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Manga und Anime · Monster
Essay 3 von 5

Namen

Tschechien. Die Wohnung mit dem Schild der drei Frösche.

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Der vollständige Manga und die 74-teilige Serie werden einschließlich Todesfällen, Identitäten und Schlussbild behandelt.
Über diese Ausgabe

Zur Textgrundlage: Die chinesische Originalseite lässt sich zwischen vereinfachter und traditioneller Schrift umschalten. Laut ihrem Editionshinweis wurden dort Tatsachenangaben und Formulierungen zur Reihenfolge der Einlieferungen, zur Gewalt im Kinderheim 511, zu den Erinnerungen der Zwillinge und zum Ort der Operation nach Ruhenheim überarbeitet. Dieser Essay verrät die Handlung der gesamten Serie.

Tschechien. Die Wohnung mit dem Schild der drei Frösche.

Vor einer Mutter stehen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Zwillinge. Man verlangt von ihr, eines auszuliefern.

Sie liefert eines aus.

Das Werk hält diese Handlung fest, ohne damit zu erklären, warum ihre Wahl auf dieses Kind fällt. Sie gibt ein Kind her. Das andere bleibt zurück.

Später klärt der Manga, dass Nina ins Haus der Roten Rosen gebracht wurde und dort das Massaker sah.

Johann hörte von ihr, was dort geschehen war. Er nahm ihre Erzählung schließlich für sein eigenes Erleben.

Welches Kind fortgebracht wurde, ist also kein Rätsel, das bis zum Schluss ungelöst bleibt. Doch die Klärung füllt eine andere Leerstelle nicht: Wen wollte die Mutter hergeben, und was machten die beiden Kinder jeweils aus ihrer Handlung?

Ein Rätsel kann seine Antwort finden, wenn die Tatsachen wieder ans Licht kommen. Hier fügen sich aber die Entscheidung der Mutter, das Verständnis der Kinder und die spätere Verantwortung auch dann nicht von selbst zu einer Linie. Selbst Erlebtes kann vergessen werden. Gehörtes kann zur Gewissheit eines Menschen über sich selbst werden.

Dieser Essay fragt deshalb nicht nur: Wer war es denn nun? Er fragt nach dem, was auch eine geklärte Tatsache für einen Menschen nicht ausfüllen kann.

Kein Name sitzt fest

Gehen wir die Namen in diesem Werk durch, fällt etwas auf: Kaum einer hält an seinem Platz.

Johanns Name kommt aus einem Buch. Seine Eltern haben ihn ihm nicht gegeben, er wurde nicht in der Familie weitervererbt. Ein Wort aus einem Bilderbuch wurde herausgenommen und einem Kind angeheftet.

Seine Schwester hat mehrere Namen getragen. Anna. Nina Fortner. Und weitere.

Franz Bonaparta hat mehr als zehn Namen benutzt. So viele, dass seine eigene Identität erst zusammengesetzt werden muss.

Die Kinder im Kinderheim 511 haben Nummern.

Das, was in Grimmer nur in der Gewalt hervortritt, hat einen Namen. Grimmer selbst findet seine Gefühle nicht.

Es gibt noch ein paar Dinge, die nicht auf dieser Liste stehen und doch nach demselben Muster funktionieren.

Kommissar Runge verwandelt einen Menschen bei seinen Ermittlungen in eine Verhaltenslogik, aus der sich Schlüsse ziehen lassen. Er gibt im Kopf Daten ein und simuliert, was dieser Mensch tun würde. Darin ist er außerordentlich gut. Er kann Schritt für Schritt rekonstruieren, wie ein anderer vorgegangen ist. Während er das tut, ist der betreffende Mensch für ihn ein Satz von Parametern.

Eva tut lange Zeit auf andere Weise etwas Ähnliches. Wenn sie einen Menschen ansieht, sieht sie seine Stellung, seinen Besitz und das, was er ihr geben kann.

Ein Name ist in diesem Werk keine feste Eigenschaft eines Menschen. Man kann ihn wegnehmen, ersetzen oder jemandem aufsetzen.

In dieser Geschichte gerät alles in Bewegung. Als Erstes lockern sich die Namen.

Was Tenma tut

Tenma hat eine Gewohnheit. Die Geschichte zeigt sie oft, jedes Mal beiläufig. Erst zusammengenommen werden diese kleinen Momente sichtbar.

Er merkt sich die Namen seiner Patienten.

Keine Aktennummern, keine Bettnummern, nicht „die Galle in Bett drei“. Er kann die Menschen beim Namen nennen. Er weiß noch, welchen Beruf sie haben, wie viele Menschen zu ihrer Familie gehören und was sie beim letzten Mal erzählt haben.

Für den Betrieb eines Krankenhauses ist das völlig nutzlos. Es verkürzt keine Operation, erhöht nicht den Patientendurchsatz und taucht in keiner Kennzahl auf. In der Rangordnung der Eisler-Klinik ist diese Gewohnheit nichts als überflüssiger Aufwand.

Ein Name ändert keine Tatsache. Wie ein Mensch heißt, verändert weder seinen Zustand noch seine Prognose noch die Frage, ob es sich lohnt, ihn zu retten.

Er tut nur eines: Er hält fest, dass hier ein bestimmter Mensch ist, kein austauschbarer Fall.

Eine Maschine kann einen Krankheitsfall fehlerlos bearbeiten, ohne den Namen des Patienten zu kennen. Eine Verwaltung kann eine Million Menschen präzise erfassen und dafür ausschließlich Nummern verwenden. An der Effizienz solcher Verfahren ist nichts auszusetzen. Meist sind sie sogar effizienter. Namen bringen Vorurteile mit sich, Nummern nicht.

Was Tenma beharrlich tut, ist nach Effizienzmaßstäben ein reines Verlustgeschäft.

Überall dort, wo Menschen in diesem Werk in etwas anderes umgewandelt werden, besteht der erste Schritt darin, ihre Namen zu entfernen.

Tenmas Gewohnheit und sein Handeln aus dem ersten Essay sind zwei Seiten derselben Sache. „Wer war zuerst da?“ ist ebenfalls eine Regel, die nicht fragt, wer dieser Mensch ist. Gerade indem sie nicht nach gesellschaftlicher Identität unterscheidet, wahrt sie jeden als den Menschen, der er selbst ist.

Was Johann will

Mit dem Bilderbuch gesprochen lässt sich Johanns Plan ungefähr so beschreiben: als Letzter übrig bleiben, alles auslöschen und dann einen Blick auf die Landschaft werfen, die zurückbleibt.

Das müssen wir Schicht für Schicht auseinandernehmen.

Rache ist es nicht. Wer Rache will, braucht eine Liste und muss unterscheiden, wer sterben soll und wer nicht. Johann will alle.

Macht ist es ebenso wenig. Für Macht braucht man Menschen, die sich beherrschen lassen. Johann will die Leere.

Er will einen Ort, an dem niemand mehr ist. Auch er selbst nicht.

Woher kommt das in ihm? Die Antwort, die das Werk liefert, ist ganz konkret: Er geht die Struktur, die er im Bilderbuch gelesen hat, bis zu ihrem Ende ab.

In Das namenlose Monster teilt sich ein Monster ohne Namen in zwei Hälften. Die eine geht nach Osten, die andere nach Westen. Beide dringen in Menschen ein und fressen sie von innen auf. Den Verlauf der Geschichte werde ich nicht nacherzählen; mir geht es um ihre Form. Ein Wesen hat keinen Namen und will einen gewinnen, indem es andere besetzt. Doch jedes Mal, wenn es jemanden besetzt, verschwindet dieser Mensch.

Dieses Buch wurde Kindern vorgelesen. Die Kinder haben es nicht selbst in einer Buchhandlung ausgesucht. Jemand hat es ihnen in einem Zimmer immer und immer wieder vorgelesen.

Aus diesem Buch kommt Johanns Name. Aus ihm kommt auch sein Vorgehen.

Hier ist Vorsicht nötig. Daraus darf nicht werden: „Ein Buch hat ihn böse gemacht.“ Das Material, das der Manga liefert, ist komplizierter. Ein bestimmter Mensch hat das Buch an einem bestimmten Ort auf eine bestimmte Weise immer wieder einer bestimmten Gruppe von Kindern vorgelesen. Das Buch ist ein Bauteil, nicht die ganze Konstruktion.

Sicher ist nur eines: Das, was Johann haben will, hat dieselbe Form wie das, was in diesem Buch steht.

Der Kakao auf der anderen Straßenseite

Im letzten Band stellt der Manga einige Dinge nebeneinander. Auf sie läuft dieser Essay zu.

In der kleinen Stadt Ruhenheim findet ein Massaker statt.

Grimmer ist in einem Gasthaus, in dem sich Kinder befinden. Um sie zu schützen, geht er ohne Waffe hinaus.

Draußen sieht ihn eine Frau und ruft nach ihm. Überall sind Gewehrläufe. Er kann ihr nicht „Lauf weg!“ zurufen. Also zeigt er mit der Hand in eine Richtung.

Vor seinen Augen wird die Frau getroffen und bricht zusammen.

Dann tritt der großartige Steiner hervor. Sein Schrei hallt durch den ganzen Ort.

Sehen wir genau hin, was Grimmer zuvor getan hat. Er weiß, dass er nicht sprechen darf, also weist er mit der Hand den Weg. Jemand, der keinen Laut von sich geben kann, versucht mit allen Mitteln, eine Nachricht weiterzugeben. Er scheitert.

Was unmittelbar danach hervortritt, ist der einzige Teil von ihm, der nie zögern und nie nach Worten suchen muss.

Auf der anderen Seite dieses Massakers gibt Roberto die Anweisungen. Auch er kommt aus Kinderheim 511.

Roberto hat von einer Erinnerung gesprochen, die Johann ihm zurückgegeben hat, der einzigen Erinnerung an sich selbst. Es war die wöchentliche Freude in der Einrichtung: Am meisten liebte er heißen Kakao.

Als Grimmer stirbt, ist ein Kind bei ihm. Später gibt das Kind wieder, was er gesagt hat:

Seinen eigenen Namen habe er vergessen, doch an den Namen seines Freundes habe er sich erinnert. Dieser Junge hieß Adolf Reinhart. Am liebsten mochte er den Kakao, den es einmal pro Woche gab.

Zwei Männer, eine Straße zwischen ihnen, sprechen von derselben Tasse Kakao. Keiner weiß, dass der andere dort ist.

Einer hat seinen eigenen Namen vergessen und sich den seines Freundes bewahrt. Dieser Freund leitet gerade in derselben Stadt das Morden. Und er glaubt, von ihm selbst sei ihm nur eine Tasse Kakao geblieben.

Die beiden Äußerungen stehen im Manga nicht direkt nebeneinander. Mehrere Szenen trennen sie. Zusammenbringen müssen sie die Lesenden.

Der Manga lässt diese beiden Menschen nicht aufeinandertreffen. Er inszeniert kein Wiedererkennen. Grimmer erfährt vor seinem Tod nicht, dass sein Freund nur wenige hundert Meter entfernt ist. Roberto erfährt vor seinem Tod nicht, dass jemand noch weiß, wie er heißt.

Adolf Reinhart: Diesen Namen spricht ein Dritter aus, vor einem weinenden alten Mann. Und dieser alte Mann ist genau derjenige, der das alles damals zusammengesetzt hat.

Die zwei Seiten eines Namens

Hier kann dieser Essay enden.

Namen lassen sich in diesem Werk wegnehmen. Sie wegzunehmen ist sogar das Erste, was jene Verfahren tun. Nummern ersetzen Namen, Bilderbücher setzen neue Namen ein, Identitäten werden mehr als zehn Mal gewechselt.

Gleichzeitig sind Namen das Letzte, was bleibt.

Grimmer vergisst seinen eigenen und behält den seines Freundes. Roberto vergisst alles über sich, bis auf die Wärme einer Tasse Kakao. Tenma merkt sich in einem Krankenhaus, das es nicht braucht, wie seine Patienten heißen. Einen nach dem anderen.

Das sind die beiden Enden derselben Sache. Der Manga legt beide offen hin. Den Weg dazwischen zeichnet er nicht.

Was einem Menschen am leichtesten genommen werden kann und was ihm als Letztes bleibt, ist ein und dasselbe.

Das ist hier keine bloße Behauptung. Es ist eine Folge konkreter Tatsachen. Am ersten Tag im Kinderheim tritt eine Nummer an die Stelle des Namens. Und das Letzte, was ein blutender Mann auf einer Straße in Ruhenheim ausspricht, ist der Name eines anderen Menschen und das Getränk, das dieser gern mochte.

Die Mutter hat eines ihrer Kinder hergegeben.

Für das Mädchen, das später in Heidelberg aufwächst, backen die Eltern einen Kuchen zum zwanzigsten Geburtstag.

Davon handelt der nächste Essay.

Naoki Urasawa: Monster. Von 1994 bis 2001 als Fortsetzungsserie in Shogakukans Big Comic Original erschienen; die ursprüngliche Buchausgabe umfasst achtzehn Bände. Der Inhalt des Bilderbuchs Das namenlose Monster wird nur in seinen Grundzügen beschrieben, nicht im Wortlaut wiedergegeben. Maßgeblich für diese Essayreihe ist der Manga.