SAE · Theorie des Lachens · Einführung
Niemand hat verloren
Ein Inder sieht bei einem Engländer Bier aus einer Flasche schäumen. Für Kant wird im Lachen eine Erwartung zu nichts; für die Theorie des Lachens urteilen wir, dass ein Konstrukt noch diesen Rest hat. Im Augenblick des Lachens sind beide vor uns. Niemand hat verloren.
Wie hat man es hineingebracht?
In der Kritik der Urteilskraft erzählt Kant eine Geschichte. Ein Inder sitzt bei einem Engländer zu Tisch, sieht eine geöffnete Bierflasche und den Schaum, der aus ihrem Hals steigt, und kann sich vor Verwunderung kaum fassen. Was ihn denn so erstaune, fragt man. Dass das Bier herauskomme, sei nicht verwunderlich, antwortet er; verwunderlich sei, wie man es hineingebracht habe. Kant fügt ausdrücklich hinzu: Wir lachen nicht, weil wir uns für klüger halten als diesen unwissenden Menschen.
Die Geschichte steht in der Anmerkung zu §54. Kant ordnet das Lachen dem Angenehmen zu, neben Glücksspiel und Musik, als eine Art Spiel. Seine Definition lautet: Lachen sei ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts. Urteilskraft kommt dabei durchaus vor: Nach der Enttäuschung kehrt das Gemüt zu einem neuen Versuch zurück und schwankt zwischen zwei Standpunkten. Doch für den Verstand, meint Kant, falle nichts dabei ab. Die eigentliche Ursache des Vergnügens sei die dadurch ausgelöste Bewegung des Körpers.
Sehen wir noch einmal auf die Flasche. Was ist zunichtegeworden? Unsere Erwartung: Wir hatten angenommen, der Schaum sei das Erstaunliche. Was uns nun begegnet, ist aber nicht nichts, sondern etwas, woran wir nicht gedacht hatten: das Hineinbringen. Auch unsere erste Lesart ist nicht verschwunden. Der Schaum quillt weiter; der Gedanke, eigentlich müsste ihn das Herausquellen erstaunen, bleibt vor uns liegen, neben seiner Frage nach dem Hineinbringen. Noch etwas fällt auf: Das Konstrukt, dessen Rest sich zeigt, ist nicht das des Inders, sondern unseres. Über wen man lacht und zu wessen Konstrukt der Rest gehört, sind hier verschiedene Fragen.
Die Einführung der SAE-Theorie des Lachens, Urteilskraft und Lachen, setzt hier an. Sie versteht Lachen als Äußerung der Urteilskraft. Was das Lachen urteilt, lautet: Dieses Konstrukt hat noch diesen Rest. An drei Stellen geht sie von Kant ab: Ist das, was hervortritt, nichts oder ein Rest? Ist Lachen ein Affekt, dessen Vergnügen über den Körper vermittelt wird, oder das empfundene Nicht-anders-Können eines Urteils? Und gegenüber anderen: Wird allen Zustimmung zugeschrieben, oder bleibt man offen dafür, befragt zu werden? Diesen drei Unterschieden geht der Essay nach und zeigt anschließend, wohin die vier Einzeluntersuchungen führen.
Konstrukt und Rest
Zunächst zwei Wörter. Ein Konstrukt ist jede gerade wirksame Weise, etwas aufzufassen. Der Aufsatz nennt etwa eine Erwartung, eine Definition, die Lesart eines Satzes, eine Umgangsform oder das Verständnis der eigenen Lage. Ein Rest ist jener Punkt, den dieses Konstrukt nicht erfasst und der dennoch vor uns liegt. Im Lachen sehen wir ihn, und wir sehen ihn zugleich mit dem Konstrukt.
Gegenstand des Lachens ist daher weder der Rest allein noch das Konstrukt allein, sondern ihr Verhältnis. Ohne eine Grenzziehung gibt es keinen Rest; er wird nur als Rest eines bestimmten Konstrukts sichtbar. Genau dieses Zugehörigkeitsverhältnis erfasst das Lachen. Auch die Formulierung „dieser eine Rest“ hat ihren Sinn: „dieser“ heißt, dass man darauf zeigen kann, auch einem anderen gegenüber; „eine“ heißt, dass er sich einzeln herausheben lässt. Um zu lachen, muss man nicht wissen, wie viele Reste ein Konstrukt insgesamt hat. Es genügt dieser eine. Der Aufsatz nennt das Individuierung, nicht Aufzählung.
Der Ansatz stammt aus dem Rahmen Self-as-an-End, SAE. Darin dient der Rest als zentraler Begriff zur Erschließung der unterschiedlichen Bereiche: Jedes Konstrukt hat einen Rest, und einen Rest zu haben ist kein Mangel. Das Lachen ist dafür ein besonders alltägliches Zeugnis. Denn im Lachen betrachten wir einen Rest gerade als Rest, nicht als Niederlage des Konstrukts.
Die SAE-Ästhetik hat bereits begründet: Wer ein Konstrukt in einer Dimension voll entfaltet sieht, kann nicht anders, als seine Schönheit anzuerkennen. Dass man nicht anders kann, findet sich auch beim Lachen; verschieden ist der Gegenstand. Die Anerkennung von Schönheit kann der vollen Entfaltung eines Konstrukts gelten, während Lachen auf einen Rest fällt. In diesem Sinn bildet die Theorie des Lachens die Rückseite der Ästhetik.
Was daran neu sein soll, muss genau benannt werden. Lachen als Urteil zu verstehen ist gegenüber Kant neu, gegenüber heutiger Psychologie nicht. Schon McGraw und Warrens Theorie der gutartigen Verletzung setzt beim Bewerten an. Hier geht es um etwas anderes: darum, wie Konstrukt und Rest gemeinsam in ein Lachen eingehen. Der nach außen hervorstechende Unterschied lässt sich so sagen: Niemand hat verloren.
Drei Bedeutungen von noch
Das kleine Wort noch trägt viel. Es kann mindestens dreierlei heißen: noch gegenwärtig, also erinnerbar, verständlich und erneut betrachtbar; noch in Gebrauch, weil jemand weiterhin danach handelt; noch gültig, weil der ursprüngliche Anspruch weiterhin besteht. Die Ebenen greifen ineinander: Gebrauch und Gültigkeit setzen Gegenwärtigkeit voraus. Die Theorie berücksichtigt alle drei Möglichkeiten; die Mindestbedingung ist Gegenwärtigkeit.
Bei einem Wortspiel können beide Lesarten zutreffen. Das Konstrukt bleibt gültig, nichts wird beschädigt, das Lachen ist leicht. Anders am Ende von „Des Kaisers neue Kleider“: Nachdem das Kind ausgesprochen hat, was es sieht, denkt auch der Kaiser, es sei wohl so. Trotzdem führt er den Zug zu Ende, stolzer als zuvor; die Kammerherren tragen weiter die nicht vorhandene Schleppe. Der Zug geht fort, doch niemand glaubt mehr an die Kleider. Das Konstrukt bleibt in Gebrauch, ohne gültig zu bleiben. Das ist die Ebene der Satire. Der Text verzeichnet nicht, wer lacht. Leser können auf mehreren Ebenen lachen: über den Kaiser, die Minister und die Menge, die eben noch zu sehen vorgab.
Die dritte Möglichkeit ist bloße Gegenwärtigkeit. Diogenes bringt ein gerupftes Huhn in den Lehrsaal und erklärt: Das sei Platons Mensch. Die Definition als federloser Zweifüßer lässt sich noch denken, hat aber ihre Berechtigung verloren. Diogenes Laertios berichtet, man habe danach breite, flache Nägel hinzugefügt. Von lachenden Zuhörern steht dort nichts. Falls jemand lacht, liegen in diesem Augenblick Platons Definition und das Huhn nebeneinander. Dass die Definition ausgebessert wird, kommt nach dem Lachen. Die Theorie nennt das Aufnahme des Restes.
Gegenwärtigkeit muss hier präzise verstanden werden: Gemeint ist, dass das Konstrukt jetzt vor Augen steht, nicht, dass es fortbesteht. Gebrauch und Gültigkeit halten nur fest, wie weit dieses Lachen reicht; sie sind keine Bedingungen dafür, überhaupt zu lachen. Das noch gehört stets zum Konstrukt, nicht zum Rest.
Niemand hat verloren
Aus dieser Mindestbedingung ergibt sich der auffälligste Satz: Im Augenblick des Lachens sind Konstrukt und Rest zugleich vor Augen; keines wird ausgelöscht, keines zum Verlierer erklärt. Ob das Konstrukt anschließend unverändert bleibt, überarbeitet oder aufgegeben wird, entscheidet dieses Lachen nicht. Ob es noch gültig ist oder gebraucht wird, kann vor, nach oder zugleich mit dem Lachen gesondert beurteilt werden. Das Lachen urteilt nicht darüber, ob das Konstrukt bleiben soll.
Schopenhauers Theorie der Inkongruenz ist eine klassische Fassung der Erklärung des Lachens durch Unstimmigkeit; auch Kant gehört zu dieser Richtung. Für Schopenhauer entsteht Lachen, wenn die Unstimmigkeit zwischen einem Begriff und dem durch ihn gedachten wirklichen Gegenstand plötzlich bemerkt wird. Der Sieg der anschaulichen Erkenntnis über das Denken bereite Vergnügen. In dieser Beschreibung ist Lachen Ergebnis eines Sieges: Die Anschauung gewinnt, der Begriff verliert. Genau hier widerspricht die SAE-Theorie. Lachen entscheidet keinen Sieg. Stellt sich Vergnügen ein, ist es ein begleitendes Gefühl, nicht das Lachen selbst.
Dabei bleibt der Aufsatz Schopenhauer gegenüber zurückhaltend. Ein Wortspiel kann beiden Beschreibungen als gemeinsamer Prüfstein dienen, ist aber kein fertiges Gegenbeispiel. Schopenhauer behandelt Wortspiele selbst und lässt zu, dass ein Gegenstand in einer Hinsicht richtig unter einen Begriff fällt, in einer anderen aber Unstimmigkeit zeigt. Man müsste zunächst Wörter, Begriffe und Gegenstände im Einzelnen abgleichen und dann prüfen, was beide Beschreibungen jeweils sagen. Vorher wird keine Widerlegung verkündet.
Auch bei Kant selbst findet sich eine entsprechend lesbare Stelle. In §54 spricht er von Naivität: Ursprüngliche Aufrichtigkeit bricht durch die zur zweiten Natur gewordene Kunst der Verstellung; Ernst und Achtung mischen sich in das Spiel. In der hier vorgeschlagenen Lesart ist die Verstellung das Konstrukt, die Aufrichtigkeit sein Rest. Beide stehen vor uns: die entlarvte Verstellung und die hervorbrechende Aufrichtigkeit. Kant sagt, der Schein werde zunichte. Die Theorie des Lachens sagt, Konstrukt und Rest seien zugleich gegenwärtig. Vielleicht beschreiben beide verschiedene Seiten desselben Geschehens.
Weinen, Angst und Lachen
Die Formel bestimmt, worüber das Lachen urteilt. Nun muss sie auch erklären, was Lachen von Weinen und Angst unterscheidet. Alle drei können demselben Konstrukt und demselben Rest begegnen; verschieden ist, wohin sich die Aufmerksamkeit richtet. Weinen und Angst konzentrieren sich auf das Konstrukt, Lachen auf den Rest. Im Weinen ist etwas verloren: Es ist nicht mehr da. In der Angst ist das Konstrukt bedroht, könnte bald nicht mehr da sein. Beim Lachen bleibt es vor Augen, doch dieser eine Rest zieht die Aufmerksamkeit an.
Schon Hobbes stellt im sechsten Kapitel des Leviathan Lachen und Weinen nebeneinander: ein plötzliches Gefühl eigener Größe auf der einen, plötzliche Niedergeschlagenheit auf der anderen Seite. Letztere entstehe, wenn ein unerwartetes Ereignis heftige Hoffnungen oder eine Stütze der eigenen Macht entziehe. Entzogen wird gerade das Konstrukt, auf das jemand sich stützt.
Ein Beispiel für Angst bietet ein Brief des Mathematikers Hermite an Stieltjes von 1893. Mit Schrecken und Abscheu, schreibt er, wende er sich von der beklagenswerten Plage stetiger, nirgends differenzierbarer Funktionen ab. Weierstraß hatte solche Funktionen bereits 1872 vorgestellt. Der Rest war also längst gesehen und verzeichnet; zwanzig Jahre später lag Hermites Aufmerksamkeit weiterhin auf dem bedrohten Konstrukt, dem üblichen Verständnis stetiger Funktionen in der Analysis. Der Brief sagt nicht, ob er lacht. Später nimmt die fraktale Geometrie denselben Rest auf: Er wird zur Schönheit des Restes, während sich die Aufmerksamkeit nun auf ihn selbst richtet.
Diese Unterscheidung erklärt etwas Vertrautes: In derselben Lage kann man lachen und weinen, oft abwechselnd. Richtet sich in Verzweiflung die Aufmerksamkeit auf die Überzeugung, dass es keinen Weg mehr gibt, weint man; richtet sie sich auf das Ich, das trotzdem weiter sucht, lacht man. Nicht die Lage hat sich verändert, sondern der Blickpunkt. Aufmerksamkeit muss auch nicht nur einem Punkt gelten: Man kann zugleich weinen und lachen, verlegen sein und dabei lachen. Der lachende Anteil gilt dem Rest. So lässt sich auch verstehen, warum eine Zielscheibe des Lachens häufig selbst nicht lacht: Zuschauer sehen den Rest; die betroffene Person wird vielleicht auf ihr eigenes Konstrukt und seine Beschädigung zurückgeworfen und empfindet Scham. Das bleibt jedoch eine Erklärungsmöglichkeit. Entscheidend ist ihr eigenes Urteil; manche lachen mit.
Arten des Lachens lassen sich danach unterscheiden, was der Rest den Lachenden kostet: unbeschwertes Lachen, kostspieliges bitteres Lachen, das äußerst kostspielige Lachen der Verzweiflung. Die Kosten unterscheiden aber nicht Lachen und Weinen. Auch das Lachen der Verzweiflung bleibt trotz seiner schweren Kosten Lachen. Im bitteren Lachen benennt bitter das Gefühl, Lachen dagegen jenes empfundene Nicht-anders-Können.
Sehen und Nichtsehen
„Noch vorhanden“ setzt voraus, dass etwas zuvor als nicht vorhanden behandelt wurde. Niemand muss ausdrücklich seine Nichtexistenz behauptet haben; es genügt, es nicht gesehen zu haben. Lachen urteilt deshalb nicht bloß über einen Rest, sondern über den Abstand zwischen Sehen und Nichtsehen. Dieser Abstand ist nach Person und Zeitpunkt festzuhalten. Innerhalb einer Person ist der Nichtsehende das Ich von eben. Der Abstand schließt sich augenblicklich: Daher die Plötzlichkeit beim Verstehen eines Wortspiels. Zwischen Personen kann er offen bleiben: Ich sehe etwas, mein Gegenüber noch nicht. Das verschmitzte und das liebende Lachen warten gerade auf dessen plötzlichen Augenblick. Umgekehrt können andere schon sehen, was ich noch nicht sehe. Ich lache über mein Nichtsehen: das ansteckende Lachen.
Plötzlichkeit wird also nicht abgeschafft. Sie ist die zeitliche Gestalt dieser Struktur innerhalb einer Person; Dauer ihre Gestalt zwischen zweien. Ein Witz ist beim zweiten Erzählen oft nicht mehr lustig, weil der Rest schon gesehen und der Abstand geschlossen ist. Doch alte Freunde lachen über alte Witze, obwohl beide sie kennen. Der Aufsatz verzeichnet das als zentralen Belastungsfall und bietet zwei mögliche Erklärungen: Gelacht wird über das Konstrukt Außenstehender, die noch nicht sehen; oder man versetzt sich erneut in das frühere eigene Nichtsehen und spielt den Abstand wieder durch. Aus der zweiten Möglichkeit ergibt sich eine ebenfalls vorläufige, noch ungeprüfte Beobachtungserwartung: Dann müssten Reihenfolge und Pausen weiter wirken; wer die Pointe zuerst verrät, bekäme kein Lachen. Die beiden Möglichkeiten beanspruchen keine Vollständigkeit.
Dass eine Gruppe leichter über einen Witz lacht als ein Einzelner, könnte damit zusammenhängen, dass die Frage, über wen gelacht wird, mehrere Ebenen hat. Derselbe Rest kann zu verschiedenen Konstrukten gehören: zu dem der Figur im Witz; zu meinem eigenen, in das der Witz mich hineingeführt hat; und zu unserem gemeinsamen, denn am Lachen der anderen erkenne ich, dass wir eben alle darin steckten. Die dritte Ebene gibt es nur in der Gruppe. Der Aufsatz bezeichnet dies ausdrücklich als Mechanismushypothese ohne bisherige empirische Absicherung.
In der Konstellation „Ich sehe, der andere sieht nicht“ sind zwei Formen zu unterscheiden. Ein Leser lacht über den Mann, der am Boot eine Kerbe macht, um sein ins Wasser gefallenes Schwert wiederzufinden, ohne sich mit ihm vergleichen zu müssen: beobachtendes Lachen. Denkt er beim Lachen dagegen, so dumm wäre ich nicht, geht sein eigener Zweck in das Konstrukt ein. Dann ist es vergleichendes Lachen, Hobbes’ zweite Ursache: Man sieht einen fremden Mangel, vergleicht und billigt plötzlich sich selbst. Kants Geschichte vom Inder ist der Prüfstein: Er sagt ausdrücklich, wir lachten nicht, weil wir uns klüger fühlten.
Der Augenblick, in dem man nicht anders kann
Drei Sätze über Lachen und Urteilen stehen oft nebeneinander: Lachen ist eine Äußerung der Urteilskraft; Lachen ist Urteil; ist das Urteil einmal da, lässt sich das Lachen nicht wegverhandeln. Die Theorie vertritt: Urteil und inneres Lachen sind zwei Seiten desselben Ereignisses. Nach seiner Struktur ist es ein Urteil, nach seiner empfundenen Seite Lachen. Inneres Lachen ist, dass jenes Nicht-anders-Können angesichts dieses Restes dieses Konstrukts empfunden wird: ein Empfinden, nicht ein Gefühl.
Freude, Erleichterung oder Wärme im Herzen sind Gefühle. Sie können hinzukommen oder ausbleiben. Auch Bitterkeit kann dabei sein, ohne dass Lachen aufhört, Lachen zu sein. Das äußere Lachen drückt das Ereignis aus und muss nicht auftreten. So bekommen die drei Sätze ihren jeweiligen Sinn: „Lachen ist Urteil“ meint die Einheit von innerem Lachen und Urteil; „Äußerung der Urteilskraft“ meint das äußere Lachen; „nicht wegzuverhandeln“ meint, dass bei diesem Ereignis beide Seiten gleichzeitig da sind.
Hier liegt der zweite Unterschied zu Kant. Bei Kant gelangt das Vergnügen über den Körper zu uns. Hier ist nicht das Vergnügen, sondern das Lachen selbst die andere Seite des Urteils. Der Körper wirkt weiterhin mit; seine Bewegung ist Ausdruck. Unterdrücktes Lachen zeigt es: Es ist bereits da, nur die Miene lässt sich mit Mühe zurückhalten. Der Aufsatz sagt klar: Auch innerlich empfundenes Lachen ist Lachen; zurückhalten lässt sich nur der Ausdruck. Ein höfliches Lächeln bildet die Gegenseite: ohne inneres Urteil äußerlich ein Lächeln herstellen. Die Theorie behandelt nur den Fall, dass innen tatsächlich gelacht wird.
Nicht anders können heißt nicht gezwungen werden. Erzwungenes Lachen nötigt jemanden durch Folgen, an einer bestimmten Stelle zu lachen, und beansprucht ein Urteil für ihn: Das ist Kolonisierung. Das Nicht-anders-Können folgt dagegen aus dem Urteil selbst; Zwang aus zusätzlich auferlegten Konsequenzen.
Dieses Nicht-anders-Können hängt am Urteil, nicht an dessen Richtigkeit. Jemand glaubt einem Gerücht, hält eine fremde Handlung für absurd und lacht. Später erfährt er, dass die Tatsachen anders lagen. Das Lachen hat stattgefunden, obwohl das Urteil falsch war. Es beglaubigt also seine Richtigkeit nicht selbst. Das Zeugnis ist von Anfang an eines der ersten Person: Hast du innerlich gelacht, und worüber? Wer nicht lacht, wird dadurch nicht zum Nichtsehenden erklärt.
Jemand benennt nüchtern eine zuvor übersehene Bedingung und lacht nicht. Ein schärferer Belastungsfall ist die plötzliche Einsicht: Die Bedingung tritt hervor, der Abstand schließt sich, doch häufig bleibt Lachen aus. Die Theorie schließt nicht rückwärts aus dem fehlenden Lachen, dass die Aufmerksamkeit nicht dem Rest galt. Sie unterscheidet vielmehr drei mögliche Richtungen nach dem Schließen des Abstandes: Bleibt sie beim Rest und das alte Konstrukt vor Augen, während dieser eine Punkt heraussteht, ist es Lachen. Kehrt sie zum Scheitern oder zur Bedrohung des alten Konstrukts zurück, etwa „Ich habe mich geirrt“, entstehen Verlegenheit, Angst oder Weinen. Geht sie nach vorn zum neuen Konstrukt, das die Bedingung sogleich in die Lösung aufnimmt, ist es Aufnahme: Dazu gehören Einsicht und nüchterne Korrektur.
Die Richtungen können sich mischen. Daher hört man oft zuerst ein Ah und erst danach Lachen: Wie konnte ich das übersehen! Zuerst gilt der Blick der gelungenen neuen Lösung, danach dem alten Konstrukt mit diesem Rest. Damit die Einteilung nicht zu einer beliebigen Ausflucht wird, nennt der Aufsatz außerdem unabhängige Merkmale im späteren Tun und Sprechen der Person und hält fest, welche Art von Fall sie widerlegen würde.
Dem folgen, der gerade lacht
Menschen lachen über denselben Witz an verschiedenen Stellen: über unterschiedliche Konstrukte und Reste, auf verschiedenen Ebenen. Deshalb wird die Ebene eines Lachens danach bestimmt, auf welcher Ebene der Lachende in diesem Augenblick steht; die Ebene des betrachteten Konstrukts wird gesondert notiert. Untersuchungseinheit ist ein einzelnes Lachen: das Urteil eines bestimmten Menschen zu einem Zeitpunkt über den Rest eines Konstrukts, nicht ein Witz. Eine Geschichte kann mehrere einzelne Lachereignisse enthalten: das Lachen ihrer Figuren, das des Erzählers und das der Leser. Weder die Geschichte von der Kerbe im Boot noch die von Dong Shi, die eine Schönheit nachahmt, verzeichnet im Original einen Lachenden. Es lachen die Leser; die Ebene hängt von ihnen ab.
In der Zuordnung der SAE-Psychoanalyse liegt das Subjekt bei 13DD: Es kann eine Verneinung auf sich selbst zurückwenden, auch die eigene Verneinung verneinen. Bei 12DD gibt es Vorhersagefähigkeit ohne Subjektivität. Das Lachen von Säuglingen sowie von Tieren, bei denen Subjekt und anderer noch nicht unterschieden sind, wird deshalb als Tendenz zum Lachen verzeichnet, nicht als Urteil bestätigt. Teile der Struktur von Konstrukt und Rest und die Aufmerksamkeit für den Rest sind schon da, aber noch niemand, der weiß, dass er selbst urteilt. Ab 13DD ist Lachen Urteil und kann korrigiert werden. Korrigierbarkeit heißt weder, dass immer korrigiert wird, noch, dass das Lachen schon gerechtfertigt wäre.
Der Bereich beginnt bei 12DD, unter Einbezug von 11DD; seine Hauptlinie reicht bis 15DD. Kitzellachen wird geteilt: Lacht das Kind bereits vor der Berührung, sagt es die Bewegung eines anderen voraus, eine Tendenz bei 12DD. Das Lachen nach der Berührung gehört als Wahrnehmungslachen zu 10DD und liegt unterhalb der behandelten Grenze. Erkennen zwei Menschen einander in einem bestimmten gemeinsamen Lachen als Zwecke an, bleiben dies ihre jeweiligen 15DD-Momente. Vollständiges 16DD verlangte gegenseitiges Nichtzweifeln in sämtlichen Angelegenheiten; endliche Menschen können es nicht aus diesem Augenblick für sich beanspruchen. Dieser ideale Grenzfall bleibt hier unentwickelt.
Auch innerhalb des Bereichs gibt es Lachen ohne Urteil: höfliches, erzwungenes, rein gesprächsbegleitendes Lachen oder bloßes Mitlachen auf einen Laut hin, ohne darin einen Hinweis auf etwas Übersehenes zu suchen. Provines Untersuchung zeigt, dass die meisten Lacher in Alltagsgesprächen auf nicht komische Äußerungen folgen. Er zählte äußeres, nicht inneres Lachen. Daraus wird nicht gefolgert, ob innen gelacht wurde. Ausgeschlossen wird lediglich definitionsgemäß der rein mitgehende Anteil.
Hast du es nicht verstanden?
Wie Schönheit ist Lachen nicht für alle gleich. Über denselben Witz lachen manche und andere nicht; selbst Lachende treffen nicht notwendig denselben Punkt. Unsere Urteilskräfte überschneiden sich, weshalb Lachen häufig geteilt wird. Doch jeder behält seine Urteilskraft: Lachen wird niemals von oben zugeteilt.
Zum Lachen gehört eine Erwartung an andere, alltäglich in der Frage „Hast du es nicht verstanden?“ In §8 sagt Kant, ein Geschmacksurteil postuliere nicht die Zustimmung aller, sondern mute sie jedem zu. Die Theorie des Lachens antwortet anders: Die Erwartung an andere besteht darin, selbst offen dafür zu bleiben, sich von ihnen befragen zu lassen. Ich erwarte, dass du mir dein Urteil mitteilst, nicht im Voraus, dass es sich mit meinem überschneidet. Die Frage heißt dann eigentlich: Was hast du gesehen? Zugleich warnt der Aufsatz: Derselbe Satz kann Spott sein und beweist nicht, dass sein Sprecher tatsächlich für Widerspruch offenbleibt.
Daraus folgen zwei Dinge. Wer nicht lacht, wird nicht allein deshalb zum Nichtsehenden erklärt: Vielleicht sieht er anderes, richtet den Blick auf das Konstrukt oder urteilt selbst anders. Wer dagegen jemanden durch Folgen zu einem bestimmten Lachen nötigt und dessen Urteil für ihn beansprucht, kolonisiert. Gemeint ist der weite Sinn: den eigenen Zweck an die Stelle des eigenen Gesetzes eines anderen setzen. Ihn zum erneuten Hinsehen einzuladen oder über eine Fehllektüre zu sprechen, ist keine Kolonisierung. Bei den Witzen eines Mächtigen mitzulachen ist insofern deren Kehrseite, als man ein nicht selbst gefälltes Urteil beanspruchen muss. Nur zu einer Miene gezwungen zu werden ist gesondert zu betrachten.
Macht verbietet Lachen und verlangt es zugleich. Warum wird Satire verboten? Wäre Lachen bloß ein Zucken des Zwerchfells, was sollte das Verbot erreichen? Die Antwort der Theorie lautet: Lachen urteilt, dass dieses Konstrukt noch diesen Rest hat; ob dieses Urteil entsteht, lässt sich nicht durch einen Befehl bestimmen. Der Aufsatz schränkt jedoch ein: Das Verbot des Lachens beweist für sich noch nicht, dass Lachen Urteil ist.
Auf die Einführung folgen vier Essays über die vier Ebenen: zunächst die Tendenz bei 12DD und das Lachen des Säuglings im Guck-guck-Spiel; dann bei 13DD erstmals ein Eigentümer des Urteils: Dieses Urteil ist meines. Der dritte untersucht bei 14DD den eigenen Zweck im Konstrukt, triumphierendes und bitteres Lachen, Auslachen und Handeln durch Lachen. Der vierte behandelt bei 15DD das Lachen der Verzweiflung und das verstehende Lächeln; er lässt auch die gemeinsame Begegnung in den Blick treten, ohne damit vollständiges 16DD zu behaupten.
Zurück zur Bierflasche. Nach dem Satz des Inders schäumt das Bier weiter, unsere frühere Lesart bleibt vor uns, und daneben liegt seine Frage. Niemand hat verloren. Einen Rest zu haben ist kein Mangel. Im Lachen betrachten wir einen Rest gerade als Rest.
Quellen und Lesehinweise
Diese vollständige deutsche Leserfassung wurde unmittelbar aus dem gegenwärtigen chinesischen Essay neu geschrieben, nicht aus einer Kurzfassung des Aufsatzes. Die bestehende englische Fassung ist unabhängig verfasst; beide chinesischen Schriftfassungen enthalten den ganzen Essay. Ausgangspunkt ist der oben genannte wissenschaftliche Überblick von Qin, Han (2026). Seine Literaturvergleiche, Hypothesen und noch zu prüfenden Erklärungen werden nicht zu abgeschlossenen Nachweisen verstärkt. Die Unterscheidung zwischen einem einzelnen gegenseitigen 15DD-Moment und vollständigem 16DD folgt der ausdrücklich festgehaltenen Definition dieser Website; der Hinweis benennt die Abweichung von älteren Registrierungen in den verlinkten Aufsätzen.
Hinweise zu dieser Fassung
Wissenschaftlicher Ausgangstext: Qin, Han (2026), Einführung: Urteilskraft und Lachen (SAE-Theorie des Lachens, Einführung). self-as-an-end.net · DOI: 10.5281/zenodo.23286244.
Zur Terminologie: Diese Leserfassung folgt der auf der Website festgehaltenen Definition von 13–16DD. Gegenseitiges Nichtzweifeln in einer bestimmten Begegnung wird als jeweiliger 15DD-Moment zweier Subjekte verstanden. Vollständiges 16DD würde gegenseitiges Nichtzweifeln in sämtlichen Angelegenheiten verlangen: einen idealen Grenzfall für endliche Einzelne. Wo die verlinkten Aufsätze einzelne Momente gegenseitiger Anerkennung als 16DD verzeichnen, richtet sich diese Essayfassung nach jener Unterscheidung. Gemeinsames Lachen oder Weinen allein beweist noch nicht, dass Anerkennung stattfindet.