Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 16

Zwei Wege

Qing: Wirklichkeit, nicht Gefühl

Die Seidenhandschrift beginnt mit „Leere bis zum Äußersten; den Ausdruck von qing bewahren.“ Die verbreitete Fassung ersetzt qing durch jing, Stille. Im vor-Qin-Chinesisch bedeutet qing jedoch nicht moderne Emotionalität, sondern die tatsächliche Beschaffenheit einer Sache. Die Übung besteht also nicht darin, innerlich vollkommen ruhig zu werden. Man soll den eigenen Entwurf so weit leeren, dass die Situation in ihrer Wirklichkeit erscheinen kann.

Dann sieht man die zehntausend Dinge entstehen und jedes zu seiner Wurzel zurückkehren. Rückkehr ist kein spektakuläres Ende, sondern allgegenwärtiger Rhythmus: Blatt, Atem, Projekt und Institution treten hervor, wirken und lösen ihre Form wieder. Diese Rückkehr heißt Ruhe; sie ist die Rückgabe an das je Eigene. „Beständigkeit“ bezeichnet das Erkennen dieses Rhythmus, nicht die Behauptung, eine einzelne Form müsse ewig fortdauern.

Blindes Tun oder offene Tragfähigkeit

Von hier verzweigen sich zwei Wege. Wer die Beständigkeit nicht erkennt, handelt aus einer falschen Vorstellung der Situation; sein Eingriff wird willkürlich und führt ins Unheil. Wer den Rhythmus erkennt, kann aufnehmen; Aufnahme schafft Unparteilichkeit, daraus entstehen Weite, eine dem Gemeinsamen angemessene Position und schließlich Übereinstimmung mit Dao. Ungefährdet ist nicht, wer nie handelt, sondern wer Handeln nicht gegen die reale Bewegung richtet.

Laozi sagt dabei deutlich, welchen Weg er für zerstörerisch hält, zwingt den Leser aber nicht. Gerade darin demonstriert die Form den Inhalt. Eine philosophische Aussage darf urteilen, ohne den Adressaten zu kolonisieren. Der Leser bleibt für seine Position verantwortlich. Auf jeder Ebene – Familie, Unternehmen oder Staat – lässt sich dieselbe Frage stellen: Reagiere ich auf den wirklichen Zustand, oder auf ein Bild, das ich trotz aller Gegenzeichen erhalten will?