Unbezahlte Arbeit: Ausgeschlossen, damit die Rechnung funktioniert
Kochen, Pflegen und Erziehen tragen Markt und Staat, bleiben aber außerhalb des BIP, solange sie im eigenen Haushalt geschehen. Die Grenze ist methodisch begründbar und gerade deshalb politisch folgenreich.
Die große Tätigkeit, die man lieber ausließ
Als Simon Kuznets 1934 das amerikanische Volkseinkommen schätzte, erkannte er die gewaltige Größenordnung häuslicher Dienstleistungen ausdrücklich an und ließ sie dennoch weg. Sie gehörten für ihn eher zum Familienleben als zum konkreten Geschäftsleben der Nation. Zugleich warnte er, die Kennzahl werde irreführend, wenn Marktproduktion schrumpfe und Haushaltsproduktion wachse.
Damit war die leere Spalte von Anfang an bekannt. Nationalkonten versteckten die Hausarbeit nicht; sie definierten Produktion so, dass Kochen, Putzen, Kinderbetreuung und Pflege für den eigenen Haushalt meist außerhalb lagen. Eine bewusste methodische Grenze wurde später wie eine Beschreibung dessen gelesen, was wirtschaftlich überhaupt existiert.
Die Grenze verläuft nicht zwischen Tätigkeiten
Das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen schließt unbezahlte häusliche Dienstleistungen traditionell aus, erfasst aber dieselbe Tätigkeit, sobald ein Koch, eine Reinigungskraft oder Pflegeperson bezahlt wird. Die Grenze liegt nicht zwischen Kochen und Nichtkochen, sondern zwischen Markttransaktion und Eigenleistung. Eine Handlung wechselt ihren statistischen Status, ohne ihren praktischen Inhalt zu ändern.
Die Gründe sind nachvollziehbar: Haushaltsdienste werden gewöhnlich nicht verkauft, ihre Bewertung ist unsicher, und ihre Einbeziehung würde das BIP stark verändern. Doch andere nicht marktliche Leistungen des Staates werden über Kosten geschätzt. Das Argument der Preislosigkeit wird also nicht überall gleich angewandt, sondern folgt einer institutionellen Entscheidung.
Kuhmilch zählt, Muttermilch nicht
Selbst erzeugtes Getreide, Gemüse, Brennholz und Tiermilch können in die Produktionsgrenze fallen. Muttermilch bleibt fast überall unsichtbar, während gekaufte Säuglingsnahrung das BIP erhöht. Gleicher Zweck und vergleichbarer Nährwert führen zu gegensätzlichen Buchungen, weil das eine Produkt eine Marktform besitzt und das andere in einer Beziehung entsteht.
Marilyn Waring zeigte, wie solche Konventionen die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit den Werturteilen ihrer Entstehungszeit aufladen. Was nicht gezählt wird, wirkt bald wie Nichtarbeit; diese Wahrnehmung erreicht auch die Menschen, die sie täglich leisten. Die Skala bildet den Status nicht nur ab, sondern hilft, ihn gesellschaftlich zu erzeugen.
Sie nennen es Liebe
Die internationale Kampagne Lohn für Hausarbeit formulierte in den 1970er Jahren den provokanten Satz: Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit. Ihr Ziel war nicht bloß ein Gehaltsscheck, sondern die Benennung eines Produktionsverhältnisses, das als natürliche weibliche Rolle erschien. Erst wer die Tätigkeit Arbeit nennt, kann über Verteilung und Verweigerung verhandeln.
Kritikerinnen warnten zugleich, Bezahlung könne die geschlechtliche Arbeitsteilung festschreiben oder Fürsorge auf einen Preis reduzieren. Beide Einwände treffen einen realen Konflikt. Ohne Messung bleibt die Leistung unsichtbar; durch Messung kann sie gerade jenen Marktmaßstab übernehmen, dessen Engführung kritisiert wird.
Satellitenkonten und zwei sehr verschiedene Zahlen
Seit der Pekinger Aktionsplattform von 1995 fordern internationale Institutionen Zeitverwendungsstudien und Satellitenkonten für unbezahlte Arbeit. Ein Satellit kreist um die Hauptrechnung, ohne deren Produktionsgrenze zu verändern. Sichtbarkeit wird ergänzt, während das zentrale BIP formal unberührt bleibt.
Die Bewertung hängt entscheidend von der Methode ab. Ersatzkosten fragen, was eine professionelle Kraft kosten würde; Opportunitätskosten verwenden den entgangenen Marktlohn der tätigen Person. OECD-Schätzungen für 2018 lagen je nach Ansatz ungefähr bei fünfzehn beziehungsweise siebenundzwanzig Prozent des BIP – nicht weil jemand falsch rechnete, sondern weil die Skalen verschiedene Fragen beantworten.
Ein Fundament außerhalb der Bilanz
Unbezahlte Arbeit erhält, pflegt und erneuert die Menschen, auf die Arbeitsmarkt und Staat angewiesen sind. Ihre Auslagerung an den Markt kann das BIP steigern, ohne dass insgesamt mehr Versorgung geleistet wird. Umgekehrt kann eine Krise Marktleistungen zurück in Haushalte drücken und gemessene Produktion senken, obwohl die notwendige Arbeit weiterläuft.
Im Meißel-Konstrukt-Zyklus zieht das Konstrukt seine Grenze so, dass es auf dem Rest stehen kann, ohne ihn zu zählen. Der Meißel des Marktpreises macht Dienstleistungen sichtbar, sobald sie gekauft werden, und lässt dieselbe Zuwendung zuhause verschwinden. Die Aufgabe ist nicht, Liebe gegen Geld auszuspielen, sondern Institutionen zu schaffen, in denen Anerkennung, Verantwortung und Fürsorge gemeinsam bestehen können.
Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English