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Non Dubito

Die zweite SAE-Kritik · Erster Essay · Die Frage nach der Bindung

Wodurch bindet ein Gesetz seinen eigenen Urheber?

Ein selbst gegebenes Gesetz hat keinen äußeren Bürgen, befiehlt anderen nichts und kann jederzeit geändert werden. Warum bindet es dennoch den Menschen, der es sich gibt, wie weit reicht es, und wie begegnet es dem Nicht-anders-Können anderer? Die Kritik beginnt bei den frühesten und nachdrücklichsten eigenen Sätzen.

Han Qin ·

Ein Gesetz ohne Bürgen

Kants Frage in der Kritik der praktischen Vernunft lautet, ob reine Vernunft für sich allein praktisch sein kann: ob sie den Willen ohne einen aus der Erfahrung entlehnten Beweggrund allein aus sich bestimmt. Seine Antwort ist keine Deduktion. Das Bewusstsein des moralischen Gesetzes nennt er ein „Faktum der Vernunft“. Für die objektive Realität dieses Gesetzes, räumt er ein, lässt sich keine Deduktion liefern; es steht für sich selbst fest. Die zweite SAE-Kritik übernimmt von Kant die Bewegung der Kritik, nicht sein Ergebnis. Eine Fähigkeit wendet sich zurück und prüft ihre eigene Geltung. Gegenstand ist hier aber nicht die reine praktische Vernunft, sondern das Gesetz, das sich ein Mensch selbst gibt.

Die Frage lautet also: Ein Mensch gibt sich ein Gesetz. Kein äußerer Bürge steht dafür ein, es erteilt anderen keine Befehle, und der Gesetzgeber selbst kann es jederzeit ändern. Wodurch bindet dessen „Ich kann nicht anders“ ihn selbst, bis wohin reicht die Bindung, und wie verhält sie sich zum jeweils eigenen Nicht-anders-Können anderer? Wodurch, bis wohin, im Verhältnis zu anderen: Geltungsanspruch, Grenze, Allgemeinheit. Diese drei Fragen stammen aus der Handlungstheorie. Neun Arbeiten lang beschreibt sie die verschiedenen Formen dieses Nicht-anders-Könnens beim Handeln und hält am Ende ausdrücklich fest, dass sie damit nicht beweist, ob dieses Nicht-anders-Können berechtigt ist. „Sein Geltungsanspruch, seine Grenze und sein Verhältnis zur Allgemeinheit sind Sache der zweiten Kritik.“ Damit hat sie sich selbst zur Prüfung vorgelegt. Diese Prüfung nimmt das Buch auf.

Am Anfang des Buches steht nur eine Frage: Wodurch bindet ein Gesetz den Menschen, der es sich gibt? Gleich darauf wird benannt, wer hier geprüft wird: „Geprüft werden unsere eigenen Worte. Die schwersten Schnitte treffen die Sätze, die wir am frühesten und mit dem größten Nachdruck gesagt haben.“ Ebenso deutlich ist, was das Buch nicht bietet: Der Leser wird darin kein an ihn gerichtetes „Du sollst“ finden. Sichtbar werden soll vielmehr, wo jedes einzelne Gesetz steht.

Der erste Gegner ist das Recht auf Änderung

In der Frage steckt eine Schwierigkeit, die bereits Kant kannte. Wenn derjenige, der bindet, und derjenige, der gebunden wird, derselbe Mensch sind, weshalb ist die Bindung dann mehr als ein Vorsatz, den er jederzeit zurücknehmen kann? Bei SAE verschärft sich das Problem, denn die Tür zur Änderung des eigenen Gesetzes bleibt immer offen. Der erste Gegner der Frage „Wodurch bindet es?“ ist deshalb nicht ein Skeptiker, sondern das Änderungsrecht des Gesetzgebers selbst.

Zunächst müssen zwei Möglichkeiten auseinandergehalten werden. Ändern heißt: Man steht dafür ein, was man ändert. Man kann sagen, was man bisher vertreten hat und warum es jetzt anders sein soll. Für den früheren Zeitraum gilt weiterhin, dass das alte Gesetz damals galt; das neue beginnt mit der Änderung. Auch ein öffentliches Verwerfen eines als falsch erkannten Gesetzes ist eine Änderung. Fallenlassen ist etwas anderes: Man legt es unbemerkt beiseite, sobald es bequem ist, und tut so, als hätte die frühere Bindung nie gezählt.

Wer an seinem Gesetz festhält, kann selbstbestimmt sein oder sich verrannt haben. Daneben gibt es eine dritte Haltung, die das Buch vorläufig Unbeständigkeit nennt: Man hört auf, sobald es einem passt, und ändert das Gesetz, ohne dafür einzustehen. Wie sich diese drei unterscheiden, wird erst im neunten Essay klarer werden. Hier genügt zunächst: Ändern ist nicht Fallenlassen. Dass ein Gesetz geändert werden kann, bedeutet noch nicht, dass es überhaupt nicht bindet. Wie weit es bindet, behandelt der elfte Essay.

Keine Ausnahme für die Kritik selbst

Damit kehrt die Frage zur Kritik zurück. Auch sie ist ein Gesetz, das sich dieser Ansatz für sein eigenes Vorgehen gibt. Warum sollte sie von derselben Prüfung ausgenommen sein? Die Antwort ist dieselbe wie zu Beginn der ersten Kritik: Sie darf keine Ausnahme sein. Das muss an drei Stellen eingelöst werden.

Erstens hat SAE gesagt: „Das Nicht-anders-Können gibt nur einem selbst ein Gesetz.“ Doch dieser Satz wird anderen mitgeteilt. Schon der Text, der ihn zuerst ausgesprochen hat, Das eigene Gesetz, stieß auf dieses Problem. Seine Antwort lautete, die Immunität des Satzes sei „keine absolute logische, sondern eine pragmatische: Wer ihn benutzt, um anderen ein Gesetz zu geben, weiß im selben Augenblick selbst, dass er eine Grenze überschreitet“. Der Text bezeichnet sich als „SAEs antiethischer Essay“ und sagt: „Er ist eine Sperre, keine Tür.“ Die zweite Kritik nimmt diese Antwort auf, führt sie aber nicht weiter. Dass die Sperre nicht alles aufhält, zeigt schon der Schlusssatz jenes Textes: „Jeder sollte sein eigener Philosophenkönig sein.“

Zweitens gibt dieses Buch den Lesern kein Gesetz. Sein „Man kann nicht anders“ ist entweder an uns selbst gerichtet oder steht unter einer Bedingung: Wenn jemand hier steht, dann gilt für ihn … Der damit verbundene Verzicht wird gleich am Anfang genannt: Das Buch kann niemandem allein kraft seines eigenen Anspruchs sagen, wie er handeln soll. Wer eine Ethik sucht, mit der er für andere Gesetze erlassen kann, findet sie hier nicht. Möglich ist etwas anderes: Jeder Satz soll der Frage standhalten, ob mit ihm jemandem ein Sollen auferlegt wird.

Drittens gibt es innerhalb des Ansatzes bereits einen Text, der sich selbst Kritik nennt: Das eigene Gesetz: SAEs Kritik von Ethik und Moral. Das neue Buch liest ihn sowohl als Vorläufer als auch als Prüfgegenstand. Ein Vorläufer entzieht sich der Prüfung nicht dadurch, dass er sich Kritik nennt; das spätere Buch ebenso wenig dadurch, dass es später kommt. Was im früheren Text trägt, wird übernommen: Imperative seien „Richtungen, keine starren Regeln“; „das Böse ist keine Positionsidentität, sondern eine Richtung des Rückschritts und der Unterdrückung“; auf die Frage nach einer SAE-Ethik gebe es „nur ein Wort als Antwort: keine“. Andere Sätze dieses Textes werden im nächsten Essay zerlegt.

Zwei Arten von Sollen

Mit demselben Wort „Sollen“ können zwei verschiedene Dinge gemeint sein. Einmal fordere ich dich mit meinem Gesetz zu etwas auf: Das ist ein horizontales Sollen. SAE behandelt es nicht als eigenes Vorhaben. Dass das Gesetz eines Menschen dessen Grenze überschreitet und andere verpflichten will, ist gerade das, was Das eigene Gesetz „Ethik“ nennt und auflösen möchte. Anders liegt es, wenn jemand innerhalb seines eigenen Gesetzes nicht anders kann. Dieses von innen nach außen gerichtete Sollen ist sein Nicht-anders-Können. Geprüft wird hier das Zweite: Welche Arten davon hat der Ansatz an verschiedenen Stellen behauptet, worauf beruht ihre Bindung, und wie weit reicht sie?

Bei dieser Prüfung wird von außen gelesen. Wenn ein Text des Ansatzes erklärt, ein Problem „gehöre in die zweite Kritik“, ist das zunächst eine Ankündigung dieses Textes. Die Kritik prüft, was er tatsächlich geschrieben hat. Sie vervollständigt ihn nicht und nimmt seine Ankündigung nicht als Auftrag an, den sie zwingend auszuführen hätte. „Der geprüfte Text hat seine eigene Stimme; der Prüfende spricht nicht für ihn.“

Die vierzehnte Schreibregel des Buches macht daraus ein eigenes Gesetz: Was ein geprüfter Text abzugeben behauptet und wohin er es verweist, wird aufgezeichnet und geprüft, aber nicht als Schuld dieser Kritik übernommen. Sie ergänzt keinen fehlenden Eintrag, stellt keine nachträgliche Übereinstimmung her und wählt nicht stellvertretend eine der offenen Möglichkeiten. Eine Kritik, die andere Texte heimlich zu Ende schreibt, täte schon vor Beginn der Prüfung das, was sie später diagnostizieren will.

Das eigene Gesetz offenlegen

Noch vor dem ersten Kapitel legt das Buch offen, welchen Gesetzen sein Schreiben folgt. „Steht das Gesetz offen da, hat die Nachfrage etwas, woran sie ansetzen kann.“ Es verwendet zwei Stimmen: Über einen äußeren Gegenstand wie Kant spricht es sachlich; bei der Prüfung der eigenen SAE-Aussagen spricht es in der ersten Person. Für Übernahme und Rücknahme zeichnet ein „Wir“ verantwortlich. Kein verborgenes Hinterzimmer. Kein Selbstlob, keine selbst ausgestellten Tugendzeugnisse. Metaphern übernehmen nicht die Arbeit von Definitionen.

Auch die Sätze haben zwei verschiedene Rollen. Aufzeichnende Sätze dokumentieren und prüfen, was der untersuchte Text sagt. Gesetzessätze benennen dagegen das, woran wir uns unter dem Namen „wir“ halten. Nur für diejenigen, die sich daran halten, ist das ein Gesetz; es wird den Lesern nicht auferlegt. Auch diese Einschränkung wird eigens verzeichnet. Das Buch verwendet Definitionen, keine Maßstäbe: Eine Definition sagt, was ein Wort hier bezeichnet, und liefert keinen Zollstock zum Vermessen von Menschen. Sätze wie „So hoch sind eben die Anforderungen“ werden nicht ausgesprochen. Ein begründetes Nein ist möglich, ein bestätigendes Ja wird nicht bescheinigt. Die Diagnose liest Strukturen, keine Innenwelten. Eine Stufe beschreibt einen einzelnen Vorgang zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Bereich, nicht einen Menschen.

Daraus ergibt sich eine weitere Sprachregel. Das chinesische Wort „承认“, das beides zusammenzuziehen droht, kommt nur in Zitaten vor. Das Buch trennt zwei Akte: praktisches Zugestehen – was eine Handlung, die sich auf den Willen eines anderen richtet, bereits im Vollzug zugesteht; und Übernahme als eigene Prämisse – indem man das Nichtzweifeln, die nicht von einem Nachweis abhängige Voreinstellung, zum Ausgangspunkt des eigenen Gesetzes macht. Die letzte Schreibregel lautet: „Wenn die Leser im Buch einen Verstoß gegen diese Gesetze finden, ist das genau der Gebrauch, den diese Gesetze erwarten.“

Quelle und Lesehinweis

Eigenständig aus dem vollständigen chinesischen Leseressay geschrieben, nicht aus dem Englischen übersetzt. Die ursprüngliche englische Leserfassung ist eigenständig; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die ganze Reihe schreibt die chinesische Originalarbeit SAE: Die zweite Kritik für Leser neu, nicht als technische Vollübersetzung. Die vollständige Argumentation und maßgebliche Grundlage bleibt dieselbe Originalarbeit · DOI.

Gemeinsame Originalarbeit ↗