Finanzialisierung: Als Bücher begannen, andere Bücher zu verbuchen
Standardisierte Verträge und mathematische Preise zerlegten Risiken in handelbare Titel. Das Risiko verschwand dabei nicht; es wanderte in Verbindungen zwischen Bilanzen, die in ruhigen Zeiten kaum sichtbar waren.
Neunhundertelf standardisierte Versprechen
Am ersten Handelstag der Chicago Board Options Exchange im April 1973 wechselten 911 standardisierte Optionskontrakte auf 16 Aktien den Besitzer. Zuvor wurden Laufzeit, Ausübungspreis und Abwicklung außerbörslich einzeln vereinbart. Standardisierung verwandelte eine konkrete Beziehung in austauschbare Einheiten und schuf einen liquideren Markt.
Zeitgleich boten mathematische Optionsmodelle eine gemeinsame Sprache für Preis, Volatilität, Laufzeit und Zins. Das Modell war nicht nur Kamera. Weil Händler und Risikomanager nach seinen Größen quotierten und absicherten, formte es die Marktpraktiken, die es angeblich lediglich beschrieb.
Risiko zerlegen und neu montieren
Swaps und Derivate lösten Währung, Zins, Laufzeit und Ausfall eines Vertrags voneinander und verteilten sie an unterschiedliche Träger. Das konnte reale Absicherung leisten: Ein Unternehmen musste nicht jede Gefahr selbst behalten, wenn ein anderer sie besser tragen wollte. Finanzinnovation war deshalb nicht einfach Spekulation ohne gesellschaftlichen Nutzen.
Die Zerlegung setzte jedoch voraus, dass die Teile unter Stress so unabhängig blieben wie in ruhigen Daten. Wollen viele Marktteilnehmer gleichzeitig verkaufen, kehren gemeinsame Faktoren und Liquiditätsengpässe zurück. Das Risiko war dann nicht verschwunden, sondern in unsichtbaren Nahtstellen zwischen den Positionen gespeichert.
Der finanzielle Maßstab im Unternehmen
Finanzialisierung veränderte auch Nichtfinanzunternehmen. Wertpapier- und Zinserträge, Aktienkurs und Ausschüttungsziele gewannen gegenüber Produktionskapazität, Beschäftigung und langfristigem Wissen an Gewicht. Der Betrieb begann, sich selbst stärker als Portfolio von Vermögenswerten und Renditen zu lesen.
Die Vorrangstellung des Shareholder Value machte Fabrik, Forschung, Belegschaft und Standort auf einer Renditeskala vergleichbar. Auslagerung, Stellenabbau und Verkauf erschienen als rationale Verbesserungen einer Kennzahl. Fähigkeiten, die erst Jahre später fehlen würden, besaßen dagegen selten eine sofortige Kontoposition.
Sieben Glieder einer Hypothekenkette
Im traditionellen Bankkredit lagen Prüfung, Finanzierung, Bedienung und Ausfall häufig in einer Bilanz. Verbriefung teilte diese Funktionen auf Vermittler, Originator, Pooler, Ratingagentur, Investmentbank, Investor und Servicer. Jeder erfüllte seinen lokalen Standard und gab den Kredit weiter.
Hypothekenpools wurden in Tranchen mit verschiedener Verlustreihenfolge zerlegt; mittlere Schichten gelangten erneut in strukturierte Produkte und erhielten neue Ratings. Das Buch erfasste nicht mehr nur einen Anspruch auf ein Haus, sondern Ansprüche auf andere Bücher von Ansprüchen. Verantwortung und Information wurden entlang der Kette dünner, während die formale Dokumentation wuchs.
Siebenundneunzig Cent und die Rückkehr der Verbindung
2007 und 2008 zeigte sich der Run nicht nur am Bankschalter, sondern im kurzfristigen Repo- und Geldmarktfondssystem. Geldgeber verlangten höhere Abschläge, verkürzten Fristen oder verlängerten Geschäfte nicht. Ein als nahezu bargeldgleich behandelter Titel, der nur noch 97 Cent je Dollar wert war, konnte eine ganze Finanzierungskette erschüttern.
Komplexität war nicht identisch mit Betrug, und Größe nicht identisch mit Nutzlosigkeit. Doch je mehr Bücher einander als Vermögen hielten, desto stärker hing jedes von der Lesbarkeit der anderen ab. Eine kleine Unsicherheit über Basiswerte wurde zur großen Unsicherheit darüber, wer überhaupt noch zahlungsfähig war.
Die unsichtbare Linie zwischen den Konten
Die doppelte Buchführung kann jede Position korrekt erfassen und dennoch die Systemverbindung übersehen. Was in einer Bilanz Vermögen ist, steht in einer anderen als Schuld; die gleichzeitige Abwertung erscheint nirgends als eine einzelne Zeile. Der Gesamtzusammenhang entsteht erst aus Beziehungen zwischen formal richtigen Rechnungen.
Im Meißel-Konstrukt-Zyklus baut die Finanzialisierung ein Konstrukt aus Preisen und Verträgen. Der Meißel der Krise trifft nicht einzelne ungebuchte Risiken, sondern die Verknüpfung der Bücher. Als Rest kehrt die Beziehung zurück, die nie verschwunden war – und zeigt, dass ein Netzwerk mehr ist als die Summe seiner sauber bilanzierten Knoten.
Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English