Ich und mein tragender Grund
Ein Ich unter den anderen
Nur hier stellt Laozi sich über längere Zeit in den Text. Die Menschen sind festlich und geschäftig; ich bin still wie ein Säugling, der noch nicht lächelt, treibe, als hätte ich keine Heimkehr. Die anderen haben Überfluss, ich scheine zurückgelassen; sie sind hell und scharfsinnig, ich dunkel und unbeholfen. Dieses Porträt romantisiert weder Depression noch gesellschaftliche Außenseiterschaft. Es zeigt, wie jemand von außen erscheint, der die allgemein begehrten Schilder nicht als Nahrung benutzt.
Vorher relativiert Laozi sogar den Gegensatz zwischen Zustimmung und Tadel, schön und hässlich. Auch er kann nicht einfach alles verachten, was andere fürchten; er lebt in derselben Welt. Seine Differenz ist keine heroische Gegenidentität. Sobald „Ich bin anders als die Masse“ zur Quelle des Stolzes wird, hängt das Ich wiederum am Blick der Masse. Die wiederholten Bilder sind deshalb Beobachtungen einer Position, nicht das Programm einer subkulturellen Rolle.
Gui shi mu: die Mutter als Nahrung ehren
Am Schluss wechselt der Text vom häufigen wo, dem situativen Ich, zu wu, dem tragenden Selbst: „Mein wu will sich allein von den Menschen unterscheiden, indem es das Sich-Nähren von der Mutter ehrt.“ Die Mutter ist die Quelle, an der Formen entstehen, bevor Anerkennung und Rang sie festlegen. Von ihr zu essen heißt, die eigene Orientierung nicht hauptsächlich aus Applaus, Titel und Vergleich zu beziehen.
Darin liegt der Kern des Selbstporträts. Schweigen, Dunkelheit und Unbeholfenheit sind nicht das Ziel. Sie können beiläufige Erscheinungen eines Menschen sein, dessen Nahrung aus einer tieferen Schicht kommt. Wer nur den Stil kopiert, macht aus Laozi eine ästhetische Marke. Wer nach der eigenen Nahrungsquelle fragt, berührt den Text: Wovon lebt mein Handeln, wenn niemand es sieht, bestätigt oder in eine bekannte Erfolgskategorie einordnet?