperlichen Zweikampf größeres Gewicht gab. Selbst die allerersten Regeln der Football Association gestatteten noch einen gewissen Einsatz der Hände. Entscheidend war die allmähliche Trennung zwischen „Dribbeln und Kicken“ auf der einen und „Tragen und Laufen“ auf der anderen Seite. Beiderseits dieser Grenze wuchsen zwei verschiedene Sportarten heran. Die eine hieß Fußball, die andere Rugby. Vor der Trennung hatten beide zu derselben noch ungeteilten Masse gehört.
Auch räumten die neuen Regeln ihre Konkurrenten keineswegs sofort vom Feld. Die Sheffield-Regeln blieben nach 1863 bedeutend. Die Vereine der Gegend spielten weiterhin nach ihren eigenen Bestimmungen; die Verbandsregeln waren keineswegs allgemein anerkannt. Zwischen Cambridge und Sheffield gab es etwa beim Fangen eines in der Luft umkämpften Balls und bei Freistößen noch erhebliche Unterschiede. Die sogenannte Einigung kam über viele Jahre dadurch zustande, dass sich eine Seite gegen die andere durchsetzte. Einen Standard zu verkünden genügte nicht.
Unter all diesen Regelbüchern liegt noch eine ältere Schicht. Bevor es schriftliche Regeln gab, war Fußball überhaupt nicht ein Spiel, sondern unzählige Spiele. Jede Schule, jede Stadt, jede Gruppe spielte nach ihren Gewohnheiten. Weder die Zahl der Spieler noch das Feld waren festgelegt, weder der Einsatz der Hände noch die Bedingung für einen Sieg. Über ihnen stand keine gemeinsame Instanz, die hätte entscheiden können. Niemand konnte für sich beanspruchen, allein den echten Fußball zu spielen. Die erste Leistung der Verschriftlichung bestand darin, aus diesem Durcheinander eigener Gewohnheiten eine Grenze herauszuarbeiten: Das hier gilt als Fußball, jenes dort nicht. Das war der tiefste Schnitt. Er machte aus etwas Ungeformtem einen Aufbau mit fester Gestalt. Die Spielweisen jenseits der Schnittlinie, die örtlichen Formen, die es nicht in die geschriebenen Regeln geschafft hatten, wurden zu den ersten Resten dieses Aufbaus. Verschwunden waren sie nicht. Sie hießen nur nicht mehr Fußball.
Der Aufbau namens Fußball entstand stets dadurch, dass er sich im Wettbewerb durchsetzte, nie durch einen Erlass. Einheit ist kein Standard auf einem Blatt Papier. Sie ist das Bild nach einer gewonnenen Schlacht. Jede Gestalt, die uns heute natürlich und selbstverständlich erscheint, ist letztlich das Fossil einer früheren Negation. Und was diese Negation ausschloss, verschwand nicht wirklich. Es zog sich nur an einen anderen Ort zurück.
Nicht einmal die Regeln selbst ließen sich festschreiben. Am deutlichsten zeigt die Abseitsregel, wie ein Regelwerk aus einer Folge von Kompromissen entsteht. 1863 galt die strengste Fassung: Wer dem gegnerischen Tor näher war als der Mitspieler, der ihm den Ball zuspielte, stand im Abseits. Diese Fassung war so streng, dass sie den Angriff fast erstickte. Schon 1866 wurde sie gelockert: Standen zwischen einem Spieler und dem gegnerischen Tor drei Gegenspieler, befand er sich nicht im Abseits. Noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stand diese Dreierregel im Regelbuch. Dann kam die entscheidende Änderung. 1925 wurden aus drei Gegenspielern zwei.
Die Abseitsregel lässt sich deshalb nie endgültig festlegen, weil sie genau jene Linie zieht, auf der sich Angriff und Verteidigung die Waage halten sollen. Wird sie zugunsten der Abwehr verschoben, wird das Spiel zäh, Tore werden selten. Bevorzugt sie den Angriff, wird die Abwehr ausgehöhlt, und dem Spiel geht wiederum die Spannung verloren. Wo aber das richtige Maß liegt, dafür gibt es keine feste Antwort. Spieler und Trainer überlegen unablässig, wie sie die Lücken jeder neuen Fassung nutzen können. Kaum hat eine Regel ein altes Ungleichgewicht behoben, schlüpft eine neue Spielweise durch eine Stelle, die sie offengelassen hat, bringt das Gleichgewicht erneut durcheinander und erzwingt die nächste Fassung. Diese Linie muss immer wieder neu gezogen werden. Denn das, was sie austarieren soll, bleibt selbst an keinem festen Ort stehen.
Eine einzige Zahl, von drei auf zwei gesenkt: Für die Angreifer stand damit ein Gegenspieler weniger im Weg. Das half dem Angriff sofort und erschütterte ebenso unmittelbar jene Geometrie der Verteidigung, auf der die alten Formationen beruhten. Die Änderung bildete im Regelwerk das Scharnier zwischen dem Gleichgewicht der alten Zeit und der folgenden taktischen Umwälzung. Die Hüter hatten eindeutige, beständige Regeln gewollt, ein für alle Mal festgelegt. Doch von 1863 bis 1925 wurden diese Regeln fortwährend geändert. Keine Änderung kam aus dem Nichts. Jede wurde durch etwas erzwungen, das die vorherigen Regeln nicht hatten auffangen können. Ein angeblich „eindeutiges“ Regelwerk machte sich immer wieder selbst uneindeutig. Der Aufbau will sich schließen und in einem vollendeten Zustand verharren. Doch die Reste, die er nicht fassen kann, zwingen ihn immer wieder auf. Zwischen 1863 und 1925 hatte sich diese Logik auf der Seite der Regeln bereits herausgebildet. In der späteren Geschichte des Fußballs sollte sie sich nur in immer schärferer Form wiederholen.
3. Das Amateurideal: Ein Fossil gibt sich als Wesen der Sache aus
Der tiefste Riss in der frühen internationalen Ordnung des Fußballs verlief zwischen Amateur- und Berufsspielertum.
Die Anerkennung des Berufsspielertums wurde vom Norden erzwungen. Die nordenglischen Vereine, besonders jene, denen der FA Cup Auftrieb gegeben hatte, rissen die Sportart aus dem Amateurideal des Südens heraus und zwangen den Verband 1885, Berufsspieler zuzulassen. Deutlicher konnte eine Klassenfrage kaum zutage treten. Spieler aus der Arbeiterklasse und die Vereine des Nordens verlangten Bezahlung, weil Fußball Arbeitsausfall bedeutete und das Risiko einer Verletzung mit sich brachte. Wer von seiner Hände Arbeit lebte, konnte seine Zeit nicht wie ein wohlhabender Gentleman unentgeltlich hergeben. Die Art, wie der Verband das Amateurideal bewahrte, schützte gerade den Einfluss des gehobenen Bürgertums und der Oberschicht. Der vermeintlich reine Amateurfußball war nie bloß eine Vorliebe für eine bestimmte Art des Spiels. Er war zugleich eine Ordnung, die festlegte, wer spielen durfte und wer das Sagen hatte. Spielen durfte, wer es sich leisten konnte, dafür kein Geld zu bekommen.
Das mag heute fern klingen. Damals aber war es die schärfste soziale Bruchlinie innerhalb des Fußballs. Ein Hafenarbeiter und ein Anwalt mochten diesen Sport gleichermaßen lieben. Doch nur der Anwalt konnte sich den Amateurstatus leisten. Fußball als Amateursport zu definieren hieß, ihn unausgesprochen zum Sport der Mußeklasse zu erklären. Wer mit Fußball seinen Lebensunterhalt aufbessern musste, wurde entweder in eine nicht anerkannte Schattenexistenz gedrängt oder ganz vor der Tür gehalten. Der Streit zwischen Amateuren und Profis war deshalb nie nur eine technische Frage der Vergütung. In ihm wurde darum gerungen, wem diese Sportart eigentlich gehörte. Wer das Amateurideal verteidigte, verteidigte damit eine bestimmte Antwort auf die Frage, in wessen Händen der Fußball liegen sollte.
Im Kern war das Amateurideal ein Akt der Kolonisierung. Etwas Bedingtes gab sich als etwas Unbedingtes aus. „Echter Fußball ist Amateurfußball“: Genau darin bestand die Anmaßung dieses Satzes. Eine Spielform, die sich unter den Bedingungen einer bestimmten Klasse und einer bestimmten Epoche abgelagert hatte, wurde zum ewigen, unveränderlichen Wesen des Fußballs erklärt. Ein Fossil behauptete, ein Gesetz zu sein. Die Hüter dieses Ideals glaubten aufrichtig, die Seele des Fußballs zu bewahren. Tatsächlich bewahrten sie nur den Querschnitt einer historischen Phase.
Diese Kolonisierung musste scheitern, denn was sie ausschließen wollte, ließ sich nicht aus der Welt schaffen. Es war der Berufsspieler: der Mensch, der für ausgefallene Arbeit und eingegangene Risiken bezahlt werden wollte. Hinter seiner Forderung stand eine schlichte, hartnäckige Tatsache. Seine Zeit und sein Körper gehörten ihm selbst. Das Amateurideal leugnete dies. Es behandelte den Spieler als Mittel zur Bewahrung einer gewissen Vorliebe von Gentlemen, nicht als Menschen, der für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen musste. Doch diese Tatsache ließ sich nicht wegleugnen. Schon 1885 hatte England das Berufsspielertum widerwillig legalisieren müssen. Der Ausgeschlossene wuchs beharrlich weiter, wurde zum tragenden Stamm des gesamten modernen Fußballs und höhlte schließlich seinerseits jene Ordnung aus, die ihn hatte ausschließen wollen.
Diese Ordnung wollte weit mehr bewahren als die Spielweise von zweiundzwanzig Menschen auf einem Platz. Es ging um ein ganzes Gefüge gesellschaftlicher Verhältnisse rund um den Fußball. Noch das Regelbuch von 1925/26 verbot schwarz auf weiß die Teilnahme am Sonntagsfußball in Großbritannien. Es reglementierte auch sogenannte „irreguläre Spiele“, darunter kleine Begegnungen mit sechs Spielern je Mannschaft, sofern die zuständige Instanz sie nicht genehmigte. Solche Bestimmungen verkündeten keine großen Grundsätze. Gerade deshalb zeigen sie besonders handfest, dass die frühen Fußballbehörden mehr taten, als Spielregeln niederzuschreiben. Sie hielten zugleich eine soziale Ordnung aufrecht: An welchen Tagen durfte gespielt werden? Unter welcher Organisation? In welcher Größe galt ein Spiel überhaupt als ordentliches Spiel? Was die Hüter festhalten wollten, war nie bloß die Art, den Ball zu spielen. Es war das ganze Arrangement darum herum: wer spielte, wann gespielt wurde und unter welchen Bedingungen.
Der Drang, dieses gesamte gesellschaftliche Arrangement zu bewahren, brachte schließlich eine Folge hervor, die sich gegen seine Verfechter wandte. In den späten zwanziger Jahren wurde der Streit um den Amateurstatus unversöhnlich. Das Internationale Olympische Komitee wollte einen reineren Amateurbegriff, die FIFA einen weiteren, damit weniger Spieler und Länder ausgeschlossen blieben. Die vier britischen Verbände waren keineswegs grundsätzlich gegen Berufsspieler; schließlich hatte England sie schon 1885 zugelassen. Sie wehrten sich dagegen, echte Amateure gegen faktische Profis antreten zu lassen. Bei allem Hin und Her ging es letztlich darum, was das Wort „Amateur“ überhaupt bedeutete. War ein Arbeiter noch Amateur, wenn er eine Entschädigung für Verdienstausfall erhielt? Und jemand, der offiziell keinen Lohn bekam, dem sein Verein aber einen bequemen Versorgungsposten verschafft hatte? Wo auch immer man die Grenze zog, jemand widersprach. Denn sie sollte zwei Dinge voneinander trennen, die bei vielen Spielern gar nicht zu trennen waren: die Liebe zum Spiel und den Lebensunterhalt. Dieser Streit führte dazu, dass England, Schottland, Wales und Irland 1928 aus der FIFA austraten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten sie zurück. Gerade die Seite, die die Reinheit des Amateurgedankens bewahren wollte, stellte sich eigenhändig außerhalb der Organisation des Weltfußballs. So strafte der konservative Drang zur Geschlossenheit seine eigenen Anhänger. Je entschlossener die Hüter die Tür verriegeln wollten, desto eher sperrten sie sich selbst aus.
4. Die Hüter wollen den Stillstand, und selbst das Neue verneigt sich vor dem Alten
Der Wunsch, eine Gestalt für immer festzuhalten, steckte nicht nur in den Regeln, sondern auch in den Organisationen. Selbst die eigentlich „neue“ internationale Organisation verneigte sich vom Tag ihrer Gründung an vor der alten Ordnung.
Die FIFA wurde am 21. Mai 1904 in Paris gegründet. Ihre Gründer waren sieben Verbände oder deren Vertreter für Belgien, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Spanien, Schweden und die Schweiz. Der englische Fußballverband in London gehörte nicht dazu. Sein Fehlen wog schwer, denn das symbolische Zentrum der Sportart lag weiterhin in Großbritannien. Eine internationale Organisation, der das Ursprungsland fernblieb, trug von Anfang an eine Leerstelle mit sich.
In den eigenen Worten der Gründer lässt sich diese Haltung nicht verbergen. Der belgische Fußballfunktionär Baron de Laveleye erklärte, im ersten Jahr habe die FIFA nur auf dem Papier bestanden. Ohne die Zustimmung und Mitarbeit Großbritanniens lasse sich im Fußball nichts Ernsthaftes zustande bringen. Ein anderer Gründer schrieb sogar, das Präsidentenamt müsse dem englischen Fußballverband zustehen. Diese Sätze bezeugen keine ewige britische Allmacht. Sie bezeugen das Selbstverständnis der Gründer. Die neue internationale Institution suchte ihre Legitimität darin, den alten Hütern entgegenzukommen, nicht darin, sie abzulösen. Das Neue wollte das Alte nicht stürzen. Es wollte von ihm anerkannt werden. Selbst jener Teil des Fußballs, der bei seiner Grundlegung am weitesten in die Zukunft zu weisen schien, war bis ins Innerste ehrerbietig und rückwärtsgewandt.
Ein merkwürdiger Anfang. Eine Institution, gegründet, um den Fußball der ganzen Welt zu verwalten, räumte in ihrem ersten Jahr ein, nichts ausrichten zu können. Denn das Sagen hatte nach wie vor jene alte Autorität, die ihr gar nicht beigetreten war. Die neue Institution kam nicht mit einem eigenen Entwurf, um die alte Ordnung zu ersetzen. Sie kam mit einer demütigen Einladung und bat die alten Hüter, ihr die Ehre ihrer Anerkennung zu erweisen. Diese angeborene Ergebenheit sorgte dafür, dass das „Neue“ im Weltfußball lange Zeit nur begrenzt neu sein durfte. Es musste sich zuerst beim „Alten“ melden.
Das Zugeständnis an die alte Ordnung wurde institutionell befestigt. Seine Überreste sind bis heute sichtbar. Das für die Spielregeln zuständige International Football Association Board war 1886 von den vier britischen Verbänden gegründet worden. Zunächst verfügten sie allein über das Recht, die Regeln festzulegen; die FIFA trat erst 1913 bei. In der heutigen Struktur, die diese ursprüngliche Ordnung bewahrt, hat jeder der vier britischen Verbände eine Stimme, die FIFA hat vier. Für eine Regeländerung braucht es eine Dreiviertelmehrheit. Diese Stimmenverteilung ist ein lebendes Überbleibsel jener Zeit, in der Großbritannien sich zugleich als Erfinder und Hüter der Sportart verstand. Ein Jahrhundert ist vergangen, Milliarden Menschen auf der ganzen Welt verfolgen diesen Sport. Doch wer eine Regel ändern will, muss noch immer durch das Tor, das seine vier Herkunftsverbände bewachen. Fossilien verschwinden nicht von selbst. Man stellt sie in Institutionen auf einen Sockel, und dort behalten sie ein Gewicht, das ihnen längst nicht mehr zustehen dürfte.
Bei seiner Grundlegung war der Fußball von den Regeln über die Organisation bis zum Stimmrecht ein Schicht um Schicht bewachter Aufbau, der bleiben wollte, wie er war. Seine Hüter waren überzeugt, die Gestalt in ihren Händen sei die ursprüngliche Gestalt des Fußballs. Sie verdiene es, bewahrt zu werden; weitere Veränderungen seien unnötig. Hier zeigt sich der im Fußball häufigste Drang zur Geschlossenheit. Er tritt nicht erobernd auf: „Ich will das Spiel vollkommen beherrschen.“ Er tritt bewahrend auf: „Das hier ist das Echte. Fass es nicht an.“ In der weiteren Fußballgeschichte wird dieser konservative Drang immer wiederkehren, mit wechselnden Gesichtern. Mal verteidigt er das Amateurideal, mal eine bestimmte „richtige“ Spielweise, mal eine Reinheit, die das Geschäft noch nicht berührt hat. Und jedes Mal stößt er an dieselbe Wand. Die Gestalt, die er bewahren möchte, ist selbst nur das Fossil der letzten Negation. Ihre eigenen Reste kann sie nicht einschließen.
5. Die Welt hält nicht still: Südamerikas Aufstieg erzwingt ein offenes Turnier
Der Zusammenstoß mit dieser Wand begann damit, dass sich die Welt selbst veränderte.
Die Weltmeisterschaft von 1930 füllte keine Leerstelle. Von 1908 bis 1928 hatten die olympischen Fußballturniere für viele Länder längst als die ranghöchste internationale Meisterschaft ihrer Zeit gedient. Das galt besonders deshalb, weil die FIFA das Fußballturnier selbst organisierte oder beaufsichtigte, während das Internationale Olympische Komitee den übergeordneten Rahmen der Spiele verwaltete. Die Geburt der ersten Weltmeisterschaft liegt deshalb am Schnittpunkt zweier gleichermaßen gültiger Tatsachen. 1930 fand die erste eigenständige FIFA-Weltmeisterschaft statt. Es war aber keineswegs das erste Mal, dass der Fußball de facto eine internationale Meisterschaft besaß.
Die FIFA richtete also in Wirklichkeit längst alle vier Jahre eine Meisterschaft für die gesamte Fußballwelt aus. Nur lief dieses Turnier unter fremdem Namen und unterlag fremden Regeln. Plätze gab es, Mannschaften gab es, Zuschauer gab es. Nur eines fehlte: das Recht, die besten Berufsspieler einzuladen. Sobald die Amateurbestimmungen unerträglich wurden, lag es beinahe auf der Hand, den eigenen Ball mitzunehmen und anderswo neu anzufangen.
Und gerade auf den olympischen Fußballplätzen hatte sich die Welt verändert. 1908 und 1912 standen dieselben drei Länder auf dem Podest, sogar in derselben Reihenfolge: Großbritannien, Dänemark, die Niederlande. Das alte Zentrum saß noch fest im Sattel. 1920 folgten Belgien, Spanien und die Niederlande, wobei das Finale vom vorzeitigen Abgang der tschechoslowakischen Mannschaft überschattet wurde. Dann kam 1924. Uruguay gewann, die Schweiz und Schweden wurden Zweiter und Dritter. 1928 verteidigte Uruguay seinen Titel: Nach einem Unentschieden im ersten Endspiel schlug es Argentinien im Wiederholungsspiel. Italien belegte den dritten Platz. Innerhalb weniger Jahre war die Spitze des Siegerpodests von Nordwesteuropa nach Südamerika gewandert.
Uruguays zwei Olympiasiege waren kein belangloses Vorspiel. Das Turnier von 1924 galt mit zweiundzwanzig teilnehmenden Mannschaften als der bis dahin internationalste Fußballwettbewerb. Uruguays Sieg wurde als Beweis verstanden, dass Europa den Spitzenfußball nicht länger für sich allein hatte. Eine südamerikanische Mannschaft führte bei den Olympischen Spielen der Europäer allen den besten Fußball jener Zeit vor. Die Vorstellung der Hüter von einer Fußballwelt, deren unverrückbares Zentrum Europa und Großbritannien bildeten, wurde von einer südamerikanischen Mannschaft auf europäischem Boden vor aller Augen durchlöchert.
1924 war auch eine wirkliche Begegnung. Zuvor hatten sich der südamerikanische und der europäische Fußball weitgehend in getrennten Gewässern entwickelt. Das bewegliche Spiel der Uruguayer, geprägt von Dribblings und kurzen Passkombinationen, unterschied sich deutlich vom europäischen Schwerpunkt auf Kraft und langen, hohen Bällen. Europäische Zuschauer und Spieler sahen es zum ersten Mal aus solcher Nähe. Eine Sportart scheint nur ein Regelwerk zu besitzen. Doch auf verschiedenem Boden wachsen ihr sehr verschiedene Körper. Um genau das wird es in den späteren Ländervergleichen zu einem großen Teil gehen: nicht bloß um Sieg und Niederlage, sondern um das Aufeinandertreffen verschiedener Fußballkulturen, verschiedener Vorstellungen davon, wie dieser Sport gespielt werden sollte, auf demselben Rasen. Uruguays Auftritt in Europa 1924 bedeutete mehr als einen Titelgewinn. Er bewies, dass man Fußball anders spielen konnte und dabei besser. Die in den Augen der Hüter einzig richtige Spielweise erwies sich als eine von vielen.
Gerade die Fessel des Amateurstatus machte die alte Ordnung schließlich unhaltbar. Die Zulassungsbestimmungen hielten zu viele der besten Spieler von den Olympischen Spielen fern. Und die FIFA wollte dem Internationalen Olympischen Komitee nicht länger die oberste Meisterschaft ihres eigenen Sports überlassen. Am 26. Mai 1928 beschloss ihr Kongress in Amsterdam deshalb die Gründung der Weltmeisterschaft: eines Turniers, das allen Spielern offenstehen sollte, Amateuren wie Profis.
Die Weltmeisterschaft entstand nicht, weil jemand die Offenheit zu seinem Ideal erhoben hätte. Erzwungen wurde sie von zwei Seiten gemeinsam: von den ausgeschlossenen Berufsspielern und von der unterschätzten Welt außerhalb Europas. Das Amateurideal konnte die Wirklichkeit des Berufsspielertums nicht mehr zudecken. Das alte Turnier konnte das inzwischen aufgestiegene Südamerika nicht mehr fassen. Die Reste häuften sich bis zu einem kritischen Punkt und erzwangen eine neue Negation. Ihr Ergebnis war die Weltmeisterschaft.
Niemand hatte sie auf einem Plan vorgezeichnet und anschließend genau so erbaut. Sie war ein Ereignis, das seine Schale sprengen musste, als die zusammengedrängten Widersprüche nicht länger auszuhalten waren. Die Hüter wollten den Fußball in einer dem Amateurideal verpflichteten, um Europa und Großbritannien geordneten Gestalt festhalten. Doch diese Gestalt konnte ihre eigenen Reste nicht einschließen. So wurde ein offenes Turnier erzwungen, obwohl kaum jemand es aus dem Glauben an Offenheit gründete. Offenheit ist hier kein Ideal. Sie ist die Lücke, die ein gescheiterter Versuch der Schließung hinterlässt.
6. Die Ausgeschlossenen: Der Rest bei der Grundlegung
Die Vergabe des Turniers wurde im Mai 1929 auf dem achtzehnten FIFA-Kongress in Barcelona entschieden. Sechs Länder hatten Interesse bekundet, dreiundzwanzig Länder kamen nach Barcelona, um den Gastgeber zu wählen. Italien zog sich zurück, als deutlich wurde, dass Uruguay bereits die stärkere Unterstützung gewonnen hatte. Für Montevideo sprach, dass Uruguay amtierender Olympiasieger war. Hinzu kam, dass das Land 1930 das hundertjährige Bestehen seiner Verfassung feiern würde. Eine Weltmeisterschaft mit einem nationalen Geburtstag verbinden zu können, war für ein kleines Land eine seltene Ehre.
Auch materiell war Uruguays Bewerbung ungewöhnlich stark. Am 21. Juli 1929 begannen die Arbeiten am Estadio Centenario, das achtzigtausend Menschen aufnehmen sollte. Das Gastgeberland verknüpfte Stadion und Turnier unmittelbar mit seiner Hundertjahrfeier. Der handfesteste Punkt der Bewerbung war jedoch Uruguays Zusage, einen großen Teil der Veranstaltungskosten zu tragen und die Reisekosten zu bezuschussen. Darin lag der Schlüssel dazu, dass ein kleines südamerikanisches Land größere europäische Bewerber ausstechen konnte. Hier tritt das Geld zum ersten Mal deutlich in die Geschichte des Weltfußballs ein. Es sollte bei Weitem nicht das letzte Mal sein.
Warum kamen am Ende dann nur vier europäische Mannschaften?
Das als „europäischen Boykott“ zu erzählen wäre zu grob. Mehrere Ursachen griffen ineinander, und die Logistik wog schwerer als Politik und Symbolik. Für die europäischen Mannschaften bedeuteten Hin- und Rückreise auf See samt Turnier insgesamt etwa zwei Monate Abwesenheit. In Ländern mit einer Profiliga war das besonders gravierend: Die Vereine wollten ihre Spieler nicht so lange freigeben. Zwei Monate bedeuteten fast eine halbe Saison. Erhalten ist der Brief, in dem Frederick Wall, der Sekretär des englischen Fußballverbands, die Entsendung einer Mannschaft nach Montevideo ablehnte. Hinzu kam, dass die britischen Verbände schon 1928 wegen des Amateurstreits aus der FIFA ausgetreten waren. Es gab Verstimmung und mangelnde Bereitschaft. Den Ausschlag gaben aber die Überfahrt, die Kosten, die verweigerte Freigabe durch die Vereine und der Bruch zwischen Großbritannien und der FIFA über den Amateurstatus. Dieser Ausschluss war zuerst strukturell und erst danach symbolisch.
Den Ausdruck „Boykott“ zu berichtigen heißt jedoch nicht, den Ausschluss für unwirklich zu erklären. Er war nur allzu real. Die vier europäischen Teilnehmer waren Belgien, Frankreich, Rumänien und Jugoslawien. Großbritannien fehlte, weil seine Verbände 1928 aus der FIFA ausgetreten waren. Italien, die Niederlande, Schweden und Ungarn hatten sich nachweislich um die Ausrichtung beworben, reisten dann aber nicht an. Einer Meisterschaft, die „Welt“ im Namen trug, fehlte der größte Teil der Welt. Diese Lücke war der größte Rest im Augenblick der Grundlegung. Sie wurde nicht verarbeitet. Sie blieb offen und wartete darauf, von den vielen folgenden Weltmeisterschaften allmählich gefüllt zu werden.
Dieser Rest hat zwei Seiten. Er ist weder der absichtliche Boykott eines Bösewichts noch ein unschuldiger Zufall. Wer ihn als Arroganz und Abschottung erzählt, übersieht die ganz reale Seereise und den institutionellen Bruch über den Amateurstatus. Wer ihn zum bloßen Logistikproblem erklärt, übersieht wiederum, dass die britische Haltung tatsächlich existierte: sich selbst im Zentrum zu sehen und die Reise unter seiner Würde zu finden. Dieser Rest lässt sich weder vollständig bejahen noch vollständig verneinen. Eben deshalb ist er ein Rest, der sich nicht zudecken lässt. Jedes befriedigend eindeutige Urteil, ob es auf Arroganz oder auf Unschuld lautet, glättet nebenbei genau das an ihm, was sich wirklich nicht zudecken lässt.
7. Das Turnier selbst und 1930 als Augenblick des Übergangs
Zur ersten Weltmeisterschaft kamen dreizehn eingeladene Mannschaften. Eine Qualifikation gab es nicht. Vier Teams kamen aus Europa, sieben aus Südamerika und zwei aus Nordamerika. Auf die Gruppenphase folgten Halbfinale und Finale.
Keine Qualifikation und kein Streit um Startplätze: Die dreizehn Mannschaften wurden unmittelbar eingeladen. Daran zeigt sich, wie klein die Welt dieses Sports damals noch war. Spätere Weltmeisterschaften würden ihre Teilnehmer über viele Runden aus mehr als hundert Mannschaften auswählen. Startplätze würden zu einem knappen Gut werden, um das die Kontinente rangen. 1930 musste man nur Einladungen verschicken und abwarten, wer kommen wollte. Viel mehr Mannschaften konnten ohnehin nicht kommen. Man versammelte diejenigen, die bereit waren, den Atlantik zu überqueren, und begann das Turnier. Die sogenannte „Welt“ war in diesem Augenblick noch sehr viel kleiner und lockerer gefügt. Sie war längst nicht so groß, dass man Bewerber vor der Tür hätte aussieben müssen. Erst musste sie selbst wachsen, um das Wort „Welt“ zu verdienen.
Das Estadio Centenario war schon vor Beginn des Turniers ein Denkmal. Mit seiner Torre de los Homenajes, dem Turm der Ehrungen, bildete es das symbolische Zentrum der Hundertjahrfeier. Der Bauzeitplan war derart knapp bemessen, dass einige frühe Partien auf anderen Plätzen stattfinden mussten, bis das Stadion ganz bereit war. Ein Denkmal, eigens für dieses Turnier in Eile errichtet: Der Spielbetrieb begann, ehe sein Bau vollendet war.
Uruguay und Argentinien erreichten das Finale mit demselben Halbfinalergebnis: Beide gewannen 6:1. Zwei Halbfinals, zwei haushohe Siege. Die Mannschaften von den beiden Ufern des Río de la Plata hatten den Rest weit hinter sich gelassen. Ihre Gegner waren Jugoslawien beziehungsweise die Vereinigten Staaten. Unter den letzten vier befanden sich also drei Teams aus Amerika und nur eines aus Europa. Bei diesem Turnier, das viele als jenes „ohne Europa“ in Erinnerung behalten, lag die tatsächliche Stärke auf der anderen Seite des Atlantiks. Bei der Grundlegung war zwar ein großer Teil Europas ausgeschlossen. Bis ganz zum Schluss blieb aber gerade jene Neue Welt übrig, die die alte Ordnung unterschätzt hatte.
Das Endspiel fand am 30. Juli 1930 statt. Den Aufzeichnungen zufolge war es bereits die siebenundneunzigste Begegnung zwischen Uruguay und Argentinien. Die beiden Mannschaften waren längst Erzrivalen. Das WM-Finale gab dieser alten Rechnung nur ihre bis dahin größte Bühne. Dorado brachte Uruguay in der zwölften Minute in Führung. Doch zur Pause führte Argentinien durch je ein Tor von Peucelle und Stábile mit 2:1. In der zweiten Halbzeit drehte Uruguay das Spiel. Cea traf in der siebenundfünfzigsten, Iriarte in der achtundsechzigsten Minute. Castro machte in der neunundachtzigsten Minute das 4:2 endgültig.
Schon die uruguayischen Zeitungen jener Tage beklagten, Stábiles Treffer in der ersten Halbzeit hätte wegen Abseits nicht zählen dürfen. Diese Klage ist bis heute überliefert. Selbst in einem so oft nacherzählten „Anfang“ steckt im Ergebnis die Unwägbarkeit einer Schiedsrichterentscheidung: ein Tor, das womöglich nicht hätte gelten dürfen und doch galt. Sieg und Niederlage werden nie durch eine reine Notwendigkeit entschieden. Es bleibt in ihnen immer etwas, das sich nicht restlos verrechnen lässt. Das behauptete Abseits von 1930, bei dem der Pfiff ausblieb, war nur das erste Sichtbarwerden dieses Rests.
Nicht einmal, wie viele Menschen tatsächlich dabei waren, lässt sich eindeutig sagen. Amtlich sind für das Finale etwas mehr als achtundsechzigtausend Zuschauer verzeichnet. Spätere populäre Erzählungen sprechen häufig von neunzigtausend, manchmal gar von dreiundneunzigtausend. Noch schwieriger ist die Gesamtzahl für das Turnier zu bestimmen. Fanden am selben Tag zwei Spiele im Centenario statt, wurde häufig für beide dieselbe Zuschauermenge erfasst. Wer einfach die Zahlen aller Spiele addiert, zählt dieselben Menschen mehrfach. So bleibt selbst an der schlichtesten Frage zu diesem Turnier, wie viele Menschen die Grundlegung mit eigenen Augen sahen, ein rechnerisch nicht aufzulösender Rest hängen. Ein Augenblick wird immer wieder als Anfang gefeiert, doch schon seine Zuschauerzahl ist ein Rest, der sich nicht abschließen lässt. Das ist keine Nachlässigkeit der Aufzeichnung. Es gehört zum Wesen einer Grundlegung. Sie bildet nie ein klar begrenztes, in sich einheitliches Ganzes. Je genauer man sie durchzählen will, desto mehr Ungewisses rinnt einem durch die Finger.
Taktisch war 1930 ein Augenblick des Übergangs. Die vorherrschende Sprache war noch die Pyramide des 2-3-5, jene aus dem späten neunzehnten Jahrhundert überlieferte Grundgrammatik der Positionen: zwei Verteidiger, drei Läufer und fünf Stürmer, die gemeinsam nach vorn drängten. In den Startaufstellungen von 1930 ist sie noch deutlich zu erkennen. Sowohl Uruguays als auch Argentiniens Elf war nach diesem klassischen Muster aus Verteidigern, Läufern und fünf Angreifern angeordnet, nicht nach einer späteren, gründlich umgebauten modernen Struktur. Das war eine ausgesprochen offensive Aufstellung. Fünf Stürmer bedeuteten, die Spieler nach vorn zu schieben. Möglich war das, weil die alte Abseitsregel das nötige Gleichgewicht stützte.
Doch die rechtliche Grundlage unter dieser Formation hatte sich bereits verschoben. Die Abseitsänderung von 1925, die aus drei verteidigenden Spielern zwei machte, half sofort dem Angriff und erschütterte ebenso unmittelbar die defensive Geometrie der alten Pyramide. Die spätere Taktikgeschichte sah in dieser Änderung den direkten Anstoß zur Entwicklung des WM-Systems. Chapman wechselte 1925 zu Arsenal, genau im Jahr der neuen Abseitsregel. Diese begünstigte die Neuordnung der Sturmreihe und der Position des Mittelläufers: Er wurde zwischen die beiden Verteidiger zurückgezogen, um die Abwehr zu verstärken. Das WM-System ganz allein Chapman zuzuschreiben wäre allerdings verfehlt. Spätere Erzählungen verkürzen einen breiteren, vereins- und länderübergreifenden Prozess oft auf die Geschichte eines Genies. Moderne Gesamtdarstellungen der Taktikgeschichte, allen voran Jonathan Wilsons Inverting the Pyramid, haben die heute gängige Erzählung verbreitet: Die Abseitsänderung von 1925 sei das große Scharnier gewesen, an dem der Übergang von der weltweit gebräuchlichen Pyramide zu neuen Defensivordnungen wie dem WM-System hing. Was ausdrücklich im Regelbuch steht und was die spätere taktische Deutung daraus macht, sind letztlich zwei verschiedene Dinge. Die grundsätzliche Richtung ist jedoch klar. Sobald sich die Regeln bewegen, muss sich die Spielweise neu ordnen.
Der Name WM leitet sich von der Form ab, die diese Aufstellung auf dem Platz bildet. Der zuvor im Mittelfeld stehende Mittelläufer wird zwischen die beiden Verteidiger zurückgezogen und übernimmt gezielt den gegnerischen Mittelstürmer. Verbindet man die fünf hinteren Spieler, entsteht ein W; die fünf vorderen ergeben ein M. Entscheidend ist dabei: Die alte Pyramide ging vom Angriff als Normalfall aus. Das WM-System behandelte erstmals die Frage „Wie halten wir den Gegner auf?“ als ebenso wichtig wie die Frage „Wie greifen wir an?“ und schuf dafür eigens eine Position in der Formation. Das war die erste große Defensivrevolution der Fußballgeschichte. Sie geschah gerade zu diesem Zeitpunkt, weil die Abseitsänderung von 1925 den Angreifern einen Vorteil verschafft hatte. Ohne neue Ordnung konnte die Abwehr ihn nicht auffangen. Bewegt sich das Gesicht der Regeln, muss sich das Gesicht der Taktik mitverändern. Diese beiden Gesichter waren nie voneinander unabhängige Abteilungen. Sie sind Muskeln desselben Aufbaus, die sich gegenseitig bewegen.
Der Fußball von 1930 befand sich also auf einer Brücke. Die Pyramide war noch das Standardbetriebssystem. Doch die Änderung von 1925 hatte bereits begonnen, die alte Ordnung vorwärtszutreiben, die ihre eigenen Reste nicht mehr fassen konnte. Schon der Augenblick der Grundlegung war kein eingefrorener Anfang, sondern eine Zwischenstation unter Veränderungszwang. In der späteren taktischen Entwicklung, vom WM-System zum Catenaccio, zum totalen Fußball, zum Tiki-Taka und zum hohen Pressing, wiederholt jeder Schritt dieselbe Bewegung. Ein System scheint das Spiel zu beherrschen, bringt dann Reste hervor, die es nicht fassen kann, und erzwingt so das nächste System. 1930 führte diese Bewegung der Welt nur zum ersten Mal vor Augen.
Auch die berühmten „zwei Bälle“ jenes Endspiels sind keine bloße Legende. Beide Mannschaften bestanden darauf, mit ihrem eigenen Ball zu spielen. Schiedsrichter Langenus blieb nur, jeder Seite eine Halbzeit mit ihrem Ball zuzugestehen. Tatsächlich stattgefunden haben dieser Streit und der Ballwechsel in der Pause. Die dramatische Behauptung, der Wechsel habe Uruguays Aufholjagd entscheidend verursacht, ist eine spätere Ausschmückung. Doch schon in diesem allerersten Endspiel musste man darüber streiten, wessen Ball verwendet werden sollte, und fand schließlich einen Kompromiss: eine Halbzeit mit jedem Ball. Eine Grundlegung ist von Anfang an kein einheitliches, geschlossenes Ganzes. Sie ist der vorläufige Zusammenschluss von Gegensätzen, die noch nicht verarbeitet sind. Was wie ein vollendeter Anfang aussieht, ist in Wirklichkeit ein Bündel weiterhin miteinander ringender Reste, von einem einzigen Spiel notdürftig zusammengehalten.
Die Nachwirkungen des Spiels waren auf beiden Seiten des Río de la Plata heftig. Uruguay erklärte den Tag nach dem Finale zum Feiertag; gefeiert wurde die ganze Nacht hindurch. Auch Jules Rimets Glückwunschschreiben ist überliefert. Es verband Montevideo 1930 ausdrücklich mit Uruguays Olympiasiegen von 1924 und 1928. In Buenos Aires dagegen brachen nach der Niederlage Unruhen in der Bevölkerung aus. Sie verankerten dieses Turnier tief in der alten Feindschaft zwischen Argentinien und Uruguay. Weder der Jubel noch die Ausschreitungen ließen sich durch eine Turnierordnung entwerfen oder beherrschen. Die Organisatoren hatten einen Wettbewerbsrahmen geschaffen. Was die Menschen in ihn hineingossen, konnte dieser Rahmen bei Weitem nicht aufnehmen.
8. Ein Aufbau, der anhalten will und nicht anhalten kann
Die Grundlegung des Weltfußballs war ein Abtragen. Diese Negation schloss andere Arten von Fußball aus und errichtete so den Aufbau „Fußball“. Was entstand, war ein Fossil, keine Wahrheit. Und vom ersten Tag an wollten seine Hüter dieses Fossil in seiner Gestalt festhalten. Sie wollten die Reinheit des Amateurgedankens bewahren, die gesellschaftliche Ordnung um den Fußball und die Stellung Großbritanniens als Zentrum. Selbst die internationale Institution, die doch neu sein sollte, verneigte sich vor den alten Hütern und schrieb ihre Zugeständnisse an die alte Ordnung in die eigenen Strukturen ein. Von den Regeln bis zur Organisation war der Fußball im Augenblick seiner Grundlegung von einer rückwärtsgewandten Haltung durchzogen, die das Bestehende auf einen Sockel stellen wollte.
Doch dieser Aufbau kann sich nicht schließen. Den Berufsspieler, den er ausschließen will, wird er nicht los, weil dessen Zeit und Körper ihm selbst gehören. Die Ordnung mit Europa im Zentrum kann er nicht bewahren, weil Südamerika sie auf den olympischen Fußballplätzen bereits durchlöchert hat. Die Regeln, die er endgültig festschreiben will, lassen sich nicht festschreiben. Was die alten Regeln nicht fassen können, erzwingt immer wieder ihre Änderung. Am Ende erzwingen gerade diese nicht zu fassenden Reste die Weltmeisterschaft selbst. Ein offenes Turnier muss entstehen, obwohl kaum jemand es aus dem Glauben an Offenheit gründet. Und kaum ist es da, tritt der größte Rest dieses Gründungsmoments hervor: Einer Meisterschaft mit „Welt“ im Namen fehlt der größte Teil der Welt. Je mehr die Hüter die Tür schließen wollen, desto weniger lässt sie sich schließen. Und jeder gescheiterte Versuch, sie zuzumachen, schiebt den Aufbau seinerseits ein Stück weiter ins Offene.
Der Name „erste Weltmeisterschaft“ ist zutreffend und verdeckt doch eine Tatsache. 1930 fand tatsächlich die erste eigenständige FIFA-Weltmeisterschaft statt. Aber im Selbstverständnis der Fußballverwaltung waren die olympischen Turniere von 1924 und 1928 längst Weltmeisterschaften gewesen. Ebenso wenig trägt der Versuch, all dies einem einzigen großen Mann zuzuschreiben. Jules Rimet war zweifellos eine zentrale Figur. Doch die Gründung der Weltmeisterschaft hing ebenso an den olympischen Vorläufern, am Ringen mit dem Internationalen Olympischen Komitee über den Amateurstatus, an Südamerikas Stärke, an den diplomatischen Verhandlungen im Wettbewerb der Bewerber und an Uruguays Bereitschaft, Geld auszugeben. Der Satz „Ein großer Mann begründete den Weltfußball“ scheitert nicht daran, dass Rimet unwichtig gewesen wäre. Er scheitert daran, dass der institutionelle und geopolitische Boden längst bereitet war. Ein sauberer Ursprung in einem einzigen Punkt ist fast immer eine Vereinfachung der Geschichte. Hinter jedem Augenblick, der zum Anfang erhoben wird, liegt eine längere Kette von Negationen.
Unter all diesen Strukturen liegen noch leisere Dinge. Der Spieler, der für Verdienstausfall und Risiko bezahlt werden wollte, verlangte nur, als Mensch mit einem eigenen Lebensunterhalt und einem eigenen Körper behandelt zu werden, nicht als Requisit einer bestimmten Vorliebe. Da ist auch die Stadt, die eine Nacht lang nicht schläft. Da sind die Unruhen am anderen Ufer und die Menschenmengen, denen Sieg und Niederlage in einem einzigen Spiel so ungeheuer viel bedeuten. Unter allen Regeln, Verbänden und Turnierordnungen sind sie still gegenwärtig. Selten werden sie hineingeschrieben. Aber sie sind immer da.
Hier beginnt die Geschichte. Mit einem Aufbau, der vom ersten Tag an erstarren wollte, und einem Schicksal, das ihm vom ersten Tag an den Stillstand verweigerte. Was sich durch all das zieht, ist nie eine einzelne Mannschaft oder ein einzelner großer Mann, ja nicht einmal nur der Fußball selbst. Es ist jenes Gesetz: Der Aufbau will sich schließen, der Rest will nicht verschwinden, und so setzt sich der Zyklus fort. Fußball ist nur ein besonders deutliches Exemplar dieses Gesetzes. Denn nur wenige andere Dinge bringen so viele Menschen über einen so langen Zeitraum dazu, mit solcher Hingabe immer wieder abzutragen und aufzubauen. 1930 ist kein sauberer Anfang, sondern ein Augenblick auf einer Brücke. Niemand hat vorgeschrieben, wohin der nächste Schritt führen soll. Der Zyklus hat gerade erst begonnen, sich zu drehen.