Das Schild über dem beschädigten Haus
Vier verdächtige Auszeichnungen
„Das große Dao wird aufgegeben – da gibt es Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Klugheit tritt hervor – da gibt es große Verstellung. Die sechs Verwandtschaftsbeziehungen sind uneins – da gibt es kindliche Pietät und Elternliebe. Haus und Staat sind verwirrt – da gibt es den loyalen Minister.“ Laozi behauptet nicht, Fürsorge, Klugheit oder Loyalität seien an sich schlecht. Er fragt, warum sie gerade jetzt als laute Schilder erscheinen.
Ein Unternehmen verkündet „Menschen zuerst“, wenn seine Mitarbeiter in großer Zahl gehen; ein Staat beschwört Gerechtigkeit, wenn ihre Erfahrung brüchig wird; eine Familie verlangt Pietät, wenn Vertrauen fehlt. Das öffentlich hervorgehobene Ideal kann zum Ersatz für die verlorene Praxis werden. Je größer das Schild, desto genauer sollte man das Haus dahinter prüfen. Die Tugendsprache beweist nicht Gesundheit; bisweilen dokumentiert sie den Schaden.
An: und genau dann
In der Seidenhandschrift verbindet an die vier Sätze: erst nachdem die Grundlage zerfallen ist, „gibt es daraufhin“ das entsprechende Tugendetikett. Diese zeitliche und kausale Spitze macht das Kapitel zu einer Kritik der Herrschenden. Sie erzeugen die Unordnung und präsentieren anschließend moralische Kampagnen, um die Verantwortung nach unten zu verschieben. Der treue Minister wird ausgezeichnet, weil das verwirrte Haus jemanden braucht, der sogar seine Fehler noch loyal trägt.
Für den Leser ist das Kapitel zugleich ein unbequemes Instrument der Selbstprüfung. Welche Eigenschaft betone ich gerade besonders – Fürsorglichkeit, Balance, Offenheit, Rationalität? Ist sie gelebte Bewegung oder ein Schild, das einen gegenläufigen Zustand verdeckt? Das Schild einfach abzureißen genügt nicht; auch demonstrative „Authentizität“ kann ein neues Schild werden. Nötig ist die Rückkehr zur beschädigten Beziehung oder Praxis, aus deren Wiederbelebung die Tugend ohne Kampagne hervorgehen kann.