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Essay 17 von 23

Bretton Woods und 1971: Kredit war immer schon im Spiel

Bretton Woods band Währungen an den Dollar und den Dollar an Gold. Die Schließung des Goldfensters 1971 ersetzte Metall nicht plötzlich durch Vertrauen, sondern legte eine längst kreditgetragene Ordnung offen.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

1. Ein gemeinsamer Nenner

Im 1944 unterzeichneten Abkommen über den Internationalen Währungsfonds steht ein bemerkenswert klarer Satz: Die Parität jeder Mitgliedswährung soll in Gold als gemeinsamem Nenner ausgedrückt werden oder in Gewicht und Feingehalt des US-Dollars vom 1. Juli 1944.

Ein gemeinsamer Nenner.

In diesen drei Wörtern steckt die ganze Natur des Vorhabens. Vierundvierzig Länder, politisch klar voneinander abgegrenzt, mit höchst unterschiedlicher Kreditwürdigkeit. Der Krieg war noch nicht zu Ende, zwischen ihnen standen noch unzählige Rechnungen offen. Diese Ordnung sollte ihre Währungen nun an denselben Maßstab pressen, damit sich Schulden, Überschüsse, Devisengeschäfte und Reserven in ein gemeinsames Rechnungsbuch umrechnen ließen.

Wie schwierig das war, zeigt sich, wenn man fragt, was hier überhaupt vergleichbar gemacht werden sollte. Die Währung eines Landes ist keine Ware. Hinter ihr stehen die Fähigkeit des Staates, Steuern einzunehmen, die Bereitschaft seiner Zentralbank zur Zurückhaltung, die Frage, ob im nächsten Jahr andere Menschen im Parlament sitzen werden und ob das Land einen Krieg gewinnen kann. Zwischen all diesen Dingen gibt es kein Umrechnungsverhältnis. Genau das aber verlangt der gemeinsame Nenner: ihnen eines zu geben.

Im vierzehnten Essay ging es schon einmal um denselben Ehrgeiz. Damals definierte man jede Währung als ein bestimmtes Gewicht Gold. Dividierte man zwei Gesetze durcheinander, ergab sich ein Wechselkurs, genau bis auf die siebte Stelle hinter dem Komma. Zwischen 1931 und 1933 brach diese Ordnung auseinander.

Elf Jahre später unternahm man dasselbe noch einmal. Diesmal sorgfältiger.

Sorgfältiger hieß: Diesmal tat die Ordnung nicht so, als funktioniere sie von selbst.

Die Nachkriegsordnung stellte den klassischen Goldstandard des neunzehnten Jahrhunderts nicht wieder her, bei dem jeder mit seinen Banknoten zum Schalter gehen und Gold verlangen konnte. Der gewöhnliche Banknotenbesitzer konnte sein Geld nicht in Gold einlösen.

Dieser Unterschied ist erheblich. In der knappen Lehrbuchformel kommt er dennoch selten vor. Das Überzeugendste am Goldstandard war einst gewesen, dass sein Versprechen für jeden galt, der eine Banknote in der Hand hielt: Wer nicht daran glaubt, kann sie einlösen. Aus diesem Satz bezog die ganze Ordnung ihre Überzeugungskraft, selbst wenn die allermeisten Menschen ihr Leben lang kein einziges Mal davon Gebrauch machten. In der Nachkriegsordnung galt er für den Einzelnen nicht mehr. Aus einem Recht, das jeder nutzen konnte, war eine Vereinbarung zwischen Staaten geworden.

Für die Einlösung in Gold stand tatsächlich die amerikanische Regierung ein, und zwar vor allem gegenüber ausländischen öffentlichen Stellen und Zentralbanken. Zugleich erlaubte das Abkommen den Mitgliedsländern ausdrücklich, den Kapitalverkehr zu kontrollieren, solange sie damit Zahlungen aus laufenden Geschäften nicht behinderten.

Die scheinbar objektive Bindung an ein Metall war also vom ersten Tag an von souveränen Entscheidungen, der Zusammenarbeit der Zentralbanken, diplomatischen Verhandlungen und wirtschaftspolitischem Ermessen umgeben.

Davon hängt ab, was 1971 eigentlich durchschnitten wurde.

Es war keine unberührte Kette aus reinem Metall. Es war ein Seil, in das Kredit, Vereinbarungen und Politik längst immer neue Knoten geschlungen hatten.

Dieser Unterschied entscheidet darüber, wie die Geschichte zu erzählen ist. Bestand die Kette aus reinem Metall, dann war 1971 ein Bruch: der Übergang von einer Bindung zur Bindungslosigkeit. War sie aber schon vorher ein verknotetes Seil, geschah 1971 etwas anderes. Man machte die Knoten sichtbar.

In den ersten sechzehn Essays sind neun Verfahren aufgetreten, mit denen der Aufbau dem Rest begegnet. Was nun folgt, ist kein zehntes. Es handelt von etwas anderem: Der Aufbau räumte selbst ein, was er bis dahin nie hatte einräumen wollen.

2. Die Welt als Rechnungsbuch

Die Konferenz tagte vom 1. bis zum 22. Juli 1944 in einem Hotel in Bretton Woods, New Hampshire. Vierundvierzig Länder hatten ungefähr siebenhundertdreißig Delegierte geschickt. Den Vorsitz führte der amerikanische Finanzminister. Großbritannien vertrat Keynes; auf amerikanischer Seite war White aus dem Finanzministerium der maßgebliche Architekt.

Nach außen war es eine multilaterale Konferenz. Tatsächlich lagen nur zwei Entwürfe auf dem Tisch, und sie standen gegeneinander.

Keynes schlug eine Internationale Clearingunion vor. Am bekanntesten wurde daran seine Idee einer überstaatlichen Verrechnungswährung, der er einen eigenen Namen gab. Entscheidend war jedoch nicht der Name. Entscheidend war, welche Form er dem internationalen Zahlungsverkehr geben wollte.

Er selbst beschrieb es so: Das Grundprinzip des Bankwesens sollte auf die internationale Ebene übertragen werden.

Konkret sollte jede Zentralbank bei der Union ein Konto eröffnen. Die Überschussländer standen auf der Gläubigerseite, die Defizitländer auf der Schuldnerseite. Die Union sollte durch Buchungen und Überziehungen arbeiten. Ein Land, dem vorübergehend Gold oder Dollar fehlten, sollte nicht sofort gezwungen sein, seine Einfuhren und seine Beschäftigung zu kürzen. Jedem Land wurde eine Quote zugedacht, die ungefähr drei Vierteln seines gesamten Ein- und Ausfuhrvolumens in den drei Vorkriegsjahren entsprach. Bis zur Höhe dieser Quote durfte es sein Konto überziehen.

Keynes wollte aber auch jene Länder unter Druck setzen, die über lange Zeit gewaltige Überschüsse anhäuften.

Hier lag das Herzstück des gesamten Entwurfs. Als Ziel schrieb er fest, auf den Welthandel einen expansiven, keinen kontraktiven Druck auszuüben.

Das war damals ein neuer Gedanke. Jahrhundertelang hatte das Rechnungsbuch des internationalen Zahlungsverkehrs nur in eine Richtung gedrückt: Wer Schulden hat, muss den Gürtel enger schnallen. Keynes wollte eine Gegenkraft in dieses Buch einbauen. Ging die Rechnung nicht auf, sollte es mehr als den einen Ausweg geben, alle gemeinsam nach unten zu ziehen.

Der Satz war keine abstrakte Rhetorik. Hinter ihm lastete die Erinnerung an die Jahre zwischen den Kriegen: Deflation, Arbeitslosigkeit, zusammenbrechende Einkommen. Und jenes Großbritannien aus dem vierzehnten Essay, das seine Parität nur halten konnte, indem es die Löhne im eigenen Land drückte.

Um zu verstehen, was Keynes hier unternahm, muss man zu einer schlichten Frage zurückkehren: Wenn eine Zahlungsbilanz nicht aufgeht, wer muss sie ausgleichen?

Die herkömmliche Antwort wies nur in eine Richtung. Das Defizitland musste es tun. Es erhöhte die Zinsen, dämpfte die Nachfrage, beschränkte die Einfuhren und ließ die Preise und Löhne im eigenen Land sinken, bis die Rechnung wieder aufging. Das Überschussland brauchte nichts zu tun. Es hatte schließlich nichts falsch gemacht.

Genau das wollte Keynes ändern. Ein Ungleichgewicht, so sein Gedanke, ist ein Zustand, den beide Seiten gemeinsam hervorbringen, kein Fehler nur einer Seite. Der Defizitseite die gesamte Anpassungspflicht aufzubürden, mag rechnerisch aufgehen. Die Folge ist jedoch, dass sämtliche Kosten bei den Menschen eines Landes landen, die am wenigsten Verhandlungsmacht besitzen.

Whites Entwurf sah anders aus. Er glich eher einem begrenzten Vorrat gemeinsamer Mittel als einer Weltzentralbank.

In seinem Modell sollte der Fonds internationales Geld nicht aus dem Nichts schöpfen. Die Länder sollten vorab Gold, eigene Währung und Wertpapiere einzahlen und so einen gemeinsamen Bestand bilden. Sein Entwurf schrieb ein anfängliches Zeichnungsvolumen von mindestens fünf Milliarden Dollar vor. Ein Viertel der Beiträge sollte in bar, ein Viertel in verzinslichen Staatspapieren geleistet werden. Von dem Baranteil musste mindestens die Hälfte in Gold entrichtet werden.

White wollte einen kontrollierbaren, begrenzten Stabilisierungsmechanismus auf der Grundlage staatlicher Beiträge. Er sollte kurzfristige Liquidität bereitstellen. Die Schöpfung der Weltreserven wollte White keiner überstaatlichen Clearingunion überlassen, die großzügige Überziehungen gestatten und ihrerseits die Überschussländer in die Pflicht nehmen konnte.

Was schließlich beschlossen wurde, lag näher bei White. Einige Stücke von Keynes blieben darin erhalten.

Großbritannien gab die Verrechnungswährung auf, gab die Clearingunion auf, gab die großzügigeren Überziehungsmöglichkeiten auf. Es akzeptierte eine Ordnung mit Dollar und Gold im Zentrum.

Dieses Ergebnis ist leicht zu verstehen. Eine Verschwörung braucht es zu seiner Erklärung nicht. Der Krieg war noch nicht zu Ende. Das Gold lag in den Vereinigten Staaten, Dollar brauchten alle, und Großbritannien hatte erhebliche Schulden. Damit ein Entwurf angenommen werden konnte, musste die Seite zustimmen, die das Geld aufbringen konnte. Für Keynes' Vorhaben gab es gute Gründe. An diesem Tisch waren gute Gründe aber nicht das Einzige, was zählte.

Die wichtigste Spur, die Keynes hinterließ, war die sogenannte Klausel über knappe Währungen: Blieb die Währung eines Überschusslandes auf Dauer knapp, durfte der Fonds sie rationieren und anderen Ländern begrenzte Einfuhrbeschränkungen erlauben.

Später wurde diese Klausel kaum je tatsächlich angewandt.

Darin lag ihre Bedeutung auch nicht. Sie hielt einen Streit fest, der sich auf der Konferenz nicht ganz hatte auslöschen lassen: Wer sollte die Anpassungslast weltweiter Ungleichgewichte tragen?

Eine Bestimmung, die im Vertrag steht und fast nie benutzt wird, ist ein eigentümliches Gebilde. Der Aufbau hält in seinem eigenen Text eine Stelle frei. An ihr steht: Hier hätte noch ein anderer Weg begonnen.

Im neunten Essay ging es um etwas Ähnliches. Der Aufbau kann bestimmen, was eine Generation liest. Für alle Zeiten kann er es nicht, denn das Gestrichene und diejenigen, die es strichen, stecken zwischen denselben Buchdeckeln. Hier geht die Sache noch weiter. Gestrichen wurde gar nichts. Die Klausel steht mitten im amtlichen Vertragstext. Jeder kann sie nachschlagen, nur fasst sie niemand an. In ihrer Wirkung unterscheiden sich eine unbenutzte Klausel und eine nicht vorhandene kaum. In der Überlieferung unterscheiden sie sich vollkommen.

3. Die Hierarchie

Die Konferenz brachte keine Rückkehr zum Goldstandard. Sie errichtete eine Hierarchie.

An ihrer Spitze stand Gold. Darunter der Dollar, zum amtlichen Preis von 35 Dollar je Unze an Gold gebunden. Darunter die übrigen Währungen, mit festen, aber anpassbaren Paritäten gegenüber dem Dollar. Ihre Marktkurse sollten sich innerhalb einer schmalen Spanne von ungefähr einem Prozent auf beiden Seiten der Parität bewegen.

Fest, aber anpassbar: In diesen drei Wörtern steckt die ganze Schwierigkeit. Ganz fest hieße, dass es keinen Ausweg gäbe. Ein Land, das die Bindung nicht mehr aushielte, könnte nur die eigene Binnenwirtschaft zusammendrücken. Jederzeit anpassbar hieße dagegen, dass die Festigkeit ihren Sinn verlöre. Niemand wüsste, welcher Kurs morgen gilt. Man wählte die Mitte: im Normalfall fest, bei einem grundlegenden Ungleichgewicht verhandelbar. Wer entschied aber, wann ein Ungleichgewicht grundlegend war? Einen berechenbaren Maßstab gab das Abkommen dafür nicht vor.

Beim Beitritt zum Fonds erhielt jedes Mitglied eine Quote. Sie bestimmte sowohl seinen Beitrag als auch den Umfang der Mittel, auf die es zugreifen durfte. Die schließlich beschlossenen Quoten beliefen sich zusammen auf ungefähr 8,8 Milliarden Dollar. Als allgemeine Regel galt: ein Viertel in Gold einzahlen, drei Viertel in eigener Währung.

Als Schaubild sah der Mechanismus gut aus. Zunächst setzte das Defizitland seine eigenen Reserven ein und passte seine Binnenpolitik an. Bestanden weiter kurzfristige Schwierigkeiten, konnte es beim Fonds Devisen ziehen. War das Ungleichgewicht grundlegend, beantragte es eine Änderung der Parität.

Innerhalb dieser Ordnung, die einen gemeinsamen Maßstab schaffen wollte, ließ man den Staaten zugleich bewusst politischen Spielraum. Artikel VI des Abkommens hielt ausdrücklich fest: Mitglieder durften alle Kontrollen durchführen, die sie zur Regelung des internationalen Kapitalverkehrs für notwendig hielten.

Darin steckte eine Lehre aus den dreißiger Jahren und zugleich eine der ehrlichsten Stellen des gesamten Entwurfs. Die Bestimmung räumte ein, dass ein Land drei Dinge nicht gleichzeitig haben konnte: einen festen Wechselkurs, ungehinderten Kapitalverkehr und eine selbstbestimmte Binnenpolitik. Eines davon musste es aufgeben. In den dreißiger Jahren hatte man auf die Binnenpolitik verzichtet; die Kosten wurden im vierzehnten Essay bereits aufgezählt. Diesmal entschied man sich, den freien Kapitalverkehr aufzugeben.

Den Zeitgenossen war klar, worauf sie verzichteten. Das Kapital unter Verschluss zu nehmen hieß, dass Geld nur mit Begründung ins Ausland durfte, dass Genehmigungen eingeholt werden mussten und man warten musste. Es hieß, dass manche weniger verdienten und manche Geschäfte nicht zustande kamen. Diese Kosten waren wirklich. Dafür gewann eine Regierung die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie in diesem Jahr etwas mehr Geld zum Schutz der Beschäftigung ausgeben wollte, ohne am nächsten Morgen einen Angriff auf die eigene Währung hinnehmen zu müssen. Was davon mehr wert war, blieb umstritten. Damals und später.

Dies war also nie eine reine Marktordnung. Es war eine von Staaten und Zentralbanken sorgfältig verwaltete Marktordnung. Die Wechselkurse sollten dem Handel genügend Beständigkeit bieten, um Preise vergleichbar zu machen. Der Kapitalverkehr durfte unter Verschluss genommen werden, damit Regierungen Beschäftigung und Wachstum fördern konnten, ohne sofort eine Währungskrise auszulösen.

Zugleich enthielt der Entwurf eine oft übersehene Asymmetrie.

Papiergeld war nach dem Krieg keineswegs allgemein in Gold einlösbar. Das Versprechen der Einlösung gegenüber offiziellen Stellen gab hauptsächlich das amerikanische Finanzministerium. Die anonyme Abwicklung von Zahlungen in den verschiedenen Währungen führte am Ende über den Dollar. Und der Dollar gelangte nur über einen einzelnen Staat zum Gold.

Am Ende des Krieges verfügten die Vereinigten Staaten über den größten Teil der weltweiten amtlichen Goldbestände. Europa und Japan brauchten dringend Dollar: für Einfuhren, Wiederaufbau, die Abwicklung von Zahlungen und die Tilgung von Schulden. In den ersten Jahren deckten sich deshalb der gemeinsame Maßstab und das Vertrauen in die Vereinigten Staaten nahezu vollständig.

Gerade weil beides zusammenfiel, hielten später viele das Fundament des Systems irrtümlich für rein metallisch.

Es war immer ein Gemisch aus Metall und Kredit gewesen. Nur hatte in den ersten Jahren niemand einen Grund, die Anteile der beiden Bestandteile auseinanderzuhalten.

Geben zwei Dinge eine Zeit lang dieselbe Antwort, hält man sie irgendwann für dasselbe. Unterscheiden lassen sie sich erst an dem Tag, an dem ihre Antworten auseinandergehen. Wenn dieser Tag kommt, ist es für eine neue Anordnung gewöhnlich schon zu spät.

4. Das Goldrätsel

Das eigentliche Problem wurde erst sichtbar, nachdem das System erfolgreich zu arbeiten begonnen hatte.

Westeuropa stellte 1958 die Konvertibilität für laufende Zahlungen wieder her, Japan erreichte die Konvertibilität 1964. Erst damit war Bretton Woods vollständig in Betrieb.

Genau zu dieser Zeit begann die Warnung eines Ökonomen unangenehm deutlich zu werden.

Er sagte 1959 vor dem Kongress aus und veröffentlichte 1960 ein Buch. Sein Gedankengang war einfach. Hörten die Vereinigten Staaten auf, Dollar ins Ausland zu liefern, drohten der Welt wegen unzureichender Reserven Deflation und ein schrumpfender Handel. Lieferten sie weiter Dollar, würden die Dollarforderungen ausländischer öffentlicher Stellen eines Tages den amerikanischen Goldbestand übersteigen. Der Markt würde bezweifeln, dass sich der Goldpreis von 35 Dollar halten ließ. Dann käme der Ansturm auf das Gold.

Beide Wege führten in Schwierigkeiten.

Die Gestalt dieses Dilemmas sollte man im Gedächtnis behalten. Sie gehört nicht allein dem Geld. Wo etwas zugleich zwei Zwecken dient, gerät es in diese Anordnung: Der Dollar sollte sowohl die Liquidität der Welt als auch eine Verbindlichkeit der Vereinigten Staaten sein. Für den ersten Zweck konnte es kaum genug davon geben. Für den zweiten sollte es möglichst wenig sein. Gibt sich der Aufbau zwei Rollen, deren Anforderungen in entgegengesetzte Richtungen weisen, rückt er mit jedem Erfolg seinem Scheitern näher.

Das war keine Frage für die Studierstube mehr. Die Daten standen fest.

Im August 1960 überstiegen die gesamten ausstehenden Dollarverbindlichkeiten der Vereinigten Staaten gegenüber dem Ausland bereits den amerikanischen Goldbestand. Im Dezember 1965 lagen selbst die Dollarverbindlichkeiten allein gegenüber ausländischen öffentlichen Stellen über diesem Bestand. 1966 war das bereits eine Tatsache.

Der monetäre Goldbestand der Vereinigten Staaten sank von ungefähr 20,6 Milliarden Dollar im Januar 1947 auf etwa 11,1 Milliarden Dollar im Dezember 1970.

Der gemeinsame Maßstab zerbrach nicht sofort. Die Ordnung ähnelte nur immer stärker einer internationalen Bank mit Teilreservehaltung: Die Einlösungsversprechen in den Büchern überstiegen bereits das Metall in den Tresoren.

Dabei muss eines klargestellt werden. Eine Teilreserve ist an sich kein Missstand. Jede Bank arbeitet so. Gerade deshalb können Einlagen zu Krediten werden und kann Geld in Bewegung kommen. Es gibt nur eine Bedingung: Nicht alle dürfen am selben Tag ihr Geld verlangen. In dieser Lage befand sich die gesamte Ordnung nach 1960. Die Rechnung ließ sich weiterhin Tag für Tag führen. Nur hing sie fortan jeden Tag davon ab, dass nicht alle zugleich zur Einlösung erschienen.

Die Länder warteten keineswegs untätig auf den Ansturm. Ein Flicken folgte auf den nächsten.

Im November 1961 gründeten acht westliche Zentralbanken den Londoner Goldpool. Gemeinsam kauften und verkauften sie Gold auf dem Londoner Markt, um den Preis bei 35 Dollar je Unze zu halten. Das anfängliche Limit für Goldverkäufe lag bei 270 Millionen Dollar. Später wurde es immer wieder erhöht.

Gleichzeitig baute die amerikanische Zentralbank von 1962 an ihre Währungsswap-Vereinbarungen erheblich aus. Mit befristeten Swaps und kurzfristigen Krediten sicherte sie die Positionen ausländischer Zentralbanken ab, die ihre Dollar vorläufig nicht in Gold umtauschen wollten. Bis zur Schließung des Goldfensters 1971 waren die Swap-Linien von anfangs 900 Millionen auf 11,2 Milliarden Dollar angewachsen.

Beides zeigt dasselbe. Nach außen schien das System durch anonyme Regeln zu funktionieren. Tatsächlich war es immer stärker auf gegenseitige Garantien der Zentralbanken, auf stillschweigende Absprachen und auf eilends organisierte Rettungsaktionen angewiesen.

Ein Phänomen aus diesen Jahren verdient dabei einen eigenen Blick.

Spätere Forscher stellten fest, dass die Zentralbanken nach dem Krieg keineswegs allmählich vom Gold abließen, wie manche Architekten des Systems erwartet hatten. Sie bauten ihre Goldreserven vielmehr fortwährend wieder auf und hielten an ihnen fest.

Auf dem Papier lohnte sich das nicht. Gold brachte keine Zinsen. Wer es hielt, verzichtete auf andere Erträge, während in den Vereinigten Staaten angelegte Dollar Zinsen abwarfen. Trotzdem galt Gold als reinere Rücklage, verglichen mit dem Kredit eines fremden Staates.

Die Forscher nannten dies das Goldrätsel von Bretton Woods.

Dem Namen nach hatte das System den Dollar an die Stelle des Goldes als wichtigstes internationales Reservemedium gesetzt. Tatsächlich wollten die öffentlichen Stellen ihre letzte Absicherung noch immer nicht ganz dem Dollar überlassen.

Hier zeigt sich zum ersten Mal in dieser Geschichte der Rest, und zwar an einer selten beachteten Stelle. Er liegt nicht auf der ausgeschlossenen Seite. Er steht in den Bilanzen derjenigen, die zum Aufbau selbst gehören.

Diese Zentralbanken rechneten jeden Tag in Dollar ab, notierten jeden Tag die vereinbarten Paritäten und unterstützten das System jeden Tag in der Öffentlichkeit. Zugleich trafen sie in ihren Tresoren Vorsorge für einen Fall: dass der gemeinsame Maßstab eines Tages nicht mehr gelten könnte.

Mit Worten erkannten sie den Maßstab an. Für den Ernstfall hielten sie sich etwas anderes bereit. Im sechsten Essay trat der Rest als ein zweiter Maßstab auf. Der Markt bewahrte ihn im Verborgenen. Gewöhnlich blieb er stumm; erst wenn der Aufbau seine Glaubwürdigkeit verlor, kam er zum Vorschein. Diesmal war eines anders: Einen zweiten Maßstab hielten ausgerechnet jene bereit, die den ersten täglich selbst benutzten.

5. Zwei Preise

Frankreich sprach diesen Zweifel öffentlich aus.

Am 4. Februar 1965 forderte de Gaulle auf einer Pressekonferenz, die Weltwährungsordnung solle schrittweise zum Gold zurückkehren. Länder, die Verantwortung für das internationale Finanzwesen trügen, sollten ihre Zahlungsbilanzschulden in Gold begleichen, nicht mit Schuldscheinen aus Papier.

Zur selben Zeit brachte der französische Finanzminister den Vorteil, den die zentrale Stellung des Dollars den Vereinigten Staaten verschaffte, auf eine Formel: ein exorbitantes Privileg. Gemeint war, dass die Vereinigten Staaten internationale Zahlungen mit selbst ausgegebenen Verbindlichkeiten begleichen konnten, während andere Länder reale Waren, Dienstleistungen oder hochwertige Vermögenswerte hergeben mussten, um an internationale Reserven zu gelangen.

Frankreichs Haltung entsprang nicht unbedingt reiner Prinzipientreue. Geopolitische Überlegungen und Fragen des nationalen Rangs spielten ebenfalls hinein. Aber Frankreich legte tatsächlich den empfindlichsten Punkt der Ordnung offen: Das angeblich anonyme internationale Geld war in Wahrheit ein Kreditversprechen eines bestimmten Staates.

Zwischen 1967 und 1968 wurden aus sichtbaren Rissen solche, die sich nicht mehr schließen ließen.

Am 18. November 1967 senkte Großbritannien die Dollarparität des Pfunds von 2,80 auf 2,40 Dollar. Das entsprach einer Abwertung um ungefähr vierzehn Prozent. Danach nahm der Druck auf Dollar und Gold rasch zu.

Im März 1968 brach der Londoner Goldpool zusammen.

Nach seiner Auflösung vereinbarten die Zentralbanken von sieben Ländern einen zweigeteilten Goldmarkt. Untereinander handelten die offiziellen Stellen weiterhin zum festen amtlichen Preis. Auf dem privaten Markt sollte sich der Preis frei bewegen. Die Zentralbanken versprachen, kein monetäres Gold mehr an den privaten Markt zu verkaufen.

Am 18. desselben Monats hoben die Vereinigten Staaten die gesetzliche Verpflichtung auf, Federal-Reserve-Noten zu fünfundzwanzig Prozent durch Gold zu decken.

Bei diesem Schritt lohnt es sich, einen Augenblick stehen zu bleiben.

Eine Ordnung, die Goldpreis, Wechselkurse, Reserven und Zahlungen an ein einziges Maß hatte binden sollen, wurde zum ersten Mal von ihren eigenen amtlichen Hütern in eine Welt mit zwei Preisen zerlegt.

Der amtliche Preis sprach weiterhin die Sprache der Regeln. Er stand im Abkommen, galt für die Abrechnung zwischen Zentralbanken und lag allen offiziellen Büchern zugrunde. Der Preis auf dem privaten Markt begann dagegen ein anderes Urteil auszudrücken. Und in diesem Urteil lag mehr Unruhe.

Hier lohnt ein Blick zurück in den sechsten Essay. Die Menschen, die damals Jiaozi benutzten, bewahrten im Stillen einen zweiten Maßstab, weil sie dem Papier der Obrigkeit nicht ganz trauten. Diesmal war der zweigeteilte Markt jedoch keine heimliche Vorkehrung von Privatleuten. Die amtlichen Stellen selbst zogen die Grenze zwischen den beiden Märkten. Sie erkannten einen zweiten Preis an und räumten ihm einen rechtmäßigen Ort ein, an dem er sich frei bewegen durfte. Der Aufbau wusste nicht nur vom anderen Maßstab. Er steckte ihm sogar ein Gelände ab.

Zwei Preise nebeneinander waren kein technischer Notbehelf. Zum ersten Mal räumte der Aufbau öffentlich ein: Die Zahl, die er festgesetzt hatte, und die Zahl, die der Markt zu zahlen bereit war, waren nicht mehr dasselbe.

Im zehnten Essay hieß es, am wenigsten Mühe mache sich der Aufbau, wenn er den Teil, auf den er keine Antwort habe, vor die Tür setze. Hier geschah etwas Gleichartiges, nur unverhüllter. Ausgeschlossen wurde keine bestimmte Art von Fragen, sondern der andere Preis ein und derselben Sache. Draußen durfte er frei schwanken. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das Verfahren hatte allerdings eine Voraussetzung: Die Zahl von draußen durfte drinnen nicht verwendet werden. Deshalb brauchte es jenes Versprechen. Zwischen beiden Welten musste eine Schranke stehen. Sonst hätte die Arbitrage den amtlichen Preis binnen eines Tages überrollt.

In dieser Phase führte der Fonds auch ein neues internationales Reserveinstrument ein: die Sonderziehungsrechte.

Die amtliche Beschreibung ist eindeutig. Es handelte sich um ein 1969 geschaffenes zusätzliches internationales Reserveinstrument zur Ergänzung der offiziellen Reserven der Mitglieder. Die ersten drei Milliarden Einheiten wurden am 1. Januar 1970 zugeteilt. Zwischen 1970 und 1972 wurden insgesamt 9,3 Milliarden Einheiten zugeteilt.

Diese Reform besaß große symbolische Bedeutung. Als das Gold nicht reichte und die Dollar zugleich zu zahlreich und zu anfällig waren, versuchte das System, noch einmal eine abstraktere, stärker institutionell verankerte internationale Reserveeinheit zu schaffen.

Darin zeigte sich erneut der Drang, Wert in einen einheitlichen Maßstab zu fassen. Zugleich wurde deutlich, dass weder Gold noch Dollar für sich genommen noch ausreichten, diesen Maßstab aufrechtzuerhalten.

Auch die Lage dieser neuen Einheit verdient Beachtung. Sie hatte keinen Körper aus Metall und keinen einzelnen Staat hinter sich. Sie war eine Zahl, die mehrere Staaten durch gemeinsame Buchungen erzeugten. Abstrakter und reiner als ihre Vorgänger, wurde sie dennoch nie zu einer maßgeblichen internationalen Währung. Ob etwas als Maßstab taugt, hängt offenbar von mehr ab als von der Klarheit seiner Definition.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre entzog sich noch etwas anderes rasch der Kontrolle.

Während die amerikanische Regierung den Kapitalabfluss einzudämmen versuchte, umgingen multinationale Unternehmen und Banken die Beschränkungen immer häufiger. Sie ließen ihre Dollar im Bankensystem außerhalb der Vereinigten Staaten arbeiten. Um 1969 sah die deutsche Zentralbank in diesem Offshore-Dollarmarkt bereits einen wichtigen Faktor, der ihre Möglichkeiten zur Begrenzung der heimischen Kreditvergabe schwächte.

Die Bestimmung des Abkommens, die Kapitalverkehrskontrollen erlaubte, war auf dem Papier noch vollkommen unversehrt. Das Kapital hatte inzwischen einen Ort außerhalb des Papiers gefunden.

Die messbaren Reserven und Defizite in den amtlichen Büchern waren zunehmend von Finanzketten umgeben, die außerhalb der Bilanzen, über Offshore-Märkte und über Landesgrenzen hinweg verliefen und stärker auf Beziehungen beruhten.

Das ist ein typischer Fall, in dem etwas über den Rand läuft. Der Aufbau stellt eine Regel auf. Sie erfasst jene Geschäfte, die er definieren kann. Das Geld aber wandert dorthin, wo die Definition der Regel nicht hinreicht. Nicht weil jemand absichtlich das Gesetz brechen will. Dort gelten bloß keine Beschränkungen, deshalb ist es billiger. Je enger die Kontrolle, desto stärker der Anreiz, ihr nach außen auszuweichen. Der Gedanke aus dem zwölften Essay, dass die Grenze zwischen Organisationsformen gezogen wird, erscheint hier in einem anderen Zusammenhang noch einmal: Dieselben Dollar unterliegen in New York der Kontrolle, in London nicht. Und bleiben doch dieselben Dollar.

6. Ich habe die vorübergehende Aussetzung angeordnet

1971 änderte sich die Art der Krise.

Es ging nicht mehr nur darum, ob die Vereinigten Staaten den Goldpreis von 35 Dollar halten konnten. Es ging darum, ob die anderen Länder ihnen noch helfen wollten, dieses Schauspiel fortzusetzen.

Ende April 1971 besprachen die deutsche Zentralbank und führende Regierungsvertreter bereits mit dem Direktor des Fonds die Möglichkeit, die D-Mark freizugeben. Am 6. Mai ordnete der deutsche Wirtschaftsminister an, den Kurs der Mark vorübergehend frei schwanken zu lassen.

Weigerte sich ein bedeutendes Überschussland, an den festen Paritäten weiter festzuhalten, war eine solche Ordnung nicht mehr nur ein amerikanisches Problem.

Gleichzeitig schwollen die Kapitalbewegungen sprunghaft an. Der Nettokapitalabfluss aus den Vereinigten Staaten betrug 1970 noch 12,9 Milliarden Dollar, 1971 bereits 29,6 Milliarden. Davon entfielen elf Milliarden allein auf das dritte Quartal.

Selbst wenn man also die Frage beiseiteließ, ob die amtlichen Goldbestände ausreichten, machte schon der Liquiditätsschock das gemeinsame Versprechen von festen Paritäten und offizieller Goldeinlösung äußerst unsicher.

Vom 13. bis zum 15. August 1971 versammelte Nixon seine wichtigsten Wirtschaftsberater in Camp David. Anwesend waren der Finanzminister, der Zentralbankpräsident und die für internationale Währungsfragen zuständigen Beamten. An diesem Wochenende sollte ein ganzes Paket neuer wirtschaftspolitischer Maßnahmen beschlossen werden.

Hier vollzog sich keine natürliche Entwicklung des Marktes. Es war eine hochpolitische Wochenendentscheidung, in der Überlegungen zu Wahlen, Handel, Inflation und internationalen Verhandlungen ineinandergriffen.

Am Abend des 15. August verkündete Nixon in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache: Ich habe den Finanzminister angewiesen, die Einlösung des Dollars in Gold oder andere Reservewerte vorübergehend auszusetzen.

Das Wort vorübergehend wurde später nicht eingelöst.

Man sollte allerdings deutlich sagen, dass dieses Wort damals nicht unbedingt eine Ausflucht war. Die begleitenden Maßnahmen im Inland waren tatsächlich als vorläufige Regelung angelegt. Die Frist des Preis- und Lohnstopps betrug ausdrücklich neunzig Tage. Beim Schritt nach außen dachte man damals wohl vor allem daran, zunächst auszusetzen, um sich in den anschließenden Verhandlungen eine günstigere Position zu verschaffen. Dass es später kein Zurück gab, heißt nicht, dass man von Anfang an keines beabsichtigt hatte. Wenn der Aufbau eine Tür schließt, glaubt er oft aufrichtig, sie nur anzulehnen.

Nixon bettete die Entscheidung in ein ganzes innenpolitisches Maßnahmenpaket ein: einen neunzig Tage dauernden Lohn- und Preisstopp, einen Einfuhrzuschlag von zehn Prozent, Ausgabenkürzungen und Änderungen am Steuersystem. Er erzählte die Krise als Abwehrkampf gegen internationale Währungsspekulanten.

Die wichtigsten Sätze der Ansprache waren jedoch zwei andere.

In ihnen lag das eigentliche Gewicht dieses Tages, auch wenn sie damals kaum auffielen. Die Zuhörer interessierte, ob die Preise stillstehen würden, ob Einfuhrwaren teurer würden und was morgen für ihren Lohn galt. Mitten zwischen diesen praktischen Fragen wurde die Definition des Geldes ausgetauscht.

Der erste Satz: Die Stärke der Währung eines Landes beruht auf der Stärke seiner Wirtschaft.

Der zweite: Dem Ausland versicherte Nixon, die Vereinigten Staaten würden ein verlässlicher, der Zukunft zugewandter Handelspartner bleiben.

Liest man beide Sätze zusammen, wird sichtbar, was an diesem Tag tatsächlich geschah.

Als Grundlage des Geldes wurden nun öffentlich die Wirtschaftskraft und die Verlässlichkeit eines Staates benannt, anstelle der Einlösbarkeit in Gold.

Was zuvor hinter dem Metall verborgen gewesen war, blieb nicht länger im Hintergrund des Geldes: das Vertrauen in einen bestimmten Staat, das Urteil über die Disziplin seiner Politik, die Wette auf seine Glaubwürdigkeit. Der Präsident selbst erklärte es nun offen zum Fundament der Währung.

Im fünfzehnten Essay hieß es: Dass sich der Maßstab umschreiben lässt, kann man, sobald man es einmal getan hat, nicht mehr aus der Welt schaffen. 1934 wurde der Goldpreis von 20,67 auf 35 Dollar geändert. Diesmal änderte man keine Zahl. Man hob das Versprechen auf, für das die Zahl gestanden hatte, und gab vor aller Augen eine neue Begründung dafür, warum dasselbe Papier weiter gelten sollte.

Eine weitere Passage der Ansprache wird häufig übergangen. Das sollte sie nicht.

Nixon nannte Rentner, Hausfrauen und abhängig Beschäftigte als Opfer der Inflation. Den Lohnstopp und die Zölle stellte er als Mittel dar, Arbeitsplätze und Kaufkraft zu schützen.

Ob man diese Darstellung annimmt oder nicht, sie zeigt eines: Die internationale Währungsordnung ist kein abstraktes Schachbrett.

Lässt sich ein fester Wechselkurs nicht mehr halten, schlägt sich der Preis dafür in Löhnen, Einfuhrpreisen, Beschäftigung und Budgets nieder. Will ein Defizitland eine bestimmte Parität verteidigen, muss es häufig die Zinsen erhöhen, die Nachfrage dämpfen und die Einfuhren beschränken. Am Ende stehen handfeste Verluste an Arbeitsplätzen und Einkommen.

Warum Keynes im zweiten Abschnitt so entschieden dagegen war, die gesamte Anpassungslast dem Defizitland aufzubürden, wird hier am deutlichsten. Nach siebenundzwanzig Jahren kehrte die damals abgewiesene Frage zurück. Und zwar in der Ansprache des Präsidenten jenes Landes, das sie selbst abgewiesen hatte.

Der aufgegebene Entwurf hatte auch die Überschussländer zu einem Teil der Anpassung verpflichten wollen. Siebenundzwanzig Jahre später standen die Vereinigten Staaten selbst auf der Seite, von der Anpassung verlangt wurde. Ihre Antwort lautete: das Goldfenster schließen, einen Einfuhrzuschlag von zehn Prozent erheben und den Druck auf die anderen zurücklenken. Sie übernahmen nicht Keynes' Verfahren, sondern wählten ihr eigenes. Lösen wollten sie damit aber genau das Problem, dessen Auftreten Keynes damals vorausgesagt hatte.

7. Zwangsläufigkeit oder Entscheidung

Für die Ereignisse von 1971 gibt es in der Forschung im Wesentlichen drei konkurrierende Erklärungsrichtungen. Sie unterscheiden sich nicht im Geschmack, sondern in der Sache.

Die erste hält den Zusammenbruch für strukturell bedingt und unvermeidlich.

Ihre früheste und einflussreichste Formulierung ist das Dilemma des bereits erwähnten Ökonomen. Das Land, das die Reservewährung ausgibt, muss der Welt fortwährend Liquidität zuführen. Damit wachsen seine Auslandsverbindlichkeiten schließlich über die Golddeckung hinaus. Eine Vertrauenskrise folgt. Eine spätere Forschungsrichtung führt den Zusammenbruch stärker auf einen doppelten Mangel des Systems zurück: Zum einen hing das Wachstum der Reserven zu sehr vom Dollar ab. Zum anderen gingen die Vereinigten Staaten als Kernland nach 1965 zu einer stärker inflationären Verbindung von Finanz- und Geldpolitik über. Sie hielten sich nicht an die Regeln, die niedrige Inflation und einen glaubwürdigen Goldpreis hätten sichern sollen.

In dieser Lesart gab es zwar bestimmte Auslöser für die Schließung des Goldfensters. Die Richtung aber war durch die Widersprüche der Ordnung und die amerikanischen Verstöße gegen ihre wirtschaftspolitischen Regeln bereits vorgegeben.

Die zweite Richtung hält den Zusammenbruch nicht für zwingend. Das System hätte fortbestehen können.

Schon 1966 widersprachen mehrere Forscher der These vom unvermeidlichen Ende. Die Vereinigten Staaten seien eher als Finanzvermittler der Welt zu verstehen: Sie gäben kurzfristige, hochliquide Dollarverbindlichkeiten aus und hielten zugleich langfristige Auslandsanlagen. Solange sie Preisstabilität wahrten, könne dieser Prozess grundsätzlich weitergehen. Daraus könne sogar ein Dollarstandard ohne Gold entstehen. Spätere Dokumente, die auf diesen Streit zurückblicken, halten den Standpunkt ausdrücklich fest: Hätten die amerikanischen Behörden die für den nominalen Anker erforderliche Preisstabilität gesichert, hätte das System unbegrenzt fortbestehen können.

Diese Richtung bestreitet das Risiko nicht. Sie bestreitet etwas anderes: Übersteigen die Dollarverbindlichkeiten das Gold, ist die Ordnung damit nicht automatisch und sofort unhaltbar.

Die Reichweite dieses Arguments muss genau bestimmt werden. Es besagt nicht, dass es gleichgültig sei, ob die Verbindlichkeiten den Goldbestand übersteigen. Es besagt, dass die Einhaltung eines Einlösungsversprechens davon abhängt, ob es zu einem Ansturm auf die Einlösung kommt. Ob es dazu kommt, hängt davon ab, ob die Inhaber dem Versprechen glauben. Und ob sie ihm glauben, hängt vor allem davon ab, ob derjenige, der es abgegeben hat, selbst die Regeln einhält. Die entscheidende Größe liegt also nicht im Tresor. Sie liegt anderswo.

Die dritte Richtung betont stärker die politischen Entscheidungen und die Zufälle der Geschichte.

Einige Forscher wenden sich dagegen, den Ausgang der späten sechziger Jahre als längst vorbestimmtes Ende zu erzählen. Ihrer Ansicht nach starb das Paritätensystem an gegenseitigen Vorwürfen und am Streit darüber, wer die Anpassungslast tragen sollte. Andere Darstellungen dieser Richtung heben zusätzlich hervor, wie 1971 in den Vereinigten Staaten mehrere Kräfte zusammenwirkten: die Sorge über das Handelsdefizit und die Exportstärke Japans und Europas, der Druck des Kongresses und der Blick auf die Wahlen des folgenden Jahres. So wurde der Wechselkurs über die währungstechnische Frage hinaus zu einer Waffe im Kampf um Marktzugang und in der Innenpolitik.

Ein weiterer, diplomatiegeschichtlicher Zugang betrachtet die Währungskonflikte im Zusammenhang der Bündnispolitik des Kalten Krieges. Dollar, Gold, Militärstützpunkte, Militärausgaben, Hilfsleistungen und die Lastenteilung unter Verbündeten waren keine voneinander unabhängigen Fragen.

Aus dieser Sicht hatte 1971 selbstverständlich einen strukturellen Hintergrund. An welchem Tag das Goldfenster geschlossen wurde, auf welche Weise und mit welchen begleitenden Maßnahmen, war jedoch keineswegs das einzig mögliche Ergebnis einer rein technischen Herleitung.

Hier wird der Streit nicht entschieden. Wichtig sind diese drei Erklärungen deshalb, weil hinter ihnen zwei unterschiedliche Vorstellungen von der Währungsordnung selbst stehen.

Versteht man Bretton Woods als objektives System, dessen eigentliches Fundament Gold war und in dem der Dollar als Übertragungsmechanismus diente, erscheint 1971 eher als ein physischer Bruch, der früher oder später eintreten musste.

Versteht man es dagegen als politisch-finanzielles Mischgebilde, das Metall als Symbol verwendete und von der Zusammenarbeit der Zentralbanken sowie vom Vertrauen in den amerikanischen Kredit getragen wurde, erscheint 1971 eher als eine neue Gewichtung des Kredits. Gold verdampfte nicht über Nacht. Der Dollar verlor nicht über Nacht seine internationale Rolle. Was sich tatsächlich änderte, war das Verhältnis der beiden zueinander und das öffentliche Eingeständnis der Welt, worauf die endgültige Begleichung ihrer Rechnungen beruhte.

Beide Vorstellungen können dieselben Tatsachen widerspruchsfrei erklären. Sie gehören aber zu unterschiedlichen Welten. In der einen ist der Aufbau letztlich etwas unterworfen, über das er nicht verfügen kann. In der anderen wird er seit jeher von Menschen getragen. Metall ist nur eine der Arten, wie sie ihn tragen.

8. Die Hülle wird aufgeschnitten

Nach der Schließung des Goldfensters ging die Welt nicht am nächsten Morgen geschlossen zu frei schwankenden Wechselkursen über. Zunächst versuchten die Länder, das System zu retten.

Am 17. und 18. Dezember 1971 einigte sich die Zehnergruppe in Washington auf ein Abkommen. Die Vereinigten Staaten stimmten zu, den amtlichen Goldpreis von 35 auf 38 Dollar zu erhöhen und den Dollar damit um ungefähr 8,5 Prozent abzuwerten. Die übrigen großen Länder sollten ihre Währungen entsprechend neu bewerten. Zugleich wurden die zulässigen Schwankungsbreiten vergrößert.

Nur stellte diese Anpassung die Goldeinlösbarkeit nicht wieder her. Sie klärte auch nicht, wer die amerikanische Inflation begrenzen und wer das Risiko tragen sollte, weiterhin Dollar zu halten. Eine spätere amtliche Geschichtsdarstellung fasste das Urteil über diesen Versuch in vier Wörtern zusammen: zu wenig, zu spät.

Er hatte nur ein kurzes Leben. Um den März 1973 geriet Europa erneut in eine schwere Devisenkrise. Danach wurde die feste Wechselkursordnung faktisch aufgegeben. Im Februar und März 1973 gingen die großen Industrieländer allgemein zu schwankenden Wechselkursen über.

Diese beiden Daten muss man deshalb auseinanderhalten. Am 15. August 1971 endete die amtliche Einlösbarkeit des Dollars in Gold. Im Frühjahr 1973 endete der verbliebene Rahmen anpassbarer fester Wechselkurse zwischen den großen Industrieländern.

Die rechtliche Nacharbeit folgte später. Die Vertragsänderung von 1976 erkannte an, dass die Mitglieder die ihnen angemessen erscheinende Wechselkursordnung selbst wählen durften. Der Fonds ging dazu über, ihre Wechselkurspolitik zu überwachen. Artikel IV, Abschnitt 2 des heute geltenden Abkommens sagt es ausdrücklich: Mitglieder dürfen andere Wechselkursregelungen ihrer Wahl anwenden, sofern diese mit den Zielen des Fonds vereinbar sind. Die Änderung trat am 1. April 1978 in Kraft.

Erst damit wich auch rechtlich der ursprüngliche Nachkriegsversuch, eine Art Währungsverfassung zu errichten, die Wechselkurse mit Gold als gemeinsamem Nenner festschrieb.

Nun lässt sich die Frage vom Anfang beantworten: Was wurde 1971 eigentlich durchschnitten?

Die bequemste Erklärung lautet, die Welt sei damit ins Zeitalter des Fiatgeldes eingetreten. Vom Metall zum Kredit.

Diese Erklärung ist ungenau. Und sie verdeckt gerade das Wichtigste.

Genauer wäre zu sagen: Geld wurde nun offen und noch tiefer auf Kredit gegründet.

Das anonyme Tauschmittel verschwand nicht. Der Dollar blieb das zentrale Medium der internationalen Preisbildung, Reservehaltung und Zahlungsabwicklung. Manche Wissenschaftler sehen in dem, was nach der Schließung des Goldfensters fortbestand, gerade einen Dollarstandard ohne Gold.

Geändert hatte sich, dass die letzte Grundlage dieses Mediums nicht länger als reine Metallbindung auftrat. Immer offener bestand sie aus ganz konkreten Fragen: Konnten amerikanische Finanzpolitik und Zentralbank die Preise stabil halten? Galt die amerikanische Regierung weiterhin als vertrauenswürdig? Besaß die Aufsicht des Fonds bindende Kraft? Wollten die wichtigsten Zentralbanken noch miteinander arbeiten?

Jene nach innen gerichtete, an Personen und Beziehungen gebundene Kraft aus Vertrauen, Ruf und Glaubwürdigkeit hatte das anonyme Geld nicht ersetzt.

Sie war nur unverhüllter in sein Fundament zurückgekehrt.

1971 sollte deshalb nicht als zwangsläufige Fortschrittsgeschichte vom barbarischen Metall zum modernen Kredit erzählt werden.

Das Gold verschwand keineswegs sofort aus den staatlichen Bilanzen. Viele Zentralbanken behielten es vielmehr als letzte Absicherung. Das taten sie bereits seit den fünfziger Jahren, lange vor 1971. Auch der Dollar verlor mit seiner Goldeinlösbarkeit nicht seine zentrale internationale Stellung. Nach dem Abschied vom Metall beherrschte er weiterhin das internationale Finanzwesen.

Was sich tatsächlich änderte, war die Stellung des Pendels. Einheitliche Recheneinheiten, standardisierte Preise und anonyme Zahlungsabwicklung blieben bestehen. Die letzte Garantie hinter diesen Mechanismen hing jedoch deutlicher vom Kredit eines Staates und vom Ruf einer Gruppe von Institutionen ab.

Das durchtrennte Band hatte die an Personen gebundenen Kräfte nie zum Verschwinden gebracht.

Es hatte sie verdeckt.

Verdecken ist nicht täuschen. Das muss man auseinanderhalten. Die Architekten der Ordnung hatten nichts versteckt. Die Verdeckung sorgte dafür, dass nicht jeder jeden Tag entscheiden musste, ob ein anderer Staat vertrauenswürdig war. Ein Blick auf eine Zahl genügte. Das ersparte ungeheuer viel Mühe, und lange Zeit funktionierte es tatsächlich. Der Preis dieser Entlastung zeigte sich erst, als die Zahl nicht mehr verlässlich war. Nun mussten alle gleichzeitig etwas neu lernen, das sie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr hatten tun müssen.

1971 wurde lediglich diese Hülle aufgeschnitten.

Danach trat zum ersten Mal offen hervor, was die ganze Zeit gewirkt hatte: Wessen staatliches Versprechen galt? Wer stand für wen ein? Welche Institutionen waren noch bereit, einander mitten in der Nacht anzurufen? Nichts davon hatte jemals aufgehört zu wirken. Zuvor hatte es sich nur hinter einer Zahl verborgen. Und diese Zahl hatte ausgesehen, als sei sie aus dem Boden gegraben worden.

Was die Zentralbanken im vierten Abschnitt taten, lässt sich nun vollständiger beschreiben.

Sie vertrauten dieser Ordnung durchaus. Sie benutzten sie jeden Tag. Sie wussten nur, dass jeder Maßstab, den Menschen aufrichten, eines Tages von Menschen wieder beiseitegelegt wird. Bevor dieser Tag kam, musste im Tresor etwas anderes liegen.

Die Ereignisse gaben ihnen recht. Und sie hatten bereits gut zehn Jahre zuvor recht gehabt.

Darin zeigt sich auch etwas über die Natur des Restes. In den vorangegangenen Essays lag er gewöhnlich auf der Seite derer, die den Druck erlitten. Sie konnten sich nicht Gehör verschaffen, keine Belege vorweisen oder standen gar nicht erst in den Büchern. Diesmal lag der Rest in den Händen derjenigen, die über die meisten Mittel verfügten. Sie hätten sich ohne Weiteres Gehör verschaffen können. Sie entschieden sich zu schweigen und trafen lediglich im Stillen Vorsorge in ihren Tresoren. Der Rest muss nicht immer den Schwachen gehören. Er ist die Rücklage, die sich jemand außerhalb dieses Maßstabs bereithält. Und gerade wer sich eine solche Rücklage leisten kann, weiß besonders genau, wie der Maßstab errichtet wurde.

Der Maßstab verschwand deshalb nicht. Er hat ein neues Fundament und misst weiter. Die Welt braucht noch immer eine gemeinsame Recheneinheit, noch immer jemanden, der die Rechnungen am Ende begleicht, noch immer jeden Morgen einen Preis für alle Dinge.

Nur kann seit jenem Abend im August 1971 niemand mehr behaupten, dieser Preis erwachse aus dem Gewicht eines Metalls. Er entsteht daraus, ob eine Gruppe von Menschen weiter bereit ist, zu ihren Verpflichtungen zu stehen.

Die Rechnung geht noch immer nicht auf. Und das Buch wird weitergeführt.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English