SAE liest Montaignes Essais · 05
Mein jetziges Ich und das von eben
Viele Male überarbeitet zu haben heißt nicht, schon zu wissen, welches der beiden Ichs das bessere ist.
Wir bleiben bei Über die Eitelkeit. Diesmal schauen wir nur auf einen Satz.
Im Druck von 1588 lautet sein Gedanke: ‚Seit meine ersten Bücher erschienen sind, bin ich acht Jahre älter geworden. Ob ich auch nur einen Zoll vorangekommen bin, bezweifle ich.‘
Das ist schon für sich eine offene Aussage. Im Bordeaux-Exemplar wird gerade dieser Satz dann zu einer Stelle, an die seine Feder wiederholt zurückkehrt.
Mehrere Handschriftspuren um einen Satz
Eine Änderung betrifft die Zahl: Acht Jahre werden durchgestrichen, daneben stehen nun sieben Jahre.
Eine weitere betrifft das Jahr. Montaigne fügte eine kleine Notiz hinzu, die 1580 ausdrücklich nannte. Auch diese Notiz wurde später gestrichen.
Der größte Teil des ursprünglich gedruckten Satzes ist durchgestrichen. Daneben schreibt er einen neuen: ‚Meine ersten Bücher erschienen 1580. Seither ist viel Zeit vergangen, und älter bin ich geworden; vorangekommen bin ich aber gewiss keinen Zoll.‘
Auch im neuen Satz wird nochmals geändert: Aus ‚bin ich nicht‘ wird ‚bin ich gewiss nicht‘. Am rechten Rand steht außerdem ein ganzer zusätzlicher Absatz.
Diese Vorgänge können wir nebeneinander aufführen: eine Jahresangabe ändern, eine Notiz hinzufügen und wieder streichen, einen Satz neu schreiben, den neuen Satz nochmals ändern und am Rand weiterschreiben. Das ist eine Aufzählung verschiedener Spuren, noch kein fertig geordneter Arbeitskalender.
Was sich erkennen lässt – und was nicht
Was an einer Stelle geschrieben wurde, kann erst danach an derselben Stelle durchgestrichen werden. Eine solche örtlich begrenzte Abfolge lässt sich manchmal an den Spuren selbst erkennen. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Federzug auf dem ganzen Blatt in eine mit Jahreszahlen geordnete Reihe gebracht werden kann.
Welche Notiz neben einer anderen steht oder welche Spur eine andere überlagert, ist die eine Art von Beleg. In welchem Jahr ein bestimmter Federzug entstand, ist eine andere Frage. Bei einer Ersetzung kann man zudem Streichen und Neuschreiben als zwei Handlungen zählen oder zusammen als eine Änderung. Die Zahl hängt von der Einteilung ab; sie wächst nicht von selbst aus dem Papier.
Auch die Ergänzung am Rand ist keine knappe Anmerkung. Sie bildet einen eigenen Absatz und enthält ihrerseits Ergänzungen und Streichungen. Nicht einmal der neu hinzugefügte Text wurde nach dem ersten Niederschreiben unangetastet gelassen.
Wir müssen ihm keine lückenlose zeitliche Folge erfinden, um eines erkennen zu können: Ein Satz, der bezweifelt, ob sein Autor vorangekommen ist, lässt ihn trotzdem immer wieder zum Papier zurückkehren.
Es war nicht durchweg seine Hand allein
Nebenbei sei etwas erwähnt, das oft übersehen wird.
Nicht jede Handschrift in diesem Exemplar stammt von ihm. Herausgeber haben drei Stellen erkannt, an denen Marie de Gournay für ihn schrieb. Eine davon steht auf der Rückseite von Blatt 42. Montaigne schrieb das erste Wort, und sie setzte den Rest nach seinem Diktat fort.
Wir dürfen uns dieses Exemplar also nicht als die durchgehende Handschrift eines Mannes vorstellen, der allein im Turm eingeschlossen war. Zeitweise war ein anderer Mensch neben ihm, und eine andere Hand führte die Feder.
Der Satz am Rand
In jenem Absatz steht sinngemäß: ‚Mein jetziges Ich und das von eben sind tatsächlich zwei Menschen. Welcher von beiden besser ist, kann ich allerdings nicht sagen.‘
Der erste Teil nimmt einen Gedanken auf, der durch das ganze Buch geht. Hier kommt es auf den zweiten an.
Er hätte ebenso schreiben können: ‚Jetzt sehe ich klarer als eben.‘ Von einem Menschen, der jahrelang sein eigenes altes Buch überarbeitet hat, wäre das keine überraschende Behauptung.
Doch diesen Satz hat er nicht hinterlassen.
Aufräumen, was das frühere Ich zurückließ
Jeder kennt das: Man kehrt zu etwas zurück, das man vor einigen Jahren begonnen oder liegen gelassen hat, und versucht, es in Ordnung zu bringen. Oft sieht man jetzt, was man damals nicht gesehen hat: welcher Schritt in die falsche Richtung ging, welche Worte man besser nicht gesagt hätte.
Das ist jedoch keine Garantie, dass man es diesmal richtig sieht. Dieselbe zurückkehrende Hand kann etwas verbessern oder verschlechtern. Auch die Verschlechterungen wurden vorgenommen, weil man in jenem Augenblick dachte, damit das Richtige zu tun.
Montaigne hat an dieser Stelle vielfach eingegriffen und lässt doch am Rand den Gedanken stehen: Es sind zwei verschiedene Menschen; wer der bessere ist, weiß ich nicht. Das heißt nicht, dass Überarbeiten nutzlos wäre. Es heißt, dass etwas überarbeitet zu haben und den eigenen Fortschritt schon beurteilen zu können zweierlei sind.
Zum Schluss
Die erste Ausgabe erschien 1580. Das heute in Bordeaux aufbewahrte Exemplar ist ein Druck von 1588. Es bewahrt, was Montaigne in den darauf folgenden Jahren weiter daran tat.
Ein Mensch kehrt zu seinen eigenen Worten zurück. Jahreszahl, kleine Notiz, ganzer Satz, Seitenrand: Überall bleiben Spuren der Arbeit. Wir müssen nicht das Datum jedes einzelnen Federzugs kennen, um zu sehen, dass er nicht einfach aufgehört hat.
Am Rand hat er aber keinen Beleg dafür hinterlassen, besser geworden zu sein. Dort steht ein Satz darüber, dass er nicht zu sagen weiß, welcher von beiden besser ist.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
Ein Gedanke aus der SAE-Reihe über den Sinn des Lebens lässt sich neben diese Randnotiz stellen: Wachstum verzeichnet, dass jemand eine neue wirkliche Weise des Umgangs mit etwas gewonnen hat – nicht, dass er einem vollendeten Selbst immer näher kommt. So verstanden schuldet ein Mensch, der jahrelang sein altes Buch überarbeitet, sich selbst nicht den Satz: ‚Ich sehe klarer als früher.‘ Was die Gegenüberstellung bewahrt, ist diese Unterscheidung. Sie erklärt nicht jeden späteren Federzug Montaignes zu einem Beleg für Wachstum.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenTextfassung und Quellen
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Auch die englische Fassung ist unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Für die beschriebenen Eingriffe ist die Handschrifttranskription von Blatt 0433 des Bordeaux-Exemplars maßgeblich. Die Ausgabe von 1595 bleibt ein Vergleichstext, kein Beleg für die Änderungen. Sichtbare Schichten werden nicht zu einer vollständig datierten Entstehungsfolge ergänzt.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Nach Essais III.9 wiedergegeben. Dass an einer bestimmten Stelle erst geschrieben und dann gestrichen wurde, liefert noch keine vollständige zeitliche Reihenfolge aller Änderungen auf dem Blatt. Die Handschriftspuren werden nebeneinander beschrieben; aus ihrer räumlichen Lage wird keine Abfolge des Schreibens erfunden.
Die beschriebenen Streichungen und Änderungen folgen der Handschrifttranskription von Blatt 0433 des Bordeaux-Exemplars. Der Text von 1595 dient nur dem Vergleich und wird nicht als Beleg für diese Änderungen behandelt.