Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Manga und Anime · Monster
Essay 1 von 5

Der später eingelieferte Patient soll zuerst operiert werden

An diesem Abend wird ein Kind in die Eisler-Klinik gebracht. Ein Kopfschuss, höchste Lebensgefahr. Der Junge heißt Johann Liebert. Bei ihm ist seine Zwillingsschwester, die unter Schock steht und kein Wort herausbringt. Ihre Elter

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Der vollständige Manga und die 74-teilige Serie werden einschließlich Todesfällen, Identitäten und Schlussbild behandelt.
Über diese Ausgabe

Zur Textgrundlage: Die chinesische Originalseite lässt sich zwischen vereinfachter und traditioneller Schrift umschalten. Laut ihrem Editionshinweis wurden dort Tatsachenangaben und Formulierungen zur Reihenfolge der Einlieferungen, zur Gewalt im Kinderheim 511, zu den Erinnerungen der Zwillinge und zum Ort der Operation nach Ruhenheim überarbeitet. Dieser Essay verrät die Handlung der gesamten Serie.

  1. Düsseldorf, Bundesrepublik Deutschland.

An diesem Abend wird ein Kind in die Eisler-Klinik gebracht. Ein Kopfschuss, höchste Lebensgefahr. Der Junge heißt Johann Liebert. Bei ihm ist seine Zwillingsschwester, die unter Schock steht und kein Wort herausbringt. Ihre Eltern sind gerade ermordet worden. Sie waren aus der DDR geflohen.

Wer operieren soll, steht fest: Kenzo Tenma, ein achtundzwanzigjähriger Neurochirurg aus Japan. Niemand in diesem Krankenhaus hat bessere Hände.

Kurz bevor er beginnt, kommt eine Anweisung.

Der Düsseldorfer Bürgermeister ist zusammengebrochen und wird jeden Augenblick eintreffen. Klinikdirektor Heinemann verlangt, dass Tenma den Jungen liegen lässt und den Bürgermeister operiert.

Tenma weigert sich. Er hält sich an die Reihenfolge der Einlieferungen und führt Johanns Operation zu Ende.

Johann überlebt. Der Bürgermeister stirbt.

Dieser Essay handelt von jener Nacht. Und von dem, was danach geschieht, ohne dass Tenma daran beteiligt ist.

Die Rangordnung dieses Krankenhauses ist kein Geheimnis

Zuerst muss Heinemanns Seite zu ihrem Recht kommen. Sonst trägt dieser Essay nicht.

In der Eisler-Klinik gilt eine Rangordnung. Sie ist bekannt, lässt sich offen aussprechen und wird täglich angewandt. Berühmte Patienten kommen vor unbekannten, Mächtige vor Machtlosen. Wer dem Krankenhaus etwas einbringen kann, kommt vor denen, die nichts mitbringen.

Diese Ordnung wird nicht durch Gefälligkeiten oder Korruption am Laufen gehalten. Sie ist fest in der Institution verankert, wird von der Leitung gewissenhaft gepflegt und mit klaren Gründen gestützt.

Ihre Begründung ist in sich schlüssig. Und sie ist nicht absurd.

Ein Krankenhaus braucht Geld, Geräte, Forschungsmittel und Kontakte zur Politik. Bei der nächsten Haushaltsberatung muss jemand für seine Belange eintreten. Überlebt der Bürgermeister, kann all das weiter zufließen. Stirbt er ausgerechnet hier, schlägt es auf andere Weise gegen die Klinik zurück. Und was wird aus diesen Ressourcen schließlich? Bessere Geräte, mehr Betten, mehr Menschen, die gerettet werden können.

Heinemanns Rechnung lässt sich also durchaus weiterführen. Unter dem Strich steht sogar ein Plus.

Die Rangordnung dieses Krankenhauses ist kein Geheimnis. Sie steckt im täglichen Betrieb. Alle richten sich danach, bis zu diesem Abend auch Tenma.

Das muss ausdrücklich gesagt werden. Tenma ist kein Fremder, der gerade von draußen hereinkommt. Er hat in dieser Klinik zügig Karriere gemacht und sich mit der Tochter des Direktors verlobt. Vor ihm liegt die Leitung der Chirurgie, dahinter die Leitung des ganzen Hauses. Er hat in dieser Ordnung gelebt, von ihr profitiert und sie selbst ausgeführt.

Manches daran hat ihm Unbehagen bereitet, doch er hat es nicht weiterverfolgt. So zeigt ihn die Geschichte: Als Arzt spürt er einen Konflikt, geht ihm aber nicht auf den Grund. Er operiert einen Patienten nach dem anderen und vergräbt sich in seiner Forschung.

Darauf kommt es an. Vor jener Nacht ist Tenma kein Dissident. Er ist jemand, der mitgeht. Und für ihn geht es besser voran als für die meisten.

Hinzu kommt die Verlobung mit Eva, Heinemanns Tochter. Der höchste Platz in dieser Rangordnung ist der Platz, den Tenma eines Tages selbst einnehmen soll. Er steht nicht außerhalb des Systems. Er ist sein Erbe.

Er beruft sich auf eine andere Regel desselben Krankenhauses

Was er an jenem Abend tut, wird meist so zusammengefasst: Er widersetzt sich dem Befehl des Direktors.

In dieser Zusammenfassung fehlt etwas.

Tenma erklärt die Rangordnung nicht öffentlich für falsch. Er verkündet keine Position, fordert keine Abschaffung und stellt keinen neuen Grundsatz auf.

Er tut etwas anderes: Er wendet ein einziges Mal eine Regel an, die in diesem Krankenhaus längst ebenfalls gilt. Wer war zuerst da?

Zum regulären Ablauf der Klinik gehört an diesem Abend auch die Frage, wer zuerst eingeliefert wurde und wessen Behandlung bereits begonnen hat. Normalerweise bleibt diese Reihenfolge unauffällig, weil sie selten offen mit der Rangordnung der Macht kollidiert. Natürlich muss eine wirkliche medizinische Ersteinschätzung auch die Dringlichkeit berücksichtigen. Sie lässt sich nicht auf eine starre Warteschlange reduzieren. Hier benötigen jedoch beide Patienten eine Notoperation. Johann ist bereits da, und Tenma hat die Verantwortung für seine Operation übernommen.

An diesem Abend gerät diese Regel mit anderen Interessen in Konflikt.

Tenma entscheidet sich für sie.

Eine Eigenschaft dieser Regel verdient besondere Aufmerksamkeit: Sie fragt nicht, wer jemand ist.

Die Reihenfolge der Einlieferung interessiert sich weder für Ruhm noch für Geld noch dafür, was ein Patient der Klinik nützen könnte. Sie will nur wissen, wann er angekommen ist. Für den gesellschaftlichen Rang eines Menschen ist sie vollkommen blind.

Gerade diese Blindheit macht sie in jener Nacht gegen eine andere Regel brauchbar, die all das sehr genau sieht.

Die Handlung ist klein. So klein, dass daraus noch keine ausgearbeitete Position wird. Auch im Nachhinein kann Tenma sie nicht mit einer geschlossenen Theorie erklären. In jenem Operationssaal liegt eben ein Kind vor ihm, das zuerst gekommen ist. Und er hält bereits die Instrumente in der Hand.

Dazu kommt: Kein anderer kann dieses Kind operieren. Das stellt die Geschichte ausdrücklich klar. Nur Tenma kann es retten. Seine Wahl lautet an diesem Abend deshalb nicht einfach: Wen retten? Sie lautet: Einen Menschen retten oder einen Menschen aufgeben. Was diese Möglichkeiten unterscheidet, liegt in diesem Raum ganz konkret vor ihm. Es ist keine abstrakte Ethikaufgabe.

Die Rechnung ist beglichen

Die Folgen lassen nicht auf sich warten. Und sie folgen genau der Logik jener Rangordnung.

Tenmas Aussicht auf die Leitung der Chirurgie ist dahin. Seine Verlobung mit Eva wird gelöst. Jeder weitere Weg in dieser Klinik ist ihm versperrt.

Heinemann betreibt seinen Sturz. Zwei Ärzte aus dem Umfeld des Direktors treten an seine Stelle.

Die Abrechnung ist vollständig und vorhersehbar. Sie übersteigt niemandes Vorstellungskraft, auch Tenmas eigene nicht.

Ein Satz am Krankenbett

Einige Zeit nach seinem Sturz geht Tenma in Johanns Krankenzimmer.

Der Junge ist noch nicht aufgewacht. Mit verbundenem Kopf liegt er da, ein Kind, das Tenma eigenhändig dem Tod abgerungen hat.

Vor diesem schlafenden Kind spricht Tenma aus, was er über Heinemann und dessen Leute denkt. Sinngemäß: Solche Menschen wären besser tot.

So etwas sagt man in tiefer Verbitterung. Und man sagt es hier an einem Ort, an dem es niemand hören wird, wie Tenma glaubt. Im Zimmer liegt nur ein bewusstloses Kind.

Dann sterben Heinemann und zwei weitere Ärzte. Jemand hat die Bonbons vergiftet.

Etwa zur selben Zeit verschwinden Johann und seine Schwester aus der Klinik.

Die Polizei ermittelt lange, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Auch der Zusammenhang zwischen dem Täter und dem Verschwinden der Zwillinge bleibt ungeklärt.

Tenma bekommt unterdessen alles zurück, was er verloren hat.

Heinemann ist tot. Der Mann, der ihm den Weg versperrt hat, ist nicht mehr da. Die beiden Ärzte, die an seine Stelle getreten sind, sind ebenfalls tot; ihre Stellen werden frei. Später wird Tenma Leiter der Chirurgie.

Das ist weder die Aufhebung eines Fehlurteils noch eine Rehabilitierung noch irgendeine Form von Entschädigung. Niemand prüft seine damalige Entscheidung neu. Niemand sagt ihm, dass er richtig gehandelt hat.

Auch an der Rangordnung ändert sich kein Wort. Nur die Menschen, die sie ausführen, werden ausgetauscht.

Alles, was er verloren hat, kommt zurück. Aber dass es zurückkommt, ist nicht sein Werk.

Der Satz wurde gehört

An dieser Stelle hält die Geschichte lange etwas in der Schwebe.

Der Junge war bewusstlos. Ob er gehört hat, was Tenma sagte, bleibt für lange Zeit offen. Drei Männer sind tot, die Zwillinge verschwunden. Die beiden Ereignisse stehen nebeneinander, ohne ein Wort, das sie verbindet.

Einen Satz zu sagen und einen Satz zu hören sind zwei verschiedene Vorgänge.

Was jemand sagt, wenn er sich ungehört glaubt, ist meistens kein Programm, sondern ein Gefühl. Es soll weder ausgeführt noch aufbewahrt werden. Nach dem Aussprechen dürfte es sich verflüchtigen.

Dieser Satz verflüchtigt sich nicht.

Die gleiche Konstellation kehrt später immer wieder: Jemand sagt in einer bestimmten Situation etwas, dem er selbst kaum Gewicht beimisst. Es trifft einen anderen Menschen und wird dort zu etwas anderem. So verhält es sich mit Tenmas Operation in jener Nacht. So verhält es sich auch mit seiner Klage.

Welche Verantwortung verbindet nun den Satz, den Tenma ausgesprochen hat, mit dem Tod dieser drei Männer? Johann wird später zugeben, dass er sie getötet hat. Damit ist aber noch nicht beantwortet, wofür Tenma einstehen muss: Ein Satz aus tiefer Verbitterung wird von einem anderen in eine Tat verwandelt. Wie viel davon ist dem Sprecher zuzurechnen? Diese Essayreihe fällt dieses Urteil nicht anstelle der Lesenden.

Einer rechnet nach dem Nutzen

Ein Mann hat Tenma von Anfang an im Visier.

Kommissar Runge vom Bundeskriminalamt, dem BKA. Er stellt Motive und Vorteile zusammen und prüft, welche Verbindung am besten aufgeht.

Nach diesem Verfahren ist die Antwort eindeutig. Niemand hat vom Tod der drei Männer so viel wie Tenma. Was diese Männer ihm genommen haben, fällt ihm durch ihren Tod vollständig wieder zu. Kein anderer gewinnt mehr.

Deshalb hält Runge ihn für verdächtig. Über Jahre lässt er diesen Verdacht nicht los.

Auch das muss klar gesagt werden: An Runges Verfahren ist nichts falsch. Er benutzt eine Methode, die jeder Ermittler benutzt, und er wendet sie gründlicher an als die meisten. Kein Vorurteil hat ihn vom Weg abgebracht. Im Gegenteil, im ganzen Manga lässt sich niemand weniger von Vorurteilen leiten als er. Er hört nicht auf das, was Menschen erzählen. Er sieht sich die Rechnung an.

Sein Ergebnis ist falsch.

Er kommt dazu, weil in seinem Verfahren für eine Möglichkeit kein Platz ist: Ein Mensch kann überhaupt nichts getan haben und trotzdem den gesamten Nutzen aus den Taten anderer ziehen.

Ein Verfahren, das ausschließlich Vorteile zusammenzählt, kann diese Möglichkeit nicht erkennen.

Neun Jahre später

1995 leitet Tenma die Chirurgie der Eisler-Klinik. Er geht seiner Arbeit nach. Das Leben hat sich wieder eingependelt.

Einer seiner Patienten heißt Junkers. Er ist ein Meister im Schlösserknacken und steht mit einer Mordserie in Verbindung.

Die Opfer dieser Serie haben etwas gemeinsam: wohlhabende Ehepaare mittleren Alters, ohne Kinder.

Eines Tages taucht ein junger Mann in der Klinik auf. Er ist schön, bewegt sich ruhig und spricht leise. Einer, der jeden beliebigen Raum betreten kann, ohne Misstrauen zu wecken.

Außerhalb der Klinik erschießt er Junkers vor Tenmas Augen.

Die Geschichte zeigt dabei kein Zögern und kein Vorspiel. Wir sehen nicht, wie ein Mörder sich zu seiner Tat durchringt. Wir sehen jemanden etwas tun, das für ihn alltäglich ist.

Es ist Johann Liebert.

Dann spricht er mit Tenma über die Vergangenheit, die drei toten Ärzte und jene Nacht. Er gibt zu, dass er sie getötet hat.

Von diesem Augenblick an glaubt Tenma, dass er für das verantwortlich ist, was er 1986 vom Operationstisch ins Leben zurückgeholt hat.

Diese Überzeugung ist der Ausgangspunkt all seiner weiteren Handlungen. Er gibt seine Stellung auf, flieht, lernt schießen, durchquert Deutschland und Tschechien, gerät an Menschen, mit denen ihn zunächst gar nichts verbindet. Alles beginnt mit dieser Zuschreibung.

Ob sie berechtigt ist, bleibt eine gewaltige Frage.

Wenn ein Mensch eine Entscheidung getroffen hat: Gehört ihm dann auch alles, was später aus ihr hervorgeht?

Falls ja, wird jede Lebensrettung zur Wette. Der Einsatz besteht in allem, was der Gerettete für den Rest seines Lebens tun wird, einschließlich dessen, wovon er selbst noch nichts weiß. Dann lässt sich die Frage „Retten oder nicht?“ in der Gegenwart niemals beantworten. Man müsste zuerst die Zukunft kennen.

Falls nein, hätte niemand für die Menschen einzustehen, die nach jener Nacht im Jahr 1986 sterben.

Die verbleibenden siebzehn Bände drehen und wenden diese Frage immer wieder. Sie tun es, indem sie fortwährend neues Material hinzufügen, nicht indem sie eine Antwort festschreiben.

Etwas hat dieser Essay noch nicht zu Ende erzählt.

1986 liegt in jener Nacht ein Zehnjähriger auf dem Operationstisch. Tenma sieht ein kleines Kind mit einem Kopfschuss, das im Sterben liegt.

Doch bevor dieses Kind die Klinik erreicht, hat es bereits einiges erlebt.

Um den Johann von 1995 zu verstehen, müssen wir also noch weiter zurückgehen, in die Zeit vor seiner Einlieferung.

Ein Teil der Antwort liegt an einem Ort, den es nicht mehr gibt. Die Fenster des Gebäudes sind heute zerschlagen, seine Wände voller Graffiti. Viele Akten wurden schon vor dem Fall der Berliner Mauer verbrannt. Später tauchen dennoch Bruchstücke auf: Aufnahmen und Forschungsunterlagen.

Der Ort heißt Kinderheim 511.

Darum geht es im nächsten Essay.

Naoki Urasawa: Monster. Von 1994 bis 2001 als Fortsetzungsserie in Shogakukans Big Comic Original erschienen; die ursprüngliche Buchausgabe umfasst achtzehn Bände. Maßgeblich für diese Essayreihe ist der Manga. Die Fernsehanime-Adaption von Madhouse, ausgestrahlt 2004 bis 2005 in vierundsiebzig Folgen, dient als Vergleich.