SAE liest Spinozas Ethik · 05
Als wären es Linien, Flächen und Körper
Er nennt menschliche Fehler weiterhin Fehler. Aber er lässt den Namen nicht als Ursache durchgehen.
Der dritte Teil hat eine Vorrede. Zu Beginn schreibt Spinoza: Die meisten, die über Affekte und menschliche Lebensweisen schreiben, scheinen nicht von natürlichen Vorgängen unter allgemeinen Naturgesetzen zu reden, sondern von etwas außerhalb der Natur. Sie scheinen sich den Menschen sogar als ein Reich im Reich der Natur vorzustellen.
Denn sie glauben, der Mensch störe die Ordnung der Natur eher, als dass er ihr folge. Über seine Handlungen habe er unbeschränkte Macht; nichts außer ihm selbst bestimme ihn. Die menschliche Ohnmacht und Unbeständigkeit erklären sie nicht aus der allgemeinen Macht der Natur, sondern aus einem Fehler der menschlichen Natur. Darum beklagen, verspotten, verachten und vor allem verabscheuen sie diese. Wer die Ohnmacht des menschlichen Geistes am beredtesten oder schärfsten tadelt, gilt ihnen als geradezu göttlich.
Allerdings, fährt Spinoza fort, habe es auch hervorragende Männer gegeben, die vieles vortrefflich über die rechte Lebensführung schrieben und den Menschen kluge Ratschläge hinterließen. Ihrer Arbeit und ihrem Fleiß verdankten wir viel. Doch die Natur und die Kräfte der Affekte sowie das Vermögen des Geistes, sie seinerseits zu mäßigen, habe seines Wissens noch niemand bestimmt.
„Gewiss kenne ich den berühmten Descartes“, erklärt er sinngemäß. „Obwohl auch er dem Geist unbeschränkte Macht über seine Handlungen zuschreibt, hat er versucht, die menschlichen Affekte aus ihren ersten Ursachen zu erklären und einen Weg zu ihrer unbeschränkten Beherrschung durch den Geist zu zeigen. Meines Erachtens hat er dabei aber nur die Schärfe seines großen Verstandes gezeigt, sonst nichts. Das werde ich an der entsprechenden Stelle beweisen. Jetzt kehre ich zu denen zurück, die menschliche Affekte und Handlungen lieber verabscheuen oder verlachen, als sie zu verstehen.“
Sie werden sich wundern
Diese Menschen, schreibt er, würden sich zweifellos wundern: Er wolle menschliche Fehler und Torheiten geometrisch behandeln und durch sichere Schlüsse das beweisen, was sie für vernunftwidrig, leer, widersinnig und furchtbar erklärten.
Dann nennt er seinen Grund. Nichts, was in der Natur geschieht, lässt sich auf einen Fehler der Natur zurückführen. Denn die Natur ist immer dieselbe; ihre Wirksamkeit und ihre Handlungsmacht sind überall dieselben. Die Gesetze und Regeln, nach denen alles geschieht und von einer Gestalt in eine andere übergeht, gelten überall und zu allen Zeiten. Darum muss auch die Weise, die Natur irgendwelcher Dinge zu verstehen, dieselbe sein: durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur.
Hass, Zorn, Neid und die anderen Affekte folgen also, für sich betrachtet, aus derselben Notwendigkeit und Wirksamkeit der Natur wie alle anderen einzelnen Dinge. Sie haben bestimmte Ursachen, durch die sie verstanden werden, und bestimmte Eigenschaften. Diese sind ebenso unserer Erkenntnis würdig wie die Eigenschaften von Dingen, deren bloße Betrachtung uns Freude macht.
Die Vorrede endet sinngemäß so: „Ich werde Natur und Kräfte der Affekte und die Macht des Geistes über sie nach derselben Methode behandeln wie zuvor Gott und Geist. Die menschlichen Handlungen und Begierden werde ich betrachten, als ginge es um Linien, Flächen oder Körper.“
Fehler
Ein Wort steht in dieser Vorrede dreimal. Im Lateinischen ist es dasselbe; hier wird es jedes Mal mit Fehler wiedergegeben.
Beim ersten Mal geht es um jene Autoren: Sie führen menschliche Ohnmacht und Unbeständigkeit auf einen Fehler der menschlichen Natur zurück. Beim zweiten benennt Spinoza seinen eigenen Gegenstand: menschliche Fehler und Torheiten. Beim dritten beginnt damit seine Begründung: Nichts, was in der Natur geschieht, lässt sich auf einen Fehler der Natur zurückführen.
Die Fehler des Menschen nennt er also weiterhin Fehler. Was er ablehnt, ist, ihre Ursache einem Fehler der Natur oder der menschlichen Natur zuzuschreiben.
Im Supermarkt
Ein Kind schreit im Supermarkt. Ein Erwachsener schimpft: „So ist dieses Kind eben, das ist sein Fehler.“ Ein anderer fragt sich: Wie spät ist es? Hat das Kind seinen Mittagsschlaf gehabt? Hat es vielleicht Hunger?
Beide Erwachsenen sehen dasselbe schreiende Kind.
Zum Schluss
Auf den letzten Satz der Vorrede folgen in der nächsten Zeile die Definitionen des dritten Teils.
Von hier an werden Hass und Zorn wie Linien und Flächen nummeriert und weiter abgeleitet.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
Über die unberechtigten Ansprüche beim Erkennen sagt die erste SAE-Kritik: Wäre das nur ein vereinzelter Fehler ohne Zusammenhang mit der Arbeitsweise des Erkennens selbst, wäre eine eigene Untersuchung seiner Pathologie überflüssig. Spinoza will die Affekte wie Linien, Flächen und Körper behandeln. Sein Grund lautet: Sie folgen wie andere einzelne Dinge aus derselben Notwendigkeit der Natur und haben bestimmte Ursachen und Eigenschaften. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenTextfassung und Quellen
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig aus dem chinesischen Text geschrieben. Die englische Fassung ist ebenfalls eine unabhängige Leserfassung; beide chinesischen Schriftfassungen enthalten den vollständigen Text. Die unten verlinkte lateinische Transkription erlaubt das Nachlesen der Vorrede. Die Aussagen über Descartes bleiben Spinozas Wiedergabe und Kritik. Die historische Rede, die erläuternde Alltagsszene und die gesonderte SAE-Randbemerkung behalten ihre verschiedenen Aufgaben.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Der Essay folgt der Vorrede des dritten Teils. Die Aussagen über Descartes sind Spinozas Wiedergabe und Kritik an dieser Stelle, kein Ersatz für eine eigenständige Untersuchung von Descartes’ Affektenlehre.
Die Supermarktszene zeigt den Unterschied zwischen einer Benennung und der Frage nach Ursachen. Aus diesem einen Schreien wird kein Urteil über das Kind abgeleitet.