Essay lesen
Non Dubito

SAE liest Montaignes Essais · 04

Ich füge nur hinzu, ich ändere nicht

Eine gedruckte Regel und spätere Streichungen stehen in ein und demselben Exemplar nebeneinander.

Han Qin ·

Das neunte Kapitel im dritten Buch der Essais heißt Über die Eitelkeit. Das dritte Buch ist selbst neu hinzugekommen. An dieser Stelle setzt Montaigne sein Erproben nochmals fort und nennt dies die dritte Fortsetzung. Dann gibt er sich eine Regel.

‚Ich füge nur hinzu, ich ändere nicht.‘

Auch den Grund nennt er: ‚Wer seine Arbeit der Welt verpfändet hat, hat meiner Ansicht nach kein Recht mehr, über sie zu verfügen. Kann er es besser sagen, soll er es anderswo sagen und nicht die Arbeit verderben, die er bereits verkauft hat.‘

Der Satz passt zu dem zusätzlichen Buch, das der Leser gerade in der Hand hält. Montaigne sagt, er füge nur hinzu, und dieses Buch ist eben eine Hinzufügung. Ergänzen ist nach der Regel ausdrücklich erlaubt.

Im selben Absatz

Der Satz ist in der Ausgabe von 1588 gedruckt. Im Bordeaux-Exemplar hat Montaigne gerade in diesem Absatz später nochmals zur Feder gegriffen.

Bei der Begründung hieß es ursprünglich, man solle die Arbeit nicht verderben, die man ‚uns‘ verkauft habe. Dieses ‚uns‘, nous, hat er gestrichen.

Eine kleine, sehr bestimmte Änderung: Das verkaufte Werk bleibt im Satz, aber wir, seine Käufer, verschwinden daraus. Wir müssen nicht erst viele Kapitel weiterblättern, um eine andere Art des Schreibens zu finden. Die Feder war mitten in diesem Absatz am Werk.

Die Feder tut nicht immer dasselbe

In diesem Exemplar wird nicht nur auf freie Stellen etwas hinzugefügt. Im vorigen Essay haben wir gesehen, wie er eine später geschriebene Randnotiz wieder aufhob. Im nächsten werden wir sehen, wie er, ebenfalls in Über die Eitelkeit, einen bereits gedruckten Satz neu formulierte.

Doch auch diese Vorgänge dürfen wir nicht zusammenwerfen. Ein verändertes Satzzeichen, ein zurückgenommenes Urteil und eine zusätzlich geschriebene Passage sind nicht dasselbe. Entscheidend ist nicht, wie viel Tinte auf dem Papier liegt, sondern was mit der Feder jeweils getan wurde.

Was meint er mit Ändern?

Hier lohnt es sich, langsamer zu lesen.

Er sagt, er ändere nichts, und begründet es damit, dass das Werk bereits aus der Hand gegeben sei. Wer etwas besser sagen könne, solle das anderswo tun, statt das schon Übergebene zu verderben. Es geht also nicht bloß um die Frage, ob ein Satz sprachliche Fehler hat. Es geht auch darum, wie ein Mensch noch über sein älteres Werk verfügen darf.

Man kann deshalb anhand veränderter Satzzeichen zählen, wie oft er gegen seine Zusage verstoßen habe, und trotz aller Genauigkeit die Frage verfehlen. Noch weniger ist eine neu hinzugefügte Passage von selbst ein Gegenbeleg: Das Hinzufügen hat er ja ausdrücklich zugelassen.

Die wirkliche Spannung liegt in den Streichungen und Ersetzungen bereits gedruckter Worte. Doch selbst wenn wir sie erkennen, bleibt eine Frage: Deckt sich das, was Montaigne mit ‚Ändern‘ meint, genau mit der Grenze, die wir heute um diese verschiedenen Eingriffe ziehen? Das Papier erspart uns diese Frage nicht.

Der Satz ist noch da, die Handschrift auch

Drei Dinge müssen wir auseinanderhalten, wenn wir nicht vorschnell darüber hinweggehen wollen.

Erstens: der historische Satz. Er hat tatsächlich geschrieben: ‚Ich füge nur hinzu, ich ändere nicht‘, und ihn drucken lassen. Was immer er später getan hat, dieses Geschehen wird dadurch nicht ungeschehen.

Zweitens: wie er sich später zu dem Satz verhielt. Dass Worte nicht gestrichen wurden, zeigt nur, dass sie noch im Buch stehen. Es zeigt nicht, dass er sie jeden Tag mit demselben Gewicht bejahte wie am Anfang.

Drittens: was er mit der Feder tatsächlich tat. Ergänzungen, Streichungen und Ersetzungen haben auf den Seiten jeweils ihre Spuren hinterlassen. Wo sich ein Eingriff klar erkennen lässt, können wir ihn beschreiben. Was er in Montaignes eigenem Verständnis bedeutete, dürfen wir nicht beiläufig dazuerfinden.

Vermischen wir die drei Dinge, erscheint sofort ein fertiges Bild: ein Mann, der sich selbst widerspricht. Ehrlicher wäre zunächst: Die Regel ist da, und die Änderungen sind ebenfalls da. Ob sich beide unter einer gemeinsamen Erklärung unterbringen lassen, ist nicht schon deshalb geklärt, weil wir beides gesehen haben.

Der Plan an der Wand

Solche Situationen kennen wir auch von zu Hause.

Man hat einen Tagesablauf oder einen Trainingsplan aufgehängt, alles ganz klar aufgeschrieben. Ein halbes Jahr später hält man sich längst nicht mehr daran, aber der Plan hängt immer noch an der Wand.

Manchmal käme es einem wie ein Eingeständnis der Niederlage vor, ihn abzunehmen; einhalten kann man ihn aber auch nicht. Also bleibt er hängen, und mehrmals täglich geht man darunter vorbei. Manchmal wurde er allerdings einfach dort vergessen. Wer von außen nur das Blatt sieht, kann diese beiden Möglichkeiten nicht für den Bewohner auseinanderhalten.

Der Plan zu Hause soll Montaigne nicht erklären. Er erinnert uns lediglich daran, dass etwas auf verschiedene Weise stehen bleiben kann, auch wenn das zurückgelassene Ding dasselbe ist.

Zum Schluss

Es ist nicht so, als hätte Montaigne nie eine Regel aufgestellt. Er hat sie drucken lassen und ebenso die Spuren seiner Streichungen und Änderungen hinterlassen. Beides liegt in demselben Exemplar vor uns; nichts davon hat das andere verdeckt.

Das genügt, um uns innehalten zu lassen. Es genügt noch nicht, um seine Rechnung in seinem Namen abschließend zu prüfen.

Freiwillige SAE-Randbemerkung

In der SAE-Reihe über den Sinn des Lebens trägt eine bestimmte Art von Einträgen einen eigenen Namen: die Geschichte dessen, was man als bereits geschehen verbucht. Gemeint ist, dass jemand etwas für sich als vollzogen zählt, obwohl es bei ihm tatsächlich nicht vollzogen ist. Könnte der Satz ‚Ich füge nur hinzu, ich ändere nicht‘ auf einer solchen Rechnung stehen? Um das zu beantworten, müssten wir nicht nur wissen, was Montaigne tat, sondern auch, wie er selbst später zu diesem Satz stand. Dass er ihn nicht gestrichen hat, liefert diese fehlende Bedingung nicht. Eine Randbemerkung kann die Frage an dieser Stelle sichtbar machen; sie kann Montaignes Rechnung nicht für ihn abschließen.

Die zugehörige SAE-Reihe lesen
Textfassung und Quellen

Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die vorhandene englische Fassung ist unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen enthalten den ganzen Text. Die Quellen führen zu Essais III.9 und zu den gesonderten Transkriptionen der Änderungen im Bordeaux-Exemplar. Der Text von 1595 dient der vergleichenden Lektüre, nicht als Nachweis der dort sichtbaren Federzüge. Die Spannung zwischen einer Regel und den Änderungen bleibt eine Frage, kein fertiges Urteil über Montaigne.

Hinweise zu Text und Ausgabe

Nach Essais III.9, Über die Eitelkeit, wiedergegeben. Hinzufügen ist nach der angeführten Regel erlaubt und zählt deshalb nicht als Gegenbeleg. Gegenstand ist nur die weiterhin erklärungsbedürftige Spannung zwischen dieser Regel und dem Streichen oder Ersetzen von Text.