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Non Dubito
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NON DUBITO · Filmessays · 1 / 3

Sie ist selbst hineingegangen

Han Qin (秦汉) · Deutsche Ausgabe: 8. November 2026

In diesem Essay

Eigenständige deutsche Fassung nach dem chinesischen Original

Eigenständige deutsche Neufassung · Chinesisches Original in vereinfachter und traditioneller Schrift auf der Quellseite

Am Anfang steht ein Gesicht

Zu Beginn des Films sehen wir nur Songlians Gesicht, frontal zur Kamera. Aus dem Off spricht ihre Stiefmutter. Sie redet ihr zu und drängt sie zugleich. Dieses Gespräch dauert schon drei Tage. Wir kommen gerade noch zu den letzten Sätzen dazu.

Mutter, lass es gut sein, sagt Songlian. Ich habe es mir überlegt. Dann heirate ich eben. Die Stiefmutter fragt, was für einen Mann sie heiraten möchte. Als könnte ich mir aussuchen, wen ich heirate, antwortet sie. Du redest doch die ganze Zeit vom Geld. Also einen reichen.

Die Stiefmutter erinnert sie daran, was das heißt: Bei einem reichen Mann wird sie nur Nebenfrau sein. Dann werde ich eben Nebenfrau, sagt Songlian. Ist das mit uns Frauen nicht immer dasselbe? Danach laufen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie wischt sie nicht ab. Sie senkt den Kopf nicht.

Die Einstellung bleibt ungeschnitten. Während der ganzen Szene sehen wir nur ihr Gesicht; die Person, die sie bedrängt, bleibt außerhalb des Bildes. Der Satz kommt aus ihrem eigenen Mund. Und es hat drei Tage gebraucht, um ihn ihr abzuringen. Beides ist in derselben Einstellung zugleich wahr.

Ein Film darüber, wie eine Frau verschlungen wird, könnte auf vielerlei Weise beginnen. Mit einer Brautsänfte. Mit einem Torbau. Mit einer Braut, die unter Tränen Abschied nimmt. Dieser Film beginnt mit einem Gesicht, das selbst zu sprechen anfängt.

Sie geht an der Brautsänfte vorbei

Die Familie Chen schickt eine Brautsänfte, um sie abzuholen. Songlian steigt nicht ein. Mit zwei dicken Zöpfen, in ihrer schwarz-weißen Studentenkleidung und mit einem Koffer aus Rattangeflecht geht sie zu Fuß. Die Sänfte steht am Weg. Sie geht an ihr vorbei, wirft einen Blick darauf und bleibt nicht stehen.

Die Passage ist mit langer Brennweite aufgenommen. Der unbefestigte Weg wirkt flach zusammengedrückt, die räumliche Tiefe lässt sich kaum erkennen. Sie geht lange, doch der Abstand im Bild verändert sich fast nicht. Der Sommer hat gerade begonnen; das Weiß des Weges blendet. Für diesen Fußweg nimmt sich der Film mehr Zeit als später für irgendeinen der Kämpfe.

In Su Tongs literarischer Vorlage wird Songlian ins Haus der Familie Chen getragen. Dass sie selbst hineingeht, ist eine Entscheidung des Films, und er trifft sie gleich in seiner ersten Szene. Was ein Film in den ersten Minuten an seiner Vorlage verändert, ist meist das, worauf er besonders hinauswill.

Ob sie hineingeht oder hineingetragen wird: Am Ende des Weges liegt derselbe Hof. Der Unterschied liegt in dem Stück davor. Im einen Fall wird eine Ware befördert; im anderen bewegt sich ein Mensch. Der Film entscheidet sich für den Menschen. Erst damit gibt es jemanden, dem sich alles Folgende zurechnen lässt.

Gleich hinter dem Tor hält sie kurz vor einer Stele mit alter Siegelschrift an. Einige Zeichen dürfte sie erkennen; sie ist gebildet. Der Film blendet keine Übersetzung ein und lässt auch niemanden erklären, was dort steht. Der Stein steht einfach da. Er war schon viele Jahre vor der Neuankömmlingin hier.

Sie hebt den Koffer ein wenig an und geht weiter. Ein Hof liegt hinter dem nächsten, ein Ende ist nicht zu sehen. Zum ersten Mal zeigt der Film jenes Bild von Toröffnungen, die ineinandergeschachtelt erscheinen. Es wird noch oft wiederkehren.

Der Zwang ist wirklich Zwang

Bevor wir diesen Schritt ihre Entscheidung nennen, müssen wir benennen, was sie dazu zwingt. Ihr Vater ist tot; danach ging auch der Teeladen der Familie zugrunde. Ein halbes Jahr hat sie an der Universität studiert, nun kann sie nicht mehr weitermachen. Zu Hause sind nur noch sie und ihre Stiefmutter. Die Stiefmutter will eine Last loswerden und obendrein einen Brautpreis einnehmen.

Drei Tage hat die Stiefmutter auf sie eingeredet. Drei Tage: Das ist eine sehr bestimmte Dauer. Kein einzelner Satz hat sie dazu gebracht. Sie wurde Tag für Tag mürbe gemacht. Darauf bezieht sich ihr „Ich habe es mir überlegt“ am Anfang. Der Film zeigt diese drei Tage nicht. Er lässt sie erst am letzten Tag sprechen.

Neunzehn Jahre alt, ohne Geld, ohne Angehörige, auf die sie sich stützen könnte, mit einem abgebrochenen Studium und ohne einen Ort außerhalb des Hauses, der sie aufnehmen würde. Unter diesen Umständen zu sagen, sie hätte ja nicht heiraten müssen, ist leicht dahingesagt. Die Verhältnisse lassen ihr tatsächlich keinen anderen Weg.

Man liegt nicht falsch, wenn man den Film so liest: Eine überlieferte Sittenordnung verschlingt Menschen. Die Maschine ist wirklich da, ihre Zahnräder sind wirklich da, die Verschlungenen sind wirklich da. Seit Jahrzehnten ist das die vorherrschende Lesart. Sie trifft etwas, sie hat Kraft, und sie erklärt den größten Teil dessen, was im Film geschieht.

An einer Stelle wird sie dem Film jedoch nicht gerecht. Letztlich macht sie aus Songlian das Stück Fleisch, das verschlungen wird. Die erste Einstellung zeigt sie anders. Die Kamera richtet sich auf ihr Gesicht und lässt sie ihren Satz selbst zu Ende sprechen.

Warum sie diesen Schritt selbst tun muss

Wäre sie lediglich hineingeschafft worden, wäre alles, was anschließend geschieht, etwas, das andere ihr antun. Der Film wäre dann eine Liste von Anklagepunkten. Man sähe ihn, schimpfte, drehte sich um und hätte ihn am nächsten Tag vergessen.

Doch die Hälfte dessen, was folgt, tut sie selbst. Sie denkt sich die vorgetäuschte Schwangerschaft aus. Sie verrät, dass Yan’er heimlich Laternen versteckt hat, nachdem sie lange darüber geschwiegen hat. Und sie ist es, die betrunken die Affäre der dritten Frau ausplaudert.

Diese Handlungen ergeben nur dann Sinn, wenn Songlian ein Mensch ist, der Entscheidungen treffen kann. Nur wenn sie den ersten Schritt selbst tut, gehören auch die folgenden Schritte ihr. Der Film schafft diese Voraussetzung gleich am Anfang. Dafür nimmt er in Kauf, dass uns von Beginn an unbehaglich zumute ist.

Das Unbehagen hat einen Grund: Wenn wir anerkennen, dass sie eine Wahl getroffen hat, scheint daraus zu folgen, dass wir sie auch verantwortlich machen müssen. Aber dieser Schluss kommt zu schnell. Wer von nur noch zwei Wegen einen wählt, tut etwas anderes als jemand, der sich unter vielen Wegen einen aussucht. Auch wenn beides „wählen“ heißt.

Der Film will ihr keine Schuld zuteilen. Er weigert sich, ihr die eigenen Handlungen aus der Hand zu nehmen. Selbst wenn von allen möglichen Entscheidungen nur noch eine übrig ist, bleibt diese eine ihre. Nimmt man sie ihr ab, erspart man ihr eine Schwierigkeit. Zugleich nimmt man ihr aber den Platz eines handelnden Menschen.

In den ersten Tagen findet sie die Regeln lächerlich

Im Haus der Chens läuft jeden Tag ein festes Verfahren ab. Am Abend stehen die Frauen jeweils am Eingang ihres Hofes und warten auf den Verwalter. Er verkündet, in welchem Hof der Herr heute übernachten wird. Dort werden Laternen aufgehängt und die Füße der Auserwählten massiert. Am nächsten Tag darf sie die Speisen bestimmen.

Als Songlian zum ersten Mal dort steht, begreift sie den Sinn nicht. Wenn der Herr etwas anzuordnen habe, könne man es ihr doch einfach sagen, meint sie zum Verwalter. Seine Antwort lautet: „So ist die Regel.“ Die Botschaft ist eindeutig: Auch wenn du es unsinnig findest, bleibst du stehen.

Die Fußmassage ist etwas sehr Handfestes. Zuerst werden die Füße in gereiftem Essig gebadet, dann mit einem roten Brauttuch bedeckt. Eine ältere Dienerin klopft mit zwei kleinen, glöckchenartigen Hämmerchen die Fußsohlen ab. Der Klang ist hell und klar, Schlag für Schlag. Man hört ihn im ganzen Hof, und in den anderen Höfen hört man ihn ebenfalls.

Beim ersten Mal ist Songlian die Behandlung fremd und unangenehm. Sie kommt gerade von der Universität und ist andere Gepflogenheiten gewohnt: Man darf fragen, warum etwas so ist, und erhält darauf eine Antwort. In diesem Hof wird jedes „Warum?“ stets mit demselben Satz beantwortet: „So ist die Regel.“

In der ersten Nacht in ihrem Zimmer wird der Herr von der dritten Frau fortgerufen, die eine Krankheit vortäuscht. Songlian liegt allein da und hört, was anderswo vor sich geht. Das ist ihre erste Lektion: Wer hier gewinnt und verliert, liegt nicht in ihrer Hand. Und die Entscheidung fällt noch am selben Abend.

Der Hinweis der dritten Frau

Meishan ist die dritte Frau, länger im Haus als Songlian und früher eine gefeierte Darstellerin weiblicher Rollen in einer Operntruppe. Die beiden führen einige Gespräche, die offener sind als Songlians Gespräche mit allen anderen. Meishan macht keine Umschweife und verstellt sich nicht. Als Einzige im Hof gibt sie sich nicht die Mühe, ihr höflich etwas vorzuspielen.

Einmal sagt Meishan zu ihr: Wenn du der Familie Chen keinen Sohn schenkst, kommen die schlimmen Zeiten erst noch. Und fügt hinzu: Mit Leuten wie uns ist es immer dasselbe. Die beiden streiten gerade um nichts. Niemand sonst ist dabei.

Diese zwei Sätze sind keine Drohung. Sie sollen Songlian auch nicht dazu bringen, sich in ihr Schicksal zu fügen. Sie enthalten eine Information. Eine Frau, die schon lange hier lebt, erklärt der Neuankömmlingin die Tauschbedingungen dieses Ortes: Was du wert bist, hängt davon ab, was du geben kannst. Und geben kannst du nur eines.

Die Information hat Gewicht. Ein Sohn ist hier ein wichtiger Trumpf, aber keine Garantie für Sicherheit. Die erste Frau hat einen Sohn; ihr Platz ist am sichersten, sie muss nicht kämpfen. Die zweite hat nur eine Tochter und kalkuliert deshalb besonders scharf. Die dritte hat ebenfalls einen Sohn und muss dennoch um die Gunst des Herrn kämpfen.

Songlian hört zu und handelt danach. Als sie später eine Schwangerschaft vortäuscht, folgt sie genau dieser Regel, ohne auch nur einen Schritt davon abzuweichen. Sie fragt nie, ob die Regel überhaupt gelten sollte. Ihre Frage ist immer nur, warum sie selbst nicht auf einen guten Platz kommt.

Was sie mitgebracht hat

In ihrem Koffer liegt eine Flöte, die ihr Vater ihr hinterlassen hat. Der Herr findet sie beim Durchsuchen des Koffers und fragt, von wem sie die habe. Sein Ton verrät: Er ist überzeugt, dass sie von einem Mann stammt. Später wird die Flöte verbrannt. Songlian erfährt erst davon, als die Asche schon weggekehrt ist.

Sie hat noch anderes mitgebracht: ihre Studentenkleidung, die Bücher, die sie gelesen hat, ein halbes Jahr an der Universität, die Gewohnheit, nach dem Warum zu fragen. Nichts davon ist im Haus der Chens zu etwas nütze. Und nichts davon ist ausdrücklich verboten.

Verwendung findet einzig die Bezeichnung „Studentin“. Der Herr erwähnt, dass sie studiert hat. In seinem Ton liegt der Reiz des Neuen. Ihre Bildung dient hier als eine besondere Geschmacksrichtung.

Feipu, der älteste Sohn des Hauses, spielt auf dem Dach Flöte. Songlian ist hinaufgegangen, um ihm zuzuhören. Es ist der einzige Klang in diesem Anwesen, der nichts mit dem Entzünden der Laternen zu tun hat. Der Film lässt aus dieser Verbindung keinen Ausweg werden. Später geht Feipu ihr aus dem Weg.

Was sie mitgebracht hat, verliert eines nach dem anderen seine Wirkung. Nicht, weil jemand es beschlagnahmt hätte, sondern weil es keinen Platz dafür gibt. Wo nur nach einer einzigen Methode Punkte vergeben werden, muss man anderes nicht verbieten. Es genügt, ihm keine Punkte zu geben.

In der Szene um die verbrannte Flöte sehen wir kein Feuer. Wir sehen nur, wie Songlian später ihren Koffer durchsucht, und wie sie dann innehält. Keine Hausregel verbietet das Flötenspiel. Eine solche Regel ist auch nicht nötig.

Toröffnungen

Dieses Haus hat viele Toröffnungen. Immer wieder verwendet der Film dieselbe Anordnung: Die Kamera steht hoch über den Figuren oder blickt gerade in einen langen Gang. Ein Mensch tritt aus einer Toröffnung und geht in die nächste hinein. Links und rechts herrscht vollkommene Symmetrie.

Jeder Hof ist viereckig. Blickt man von oben auf die Menschen darin, erkennt man, wie wenige Wege sie gehen können. Diese Bilder kehren so oft wieder, dass einem irgendwann auffällt: Das Äußere dieses Hauses hat man gar nicht gesehen.

Mit Ausnahme des unbefestigten Weges am Anfang enthält der ganze Film keine Einstellung jenseits der Hofmauern. Songlian hat dieses Tor danach nie wieder durchschritten. Sie sagt auch nicht, dass sie hinausmöchte. Über vieles beklagt sie sich: die Regeln, die Fußmassage, das Bestimmen der Speisen, die zweite Frau. Kein einziges Mal geht es um das Tor.

Das sagt mehr als jeder gesprochene Satz. Den Schritt hinein hat sie selbst getan. Den Schritt hinaus hat ihr in diesem Haus niemand vorgemacht. Zusammengerechnet leben die vier Frauen seit Jahrzehnten hier. Keine von ihnen hat ihr vorgemacht, wie man diese Regeln hinter sich lässt.

Dadurch bekommt der Weg am Anfang sein Gewicht. Nur dieses eine Mal im ganzen Film geht ein Mensch aus eigener Kraft auf einem Weg, ohne Mauern zu beiden Seiten. Songlian weiß da noch nicht, wohin sie unterwegs ist. Aber die Beine, die einen Schritt vor den anderen setzen, sind ihre eigenen.

In der Passage unter den Torbögen nimmt sie den Koffer in die andere Hand, hebt den Kopf und blickt hinein. Hof liegt hinter Hof. Mit jedem Abschnitt wird das Licht schwächer, der innerste Hof ist kaum noch zu erkennen. Sie hebt den Fuß und tritt über die Schwelle.

Dieser Essay bezieht sich auf die Filmfassung von 1991 mit einer Laufzeit von etwa 125 Minuten.

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