Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Dazhis Daodejing-Kommentar
Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 15

Sieben Bilder eines gewöhnlichen Tages

Ein Porträt, das kein Etikett sein darf

Die Seidenhandschrift spricht von den Alten, die gut darin waren, Dao zu praktizieren – nicht allgemein von geheimnisvollen „Gelehrten“. Sie seien fein, durchdringend und so tief, dass man sie nicht vollständig erkennen könne. Diese Unerkennbarkeit ist keine esoterische Eigenschaft. Wer sich nicht durch ein öffentliches Schild festlegt, lässt sich von außen schwer in eine stabile Kategorie bringen. Laozi kann deshalb nur widerwillig einige Bilder anbieten.

Sie sind vorsichtig wie jemand, der im Winter einen Fluss überquert; wach wie jemand, der überall Nachbarn spürt; zurückhaltend wie ein Gast; locker wie schmelzendes Eis; schlicht wie unbearbeitetes Holz; weit wie ein Tal; trüb wie aufgewühltes Wasser. Das sind keine sieben Tugendabzeichen. Es sind Momentaufnahmen einer Haltung: langsam handeln, Umgebung beachten, die eigene Position leicht tragen, formbar bleiben, nichts vorspielen und im Inneren Kapazität offenhalten.

Langsam klar, langsam lebendig

Trübes Wasser wird durch Ruhe allmählich klar; etwas Ruhendes beginnt durch Bewegung allmählich zu leben. Die beiden Sätze verhindern eine starre Verehrung der Stille. Klarheit darf nicht durch hektisches Filtern erzwungen werden, Leben aber auch nicht in Ruhe konserviert bleiben. Entscheidend ist xu, das allmähliche Tempo, in dem der eigene Rhythmus einer Situation hervortreten kann.

Nur wer nicht voll sein will, kann bedeckt bleiben, ohne endgültig fertig zu werden. Die Seidenlesart „verdeckt und nicht vollendet“ ist philosophisch präziser als die spätere Vorstellung ständiger Erneuerung. Nicht-Vollendung ist kein Mangel an Reife. Sie schützt den Rest, durch den weitere Entwicklung möglich bleibt. Laozis Bilder sind deshalb Selbstprüfungen, keine Zielbilder: Sobald jemand stolz verkündet, genau dieser tiefe und bescheidene Mensch zu sein, hat er das Porträt bereits in ein Schild verwandelt.