SAE liest Descartes · 04
Wenn der Geist mit dem Fleisch streitet
Der eine nennt den anderen „Geist“, der antwortet mit „Fleisch“. Am Ende tritt hinter der Rolle wieder ein Mensch mit einem eigenen Namen hervor.
Die Fünften Einwände stammen von Gassendi. Sie sind so umfangreich, dass Descartes ihre Länge später sogar in seiner Erklärung zur französischen Ausgabe eigens erwähnt.
Was an dieser Auseinandersetzung auffällt, ist aber weniger der Umfang als die Art, wie die beiden einander anreden.
Den Namen hat er sich selbst gegeben
In der zweiten Meditation gelangt Descartes zu einer Feststellung: Genau genommen sei er also lediglich ein denkendes Ding, das heißt ein Geist. Es folgt noch eine Bemerkung: Die Bedeutung dieser Wörter sei ihm früher nicht bekannt gewesen.
Das ist ein Name, den er sich selbst gibt, und zwar gerade erst.
Gassendi zitiert diesen Satz und erklärt dann sinngemäß: „An dieser Stelle gestehe ich, dass ich mich geirrt habe. Ich glaubte, mit der Seele eines Menschen zu sprechen – mit dem also, wodurch er lebt, empfindet, sich bewegt und versteht. Nun stellt sich heraus, dass ich bloß mit einem Geist rede, der nicht nur den Körper, sondern zugleich auch die Seele abgelegt hat.“
Von da an redet er Descartes wiederholt so an: „O Geist“, „O guter Geist“.
Grob klingt das nicht. Im selben Abschnitt spricht Gassendi ihn auch als ausgezeichneten Mann an. Die Spitze ist dennoch klar: Wenn Sie sagen, dass Sie bloß Geist sind, dann werde ich eben nur mit diesem Geist reden.
Der Name, der zurückkommt
In den Fünften Erwiderungen beginnt Descartes mit einem Lob.
„Dann bedienen Sie sich einer durchaus gefälligen Personifikation“, schreibt er sinngemäß. „Sie befragen mich nicht mehr als ganzen Menschen, sondern als abgetrennte Seele. Damit scheinen Sie mich daran erinnern zu wollen, dass diese Einwände nicht dem Geist eines scharfsinnigen Philosophen entspringen, sondern einzig dem Fleisch.“
Dann gibt er die Anrede zurück: „So frage ich Sie, o Fleisch – oder wie immer Sie genannt werden möchten –: Haben Sie denn so wenig Umgang mit dem Geist?“
Auch diese Anrede kehrt mehrfach wieder. Einmal lautet sie: „O allerbestes Fleisch“.
Beide wiederholen ihre Bezeichnungen, aber sie gewinnen sie auf verschiedene Weise. Gassendi hält Descartes dessen eigene Aussage vor: Sie sagen, Sie seien bloß Geist; also nenne ich Sie Geist. Descartes nimmt dagegen die von Gassendi gewählte Gesprächsanordnung auf: Wenn Sie mich als abgetrennte Seele befragen, dann scheint auch klar, woher Ihre Fragen kommen.
Ausgezeichnet!
Eine Stelle dieses Wortwechsels lohnt es sich im Zusammenhang anzusehen.
Gassendi will einmal zeigen, dass nicht alles klar und deutlich Erkannte wahr sein müsse. Dafür beruft er sich auf die Alten: Selbst so große Geister, die vieles hätten klar erkennen sollen, hätten geglaubt, die Wahrheit verberge sich bei Gott oder auf dem Grund eines Brunnens.
Descartes’ erster Antwortsatz lautet sinngemäß: „Ausgezeichnet! Hier bringen Sie endlich einen Grund gegen mich vor. Das habe ich Sie zuvor nirgends tun sehen.“
Dann fährt er fort: „In diesem Punkt räume ich ein, dass Sie sich auf Autorität berufen und richtig argumentieren. Sie sollten aber bedenken, o Fleisch, dass Sie hier einem Geist gegenüberstehen, der von allem Körperlichen so weit entfernt ist, dass er nicht einmal weiß, ob es vor ihm überhaupt Menschen gegeben hat. Die Autorität früherer Menschen vermag ihn deshalb nicht zu bewegen.“
Hier geschieht etwas, das man leicht überliest.
Die Anrede „Geist“ hatte Gassendi ursprünglich als Spott gebraucht. Nun nimmt Descartes sie an und setzt sie gegen ein Argument ein. Sie behaupten, ich sei bloß Geist? Gut: Ein Geist, der sich so weit vom Körperlichen entfernt hat, weiß tatsächlich nicht einmal, ob es vor ihm andere Menschen gab. Dann gelten für ihn auch die von Ihnen angeführten früheren Autoritäten nicht.
Er versucht nicht, den Scherz zu widerlegen. Er zieht gewissermaßen in ihn ein und lässt ihn für sich arbeiten.
Der Satz zum Abschied
Am Ende hält Descartes inne und gibt dem ganzen Wortwechsel einen Namen. Sein Abschluss besteht aus zwei Sätzen.
Der erste besagt: „Bis hierher hat der Geist mit dem Fleisch gestritten und ihm mit Recht an vielen Stellen widersprochen; nun aber, da wir zum Schluss kommen, erkenne ich den wirklichen Gassendi an, den ich als ausgezeichneten Philosophen bewundere und dem ich als einem für die Aufrichtigkeit seines Herzens und die Rechtschaffenheit seines Lebens berühmten Menschen mit Zuneigung begegne; künftig möchte ich alles in meiner Macht Stehende tun, um seine Freundschaft zu verdienen.“
Damit bezeichnet Descartes Geist und Fleisch selbst als zwei Rollen. Der wirkliche andere ist weder „Geist“ noch „Fleisch“, sondern ein Mensch mit einem eigenen Namen.
Der nächste Satz ist eine Entschuldigung. Aber mit der Entschuldigung ist dieser Satz noch nicht zu Ende:
„Deshalb bitte ich ihn, mir die philosophische Freiheit beim Widerlegen nicht zu verübeln; was in seinen Einwänden steht, nehme ich aufrichtig entgegen; und zu dem, was mich daran freut, gehört dies: In einer so langen und sorgfältig ausgearbeiteten Abhandlung eines so berühmten Mannes fand sich kein einziger Grund, der meine Gründe getroffen hätte, und keiner gegen meine Schlussfolgerungen, auf den ich nicht mit größter Leichtigkeit hätte antworten können.“
Entschuldigung, Entgegennahme der Kritik und Meldung des Erfolgs stehen im selben Satz. Der Erfolg wird als eines der Dinge vorgetragen, die Descartes aus den Einwänden seines Gegners entgegennimmt.
Die wiederholten „so“ stehen sämtlich in dieser Erfolgsmeldung: so berühmt, so lang, so sorgfältig. Den Maßstab hält dabei der Sprecher selbst in der Hand. Je gewichtiger der Gegner, desto mehr besagt es, wenn kein Argument getroffen hat. Der zuvor genannte „ausgezeichnete Philosoph“ entspricht dem „so berühmten Mann“ in diesem Satz. Die anerkennenden Worte schließen also nicht bloß das Gespräch ab. Sie verleihen zugleich der anschließenden Siegeserklärung Gewicht.
Diesen Zug kennen wir aus dem ersten Essay: Im Vorwort gab es viele verschiedene Kritiker, Arnauld hatte besonders hart angegriffen, Gassendi war besonders scharfsinnig. Dort wurde die Bedeutung des Gegners dafür herangezogen, das Gewicht der von ihm nicht angegriffenen Stellen einzuschätzen. Hier geht es um das, was er tatsächlich gesagt hat. Ob seine Gründe getroffen haben, ist Descartes’ Urteil. Die Einwände selbst stehen unmittelbar davor im Buch.
Am Mikrofon nach dem Spiel
Ein Wettkampf ist vorbei. Der Sieger tritt ans Mikrofon und sagt: „Das war der stärkste Gegner, dem ich je begegnet bin.“
Das kann aufrichtig gemeint sein. Gleichzeitig tut der Satz aber noch etwas anderes: Je stärker der Gegner, desto wertvoller der Sieg. Der Sprecher muss sich dessen nicht bewusst sein; dieser Zusammenhang ist trotzdem da.
Die Zuhörer werden ihn deshalb auch nicht gleich für einen Heuchler halten. Beides kann nebeneinanderstehen: aufrichtiger Respekt und ein Sieg, dessen Bedeutung man anerkannt sehen möchte.
Zum Schluss
Der Wortwechsel hatte noch eine Fortsetzung.
Gassendi ließ es nicht dabei bewenden. Er schrieb einen weiteren langen Text, in dem er Descartes’ Antworten Punkt für Punkt erneut entgegentrat. Zunächst ging er nur unter einigen Freunden um. Später erbat sein Freund Sorbière das Manuskript und ließ es 1644 in Amsterdam drucken. Einwand, Erwiderung und erneuter Einwand wurden jeweils miteinander verschränkt angeordnet. Dazu kam ein Nachdruck von Descartes’ Meditationen mit eigener Seitenzählung.
Wenn Descartes später von diesem Band sprach, nannte er ihn das große Buch.
So war es nun gekommen: Descartes’ Buch enthielt Gassendis Einwände, Gassendis Buch Descartes’ Meditationen. Geist und Fleisch hatten einen ganzen Streit miteinander ausgetragen. Am Ende war jeder von ihnen im Band des anderen mit eingebunden.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
In der ersten SAE-Kritik heißt es, niemand werde ermächtigt, einen Menschen bloß als Mittel zu behandeln. Entscheidend ist „bloß“: Nicht jede Inanspruchnahme eines Menschen ist damit ausgeschlossen, sondern dass nichts anderes als seine Verwendbarkeit übrig bleibt. In der Abschiedspassage stehen die Anerkennung des Menschen und das Abwägen seines Gewichts nebeneinander. Ob damit vermieden wird, dass er nur noch benutzt wird, lässt sich nicht allein an diesem Abschnitt beurteilen. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenQuellen und Lesehinweis
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist unmittelbar nach dem chinesischen Text eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Historische Grundlage ist die hier einzeln nachgewiesene Ausgabe. Die Zitatwiedergaben folgen den erläuterten Ausgangsstellen und übernehmen keine moderne deutsche Übersetzung. Rollenbezeichnungen, Respektbekundungen und die Siegeserklärung des Autors werden nicht zu einem Urteil über die Persönlichkeit des Gegners zusammengezogen.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Die Hauptstellen sind die zweite Meditation, die Abschnitte über das denkende Ding in den Fünften Einwänden sowie die entsprechenden Abschnitte und der Schluss der Fünften Erwiderungen. Weder die Rollenbezeichnungen noch die Siegeserklärung des Autors sind unmittelbar Urteile über die Persönlichkeit des anderen.
Die genaue Anzahl der Anreden und die Seitenzahl von Gassendis erneutem Angriff konnten nicht hinreichend eindeutig unabhängig überprüft werden. Der Haupttext behält die auffindbaren Wiederholungen und das wechselseitige Abdrucken der Texte bei. Er macht seine Überlegung nicht von diesen genauen Zahlen abhängig.