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Essay 12 von 23

Unbezahlte Arbeit: Nie in den Büchern zu stehen ist ihr Funktionsprinzip

Kochen, Pflegen und Erziehen tragen Markt und Staat, bleiben aber außerhalb des BIP, solange sie im eigenen Haushalt geschehen. Die Grenze ist methodisch begründbar und gerade deshalb politisch folgenreich.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

1. Zweifellos von gewaltigem Umfang

1907 sollte ein australisches Gericht eine Untergrenze für den Lohn festlegen. Im Urteil hieß es, der Lohn eines ungelernten Arbeiters müsse ausreichen, um seine Frau und drei Kinder zu ernähren.

Diese Untergrenze wurde später als Familienlohn bekannt. Sie erkannte etwas an: Von einem Lohn musste mehr als ein Mensch leben. Zugleich setzte sie etwas anderes stillschweigend voraus: Die Arbeit, die auf der Seite der Frau und der drei Kinder anfiel, würde die Familie schon selbst bewältigen. Das Urteil versah diese Arbeit mit keinem Preis. Aus seiner Sicht brauchte sie keinen. Sie würde von allein geschehen.

Diese Voraussetzung war damals keineswegs ungewöhnlich. Vom neunzehnten Jahrhundert bis in die erste Hälfte des zwanzigsten bewegten sich viele Industriegesellschaften in dieselbe Richtung: Männer gingen in die Fabrik und bezogen Lohn, Frauen wurden auf Hausarbeit und Fürsorge festgelegt. Entscheidend ist, dass diese Ordnung nicht von selbst gewachsen war. Gesetze, Gewerkschaftssatzungen, Betriebsvorschriften und Sozialpolitik hatten sie Schicht um Schicht befestigt. Jenes Urteil war einer der Steine darin. Was Institutionen immer wieder aufmauern, wird zwei Generationen später als Natur erzählt.

Eine Zahl wurde aufgeschrieben. Gelten konnte sie nur, weil gleichzeitig eine Reihe anderer Dinge geschah, die niemand aufschrieb.

Dieser Satz kann als Ausgangspunkt für alles Folgende dienen. Ein Lohn, eine Armutsgrenze, eine Wachstumsrate, die Summe des Nationaleinkommens: Jede solche Zahl wird innerhalb eines bestimmten Bereichs berechnet. Außerhalb dieses Bereichs herrscht aber niemals Leere. Dort geschieht etwas. Und gerade weil es geschieht, gehen die Zahlen innerhalb der Grenze auf.

Siebenundzwanzig Jahre später, 1934, verlangte der amerikanische Senat eine Schätzung des Nationaleinkommens. Simon Kuznets übernahm die Aufgabe; später sollte er als einer der Begründer der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gelten. Die Frage, die er beantworten sollte, war sehr handfest: Wie viel produziert dieses Land eigentlich in einem Jahr?

In seinem Bericht stieß er auf dasselbe Problem. Er wich ihm nicht aus. Die Dienstleistungen von Hausfrauen und anderen Haushaltsmitgliedern, schrieb er, seien zweifellos von gewaltigem Umfang. Er wusste, wie groß dieser Teil war. Selbst seine Wortwahl ließ etwas von einem Ausruf hören.

Dann schrieb er, man solle ihn besser auslassen.

Auch die Begründung hielt er fest: Solche Dienstleistungen gehörten eher zum häuslichen Leben als zum eigentlichen Geschäftsleben einer Nation. Seine Schätzung, so bestimmte er ihren Gegenstand, erfasse vor allem Anstrengungen, deren Ergebnisse auf dem Markt erschienen.

Bis hierher war das noch eine gewöhnliche Entscheidung darüber, was zu berücksichtigen sei. Außergewöhnlich wurde die Seite erst durch den dritten Satz, den er anschloss. Kuznets räumte ein, die Auslassung mindere den Wert des Nationaleinkommens als Maß der produktiven Leistungsfähigkeit, besonders dann, wenn die Marktwirtschaft schrumpfe und die Tätigkeiten innerhalb der Haushalte zunähmen.

Er wusste also nicht bloß, was er wegließ. Er schrieb gleich dazu, unter welchen Bedingungen dieses Weglassen zum Problem werden würde. Auf derselben Seite verzeichnete er die Bedingungen, unter denen sein Maß versagte.

Die Form dieses Satzes sollten wir uns merken; wir werden sie noch brauchen. Er behauptete nicht, diese Tätigkeiten seien keine Produktion. Er sagte, sie kämen nicht in dieses Buch. Ebenso wenig behauptete er, die Entscheidung koste nichts. Er benannte ihren Preis und die Umstände, unter denen er steigen würde. Hat jemand sich so deutlich erklärt, lässt sich später nicht mehr darüber streiten, ob er etwas übersehen hat. Streiten lässt sich nur noch darüber, ob das Buch geändert werden muss.

Im selben Jahr erschien ein weiteres Buch. Margaret Reid schrieb eine ökonomische Untersuchung der Haushaltsproduktion, in der sie den Haushalt als Produktionsort behandelte. Ihr Kriterium wurde später als Drittpersonenkriterium bekannt: Lässt sich eine Tätigkeit grundsätzlich gegen Bezahlung einem anderen übertragen oder durch marktgängige Waren und bezahlte Dienstleistungen ersetzen, dann handelt es sich um Produktion. Sie ist mehr als eine häusliche Pflicht, die sich von selbst versteht.

1934 ist deshalb ein aufschlussreiches Jahr. Einer schrieb, man solle diesen Teil besser auslassen. Eine andere entwickelte im selben Jahr den Maßstab, mit dem er sich einbeziehen ließ. Das Erste gelangte in die Bücher des Staates. Das Zweite in die Bibliothek.

Die beiden Wege blieben getrennt. Auf dem einen lagen die Zahlen, die ein Staat Jahr für Jahr veröffentlichte, versehen mit Haushaltsmitteln, Behörden und gesetzlich festgelegten Veröffentlichungsterminen. Sie gingen in Regierungsdokumente ein, in Nachrichten und Wahlkampfdebatten. Auf dem anderen lagen wissenschaftliche Bücher, Kriterien und methodische Erörterungen. Wenige lasen sie, noch weniger zitierten sie. Neunzig Jahre später befindet sich das meiste davon noch immer auf diesem zweiten Weg.

Am Ende des elften Essays blieb unter der Rechnung eine Spalte leer. Nun geht es darum, weshalb sie leer ist, wer in welchem Jahr darüber entschieden hat und was Menschen in neunzig Jahren für diese Spalte unternommen haben.

2. Wo die Grenze verläuft

Das nach dem Krieg entstandene System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen machte aus dieser Entscheidung eine feste Regel. Es schrieb sie deutlich auf.

In den Fassungen von 1993 und 2008 wiederholt sich ein Satz beinahe wortgleich: Häusliche und persönliche Dienstleistungen, die Mitglieder eines Haushalts für dessen eigenen Endverbrauch erbringen, bleiben traditionell außerhalb der gemessenen Produktion. Es folgt eine Liste: Reinigung und Instandhaltung der Wohnung; Reinigung und Reparatur langlebiger Haushaltsgüter; Zubereitung und Servieren von Mahlzeiten; Betreuung und Erziehung von Kindern; Versorgung kranker, alter und gebrechlicher Menschen; Beförderung von Haushaltsmitgliedern und Dingen, die zum Haushalt gehören.

Diese Liste lohnt eine langsame Lektüre. Sie enthält genau jene Dinge, die in einem Tag die meiste Zeit beanspruchen.

Vom morgendlichen Aufwachen bis zum Schließen der Augen am Abend tut ein Mensch zum großen Teil eben dies. Lebensmittel einkaufen, kochen, Geschirr spülen, den Boden wischen, einen wackligen Stuhl reparieren, dem Kind noch einmal die Hausaufgaben erklären, einen alten Menschen zum Arzt bringen und wieder abholen. Damit füllen sich Tage und Jahre, bei vielen Menschen ganze Leben. Nach jenem Satz befinden sich diese Tätigkeiten von Anfang an auf der Seite, die nicht gemessen wird.

Der Ausschluss galt allerdings nie unterschiedslos. Dieselben Texte nehmen drei Arten von Haushaltstätigkeiten ausdrücklich in die Produktionsgrenze auf. Erstens die Herstellung von Gütern für den Eigenbedarf, etwa Getreide, das man selbst anbaut und isst. Zweitens die Wohnungsdienstleistungen selbst genutzten Wohneigentums. Drittens häusliche Dienstleistungen, die bezahlte Hausangestellte erbringen.

Legt man beide Listen nebeneinander, ist der Verlauf der Grenze sofort zu erkennen.

Selbst zu kochen zählt nicht. Einen Koch anzustellen zählt. Das eigene Kind zu betreuen zählt nicht. Eine Kinderfrau dafür zu bezahlen zählt. Dieselbe Küche, derselbe Herd, dasselbe Essen. Wechselt der Status der Person, die es zubereitet, wechselt auch der statistische Status dessen, was sie tut.

Die Grenze verläuft nicht zwischen Tätigkeiten. Sie verläuft zwischen Formen ihrer Organisation.

Hier müssen wir einen Augenblick verweilen. Der Rest hatte in den bisherigen Essays verschiedene Gestalten. Manches wurde gar nicht gemessen, anderes genau gemessen, aber nicht genauer angesehen; für wieder anderes erklärte sich das jeweilige Fach nicht zuständig. Hier besteht der Rest nicht aus einer Art von Tätigkeiten, sondern aus einer Art von Beziehungen. Dieselbe Arbeit, vom selben Menschen ausgeführt, steht im Buch, sobald sie auf der entlohnten Seite geschieht. Auf der nicht entlohnten Seite bleibt sie draußen. Was der Aufbau misst, ist nicht die Sache selbst, sondern die Art, wie sie organisiert ist.

Die zweite Ausnahme verdient einen weiteren Blick. Wohnungsdienstleistungen selbst genutzten Wohneigentums bedeuten: Wer im eigenen Haus wohnt, bekommt von der Statistik eine Miete zugerechnet, die er niemandem gezahlt hat. Dieser Betrag geht in die Gesamtrechnung ein. Es gibt weder eine Transaktion noch einen Preis. Dennoch berechnet die Behörde ihn. Sie sucht eine vergleichbare Mietwohnung und sieht nach, wie hoch deren Miete ist.

Das ist wichtig. Denn der fehlende Marktpreis wird offenbar nicht durchgängig als Ausschlussgrund behandelt. Soll etwas mitgezählt werden, lässt sich auch dort ein Preis bilden, wo keiner vorliegt. Soll es nicht mitgezählt werden, unterbleibt die Preisbildung, obwohl sie möglich wäre.

Das Verfahren liegt längst bereit. Die statistischen Ämter wenden es täglich an. Man nimmt eine vergleichbare Mietwohnung und setzt deren Miete an: ein Ersatzwert. Auf Hausarbeit übertragen hieße das, jemanden zu suchen, der dieselbe Arbeit auf dem Markt erledigt, und dessen Lohn anzusetzen. Technisch steht dem nichts im Weg. Das Hindernis liegt anderswo.

Welche Gründe werden also genannt? Im Wesentlichen stehen drei in den Texten. Keiner davon ist abwegig.

Erstens gelten Dienstleistungen, die ein Haushalt für sich selbst erbringt, als weitgehend in sich geschlossene Tätigkeit mit begrenzten Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft. Güter liegen anders: Man kann sie zuerst herstellen und anschließend entscheiden, ob man sie selbst verbraucht, lagert oder verkauft. Zweitens entstehen häusliche Dienstleistungen überwiegend nicht für den Markt. Geeignete Marktpreise fehlen deshalb meist. Presst man sie dennoch in eine auf Geldtransaktionen beruhende Rechnung, wird deren Aussage unscharf. Drittens war die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nie als Wohlfahrtsmaß gedacht. Sie soll vielen analytischen und politischen Zwecken dienen. Man kann nicht alles in sie hineinpacken, was dem Leben zugutekommt.

Jeder dieser Gründe hat etwas für sich. Sie einfach als Vorurteile abzutun wäre unredlich.

Die Schwierigkeit liegt nicht in den Gründen selbst. Sie liegt in einem Nebenprodukt, das entsteht, sobald diese Gründe zu Institutionen geworden sind. Eine Rechnung wird Tag für Tag veröffentlicht, zitiert und Entscheidungen zugrunde gelegt. Geschieht das lange genug, erzeugt sie einen mächtigen Anschein: Nur die auf dem Markt sichtbar werdende Arbeit sei wirkliche Produktion. Jenseits der Grenze sei nichts.

Noch heute erklärt die amerikanische Statistikbehörde auf ihrer Website, unbezahlte Hausarbeit wie Kochen, Putzen und Kinderbetreuung sei im Bruttoinlandsprodukt nicht enthalten; eine ergänzende Rechnung könne jedoch wichtige zusätzliche Einsichten liefern. Selbst die Menschen, die das Buch führen, räumen damit ein, dass die Karte absichtlich beschnitten wurde.

3. Die Milch der Kuh und die Milch der Frau

Ein Beispiel leuchtet den Verlauf dieser Grenze besonders klar aus. Es handelt nicht von einer abstrakten Buchungsregel, sondern von einer ganz konkreten Sache.

Die Ökonomin Nancy Folbre weist darauf hin, dass die geltende Gesamtrechnung selbst erzeugtes Getreide und Gemüse ebenso innerhalb der Produktionsgrenze verbucht wie Kuhmilch und Brennholz. Wer die eigene Kuh melkt, findet ihre Milch in der Rechnung wieder.

Muttermilch wird dagegen fast überall übergangen.

Übergangen ist noch freundlich ausgedrückt. Tatsächlich kam sie gar nicht erst auf die Liste der möglichen Posten. Getreide, Gemüse, Kuhmilch und Brennholz gelangen über die Grenze, weil sie bereits Entsprechungen auf dem Markt haben. Was ein Scheffel Getreide oder ein Bündel Holz kostet, lässt sich nachsehen. Für Muttermilch gibt es keine solche Preisliste. Ihr Wert wurde also nicht auf null gesetzt. Sie gelangte gar nicht bis zu dem Schritt, an dem man überhaupt hätte rechnen müssen.

Kauft ein Haushalt dagegen Säuglingsmilchpulver, lässt diese Ausgabe das Bruttoinlandsprodukt steigen. Selbst dann, wenn sie etwas ersetzt, das ernährungsphysiologisch besser war.

Milch hier wie dort, derselbe Verwendungszweck: Die Milch der Kuh wird verbucht, die Milch der Frau nicht. Ersetzt man die zweite durch ein Produkt fürs Fläschchen, zeigt das Buch obendrein Wirtschaftswachstum an.

Ein weiterer Schritt macht die Logik noch deutlicher. Würden sämtliche Mütter eines Landes auf Säuglingsmilch umstellen, stiege die ausgewiesene Wirtschaftsleistung um den Umsatz mit dem Milchpulver zuzüglich der Aufschläge für Transport und Einzelhandel. Würden alle wieder stillen, sänke sie. In beiden Fällen würden genau gleich viele Säuglinge ernährt. Das Plus und Minus im Buch hat mit dem, was hier eigentlich erreicht werden soll, nichts zu tun.

Niemand hat sich verrechnet. Das Beispiel zeigt vielmehr genau, wie die Produktionsgrenze arbeitet: Nützlich zu sein genügt nicht. Entscheidend ist, auf welchem Weg eine Tätigkeit in Preise und Transaktionen überführt wird.

Daneben lässt sich eine ältere Begebenheit legen. Als die Lyder den Maßstab zur Münze machten, wurden an Dingen, deren Wertunterschiede zuvor nicht sichtbar gewesen waren, solche Unterschiede erkennbar. Damals bestand das Problem darin, dass der Maßstab zu vieles beleuchtete. Hier ist es umgekehrt. Was er beleuchtet, erscheint allzu lückenlos geordnet. Innerhalb seines Lichtkegels ist alles deutlich: mit Einheiten, Zahlen und Werten, die sich von Jahr zu Jahr vergleichen lassen. Außerhalb zeigt sich nicht der geringste Schatten. Nicht einmal ein unscharfer Umriss bleibt.

1988 veröffentlichte Marilyn Waring ein Buch, das diesem Problem nachging. Sie begnügte sich nicht mit dem allgemeinen Einwand, mit der gemessenen Wirtschaftsleistung stimme etwas nicht. Sie fragte Posten für Posten: Weshalb zählen Mutterschaft, Hausarbeit, Fürsorge, natürliche Umwelt und Muttermilch nicht, während Rüstung, die Beseitigung von Umweltverschmutzung und der Verkauf von Säuglingsmilch zählen?

Spätere Würdigungen beschreiben ihre Leistung oft als Entmystifizierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sie zerlegte die scheinbar technisch neutralen Annahmen, legte sie einzeln auf den Tisch und machte sichtbar, dass hinter jeder in einem bestimmten Jahr jemand eine Entscheidung getroffen hatte.

Liest man ihre Listen nebeneinander, entsteht eine eigentümliche Wirkung. Ein Kind zur Welt bringen, ein Kind großziehen, einen alten Menschen versorgen, der nicht mehr gehen kann: Das zählt nicht. Ein Wald, der einfach dasteht, zählt nicht. Erst wenn man ihn fällt und das Holz verkauft, zählt er. Ein Schadstoffaustritt zählt in dem Augenblick, in dem er geschieht, nicht. Geld für seine Beseitigung auszugeben zählt sehr wohl. Je teurer die Reinigung, desto besser sehen die Zahlen aus. Auf den beiden Seiten stehen nicht Wichtiges und Unwichtiges. Dort steht, was verbucht wird und was nicht. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird beides jedoch seit Langem miteinander verwechselt.

Manche Forschende fassen Warings Leistung noch unmittelbarer: Sie habe gezeigt, wie tief die nach dem Krieg entstandenen Rechnungen von den damals herrschenden Wertvorstellungen durchdrungen seien.

Im dritten Essay hieß es, der Maßstab bringe den Rest nicht hervor, er beleuchte ihn. Nun müssen wir die andere Hälfte hinzufügen.

Wohin der Maßstab nicht leuchtet, dort vermuten die Menschen nichts.

Das ist der tiefste Erfolg des Aufbaus. Er muss den Rest weder flachpressen noch beweisen, dass dieser unwichtig sei. Es genügt eine Rechnung, die vollständig genug ist, genügend Autorität besitzt und oft genug veröffentlicht wird. Schon wirkt das Land jenseits der Grenze wie unbebautes Gelände. In Wahrheit steht dieses Gelände voller Menschen. Nur gibt es im Buch keine Zeile für sie.

Noch weiter reicht der Erfolg, wenn selbst die Menschen dort dieses Bild übernehmen. Eine Frau arbeitet Tag für Tag weit über zehn Stunden. Hat sie aber keine Lohnabrechnung, keine Berufsbezeichnung und keine Zahlenspalte, antwortet sie auf die Frage, was sie mache, womöglich: Eigentlich nichts. Die stärkste Überzeugungskraft des Aufbaus liegt nicht darin, Außenstehende zu überzeugen, sondern darin, den Rest selbst zu überzeugen.

4. Sie nennen es Liebe

Im März 1972 forderte Selma James auf einer Frauenbefreiungskonferenz in Manchester erstmals ausdrücklich Lohn für Hausarbeit.

Im selben Jahr erschien ein kleines Buch, das sie zusammen mit Mariarosa Dalla Costa verfasst hatte. Es rückte die Hausfrau ins Zentrum der Untersuchung. Darin stand der provozierende Satz, alle Frauen seien Hausfrauen. Gemeint war nicht, dass keine Frau außer Haus arbeite. Gemeint war, dass auch eine erwerbstätige Frau nach ihrer Rückkehr zu Hause mit dieser Arbeit weitermachen musste. Die Autorinnen sprachen zudem von der gesellschaftlichen Fabrik. Die Organisation und Reproduktion der Arbeitskraft vollziehe sich nicht nur in Fabrikgebäuden, sondern ebenso in Nachbarschaften und Wohnungen, im Verkehr, in der Gesundheitsversorgung, in Schulen und Familien.

Im Grunde taten sie etwas Einfaches. Sie beschrieben die Stellung der Frau im Haus neu: als Position innerhalb der Produktion statt als moralische Rolle.

Die Richtung dieser Umschreibung ist dieselbe wie im elften Essay. Dort wurde aus Arbeit Arbeitskraft, damit die Struktur einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit sichtbar werden konnte. Hier wird aus Hausarbeit Reproduktionsarbeit, mit demselben Ziel. Beide Male erhält etwas zunächst einen anderen Namen. Danach lassen sich Fragen stellen, die zuvor kaum ausgesprochen werden konnten: Wer tut diese Arbeit? Wie lange? Weshalb muss gerade dieser Mensch sie tun? Was geschieht, wenn er sie nicht tut?

Im April 1975 ließ Silvia Federici in Bristol eine Broschüre drucken. In Großbritannien kostete sie zwanzig Pence, beim Versand in die Vereinigten Staaten siebzig Cent. Solche Preisangaben verdienen es, erhalten zu bleiben. Sie erinnern daran, dass dies keine akademische Erörterung war. Es war etwas, das Menschen in die Hand bekommen sollten.

Der bekannteste Satz der Broschüre lautet: Sie nennen es Liebe. Wir nennen es unbezahlte Arbeit.

Die Logik der Bewegung wird jedoch durch einen anderen Satz noch deutlicher. Zu sagen, wir wollten für Hausarbeit bezahlt werden, sei der erste Schritt dahin, diese Hausarbeit zu verweigern, schrieb Federici.

Damit trat sie einem häufigen Missverständnis entgegen. Lohn zu fordern bedeutete nicht, Frauen für immer an diesen Platz zu binden. Zuerst musste vielmehr als Arbeit kenntlich werden, was als Natur und Liebe ausgegeben wurde. Erst dann konnte man darüber sprechen, es abzulehnen, anders zu verteilen oder anderen Menschen und Einrichtungen zu übertragen. An anderer Stelle formulierte sie es noch unverblümter: Hausarbeit sei längst Geld für das Kapital.

Die Bewegung tat somit zwei Dinge zugleich, die einander widersprachen und aufeinander angewiesen waren. Sie machte Hausarbeit zu etwas, das einen Preis erhalten konnte, damit es in der Sprache von Löhnen, Sozialleistungen und Einkommensverteilung sichtbar wurde. Zugleich beharrte sie darauf, dass es dabei nicht um die vollständige Verwandlung von Hausarbeit in eine Ware ging. Es ging darum, jenen Schein zu zerbrechen.

Vor dem Verhandeln kommt das Benennen. Wer darüber sprechen will, wie viel etwas wert ist, muss zunächst anerkennen, dass es überhaupt etwas ist.

Umgekehrt gilt der Satz ebenfalls, und dann klingt er kälter. Solange etwas nicht als etwas Eigenes anerkannt wird, kommt es nie auf den Verhandlungstisch. Ohne Verhandlung kein Preis. Ohne Preis steht im Buch null. Null ist die bequemste aller Zahlen. Sie verlangt kein Budget, keine Verhandlung und niemanden, der Verantwortung übernimmt.

Kritik kam rasch und aus mehreren Richtungen.

Die einen warfen der Bewegung vor, sie wolle bloß Geld und schrumpfe eine vielschichtige Lage auf einen Scheck zusammen. Andere hielten sie für einseitig, weil sie nur am Hebel des Lohns ansetze. Wieder andere nannten sie reformistisch oder gar reaktionär: Würde man tatsächlich für Hausarbeit zahlen, könnte dies die bestehende Arbeitsteilung gerade befestigen. 1979 wurde ein nüchternerer theoretischer Einwand vorgebracht. Hausarbeit ohne Weiteres als kostenlose Subvention zu behandeln, die den Wert der Arbeitskraft senke, löse die Reihe theoretischer Schwierigkeiten nicht, die diese Behauptung nach sich ziehe. Anfang der 1980er Jahre hatten etliche frühere Beteiligte beschlossen, die Hausarbeitsdebatte hinter sich zu lassen. Sie sahen zu viele unklare Begriffe und Argumente, die sich im Kreis drehten.

Das waren gewichtige Einwände. Sie kamen zudem von Menschen, die grundsätzlich auf derselben Seite standen wie die Bewegung.

Man muss sie in ihrer ganzen Schärfe stehen lassen. Hier stritt nicht eine Seite, die recht hatte, mit einer, die unrecht hatte. Menschen desselben Lagers gingen bei derselben Frage auseinander. Soll Anerkennung zur Bepreisung führen? Woher kommt nach der Bepreisung das Geld? Und wird dieses Geld die Menschen womöglich erst recht an ihrem bisherigen Platz festhalten? Jede Frage ist schwerer zu beantworten als die vorige. Eine gemeinsame Antwort gibt es bis heute nicht.

Dennoch hinterließ die Bewegung etwas Dauerhaftes, das an den elften Essay anschließt. Sie veränderte den Blick auf den Lohn. Er erschien nicht länger wie eine Quittung über eine beglichene Rechnung. Er wurde als eine Anordnung sichtbar, die einen Teil der zum Leben nötigen Kosten ins Innere der Familie drängt. Dort müssen Menschen ohne Lohn sie auffangen.

Damit änderte sich auch die Frage. Es ging nicht mehr allein darum, ob Hausfrauen Geld erhalten sollten. Es ging darum, ob das gesamte Gefüge der Versorgung, das Leben erhält, unbezahlt in den Familien getragen werden muss oder durch gesellschaftlich organisierte Einrichtungen, öffentliche Dienste und gemeinsam verfügbare Ressourcen mitgetragen werden soll.

5. Satelliten

Von der politischen Parole zurück ins Rechnungsbuch führt ein weiter Weg. Dieser Weg dauerte dreißig Jahre.

1995 verlangte die Aktionsplattform von Peking erstmals auf der Ebene eines zwischenstaatlichen Dokuments, die Arbeit von Frauen und Männern vollständig zu messen, bezahlte ebenso wie unbezahlte. Wo es angemessen sei, sollten Satellitenkonten oder andere amtliche Rechnungen die unbezahlte Arbeit erfassen.

Satellitenkonto ist ein treffender Name. Es umkreist die Hauptrechnung, auf einer stabilen Bahn, mit sauber geordneten Daten. Immer in ihrer Nähe. Niemals am Boden.

Man muss genau hinsehen, wie behutsam diese Anordnung verfährt. Sie weist nichts zurück; Zurückweisung würde Streit hervorrufen. Sie erkennt etwas an, und zwar mit erheblichem Ernst: Es gibt methodische Erläuterungen, Leitfäden, internationale Konferenzen und versuchsweise Berechnungen einzelner Länder. Nur bekommt diese Anerkennung ihren Platz auf einer Umlaufbahn außerhalb der Hauptrechnung. Das Anerkannte erhält dadurch vieles. Nur jene Spalte erhält es nicht.

Das technisch ausgereifteste Instrument ist heute die Zeitverwendungserhebung. Sie hält fest, wie sich die vierundzwanzig Stunden eines Tages in verschiedenen Bevölkerungsgruppen verteilen: Wer tut was, und wie lange? Der Vorzug einer Zeitrechnung liegt in ihrer Vollständigkeit. Außerdem macht sie sichtbar, wer die größte Last trägt. Ihre Grenze: Sie liefert Stunden, kein Geld.

Für Geldbeträge braucht es eine Bewertung. Und schon mit dem ersten Wort verzweigen sich die Wege.

Der eine heißt Inputmethode. Er setzt bei der eingesetzten Arbeit, dem Kapitalverbrauch und den Vorleistungen an und braucht dafür gute Zeitverwendungsdaten. Sein Vorzug liegt darin, die verschiedenen unbezahlten häuslichen Dienstleistungen recht vollständig zu erfassen und zugleich sichtbar zu halten, wer im Haushalt mehr und wer weniger übernimmt. Der andere Weg, die Outputmethode, geht von den Einheiten der erbrachten und verbrauchten Dienstleistungen aus und multipliziert sie mit dem Marktpreis eines entsprechenden Angebots. Ihre Ergebnisse lassen sich besser mit der Kernrechnung vergleichen. Dafür geht ein großer Teil der Informationen über die alltägliche Verteilung verloren. Die methodischen Erläuterungen der Vereinten Nationen empfehlen, beide Ansätze nach Möglichkeit gegeneinander zu prüfen.

Eine Ebene darunter liegt die Frage, mit welchem Lohn gerechnet wird. Gewöhnlich unterscheidet man hier drei Varianten.

Die erste ist die Opportunitätskostenmethode. Sie setzt den Lohn an, den die betreffende Person mit einer Erwerbsarbeit hätte verdienen können. Die zweite ist die Ersatzkostenmethode. Sie fragt, was es kosten würde, jemanden für dieselben Tätigkeiten anzustellen. Die dritte Unterscheidung liegt innerhalb dieser Ersatzkosten: Man kann einen allgemeinen Lohn, etwa den einer im Haushalt lebenden Hausangestellten, für das ganze Bündel an Tätigkeiten ansetzen. Oder man verwendet berufsspezifische Löhne: den eines Kochs fürs Kochen, einer Reinigungskraft fürs Putzen, eines Fahrers für die Wege, einer Betreuungskraft für die Kinder. Manche Leitfäden empfehlen die berufsspezifische Berechnung, warnen aber davor, dafür die Löhne übermäßig hoch qualifizierter Fachkräfte zu verwenden.

Das klingt nach technischen Einzelheiten. Die Ergebnisse liegen jedoch weit auseinander.

Die OECD schätzte auf Grundlage von Daten mehrerer Mitgliedsländer für 2018, dass unbezahlte Hausarbeit nach der Ersatzkostenmethode etwa fünfzehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach. Nach der Opportunitätskostenmethode waren es ungefähr siebenundzwanzig Prozent.

Dieselben Tätigkeiten, im selben Jahr, von denselben Menschen erledigt. Ein anderes Rechenverfahren, und der Betrag ist fast doppelt so hoch.

Darin liegt kein Rechenfehler. Die Verfahren stellen verschiedene Fragen. Die Opportunitätskostenmethode fragt, worauf dieser Mensch verzichtet hat. Die Ersatzkostenmethode fragt, was es kosten würde, jemand anderen für diese Arbeit zu bezahlen. Beide Fragen sind berechtigt. Keine von beiden ist die Tätigkeit selbst. Die hat keinen Preis. Ihr Preis wird anderswo entliehen. Je nachdem, von welcher Seite man ihn borgt, verändert sich die Zahl.

Dasselbe Dokument enthält einen Vorbehalt: Sämtliche Zahlen beruhen auf starken Annahmen und könnten den wirtschaftlichen Wert unbezahlter Hausarbeit überschätzen. Denn was ein Haushalt selbst erledigt, lässt sich nicht vollständig durch einen Auftrag auf dem Markt ersetzen.

Diesen Satz sollte man langsam lesen. Eine statistische Institution räumt in ihrem eigenen Dokument ein: Um diese Tätigkeit an den gemeinsamen Maßstab anzulegen, muss man zuerst auf ihre Ersetzbarkeit wetten. Und wer diese Wette eingeht, weiß, wie unsicher sie ist.

Inzwischen haben viele Länder eigene Berechnungen versucht. Das Schweizer Statistikamt schätzte die unbezahlte Arbeit im Land für 2020 auf insgesamt 9,8 Milliarden Stunden und ihren Geldwert auf rund 434,2 Milliarden Franken. Georgien veranschlagte die Wertschöpfung unbezahlter häuslicher Dienstleistungen für 2021 auf 23,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; Frauen übernahmen davon 81,7 Prozent. Die kanadische Statistikbehörde gab für 2019 eine Spanne von 516,9 bis 860,2 Milliarden kanadischen Dollar an, entsprechend 25,2 bis 37,2 Prozent jener Gesamtgröße. Die amerikanische Statistikbehörde führt die Haushaltsproduktion in einer eigenen ergänzenden Rechnung und aktualisiert sie fortlaufend.

Die kanadische Spanne zeigt bereits, welche Form die Antwort annimmt. Dasselbe Land, dasselbe Jahr, dieselben Erhebungsdaten. Die Ergebnisse unterscheiden sich um mehr als die Hälfte. Und jedes Rechenverfahren entspricht den Regeln.

Im März 2025 verabschiedete die Statistische Kommission der Vereinten Nationen eine weitere Aktualisierung des Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Einerseits blieben unbezahlte häusliche Dienstleistungen außerhalb der Kerngrenze. Andererseits erhielten sie einen erheblich sichtbareren Platz als zuvor: Erweiterte oder thematische Rechnungen sollten ausgebaut werden.

Die Grenze hat sich nicht verschoben. Außerhalb der Grenze wachsen Anbauten.

6. Der Maßstab bringt seine Einteilung mit

Wer unbezahlte Arbeit bepreisen will, stößt auf eine weitere, noch unangenehmere Schwierigkeit. Auf sie haben die statistischen Institutionen selbst hingewiesen.

Die kanadische Statistikbehörde hat dazu einen eigenen Warnhinweis formuliert. Bei der Opportunitätskostenmethode werden die bestehenden Lohnunterschiede des Arbeitsmarkts unverändert in die Bewertung übernommen. Eine Frau kann also mehr unbezahlte Arbeit leisten und dennoch nach der Umrechnung einen geringeren Wert zugeschrieben bekommen, weil ihr durchschnittlicher Lohn auf dem Markt niedriger ist.

Das ist weder ein statistisches Versehen noch ein Fehler in irgendeinem Rechenschritt. Der gemeinsame Geldmaßstab tut, was er ohnehin tut: Während er etwas misst, misst er die bereits vorhandene Rangordnung mit hinein.

Anders gesagt: Die Löhne auf dem Markt sind selbst schon das Ergebnis einer Sortierung. In ihnen steht, wem in der vorigen Runde welcher Platz zugewiesen wurde und wessen Zeit als wertvoller galt. Mit diesen Löhnen die Arbeit außerhalb des Buches zu bepreisen heißt, die nächste Runde nach den Ergebnissen der letzten zu bewerten. Wer mehr tut, aber zuvor weiter hinten eingeordnet wurde, steht wieder hinten. Nur gibt es für diesen Platz diesmal eine Zahl. Es sieht aus, als sei er errechnet worden.

Derselbe Maßstab tut noch etwas anderes. Für diese Leistung bekommt er selten Anerkennung.

Sobald er den Rest in seinen Bereich aufnimmt, drückt er ihm seine eigene Einteilung auf.

Anderswo war das schon geschehen, nur nicht so unverhüllt. Im siebten Essay wurden Menschen in den Bergwerken zu einer Einberufungsquote und einer bestimmten Kopfzahl umgerechnet. Die Grundlage lieferte die damalige Verwaltungshierarchie. Auf den Plantagen standen Menschen und Land in derselben Zeile, verrechnet nach dem geltenden System der Bodenpreise. Wann immer etwas neu in die Bücher kommt, benutzt man die Umrechnungstabellen, die dort bereits vorliegen. In ihnen lebt die vorige Ordnung weiter. Das neu Aufgenommene bringt deshalb keine neue Ordnung mit. Es bekommt einen alten Platz zugeteilt.

Anerkennung ist niemals ein neutraler Transport. Sobald etwas ins Rechnungsbuch aufgenommen wird, erhält es seinen Rang nach der Ordnung dieses Buches. Darin steht längst, wer wie viel wert ist. Der Aufbau nimmt den Rest unter einer Bedingung auf: Der Rest muss seine Maße und Gewichte akzeptieren.

So entsteht ein Kreis, aus dem schwer herauszukommen ist. Wer Mittel erstreiten will, braucht Zahlen. Wer Zahlen braucht, muss sich mit diesem Maßstab messen lassen. Dann ordnen sich die Zahlen nach den bestehenden Wertunterschieden. Und diese Zahlen entscheiden wiederum darüber, wie Mittel verteilt werden. Diejenigen, die darum kämpfen, kennen den Kreis. Meist wissen auch sie keinen besseren Weg. Denn wer ihn nicht betritt, hat in seiner Spalte weiterhin null stehen. Null bekommt nicht einmal das Recht, mitzustreiten.

Wie groß der Umfang ist, wissen wir inzwischen in Zahlen. Nach einer globalen Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation leisten Frauen 76,2 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit weltweit. Im Durchschnitt sind das täglich vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten, bei Männern eine Stunde und dreiundzwanzig Minuten. 2023 standen weltweit 748 Millionen Menschen wegen ihrer Sorgeverantwortung außerhalb des Arbeitsmarkts. 708 Millionen davon waren Frauen.

Schon diese wenigen Zahlen zeigen: Hier geht es um mehr als ein paar Restbeträge am Rand des Buches. Hier liegt das Fundament, auf dem der gesamte Arbeitsmarkt, die Lohneinkommen und die Beschäftigungsstatistik stehen.

Damit eine Zahl etwas erklärt, braucht sie meist ein Gegenüber. Vier Stunden und fünfundzwanzig Minuten täglich neben einer Stunde und dreiundzwanzig Minuten: Dazwischen liegen mehr als drei Stunden. Das ist die Länge einer Teilzeitschicht. Zeit, in der man lesen, sich ausruhen, umhergehen oder anderswo Geld verdienen könnte. Sie fehlt jeden Tag, an mehr als dreihundert Tagen im Jahr, über Jahrzehnte eines Lebens. Man kann sie in Geld umrechnen. Man könnte sie auch in die Tage umrechnen, die so nie gelebt wurden. Für diese zweite Rechnung gibt es keinen Posten.

Die Zahlen leisten noch etwas. Sie zeigen das Ausmaß einer Sache, die oft als persönliche Entscheidung beschrieben wird. Wer in einer Familie das Kind abholt, scheint durch eine Absprache zwischen zwei Menschen entschieden zu werden. Bei siebenhundert Millionen scheint Absprache nicht mehr die ganze Erklärung zu sein. Für jede einzelne Anordnung mag es tausend Gründe geben. Wenn tausend Gründe zusammengenommen immer in dieselbe Richtung weisen, muss man nach einer weiteren Erklärung suchen.

Eben deshalb ist der Verzicht aufs Messen nicht neutral. Folbres Urteil ist hier eindeutig: Wer unbezahlte Arbeit nicht misst, stellt die Effizienz der Marktwirtschaft größer dar, als sie ist, und verzerrt den Blick auf Wachstum und Lebensstandard. Auch null ist eine Zahl. Und keine lässt sich leichter zitieren.

Null hat den Vorzug, dass sie keine Pflege braucht. Ein bezifferter Posten muss jedes Jahr aktualisiert werden. Man muss seine Abgrenzung erklären und sich Einwänden stellen. Ein Posten bei null verlangt nichts davon. Er bleibt still an seinem Platz. Niemand fragt, weshalb er sich dieses Jahr verändert hat. Am wenigsten Mühe hat der Aufbau, wenn er den Rest gar nicht erst kleinrechnen muss, weil an dessen Stelle überhaupt keine Zahl steht.

7. Zwei Welten

Wäre also alles gut, sobald man die gesamte unbezahlte Arbeit einrechnete? Hier beginnt der wirkliche Streit. Jede Seite hat Gründe vorzuweisen.

Wer eine stärkere monetäre Bewertung und Einbeziehung fordert, argumentiert sehr praktisch. Ohne Zahlen lassen sich Mittel für Kinderbetreuung, Altenversorgung, Gesundheitsdienste und soziale Absicherung kaum erstreiten. Was nicht in die Rechnung kommt, gilt weiter als null. Was nicht im Budget steht, wird weiter wie selbstverständlich innerhalb der Familien aufgefangen. Was bei Einkommen und Sozialleistungen nicht mitgedacht wird, bleibt bei denen hängen, die am wenigsten Verhandlungsmacht haben. In diese Richtung weisen die Aktionsplattform von 1995, spätere methodische Leitfäden internationaler Organisationen und jene politische Linie, die unbezahlte Sorgearbeit anerkennen, verringern und umverteilen sowie bezahlte Sorgearbeit angemessen entlohnen und ihre Beschäftigten vertreten will.

Die vorsichtigere Seite redet ebenso wenig ins Leere. Sobald alles in Geld umgerechnet wird, drohen die Beziehungen, das Vertrauen, die emotionale Zuwendung und die moralischen Verpflichtungen innerhalb der Fürsorge unter einem einheitlichen Geldmaß flachgedrückt zu werden. Schlimmer noch: Nach dieser Glättung kann sich die Arbeit in anderer Form neu organisieren, mit niedrigen Löhnen, Leistungskontrollen und billiger Auslagerung. Folbre selbst ist darin unmissverständlich: Fürsorge lässt sich niemals auf rein ökonomische Begriffe reduzieren. Sie hat auch eine methodische Erklärung gegeben. Je größer bei einer nichtmarktlichen Arbeit der Anteil persönlicher und emotionaler Fürsorge, desto stärker unterschätzt eine Bewertung zu Marktpreisen ihren Wert.

Im fünften Essay hieß es: Man kann etwas messen, kann es genau messen und es dabei doch nicht berühren. Hier kommt eine weitere Wendung hinzu. Man kann es messen, und die so gewonnene Zahl verändert anschließend das Gemessene.

Ein dritter Weg kommt aus einer Richtung der Soziologie. Er widerspricht zwei verbreiteten Vorstellungen zugleich. Nach der einen sind Geld und persönliche Nähe feindliche Welten, die einander verunreinigen. Sobald Geld ins Spiel kommt, wird die Zuneigung beschmutzt. Nach der anderen sind enge Beziehungen am Ende ohnehin nur ein Austausch von Vorteilen, Wärme bloß die Verpackung. Beide Vorstellungen sind falsch, sagt diese Richtung. Untersucht werden muss, wie Geld und Beziehungen in konkreten Anordnungen zusammengefügt werden, welche Verbindung angemessen ist und welche nicht.

Dann lautet die Frage nicht länger, ob Bezahlung Liebe zerstört. Sie lautet, unter welchen institutionellen Bedingungen Geld, Verantwortung, Vertrauen und Fürsorge zusammen bestehen können, ohne dass das gesamte Risiko einer Seite aufgebürdet wird.

Auf den letzten Halbsatz kommt es an. Die scheinbar unverbundenen Beispiele der vorigen Essays laufen, bis auf ihren Grund freigelegt, auf denselben Punkt zu. Im fünften fiel das Risiko der Lücken im Rechnungsbuch jenen zu, die kein Recht hatten, Fragen zu stellen. Im elften arbeiteten Menschen zuerst und erhielten ihr Geld später; das Risiko lag bei denen, die kein anderes Pfand besaßen. Ob Liebe und Geld im selben Zimmer wohnen können, lässt sich schwer entscheiden. Wer das Risiko trägt, lässt sich jedes Mal abzählen.

Was in den früheren Essays immer wieder auftrat, wird hier endlich unmittelbar ausgesprochen. Anonyme Preise und persönliche Beziehungen ersetzen einander nicht. Sie wirken die ganze Zeit innerhalb derselben Sache. Nur ihr Mischungsverhältnis verändert sich. Und dieses Verhältnis bestimmen Institutionen, keine Natur.

Etwas aus dem Haushalt auf den Markt zu verlagern lässt die persönliche Hälfte daher nicht verschwinden. Man stellt jemanden ein, um einen alten Menschen zu versorgen. Im Vertrag stehen Stunden und Lohn genau fest. Ob die Person am Abend zehn Minuten länger bleibt, ob sie sich merkt, was der alte Mensch nicht gern isst, ob sie zuerst anruft, wenn etwas nicht stimmt: Nichts davon steht im Vertrag. Doch genau daran entscheidet sich, ob die Versorgung gelingt. Geld kauft Anwesenheit. Zuwendung lässt sich damit nicht kaufen.

In der Ökonomie der Fürsorge gibt es das Bild des Care-Diamanten. Seine vier Ecken bezeichnen die Träger der Versorgung: Familie, Staat, Markt und freiwillige Organisationen. Sein Vorzug liegt darin, dass aus der Frage, ob es Versorgung gibt, die Frage wird, welchen Anteil die einzelnen Seiten übernehmen. Wandert eine Aufgabe von der Familie zum Markt, ist sie dadurch noch nicht gelöst. Sie hat einen anderen Träger, eine andere Art der Preisbildung und andere Stellen bekommen, an denen Schwierigkeiten auftreten werden.

Folbre hat die Bewertung immer wieder kritisiert, ohne sich gegen Bewertung überhaupt zu wenden. Ihre Position lässt sich ungefähr so fassen: Geldwerte zu ermitteln birgt Risiken. Es macht aber tatsächlich sichtbar, dass Markttransaktionen nur einen Teil all dessen ausmachen, wovon wir leben.

Beide Seiten haben recht, auf unterschiedlichen Ebenen. Darin dürfte der Grund liegen, dass dieser Streit seit fünfzig Jahren zu keinem Abschluss kommt.

8. Die leere Spalte

Zurück zu jener Seite von 1934.

Als Kuznets schrieb, man solle diesen Teil besser auslassen, hielt er zugleich fest, wann die Auslassung Schwierigkeiten machen würde: Schrumpft die Marktwirtschaft und wächst die Tätigkeit innerhalb der Haushalte, verliert die Rechnung an Aussagekraft als Maß der produktiven Leistungsfähigkeit.

Neunzig Jahre später bestätigen die methodischen Erläuterungen der Vereinten Nationen denselben Zusammenhang, nur aus der anderen Richtung. Bleiben unbezahlte häusliche Dienstleistungen unberücksichtigt, kann das Wirtschaftswachstum zu hoch ausgewiesen werden. Was zuvor zu Hause geschah, wandert auf den Markt. Das Buch erhält einen zusätzlichen Eintrag. Die Gesamtmenge der Tätigkeiten, die das Leben erhalten, ist dadurch aber nicht gestiegen.

Ein Aufbau hat noch in dem Jahr, in dem er seine Arbeit aufnahm, auf derselben Seite vermerkt, unter welchen Bedingungen er falsche Ergebnisse liefern würde. Danach lief er neunzig Jahre weiter.

Daneben lohnt es sich, den neunten Essay zu legen. Dort bewahrte der Aufbau das von ihm Gestrichene unversehrt im eigenen Archiv auf. Was gestrichen wurde und wer es strich, standen unter demselben Buchdeckel. Hier geht die Sache weiter. Im Archiv liegt nicht nur das Gestrichene. Daneben liegt eine Gebrauchsanweisung, die erklärt, wann diese Streichung die ganze Maschine dazu bringen wird, falsche Zahlen auszugeben. Die Anleitung ist die ganze Zeit da. Die Maschine läuft die ganze Zeit weiter.

Hier wird nichts verheimlicht. Verheimlichen würde noch Anstrengung kosten. Niemand muss sich anstrengen: Die Seite steht gedruckt da, jeder kann sie aufschlagen. Der Aufbau hält sich durch Beharrung, nicht durch Verbergen. Jahr für Jahr werden seine Zahlen veröffentlicht, zitiert und der Verteilung von Mitteln zugrunde gelegt. Nach genügend Jahren sieht die Grenze nicht mehr nach einer Entscheidung aus. Sie sieht nach einer Tatsache aus.

In neunzig Jahren haben die Fürsprecher dieser Spalte vieles getan. Jemand entwickelte ein Kriterium. Andere machten eine Forderung daraus und druckten sie in eine Broschüre für zwanzig Pence. Jemand zerlegte die Annahmen einzeln. Andere schrieben die Sache in zwischenstaatliche Dokumente, errichteten Zeitrechnungen und Satellitenkonten, berechneten Stunden und Geldwerte.

2025 verläuft die Grenze noch immer am selben Ort.

Neunzig Jahre sind nicht kurz. Dass so viele Menschen eine Grenze so lange aus so vielen Richtungen verschieben wollen und sie danach immer noch dort steht, verlangt eine Erklärung. Die dürfte kaum darin liegen, ob diese Grenze richtig oder falsch gezogen ist. Ein Rechnungswerk, das jedes Jahr Zahlen liefern muss, auf deren Grundlage weitreichende Entscheidungen fallen, fürchtet Veränderung stärker als Auslassung. Was fehlt, kann in einer Zusatztabelle nachgetragen werden. Ändert sich aber die Abgrenzung, lassen sich die Zahlen der vorangegangenen Jahrzehnte nicht mehr vergleichen. Ein solcher Aufbau braucht Stabilität dringender als alles andere. Selbst Genauigkeit kommt danach.

Außerhalb der Grenze ist das Gelände inzwischen allerdings nicht mehr leer. Es steht voller Kleingedrucktem: Zeitrechnungen, Satellitenkonten, erweiterte und thematische Rechnungen. Jede sagt dasselbe: In dieser Spalte müsste eine Zahl stehen. Jede steht außerhalb der Spalte.

Dies ist die sechste Art, wie der Aufbau mit dem Rest umgeht. Er verarbeitet ihn nicht, leugnet ihn nicht, benennt ihn nicht um und zieht auch seine eigene Grenze nicht weiter nach innen. Er weist dem Rest eine Umlaufbahn zu. Dort darf er das Rechnungsbuch umkreisen, mit ordentlich aufbereiteten Daten, leicht zu zitieren. Immer nahe. Niemals darin.

Warum er nicht hineingelangt, haben die amtlichen Dokumente zuvor selbst gesagt: Was man zu Hause tut und was man gegen Bezahlung einem anderen überträgt, sind nicht dieselben beliebig austauschbaren Dinge.

Ersetzbarkeit ist die Voraussetzung für den Eintrag. Erst wenn ein anderer eine Tätigkeit auf dieselbe Weise ausführen kann und das Ergebnis als dasselbe gilt, kann sie einen Preis bekommen, abgerechnet und in jene Spalte geschrieben werden. Gerade diese Tätigkeit ist aber nicht vollständig ersetzbar.

So bleibt ihr nur der Platz außerhalb des Buches.

Eine Frau steht nachts auf und wechselt einem fiebernden Kind das Tuch. Für diese Handlung lässt sich nach jedem der beiden Verfahren eine Zahl angeben. Nach Ersatzkosten wäre es der Stundenlohn einer für die Nacht eingestellten Betreuungskraft. Nach Opportunitätskosten wäre es jener Teil des Verdienstes, der ihr am nächsten Tag wegen des fehlenden Schlafs entgeht. Beide Zahlen lassen sich berechnen. Beide entsprechen den Regeln. Sie sind verschieden. Und nach der zweiten Methode gilt: Je weniger die Frau verdient, desto weniger ist diese Handlung wert.

Doch was sie tut, wenn sie aufsteht und das Tuch wechselt, ist weder die eine Zahl noch die andere. Es ist die Sache selbst. Erst später kommt jemand, leiht anderswo einen Preis und heftet ihn daran. Der Preis gehört einem anderen. Angeheftet wird er an ihre Nacht.

Die Rechnung wird weitergeführt werden, Jahr für Jahr genauer. Abgrenzungen werden angepasst, Zusatztabellen angelegt, die Zahlen auf den Umlaufbahnen immer präziser. Die Spalte bleibt leer an ihrem Ort. Ringsum kreisen aufs Genaueste berechnete Werte, als warteten sie auf eine Genehmigung, die niemals eintrifft.

Und die Arbeit wird weiterhin jeden Tag getan. Wer sie tut, wartet auf keine Genehmigung.

Die Rechnung geht noch immer nicht auf. Und das Buch wird weitergeführt.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English