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Meißel-Konstrukt-Zyklus · US-Präsidenten
Essay 17 von 26

17. Rückkehr zur Normalität – Die Verwechslung von Aufschub und Lösung

Aufschub für Abschluss halten

Han Qin (秦汉) · 2026
In diesem Essay

I. Normalität als Schlussstrich

Ein Land, das der Reformen, des Krieges und des Idealismus müde geworden war, warf sich nun der sogenannten Normalität in die Arme. Die Reste, auf die kein Licht mehr fiel, würden sich unter der glänzenden Oberfläche des Wohlstands weiter aufstauen, bis ein Zusammenbruch ohne Beispiel sie wieder freilegte. Genau diese scheinbar ruhige Zwischenzeit in der Geschichte des politischen Aufbaus sind die zwölf Jahre von Hardings Amtsantritt 1921 bis zu Hoovers Ausscheiden 1933. Oben herrschte Ruhe. Darunter sammelte sich etwas an.

Die strukturelle Diagnose sei gleich vorangestellt. Die drei republikanischen Regierungen unter Harding, Coolidge und Hoover traten allesamt mit dem Anspruch an, nach Kriegsmobilisierung, Notstandsverwaltung und der staatlichen Expansion der Progressiven Ära das normale Verfassungsleben wiederherzustellen. Doch unter dieser Sprache der Wiederherstellung häuften sich in jenem Jahrzehnt ungelöste Spannungen an: in Landwirtschaft und Finanzwesen, in der Arbeitswelt, bei der Einwanderung und in der gesellschaftlichen Ordnung. Man hatte mit ihnen nicht abgeschlossen. Man hatte ihre Bearbeitung verschoben. Schon in seiner Rede zur Annahme der Präsidentschaftskandidatur 1920 verband Harding einen Sieg der Republikaner mit der Wiederherstellung einer repräsentativen Volksregierung, dem Ende der Willkürherrschaft des Krieges und dem Bedürfnis nach Stabilität und einer entschlossenen Rückkehr zur Normalität.

Was Harding mit dieser Rückkehr zur Normalität meinte, wird erst im ursprünglichen Zusammenhang deutlich. Es war kein verschwommenes Stimmungswort, sondern eine konkrete Gegenbewegung zur Machtkonzentration im Krieg, zur Ausdehnung der Exekutive und zum Internationalismus Wilsons. Im Juli 1920 erklärte Harding in Marion, während des Krieges sei jede Schutzvorkehrung hinweggefegt worden; im Namen der Demokratie habe man eine Willkürherrschaft errichtet. Das erste Versprechen müsse deshalb lauten, die repräsentative Volksregierung wiederherzustellen. Verfassungsmäßige Zustände im Innern, Abstand zu überstaatlichen Verpflichtungen und Misstrauen gegen die Ansprüche organisierter Gruppen in der Politik: Aus dieser Verbindung bestand der ideologische Kern der Normalität.

Im Bezugsrahmen dieser Reihe wird damit das eigentliche Thema des Essays sichtbar. Die beiden vorangegangenen Beiträge haben gezeigt, wie dem politischen Aufbau in der Progressiven Ära ein ganzer Regulierungsapparat zuwuchs, um den wirtschaftlichen Rest aufzunehmen. Präsidentielle Macht und staatliche Verwaltung erreichten dabei eine neue Größenordnung. Die Rückkehr zur Normalität kehrte diese Bewegung um. Sie wollte jene Aufnahme des Rests rückgängig machen und das Gefüge auf einen älteren Zustand zurückführen: begrenzte Staatsmacht, freiwilliges Handeln. Nur ließ sich mit einem solchen Rückzug kein endgültiger Schlussstrich unter den Rest ziehen. Der Rest ließ sich lediglich vertagen. Hier steckt ein entscheidender Punkt, den man ausdrücklich benennen muss. Die Rückkehr zur Normalität versuchte sich an einer beinahe neuen Art, mit dem Rest fertigzuwerden: dem Vergessen. Ihr anfänglicher Schwerpunkt lag weder auf der offenen Anerkennung des Rests noch auf offener Gewalt oder der Erfindung eines neuen Apparats, der ihn hätte aufnehmen sollen. Stattdessen tat sie schlicht so, als sei er kein Problem mehr, und entfernte ihn vollständig von der öffentlichen Tagesordnung und aus dem Blickfeld des Staates. Aber ein Rest verschwindet nicht, bloß weil man nicht mehr hinsieht.

II. Harding und die erste Phase der Wiederherstellung

Hardings Regierung vereinte bemerkenswert fähige Kabinettsmitglieder mit einer ebenso bemerkenswerten Anfälligkeit für Korruption im Schutz persönlicher Beziehungen. Er holte Hughes ins Außenministerium, Mellon ins Finanzministerium und Hoover ins Handelsministerium. Gleichzeitig umgab er sich mit einem Kreis von Vertrauten, der später als Ohio Gang bekannt wurde. Viele aus diesem Kreis wurden in der Folge beschuldigt, den Staat betrogen zu haben; einige landeten im Gefängnis.

Der wichtigste Skandal hieß Teapot Dome. Im April 1922 verpachtete Innenminister Fall die Marine-Ölreserve Teapot Dome in Wyoming heimlich an den Ölunternehmer Harry Sinclair, ohne konkurrierende Angebote einzuholen. Eine weitere Reserve in Kalifornien ging an die Firma von Edward Doheny. Die Ermittler des Senats konzentrierten sich später auf einen verdächtigen Kredit über 100.000 Dollar, den Doheny Fall gewährt hatte. Fall wurde schließlich als erster ehemaliger Kabinettsminister wegen eines schweren Verbrechens verurteilt und inhaftiert. Auch institutionell hinterließ der Skandal Spuren. Die damit verbundenen Gerichtsverfahren, darunter McGrain v. Daugherty von 1927, halfen, das Recht des Kongresses durchzusetzen, Zeugenaussagen zu erzwingen.

Dass Harding im Amt starb, machte die Geschichte noch dramatischer und ließ sie zugleich in einem Zwielicht zurück. Auf seiner „Tour of Understanding“ erkrankte er 1923; am 2. August starb er in San Francisco. In den Rahmen dieser Reihe eingeordnet, enthält seine Präsidentschaft die erste Ironie der Rückkehr zur Normalität. Das politische Gefüge wollte eine ordentliche, normale Regierung wiederherstellen. Was unter Harding tatsächlich wiederkehrte, erinnerte jedoch stellenweise eher an die alte Praxis der Jackson-Ära, treue Gefolgsleute mit Ämtern zu belohnen. Wer die professionalisierte Verwaltung der Progressiven Ära zurückbaut, bekommt deshalb noch lange keinen saubereren Staat. Er kann ebenso gut einen Staat zurückbekommen, der sich leichter durch Günstlingswirtschaft und Korruption aushöhlen lässt.

III. Coolidge, eine Regierung fürs Geschäft und der ungleich verteilte Wohlstand

Hardings Nachfolger Coolidge gab diesem Wiederherstellungsprogramm seine klarste Glaubenslehre. Sein berühmtester Satz wird oft falsch zitiert. In der Rede vom 17. Januar 1925 lautete er: „Das Hauptgeschäft des amerikanischen Volkes ist das Geschäftemachen.“ Unter Finanzminister Mellon senkten die Steuergesetze von 1921, 1924 und 1926 den höchsten Grenzsteuersatz, der nach dem Krieg noch bei 73 Prozent gelegen hatte, bis auf 25 Prozent für das Steuerjahr 1925.

Der Wohlstand der zwanziger Jahre war echt. Wer das ganze Jahrzehnt zur bloßen Täuschung erklärt, erzählt die Geschichte falsch. Radio, Straßenbau, Luftfahrt, wissenschaftliche Forschung und öffentliche Gesundheitsversorgung, die rasche Verbreitung des Autos, Strom in den Haushalten, das Kino und eine Konsumwirtschaft, die sich zunehmend um langlebige Güter drehte: Zusammen machten sie diese Jahre zu einer Epoche tatsächlichen Wachstums und einer neuen Massenkultur. Der Kern dieses Essays liegt aber gerade in der ungleichen Verteilung dieses Wohlstands. In der Landwirtschaft kamen die sogenannten Roaring Twenties nie wirklich an. Neuere Untersuchungen beschreiben die amerikanischen Bauern jener Zeit als Menschen in einer anhaltenden Agrardepression. Nach 1920 waren die Rohstoffpreise eingebrochen; Pleiten und Zwangsvollstreckungen setzten ihnen schon lange vor 1929 massiv zu. Coolidges Umgang mit der Agrarhilfe ist deshalb der gewichtigste Einwand gegen jede einfache Geschichte von einem gesunden Aufschwung. Zweimal verabschiedete der Kongress die McNary-Haugen-Vorlage zur Unterstützung der Landwirtschaft. Zweimal legte Coolidge sein Veto ein, 1927 und 1928. Er lehnte damit einen Mechanismus auf Bundesebene ab, der die dauerhafte Überproduktion und die niedrigen Agrarpreise auffangen sollte.

Was wir über Arbeit und Einkommensverteilung wissen, weist in dieselbe Richtung. Neuere Forschungen zeigen einen Niedergang der Gewerkschaften, während Unternehmen firmeneigene Gewerkschaften und den sogenannten Wohlfahrtskapitalismus förderten. Nach der Streikwelle der Nachkriegszeit gingen die Arbeitskämpfe zurück. In einer Stichprobe aus dem verarbeitenden Gewerbe erreichte die mengenmäßige Produktion 1929 einen Indexwert von 110, wenn man 1923 gleich 100 setzt. Die Kaufkraft der Arbeiterlöhne lag dagegen nur bei 94,4. Andere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Anteil des reichsten einen beziehungsweise der reichsten fünf Prozent am Gesamteinkommen Ende der zwanziger Jahre sogar höher lag als 1939. Daraus lässt sich ein vorsichtiges, aber belastbares Urteil gewinnen: Der Wohlstand reichte weit genug, um politisch eine enorme Wirkung zu entfalten. Gleichmäßig genug verteilt, um die Gesellschaft oder die Gesamtwirtschaft auf eine stabile Grundlage zu stellen, war er nicht.

IV. Ausgrenzung, Nativismus und erzwungene Ordnung

Die Normalität, zu der dieser Aufbau in den zwanziger Jahren zurückkehrte, war zugleich eine Normalität schärferer Ausgrenzung. Das Einwanderungsgesetz von 1924, der Johnson-Reed Act, führte ein Quotensystem nach nationaler Herkunft ein. Für jedes Herkunftsland wurden Visa in Höhe von zwei Prozent der 1890 in den USA gezählten Einwohner zugelassen, die in diesem Land geboren waren. Die Formel sollte die früher eingewanderten Gruppen aus Nord- und Westeuropa begünstigen und den Zuzug aus Süd- und Osteuropa drosseln. Wie die neuere Forschung ausdrücklich hervorhebt, koppelte das Gesetz zudem die Zulassung zur Einreise an die Möglichkeit der Einbürgerung. So schloss es asiatische Einwanderer, die als nicht einbürgerungsfähig galten, bis auf eng begrenzte gesetzliche Ausnahmen aus. Sein grundlegendes Ziel war, die sogenannte Homogenität Amerikas zu bewahren. Dieses Gesetz war keine bloße Routineverschärfung der Einwanderungsregeln. Es war ein im Nativismus der Nachkriegszeit verankertes Instrument, das Menschen nach „Rasse“ und nationaler Herkunft sortierte.

Der zweite landesweite Aufstieg des Ku-Klux-Klans gehört in denselben Zusammenhang. Nach neueren Forschungen erreichte der Klan in den zwanziger Jahren seinen nationalen Höhepunkt. Dieser zweite Klan war eine Bewegung im ganzen Land, keineswegs nur im Süden; die Schätzungen seiner Mitgliederzahl reichen von etwa drei bis acht Millionen. Die Forschung betont außerdem, dass er sich nicht nur gegen Afroamerikaner richtete, sondern auch gegen Katholiken, Juden, Einwanderer und alle, die er außerhalb eines „hundertprozentigen Amerikanertums“ verortete. Auch die Prohibition gehört hierher. Sie war ein staatliches Vorhaben, dessen gesellschaftliche Bedeutung weit über den Umgang mit Alkohol hinausging. Die Materialien des Nationalarchivs halten ausdrücklich fest, dass die Prohibition den Alltag gewalttätiger machte, den offenen Gesetzesbruch förderte und das organisierte Verbrechen stärkte. Für den Blick auf die Struktur ist entscheidend, was aus der Verbindung von moralischer Regulierung und geringer Durchsetzbarkeit entstand: eine riesige illegale Ordnung, keine Wiederherstellung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Im Rahmen dieser Reihe legt dieser Abschnitt eine besonders wichtige Seite der Rückkehr zur Normalität frei. Während sich das politische Gefüge auf der wirtschaftlichen Achse zurückzog, zog es die Grenzen auf der Achse von Zugehörigkeit und „Rasse“ aktiv enger. Der vermeintliche Rückzug war also niemals neutral. Die Fesseln wirtschaftlicher Macht wurden gelockert, die Bedingungen dafür, dazugehören zu dürfen, verschärft. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Haltungen einander zu widersprechen: hier lockerlassen, dort zupacken. Tatsächlich beruhen sie auf derselben Vorstellung von Normalität. Das normale Amerika war darin eine homogene weiße Gesellschaft, beherrscht von den Nachkommen früherer nordeuropäischer Einwanderer, in der der Markt frei schalten und walten konnte.

V. Vom Aufschwung zum Zusammenbruch

Die Präsidentschaftswahl von 1928 bildete den Höhepunkt der republikanischen Erzählung von einer neuen Ära. Hoover trat mit dem gewaltigen Ansehen an, das er sich als Ingenieur, als Leiter der Lebensmittelversorgung im Krieg, als Organisator der Europahilfe und als tatkräftiger Handelsminister erworben hatte. In seinen Wahlkampfreden verteidigte er ein eigenständiges amerikanisches System: dezentral verteilte örtliche Verantwortung, Chancengleichheit und wirtschaftliche Freiheit. Er warnte vor bevormundender Staatsführung und Staatssozialismus, pries die Leistungen der vergangenen siebeneinhalb Jahre und erklärte, Amerika sei der Beseitigung der Armut näher gekommen als jede andere Gesellschaft in der Geschichte.

Der Börsenkrach vom Oktober 1929 ist der bekannteste Bruch. Doch die Depression lässt sich nicht auf ihn reduzieren. Die neuere Forschung hebt den Schwarzen Montag, den 28. Oktober 1929, hervor, an dem der Dow Jones Industrial Average um fast 13 Prozent fiel. Sie betont zugleich, dass auf den Krach eine ganze Reihe von Finanzkrisen folgte. Breiter angelegte Forschungsüberblicke setzen den eigentlichen Wendepunkt bereits im August 1929 an und zeigen, wie die Bankenpaniken von 1930 bis 1933 und die Fehlentscheidungen der Federal Reserve den Abschwung immer weiter verschärften. Wie tief der Sturz ging, belegen erschreckend eindeutige Zahlen. Die maßgebliche amtliche Zeitreihe weist folgende jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquoten aus: 3,2 Prozent 1929, 8,7 Prozent 1930, 15,9 Prozent 1931, 23,6 Prozent 1932 und 24,9 Prozent 1933. Auch der Zusammenbruch des Bankwesens lässt sich beziffern. Nach den historischen amtlichen Daten stellten in den vier Jahren vor Inkrafttreten der bundesweiten Einlagensicherung mehr als 9.000 Banken ihren Betrieb ein. Allein 1931 verloren Sparer mehr Geld als im gesamten Zeitraum von 1921 bis 1929.

Bei den Ursachen ist es sinnvoller, die wichtigsten Erklärungen nebeneinanderzustellen, als sie in eine einzige hineinzupressen. Die monetaristische Erklärung verweist auf die restriktive Politik der Federal Reserve 1928 und 1929 und auf ihr Versagen, den Rückgang der Geldmenge und den Zusammenbruch der Banken zu verhindern. Die keynesianische Erklärung legt größeres Gewicht auf den Einbruch der Ausgaben, besonders nach dem Börsenkrach, und auf die Schwäche der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Untersuchungen zu den Kreditkanälen ergänzen, dass ein finanzieller Zusammenbruch auch nichtmonetäre Wirkungen hat: Werden Banken und Kreditnehmer gleichermaßen beschädigt, verstärken Störungen der Kreditvergabe die Rezession über das hinaus, was die Geldmenge allein erklären kann. Historiker der internationalen Verflechtungen rücken dagegen den Goldstandard, Reparationen, Kriegsschulden und die grenzüberschreitende Weitergabe der Deflation ins Zentrum. Im Leitgedanken dieser Reihe reicht die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise über jede einzelne ökonomische Erklärung hinaus. Ob der konkrete Mechanismus über das Geld, die Nachfrage oder das internationale System verlief: Strukturell war die Große Depression die umfassende, katastrophale Wiederkehr jenes wirtschaftlichen Rests, den die Rückkehr zur Normalität ein volles Jahrzehnt lang vertagt hatte.

VI. Hoover neu betrachtet

Die wichtigste Korrektur, die die neuere Forschung am überlieferten Bild Hoovers vorgenommen hat, ist schlicht: Hoover war kein Präsident, der buchstäblich nichts tat. Als der Zusammenbruch kam, drängte er führende Unternehmer zum Handeln. In den folgenden drei Jahren versuchte er erfolglos, die Krise zu lindern. Das Problem war nicht bloße Passivität. Es lag in den unzureichenden staatlichen Möglichkeiten und in den Grenzen dessen, was als Eingreifen des Bundes allgemein akzeptiert wurde. Hoover selbst formulierte diese ideologische Grenze unmissverständlich. Im Februar 1931 erklärte er, es gehe nicht darum, ob Menschen hungern sollten. Es gehe darum, dass Hilfe aus Wohltätigkeit, gegenseitiger Unterstützung und Selbsthilfe sowie von den örtlichen Behörden kommen müsse, nicht aus Bundesmitteln für wohltätige Zwecke.

Hoover weitete die öffentlichen Bauprogramme tatsächlich aus. In seiner Botschaft zur Lage der Nation vom Dezember 1930 bat er den Kongress um Mittel für öffentliche Arbeiten, um die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Angesichts von geschätzten 4,5 Millionen Arbeitslosen bewilligte der Kongress daraufhin 116 Millionen Dollar für öffentliche Arbeiten. Hoover unterstützte auch die Gründung der Reconstruction Finance Corporation im Januar 1932. Sie sollte Banken, Eisenbahngesellschaften und später weiteren Einrichtungen Notkredite gewähren. Das Gesetz über Nothilfe und öffentliche Bauvorhaben vom Juli 1932 ermächtigte die Gesellschaft zu Hilfskrediten von 300 Millionen Dollar an die Bundesstaaten sowie zu weiteren Krediten von 1,5 Milliarden Dollar für öffentliche Bauvorhaben, deren Erträge die Rückzahlung decken sollten. All das waren beispiellose Abweichungen von der Praxis des Bundes vor der Depression. Genau deshalb lässt sich das alte Zerrbild eines Hoover, der alles einfach laufen ließ, heute nicht mehr halten.

Doch auch diese Korrektur hat ihre Grenze. Hoovers Eingriffe waren real, blieben aber von einer festen Überzeugung begrenzt: Direkte Bundeshilfe für einzelne Menschen würde ihren Charakter, die örtliche Eigenverantwortung und das verfassungsmäßige Gleichgewicht der amerikanischen Staatsordnung beschädigen. Sein eigentliches Dilemma bestand deshalb darin, dass er auf diesen Rest nur angemessen hätte antworten können, wenn er aufgehört hätte, Hoover zu sein. Er hätte die Ordnung der Normalität sterben lassen müssen. Das aber blieb seinem Nachfolger und einer völlig neuen Ordnung vorbehalten. Hoovers Scheitern war insofern weniger eine Frage seines Temperaments als eine Frage der Struktur. Er dehnte die Logik der Normalität, die auf Freiwilligkeit, örtlicher Verantwortung und begrenztem Eingreifen des Bundes beruhte, so weit aus, wie sie sich überhaupt ausdehnen ließ. Doch es gelang ihm nie, den Bund überzeugend neu zu bestimmen: als den vorrangigen Garanten gegen Massenarbeitslosigkeit und Hunger.

VII. Die Bonus Army

In der Geschichte der Bonus Army nahm Hoovers Scheitern eine sichtbare, politisch vernichtende Gestalt an. Veteranen des Ersten Weltkriegs bildeten eine „Bonus Expeditionary Force“, um die sofortige Einlösung ihrer Bescheinigungen über einen nachträglichen Ausgleich für den Militärdienst zu fordern. 1932 kamen sie nach Washington und errichteten Lager, in denen schwarze und weiße Veteranen zusammenlebten. Schließlich fanden dort mehr als 11.600 Veteranen sowie ihre Angehörigen Unterkunft. Nachdem der Kongress die sofortige Auszahlung abgelehnt und sich anschließend vertagt hatte, befahl Hoover General MacArthur, die Veteranen zu vertreiben. Neuere Untersuchungen halten fest, dass Hoover ihn angewiesen hatte, dabei so wenig Gewalt wie möglich einzusetzen. MacArthur rückte jedoch mit Soldaten, Panzern und Tränengas vor und ließ die Lager niederbrennen. Das politische Ergebnis beschreibt die Forschung ohne Umschweife: Viele Amerikaner machten Hoover und seine Verbündeten für die Misshandlung der Veteranen verantwortlich. Bei der Wahl hatte das schwere Folgen.

Im Bezugsrahmen dieser Reihe wirkt diese Szene wie ein nahezu vollkommenes Miniaturbild des Scheiterns der Normalitätsordnung. Als der vertagte wirtschaftliche Rest in Gestalt hungriger, verzweifelter Veteranen im Herzen des Staates zusammenkam, antwortete die Ordnung mit Soldaten, Panzern und Feuer statt mit Hilfe. Hier wird der Faden vom Pullman-Streik aus dem dreizehnten Essay wieder aufgenommen. Wenn wirtschaftliche Konflikte eskalieren, greift dieser Aufbau oft nicht als Vermittler zwischen den Seiten ein, sondern mit Zwang aufseiten der Ordnung. Dass das niedergebrannte Lager die Rassentrennung überwunden hatte, verleiht der Szene eine besondere Ironie. Zur selben Zeit, in der dieses Land die Menschen mit Einwanderungsgesetzen und dem Ku-Klux-Klan entlang rassischer Grenzen auseinandersortierte, überschritten diese Veteranen aus purer Ausweglosigkeit ebenjene Grenze und standen zusammen. Auf sie warteten die Panzer ihrer eigenen Regierung.

VIII. Schluss

Was von den zwölf Jahren Harding, Coolidge und Hoover im Zusammenhang dieser Reihe vor allem bleiben sollte, ist das Urteil, das den ganzen Essay durchzieht: Die Rückkehr zur Normalität verwechselte Aufschub mit Erledigung.

Die gesichertste historische Aussage über dieses Jahrzehnt lautet nicht, dass die zwanziger Jahre eine Illusion gewesen seien. Es gab wirklich Wachstum, wirklichen technischen Wandel, einen wirklichen Rückbau der Verwaltung nach dem Krieg und ein wirkliches Verlangen nach Stabilität. Zugleich war es ein Jahrzehnt, in dem sich Agrardepression, Verteilungsungleichgewichte, ausgrenzende Gesetze, wiedererstarkende nativistische Bewegungen und spekulative Finanzgeschäfte unter der Sprache der Normalität weiter auftürmten. Die sogenannte Rückkehr zur Normalität brachte deshalb keinen Abschluss, sondern einen Aufschub. Sie räumte die ungelösten Spannungen von der Bühne. Gelöst hatte sie diese Spannungen damit nicht, und lösen konnte sie sie auf diese Weise auch nicht.

Als der aufgeschobene Rest in Gestalt der Weltwirtschaftskrise zurückkam, lagen die Grenzen dieser Normalitätsordnung offen zutage. Darin besteht Hoovers Tragödie. Er spannte die Logik der Freiwilligkeit, der örtlichen Verantwortung und des begrenzten Eingreifens des Bundes bis an ihre äußerste Grenze. Er brachte Kreditinstrumente zusammen, öffentliche Bauvorhaben und Erleichterungen bei Zwangsvollstreckungen. Die Krise verlangte jedoch etwas, wozu diese Logik grundsätzlich keine Ermächtigung geben konnte: den Bund neu als vorrangigen Garanten gegen Massenarbeitslosigkeit und Hunger zu bestimmen. Deshalb war sein Scheitern nicht nur das Scheitern eines Mannes. Es war das Scheitern der ganzen Vorstellung einer Rückkehr zur Normalität. Es bewies, dass dieser politische Aufbau den wirtschaftlichen Rest nicht dauerhaft vor der Tür halten konnte, indem er sich in den alten Zustand begrenzter Staatsmacht zurückzog.

Auf die schmerzlichste Weise bewiesen diese zwölf Jahre, dass der Weg des Vergessens nicht weiterführt. Je hartnäckiger man so tut, als existiere der Rest nicht, desto mehr Energie sammelt sich in ihm. Und wenn er schließlich hervorbricht, muss die Antwort umso heftiger ausfallen. Die Rückkehr zur Normalität wollte mit möglichst geringen Kosten einen möglichst bequemen Zustand bewahren. Weil sie aber zu lange aufschob und sich darunter zu viel aufstaute, zog sie die einschneidendste Verwandlung in der Geschichte dieses politischen Aufbaus nach sich. Man wollte den kleinen Preis sparen und musste am Ende den großen zahlen. Das ist das Schicksal eines Abschlusses durch Vergessen. Als Nächster tritt ein Präsident im Rollstuhl auf die Bühne. Mit ihm kommt eine ganz neue Sprache.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage des chinesischen Arguments. 中文・English