SAE liest Descartes · 03
„Dem zweiten Teil bin ich ausgewichen“
Nicht jede seiner Erwiderungen beschreibt Descartes als Sieg. Latein und Französisch bewahren dabei nicht ganz dieselben Worte.
Arnaulds Einwände haben drei Teile: über die Natur des Geistes, über Gott und über das, was Theologen beunruhigen könnte. Descartes gliedert seine Erwiderung entsprechend in drei Teile.
Am Anfang des dritten hält er kurz inne und bewertet, wie er auf diese ganze Gruppe geantwortet hat.
Vier Felder
Der Satz lautet sinngemäß:
„Den ersten Einwänden bin ich unmittelbar entgegengetreten; den zweiten bin ich ausgewichen; den folgenden stimme ich einfach zu; nur beim letzten hoffe ich, ihn ohne große Mühe zur Zustimmung zu meiner Auffassung bewegen zu können.“
Ein Satz, vier Felder: entgegengetreten, ausgewichen, zugestimmt, noch keine Einigung.
Gedruckt steht das in seinem eigenen Buch, nach den Einwänden des anderen, als erster Satz des dritten Teils seiner Erwiderung. Diese Beurteilung hat er selbst eingetragen.
Auffällig ist das zweite Feld. Er hält ausdrücklich fest, dass er an einer Stelle ausgewichen ist.
Das betreffende Wort
Im Lateinischen steht declinavi, von declinare: zur Seite weichen, ausweichen, etwas nicht frontal aufnehmen.
Das Wort taucht nicht erst hier auf. Schon zu Beginn des Abschnitts über Gott kündigt er sein weiteres Vorgehen an: Bisher habe er nach Kräften versucht, die Argumente dieses Herrn aufzulösen und seinen Angriffen standzuhalten. Jetzt wolle er es denen gleichtun, die gegen einen Stärkeren kämpfen: Statt den Schlag direkt aufzunehmen, wolle er lieber seitlich ausweichen. Es ist dasselbe Wort. Erst heißt es: „Ich werde ausweichen“, am Anfang des dritten Teils dann: „Ich bin ausgewichen.“
Gemeint ist mit den zweiten Einwänden also der Abschnitt über Gott. Das hat Descartes selbst durch diese beiden Stellen kenntlich gemacht.
Ein Missverständnis müssen wir vermeiden: Er hat sehr wohl geantwortet, und zwar ausführlich. Die Erwiderung über Gott ist für sich schon ein längerer Text. „Ausgewichen“ bedeutet hier nicht, dass er eine leere Seite hinterlassen hätte, sondern dass er den Angriff nicht frontal aufgenommen hat.
Unmittelbar nach jener Ankündigung sagt er, der Gegner habe in diesem Teil nur drei Dinge angesprochen, die sich in dessen Verständnis ohne Schwierigkeiten einräumen ließen. Beim Schreiben habe er jedoch einen anderen Sinn im Auge gehabt, den er ebenfalls für wahr halte. Auch der im zweiten Essay besprochene Zirkeleinwand wird in diesem Teil beantwortet, ohne zu diesen drei Dingen zu gehören. Auf ihn antwortet Descartes durch einen Verweis zurück auf frühere Stellen.
In der französischen Ausgabe lautet der Satz am Beginn des dritten Teils allerdings anders.
Dort heißt es: „Den zweiten habe ich zu begegnen versucht.“
Die französische Wendung parer à kann ein Abwehren, Parieren oder einen Versuch des Umgangs mit etwas bezeichnen. Sie muss nicht heißen, dass man einen Angriff frontal aufnimmt. Ihr Ton fällt mit dem lateinischen Zur-Seite-Weichen nicht ganz zusammen. Außerdem kommt ein „versucht“ hinzu, das im Lateinischen fehlt.
Die frühere Ankündigung am Beginn des Abschnitts über Gott spricht dagegen auch im Französischen noch vom Ausweichen: Er wolle jenen folgen, die auf einen zu starken Gegner treffen und lieber versuchen, den Schlägen auszuweichen, als sich ihrer Wucht unmittelbar entgegenzustellen. In ein und demselben französischen Buch steht an einer Stelle „ausweichen“, an der anderen „zu begegnen versuchen“.
Die beiden Formulierungen haben nicht ganz dasselbe Gewicht. Ob damit aber auch Descartes’ Einschätzung des Erfolgs seiner Erwiderung verändert wird, lässt sich aus dem einen Satz am Beginn des dritten Teils nicht sicher bestimmen.
Ebenso wenig beweist der Unterschied, dass der Übersetzer etwas manipuliert hätte. Nach Auskunft der Herausgeber der gesammelten Werke hat Descartes die französische Fassung mit Ausnahme der Fünften Einwände selbst durchgesehen und korrigiert. Diese Abweichung hat er bei seiner Durchsicht also zumindest stehen lassen.
Was er ausdrücklich einräumt
Nach dieser Selbsteinschätzung räumt er etwas Größeres ein.
Was in der ersten und auch in den folgenden Meditationen stehe, sei nicht für jedes Auffassungsvermögen geeignet: Das gestehe er ohne Weiteres zu. Er sage es auch nicht erst jetzt; früher habe er es schon gesagt und werde es bei Gelegenheit wiederholen.
Dann nennt er den Grund: Gerade deshalb habe er diese Überlegungen nicht in den in der Volkssprache geschriebenen Discours de la méthode aufgenommen, sondern für die Meditationen aufgespart. Und er habe mehrfach darauf hingewiesen, dass diese nur von den stärksten Köpfen gelesen werden sollten.
Man könnte einwenden: Dann hätten Sie sie doch lieber gar nicht schreiben sollen. Darauf lässt er sich nicht ein:
„Ich halte sie für so wichtig, dass ohne sie nichts Festes in der Philosophie begründet werden kann.“
Es folgt ein Vergleich:
Eisen und Feuer sind in den Händen von Kindern oder unvorsichtigen Menschen immer gefährlich. Trotzdem wird niemand verlangen, auf sie zu verzichten, denn sie sind für das Leben nützlich.
Und dann steht es auf Französisch da
Die eben wiedergegebenen Sätze folgen der französischen Ausgabe.
Ein französischer Leser findet also seit 1647 folgenden Gedankengang im Buch: „Diese Dinge eignen sich nicht für jeden. Darum habe ich sie damals nicht in das in der Volkssprache verfasste Buch aufgenommen, sondern den Meditationen vorbehalten. Und diese sollten nur die stärksten Köpfe lesen.“
Gedruckt steht das in einem öffentlich verkauften Buch in der Volkssprache.
Geändert hat sich die sprachliche Zugangsschwelle. Die Einschränkung des Leserkreises steht dagegen weiterhin an der Tür. Die französische Fassung ist durch Descartes’ Hände gegangen: Sie enthält eine Erklärung in seinem Namen, und über die Frage, ob eine Gruppe von Einwänden übersetzt werden solle, hat er mit dem Übersetzer gesprochen.
Beim Antworten von Punkt zu Punkt
Du erhältst einen Brief mit mehreren Einwänden. Beim Antworten kann etwas sehr Gewöhnliches geschehen. Die Punkte, die sich beantworten lassen, arbeitest du ausführlich ab. Den einen, der am meisten sticht, umgehst du im Lauf des Schreibens. Nicht, weil du dich absichtlich drücken willst. Du kommst an dieser Stelle nicht weiter, legst sie vorläufig beiseite und kehrst später nicht mehr zu ihr zurück.
Der abgeschickte Brief liest sich trotzdem wie eine vollständige Antwort. Nirgends steht: „Hier wurde ein Punkt übersprungen.“
Um die Lücke zu erkennen, müsste jemand die Punkte des ersten Briefes und die der Antwort nebeneinanderlegen und durchgehen. Das geschieht nicht von selbst. Hier liegt der Unterschied im Preis: Einen Punkt auszulassen kostet nichts und bleibt unsichtbar. Zu schreiben „Diesem Punkt bin ich ausgewichen“ steht dagegen schwarz auf weiß da und kann später jederzeit zitiert werden.
Descartes hat es geschrieben. Einmal vorher, einmal nachher.
Zum Schluss
Vier Felder hat er in seiner Selbsteinschätzung ausgefüllt. Im zweiten steht: „Ich bin ausgewichen.“
Im selben Abschnitt räumt er ein, dass nicht jeder dieses Buch lesen könne. Dafür nennt er einen nachdrücklichen Grund und liefert auch den Vergleich mit Eisen und Feuer.
Die beiden Aussagen nehmen anschließend verschiedene Wege. Aus „Ich bin ausgewichen“ wird im Französischen „Ich habe zu begegnen versucht“. „Nur von den stärksten Köpfen zu lesen“ bleibt dagegen derselbe Satz – nun gedruckt in einem öffentlich verkauften Buch in der Volkssprache.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
Die SAE-Theorie des Sinns formuliert eine Grenze: Ein Mensch soll sich selbst keine Vollständigkeit vortäuschen. Gemeint ist dort sein Verhältnis zu seiner eigenen Lebensbilanz, nicht die Frage, ob eine bestimmte Erwiderung alle Einwände beantwortet. Die Gegenstände sind verschieden. Hier werden sie nur nebeneinandergestellt: Auch Descartes füllt die Felder seiner Selbsteinschätzung nicht alle in derselben Farbe aus. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenQuellen und Lesehinweis
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text verfasst. Die englische Leserfassung ist ebenfalls unabhängig geschrieben; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die lateinische und die französische historische Ausgabe werden getrennt nachgewiesen. Zitate sind Lesefassungen nach dem erläuterten Ausgangstext, keine Übernahme aus einer modernen deutschen Übersetzung. Aus Unterschieden der Formulierung werden keine unbelegten Absichten des Übersetzers oder endgültigen Urteile über den Erfolg der Antwort abgeleitet.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Die betreffenden Stellen stehen am Anfang des Abschnitts über Gott und am Anfang des Abschnitts über mögliche Bedenken der Theologen in den Vierten Erwiderungen. Für Latein und Französisch sind die Bände VII und IX der Adam–Tannery-Ausgabe heranzuziehen.
Die französische Wendung parer à kann auch ein Parieren oder Abwehren meinen. Man sollte daraus keinen scharfen Gegensatz zwischen frontalem Entgegentreten und seitlichem Ausweichen machen. Der Essay hält einen Unterschied der Formulierung fest; er erklärt Descartes damit nicht zum Verlierer.