NON DUBITO · Filmessays · 2 / 3
Wer hat diese Punktetafel aufgestellt?
In diesem Essay
Eigenständige deutsche Neufassung · Chinesisches Original in vereinfachter und traditioneller Schrift auf der Quellseite
Ein Verfahren, das jeden Tag abläuft
So funktionieren die Regeln im Haus der Chens: Am Abend stehen die Frauen jeweils am Eingang ihres Hofes und warten. Der Verwalter kommt und verkündet, in welchem Hof der Herr übernachten wird. Dort werden sofort große rote Laternen aufgehängt. Die Auserwählte bekommt am selben Abend die Füße massiert und bestimmt am nächsten Tag das Essen für die ganze Familie.
Die Dienerschaft trägt die Laternen auf Gestellen in den Hof. Gestell für Gestell werden sie entzündet und unter den Dachtraufen aufgehängt. Dazu erklingt der rasante Schlagzeugrhythmus der Pekingoper, der jijifeng. Sobald Gongs und Trommeln einsetzen, werden auch die Schritte der Diener schneller. Alle Höfe hören es gleichzeitig. Niemand muss nachfragen.
Besonders raffiniert ist das Recht, das Essen zu bestimmen. Am nächsten Tag sitzt die ganze Familie an einem Tisch. Alle vier Frauen wissen genau, wer die Speisen darauf ausgesucht hat. Während des Essens wird das Ergebnis des Vorabends noch einmal vorgeführt, und zwar vor aller Augen.
Dieses ganze Verfahren hat historisch nie existiert. Laternen entzünden, Laternen verhüllen, Füße massieren, Speisen bestimmen: All das hat der Film erfunden. Oft wird ihm genau das vorgeworfen. Er habe Folklore für ein ausländisches Publikum erdacht; in wirklichen Haushalten alten Stils habe es solche säuberlich geordneten Bräuche nicht gegeben.
Sachlich lässt sich der Vorwurf halten. Wer ihn jedoch für einen vernichtenden Einwand hält, muss etwas voraussetzen: Eine Regel könne nur dann ernst genommen und befolgt werden, wenn sie eine lange Geschichte habe. Dabei muss eine Regel nicht alt sein, um befolgt zu werden.
Der Film führt gerade vor, weshalb sie so gut funktioniert. Einmal täglich wird sie öffentlich vollzogen, vor allen Beteiligten. Etwas Unsichtbares, nämlich welche Frau der Herr heute Abend bevorzugt, wird in eine Zahl umgerechnet, die alle sofort ablesen können.
Das Klingen der Hämmerchen
Die Fußmassage hat einen genau festgelegten Ablauf. Erst werden die Füße in gereiftem Essig gebadet, dann mit einem roten Brauttuch bedeckt. Eine ältere Dienerin klopft mit zwei kleinen, glöckchenartigen Hämmerchen die Fußsohlen ab. Jeder einzelne Schlag klingt hell und klar. Selbst durch die Hofmauern ist er deutlich zu hören.
Entscheidend an dieser Erfindung ist der Ton. Die Laternen wenden sich an die Augen. In die Zimmer der anderen dringen sie nicht ein. Das Klingen der Hämmerchen schon. Die Frauen in den drei übrigen Höfen müssen ihr Zimmer nicht verlassen, um zu erfahren, welcher Hof heute ausgewählt wurde. Und sie müssen es eine ganze Weile lang hören.
Bei der ersten Massage ist Songlian das Ganze unangenehm. Sie hält es für ein unbegreifliches Zeremoniell; bei jedem Klopfen fühlt sie sich unwohl in ihrer Haut. So reagiert jemand, der gerade von der Universität kommt. Sie hat noch nicht gelernt, etwas anderes in diesem Klang zu hören.
Nach einiger Zeit sagt sie, die Fußmassage sei angenehm. Danach habe man zu allem mehr Energie. Noch später sagt sie, ohne diesen Klang könne sie nicht schlafen. Was ihr anfangs unangenehm war, wird zu etwas, dessen Fehlen sie nachts wach hält.
Als sie die Gunst verloren hat, dringt der Klang aus einem anderen Hof herüber. Sie liegt in ihrem Zimmer und hört die Hämmerchen im zweiten Hof, Schlag für Schlag, vollkommen deutlich, bis sie verstummen. Inzwischen muss niemand ihr mehr erklären, was das Geräusch bedeutet. Es ist selbst der Punktestand.
Manchmal gibt es gar keine Anweisung
An manchen Abenden haben sich die Frauen wie immer das Haar gemacht, vorzeigbare Kleider angezogen und vor ihren jeweiligen Hofeingängen aufgestellt. Der Verwalter kommt und erklärt, heute habe der Herr nichts angeordnet. Daraufhin geht jede in ihr Zimmer zurück. Am nächsten Abend geschieht wieder dasselbe.
Diese Szenen sind ganz nüchtern gefilmt. Keine Musik, keine Aufnahmen der Reaktionen. Menschen stehen da, Menschen gehen auseinander. Nicht einmal eine Klage fällt dazwischen. Und doch verraten gerade diese Szenen am meisten über das ganze Verfahren: Es läuft ab, obwohl es keinen Inhalt hat.
Songlian hat sich darüber beschwert. Wenn der Herr etwas anzuordnen habe, solle man es doch einfach sagen. Warum müsse dafür ein solcher Aufwand betrieben werden? Der Verwalter antwortet mit dem gewohnten Satz: „So ist die Regel.“ Sein Ton bleibt vollkommen ruhig. Er weist sie nicht zurecht. Er stellt etwas fest.
Wenn eine Regel so weit gediehen ist, dass sie auch ohne Inhalt funktioniert, wird sie nicht mehr um einer Gegenleistung willen befolgt. Der Akt, am Tor zu stehen und zu warten, hat festeren Bestand als das Ergebnis, auf das man wartet.
Man muss darauf achten, wer diesen Ablauf am Leben hält. Nicht der Herr. An jenem Abend ist er überhaupt nicht dabei, vielleicht nicht einmal im Haus. Die vier Frauen halten ihn aufrecht: Sie kommen pünktlich heraus, stellen sich hin, warten und gehen auseinander. Niemand ruft ihre Namen auf.
Die vier greifen nie die Regeln an
Der Film zeichnet den Kampf zwischen den vier Frauen mit großer Genauigkeit. Sie täuschen Krankheit vor, um den Mann fortzulocken, geben sich vornherum Hinweise und schwärzen einander hintenherum an, lassen eine Dienerin eine Stoffpuppe mit Nadeln spicken, um die Rivalin zu verfluchen, und bestechen die Bediensteten der anderen. Die Mittel werden immer ausgefeilter, immer wirksamer.
Doch von Anfang bis Ende sagt keine von ihnen: Warum soll eine Laterne darüber entscheiden, wer morgen das Essen bestimmt? Nicht ein einziges Mal fällt dieser Satz. Nicht einmal als Scherz.
Eine Erklärung wäre, dass ihnen die Kraft zum Widerstand fehlt. Nur passt das nicht zu dem, was der Film zeigt. Kraft haben sie reichlich. Zhuoyuns feines Kalkül, Meishans rücksichtslose Manöver und Songlians schneller Verstand sind echte Fähigkeiten. Es fehlt nicht an Kraft. Sie kennt nur eine Richtung: auf die anderen Frauen zu.
So stehen die Regeln unverrückbar da. Niemand hat sie auch nur angerührt. Sie brauchen nicht einmal einen Verteidiger, denn alle vier arbeiten für sie. Mit jedem Kampf bestätigen sie die Regeln erneut. Je erbitterter sie kämpfen, desto fester stehen sie.
Nachdem ihre Laternen verhüllt worden sind, sagt Songlian etwas Hartes zu Meishan: Was zählt ein Mensch in diesem Hof schon? Man ist wie ein Hund, wie eine Katze, wie eine Ratte. Wie alles Mögliche, nur nicht wie ein Mensch. Es ist der klarste Satz des ganzen Films.
Danach geht sie zurück und kämpft weiter. Zu erkennen, was dieses System ist, und nicht mehr nach seinen Maßstäben zu rechnen, sind zwei verschiedene Dinge. Der Film lässt aus diesem Satz keine Folgen entstehen. Er verändert nicht den nächsten Schritt auch nur einer einzigen Person.
Die zweite Frau ist kein schlechter Mensch
Zhuoyun ist die Figur, die im Publikum wohl am häufigsten beschimpft wird. Ihr gilt das Urteil: das gütige Gesicht eines Bodhisattvas, das Herz eines Skorpions. Vornherum ist sie am herzlichsten, hintenherum am grausamsten. Die Idee mit der verfluchten Puppe stammt von ihr. Und sie zeigt die vorgetäuschte Schwangerschaft an.
Anfangs ist niemand im ganzen Haus so gut zu Songlian wie sie. Sie bringt Geschenke, spricht vertraulich mit ihr, gibt ihr Ratschläge. Die neunzehnjährige Neuankömmlingin glaubt endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem sie reden kann. Als Songlian später erfährt, dass die Puppe auf Zhuoyuns Anweisung angefertigt wurde, trifft sie das noch eisiger als das Verhüllen der Laternen.
Dieses Urteil liegt nahe und macht es uns leicht. Sobald Zhuoyun als schlechter Mensch feststeht, treten die Regeln zur bloßen Kulisse zurück. Aus der Geschichte wird etwas, das eigentlich gut hätte ausgehen können, wenn nicht eine bösartige Person alles verdorben hätte.
Deshalb muss man ihre Stellung genau beschreiben. Sie ist vor Songlian ins Haus gekommen. Ihr Gesicht ist nicht mehr jung. Sie hat eine Tochter geboren, keinen Sohn. Nach der Rechnung dieses Hofes fehlt ihr beides: Jugend und ein Sohn. Was ihr an Mitteln bleibt, ist allein ihre Geschicklichkeit im Intrigieren.
Nichts von dem, was sie tut, verstößt gegen diese Regeln. Sie hat sie nicht verändert. Sie hat sich keinen zusätzlichen Punkt genommen, der ihr nach den Regeln nicht zustand. Sie hat die Regeln nur bis zum Letzten ausgeschöpft, früher und genauer als die anderen. Wer sie als schlechten Menschen liest, gesteht damit ein, dass diese Regeln eigentlich zu einem guten Ergebnis führen könnten.
Der Film zeigt sie einmal in einer ganz kurzen Einstellung. Songlian schneidet ihr die Haare. Die Schere verrutscht und schneidet ins Ohr; Blut läuft herunter. Zhuoyun schreit auf. Sie hebt den Blick zu Songlian. Was in diesem Blick liegt, sagt der Film nicht.
Songlian wird zur zweiten Frau
Nachdem sie die Gunst verloren hat, denkt sich Songlian die Schwangerschaft aus. Sie liegt im Bett, gibt sich schwach und behauptet wahrheitswidrig, schwanger zu sein. Der Herr freut sich und befiehlt, die Laternen fortan durchgehend brennen zu lassen. Tag und Nacht gehen sie nicht mehr aus. Das ist die höchste Punktzahl, die dieses System zu vergeben hat.
In den Tagen, in denen diese dauerbrennenden Laternen hängen, ist der vierte Hof auch tagsüber hell. Songlian liegt reglos im Bett, das Essen wird in ihr Zimmer gebracht, die Diener gehen mit äußerster Vorsicht ein und aus. Sie hat jetzt mehr erstritten als jede andere Frau im Haus. Und all das beruht auf etwas, das es gar nicht gibt.
Yan’er entlarvt sie. Beim Waschen von Songlians Kleidung entdeckt sie den verräterischen Hinweis und meldet ihn Zhuoyun. Zhuoyun meldet ihn dem Herrn. Doktor Gao stellt daraufhin fest, dass Songlian nicht schwanger ist. Der Herr stürmt hinaus, schlägt die Tür zu und lässt einen knappen Befehl zurück: „Laternen verhüllen.“ Er hat sie zwar gefragt, warum sie ihn belogen hat, ihr aber keine Gelegenheit gegeben, das Urteil zu ändern.
Genau so verfährt Zhuoyun immer: selbst nicht in Erscheinung treten, selbst keine Hand anlegen. Die Nachricht dorthin geben, wo sie hingehört, und die Regeln den Rest erledigen lassen.
Was Songlian anschließend tut, ist die zweite Hälfte desselben Verfahrens. Sie weiß schon lange, dass Yan’er heimlich Laternen in ihrem Zimmer aufbewahrt, und hat bisher geschwiegen. Als sie erfährt, dass Yan’er sie verraten hat, macht sie die Sache öffentlich.
Der Film markiert diese Verwandlung nicht. Keine Musik weist darauf hin, keine Einstellung zeigt ein Zögern, niemand sagt neben ihr: Du hast dich verändert. Sie handelt so routiniert, als hätte sie das schon viele Male getan. Dabei ist es das erste Mal.
Jede Runde, die sie gewinnt oder verliert, wird auf einer Punktetafel gewertet, die andere festgelegt haben. Von dem Augenblick an, in dem sie zum ersten Mal für Punkte handelt, bleibt zwischen ihr und Zhuoyun nur noch ein Unterschied: Wer rechnet genauer?
Yan’er will überhaupt mitspielen dürfen
Yan’er ist die Dienerin des vierten Hofes, noch ein Teenager. Dass sie Nebenfrau werden möchte, weiß das ganze Haus. Niemand nimmt es ernst. Songlian hat einmal den Herrn beim Flirten mit ihr überrascht. In Yan’ers Blick lag keine Furcht. Nur Trotz.
In ihrem winzigen, dunklen Dienstbotenzimmer versteckt sie einen ganzen Haufen alter Laternen und zündet sie nachts heimlich an. Andere haben diese Laternen abgenutzt und weggeworfen. Ihr Licht fällt jetzt auf Yan’er allein. Niemand wird es sehen. Niemand wird ihr dafür Punkte geben.
Als Songlian das Zimmer zum ersten Mal entdeckt, sieht sie dort auch die Stoffpuppe, auf der ihr eigener Name steht. Damals behält sie die Sache für sich und meldet sie nicht. Yan’er kniet einmal vor ihr nieder und fleht sie an. Es ist das einzige Mal im ganzen Film, dass Yan’er den Kopf vor ihr beugt.
Dieser Haufen Laternen gehört zu den schärfsten Bildern des Films. Yan’er ist nicht einmal zum Wettkampf zugelassen. Genau diese Zulassung will sie. Für sie sind die Laternen keine Belohnung. Eine alte Laterne verschafft ihr auch keinen greifbaren Vorteil. Sie bedeutet, als jemand zu gelten, für den überhaupt Punkte gezählt werden können.
Als die Sache bekannt wird, werden die Laternen vor aller Augen im Hof verbrannt. Zur Strafe muss Yan’er im Schnee knien. Der Verwalter überbringt ihr eine Nachricht: Die Herrin sagt, wenn du deinen Fehler zugibst, ist alles erledigt. Dieser Weg steht ihr die ganze Zeit offen. Sie könnte jederzeit aufstehen.
Sie gesteht keinen Fehler ein. Sie bleibt auf den Knien, bis sie das Bewusstsein verliert, wird fortgetragen und stirbt im Krankenhaus. Was sie verweigert, ist nicht die Strafe; das Knien ließe sich durchstehen. Sie verweigert die drei Worte „Ich lag falsch“. Denn mit diesen Worten würde sie anerkennen, dass sie schon den Wunsch nach einem anderen Platz niemals hätte haben dürfen.
Schwarze Hüllen
Der Film nimmt sich lange Zeit für das Verhüllen der Laternen. Die Diener holen Leitern, steigen einer nach dem anderen hinauf und ziehen schwarze Stoffhauben über die roten Laternen. Eine, zwei, eine ganze Seite des Ganges. Dann die andere. Niemand spricht. Die Handgriffe sitzen. Offensichtlich haben sie es schon getan.
Unter den Hauben bleiben die Laternen hängen. Ein wenig Rot schimmert durch die Spalten im Stoff. Licht dringt weder hinein noch heraus. Der Hof wird dunkel, dunkler, als er ohne Laternen gewesen wäre. Denn hier ist eine Helligkeit widerrufen worden.
Widerrufen wird kein Gefühl. Der Herr hat nie eine von ihnen geliebt. Daran lässt der Film keinen Zweifel, und auch die vier Frauen haben sich darüber nie getäuscht. Gestrichen wird der Punktestand: das Recht, das Essen zu bestimmen, der Winkel, in dem ein Diener den Kopf senkt, die Frage, ob jemand zur Seite tritt, wenn man vorbeigeht.
Songlian steht im Hof und sieht von der ersten bis zur letzten Laterne zu. Sie hält niemanden auf und sagt kein Wort. Sie weiß, was die Hauben bedeuten. Schon an ihrem ersten Tag hat sie gelernt, dieses System zu lesen. Und je genauer sie es lesen kann, desto schwerer ist es, hier zu stehen.
Als die letzte Laterne verhüllt ist, ist es völlig dunkel. Die Diener nehmen die Leitern zusammen und gehen einer hinter dem anderen hinaus. Hinter ihnen schließt sich das Hoftor. Im Hof bleiben zwei Reihen unsichtbares Rot.
Dieser Essay bezieht sich auf die Filmfassung von 1991 mit einer Laufzeit von etwa 125 Minuten.
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