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Essay 16 von 23

Verteilungsbedingte Hungersnot: Nahrung ist da, die Namenslisten entscheiden, wer zu essen bekommt

Irland, Bengalen und der Große Sprung nach vorn zeigen Hunger nicht bloß als Mangel an Kalorien, sondern als Zusammenbruch von Ansprüchen, Informationen und Beziehungen. Entscheidend war, wer in welcher Verteilungsordnung vorkam.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

1. In einer Welt, in der es Nahrung gibt

1945 schrieb eine amtliche Untersuchungskommission im Schlussteil ihres Berichts über Bengalen einen Satz nieder: Unter der Bevölkerung des Großraums Kalkutta sei kein einziger Mensch verhungert, während auf dem Land Millionen unter Hunger gelitten hätten.

Das waren keine Worte eines Anklägers. Zu diesem Schluss kam die Behörde, die mit der Untersuchung jener Hungersnot beauftragt war, selbst.

Im selben Bericht steht ein noch kälterer Satz: 1943 habe nur eine einzige Schicht Hunger gelitten, nämlich die ärmere Landbevölkerung. Die Wohlhabenden und die Industriearbeiter des Großraums Kalkutta hätten nicht gehungert.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt keine rhetorische Figur. Dort verläuft eine Grenze. Auf der einen Seite haben Menschen zu essen, auf der anderen nicht. Und diese Grenze wird weder von der Geografie noch vom Klima oder der Leistungsfähigkeit des Verkehrs gezogen. Sie ist festgelegt worden.

Drei Katastrophen, die gewöhnlich getrennt erzählt werden, stehen hier nebeneinander, weil ihnen ein und derselbe Vorgang gemeinsam ist.

Die Große Hungersnot in Irland ereignete sich im neunzehnten Jahrhundert in einem Empire, das sich dem Freihandel verschrieben hatte. Die Hungersnot in Bengalen ereignete sich im zwanzigsten Jahrhundert in der Kriegswirtschaft einer Kolonie. Die Hungersnot des Großen Sprungs nach vorn ereignete sich unter einer Planwirtschaft mit Volkskommunen. Drei völlig verschiedene Ordnungen, die einander überdies feindlich gegenüberstanden.

Bei keiner dieser drei Katastrophen war die Nahrung im physischen Sinn aus der Welt verschwunden.

Die Preismaschine lief, die Maschine des staatlichen Aufkaufs lief, die Rationierungsmaschine lief. Manche liefen sogar mit großer Kraft. Was geschah, war dies: Einem Teil der Menschen wurde die Berechtigung entzogen, über Preise, Löhne, gesetzliche Rationen oder politischen Status Zugang zu dieser Maschine zu erhalten. So verhungerten sie in einer Welt, in der es Nahrung gab.

Diesen Satz sollte man langsam lesen. Er widerspricht dem üblichen Bild einer Hungersnot. Gewöhnlich denkt man an eine Naturkatastrophe: Der Regen bleibt aus, Schädlinge kommen, auf den Feldern wächst nichts, und alle hungern gemeinsam. Die Gestalt dieser drei Katastrophen ist eine andere. Sie gleichen eher einem Vorgang der Verteilung. Dieselben Lebensmittel befinden sich in demselben Land. Ein Teil der Menschen bekommt wie gewohnt etwas davon, ein anderer nicht. Dazwischen steht ein Regelwerk.

In den ersten fünfzehn Essays sind bereits acht Verfahren aufgetaucht, mit denen der Aufbau dem Rest begegnet: sich von außen durch einen größeren Aufbau lockern zu lassen; unter einem anderen Namen weiterzumachen; genau zu messen, ohne nachzufragen; das Unpassende zu einem Betrag umzuschreiben, der sich auf die Kosten umlegen lässt; die Grenze des Fachs um eine Spalte nach innen zu verschieben; dem Ausgeschlossenen eine Umlaufbahn um das Rechnungsbuch zuzuweisen; von ihm einen Beleg zu verlangen; und es schließlich als seine eigene Entscheidung neu einzuordnen.

Hier kommt das neunte.

Ihn gar nicht erst in die Bücher aufnehmen. Nicht, weil er ungemessen geblieben wäre, auch nicht, weil man ihn gemessen hätte und nun nicht hinsähe. Sondern weil dieser Mensch nicht den Status besitzt, der ihn berechtigt, mitgezählt zu werden.

Der Rest erscheint hier deshalb in seiner unverhülltesten Gestalt. In den vorigen Essays war er etwas, das nicht gemessen wurde. Eine genau vermessene Spalte, die niemand ansah. Eine Frage, die man vor die Tür des Fachs gesetzt hatte. Ein Wissen, das in Beziehungen gewachsen war und sich nicht aufzeichnen ließ. Das alles waren noch Dinge. Hier besteht der Rest aus Menschen. Aus lebenden, hungernden Menschen, deren Namen sich einzeln vorlesen lassen. Der Aufbau hat sie weder verkleinert noch in etwas anderes umgeschrieben. Er hat sie lediglich nicht ins Register aufgenommen.

Eines muss vor Beginn der eigentlichen Untersuchung klargestellt werden.

Für den Weg durch die ersten fünfzehn Essays galt eine Regel: Strukturen untersuchen, ohne moralische Urteile zu fällen. Konkurrierende Deutungen nebeneinanderstellen, ohne den Lesern die Entscheidung abzunehmen. Im achten Essay wurde diese Regel einmal ausdrücklich außer Kraft gesetzt. Hier geschieht es zum zweiten Mal.

Doch der Geltungsbereich dieser Ausnahme muss genau begrenzt werden. Sonst wird die Ausnahme zu einer allzu bequemen Sache.

Nur an einer Stelle gilt die Regel nicht: Nahrung ist nachweislich vorhanden. Andere Wege stehen nachweislich offen. Menschen verhungern bereits, und jemand hat es gesehen. Dennoch läuft die Maschine weiter. Das lässt sich unmittelbar aussprechen, ohne Abschwächung und ohne abzuwarten, bis irgendeine wissenschaftliche Auseinandersetzung abgeschlossen ist.

An vielen anderen Stellen gilt die Regel weiterhin. Hätte die zurückgehaltene Ausfuhr tatsächlich gereicht? Wie stark war das Angebot gesunken? Welche Wirkungskette wog am schwersten? Wie viele Menschen starben? Sollte der Name eines bestimmten Menschen gesondert genannt werden? Diese Fragen sind bis heute nicht abschließend beantwortet. Sie werden im Folgenden einzeln vorgelegt, ohne dass hier für sie eine Entscheidung getroffen wird.

Beides widerspricht sich nicht. Die moralische Benennung hält gerade deshalb stand, weil sie nicht auf den Fragen beruht, die noch offen sind.

Dazu kommt ein weiterer Grund. Darf ein Urteil erst ausgesprochen werden, wenn alle Auseinandersetzungen beendet sind, wird es niemals ausgesprochen werden. Denn Auseinandersetzungen dieser Art enden nie. In all den Jahren des Wartens steht dann nur eines zur Verfügung, das sich nutzen lässt: das Schweigen.

2. Mit möglichst geringer Störung des Marktes

Im Herbst 1845 traf die Kartoffelfäule Irland zum ersten Mal schwer. 1846 wütete sie noch heftiger. Im selben Jahr endete die begrenzte Intervention der Regierung Peel. Die neu angetretene Whig-Regierung schlug einen entschiedeneren marktwirtschaftlichen Kurs ein.

Der materielle Ausgangspunkt der Katastrophe war selbstverständlich die Pflanzenkrankheit. Vor der Hungersnot war ungefähr ein Drittel der Bevölkerung in hohem Maße auf die Kartoffel als Grundnahrungsmittel angewiesen. Doch 1846 und 1847 hing das Überleben längst nicht mehr allein davon ab, wie viele Kartoffeln verfaulten. Entscheidend war ebenso, wie andere Lebensmittel weiterhin als Waren das Land verließen, wie ihre Preise festgesetzt wurden, wer Bargeld besaß und wer Anspruch auf Unterstützung hatte.

Der im Schatzamt für die Hilfsmaßnahmen zuständige Beamte hieß Trevelyan. Später verfasste er ein Buch über die Krise. Darin erinnerte er an das Ziel der ersten staatlichen Maisbestellungen in den Vereinigten Staaten. Er beschrieb es mit eigenen Worten: Die Lücke sollte unter möglichst geringer Störung des privaten Handels und der Marktpreise geschlossen werden.

Diesen Satz haben nicht spätere Kritiker für ihn zusammengefasst. Er hat ihn selbst niedergeschrieben, als einen Grundsatz, den er für aufzeichnenswert hielt.

Sein Gewicht wird erst deutlich, wenn man sieht, welche beiden Dinge er auf dieselbe Waage legt. Auf der einen Schale liegt die Nahrung für Millionen Menschen. Auf der anderen liegt die Ungestörtheit des privaten Handels und der Marktpreise. Beide auf dieselbe Waage zu legen heißt, sie gegeneinander verrechenbar zu machen. Beide können Zugeständnisse machen. Es lässt sich aushandeln, welche Seite mehr und welche weniger bekommt. Sobald diese Verrechnung möglich ist, überrascht nichts mehr von dem, was danach geschieht.

Im Dezember 1846 erreichten die Berichte über das Elend von Skibbereen London. Trevelyan bestand zu diesem Zeitpunkt darauf, dass die Regierung keine Lebensmittelbestellungen im Ausland aufgeben dürfe. Damit trete sie in Konkurrenz zu den Händlern und werfe deren gesamte Kalkulation über den Haufen. Er sagte außerdem, eine so zahlreiche Bevölkerung wie die irische aus dem Ausland zu ernähren sei noch nie vorgekommen.

Hinter diesen beiden Sätzen steht ein sehr konkreter Mechanismus. Damit ein Armer überleben konnte, durfte man ihm nicht zuerst unmittelbar zu essen geben. Er musste zunächst in einen Menschen mit monetärer Kaufkraft verwandelt werden. Kaufte dagegen der Staat selbst Lebensmittel, verdrängte er die Händler vom Markt.

Innerhalb ihrer eigenen Logik ist diese Überlegung vollständig. Gründe für sie sind leicht zu finden: Wird die Regierung zum Großkäufer, wagen die privaten Händler nicht mehr einzukaufen. Kaufen sie nicht ein, ist die Versorgung im nächsten Jahr noch unsicherer. Kurzfristig werden Menschen gerettet, langfristig verhungern noch mehr. Dieses Argument wurde damals ernsthaft geglaubt. Bestimmte Fassungen davon werden auch heute ernsthaft geglaubt. Hier geht es nicht darum, ob die Herleitung trägt. Es geht darum, auf welche Frage sie als Antwort eingesetzt wurde: Soll diesen Menschen jetzt zu essen gegeben werden?

So wurde die Hilfe nach Möglichkeit zu einer Lohnfrage umgeschrieben.

1846 und 1847 trieben groß angelegte öffentliche Bauprogramme Hunderttausende Menschen auf die Baustellen von Straßen, Steinmauern, Dämmen und Brücken. Im März 1847 bezogen dort mehr als siebenhunderttausend Menschen einen Lohn. Mit ihren Angehörigen gerechnet, trug dieses System mindestens drei Millionen Menschen.

Auf dem Papier war das eine beachtliche Mobilisierung.

Das Problem war nicht, ob Löhne gezahlt wurden. Es lag darin, dass sie in Geld ausgezahlt wurden, statt sich nach dem Nahrungsbedarf einer Familie zu richten. Zwischen Lohnhöhe und Lebensmittelpreisen bestand keine feste Bindung. Und die Auszahlung verspätete sich häufig.

Trevelyan hielt das Ergebnis selbst in seinem Buch fest. Er räumte ein, dass dieser Lohn zwar höher lag als das, was irische Landarbeiter zuvor verdient hatten, bei den damaligen Lebensmittelpreisen jedoch nicht genügte, um eine Familie zu ernähren. Er schrieb auch, dass rings um die öffentlichen Baustellen jeden Tag Menschen verhungerten, während die Hilfsarbeiten weitergingen.

In diesem Satz liegt der Schwerpunkt des Abschnitts. Sein Gewicht liegt jedoch nicht darin, dass er etwas enthüllt. Es liegt darin, dass er überhaupt nichts enthüllt.

Die Menschen wurden bereits nach dem gemeinsamen Maßstab von Geld und Lohn erfasst. Alle Zahlen lagen vor. Die Baustellen waren verzeichnet, die Menschen gezählt, die Löhne verbucht. Dass dieser Maßstab selbst nicht genügte, sie am Leben zu erhalten, stand ebenfalls in den Büchern. Aufgeschrieben hatte es der Mann, der dafür zuständig war.

So entstand ein eigentümliches Versagen. Es lag weder daran, dass niemand hingesehen hatte, noch an einem Rechenfehler oder daran, dass Nachrichten zu langsam ankamen. Man hatte hingesehen, nachgerechnet und alles niedergeschrieben. Und man verfuhr weiter wie zuvor. Der Aufbau hatte hier kein Informationsproblem. Sein Problem war die eigene Weigerung, sich zu ändern.

Im Oktober 1846 schrieb Trevelyan in einem privaten Brief an einen Lord, die Heilung der Übel der irischen Gesellschaft sei ihr nun durch einen unmittelbaren Schlag der allwissenden Vorsehung verabreicht worden.

Dieser Satz braucht kein Adjektiv. Man muss nur sehen, was er tut.

Er deutet einen laufenden Prozess des Sterbens zu einem Zweck um, der gerade verwirklicht wird. Sobald ein Geschehen mit einem Zweck versehen ist, verwandelt es sich aus etwas, das aufgehalten werden muss, in etwas, das vollendet werden muss.

3. Viertausend Schiffe

Seit mehr als hundert Jahren wird darüber gestritten, dass Irland während der Hungersnot weiter Lebensmittel ausführte. Schon die Gestalt dieses Streits verdient einen Blick.

Eine Historikerin, die sich eingehend mit dieser Zeit beschäftigt hat, betont immer wieder, dass die Diskussion lange auf eine zu enge Frage zusammengedrängt worden sei: Wurde Getreide netto ausgeführt oder eingeführt? Sobald die Frage so gestellt wird, verschwindet aus dem Blick, dass auch andere Lebensmittel das Land verließen.

Aus den Hafenunterlagen gewinnt sie folgende Zahlen. Allein 1847 brachten nahezu viertausend Schiffe Lebensmittel aus Irland in britische Haupthäfen wie Bristol, Glasgow, Liverpool und London. Zwischen 1846 und 1850 wurden mehr als drei Millionen lebende Nutztiere ausgeführt. Allein 1847 gelangten 9.992 Kälber nach Großbritannien. In den ersten neun Monaten desselben Jahres wurden außerdem weiterhin große Mengen Butter, Fisch, Eier, Whisky und Getreidealkohol exportiert.

Sie behauptet nicht, man hätte mit dem Zurückhalten all dieser Güter gewiss jeden Menschen retten können. Ihr Punkt ist ein anderer: Während der Hungersnot hörte Irland nicht auf, als Standort kommerzieller Landwirtschaft und als Lebensmittelexporteur zu funktionieren.

Diese Unterscheidung muss festgehalten werden. Sie bestimmt, auf welcher Ebene gestritten wird. Lautet die Frage, ob ein Ausfuhrstopp alle hätte retten können, wird die Antwort wahrscheinlich Nein lauten. Und dieses Nein schließt beiläufig weitere Fragen mit ab. Fragt man dagegen, ob das Land während der Hungersnot seine Funktion als Exportstandort wie gewohnt erfüllte, lautet die Antwort Ja. Dafür liegen Hafenunterlagen vor.

Ob die zurückgehaltenen Mengen genügt hätten, darüber ist die Geschichtswissenschaft seit Langem geteilter Meinung. Bis heute hat sich die Kluft nicht geschlossen.

Die Historikerin selbst meint, die 1846 und 1847 ausgeführten Mengen hätten ausgereicht, zwei Millionen Menschen sechzehn Monate lang zu ernähren. Eine andere Forschungsrichtung hält dagegen, selbst das Zurückhalten sämtlicher Getreideexporte hätte die gewaltige Lücke nach dem Zusammenbruch der Kartoffelernte nicht füllen können. Zudem habe sich die Nettorichtung des Getreidehandels nach 1847 umgekehrt: Getreide floss nun nach Irland hinein.

Ein neuerer Überblick über die Forschung fasst die Lage recht genau: Die heutige Mehrheitsposition liegt näher bei der zweiten Richtung. Dass jedoch die Ideologie die Reaktion der Regierung beherrschte, bestreitet kaum jemand.

Diese beiden Sätze sollte man getrennt behalten. Ob die Menge gereicht hätte, ist umstritten. Weniger umstritten ist, dass die Lehre des Laissez-faire Vorrang vor der Rettung von Menschenleben erhielt.

Auf der Seite der Unterstützung gibt es zudem eine Vorschrift, die für sich betrachtet werden muss.

Nach der damaligen Viertel-Acre-Klausel konnten Menschen, die mindestens ein Viertel Acre Land besaßen, nur schwer Unterstützung erhalten, solange sie ihr Land nicht aufgaben.

Unverblümt gesagt: Aus einem Kleinbauern musst du dich erst in einen Menschen verwandeln, der überhaupt nichts mehr hat. Erst dann bist du würdig, in das Hilfssystem aufgenommen zu werden.

Diese Vorschrift nähte zwei Ordnungen aneinander. Das Land bedeutete einen Status, die Unterstützung bedeutete Geld und Nahrung. Die Klausel verlangte, das Erste abzugeben, um das Zweite zu erhalten. Um diesen Winter zu überleben, musste ein Mensch zunächst auf die Möglichkeit verzichten, im nächsten Frühjahr ein Feld zu bestellen. Das war kein Versehen. Die Bestimmung war klar formuliert, ihr Zweck keineswegs verborgen: Hilfe sollte nicht zur Subvention werden, die den Fortbestand kleinbäuerlichen Landbesitzes ermöglichte. Im dreizehnten Essay ging es um Einhegungen. Dort wurde das Land Stück für Stück abgetrennt. Hier sollten die Menschen es selbst herausgeben, und der Grund dafür war ihr Hunger.

Anonymes Geld und anonyme Preise hatten die an Personen gebundene Rangordnung also nicht wirklich abgelöst. Beides wirkte übereinander: Zuerst wurdest du nach deinem Status eingeordnet. Danach entschied dein Bargeld darüber, wie viel du kaufen konntest.

Ein anderer Weg hatte durchaus existiert.

Im Frühjahr und Sommer 1847 wurde nach der Einstellung der öffentlichen Bauprogramme ein vorläufiges System von Suppenküchen eingerichtet. Auf dem Höhepunkt versorgte es täglich etwa drei Millionen Menschen mit Essen. Auch die Zahl der Toten schien dadurch zu sinken.

Doch schon vom ersten Tag seiner Planung an galt dieses System als kurzfristige Ausnahme, jederzeit widerrufbar. Später wurde es tatsächlich aufgehoben.

Häufig waren es private Wohltätigkeit und Beziehungsnetze, die die gesamte Logik von Markt und Landbesitz umgingen und den Menschen unmittelbar zu essen gaben.

Die Quäker stellten in Cork und andernorts große Kessel auf und kochten täglich Suppe. Die British Relief Association versorgte über längere Zeit viele Kinder mit kostenlosen Rationen. Untersuchungen zeigen, dass zwischen Ende 1846 und 1848 zivilgesellschaftliche Netze an vielen Orten die Not schneller erkannten und schneller Suppenküchen eröffneten als der Staat. Sie waren auch eher bereit, Nahrung unmittelbar als Notmittel zum Überleben einzusetzen, statt auf eine Rückkehr des Marktes zum Normalzustand zu warten.

Wenn die Preismaschine versagte oder absichtlich vor jeder Störung bewahrt wurde, waren es häufig andere Verbindungen, die die Menschen wieder mitzählten: Verbindungen, die nicht anonym waren, für die jemand mit seinem Namen einstand und die auf Vertrauen und Ansehen beruhten.

4. Nur eine einzige Schicht hungerte

1942 trafen Bengalen mehrere Erschütterungen unmittelbar nacheinander.

Mit dem Fall Burmas brachen die Reisimporte ab. Im Oktober kamen in Südwestbengalen ein Zyklon, eine Sturmflut, Überschwemmungen und die Reisbrandkrankheit hinzu. Zwischen den Provinzen wurden die Handelsschranken erhöht. Zugleich setzte die Kolonialverwaltung, um einer japanischen Landung vorzubeugen, die sogenannte Verweigerungspolitik um. Sie beschränkte den Einsatz von Booten an der Küste und auf den Binnengewässern oder ließ sie zerstören. In einigen Gebieten begrenzte sie außerdem die Reisvorräte.

Die Untersuchungskommission hielt später fest, dass in den betroffenen Gebieten zahlreiche größere Boote beschlagnahmt oder zerstört worden waren. Sie räumte zudem ein, dass die Beschränkungen des Bootsverkehrs den Transport von Nahrungsmitteln bis zum Sommer 1943 behindert hatten.

Hier war der Markt nicht etwa gänzlich abwesend. Ein Staat im Krieg zerstörte das bestehende Transportnetz und verlangte zugleich vom Markt, weiterhin die Verteilung zu übernehmen.

Diese Verbindung verdient eine eigene Betrachtung. Beim Verkehr griff der Staat ein: bei den Booten, bei greifbaren Dingen, die sich beschlagnahmen und zerstören ließen. Bei Preisen und Verteilung griff er nicht ein. Das blieb dem Markt überlassen. Dieselbe Macht bestimmte also in der einen Sache und hielt sich in der anderen heraus. Und ausgerechnet dort, wo sie eingriff, lag genau jenes Stück des Weges, auf dem Nahrung die Menschen erreichte.

Im März 1943 gingen die Behörden dazu über, die Kontrollen aufzuheben. Nachdem im Mai der freie Handel wiederhergestellt war, wurde der Markt von Kalkutta erneut zum Preismotor der gesamten Provinz. Bis zur Jahresmitte stieg der Reispreis auf das Fünf- bis Sechsfache des Niveaus von Anfang 1942.

Eine Analyse der Kommission ist hier besonders wichtig.

Große Mengen des nach Kalkutta gelangenden Reises blieben in der Hand privater Händler. Diese konnten ihn horten und auf höhere Preise warten. Ohne staatliche Kontrolle gab die Kaufkraft Kalkuttas den Preistakt für ganz Bengalen vor. Die Stadt war wohlhabend und besaß erhebliche Kaufkraft. Die Rüstungsindustrie, die Eisenbahn, militärische und zivile Behörden sowie die sogenannten Vorranggruppen erhielten Zuschüsse oder wurden bevorzugt versorgt. Deshalb konnte Kalkutta Reispreise bezahlen, mit denen die Armen auf dem Land unmöglich Schritt hielten.

Die Preismaschine stand keineswegs still. Im Gegenteil, sie arbeitete mit außerordentlicher Kraft.

Nur diente sie den Käufern, denen Staat und Krieg bereits den Vorrang zuerkannt hatten.

Vorrang ist hier ein Verwaltungsbegriff, keine Redefigur. Er bezeichnet eine konkrete Liste. Darauf steht, welche Branchen, Einrichtungen und Bevölkerungsgruppen Lebensmittel zu subventionierten Preisen oder in bevorzugter Reihenfolge erhalten können. Menschen haben diese Liste geschrieben. Sie hatten Gründe dafür, die damals durchaus überzeugend klangen: Der Krieg musste geführt werden, die Fabriken mussten arbeiten, die Eisenbahn musste fahren, in der Stadt durfte keine Unruhe ausbrechen. Jeder einzelne Grund hatte Bestand. Sobald aber die Liste bestand, erhielten alle außerhalb der Liste einen gemeinsamen Status. Er lautete: nicht auf der Liste.

Nicht auf der Liste zu stehen ist keine bloße Beschreibung. Es ist ein Status, und dieser Status hat praktische Wirkung. Er bestimmt, zu welchem Preis du Lebensmittel kaufst, ob du überhaupt welche bekommst und hinter wem du warten musst. Ein Mensch kann von der Existenz einer solchen Liste völlig ahnungslos sein. Dennoch entscheidet diese Liste bereits für ihn, wie er durch den kommenden Winter kommt.

So entstanden die beiden Sätze, die am Anfang dieses Essays stehen. Innerhalb derselben Provinz waren Lebensmittel nicht gleichmäßig knapp. Ihr Zugang wurde nach Status, Beruf, Ort und politischem Vorrang neu abgestuft.

Die amtliche Marktpolitik schwankte fortwährend. Erst begrenzte man die Preise, dann duldete man den Schwarzmarkt. Zeitweilig wollte man den Einkauf kontrollieren, gab dies im März 1943 aber wieder auf. Erst am 31. Januar 1944 wurde in Kalkutta tatsächlich die Rationierung eingeführt. Der schlimmste Höhepunkt des Sterbens lag da bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1943.

Man lege diese beiden Zeitangaben nebeneinander: Beginn der Rationierung am 31. Januar 1944, Höhepunkt des Sterbens in der zweiten Jahreshälfte 1943. Dazwischen liegt ungefähr ein halbes Jahr. Ein Verfahren, das sich später als wirksam erwies, kam ein halbes Jahr zu spät. Dieses halbe Jahr ging nicht verloren, weil etwas anderes dazwischengekommen wäre. Es verstrich im Hin und Her zwischen Preisbegrenzung, Freigabe und erneuter Begrenzung.

Die Kommission selbst kam zu dem Schluss: Hätte die Regierung die Versorgung Kalkuttas früher übernommen und Rationen eingeführt, hätten die Preise nicht in dieser Weise die ganze Provinz erfasst.

Sie schrieb noch einen Satz, der auch heute schmerzt. Damals eine ausreichende Lebensmittelversorgung zu verkünden sei äußerst unklug gewesen. Klüger wäre es gewesen, der Bevölkerung zu sagen: Ja, es besteht ein Mangel.

Damit kommt etwas hinzu, das bisher noch nicht aufgetaucht war.

Messungen, Statistiken und Bekanntmachungen sind nicht neutral. Was die Behörden öffentlich verkünden, wirkt unmittelbar auf das Horten, die Panik und die Preisentwicklung ein. Die Bekanntmachung des Aufbaus ist ein Einsatzfaktor. Sie geht in den Vorgang ein, den sie beschreibt, und verändert ihn.

5. Wessen Name genannt wird

Zu Bengalen gibt es zwei Gruppen von Auseinandersetzungen, die bis heute nicht abgeschlossen sind. Sie vorzulegen ist nützlicher, als sie anstelle ihrer Beteiligten zu beenden.

Die erste betrifft die Frage, wem die Verantwortung zugeschrieben werden soll.

Amtliche Telegramme zeigen, dass Churchill selbst im April 1944 in einer Nachricht an Roosevelt einräumte, im vergangenen Jahr seien mindestens siebenhunderttausend Menschen bei der schweren Hungersnot in Bengalen gestorben. Zugleich bat er weiter um Hilfe bei der Lebensmittelversorgung Indiens.

Über seine Verantwortung ist sich die Geschichtswissenschaft nicht einig. Eine Richtung betont vor allem die Kriegsprioritäten Londons, die Zuteilung von Schiffsraum, die Finanz- und Preispolitik sowie die rassistische Rangordnung innerhalb des Empire. Eine andere fordert, Naturkatastrophen, Verwaltungsversagen, Londoner Entscheidungen und Marktversagen gemeinsam als mögliche Ursachen zu prüfen. Sie verweist darauf, dass kriegsbedingte staatliche Aufkäufe und Ernteausfälle ebenso wichtig waren. Alles einem einzigen Menschen zuzuschreiben sei eine übermäßige Vereinfachung.

Ob er also gesondert als Hauptverantwortlicher genannt werden sollte, gehört gerade zu dem, worüber gestritten wird. Hier wird darüber nicht entschieden.

Das ist kein Ausweichen. Ob der Name eines Menschen gesondert genannt werden sollte und ob überhaupt jemand Verantwortung trägt, sind zwei verschiedene Fragen. Die erste ist offen. Die zweite nicht. Die Kommission selbst schrieb, eine frühere Rationierung hätte das Übergreifen der Preise verhindern können. In diesem Satz ist bereits enthalten, wer verantwortlich war.

Die zweite Gruppe von Auseinandersetzungen ist theoretischer Art. Sie bildet den methodischen Hintergrund für alles Folgende.

Amartya Sen formulierte 1981 eine Einschätzung, die seither immer wieder aufgegriffen wurde: Hungersnöte träten häufig bei mittlerer oder sogar guter Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln auf. Entscheidend sei nicht die Gesamtmenge, sondern ob Menschen auf rechtlich und gesellschaftlich anerkannten Wegen über Nahrung verfügen könnten. Diese Möglichkeit bezeichnete er als Verfügungsrecht. Besonders wichtig waren ihm die Verfügungsrechte durch Tausch: Wie viel Nahrung lässt sich unter den geltenden Preisen und Regeln mit der eigenen Arbeitskraft, mit Land, Vieh, Geld und Gütern erwerben? Wenn der Lohn eines Landarbeiters mit dem Reispreis nicht mehr Schritt hält, bricht dieses Verfügungsrecht zusammen.

Der Widerspruch kam rasch und heftig.

Ein Kritiker schrieb 1986 unverblümt, die Theorie führe zu falschen Diagnosen und falschen Gegenmaßnahmen. Gerade die Analyse Bengalens beruhe auf unzuverlässigen und ungenauen Statistiken. Selbst die von Sen verwendeten Daten widersprächen seiner These. Sen erwiderte noch im selben Jahr, der Aufsatz seines Gegners sei voller begrifflicher Verwirrung, falscher Darstellungen empirischer Sachverhalte und systematischer Verzerrungen. In diesem Wortwechsel überzeugte keine Seite die andere. Auch später kam es zu keiner wirklichen Versöhnung.

Ein weiterer Forscher vertritt die Auffassung, der Ernteausfall von 1942 sei erheblich unterschätzt worden. Das Angebot bleibe der zentrale Faktor. Sen hält in seiner Entgegnung daran fest, dass nach den korrigierten Zahlen der Kommission die verfügbare Menge pro Kopf 1943 nicht unter der von 1941 gelegen habe. Erklärend seien vielmehr die Kriegsnachfrage, der Preissprung und die ungleiche Kaufkraft. Die Darstellung eines weiteren Forschers liegt zwischen diesen Polen: Ernteausfälle, kriegsbedingte staatliche Aufkäufe, Verwaltungsversagen und Marktversagen müssten gemeinsam betrachtet werden.

1993 wurde eine hilfreiche Unterscheidung getroffen. Der Ansatz der Verfügungsrechte lässt sich auf zwei Arten lesen. In der ersten Lesart bestreitet er unmittelbar einen Rückgang der verfügbaren Nahrungsmenge. In der zweiten kann ein solcher Rückgang selbstverständlich weiterhin eine Hungersnot auslösen. Häufig wirkt er jedoch dadurch, dass sich Preise, Beschäftigung, Löhne und Tauschbedingungen verschlechtern. So gelesen, sind Verfügungsrechte eher ein Rahmen, der die Untersuchung ordnet, als eine Erklärung, die Gesamtmenge sei unwichtig.

Kritik kommt zudem nicht nur von der Angebotsseite. Ein Forscher zu afrikanischen Hungersnöten weist auf zwei Dinge hin. Menschen essen in einer Hungersnot mitunter lieber weniger oder hungern sogar, als Vermögenswerte zu verkaufen, von denen ihr künftiger Lebensunterhalt abhängt. Ein solcher bewusster Verzicht auf Nahrung lässt sich nur schwer in einer einfachen Funktion unterbringen. Außerdem ist bei vielen Hungersnöten die Haupttodesursache nicht das reine Verhungern, sondern der Ausbruch von Krankheiten. Später wurden diese Einwände zu vier Gruppen geordnet: freiwilliges Ertragen von Hunger, Krankheiten als vorherrschende Todesursache, unscharfe Grenzen der Rechte und zahlreiche informelle Übertragungen außerhalb der gesetzlichen Regeln.

Zusammen erlaubt das eine unparteiische Zusammenfassung: Der Rahmen erklärt gut, weshalb Menschen keine Lebensmittel kaufen können. Er erklärt möglicherweise nicht erschöpfend, weshalb sie schließlich sterben.

Auch die Gestalt dieser seit vierzig Jahren offenen Auseinandersetzung lohnt einen Blick.

Die eine Seite fragt nach der Gesamtmenge, die andere nach der Verteilung. Was beide anerkennen, steht gerade nicht im Mittelpunkt des Streits. Kein Beteiligter hat behauptet, es könne unmöglich Menschen geben, die systematisch keinen Zugang zur Nahrung haben, solange irgendwo auf der Welt Nahrung vorhanden ist. Beide Seiten erkennen diese Möglichkeit an. Sie verfolgen von dort aus nur verschiedene Wege weiter.

Und genau auf der Ebene, die beide anerkennen, setzt dieser Essay an. Wissenschaftliche Debatten haben eine Eigenart: Sie bewegen sich immer dorthin, wo Meinungsverschiedenheiten liegen. Dort lassen sich Aufsätze schreiben. Nach langer Zeit spricht niemand mehr über die gemeinsame Grundlage, als müsste sie nicht mehr erwähnt werden. Für die Menschen, die außerhalb des Registers stehen, war aber stets gerade diese Ebene entscheidend.

6. Wo mehr erzeugt wurde, starben mehr Menschen

1958 begannen zugleich der Große Sprung nach vorn und die Bildung der Volkskommunen. Gemeinschaftskantinen, aufgeblähte Ertragszahlen, zentralisierte staatliche Aufkäufe und eine Verteilung, die Städte gegenüber dem Land bevorzugte, wurden gleichzeitig in Gang gesetzt.

Am schwersten einzuordnen ist an dieser Hungersnot, dass sie sich in einem System ereignete, das nach eigenem Anspruch den Markt bereits weitgehend überwunden hatte.

Preise und Berechnungen verschwanden dadurch jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie nahmen andere Formen an und verankerten sich noch tiefer in der Gesellschaft. Planvorgaben, Aufkaufquoten, städtische Nahrungsrationen, Exportauflagen, Verwaltungsziele.

Eine Forschergruppe berechnete Produktion, staatliche Aufkäufe und Bevölkerungszahlen neu. Sie kam zu zwei Ergebnissen.

Erstens lag die durchschnittlich verfügbare Nahrungsmenge auf dem Land 1959 noch immer bei nahezu dem Dreifachen der Mindestmenge, die nötig gewesen wäre, um eine hohe Sterblichkeit zu vermeiden.

Zweitens korrelierte die Sterblichkeit in den Hungerjahren ausgerechnet positiv mit der Getreideproduktion pro Kopf.

Den zweiten Befund muss man langsam lesen. Er bedeutet: Gebiete mit höherer Produktion waren keineswegs sicherer. Dort starben häufig sogar mehr Menschen.

Der Grund lag im Berechnungsverfahren für den staatlichen Aufkauf. Die Verpflichtungen wurden nach vorgegebenen Zielen und anhand früherer Produktionswerte zugeteilt. Wo mehr erzeugt worden war, lag der Bezugswert höher. Dort wurde auch ein höherer Anteil eingezogen. Auf dieser Grundlage schätzten die Forscher, dass dieser Aufkaufmechanismus zweiunddreißig bis dreiundvierzig Prozent aller Todesfälle der Hungersnot erklärte.

Hier zeigt sich ein verallgemeinerbarer Mechanismus des Aufbaus, dem wir auch andernorts begegnet sind: Jeder Aufbau, der Aufgaben nach vergangenen Leistungen zuteilt, bestraft die Seite, die gut gearbeitet hat. Gewöhnlich besteht die Strafe lediglich darin, mehr arbeiten, mehr bezahlen oder höhere Vorgaben erfüllen zu müssen. Hier bestand die Strafe im Tod.

Daraus folgt noch etwas, das schwerer zu ertragen ist. Beruht der Aufkauf auf den Produktionswerten früherer Jahre, erhalten Orte, die ihre Erträge zu hoch angegeben haben, einen höheren Bezugswert. Ihnen wird mehr abgenommen. Falsche Ertragsmeldungen waren damals jedoch weit verbreitet. Sie wurden gefördert, manchmal sogar verlangt. Die übertriebenen Zahlen gingen also zuerst in die Bücher ein. Aus den Büchern wurden sie anschließend zu wirklichem Getreide, das abtransportiert wurde. Die Zahl im Buch und das Getreide auf dem Feld waren ursprünglich zwei verschiedene Dinge. Der staatliche Aufkauf behandelte die erste als Beleg für das zweite.

Auch die Bindung von Ordnung und Status ist hier am unmittelbarsten.

Eine Untersuchung beschreibt die chinesische Hungersnot als Fall, in dem zwei Erklärungen zusammenkommen: Das städtische Rationierungssystem verlieh den Stadtbewohnern einen gesetzlichen Anspruch auf Nahrungsmittel. Die Landbevölkerung erhielt dagegen erst, was nach dem staatlichen Aufkauf übrig blieb. Spätere Arbeiten zur Trennung von Stadt und Land formulieren es noch deutlicher: Für Stadtbewohner war eine Mindestration gesichert. Landbewohner besaßen lediglich ein Anrecht auf den Rest nach dem Aufkauf.

In diesem Fall wurden Menschen also nicht durch den Preis ausgeschlossen, sondern durch ihren gesetzlichen Status und die amtlich festgelegte Reihenfolge bei der Zuteilung von Nahrung.

Die Ausfuhr bildet eine weitere Linie, an der kein Weg vorbeiführt. Ein Forscher schätzt anhand von Daten auf Kreisebene, dass Chinas Getreideexporte zwischen 1957 und 1959 von 1,9 Millionen auf 4,1 Millionen Tonnen stiegen. Während des gesamten Großen Sprungs nach vorn wurden ungefähr 9,6 Millionen Tonnen exportiert. Nach seiner Auffassung erklärt dieser Exportschock etwa fünfzehn Prozent der Übersterblichkeit. Er weist zudem darauf hin, dass für den Export aufgekauftes Getreide schwerer in die Notgebiete zurückgeleitet werden konnte als Getreide für den Verbrauch in den heimischen Städten. Es hatte das Land bereits verlassen.

Darin liegt ein frostiges Echo auf Irland. Ausfuhren während einer Hungersnot sind niemals bloß eine Frage des Transports. In ihnen wird eine Rangfolge der Prioritäten festgeschrieben.

Das bedeutet nicht, dass die Wissenschaft für diese Hungersnot nur noch eine einzige Erklärung kennt.

Eine andere bekannte Richtung sieht in den Gemeinschaftskantinen der Volkskommunen ein Problem der Verbrauchseffizienz. Abgegrenzte Eigentumsrechte waren aufgehoben, das Essen wurde kostenlos ausgegeben. Schon vor der schweren Knappheit kam es zu Verschwendung und übermäßigem Verbrauch. So sei eine Versorgung, die eben noch gereicht hätte, in die Katastrophe getrieben worden. Andere Forscher kritisieren es, die gesamte Verantwortung unmittelbar und auf nur einer Wirkungslinie der obersten Führung zuzuschreiben. Sie betonen, dass Unterschiede in der örtlichen Umsetzung, das Wetter und die enormen Unterschiede zwischen den Provinzen etwa in Sichuan weiterhin erhebliches Gewicht hatten.

Die Schätzungen der Todesopfer reichen unter den Forschern von 16,5 Millionen bis 45 Millionen. Diese Spannweite muss unverändert dastehen. Keine der Zahlen wird hier ausgewählt.

Die überlieferten Äußerungen zeigen jedoch, dass die oberste Führung keineswegs völlig unwissend darüber war, was sich an der Basis abspielte.

Archivstudien zufolge kritisierte Mao Zedong bereits im Spätherbst 1958 scharf jene extremen Praktiken des Großen Sprungs nach vorn, bei denen Bauern übermäßig arbeiten mussten, unzureichend verpflegt und untergebracht waren und in der Folge Epidemien ausbrachen und Menschen verhungerten. Auf der Lushan-Konferenz im Juli 1959 legte Peng Dehuai der Führung vertraulich einen Brief vor. Darin kritisierte er die Übertreibung der Erfolge und die extremen Praktiken. Nach der Konferenz verstärkte sich jedoch der Druck im Kampf gegen die Rechten. In einer Rede auf derselben Konferenz räumte Mao wiederum ein, einige Kader hätten zu Unrecht fette Schweine und Chinakohl von Produktionsteams genommen. Er beschrieb dieses Verhalten als Verletzung des Grundsatzes des gleichwertigen Tauschs.

Zusammen besagen diese Quellen etwas sehr Konkretes. Die Führung wusste, dass höhere Ebenen Nahrung abzogen, dass die örtlichen Kantinen die Menschen kaum ernähren konnten und dass Kader sich am Besitz der Produktionsteams vergriffen. Die erkannten Missstände führten nicht rechtzeitig zu institutionellen Maßnahmen, die den Schaden begrenzt hätten.

1961 wurde die Hungersnot mit sehr einfachen Mitteln beendet. Die Zentrale begann, in großem Umfang Getreide zurück aufs Land zu leiten. Sie griff dafür auf etwa dreißig Millionen Tonnen an Vorräten zurück und führte China vom Nettoexport von Getreide zum Nettoimport.

Die Maschine konnte angehalten werden. Sie konnte auch rückwärts laufen. Später lief sie tatsächlich rückwärts.

Das Problem war nur, dass die Umkehr zu spät kam. In den drei Jahren zuvor hatte die Maschine bereits viele Menschen von der Liste derer gestrichen, die zum Überleben berechtigt waren.

7. Beziehungen retten Menschen

Liest man die drei Fälle nebeneinander, zeigt sich eine zweite Gemeinsamkeit, von der noch seltener die Rede ist als von der ersten.

Jeder scheinbar rein anonyme Verteilungsmechanismus muss am Ende durch persönliche, auf Beziehungen beruhende Wege ausgebessert werden. Und diese Ausbesserung kommt den Menschen niemals gleichermaßen zugute.

In Irland retteten die Quäker, die British Relief Association, örtliche Komitees und Netze verlässlicher Augenzeugen viele Menschen, für die in der staatlichen Rangfolge kein Vorrang vorgesehen war. Ihr Verfahren war einfach: Nicht fragen, ob jemand Land besitzt. Nicht fragen, ob er bezahlen kann. Einen Kessel aufstellen, Suppe kochen und jedem geben, der kommt.

Gerade auf diese Fragen legte das amtliche Verfahren den größten Wert. Ob jemand Land besaß, entschied über seinen Zugang zur Unterstützung. Ob er bezahlen konnte, entschied über seinen Zugang zur Nahrung. Sobald beides beiseitegelegt wurde, ließen sich Menschen unmittelbar wirksamer retten. Das besagt nicht, dass Wohltätigkeit einer staatlichen Ordnung überlegen wäre. Ihre Reichweite ist viel kleiner, sie ist unbeständig, und wenn alles verteilt ist, ist nichts mehr da. Nur eines wird hier deutlich: Diese beiden Fragen wurden nicht gestellt, um Menschen zu retten. Sie dienten einem anderen Zweck.

In Bengalen bezeichnete der Status einer Vorranggruppe eine politisierte Beziehung, keine abstrakte Eigenschaft als Marktteilnehmer. Zuschüsse und bevorzugte Versorgung erhielten die Rüstungsindustrie, die Eisenbahn und die militärischen wie zivilen Behörden. Wer Vorrang hatte, entschieden Menschen, nicht Preise.

Selbst dort, wo scheinbar allein der Preis entscheidet, steht also hinter dem Preis weiterhin eine Liste. Der Markt verteilt nach Kaufkraft. Die Kaufkraft aber wird durch Zuschüsse und bevorzugte Versorgung verteilt. Geht man eine Ebene weiter zurück, liegt unter dem anonymen Mechanismus immer eine Entscheidung, die nicht anonym ist.

Am meisten zu denken gibt der chinesische Fall. Eine Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass örtliche Amtsträger, die selbst aus der Gegend stammten, beim staatlichen Aufkauf eher Spielraum ließen und mehr in Hilfsmaßnahmen investierten als auswärtige Amtsträger. Dadurch senkten sie die Sterblichkeit in ihrem Zuständigkeitsgebiet erheblich.

Die Formen sind an den drei Orten völlig verschieden. Doch sie weisen auf denselben Sachverhalt: Beziehungen wurden durch Geld, Preise, staatliche Aufkäufe oder Pläne nicht beseitigt. Gerade dann, wenn diese Systeme am kältesten wurden, kamen sie wieder zum Vorschein. Und unmittelbar hing an ihnen, wer lebte und wer starb.

Dieser Satz hat jedoch eine zweite Hälfte. Sie muss zugleich aufgeschrieben werden.

Durch Beziehungen zu überleben heißt, unter ungleichen Bedingungen zu überleben.

Du musst jemanden kennen. Oder zufällig an einem Ort wohnen, dessen Amtsträger selbst von dort stammt. Oder zufällig nah genug an einem Suppenkessel leben, um ihn zu Fuß erreichen zu können. All diese Bedingungen sind zufällig. Keine hat etwas damit zu tun, wie dringend du Hilfe brauchst.

Noch wichtiger ist etwas anderes. Kann ein Mensch nur auf diesen Wegen überleben, versagt bereits jene Ordnung, die behauptet, alle gleich zu behandeln. Wenn Beziehungen hervortreten, schließt nicht das System seine Lücken. Das System ist bereits verschwunden.

Hier schließt sich eine Linie aus den ersten fünfzehn Essays. Der anonyme Maßstab und das Vertrauen zwischen bestimmten Menschen haben einander nie abgelöst. Sie waren immer ineinander verschlungen. In den kältesten Jahren blieb jedoch nur das zweite wirksam. Und dessen Reichweite war klein. So klein, dass es nur diejenigen retten konnte, die es erreichte.

Das lässt sich noch genauer sagen. Die persönliche Seite ist kein Ersatzplan. Sie arbeitet die ganze Zeit. Im Alltag liegt lediglich die anonyme Seite darüber und macht sie unsichtbar. In den Hungerjahren wurde sie nicht erst in Gang gesetzt. Vielmehr brach die Schicht über ihr zusammen, und sie trat hervor. Als sie hervortrat, rettete sie Menschen. Sie wählte aber auch aus, denn sie kannte immer nur diejenigen, die sie kannte.

Die ältere Welt des ersten Essays sollte deshalb nicht als eine bessere Welt gelesen werden. Auch dort wurden Menschen ausgewählt, nur nach anderen Regeln. Hier geht es allein um Folgendes: In den kältesten Jahren zählten häufig nicht jene Maßstäbe die Menschen wieder mit, die für alle gleich zu sein behaupteten. Es waren einige bestimmte Menschen, die einige andere bestimmte Menschen kannten.

Noch etwas muss hier festgehalten werden. Es ist der härteste Befund im gesamten Material.

In allen drei Fällen lag ein anderer Weg vor Augen.

Das Netz der irischen Suppenküchen ernährte 1847 auf seinem Höhepunkt täglich drei Millionen Menschen. Die Untersuchungskommission für Bengalen schrieb nachträglich ausdrücklich, eine frühere Kontrolle der Versorgung Kalkuttas und die Einführung von Rationen hätten das Übergreifen der Preise auf die gesamte Provinz verhindern können. In China endete die Hungersnot 1961, sobald Vorräte zurückgeleitet wurden und das Land zu Importen überging.

Diese Alternativen an den drei Orten sind keine Erfindungen späterer Generationen. Sie bestanden damals bereits. Manche wurden sogar eine Zeit lang praktiziert und anschließend wieder zurückgenommen.

Am wenigsten darf hier deshalb der Satz stehen: Unter den damaligen Bedingungen gab es keine andere Wahl.

Dass die Maschine angehalten werden konnte, ist gerade die technische Voraussetzung dafür, das Geschehen moralisch benennen zu können. Wenn eine Maschine, die sich nicht anhalten lässt, über Menschen hinwegrollt, ist das eine Katastrophe. Wenn eine Maschine über sie hinwegrollt, die angehalten werden kann und nicht angehalten wird, ist es etwas anderes.

8. Außerhalb des Registers

Nun lässt sich der ganze Satz aussprechen.

In allen drei Hungersnöten gab es Nahrung. Es gab andere Wege. Menschen verhungerten bereits, und jemand hatte es gesehen. Die Maschine aber lief weiter.

Diese drei Punkte sind keine Schlussfolgerungen. Sie sind Aufzeichnungen.

Der irische Beamte schrieb selbst, dass sich mit jenem Lohn bei den damaligen Lebensmittelpreisen keine Familie ernähren ließ. Er schrieb auch, dass um die Baustellen herum täglich Menschen verhungerten. Die amtliche Kommission für Bengalen schrieb selbst, im Großraum Kalkutta sei kein einziger Mensch verhungert, während auf dem Land Millionen unter Hunger litten. Sie schrieb zudem, eine frühere Rationierung hätte verhindern können, dass die Preise die gesamte Provinz erfassten. Chinas oberste Führung sagte selbst auf einer Konferenz, was an der Basis geschah und was Kader den Produktionsteams weggenommen hatten.

An allen drei Orten hatte es jemand gesehen. An allen drei Orten hatte es jemand aufgeschrieben. An allen drei Orten lief die Maschine weiter.

Was weiterlaufen bedeutet, muss genau gesagt werden. Es bedeutet nicht, dass niemand etwas tat. In Irland gab es öffentliche Bauprogramme und später Suppenküchen. Bengalen führte schließlich Rationen ein. China leitete schließlich Vorräte zurück. Es wurde ständig gehandelt. Weiterlaufen meint etwas anderes: Während all dies geschah, wurde weiterhin Getreide eingezogen, weiterhin exportiert und weiterhin nach den geltenden Prioritäten versorgt. Genau diese drei Vorgänge aber hielten Menschen draußen. Vieles wurde getan. Der Vorgang, der Menschen ausschloss, wurde dabei nie angehalten.

Menschen als Einheiten zu behandeln, die man mitrechnen oder herausrechnen kann, und nach dem Herausrechnen weiter Getreide einzuziehen, weiter zu exportieren und weiter nach derselben Rangfolge zu versorgen: Das muss unmittelbar ausgesprochen werden. Ohne abschwächende Wörter. Ohne abzuwarten, bis irgendeine Auseinandersetzung beendet ist.

Und diese Auseinandersetzungen bleiben weiterhin offen. Auch hier werden sie nicht beendet. In keiner der in den vorigen Abschnitten vorgelegten Auseinandersetzungen ist bis heute Einigkeit erreicht worden. Sie neben den vorstehenden Absatz zu stellen, ohne zwischen ihnen zu entscheiden, schwächt die Benennung nicht ab. Im Gegenteil: Ein Urteil, das erst gilt, nachdem eine bestimmte Schule gewonnen hat, ist kein tragfähiges Urteil. Soll die Benennung Bestand haben, muss sie auf der Ebene stehen, die keine der beiden Seiten bestreitet.

Für den gedanklichen Rahmen bleibt noch ein letzter Punkt.

Die technische Form des Ausschlusses war in den drei Hungersnöten völlig verschieden. Einmal geschah er durch die Kaufkraft am Markt, einmal durch politischen Vorrang, einmal durch gesetzlichen Status und eine amtliche Reihenfolge bei den Nahrungsrationen. Einmal im Freihandelsempire, einmal in einer kolonialen Kriegswirtschaft, einmal in einer Planwirtschaft.

Die Wirkung war dieselbe.

Daran zeigt sich, dass Ausschluss kein Gebrechen ist, das nur einer bestimmten Ordnung eigen wäre. Er entsteht als Begleiterscheinung jenes Vorgangs, der Menschen zu verrechenbaren Einheiten macht. Jeder aufgestellte Maßstab enthält eine Stelle für die Null. Und auf dieser Nullstelle stehen lebende Menschen.

Dieser Satz wendet sich nicht dagegen, Maßstäbe aufzustellen. In den ersten fünfzehn Essays wurde oft genug gesagt, dass solche Maßstäbe vieles geleistet haben und sich diese Leistungen durch nichts anderes ersetzen lassen. Hier ist nur eines zu sagen: Wer einen Maßstab aufstellt, ist verpflichtet, die Nullstelle ständig im Auge zu behalten. Denn diese Stelle meldet sich nicht von selbst. In den Büchern erscheint sie als Leere, und nichts fällt in einem Rechnungsbuch weniger auf als eine leere Stelle. In anderen Essays hat der Rest wenigstens Spuren hinterlassen: eine alte Rechnung, die nicht aufgeht, einen Maßstab im Dunkeln, einen Beleg, der sich nicht vorlegen lässt. Hier hinterlässt der Rest nicht einmal eine Spur. Er hinterlässt Leere.

Das neunte Verfahren ist von allen neun das müheloseste. Die ersten acht verlangen einen Handgriff: lockern, umbenennen, nicht nachfragen, umrechnen, Grenzen enger ziehen, eine Umlaufbahn zuweisen, Belege fordern, neu einordnen. Das neunte verlangt gar nichts. Es genügt, einen Menschen beim Anlegen des Registers nicht einzutragen. Alles Weitere geschieht dann von selbst.

Soll ein Rechnungsbuch aufgehen, führt der schnellste Weg nicht über die genaue Berechnung jedes Postens. Er führt über die vorherige Entscheidung, welche Posten überhaupt zählen sollen.

Das gilt für jedes Rechnungsbuch, besonders aber für die Bücher der Katastrophenhilfe. Sie werden für einen einmaligen Einsatz angelegt und müssen innerhalb weniger Monate feststehen. Es bleibt keine Zeit, sie allmählich zu ergänzen. Sobald sie eine bestimmte Gestalt erhalten haben, wird nach dieser Gestalt verfahren. Die Folgen sind unumkehrbar.

In Irlands Unterstützungsregister fanden Menschen mit einem Viertel Acre Land keinen Eingang. Auf Bengalens Vorranglisten standen die Landarbeiter nicht. In Chinas Rationstabellen war der Landbevölkerung nur zugedacht, was nach dem staatlichen Aufkauf übrig blieb. Die drei Register waren auf völlig verschiedene Weise angelegt. Außerhalb aller drei standen Menschen.

Auch wer nicht im Register verzeichnet ist, braucht weiterhin Nahrung. Er stirbt lediglich außerhalb des Registers.

Und nach jeder Hungersnot werden die Register neu angelegt und um einige Spalten ergänzt. Danach sind sie vollständiger. Sie erfassen mehr. Ihre Statistiken sind feiner aufgeschlüsselt.

Außerhalb des Registers stehen noch immer Menschen.

Die Rechnung geht noch immer nicht auf. Und das Buch wird weitergeführt.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English