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Manga und Anime · Monster
Essay 2 von 5

Erziehung ist ein Experiment

Ein verlassenes Gebäude. Sämtliche Fenster sind zerschlagen, auf den Wänden stehen Graffiti. Der Wind streicht durch die leeren Fensterrahmen.

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Der vollständige Manga und die 74-teilige Serie werden einschließlich Todesfällen, Identitäten und Schlussbild behandelt.
Über diese Ausgabe

Zur Textgrundlage: Die chinesische Originalseite lässt sich zwischen vereinfachter und traditioneller Schrift umschalten. Laut ihrem Editionshinweis wurden dort Tatsachenangaben und Formulierungen zur Reihenfolge der Einlieferungen, zur Gewalt im Kinderheim 511, zu den Erinnerungen der Zwillinge und zum Ort der Operation nach Ruhenheim überarbeitet. Dieser Essay verrät die Handlung der gesamten Serie.

Ein verlassenes Gebäude. Sämtliche Fenster sind zerschlagen, auf den Wänden stehen Graffiti. Der Wind streicht durch die leeren Fensterrahmen.

Hier befand sich einst ein besonderes Waisenhaus der DDR, gemeinsam betrieben vom Gesundheitsministerium und vom Innenministerium. Nach außen hieß es, man erziehe die Kinder dort zu sozialistischen Musterbürgern.

Es hieß Kinderheim 511.

Noch vor dem Fall der Berliner Mauer wurden große Teile der Unterlagen verbrannt. Die Verantwortlichen setzten sich ab. Versuchsdaten und Tonaufnahmen blieben zum Teil erhalten. Doch aus diesen Fragmenten und den Berichten der Überlebenden lässt sich zur Zeit der Handlung kaum noch ein vollständiger, überprüfbarer Aktenbestand herstellen.

Niemand kümmert sich mehr um das Haus. Es steht einfach da, eine Ruine wie jede andere. Wer vorbeigeht, sieht nicht zweimal hin.

Dieser Essay handelt von den Verfahren, die in diesem Gebäude angewandt wurden, und von einigen Menschen, die daraus hervorgingen.

Hier wurden nicht nur Kinder misshandelt

Zunächst müssen wir genau benennen, was dort geschah. „Misshandlung“ ist kein falsches Wort. Bleiben wir dabei stehen, übersehen wir aber den entscheidenden Teil der Einrichtung: Hier geriet nicht gelegentlich jemand außer Kontrolle. Hier wurde mit Zielen, Methoden und Protokollen an der Herstellung von Menschen gearbeitet.

Zwei Sätze des ehemaligen Heimleiters Petrov erschließen diesen Ort:

Erziehung ist ein Experiment.

Erziehung bedeutet, Menschen heranzubilden, die dem Staat nützen.

Legt man diese Sätze nebeneinander, liegt der Bauplan des Hauses vor einem.

Es war eine geheime Forschungseinrichtung. Als Material dienten Kinder, für die es keinen anderen Ort gab.

Woher sie kamen, benennt der Manga sehr genau: Kinder von Kriminellen, von politischen Gefangenen, von Spionen. Kinder, die sich in der DDR-Gesellschaft nirgends regulär unterbringen ließen.

Darauf ruhte die ganze Anordnung. Man konnte diese Kinder nicht deshalb so verwenden, weil jemand gerade sie besonders ausgesucht hatte, sondern weil niemand nach ihrem Verbleib fragen würde. Ihre Eltern waren tot, saßen im Gefängnis oder galten selbst als Staatsfeinde. Wartet draußen niemand auf ein Kind, gilt das, was mit ihm geschieht, für die Verwaltung als nicht geschehen.

Zu den Methoden des Experiments gehörten Gehirnwäsche und Medikamente.

Sein Ziel war eindeutig: vollkommene Menschen ohne „überflüssige Gefühle“ herzustellen. Mitgefühl und Mitleid wurden zum Überflüssigen gezählt.

Dieser Ort war nicht außer Kontrolle geraten. Er produzierte Menschen nach einem Lastenheft.

Zuerst nahm er ihnen die Namen. Die Kinder hatten dort Nummern.

Dann nahm er ihnen die Gefühle, und auch das geschah nach einem technischen Verfahren. Eines der beschriebenen Experimente bestand darin, Kinder gruppenweise einzusperren und zu beobachten, wie sie Schritt für Schritt anfingen, einander zu hassen.

Sehen wir uns die Anordnung dieses Experiments genau an.

Erwachsene mussten nicht jedes Mal eigenhändig Gewalt ausüben. Sie mussten eine Gruppe von Kindern bestimmten Bedingungen aussetzen und dann zusehen. Die Gewalt war nicht verschwunden. Sie war in die Umgebung eingebaut worden, und die Kinder trugen sie aneinander aus.

Waren die Bedingungen erst hergestellt, erledigten die Kinder den Rest selbst. Sie misstrauten einander, denunzierten und grenzten einander aus, bis sie einander schließlich hassten. Niemand befahl ihnen diese einzelnen Handlungen. Die Umgebung trieb sie dazu. Die Versuchsleiter mussten nur danebenstehen und Protokoll führen.

Das Verfahren hatte einen Nebeneffekt: Jede konkrete Verletzung ereignete sich zwischen Kindern. Kein Erwachsener hatte zugeschlagen. Also ließ sich auch in keinem Protokoll jemand finden, den man dafür hätte zur Verantwortung ziehen können.

Was bestellt war und was dabei herauskam

Kinderheim 511 lieferte am Ende nicht das bestellte Produkt.

Nachdem Johann dort eingetroffen war, brach die Einrichtung zusammen. Die Kinder wurden in etwas hineingezogen. Sie begannen, einander umzubringen; auch Angestellte und Erzieher starben. Danach funktionierte das Heim nicht mehr.

Petrovs Erklärung dafür führt zum wichtigsten Satz dieses Essays.

Er sagt, der Fehler des früheren Versuchs sei gewesen, dass die so hergestellten Menschen von der Dunkelheit verschlungen wurden. Beim nächsten Experiment solle man den Kindern deshalb Liebe geben.

Liebe ist hier die nächste Versuchsvariable.

Dieser Satz braucht keinen Kommentar. Er beschreibt die gesamte Anordnung aus eigener Kraft.

Im ersten Experiment besteht die Eingabe aus Entzug: Namen wegnehmen, Gefühle wegnehmen, die Bedingungen für gegenseitigen Hass herstellen.

Im zweiten Experiment wird Liebe eingegeben.

Zwei Experimente mit genau entgegengesetzten Zutaten. Doch das Hinzufügen selbst hat in beiden Fällen dieselbe Stellung: Jemand steht draußen, betrachtet eine Anleitung, entscheidet, was hineinmuss, fügt es hinzu und beobachtet das Ergebnis.

Auch die Kinder nehmen in beiden Versuchen genau dieselbe Stellung ein.

An dieser Unterscheidung arbeitet sich der Manga immer wieder ab. Dass die Umwelt ein heranwachsendes Kind prägt, gilt für jeden Menschen. Niemand ist davon ausgenommen. Hier geschieht aber etwas anderes: Jemand hält die Beschreibung eines fertigen Produkts in der Hand, errechnet rückwärts, welche Zutaten dafür nötig sind, und setzt ein bestimmtes Kind diesen Einwirkungen aus.

Der Unterschied liegt nicht darin, ob ein Mensch beeinflusst wird. Er liegt darin, ob schon vorher feststeht, was am Ende aus ihm werden soll.

Das Haus der Roten Rosen

Außerhalb dieses Gebäudes gibt es einen zweiten Ort, an dem mit anderen Mitteln etwas Ähnliches geschieht.

In Tschechien steht ein von roten Rosen überwachsenes Herrenhaus. Es gehört einem Mann namens Franz Bonaparta.

Was er dort veranstaltet, nennt er „Lesekreise“.

Die Form ist einfach: Kinder werden zusammengebracht, und jemand liest ihnen Bilderbücher vor. Bonaparta hat diese Bücher selbst geschrieben und gezeichnet.

Die Bücher sind hier nicht für Kinder zum Lesen da. Sie werden an Kindern eingesetzt.

Auch das Ziel der Lesekreise wird unmissverständlich benannt: Aus den Kindern sollen hervorragende Kämpfer werden, die Westdeutschland überrennen können.

Der Manga benennt ebenso die Folgen. Bei ehemaligen Teilnehmern zeigen sich im Erwachsenenalter häufig bestimmte Defizite: Sie können nicht lieben, ihr Gefühlsleben bleibt dünn.

An der Oberfläche gibt es in diesem Verfahren keine Schläge im herkömmlichen Sinn. Die Gewalt steckt im Verwendungszweck, in der Umgebung und darin, wie die Aufmerksamkeit der Kinder in Besitz genommen wird.

Zu sehen sind nur ein Erwachsener, ein Zimmer, einige Kinder und ein Buch.

Dabei hat das Verfahren eine Eigenschaft, die Kinderheim 511 so nicht hat: Es wirkt durch die eigene Aufmerksamkeit der Kinder. Wer einer Geschichte zuhört, ist beteiligt, wird selbst tätig und gibt sich ihr hin. Zuhören verlangt, dass man sich in die Geschichte hineinbegibt. Und genau den Platz, den das Kind dabei einnimmt, will das Buch besetzen.

Ein Kind wehrt sich nicht gegen eine Geschichte. Es hat keinen Grund dazu.

Zum Haus gehört noch ein größerer Plan. Angehörige einer Elite sollen miteinander Kinder zeugen, die dann zu Kämpfern herangezogen werden. Die Mutter von Johann und seiner Schwester ist in diesen Plan hineingeraten.

Bonaparta verliebt sich in sie.

Später kommt er zu der Überzeugung, dass diese Experimente aufhören müssen. Bei einer Veranstaltung im ersten Obergeschoss des Hauses, auf der die Ergebnisse vorgestellt werden sollen, tötet er sämtliche Beteiligten des Projekts.

Ein Lastenheft und drei verschiedene Wege

Eines fehlt noch: Man hat diese Kinder später auch eingesetzt.

Einige der im Kinderheim 511 Aufgewachsenen wurden für nachrichtendienstliche Aufgaben eingesetzt. Sie arbeiteten getarnt, etwa als Journalisten. Das Verfahren hörte also nach der Herstellung nicht auf. Die fertigen Menschen wurden dorthin geschickt, wo man sie brauchte, um dort zu tun, was gebraucht wurde.

Drei Menschen, die aus solchen Verfahren hervorgegangen sind, stellt der Manga in den Vordergrund.

Roberto wird Johanns rechte Hand. Er ist ein Berufskiller, der mit seinem freundlichen Äußeren und seiner Schauspielkunst an Menschen herankommt, bevor er zuschlägt.

Grimmer wird Journalist. Er reist umher, führt Interviews, spricht sanft. Er lächelt immer.

Johann wird zum Titel dieses Werks.

Drei Menschen kommen aus ähnlichen Verhältnissen und schlagen drei völlig verschiedene Richtungen ein. Der Manga erklärt das nicht. Er liefert keinen Mechanismus dafür, warum dieser Mensch so und jener anders geworden ist. Er stellt die drei einfach hin.

An allen dreien finden sich dennoch die Spuren derselben Sache.

Bei Grimmer hat diese Sache einen Namen

Grimmer verdient einen eigenen Abschnitt.

Er lächelt ständig. Dieses Lächeln ist keine Verstellung, oder vielmehr: Es ist komplizierter als eine Verstellung. Er hat selbst gesagt, dass er nicht weiß, was er empfindet. Er findet seine eigenen Gefühle nicht. Welche Miene zu welchem Anlass passt, weiß er, weil er es gelernt hat.

Bei anderen erkennt er Gefühle. Er kann genau sagen, ob jemand traurig ist oder Angst hat, und liegt damit häufiger richtig als die meisten. Vermutlich ist das einer der Gründe, weshalb er als Journalist gut ist.

Sucht er an derselben Stelle in sich selbst, greift er ins Leere.

Die Geschichte zeigt ihn oft bei dieser Suche. Er hält inne, denkt ernsthaft nach und stellt den Menschen neben sich ganz einfache Fragen. Er spielt nicht den Ahnungslosen. Er sucht wirklich. Seit vielen Jahren.

Etwas in ihm kann allerdings hervortreten.

Unter äußerster Wut, Trauer oder Belastung verwandelt er sich in eine andere Persönlichkeit. Sie ist gewalttätig, furchtlos und jeder vernünftigen Ansprache entzogen. Sie kann tun, wozu er nicht imstande ist.

Diese Persönlichkeit hat einen Namen: der großartige Steiner.

Der Name stammt aus einer Zeichentrickserie seiner Kindheit. Deren schmächtiger Held verwandelt sich, sobald die Bösen auftauchen, ohne es selbst zu bemerken in den unbesiegbaren großartigen Steiner und schlägt das Böse nieder.

Grimmer findet seine eigenen Gefühle nicht. Doch für das, was aus ihm hervortreten kann, hat er einen Namen aus einer Zeichentrickserie genommen, die er als Kind gesehen hat.

Ein Mensch, der unter einer Nummer aufgewachsen ist, benennt mit Hilfe einer Fernsehserie den einzigen Teil seiner selbst, der noch lebendig ist.

Verbrannte Akten und erhaltene Fragmente

Zum Schluss etwas, das den ganzen Essay durchzieht.

Große Teile der Unterlagen von Kinderheim 511 wurden vor dem Fall der Mauer verbrannt. Die Verantwortlichen flohen. In dem von Petrov hinterlassenen Bankschließfach finden sich dennoch Forschungsunterlagen und Tonaufnahmen. Dass solche Fragmente erhalten sind, bedeutet nicht, dass sich das gesamte Geschehen dort juristisch und anhand von Akten belegen ließe.

Das betreffende Zimmer im Haus der Roten Rosen blieb viele Jahre versiegelt.

Die Menschen, die an jenem Plan beteiligt waren, tötete Bonaparta eigenhändig.

Die Dokumentation beider Verfahren ist also schwer beschädigt und lückenhaft. Die erhaltenen Aufnahmen und Forschungsunterlagen liefern Hinweise. Alles, was Menschen dort angetan wurde, lässt sich daraus nicht wiederherstellen.

Was diese Orte hinterlassen haben, lässt sich mit den erhaltenen Akten nicht erschöpfen. Die tieferen, dauerhafteren Spuren stecken in Menschen.

Und dieses „in Menschen“ macht auf mehreren Ebenen Schwierigkeiten.

Erstens lässt es sich nur schwer unmittelbar in Beweise übersetzen, die eine Institution überprüfen kann. Selbstverständlich können Überlebende aussagen. Doch die langfristigen Folgen, die sie tragen, haben keine Aktennummer und keine lückenlose Herkunftsgeschichte. Auch der ursprüngliche Aktenbestand, an dem man sie prüfen könnte, ist nur unvollständig erhalten.

Zweitens lässt es sich nicht mehr ahnden. Dafür bräuchte man einen Angeklagten. Die Verantwortlichen haben aber die Akten verbrannt und sind geflohen, oder sie sind bereits tot.

Drittens, und darauf verwendet der Manga den meisten Raum, lässt es sich nicht abschließen. Wird einem Menschen ein Bein gebrochen, ist der Vorgang zu einem bestimmten Zeitpunkt vorbei. Danach heilt der Bruch, oder er heilt nicht. Für das, was hier geschehen ist, gibt es diesen Zeitpunkt nicht. Es wirkt jeden Tag weiter, weil es die Weise verändert hat, in der dieser Mensch mit allem umgeht.

Solche Menschen gibt es in der Geschichte an den verschiedensten Orten Deutschlands und Tschechiens. Sie kennen einander nicht. Von außen wirken sie bloß wie etwas merkwürdige Erwachsene: ein Journalist, der zu viel lächelt; ein Mörder, der zu sanft spricht; jemand mit einem kleinen Lokal; ein Rechtsanwalt.

Sie tragen aber etwas Gemeinsames in sich. Ein Gebäude mit lauter zerbrochenen Fenstern hat es hinterlassen.

Der bekannteste Junge aus diesem Verfahren hat seinen Namen aus einem Buch.

Noch zuvor hatte man seiner Mutter in der Wohnung mit dem Schild der drei Frösche etwas abverlangt: Sie sollte eines ihrer beiden Kinder ausliefern.

Darum geht es im nächsten Essay.

Naoki Urasawa: Monster. Von 1994 bis 2001 als Fortsetzungsserie in Shogakukans Big Comic Original erschienen; die ursprüngliche Buchausgabe umfasst achtzehn Bände. Maßgeblich für diese Essayreihe ist der Manga. Die Fernsehanime-Adaption von Madhouse, ausgestrahlt 2004 bis 2005 in vierundsiebzig Folgen, dient als Vergleich.