SAE liest Montaignes Essais · 01
Ein Fragezeichen als Wahlspruch
Wie eine Frage an das eigene Wissen zu einem Spruch wurde, den Montaigne bei sich tragen wollte.
Das längste Kapitel des Buches
Das zwölfte Kapitel im zweiten Buch der Essais heißt Apologie für Raymond Sebond. Es ist das längste Kapitel des ganzen Werks, für sich schon fast ein kleines Buch.
Eine Verteidigung soll es sein. Sebond war ein Gelehrter des fünfzehnten Jahrhunderts. In einem Buch hatte er versucht, mit menschlichen Vernunftgründen über die Angelegenheiten des Glaubens zu sprechen. Montaignes Vater bat seinen Sohn, es ins Französische zu übersetzen. Als später Einwände gegen das Buch erhoben wurden, schrieb Montaigne dieses Kapitel, um es zu verteidigen.
Seine Art der Verteidigung besteht jedoch darin, die menschliche Fähigkeit, mit Gründen Gewissheit zu erlangen, gründlich auseinanderzunehmen. Wie weit er dabei geht, wird der nächste Essay zeigen. Hier schauen wir zunächst nur darauf, was er sich nach dieser Demontage noch lässt.
Die Schwierigkeit der Skeptiker
Mitten im Kapitel hält er eine Schwierigkeit fest, in die eine Gruppe von Skeptikern gerät. Sie wollen sich nicht vorschnell auf eine Behauptung festlegen. Aber sie müssen sprechen, und sobald sie den Mund öffnen, beginnt das Problem.
Jemand kann ihnen entgegenhalten: Ihr sagt: ‚Ich weiß nichts.‘ Wisst ihr denn wenigstens das?
Der Einwand trifft eine empfindliche Stelle. ‚Ich weiß überhaupt nichts‘ klingt noch immer wie eine Behauptung. Wenn sie alles Wissen zurücknehmen will, müsste sie anscheinend sich selbst mit einschließen. Nimmt sie sich davon aus, müsste sie erklären, weshalb gerade ihr diese Ausnahme zusteht.
Montaigne berichtet, wie die Skeptiker sich daraus lösen. Dieser Satz, sagen sie, nehme sich selbst zusammen mit allem Übrigen fort. Dann bringt er einen Vergleich aus der Apotheke: Rhabarber führt das Schädliche ab und wird dabei selbst mit abgeführt.
Der Vergleich ist gerade deshalb gut, weil er nichts beschönigt. Er verschafft dem Satz keinen Platz, an dem dieser für immer unangefochten stehen könnte. Er sagt: Wenn der Satz seine Arbeit getan hat, muss auch er wieder fort.
Aus ihrem Gedanken wird sein eigener
Bis hierhin hat er etwas über andere festgehalten: ihre Schwierigkeit und ihren Ausweg. Er war derjenige, der davon berichtete.
Doch während er berichtet, sagt er etwas Eigenes. Sicherer, meint er, lasse sich der Gedanke ausdrücken, wenn man ihn als Frage stelle.
Que sais-je? Was weiß ich?
Darauf folgt etwas noch Ungewöhnlicheres. Er sagt, er trage diese Worte als seinen eigenen Wahlspruch, verbunden mit dem Bild einer Waage.
Welchen Platz ein Wahlspruch einnimmt
Ein Wahlspruch hat etwas von einer Inschrift über der Tür.
Ob Familienleitsatz, Hausname oder persönliches Motto: Solche Worte sollen gewöhnlich für etwas einstehen, das man bejaht. Sie sollen Bestand haben, viele Jahre dort hängen können und einem Eintretenden auf den ersten Blick zeigen, wozu man sich bekennt.
An genau diesen Platz setzt er eine Frage.
Dazu passt die Waage. Sie hält beide Seiten vorerst in der Schwebe, bis gewogen werden kann. Hier wirkt sie nicht wie ein Siegel, das einen Sieg verkündet, sondern eher wie die Bitte, mit dem Urteil noch einen Augenblick zu warten.
Hat er diese Worte später verändert?
Dafür müssen wir das Bordeaux-Exemplar aufschlagen: seinen eigenen Druck von 1588, der die Handschrift der folgenden Jahre trägt.
Que sais-je steht bereits im Druck. Die spätere handschriftliche Schicht verändert diese Worte nicht. Am unmittelbar folgenden Satzteil dagegen hat er gearbeitet. Dort stand gedruckt: Voyla comme je la porte. Das erste Wort, Voyla, hat er gestrichen.
Seine Feder kam also bis neben die Frage, ohne sie zurückzunehmen. Dass sie stehen blieb, bedeutet nicht, dass er sich damit erneut zu ihr bekannte. Trotzdem lohnt es sich, bei dieser Nähe zu verweilen: Er ist an diese Stelle zurückgekehrt, und die Frage steht noch da.
Zum Schluss
Eine Frage macht es einem leichter – und auch wieder nicht.
Sie verkündet ‚Ich weiß nichts‘ nicht länger als gesichertes Wissen und vermeidet damit den eben beschriebenen unmittelbaren Selbstwiderspruch. Gegen weitere Fragen ist sie deshalb aber nicht immun. Weshalb fragt sie? Wo hört sie auf? Und worauf stützt sich das Leben danach? All das steht noch aus.
Montaigne sagt nicht, dass er gewonnen habe. Er verbindet die Frage mit einer Waage. Die bleibt vorerst in der Schwebe; sie schließt die Angelegenheit nicht für ihn ab.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
Ein heutiger Denkansatz namens SAE verwendet einen ähnlichen Test: Lässt sich ein Einwand aussprechen, ohne dabei selbst das zu tun, wogegen er sich richtet? SAE sucht damit nach dem, was sich nicht zurücknehmen lässt. Montaigne weicht an dieser Stelle dagegen von der Form der Behauptung zurück. Dasselbe Werkzeug dient im einen Fall dazu, etwas festzuhalten, im anderen dazu, zurückzutreten. Das ist eine Gegenüberstellung, keine Behauptung, einer sei vom anderen abgeleitet, und auch keine Gleichsetzung ihrer Argumente.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenTextfassung und Quellen
Dieser vollständige deutsche Essay ist eigenständig nach dem chinesischen Lesertext geschrieben. Die bestehende englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch enthalten den vollständigen Text. Montaignes Worte werden lesbar wiedergegeben, nicht einer modernen Übersetzung entnommen. Der Text von 1595 erschließt die Passage in II.12; die verlinkte Handschrifttranskription dient dem Blick auf die Änderungen im Bordeaux-Exemplar.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Nach Essais II.12, Apologie für Raymond Sebond, wiedergegeben. Dass eine Frage eine andere Funktion erfüllt als eine Behauptung, macht sie nicht unwiderlegbar. Am Ende wird ausdrücklich zwischen dem Erhalt der Worte und einer fortdauernden Zustimmung ihres Autors unterschieden.