SAE liest Montaignes Essais · 02
Du musst zuerst die eigenen Waffen fallen lassen
Eine Widerlegung kann den Gegner bis zum Äußersten treiben. Wer sie einsetzt, bleibt davon nicht ausgenommen.
Im vorigen Essay ging es darum, dass die Apologie für Raymond Sebond ein Buch verteidigen soll – und dass Montaigne dazu die menschliche Vernunft gründlich auseinandernimmt. Nun schauen wir, wie er das tut und ob ihm selbst bewusst ist, was dieses Verfahren kostet.
Zwei Gruppen von Gegnern – die zweite ist schwieriger
Sebonds Kritiker lassen sich in zwei Gruppen teilen. Die einen fragen, weshalb der Glaube überhaupt die Stütze menschlicher Gründe brauchen solle. Die anderen sagen: Die Gründe, die Sebond vorbringt, sind nicht tragfähig.
Wie Montaigne der zweiten Gruppe antworten will, legt er offen. Er möchte ihnen die armseligen Waffen ihrer Vernunft aus der Hand nehmen.
Dann stellt er eine Frage, die den Maßstab des Streits verändert: Schauen wir doch, ob der Mensch stärkere Gründe besitzt als Sebond – ja, ob er überhaupt durch Argumente und Schlussfolgerungen zu etwas Gewissem gelangen kann.
Nicht mehr nur Sebonds Gründe stehen zur Prüfung, sondern die Tragfähigkeit menschlicher Gründe überhaupt.
Damit entsteht eine Schwierigkeit. Auch Sebond argumentiert mit menschlichen Gründen. Wenn sich mit ihnen keine Gewissheit erreichen lässt, kann selbstverständlich auch sein Buch sie nicht allein auf diesem Weg erreichen.
Montaigne hält die Angreifer von Sebond fern und gräbt zugleich den Boden ab, auf dem Sebond in diesem Streit steht.
Hier müssen wir eine Grenze beachten. Sonst klingt es, als habe Montaigne Sebond vollständig verworfen. Er untersucht, ob sich allein mit menschlichen Vernunftgründen etwas gewiss machen lässt. Über den Glauben spricht er in diesem Kapitel an anderer Stelle; er fällt nicht einfach unter diese Demontage. Die Grenze, die Montaigne selbst zieht, lautet: Wie weit kommen wir, wenn uns nur menschliche Waffen zur Verfügung stehen?
Er bleibt nicht außerhalb der Grube stehen
Später schreibt er sinngemäß: ‚Stellen wir diesen Menschen sich selbst gegenüber, seine Vernunft seiner eigenen Vernunft, und sehen wir, was sie vorzubringen hat.‘
Auch den Ausgang benennt er: Der Zirkel und derjenige, der ihn benutzt, werden zusammen zunichte.
Nicht nur das Messinstrument verliert seinen Halt; der Mensch, der damit misst, wird mit hineingezogen. Wer hier spricht, hat sich keinen Platz außerhalb der Prüfung reserviert.
Dann wendet er sich um und nennt den Preis
Unmittelbar danach redet er nicht mehr nur zu den Kritikern.
Er wendet sich an eine Dame und sagt, für sie habe er ausnahmsweise einen so langen Text geschrieben. Dann erklärt er: ‚Dieses letzte Mittel darf nur als äußerstes Heilmittel dienen. Es ist ein verzweifelter Kunstgriff: Du musst zuerst die eigenen Waffen fallen lassen, damit dein Gegner seine fallen lässt. Es ist ein geheimes Mittel; man soll es selten einsetzen und aufsparen.‘
Noch kürzer sagt er es so: ‚Man richtet sich selbst zugrunde, um den anderen zugrunde zu richten.‘
Anschließend rät er ihr, ihren Sebond ruhig weiter auf die gewohnte Weise zu verteidigen.
Beachten wir den Unterschied: Er sagt nicht, man dürfe dieses Mittel nie verwenden. Er sagt, es habe einen Preis; deshalb müsse man den Zeitpunkt seines Einsatzes wählen.
Ein Satz, den jeder schon gebraucht hat
In einem Streit kann ein Satz sehr wirksam sein: ‚Du bist doch selbst nicht besser.‘
Oft stimmt er, und deshalb weiß der andere zunächst nichts zu erwidern. Was der Satz leistet, ist jedoch begrenzt: Er holt den Sprecher unter den Maßstab zurück, den dieser selbst aufgestellt hat. Der Sprecher kann nicht so tun, als dürfte er von außerhalb dieses Maßstabs urteilen.
Damit ist nicht bewiesen, dass der Maßstab falsch wäre. Ein Mensch, der zu spät kommt, kann zu Recht sagen, dass Unpünktlichkeit andere aufhält. Er selbst kommt zu spät; dadurch wird seine Aussage nicht unwahr.
Montaignes Verfahren lässt sich nicht auf dieses ‚Du doch auch‘ reduzieren. Er fragt, ob der Maßstab, mit dem wir Gewissheit gewinnen wollen, überhaupt zuverlässig ist. Gemeinsam ist beiden Fällen aber eines: Man kann nicht nur den Gegner der Prüfung unterwerfen und selbst draußen bleiben.
Zum Schluss
Im längsten Kapitel der Essais führt Montaigne den Anspruch auf menschliche Gewissheit bis an seine Grenze. Dann dreht er sich um und sagt der Dame: Gebrauche dieses Verfahren nicht ständig; verteidige ihn ruhig auf die alte Weise.
Jemand führt die eigene Methode so weit und sagt den Menschen um sich herum trotzdem, wie teuer sie ist. Das ist mehr als Bescheidenheit. Er weiß, was dieses Mittel verbraucht, und weiß auch, dass man sich diese Ausgabe nicht jedes Mal leisten kann.
Ein äußerstes Heilmittel ist nicht nur deshalb ein solches, weil es stark wirkt. Auch derjenige, der es einnimmt, muss seine Wirkung aushalten.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
SAE, ein heutiger Denkansatz, macht es zu einer ausdrücklich formulierten Disziplin, sich selbst keine Ausnahme zu gewähren. Auch Montaigne nimmt sich in diesem Kapitel nicht von der Prüfung aus. Später nennt er jedoch ihren Preis: Wer dieses Mittel gebraucht, muss zuerst die eigenen Waffen fallen lassen; deshalb soll er sparsam damit umgehen. Die Disziplin sagt, wie man vorgehen soll. Montaigne lässt hier sehen, was es kostet, so vorzugehen. Beides kann nebeneinanderstehen, ohne dass das eine das andere erklären müsste.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenTextfassung und Quellen
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach der chinesischen Fassung geschrieben. Die vorhandene englische Fassung ist unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die verlinkte Passage aus Essais II.12 wird sinngemäß wiedergegeben. Ihr Angriff auf menschliche Vernunftgründe wird nicht zu einem Gesamturteil über Montaignes Glaubenshaltung ausgeweitet.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Nach Essais II.12 wiedergegeben. Die hier beschriebene Demontage betrifft den Anspruch, allein durch menschliche Vernunft Gewissheit zu erlangen. Montaignes Glaubenshaltung wird damit nicht zugleich auf dieses Verfahren reduziert.