Essay lesen
Non Dubito

SAE liest Descartes · 02

„Mir bleibt nur noch ein Zweifel“

Arnauld benennt einen Zirkel. Descartes’ Antwort führt den Leser an frühere Stellen desselben Buches zurück.

Han Qin ·

Ein Einwand dieses Buches bekam später einen eigenen Namen. Als Zirkel formuliert wird er in den Vierten Einwänden, die das Buch selbst enthält. Mersennes Gruppe hatte dieselbe Schwierigkeit schon vorher angesprochen. Beide Wortmeldungen nahm der Autor in seinen Band auf.

Worin der Einwand besteht

Sehen wir uns zuerst an, gegen welchen Gedankengang er sich richtet.

Nach Arnaulds Darstellung geht Descartes in den sechs Meditationen so vor: Alles, was ich klar und deutlich erkenne, ist wahr. Mithilfe dieses Grundsatzes beweise ich die Existenz Gottes. Weil Gott aber nicht täuscht, ist tatsächlich alles wahr, was ich klar und deutlich erkenne.

Arnauld vermutet, dass sich diese Begründung im Kreis dreht. Er schreibt:

„Mir bleibt nur noch der Zweifel, wie er einen Zirkel vermeiden will. Er sagt, wir könnten nur deshalb sicher wissen, dass alles klar und deutlich Erkannte wahr ist, weil Gott existiert. Dass Gott existiert, können wir aber wiederum nur deshalb sicher wissen, weil wir es klar und deutlich erkennen. Also müssten wir schon vor der sicheren Erkenntnis der Existenz Gottes sicher wissen, dass alles klar und deutlich Erkannte wahr ist.“

Später wurde dieser Gedankengang als cartesianischer Zirkel bekannt. Mehr als dreihundert Jahre danach wird er immer noch diskutiert.

Wer es sagt – und wer es drucken lässt

Entscheidend ist hier, wo wir diesen Einwand finden.

Es handelt sich nicht um eine Schwäche, die erst spätere Leser entdeckt hätten. Der Einwand gehörte zu den vor dem Druck erbetenen Stellungnahmen. Der Autor nahm ihn auf und ließ ihn hinter seinem Haupttext abdrucken.

Arnauld äußert ihn zudem sehr höflich. Er schreibt nicht: „Ich habe eine Lücke erwischt“, sondern: „Mir bleibt nur noch ein Zweifel.“ In dieser Gruppe von Einwänden tritt er erst als Philosoph, dann als Theologe auf. Der Zirkeleinwand beschließt den Teil des Philosophen.

Danach setzt er noch hinzu: „Eine eben vergessene Bemerkung möchte ich ergänzen.“ Es folgt ein neuer Einwand: Descartes behaupte, der Geist wisse von allem, was in ihm vorgehe. Das scheine ihm falsch; man denke etwa an ein ungeborenes Kind.

Ein Einwand, der das ganze Buch erschüttern könnte, und unmittelbar dahinter eine beiläufige Ergänzung. So klingt jemand, den man ausdrücklich gebeten hat, nach Schwächen zu suchen.

Wie Descartes antwortet

Die Antwort steht im selben Buch, einige Dutzend Seiten weiter.

Descartes macht eine Unterscheidung: Etwas jetzt gerade klar erkennen und sich daran erinnern, es früher klar erkannt zu haben, sind zwei verschiedene Dinge.

Für das Erste braucht er Gott nicht. Solange man die betreffenden Gründe unmittelbar vor Augen hat, trägt der Beweis der Existenz Gottes aufgrund dieses gegenwärtigen Erkennens. Erst beim Zweiten wird Gott gebraucht: Später betrachtet man die Gründe nicht mehr; man erinnert sich nur noch. Damit diese Erinnerung weiterhin als gesicherte Erkenntnis gelten kann, braucht sie eine weitere Stütze. Gott trägt bei Descartes das Zweite, nicht das Erste. Seiner Ansicht nach entsteht deshalb kein Zirkel.

Ob diese Antwort ausreicht, entscheidet diese Reihe nicht. Hier geht es zunächst um etwas anderes.

Ein Buch, das auf sich selbst zurückverweist

Bei seiner Antwort schreibt er: „Das habe ich im dritten und vierten Abschnitt meiner Antwort auf die Zweiten Einwände bereits hinreichend erläutert.“

Er führt die Erklärung nicht noch einmal vollständig aus, sondern verweist auf eine frühere Erwiderung im selben Band. Dort hatte er auf dieselbe Frage geantwortet, die Mersennes Gruppe schon gestellt hatte: „Wenn Sie vor der sicheren Erkenntnis Gottes nichts sicher erkennen können, können Sie auch noch nicht sicher wissen, dass Sie ein denkendes Ding sind. Und ein Geometer, der nicht an Gott glaubt, erkennt doch ebenfalls klar und deutlich, dass die drei Winkel eines Dreiecks zusammen zwei rechte Winkel ergeben.“

Auch in der Antwort an Mersenne beginnt Descartes nicht von vorn. Er sagt sinngemäß: „Dort habe ich ausdrücklich erklärt, dass ich nur von der Gewissheit jener Schlussfolgerungen spreche, bei denen wir die Gründe nicht mehr betrachten, aus denen sie abgeleitet wurden, sondern uns nur noch an sie erinnern.“ Mit „dort“ meint er die fünfte Meditation.

Die Bewegung geht also so: Die fünfte Meditation enthält die Unterscheidung. Mersenne fragt danach, und Descartes verweist auf die Meditation zurück. Arnauld fragt in anderer Form erneut und nennt die Schwierigkeit einen Zirkel. Nun verweist Descartes auf die Antwort an Mersenne. Dieselbe Frage wird zweimal gestellt; beide Male führt der Verweis zurück.

Damit wird deutlicher, wie dieses Buch gebaut ist. Einwände und Erwiderungen sind nicht bloß ein Stapel Anhänge. Sie und die sechs Meditationen verweisen aufeinander. Schon im Vorwort bittet Descartes darum, die Einwände und Antworten vollständig zu lesen, bevor man über die Meditationen urteilt. Wer sie überspringt und nur die sechs Meditationen liest, liest ein Buch, dem Teile fehlen.

Ein Bekannter – und der Gasherd

Den von Arnauld beschriebenen Kreis gibt es auch im Alltag.

Du möchtest wissen, ob jemand zuverlässig ist, und fragst einen Bekannten, den gerade dieser Mensch dir vorgestellt hat. Das allein ist noch kein Zirkel. Der Bekannte kann ihn tatsächlich gut kennen. Zum Zirkel wird es erst so: Du vertraust dem Bekannten ausschließlich, weil der andere ihn für zuverlässig erklärt; dem anderen vertraust du wiederum ausschließlich, weil der Bekannte ihn für zuverlässig erklärt. Beide stützen sich nur gegenseitig. Eine dritte Grundlage fehlt.

Auch für Descartes’ Unterscheidung gibt es eine Alltagsszene.

Du bist zwei Straßen von zu Hause entfernt und weißt auf einmal nicht mehr, ob du das Gas abgedreht hast. Tatsächlich hast du es abgedreht und dabei hingesehen. Jetzt hast du aber nur noch die Erinnerung daran. Der damalige Blick und die heutige Erinnerung unterscheiden sich nicht einfach nur durch den Zeitabstand. Manche kehren um: Sie lassen diese Erinnerung nicht gelten. Andere gehen weiter und vertrauen ihr.

Descartes sucht einen Halt, der die Erinnerung tragen soll. Unter sie setzt er Gott.

Zum Schluss

Spätere Leser haben dieser Schwierigkeit einen Namen gegeben.

Gestellt haben die Frage zwei Gruppen; beide Male drucken ließ sie Descartes. Er versteckte sie nicht an einer unauffälligen Stelle. Selbst Arnaulds höfliche Einleitung und die nachgeschobene weitere Bemerkung stehen mit dabei.

In der Antwort an Arnauld verweist er auf seine Antwort an Mersenne, und die verweist auf die Meditationen. Wer die letzte Antwort verstehen will, muss zuerst Mersennes Frage und Descartes’ damalige Erwiderung lesen.

Freiwillige SAE-Randbemerkung

Die erste SAE-Kritik verwendet eine Prüfung, die nach etwas sucht, das sich im Aussprechen nicht zurücknehmen lässt. Arnauld setzt eine andersartige Prüfung von ähnlicher Gestalt ein: Er macht eine Schlussfolgerung kenntlich, die in der Begründung schon vorausgesetzt wird. Das sind nicht dieselben Prüfungen. Es ist eine Randbemerkung, kein Beweis.

Die zugehörige SAE-Reihe lesen
Quellen und Lesehinweis

Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; vereinfachtes und traditionelles Chinesisch bieten den vollständigen Text. Die historische Grundlage dieser Folge bleibt die einzeln angegebene Ausgabe. Die Zitatwiedergaben sind Lesefassungen, keine Übernahme aus einer modernen deutschen Übersetzung. Der begleitende SAE-Vergleich ersetzt weder die historische Quelle noch die offene Prüfung des Arguments.

Hinweise zu Text und Ausgabe

Die besprochenen Stellen finden sich in den Vierten Einwänden und Erwiderungen, im dritten bis vierten Abschnitt der Zweiten Erwiderungen sowie in der fünften Meditation. Wiedergegeben wird Descartes’ Unterscheidung zwischen gegenwärtiger Einsicht und späterer Erinnerung. Damit wird nicht entschieden, dass der cartesianische Zirkel gelöst sei.

Die Szenen mit dem vermittelten Bekannten und dem Gasherd sind erläuternde Vergleiche dieser Reihe, keine Beispiele aus Descartes’ Originalbuch.