Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 19

Haben, ohne ein Schild daraus zu machen

Jue ist nicht einfache Verneinung

Kapitel 19 folgt unmittelbar auf die Kritik der Tugendschilder. „Heiligkeit abschneiden und Wissen aufgeben; Menschlichkeit abschneiden und Gerechtigkeit aufgeben; Geschick abschneiden und Gewinn aufgeben“ wurde als antiintellektuelles Programm gelesen. Doch jue bezeichnet hier das Abtrennen bis zu einem eigenen, nicht mehr öffentlich normierenden Punkt. Der Dao-Praktiker kann Einsicht, Fürsorge und Geschick besitzen; er errichtet sie nur nicht als Maßstab, dem alle anderen gleichen müssen.

Das ist ein „Haben, ohne zu setzen“. Wird Heiligkeit zum Schild, müssen die Menschen es verehren, nachahmen oder bekämpfen; in jedem Fall kreist ihre Aufmerksamkeit um das Schild. Wird das Wissen des Regierenden zur allgemeinen Skala, kann das Wissen der Menschen nicht aus ihren Situationen wachsen. Wird Gerechtigkeit als Ersatz für beschädigte Beziehungen proklamiert, vertieft sie die Spaltung. Nicht die Fähigkeit ist das Problem, sondern ihre Verwandlung in ein kolonialisierendes Konstrukt.

Rohseide und unbehauenes Holz

Laozi merkt selbst, dass die drei schroffen Sätze missverstanden werden können: Als bloße Formulierungen reichen sie nicht; sie müssen einer konkreten Praxis zugeordnet werden. Diese Praxis lautet, unverfärbte Seide sehen, unbehauenes Holz umfassen, die Fixierung auf das Private verringern und den Drang nach immer neuem Lernen beenden. „Einfachheit“ ist dabei kein rustikales Ideal, sondern der Zustand, in dem etwas noch nicht vollständig durch fremde Kategorien festgelegt wurde.

Auch diese Bilder dürfen nicht zum neuen Profil werden. Wer verkündet, nun besonders schlicht, unwissend und frei von Ehrgeiz zu sein, hat aus Laozis Warnung bereits ein weiteres Schild gemacht. Die drei Übungen sind gegenwärtige Bewegungen: eine Bewertung lockern, einen Besitzanspruch reduzieren, ein geliehenes Deutungsmuster aussetzen. Ihr Ziel ist kein vollendeter „daoistischer Mensch“, sondern die fortgesetzte Fähigkeit, Fähigkeiten zu gebrauchen, ohne andere auf ihre Form festzulegen.