Essay lesen
Non Dubito

SAE liest Spinozas Ethik · 04

Die Wahrheit ist ihr eigener Maßstab

Braucht eine wahre Idee noch einen zweiten Maßstab, der dafür einsteht, dass sie wahr ist?

Han Qin ·

Der dreiundvierzigste Lehrsatz des zweiten Teils besagt: Wer eine wahre Idee hat, weiß zugleich, dass er sie hat, und kann an der Wahrheit der betreffenden Sache nicht zweifeln.

Der Beweis beginnt mit Gott. Eine wahre Idee im menschlichen Geist ist die adäquate Idee in Gott, sofern sie diesem menschlichen Geist zukommt. Hat Gott diese Idee, muss in ihm auch eine Idee dieser Idee sein; und diese zweite Idee ist ebenfalls im Geist desselben Menschen. Wer eine wahre Idee hat, muss also zugleich eine wahre Idee seiner eigenen Erkenntnis haben. Der letzte Schritt lautet: Das heißt – und das ist für sich ersichtlich –, er muss sich ihrer zugleich gewiss sein.

Für sich schon deutlich genug

Die Anmerkung sagt zuerst: Was die Idee einer Idee ist, habe ich in der Anmerkung zum einundzwanzigsten Lehrsatz erklärt. Man solle aber beachten, dass der soeben bewiesene Lehrsatz schon für sich deutlich genug sei.

Die Begründung braucht nur wenige Sätze. Wer eine wahre Idee hat, weiß auch, dass sie höchste Gewissheit einschließt. Eine wahre Idee zu haben heißt nichts anderes, als etwas vollkommen oder bestmöglich zu erkennen. Daran könnte nur zweifeln, wer eine Idee für etwas Stummes hält, für ein Bild auf einer Tafel, statt für einen Modus des Denkens, nämlich das Verstehen selbst.

Dann fragt Spinoza: Was könnte deutlicher und gewisser sein als eine wahre Idee und als Maßstab der Wahrheit dienen? So wie das Licht sich selbst und die Dunkelheit sichtbar macht, ist die Wahrheit ihr eigener Maßstab und auch der Maßstab des Irrtums.

Wenn der Strom zurückkommt

Nachts ist der Strom ausgefallen. Plötzlich geht die Lampe wieder an. Tisch und Stühle werden sichtbar, und die Lampe selbst ebenfalls.

Niemand holt noch eine Taschenlampe, um zu überprüfen, ob diese Lampe wirklich leuchtet.

„Ich glaube, damit geantwortet zu haben“

Nach dem Satz vom eigenen Maßstab erklärt Spinoza, er glaube damit die folgenden Fragen beantwortet zu haben. Erstens: Wenn sich eine wahre von einer falschen Idee nur durch die Übereinstimmung mit ihrem Gegenstand unterscheidet, was hat sie dann an Realität mehr als die falsche, und was hat ihr Besitzer dem Menschen voraus, der nur falsche Ideen hat? Zweitens: Wie kommen Menschen überhaupt zu falschen Ideen? Drittens: Wodurch kann jemand sicher wissen, dass seine Idee mit ihrem Gegenstand übereinstimmt?

Nach der Aufzählung wiederholt er: „Diese Fragen, sage ich noch einmal, glaube ich beantwortet zu haben.“

Dann verweist er Punkt für Punkt zurück. Zum Unterschied zwischen wahrer und falscher Idee siehe Lehrsatz 35: Falschheit liegt in einem Mangel an Erkenntnis; die wahre verhält sich zur falschen wie das Vorhandene zum Fehlenden. Die Ursachen des Irrtums seien in den Lehrsätzen 19 bis 35 behandelt worden. Woher jemand wisse, dass seine Idee mit dem Gegenstand übereinstimme? Nur daher, dass er eine solche Idee habe, sagt Spinoza. Anders gesagt: Die Wahrheit ist ihr eigener Maßstab.

Am Schluss der Anmerkung setzt er hinzu: Sofern unser Geist Dinge wahrhaft erfasst, ist er Teil des unendlichen Verstandes Gottes. Deshalb sind die klaren und deutlichen Ideen des Geistes mit derselben Notwendigkeit wahr wie die Ideen Gottes.

Zum Schluss

Der Beweis beginnt bei Gott, und auch das Ende der Anmerkung kehrt zu Gott zurück. Dazwischen steht diese Frage:

Wer könnte wissen, dass er etwas versteht, wenn er es nicht zuerst verstanden hat?

Freiwillige SAE-Randbemerkung

Nach der ersten SAE-Kritik entscheidet spätere Überprüfung über die Güte einer Erkenntnis; sie wird nicht durch eine garantierte Übereinstimmung mit dem Gegenstand selbst abgesichert, denn ein solcher Maßstab der Entsprechung ist nie gegeben worden. In Spinozas Anmerkung braucht das Wissen darum, eine wahre Idee zu haben, keinen zusätzlichen Maßstab: Die Wahrheit ist ihr eigener. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.

Die zugehörige SAE-Reihe lesen
Textfassung und Quellen

Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text verfasst. Die englische Leserfassung ist ebenfalls unabhängig geschrieben; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die lateinische Transkription unten dient der Überprüfung der angegebenen Stellen. Spinozas Argument bleibt als sein Argument erkennbar; subjektive Überzeugtheit wird nicht kurzerhand zu Wahrheit erklärt. Die Textwiedergaben und das erläuternde Alltagsbild sind für diese Reihe formuliert.

Hinweise zu Text und Ausgabe

Hauptstelle ist Lehrsatz 43 des zweiten Teils samt Beweis und Anmerkung; hinzu kommen dessen Rückverweise auf die Lehrsätze 21 und 35. Der Essay gibt Spinozas Argument wieder und ersetzt es nicht durch die Behauptung: „Wenn ich mir nur sehr sicher bin, ist es wahr.“

Die Szene mit der wieder leuchtenden Lampe entwickelt Spinozas Lichtvergleich als Alltagsszene weiter. Sie liefert keinen eigenständigen zusätzlichen Beweis.