SAE liest Descartes · 01
Die Einwände waren von ihm selbst bestellt
Je mehr den eingeladenen Gegnern zuzutrauen ist, desto eher kann der Autor auch aus ihrem Schweigen etwas herauslesen.
Der übliche Ablauf hätte so aussehen können: Ein Buch erscheint, jemand widerspricht in einem anderen Buch, der Autor antwortet. Das Hin und Her dauert Jahre und verteilt sich auf mehrere Bände.
Dieses Buch nahm einen anderen Weg. Die Einwände wurden schon vor dem Druck eingeholt.
Ein Brief, der mit einer Beschwerde beginnt
Die Vierten Einwände stammen von Arnauld. Sie beginnen mit einem Brief an Mersenne, und schon der erste Satz ist eine Beschwerde.
„Sie wollen mir Ihre Wohltat nicht umsonst gewähren“, schreibt er sinngemäß. „Sie verlangen eine Gegenleistung, und keine geringe: Nur wenn ich meine Meinung beisteuere, darf ich dieses Buch lesen.“
Dann kündigt er an, hier zwei Rollen zu übernehmen, zunächst die des Philosophen, danach die des Theologen. Bevor der Einwender loslegt, erklärt er also, dass er zweimal mit einem anderen Gesicht auftreten wird.
Am Ende setzt er noch hinzu: „Sollte das Ergebnis schlecht ausfallen, ist es Ihre Schuld. Schließlich haben Sie mich dazu gezwungen.“
Dieser Brief wurde mitgedruckt. Die Beschwerden über die erzwungene Mitarbeit stehen in Descartes’ eigenem Buch.
Der Autor nennt seinen Grund
Vor den sechs Meditationen steht ein Vorwort an den Leser. Dort erklärt Descartes sein Vorhaben.
„Zunächst lege ich meine Gedanken in den Meditationen dar“, sagt er, „um zu sehen, ob dieselben Gründe auch andere überzeugen können. Danach will ich auf die Einwände einiger hervorragender Gelehrter antworten, denen diese Meditationen vor dem Druck zur Prüfung vorgelegen haben.“
Daran schließt der entscheidende Gedankengang an: Die Einwände seien so zahlreich und so verschieden, dass er hoffen dürfe, anderen werde kaum noch etwas Wichtiges einfallen, das jene nicht bereits berührt hätten.
Deshalb bittet er die Leser, ihr Urteil über die Meditationen aufzuschieben, bis sie sämtliche Einwände und Antworten gelesen haben.
Nach dieser Rechnung gewinnt auch das, was die Gegner nicht angreifen, an Gewicht, wenn die Gegner selbst Gewicht haben. Bei einem Gegner, der den Autor schonen will, lässt sich mit dem Verschwiegenen dagegen wenig anfangen.
Zweimal greift er darauf zurück
Am Anfang der Vierten Erwiderungen trägt er denselben Gedanken noch einmal vor, diesmal auf eine einzelne Person bezogen.
Arnauld habe ihn so hart bedrängt, sagt er, dass niemand zu fürchten brauche, er habe sich aus persönlicher Rücksicht zurückgehalten. Deshalb kümmerten ihn dessen Einwände weniger, als ihn freue, dass Arnauld an weit mehr Stellen keine Einwände erhoben habe.
In der Antwort an den Verfasser der Fünften Einwände dreht er den Gedanken in eine andere Richtung.
Er schreibt Gassendi sinngemäß: „Sie scheinen meine Gründe weniger zu widerlegen als ihnen mit geschickten rhetorischen Wendungen auszuweichen. Doch selbst dafür bin ich Ihnen dankbar. Es lässt mich vermuten, dass es nicht leicht war, andere Gründe als die schon in den früheren Gruppen vorgebrachten zu finden. Jene Einwände haben Sie gelesen. Wären neue Gründe vorhanden gewesen, hätten Ihre Scharfsinnigkeit und Ihre Mühe sie nicht übersehen.“
Er nennt seinen Gegner damit nicht dumm. Er nutzt gerade dessen Stärke: Weil Gassendi ein so fähiger Mann ist, wird der Umstand, dass er keinen neuen Grund vorgebracht hat, selbst zu einer Nachricht. Wenn selbst ein solcher Leser nichts findet, vermutet Descartes, dass derartige Gründe nicht leicht zu finden sind.
Im Vorwort waren es viele unterschiedliche Leser, bei Arnauld war es die Schärfe des Angriffs, bei Gassendi der Scharfsinn. An allen drei Stellen macht Descartes aus einer Fähigkeit der anderen einen Anhaltspunkt für seine eigene Sache.
Damit diese Umrechnung trägt, muss allerdings etwas vorausgesetzt sein: Der Gegner ist tatsächlich fähig, und die Leser können seine Fähigkeiten selbst beurteilen. Deshalb müssen die Einwände gedruckt und gelesen werden. Darum bittet Descartes sie, vor einem Urteil erst alles durchzulesen. Es genügt nicht zu behaupten: „Ich habe die Prüfung bestanden.“ Die Prüfung muss auf dem Papier stehen, damit jeder selbst abwägen kann, wie anspruchsvoll sie war.
Was nicht beanstandet wurde
Du gibst jemandem einen eigenen Text und bittest um Kritik.
Die Kritik kommt, und sie fällt deutlich aus. Nun streitet ihr über die angesprochenen Punkte: Welcher Einwand trifft nicht zu? Welcher beruht auf einem Missverständnis? Nach dieser Auseinandersetzung atmest du auf.
Eine andere Frage bleibt oft unbeachtet: Was ist mit all den Stellen, an denen niemand etwas beanstandet hat? Dieses Schweigen hat keine sichtbare Gestalt, es sticht nicht und verlangt keine Antwort. Deshalb lässt man es leicht unberücksichtigt. Dennoch muss es nicht nichts bedeuten. Wenn jemand wirklich nach Schwächen gesucht hat, kann auch das Ausbleiben eines Einwands an einer bestimmten Stelle einen gewissen Hinweis geben.
Wie viel es besagt, hängt davon ab, wohin dieser Leser tatsächlich geschaut hat. Wer nur das erste Kapitel gelesen hat und zum fünften schweigt, liefert damit keinerlei Hinweis auf das fünfte.
Zum Schluss
Im Buch sitzt ein Mensch mehrere Tage am Feuer und denkt nach. Außerhalb des Buches geht das Manuskript an Menschen, die es angreifen sollen. Angriffe und Antworten erscheinen dann gemeinsam dahinter. Diese Auseinandersetzungen nehmen weit mehr Raum ein als die Meditationen der vorangegangenen Tage.
Der Autor hat sein Urteil abgegeben: Die wichtigen Einwände dürften wohl alle hier versammelt sein.
Und er hat in dasselbe Buch die Materialien aufgenommen, an denen dieses Urteil auch scheitern könnte.
Freiwillige SAE-Randbemerkung
In der ersten SAE-Kritik steht, dass die Fragen anderer eine Überprüfung ermöglichen, für die man durch bloßes Selbstbefragen nicht einstehen kann. Gleich darauf wird klargestellt: Es ist nicht die einzige Art der Überprüfung. Descartes geht in seinem Vorwort einen Schritt weiter. Weil so viele unterschiedliche Menschen gefragt haben, dürften die wichtigen Fragen wohl bereits berührt sein. Das ist eine Randbemerkung, kein Beweis.
Die zugehörige SAE-Reihe lesenQuellen und Lesehinweis
Dieser vollständige deutsche Leseressay ist eigenständig nach dem chinesischen Text geschrieben. Die vorhandene englische Fassung ist ebenfalls unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen sind vollständig. Die unten genannte historische Quelle gehört zu dieser Folge und wird nicht durch eine gemeinsame moderne SAE-Arbeit ersetzt. Die Zitatwiedergaben sind eigens für diese Lesereihe formuliert, nicht einer modernen deutschen Übersetzung entnommen.
Hinweise zu Text und Ausgabe
Die Hauptgrundlage bilden das lateinische Vorwort an den Leser sowie die Anfänge der Vierten und Fünften Erwiderungen. Was sich daraus entnehmen lässt, dass ein Gegner keinen Einwand erhoben hat, hängt vom Umfang und von der Gründlichkeit seiner tatsächlichen Prüfung ab. Der Essay erklärt damit nicht sämtliche möglichen Einwände gegen Descartes für ausgeräumt.
Das chinesische Ausgangsmanuskript nannte ein fünffaches Längenverhältnis, ohne dessen Zählweise anzugeben. Stattdessen wird hier ein Größenvergleich verwendet, der nicht von einer bestimmten Ausgabe abhängt.