Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Dazhis Daodejing-Kommentar
Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 17

Vier Stufen des Regierens

Vom kaum spürbaren Tragen bis zur Verachtung

Laozi ordnet Regierende in vier Stufen. Beim höchsten wissen die Menschen, dass er da ist, spüren aber kaum, dass sie regiert werden. Den nächsten lieben und loben sie. Den dritten fürchten sie. Den vierten verachten sie. Die Seidenhandschrift schreibt ausdrücklich: „Die Unteren wissen von ihm“ – nicht, wie später oft gelesen, sie wüssten gar nichts von ihm. Gute Regierung ist keine unsichtbare Macht, sondern eine erkennbare Grundstruktur, die den Menschen ihre eigene Handlung lässt.

Schon die zweite Stufe trägt einen Preis. Ein geliebter und gefeierter Führer mag wohlwollend sein, doch die Aufmerksamkeit wandert von der gemeinsamen Sache zu seiner Person. Furcht bindet noch stärker durch Strafe und Autorität. Verachtung entsteht schließlich, wenn die gesetzte Ordnung den wirklichen Verhältnissen so wenig entspricht, dass ihre Worte keinen Kredit mehr besitzen. Die Stufen messen daher nicht den Charakter des Amtsinhabers, sondern Richtung und Dichte seiner Konstruktionen.

Kostbare Worte

Der höchste Regierende denkt sorgfältig nach und geht sparsam mit Worten um. Sprache ist kostbar, weil jedes öffentliche Wort eine Form in den Erfahrungsraum anderer setzt. Viel zu reden heißt nicht notwendig, besser zu führen; Befehle, Leitbilder und Kampagnen können das eigene Urteilsvermögen der Menschen überdecken. Sparsame Sprache nennt das Nötige und lässt die Ausführung dort, wo das konkrete Wissen liegt.

Ist das Werk vollzogen und die Aufgabe gelungen, sagen die Menschen: „Wir sind von selbst so geworden.“ Ziran bedeutet auch hier nicht Naturromantik, sondern „von sich her so“. Die Führung hat die Bedingungen getragen, ohne sich als Autor des Lebens der Geführten einzusetzen. Jeder Leiter wechselt im Alltag zwischen den vier Positionen. Entscheidend ist nicht das Selbsturteil „Ich bin ein guter Führer“, sondern die beobachtbare Frage: Werden die anderen durch mein Handeln selbstständiger – oder immer abhängiger von meiner Person?