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Meißel-Konstrukt-Zyklus · US-Präsidenten
Essay 22 von 26

Folge 22: Kennedy und Johnson – Das Paradox von Einbeziehung und Eskalation

Das Paradox von Aufnahme und Eskalation

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

1. Das Paradox von Einbeziehung und Eskalation

Am Ende des vorigen Essays stand ein Ausblick: Die Bewegung von unten würde ihren Höhepunkt erreichen, ein junger Präsident würde ermordet werden, und sein Nachfolger, ein versierter Gesetzgeber, würde den seit einem vollen Jahrhundert unterdrückten, rassisch ausgeschlossenen Rest unmittelbar und in großem Umfang durch Bundesgesetze aufnehmen. Zwischen Kennedys Amtsantritt 1961 und Johnsons Ausscheiden 1969 lag nicht einmal ein Jahrzehnt. In diesen Jahren drängte jener tiefste Rest mit einer bis dahin unbekannten Wucht zurück ins Zentrum des institutionellen Aufbaus. Zugleich zog sich derselbe Präsidialstaat Schritt für Schritt in einen fernen Krieg hinein.

Die strukturelle These sei vorangestellt. Will man verstehen, wie der uneingelöste Universalismus am weitesten und zugleich am widersprüchlichsten Eingang in die amerikanischen Institutionen fand, lässt sich die Hauptlinie in einem Satz fassen: Auf der einen Seite zwang die schwarze Bevölkerung, die so lange aus der politischen Gemeinschaft ausgeschlossen gewesen war, den Bund endlich dazu, seine Regeln neu zu schreiben; auf der anderen Seite weitete derselbe Präsidialstaat in Vietnam die Macht der Exekutive aus und verwandelte eine Frage der äußeren Ordnung in einen Kriegssumpf. Das sind keine zwei voneinander unabhängigen Geschichten. Es ist ein strukturelles Paradox: Zur selben Zeit nahm man im Innern Menschen in die Gemeinschaft auf und exportierte nach außen mit Zwang eine Ordnung.

Die wichtigste Feststellung dieses Essays lautet: Dieser Aufbau verwirklicht seine eigenen Grundsätze nicht von selbst. Dass in der Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen steht, lässt diese Gleichheit noch lange nicht allen zugutekommen. Immer wieder müssen gerade die Ausgeschlossenen ein Risiko eingehen und den Aufbau dazu zwingen, sich seinem eigenen, nie eingelösten universalistischen Versprechen zu stellen. Eine der großen Bewegungen, die genau das erzwangen, war die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre. Wir werden verfolgen, wie dieser ausgeschlossene Rest die Neufassung der Regeln erzwang und warum ein und dasselbe System ihn im Innern aufnehmen und gleichzeitig nach außen militärisch eskalieren konnte.

2. Kennedys Augenblick

Die Wahl von 1960 gab dem Kennedy-Mythos seine ersten Konturen. Es war ein außerordentlich knapper Sieg. Mit 303 gegen 219 Stimmen im Wahlkollegium schlug Kennedy Nixon; bei den landesweit abgegebenen Wählerstimmen lag zwischen ihnen weniger als ein Prozentpunkt. Dass seine Präsidentschaft mit einem knappen Sieg begann und nicht mit einem überwältigenden Mandat, ist entscheidend. Es erklärt seine häufige innenpolitische Vorsicht, seine zurückhaltenden Kalkulationen im Kongress und zugleich die Notwendigkeit, den eigenen Handlungsspielraum durch eine Politik der Bilder zu vergrößern.

Wer die Camelot-Erzählung zurechtrücken will, muss allerdings zwischen dem Bild und der politischen Bilanz unterscheiden. „Camelot“ wurde vor allem nach Kennedys Ermordung zu einem Deutungsrahmen der Erinnerung, den Jacqueline Kennedy maßgeblich mitgestaltete. Die kritischere Geschichtsschreibung betont dagegen, wie lange Kennedy in der Bürgerrechtsfrage auf kleine Schritte setzte. Außenpolitik und die Krisen des Kalten Krieges hatten für ihn Vorrang. Erst 1963, als der öffentliche Druck der Basisbewegung, die Krisen in Birmingham und an der University of Alabama sowie der Schaden für Amerikas internationales Ansehen sich kaum noch übergehen ließen, brachte er eine umfassende Bürgerrechtsgesetzgebung tatsächlich auf den Weg.

Auch seine Autorität im Kalten Krieg entstand in einer Folge von Krisen. Die Kubakrise gilt gewöhnlich als jene direkte Konfrontation, in der die beiden Supermächte einem Atomkrieg am nächsten kamen. Die herkömmliche Erzählung macht daraus oft einen Sieg von Kennedys Ruhe, Zurückhaltung und Geschick. Seit freigegebene Akten eine neue Bewertung ermöglichen, fällt das Urteil vorsichtiger aus. Viele Historiker betonen, wie viel Zufall dabei war, wie viel Glück inmitten versagender Kommunikation und wie viele Gefahren erst im Nachhinein deutlicher wurden, etwa der beinahe erfolgte Abschuss eines Atomtorpedos durch ein damit bewaffnetes U-Boot. Präziser wäre: Hier wurde geschickt gehandelt, aber die Lage war keineswegs sicher; es wurden Entscheidungen getroffen, aber nicht aus einer Position souveräner Gelassenheit. Den groß angelegten Krieg in Vietnam begann Kennedy zwar nicht, doch er weitete das amerikanische Engagement erheblich aus. Die Zahl der US-Militärberater stieg von einigen Hundert bei seinem Amtsantritt auf mehr als 16.000 Ende 1963.

Der eigentliche Wendepunkt seiner Bürgerrechtspolitik war die Fernsehansprache an die Nation am 11. Juni 1963, nach der Krise an der University of Alabama. An diesem Abend bezeichnete Kennedy die Bürgerrechte vor allem als eine moralische Frage und forderte den Kongress ausdrücklich auf, gegen die Rassentrennung in öffentlich zugänglichen Einrichtungen vorzugehen. Entscheidend ist: Das war kein isolierter Augenblick plötzlicher Erleuchtung. Die Bewegung an der Basis hatte den Chef der Exekutive gezwungen, seine Prioritäten neu zu ordnen. In der Geschichte, die uns hier beschäftigt, war Kennedy daher eher ein Wegbereiter dieser Öffnung als der Mann, der das Versprechen entscheidend einlöste.

3. Der Aufstieg der Bürgerrechtsbewegung

Die neuere Geschichtsschreibung wehrt sich zunehmend dagegen, die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre auf die Reden einiger großer Männer und die Unterschriften von Präsidenten zu reduzieren. Mehr erklärt ein Blick auf die Infrastruktur der Bewegung. Aus den studentischen Sit-ins von 1960 ging unmittelbar das Student Nonviolent Coordinating Committee hervor, kurz SNCC, das Koordinationskomitee der gewaltfreien Studentenbewegung. Es bestand überwiegend aus schwarzen Studierenden, setzte auf friedliche direkte Aktionen und bewahrte unter dem Einfluss Ella Bakers seine organisatorische Unabhängigkeit von der Southern Christian Leadership Conference.

Um die Bewegung zu verstehen, muss man mindestens vier Kräfte nebeneinander betrachten. Die Southern Christian Leadership Conference, der Zusammenschluss christlicher Führungspersönlichkeiten aus den Südstaaten, stützte sich auf das Netz schwarzer Kirchengemeinden. Ihre Stärke waren große gewaltfreie Demonstrationen mit eindringlichen moralischen Forderungen. Das SNCC war jünger, stärker vor Ort verankert und eher bereit, über lange Zeit in einzelnen Countys und Kleinstädten Wählerregistrierung, Schulung und Organisationsarbeit zu leisten. Die National Association for the Advancement of Colored People, die NAACP, hatte ihre Stärken weiterhin bei Gerichtsverfahren, der Lobbyarbeit für Gesetze und der Koordination einflussreicher politischer Kreise. Der Congress of Racial Equality, kurz CORE, spielte wiederum bei direkten Aktionen über die Grenzen einzelner Bundesstaaten hinweg eine Schlüsselrolle, etwa bei den Freedom Rides.

Birmingham wurde zum Wendepunkt. Die Gewaltfreiheit, die Martin Luther King hier praktizierte, war weit mehr als ein moralischer Appell, sich zu bessern. Dahinter stand eine klare Strategie: Öffentliche, sichtbare und wiederholbare gewaltfreie Aktionen sollten eine Krise herbeiführen, die sich nicht länger lokal abschirmen ließ. King wollte seine Gegner nicht demütigen. Er wollte Institutionen und Öffentlichkeit dazu zwingen, dem Unrecht selbst ins Gesicht zu sehen. In seinem „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ erläuterte er die Strategie: Wenn die vorhandenen Wege der Verständigung versperrt seien, müsse eine konstruktive Spannung Verhandlungen erst wieder möglich machen.

Der Marsch auf Washington führte eine andere Art von Stärke vor Augen. Am 28. August 1963 kamen beim Marsch für Arbeit und Freiheit rund 250.000 Menschen zusammen. Als Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial seine Rede „Ich habe einen Traum“ hielt, verband er die Unabhängigkeitserklärung und die Emanzipationsproklamation mit der Sprache der Bibel und den Versprechen der amerikanischen Verfassungsordnung. Die Rede war eine moralische Erklärung und zugleich eine politische Anklage wegen jenes ungedeckten Schecks, den Amerika ausgestellt hatte. Im Zusammenhang dieser Reihe griff King damit erneut zu jenem Maßstab, der schon in den Gründungsdokumenten stand: Alle Menschen sind gleich. Die Abolitionisten hatten mit ihm die Sklaverei gemessen; Richter Harlan hatte sich in seinem abweichenden Votum im Fall Plessy auf ihn berufen; die Double-V-Kampagne hatte die Rassenhierarchie an den Vier Freiheiten gemessen. Nun zogen die 250.000 Menschen in Washington abermals dieses Versprechen heran, um Amerika wegen des Verrats an seinen eigenen Idealen anzuklagen.

Auch die gewaltsame Gegenwehr gehört in diese Geschichte. Sie zeigt, dass Einbeziehung niemals ein ruhiger, stetiger Vormarsch war. Im September 1963 tötete der Bombenanschlag auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham vier schwarze Mädchen. Auch der Freedom Summer von 1964 in Mississippi fand unter extremer Gefahr statt. Die politische Wirklichkeit im Süden dieser Jahre lässt sich nicht mit der geradlinigen Geschichte beschreiben, ein Gesetz werde verabschiedet und die Gesellschaft ziehe nach. Die Gesetzgebung des Bundes und die Gewalt vor Ort bestanden gleichzeitig.

4. Johnson schreibt die Regeln neu

Kennedys Ermordung veränderte den Lauf dieser Geschichte schlagartig. Johnson legte seinen Amtseid an Bord der Air Force One ab, während das Land in Schock und Trauer versank. Er nutzte das moralische und politische Zeitfenster sofort, um Vorhaben rasch voranzubringen, die sich sonst womöglich noch lange hingezogen hätten.

Johnsons entscheidende Stärke lag nicht in reineren Überzeugungen. Er verstand das Handwerk der Gesetzgebung weit besser als Kennedy. Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 stieß im Senat auf eine lang anhaltende Blockade. Erst am 10. Juni wurde mit 71 zu 29 Stimmen beschlossen, die Debatte zu beenden und damit den Filibuster zu durchbrechen. Zur Mehrheit gehörten 27 Republikaner und 44 Demokraten. Gerade hier darf man die heutigen Parteimuster nicht in die Vergangenheit zurückprojizieren. Die entscheidende Trennlinie dieses Gesetzgebungskampfes verlief nicht zwischen Demokraten und Republikanern im heutigen Sinn, sondern eher zwischen den Verfechtern der Rassentrennung im Süden und einem parteiübergreifenden Bündnis für Bürgerrechte. Institutionengeschichtlich bedeutete das Gesetz von 1964 den Schritt von verstreuten Klagen und Verwaltungsanordnungen gegen die Segregation zu einem landesweiten gesetzlichen Regelwerk. Es untersagte Diskriminierung in öffentlich zugänglichen Einrichtungen, förderte die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen und in anderen öffentlichen Einrichtungen und verbot Diskriminierung im Arbeitsleben.

Das Wahlrechtsgesetz von 1965 brach noch unmittelbarer jene Abschottung auf, durch die Jim Crow den Schwarzen das Wahlrecht entzogen hatte. Es setzte in den erfassten Gebieten Tests und Hürden wie Lese- und Schreibprüfungen aus und führte dort sowohl vom Bund eingesetzte Prüfer für die Wählerregistrierung als auch eine vorherige Prüfung von Regeländerungen ein. Der emotionale und politische Zündfunke war Selma. Am 7. März 1965 wurden etwa 600 Demonstrierende auf der Edmund-Pettus-Brücke von der Staatspolizei Alabamas und örtlichen Ordnungskräften gewaltsam aufgehalten. John Lewis erlitt einen Schädelbruch. Acht Tage später sprach Johnson vor dem Kongress die Worte „We shall overcome“, „Wir werden siegen“, und machte Selma unmittelbar zur Bewährungsprobe für die demokratische Legitimität des ganzen Landes. Darauf kommt es an: Hier führte nicht einfach ein Präsident eine Bewegung. Zuerst vergossen die Menschen auf der Brücke ihr Blut. Damit brachten sie den Präsidenten in eine Lage, in der er um eine umfassende Gesetzgebung nicht mehr herumkam.

Johnsons Verdienst war nicht, diese Bewegung ins Leben gerufen zu haben. Das hatte er nicht. Sein Verdienst war ein gesetzgeberisches Können, das Kennedy fehlte: Noch ehe sich das von der Bewegung aufgestoßene Fenster wieder schloss, konnte er die Öffnung rasch in dauerhaftes Recht gießen. Auf einen Satz gebracht: Die Bewegung zwang das System, ein Fenster zu öffnen; Johnson gab dieser Öffnung Gesetzeskraft. Ohne die Bewegung hätte niemand die Behandlung des Themas erzwingen können. Ohne Johnson wiederum hätten sich ihre Siege nur schwer zu beständigen Regeln verfestigt.

5. Warum die Einbeziehung diesmal dauerhafter war als während der Reconstruction

Wie deutlich sich die Zahlen nach dem Wahlrechtsgesetz veränderten, gehört zu den härtesten Belegen dafür, dass die Regeln tatsächlich neu geschrieben worden waren. In Alabama stieg die Registrierungsquote schwarzer Wähler (die statistische Kategorie lautet „nichtweiß“) von 19,3 Prozent vor dem Gesetz auf 51,6 Prozent danach, in Mississippi von 6,7 auf 59,8 Prozent. Für diese Reihe sind die Zahlen besonders wichtig. An ihnen lässt sich fast unmittelbar ablesen, dass das Gesetz von 1965 jene Abschottung des Wahlrechts durch Jim Crow, von der im zwölften Essay die Rede war, substanziell rückgängig machte.

Damit stellt sich eine Frage, die dieser Essay beantworten muss: Warum hielt die Einbeziehung diesmal länger als während der Reconstruction? Erinnern wir uns an den elften Essay. Auch nach dem Bürgerkrieg war die Gleichstellung zeitweise weit vorangekommen. Dann drängten die Gewalt des Ku-Klux-Klans, der Widerstand des Südens und der Abzug der Bundestruppen diese Fortschritte Stück für Stück wieder an den Rand. Warum ließ sich das damals Erreichte nicht sichern, diesmal aber schon? Der Kern der Antwort liegt in der institutionellen Konstruktion des Wahlrechtsgesetzes. Auch während der Reconstruction beruhte der Schutz durch den Bund auf Verfassungszusätzen und Gesetzen. Ihre Durchsetzung hing jedoch stark davon ab, ob der Norden weiter Mittel und Kraft einsetzen und der Bund weiterhin Truppen stationieren wollte. Schwand dieser Wille, verlor auch der Schutz seine Wirksamkeit. Das Gesetz von 1965 verringerte dagegen die Abhängigkeit davon, dass der Bund in jedem einzelnen Fall erneut politisch zum Eingreifen bereit war. Mit der Vorabprüfung nach Abschnitt 5 verlagerte es die Bundesaufsicht auf den Zeitpunkt vor einer Regeländerung. Das war eine institutionelle Weichenstellung von größter Bedeutung. Der Bund musste nicht mehr warten, bis der Süden einen neuen Umgehungstrick erfunden hatte, um diesem dann mit immer neuen Einzelklagen hinterherzulaufen. Vielmehr mussten Gebiete mit einer Geschichte der Diskriminierung jede Änderung ihrer Wahlregeln zuerst vom Bund genehmigen lassen. Aus einer passiven Aufsicht, die im Nachhinein aufholen musste, wurde eine aktive Kontrolle, die im Vorhinein ansetzte.

Hier liegt ein grundlegender Unterschied zwischen einer beständigeren und einer anfälligeren Form der Einbeziehung. Die Vorabprüfung verankert die Rechte des ausgeschlossenen Rests fester im institutionellen Räderwerk und macht sie weniger unmittelbar von der Wetterfahne der Politik abhängig. Doch auch diese Regeln brauchen wirksamen Vollzug sowie politischen und gerichtlichen Rückhalt.

6. Die Great Society zieht neue Grenzen

Wenn das Bürgerrechtsgesetz und das Wahlrechtsgesetz neu bestimmten, wer der politischen Gemeinschaft als gleichberechtigtes Mitglied angehörte, dann bestimmte die Great Society neu, wie weit die Verantwortung des Bundes reichte. Johnsons Rede über die „Große Gesellschaft“ von 1964 entwarf zunächst vor allem eine Vision. Entscheidend war die Gesetzgebung, die darauf folgte und sich Schritt für Schritt summierte. Zu ihren beständigsten institutionellen Hinterlassenschaften zählen Medicare und Medicaid. Beide Programme wurden 1965 als eigene Titel des Sozialversicherungsgesetzes verabschiedet. Sie dehnten den Krankenversicherungsschutz auf fast alle Menschen ab 65 Jahren und auf Teile der einkommensschwachen Bevölkerung aus. Wie immer später über den richtigen Umfang des Sozialstaats gestritten wurde: Beide Programme gehören bis heute zum Grundgerüst der amerikanischen Sozialpolitik.

Bei der Neuziehung von Grenzen nimmt auch das Einwanderungs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1965 einen herausragenden Platz ein. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges beseitigte es das seit Langem bestehende System, das die Einwanderung nach nationaler Herkunft beschränkte. Wie im siebzehnten Essay erläutert, war das Einwanderungsgesetz von 1924 gerade dazu geschaffen worden, Nord- und Westeuropa zu bevorzugen und die Zuwanderung aus anderen Regionen zu begrenzen. Das Gesetz von 1965 trug dieses seit 1924 geltende Prinzip der Herkunftsquoten von Grund auf ab. Die langfristigen Folgen waren tiefgreifend. 1960 waren rund 75 Prozent der im Ausland geborenen Bevölkerung der USA in Europa zur Welt gekommen. 1980 lag dieser Anteil nur noch bei 39 Prozent, während die in Lateinamerika und Asien Geborenen zusammen bereits mehr als die Hälfte ausmachten.

Im Zusammenhang dieser Reihe zeigen sich darin zwei verschiedene Seiten jenes tiefsten Rests dieses institutionellen Aufbaus. Die Bürgerrechtsgesetze schrieben die Zugehörigkeit und die Gleichberechtigung im Innern neu. Das Einwanderungsgesetz schrieb die rechtmäßigen Wege neu, auf denen Menschen von außen in die Gemeinschaft gelangen konnten. Gerade deshalb sehen zahlreiche Historiker in den Jahren 1964 und 1965 die stärkste institutionelle Umgestaltung des Bundesstaats seit dem New Deal.

7. Die Eskalation in Vietnam

Vollständig wird das Paradox dieses Essays jedoch erst mit Vietnam. Gleichzeitig mit der groß angelegten Einbeziehung im Innern wuchs erneut die Kriegsmacht des Präsidenten. Im August 1964 verabschiedete der Kongress die Tonkin-Resolution und gab Johnson eine weitreichende Ermächtigung zu militärischen Aktionen in Vietnam. Ihre Bedeutung reicht über den Krieg selbst hinaus. Sie zeigt einen typischen Mechanismus des modernen Präsidialsystems: Zunächst verschafft man sich mit der Sprache der Krise eine großzügig bemessene Vollmacht; anschließend nutzt die Exekutive diese Vollmacht nach ihrer eigenen Eskalationslogik. Schon der Tonkin-Zwischenfall selbst war alles andere als transparent. Später freigegebene Untersuchungen zeigten erhebliche Probleme mit der offiziellen Darstellung des angeblichen zweiten Angriffs vom 4. August. Geheimdienstinformationen waren selektiv verwendet worden, um die amtliche Version zu stützen, dieser zweite Angriff habe stattgefunden.

Danach ging die Eskalation rasch voran. 1965 markierte den Übergang vom Beraterkrieg zum Bodenkrieg. Im März landeten amerikanische Marines in Da Nang. Bis Jahresende standen in Vietnam bereits annähernd 185.000 US-Soldaten, 1968 waren es rund 536.000. Allein in diesem Jahr starben 16.899 amerikanische Militärangehörige. Auf die Frage, wer für die Eskalation verantwortlich war, gibt die Geschichtsschreibung keine einhellige Antwort. Sinnvoller ist es, drei Ebenen zu unterscheiden. Auf der ersten steht Johnson selbst: Er trug die unmittelbare Verantwortung dafür, die Vollmacht zu beschaffen, das Tempo der Eskalation festzulegen und der Öffentlichkeit ein optimistisches Bild zu vermitteln. Auf der zweiten stehen der Beraterapparat und das Militär, die Kosten und Verpflichtungen immer weiter nach oben trieben. Die dritte bildet den strukturellen Hintergrund: die bereits unter Kennedy eingegangenen Verpflichtungen, die Eindämmungslogik des Kalten Krieges und eine Politik der Glaubwürdigkeit, nach der der Verlust Südvietnams einen gewaltigen politischen Preis haben würde.

Johnson und seine Berater fürchteten, ein Scheitern in Südvietnam werde eine weitreichende Kettenreaktion im Kalten Krieg auslösen. Johnson selbst glaubte zudem, ein Rückzug nach 1965 könne gerade seine innenpolitische Gesetzgebung zu Fall bringen. Er sah sich also nicht vor die Wahl zwischen Vietnam und der Great Society gestellt. Er glaubte, die Last Vietnams übernehmen zu müssen, um die Great Society zu retten. Es war ein Irrtum von ungeheurer Tragweite. Um die „Große Gesellschaft“ im eigenen Land zu bewahren, zog er das Land in einen Krieg, der am Ende all das verschlingen sollte.

8. Die Zerrissenheit des Jahres 1968

Der Krieg schlug auf das innenpolitische Bündnis zurück. Nach der Tet-Offensive von 1968 wurden die Proteste gegen die Fortsetzung des amerikanischen Engagements deutlich heftiger. Am 31. März kündigte Johnson eine Begrenzung der Bombardierungen Nordvietnams an und erklärte zugleich, er werde eine erneute Nominierung durch seine Partei weder anstreben noch annehmen. Der Augenblick hat beinahe den Charakter einer Schlüsselszene: Ein Präsidentenamt, das seine Macht im Innern wie nach außen in beispiellosem Maß ausgedehnt hatte, sah sich unter der Last des Krieges schließlich zur Selbstbegrenzung gezwungen.

Auch im Innern hatte die Bürgerrechtsgesetzgebung keine ruhige Phase gesellschaftlicher Integration eingeläutet. Die Unruhen in Watts dauerten 1965 sechs Tage. 34 Menschen starben, mehr als tausend wurden verletzt, annähernd viertausend festgenommen. Die städtischen Unruhen von 1967 veranlassten Johnson zur Einsetzung der Kerner-Kommission. Ihr berühmt gewordenes Urteil lautete, Amerika bewege sich auf zwei Gesellschaften zu, eine schwarze und eine weiße, voneinander getrennt und ungleich. Das sollte uns davor bewahren, aus den Jahren 1964 und 1965 eine glatt erzählte Siegesgeschichte zu machen. Die Regeln waren tatsächlich neu geschrieben worden. Aber neue Regeln beseitigten nicht von selbst die Armut, die Konflikte mit der Polizei, die Segregation in den Städten und die tiefen Meinungsverschiedenheiten darüber, was Gleichheit überhaupt bedeuten sollte.

Auch innerhalb der Bürgerrechtsbewegung verliefen nun Bruchlinien. 1966 rückte „Black Power“ ins Zentrum ihres politischen Wortschatzes. Gefordert wurden schwarze Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und ein Anteil an der Macht; mit einem abstrakten Bekenntnis zur Integration gab man sich nicht mehr zufrieden. Martin Luther King verlagerte seinerseits den Schwerpunkt immer stärker auf wirtschaftliche Gerechtigkeit, die Probleme der Städte im Norden und den Widerstand gegen den Krieg. Die Erschütterungen des Jahres 1968, die Ermordung Kings, die Ermordung Robert Kennedys und das Chaos innerhalb wie außerhalb des demokratischen Parteitags in Chicago, ließen diese Epoche auf alles andere als geordnete Weise zu Ende gehen.

9. Zum Schluss

Ordnet man die nicht einmal zehn Jahre unter Kennedy und Johnson in diese Reihe ein, bleibt vor allem das Paradox, das sich durch den gesamten Essay zieht: Derselbe Präsidialstaat verwirklichte zur selben Zeit die tiefgreifendste Einbeziehung im Innern seiner Geschichte und trieb seine gefährlichste Eskalation nach außen voran.

Die Einbeziehung im Innern war real und hatte weitreichende Folgen. Der fast ein Jahrhundert lang unterdrückte, rassisch ausgeschlossene Rest zwang den institutionellen Aufbau endlich dazu, seine Regeln neu zu schreiben. Dauerhafter als während der Reconstruction war diese Neufassung vor allem deshalb, weil sie die bereits rechtlich anerkannten Ansprüche durch besser durchsetzbare Regeln absicherte und ihre Abhängigkeit von immer neuen politischen Einzelentscheidungen verringerte. Das galt besonders für die Vorabprüfung des Wahlrechtsgesetzes, die die Bundesaufsicht vor den Zeitpunkt einer Regeländerung verlagerte.

Doch diese Einbeziehung stieß von Anfang an an Grenzen, und zwar in zweifacher Hinsicht. Die erste folgt dem bereits vertrauten Zusammenhang: Die Aufnahme selbst erzeugt neue Ausschlüsse. Sobald die rechtliche Gleichberechtigung anerkannt war, traten die tatsächlichen, wirtschaftlichen Ungleichheiten umso greller hervor. Die Flammen von Watts, das Urteil der Kerner-Kommission über zwei getrennte und ungleiche Gesellschaften und der Aufstieg von Black Power machten alle dasselbe deutlich: Die Neufassung der Regeln war wirklich, aber sie hatte den rassisch ausgeschlossenen Rest bei Weitem nicht in einer abgeschlossenen Ordnung aufgehoben. Sie hatte das Problem lediglich auf eine neue, tiefere Ebene verschoben. Die zweite Grenze ergab sich aus der anderen Seite des Paradoxes: Vietnam. Die Last des Krieges und die Unruhen in den Städten brachen Johnsons Kraft. Dieser Präsident, der bedeutendste Bürgerrechtsgesetzgeber seit der Reconstruction und zugleich der wichtigste Antreiber der Kriegseskalation, sah sich gezwungen, am 31. März seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekannt zu geben. Die anschließende Folge von Attentaten vertiefte den Zusammenbruch dieser Epoche noch weiter.

Als Nächstes betritt ein Präsident die Bühne, der verspricht, die Ordnung wiederherzustellen und den Krieg zu beenden. Er wird den Drang der Exekutive zur unkontrollierten Machtausweitung, der sich in Vietnam bereits gezeigt hat, ins eigene Land zurückbringen und auf einen neuen Höhepunkt treiben. Diesmal wartet auf ihn kein ferner Krieg. Es wartet der unmittelbare, durchgreifende Gegenschlag jener alten Gegengewichte, die in diesem Aufbau selbst angelegt sind. Das ist Nixons Geschichte: die Geschichte davon, wie die lange Entwicklungslinie der Exekutivmacht auf dem Gipfel der imperialen Präsidentschaft in ihre tiefste Krise mündet.


Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage des chinesischen Arguments. 中文・English