Essay lesen
Non Dubito

SAE liest Montaignes Essais · 03

Den Ausweg hat er durchgestrichen

Ein Satz am Rand wurde geschrieben und wieder gestrichen. Eine mögliche Erklärung liegt nahe – doch die Linie auf dem Papier führt sie nicht für uns zu Ende.

Han Qin ·

Das zweite Kapitel im dritten Buch von Montaignes Essais heißt Über die Reue. Am Anfang steht ein Satz, den wohl nur wenige gern schreiben würden: ‚Wenn ich diesen Menschen noch einmal machen könnte, würde ich vieles ganz anders machen. Aber nun ist es so.‘

Das Kapitel hat es mit einer schwierigen Aufgabe zu tun. Ein Mensch schreibt ein Buch über sich selbst, und zwar über viele Jahre. Währenddessen verändert er sich. Von wem handelt dieses Buch dann eigentlich?

Das Bordeaux-Exemplar lässt uns sehen, wie Montaigne an solchen Sätzen weiterarbeitet. Es ist ein gedrucktes Exemplar, das ihm selbst gehörte und seine Handschrift aus den letzten Lebensjahren trägt.

Der Satz am Rand

Am linken Rand von Über die Reue hat er einen Satz notiert, der sinngemäß lautet: ‚Im äußersten Fall suche dir unter all diesen wechselnden Gestalten diejenige aus, die sich am wenigsten verändert.‘

Ein kleines Wort, a, ist in diesem Satz über der Zeile ergänzt. Die gesamte Randnotiz ist wiederum durchgestrichen.

Der Satz stand nicht im gedruckten Text von 1588. Er wurde am Rand hinzugefügt und dann gestrichen. Heute können wir ihn noch lesen, dürfen ihn aber nicht als den Haupttext behandeln, den Montaigne an dieser Stelle zuletzt stehen ließ.

Der Gedanke klingt wie ein durchaus gangbarer Ausweg: Mag sich auch alles verändern, etwas wird sich langsamer verändern als das Übrige. Nimm dieses Etwas als dich selbst.

So gelesen bekommt die Streichung Gewicht. Doch Gewicht hat zunächst diese Lesart. Das Papier belegt, dass er den Satz zurücknahm. Eine Linie allein beweist weder, weshalb er das tat, noch, welche philosophische Vorstellung seiner selbst er damit womöglich verworfen hatte.

Die Passage, in der die Notiz steht

Am Anfang dieses Kapitels stehen außerdem einige seiner berühmtesten Zeilen.

Zuerst sagt er, nichts in dieser Welt bleibe unbewegt; selbst die Beständigkeit sei nur ein trägeres Schwanken. Dann fährt er fort: ‚Ich kann meinen Gegenstand nicht festhalten. Er taumelt und schwankt wie von einer angeborenen Trunkenheit. Ich muss ihn so nehmen, wie er gerade ist, in dem Augenblick, in dem ich ihn betrachte.‘

Darauf folgen die beiden Sätze: ‚Ich male nicht das Sein. Ich male den Übergang.‘

Nicht den Übergang von einem Lebensalter zum nächsten und auch nicht jene Veränderung, von der man sagt, sie geschehe alle sieben Jahre. Es geht um den Wechsel von Tag zu Tag, von Minute zu Minute.

Er ist zu diesen Worten zurückgekehrt

Diese Worte standen bereits im Druck von 1588. Im Bordeaux-Exemplar finden sich nun auch handschriftliche Änderungen an ihrer Zeichensetzung und Großschreibung.

Ein Buchstabe wird großgeschrieben, Satzzeichen werden verändert. Er kehrt in bereits gedruckte Sätze zurück und ordnet ihre Pausen neu.

Ein Mensch hat gerade gesagt, dass er seinen Gegenstand nicht festhalten könne, und geht nun daran, die Grenzen seiner Sätze neu zu ziehen. Diesen Eindruck können die sichtbaren Schreibbewegungen erwecken; wir müssen daraus keine Selbstauslegung Montaignes machen. Der Gegenstand ist in Bewegung. Den Satz kann man trotzdem noch etwas genauer schreiben.

Etwas, das jeder kennt

Wer etwas hervorholt, das er vor Jahren geschrieben hat, und es überarbeiten möchte, gerät an dieselbe Schwierigkeit. Ändert man den Text, bewahrt er die damalige Form nicht mehr unverändert. Lässt man ihn stehen, bleiben dort Worte sichtbar, die man heute so nicht mehr meint.

Es gibt Zwischenlösungen: Man mildert die Formulierungen, an denen man sich stößt, und lässt den Rest stehen. Die geglätteten Stellen bilden eine neue Schicht. Darunter liegt weiterhin die alte.

Montaignes erhaltenes Exemplar gibt diesem Dilemma eine sichtbare Gestalt. Es wurde überarbeitet, ohne dass die ältere Schicht vollständig verschwand. Schlägt man es heute auf, sind beide noch da.

Zum Schluss

Zu Beginn dieses Kapitels hat er gesagt: ‚Wenn ich diesen Menschen noch einmal machen könnte, würde ich vieles ganz anders machen. Aber nun ist es so.‘

Am Rand desselben Kapitels wurde der Rat, das am wenigsten Veränderliche auszuwählen, niedergeschrieben und wieder gestrichen.

Wir können darin einen Ausweg lesen, der einmal aufgetaucht ist und nicht beibehalten wurde. Aber wir sollten nicht über die Streichung hinweggehen und in seinem Namen eine endlich gefundene Antwort verkünden. Zurück bleiben ein Mensch, der sich nicht festhalten lässt, und ein Buch, das weiter in Bewegung ist.

Freiwillige SAE-Randbemerkung

In der SAE-Reihe über den Sinn des Lebens lassen sich zwei Gedanken danebenlegen. Der eine lautet: Es gibt weder ein vorgefertigtes noch ein vollendetes wahres Selbst; der Grund dafür liegt in der Selbstbezüglichkeit, nicht im bloßen Vergehen der Zeit. Der andere lautet: Für die Haltung eines Menschen zu sich selbst gibt es kein positives Kriterium, wohl aber eine Untergrenze – sich keine erfundene Vollendung auszustellen. Von hier aus kann man den geschriebenen und gestrichenen Satz als eine nicht beibehaltene Aussicht auf Vollendung lesen. Das bleibt eine Richtung des vergleichenden Lesens. Die Streichung hat uns Montaignes Beweggrund damit nicht schon bewiesen.

Die zugehörige SAE-Reihe lesen
Textfassung und Quellen

Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die bestehende englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen enthalten den vollständigen Text. Die Passage aus Essais III.2 lässt sich im Text von 1595 nachlesen; die Änderungen werden anhand der gesondert verlinkten Transkription des Bordeaux-Exemplars betrachtet. Eine Streichung belegt keine unausgesprochene Absicht ihres Autors.

Hinweise zu Text und Ausgabe

Nach Essais III.2, Über die Reue, wiedergegeben. Den gestrichenen Satz als Ausweg zu lesen, ist eine Deutung dieses Essays. Dass der Satz gestrichen wurde, reicht für sich genommen nicht aus, um ein philosophisches Motiv nachzuweisen.