Sieben Schnappschüsse aus dem Alltag
Chinesischer Text dieses Kapitels
Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars
古之善为道者,微妙玄达,深不可识。夫唯不可识,故强为之容,曰:与呵,其若冬涉水;犹呵,其若畏四邻;严呵,其若客;涣呵,其若凌泽;沌呵,其若朴;湷呵,其若浊;旷呵,其若谷。浊而静之徐清,安以动之徐生。保此道者不欲盈,夫唯不欲盈,故能蔽而不成。
Zur Textfassung und Zeichensetzung
Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.
Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)
I. Nach den ersten vierzehn Kapiteln
Wer die ersten vierzehn Kapitel gelesen hat, fragt sich vielleicht:
Diese „Kultivierung“, dieses „ohne shen“, dieses „das Heute ergreifen“, dieses „den Rest achten“ – was für Menschen tun das eigentlich?
Wenn mir im Leben jemand begegnete, der das wirklich tut, würde ich ihn erkennen?
Und wie weit bin ich selbst von einem solchen Menschen entfernt?
Das fünfzehnte Kapitel beantwortet genau diese Fragen.
Es zeichnet ein Bild –
aber kein Porträt.
Es sind sieben Schnappschüsse aus dem Alltag.
Keiner der sieben zeigt einen Unsterblichen, der über den Wolken schwebt. Es sind lauter Szenen, die die Menschen damals jeden Tag vor Augen hatten:
Einer, der im Winter durchs Wasser watet.
Einer, der auf die Nachbarn ringsum achtgibt.
Ein Gast, der sich gemessen bewegt.
Das Eis auf dem See kurz vor dem Tauen.
Unbehauenes Holz.
Trübes Wasser.
Ein Tal.
Laozi zeigt auf diese Szenen und sagt:
„Sieh her – so sieht einer aus, der diesen Weg bis zum Ende gegangen ist.“
II. Im Dao geübt – nicht als Gelehrtenbeamter
Zeichen zum Vergleich: 善为道者 / 善为士者 · 蔽/敝 · 不成/新成.
Verglichen werden die hier verwendete bearbeitete Seidenfassung und der überlieferte Wortlaut. Es geht um ihre Wirkung auf meine Lektüre, nicht um eine gesicherte Geschichte darüber, wer ein Zeichen aus welchem Grund änderte. Keine der beiden Fassungen lässt nur eine Deutung zu.
Gleich am Anfang des fünfzehnten Kapitels steht ein Unterschied im Wortlaut, den man zuerst klären muss.
Seidenhandschriften: „Die im Altertum im Dao geübt waren“.
Überlieferte Fassung: „Die im Altertum tüchtige shi waren“.
Dao oder shi. Ein Zeichen Unterschied, und das ganze Kapitel hat ein anderes Thema.
士 (shi) bezeichnet in klassischen Texten nicht ausschließlich einen sozialen Stand, sondern kann auch einen Übenden meinen. Ich wähle 善为道者, um die Richtung der Praxis deutlicher zu machen, nicht um zu beweisen, dass die überlieferte Fassung nur einen Stand anspricht.
Nach den Seidenhandschriften zeichnet das Kapitel das Bild „eines Menschen, der sich darauf versteht, das Dao zu leben“. Das Dao ist das zentrale Thema dieses Buches; wer im Dao geübt ist, der kann mit dem Arbeiten des Rests umgehen und diesen Weg gehen – mit gesellschaftlichem Stand hat das nichts zu tun.
Gerade wenn man 2026 liest, ist das besonders wichtig.
Nach den Seidenhandschriften ist dieser Mensch nicht unbedingt ein shi. Er kann Programmiererin sein, Designer, Mutter oder Vater, Ärztin, Lehrer, Taxifahrer, Gründerin, Rentner – jeder beliebige Mensch, der konkret etwas tut.
Solange er den Rest achtet und gut mit dem Rest umgeht, ist er der Mensch, den dieses Kapitel zeichnet.
Es kommt nicht auf den Stand an, sondern auf das Tun.
III. Nicht zu erkennen – für wen?
Der zweite Satz:
Fein, wunderbar, xuan und durchdringend – zu tief, um erkannt zu werden.
Bei „zu tief, um erkannt zu werden“ macht die herkömmliche Lesart daraus eine Wesenseigenschaft des Weisen: Der Weise ist ein unergründlicher Mensch.
Diese Lesart hat aber ein Problem:
Nicht zu erkennen – für wen?
Laozi sagt nicht, der Weise sei an sich unergründlich. Er sagt: Von außen gesehen ist dieser Mensch nicht zu durchschauen.
Und von innen?
Wer schon an dieser Stelle steht, für den ist der andere, der dort steht, nicht unergründlich.
Wer diesen Weg gegangen ist, erkennt die anderen, die ihn gegangen sind. Die sieben Bilder des anderen trägt er selbst auch in sich; sie finden einander nicht geheimnisvoll – sie erkennen einander, wie man jemanden von der eigenen Art erkennt.
„Zu tief, um erkannt zu werden“ beschreibt die Sicht derer, die noch nicht an dieser Stelle stehen.
Hier muss man einer Fehllesung den Weg verstellen:
Laozi verklärt den Weisen nicht zum Mysterium.
Er gibt dem strebenden Leser einen Hinweis: Versuchen Sie nicht, ihn mit den Konstrukten zu erkennen, die Sie gerade in der Hand haben.
Warum nicht?
Weil dieser Mensch keine auffälligen Konstrukte aufstellt, um Ihre Aufmerksamkeit zu fangen.
Wer viele auffällige Konstrukte aufgestellt hat – pointierte Meinungen, eine starke Pose, eine markante Position –, ist auf einen Blick zu erkennen: „Der gehört zur Schule X“, „die gehört zum Lager Y“.
Wer im Dao geübt ist, stellt keine solchen auffälligen Konstrukte auf.
Darum finden Ihre Werkzeuge, mit denen Sie Menschen einordnen, seine Stelle nicht. Sie erkennen einen Menschen an den Konstrukten, die er aufstellt. Stellt er keine auf, bekommen Sie ihn nicht zu fassen.
Das heißt aber nicht, dass er nicht da wäre.
Er ist da. Nur erkennen Ihre Werkzeuge ihn nicht.
Ihn zu erkennen ist keine Frage des Wissens, sondern eine Frage der Stelle:
Erst wenn Sie selbst an dieser Stelle angekommen sind, erkennen Sie die Menschen, die dort gehen.
Wer sehen will, wie solche Menschen aussehen, muss nicht noch mehr Begriffe lernen, mit denen man Weise erkennt, sondern selbst anfangen, den Rest zu achten und gut mit dem Rest umzugehen.
Sieht man ihn dann wieder an, ist er nicht mehr „zu tief, um erkannt zu werden“ – dann heißt es: „Ach, er ist wie ich.“
IV. Sieben Schnappschüsse
Laozis nächster Satz:
Eben weil man ihn nicht erkennen kann, zeichnet man notdürftig ein Bild von ihm.
Weil er nicht zu erkennen ist, zeichnet man ihn eben notdürftig.
Achten Sie auf dieses „notdürftig“.
Laozi weiß, dass das Bild, das er zeichnet, nicht der wirkliche Weise ist, nur eine Annäherung. Den wirklichen Weisen kann kein Bild ganz bestimmen – dann wäre es wieder ein Konstrukt, das ihn einfangen will.
Und das Bild ist für die Leser gezeichnet, die noch nicht an dieser Stelle stehen. Wer schon dort ist, braucht kein Bild.
Es folgen die sieben Bilder.
Erstes Bild: „Zögernd, ach – wie einer, der im Winter durchs Wasser watet“
Kong Guangsen begründete anhand von Reimen die These, altes 兮 sei ähnlich wie 阿 zu lesen. Entsprechungen zwischen 可, 呵 und 兮 in ausgegrabenen Texten liefern weitere Hinweise auf alte Laute und austauschbare Schreibungen. Daraus folgt nicht, dass man damals das heutige Mandarin-„ah“ sprach und spätere Leser zweitausend Jahre lang falsch lasen.
Dieser Essay behält 呵 aus seinem bearbeiteten Grundtext und gibt es als Ausruf „ach“ wieder. Das soll die Stimme näherbringen, nicht die Aussprache vor der Qin-Zeit vollständig rekonstruieren.
Wie ist das, im Winter durchs Wasser zu waten?
Das Wasser ist kalt. Die Füße finden den Grund nicht sicher. Jeden Schritt muss man erst ertasten.
Große Schritte gehen nicht, schnell machen, weil man es eilig hat, geht auch nicht – jeden Schritt muss man verlangsamen und genau hinsehen.
Nicht aus Ängstlichkeit. Sondern weil man den Grund nicht sieht; die Fußsohle muss jeden Stein spüren, und nach jedem Auftreten wartet man kurz, ob der Stand sicher ist.
Wer im Dao geübt ist, handelt genau so: Er setzt jeden Schritt fest auf, bevor er weitergeht.
Das ist keine Unentschlossenheit. Es ist Achtung vor der Ungewissheit jedes einzelnen Schrittes – der Rest quillt immer im konkreten Handeln hervor. Er lässt kein fertiges Konstrukt über sein Handeln entscheiden. Er lässt jeden Schritt von selbst wachsen.
Dafür braucht es Langsamkeit.
Zweites Bild: „Wachsam, ach – wie einer, der die Nachbarn ringsum scheut“
Wie ist das, die Nachbarn ringsum zu scheuen?
Jemand ist gerade in ein neues Viertel gezogen. Er weiß noch nicht, wer ringsum wohnt, welche Gewohnheiten dort gelten, welche ungeschriebenen Regeln – er hört ständig hin, schaut hin, achtet auf alles.
Das ist keine Furcht. Es ist: Er setzt nicht voraus, dass ihm alles vertraut ist.
So verhält sich, wer im Dao geübt ist, zu seiner Umgebung:
Er setzt nicht voraus, dass er seine Umgebung schon kennt.
Er weiß, dass sich die Umgebung ständig ändert, dass der Rest ständig hervorquillt, dass das, was gestern vertraut war, heute schon anders sein kann. Darum nimmt er ständig wahr und justiert ständig nach – ohne Vorannahmen, ohne Selbstzufriedenheit, ohne zu meinen, er wisse schon alles.
Drittes Bild: „Gemessen, ach – wie ein Gast“
Wie ist das, zu Gast zu sein?
Bei anderen zu Hause reißt man nicht den Ehrenplatz an sich, fängt nicht als Erster an zu essen, stöbert nicht in fremden Schränken und tut nicht so, als wäre man daheim.
Gemessenheit ist keine Befangenheit. Es ist das Wissen, dass dies nicht die eigene Stelle ist.
Wer im Dao geübt ist, hält es an jeder Stelle wie ein Gast:
Er drängt sich nicht auf den Platz des Hausherrn und hält keine Stelle für seine eigene.
Das gehört in eine Linie mit dem „nicht sich selbst leben“ des siebten Kapitels und dem „die Welt wie das shen behandeln“ des dreizehnten: Sein Identitätsgefühl wiegt leicht, sein Gefühl für die eigene Stellung wiegt leicht. Auf welcher Stelle er auch steht, er ist dort Besucher, nicht Hausherr.
Viertes Bild: „Gelöst, ach – wie das Eis auf dem See vor dem Tauen“
Wie ist ein zugefrorener See kurz vor dem Tauen?
Im Winter war die Eisdecke fest; im Frühjahr beginnt sie zu tauen. Noch ist sie nicht aufgebrochen, aber man hört schon das Wasser unter dem Eis fließen und sieht, wie die Eisfläche leicht nachgibt – der Augenblick, kurz bevor es aufbricht.
So ist die Haltung dessen, der im Dao geübt ist:
gelockert, nicht angespannt, nicht verbissen, jederzeit bereit, sich zu ändern.
Er friert sich nicht in einer Haltung ein.
Wie Eis kurz vor dem Tauen bleibt er in dem Zustand „gleich löst es sich“.
Das ist keine Nachlässigkeit – das Eis ist ja noch da.
Es heißt: nicht festgefroren – jederzeit bereit zu tauen.
Fünftes Bild: „Ungeschieden, ach – wie unbehauenes Holz“
Wie ist unbehauenes Holz?
Ein roher Holzblock. Er hat keine besondere Form, keinen bestimmten Zweck, er ist weder Möbel noch Kunsthandwerk – schlicht, noch zu nichts geworden.
Aber gerade weil er noch zu nichts geworden ist, kann aus ihm noch alles werden.
So ist, wer im Dao geübt ist, in seinem Inneren:
ein ungeteiltes Ganzes, nicht von allerlei Konstrukten in Stücke geschnitten.
Er schneidet sich nicht in Stücke wie „Verstand / Gefühl“, „öffentlich / privat“, „Arbeit / Leben“, „Überzeugung A / Überzeugung B“.
Er bleibt ungeteilt.
Sechstes Bild: „Undurchsichtig, ach – wie trübes Wasser“
Wie ist trübes Wasser?
Wasser, das gerade aufgewühlt wurde, Flusswasser nach dem Regen, Wasser voller Schlamm und Sand – man sieht nicht hindurch, es ist undurchsichtig, vorerst nicht klar.
Wer im Dao geübt ist, wirkt auf Außenstehende oft „trüb“:
Man durchschaut ihn nicht, er ist nicht auf einen Blick klar.
Warum?
Weil er sich nicht zu einem durchsichtigen, klaren Konstrukt macht, das andere mit einem Blick durchschauen können.
Er versteckt sich nicht – er spielt keine Rolle.
Ein unkompliziert wirkender Mensch spielt nicht unbedingt eine Rolle, und ein schwer durchschaubarer Mensch ist deshalb nicht weiser. Das Bild des trüben Wassers erinnert nur daran, sich nicht auf eine Rolle zurechtzustutzen, die andere auf einen Blick einordnen können.
Wer im Dao geübt ist, spielt nicht. Darum wirkt er auf Außenstehende trüb.
Siebtes Bild: „Weit, ach – wie ein Tal“
Wie ist ein Tal?
Leer, weit, fähig, aufzunehmen – der Wind weht hinein und hinaus, das Wasser fließt hinein und hinaus, Töne hallen wider, die zehntausend Dinge wachsen darin.
Ein Tal ist nicht Leere im Sinn von Nichts. Es ist ein Raum, der aufnehmen kann.
So ist die Fähigkeit dessen, der im Dao geübt ist, aufzunehmen:
Er stopft sich nicht voll, er lässt Raum.
Nur bei jemandem, der Platz frei lässt, kann der Rest hervorquellen – sein eigener Rest, der Rest derer, die er kultiviert, der Rest der Situation; alles kann in dem Raum arbeiten, den er frei gelassen hat.
V. Sieben Maßstäbe für sich selbst
Die sieben Bilder zusammen zeigen, wie ein und derselbe Mensch an sieben Stellen arbeitet:
im Handeln langsam,
gegenüber der Umgebung wachsam,
mit leichtem Gefühl für die eigene Stellung,
in der Haltung gelöst,
im Inneren ungeteilt,
nach außen ohne Rolle,
im Fassungsvermögen weit.
Aber diese sieben sind keine sieben Charaktertypen.
Es sind sieben Maßstäbe, die Sie an sich selbst anlegen können – in diesem Augenblick, um sich zu fragen, wo Sie gerade stehen.
Schriebe Laozi heute, würde er uns vielleicht so prüfen lassen:
Bin ich heute langsamer geworden? Oder jage ich bei allem einer Deadline hinterher und treffe jede Entscheidung in fünf Minuten?
Habe ich vorausgesetzt, dass ich schon alles weiß? Wenn ich in ein neues Team, eine neue Branche, eine neue Beziehung komme – höre ich zuerst zu oder rede ich zuerst?
Habe ich mich auf den Platz des Hausherrn gedrängt? Will ich in der Besprechung sofort das Wort ergreifen und den Ton angeben, oder schaue ich erst, was die anderen tun?
Habe ich mich in einer Rolle eingefroren? Ist „Ich bin Abteilungsleiter, also muss ich X“ schon zu meiner Voreinstellung geworden?
Habe ich mich in Stücke geschnitten? Sind der Mensch bei der Arbeit und der Mensch zu Hause zwei völlig verschiedene Menschen? Wechsle ich je nach Anlass hin und her, bis ich selbst nicht mehr zusammenbekomme, wer ich bin?
Spiele ich eine Rolle? Auf LinkedIn eine Version, auf Instagram eine zweite, vor Freunden eine dritte – welche davon bin wirklich ich?
Lässt mein Kalender Platz frei? Oder ist er von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends restlos voll, und selbst beim Mittagessen sitze ich noch im Teams-Call?
Jeden dieser Maßstäbe können Sie in diesem Augenblick an sich anlegen – nicht, um sich zu benoten (eine Benotung wäre schon wieder ein Konstrukt), sondern um zu spüren, wo Sie gerade stehen.
Zu sehen, wo man steht, ist schon ein Nachjustieren.
Laozi zeichnet diese sieben Schnappschüsse nicht, um eine hohe Stelle aufzustellen, an die Sie nie heranreichen.
Er zeigt auf die sieben Bilder und sagt:
„Das ist eine Richtung, in die man gehen kann.“
In diesem Augenblick stehen Sie vielleicht im Bild „langsamer werden“, im nächsten schon nicht mehr. Im übernächsten wieder, danach wieder nicht.
Die Stelle gilt für den Augenblick, die Tür steht immer offen – das ist dieselbe Sache wie „die Straßen voller Weiser“ im siebten Kapitel.
Sie können jederzeit einen Schritt auf eines dieser Bilder zugehen. Haben Sie ihn getan, stehen Sie in diesem Augenblick an der Stelle dieses Bildes.
VI. Langsam klar, langsam lebendig – nicht voll sein wollen
Nach den sieben Schnappschüssen spricht Laozi von der Übung dieses Menschen:
Das Trübe: Man lässt es ruhen, und langsam wird es klar. Das Ruhende: Man setzt es in Bewegung, und langsam wächst Neues.
Manche Schwebstoffe in trübem Wasser setzen sich ab, wenn es stillsteht. Als Bild für Gedanken heißt das: Weniger Aufrühren kann manchmal Klarheit ermöglichen. Es ist kein Rat gegen Wasseraufbereitung und kein Versprechen, jede Trübung verschwinde durch Warten.
Filtern oder Eingreifen ist nicht an sich Kolonisierung. Bei Menschen lautet die Frage: Helfen wir ihnen, Klarheit zu finden, oder entscheiden wir an ihrer Stelle?
Ein Freund verarbeitet etwas Schwieriges. Sie können zuhören, benötigte Informationen geben oder ihn begleiten, wenn er Hilfe sucht. Drängen Sie ihm aber sofort Ihre Antwort auf, weil Sie selbst das Offene nicht ertragen, besetzen Sie seinen Platz.
Unterstützung darf aktiv sein, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen. „Langsam“ ist keine Ausrede fürs Wegsehen, sondern Geduld, die anderen nicht den eigenen Zeitplan aufzwingt.
Ist etwas zur Ruhe gekommen, setzt man es in Bewegung – und lässt langsam Neues daraus wachsen.
Dasselbe gilt hier. Ein ruhender Zustand beginnt sich zu verändern: Man erzwingt die Veränderung nicht, man hat es nicht eilig mit ihr, man lässt sie langsam von selbst wachsen.
Ein anderer würde sich vielleicht zwingen, Ergebnisse zu liefern, und sich antreiben, damit sich etwas ändert –
auch das ist Kolonisierung. Es ist die Kolonisierung des eigenen Rhythmus.
Wer im Dao geübt ist, lässt es von selbst kommen.
Das ist die Übung des xu: langsamer werden, den Vorgang in seinem eigenen Rhythmus arbeiten lassen, weder den eigenen Rhythmus noch den anderer kolonisieren.
Wer dieses Dao hütet, will nicht voll sein.
Wer dieses Dao hütet, will nicht voll werden.
Was heißt voll?
Die Konstrukte sind vollständig aufgestellt. Die Plätze sind vollständig besetzt. Die Identität wird vollständig aufrechterhalten. Die Ergebnisse haben sich vollständig angehäuft.
Ist es voll, steht es still.
Nicht voll sein wollen heißt nicht, Angst vor der Fülle zu haben. Es heißt: die Fülle nicht zum Ziel zu machen.
Ein anderer jagt vielleicht sein Leben lang der Fülle nach – die Karriere ganz ausbauen, den Einfluss ganz ausbauen, das Vermögen ganz anhäufen, das Wissen ganz vervollständigen, den Ruhm ganz auskosten.
Wer im Dao geübt ist, macht die Fülle gar nicht erst zum Ziel. Er tut, was er tut, er lebt, aber er läuft der Fülle nicht hinterher.
Nicht voll sein wollen passt vollkommen zu den sieben Bildern: Alle sind konkrete Formen davon, die Plätze nicht vollzustopfen.
VII. Verborgen und nicht vollendet
Der letzte Satz:
Eben weil er nicht voll sein will, kann er verborgen bleiben und nicht vollenden.
Hier unterscheiden sich Seidenhandschriften und überlieferte Fassung um ein Zeichen: In den Seidenhandschriften steht „verborgen und nicht vollendet“, in der überlieferten Fassung „verborgen und neu vollendet“.
Zuerst zum Zeichen bi, „verborgen“.
Der hier verwendete bearbeitete Text hat 蔽而不成. Ich lese 蔽 (bi) von Bedecken und Sich-nicht-Ausstellen her. Das Verhältnis zu 敝 sowie Wortlaut und Interpunktion anderer Fassungen sind gesondert zu prüfen; die Zeichenform allein widerlegt Lesarten von Abnutzung oder Alter nicht.
Auf diesem Weg verbindet 蔽 die sieben Bilder durch die Haltung, sich nicht vorzudrängen. Das ist ein Deutungsfaden, kein Beweis der einzig möglichen Bedeutung.
Wer im Dao geübt ist, spielt sich nicht in den Vordergrund (das trübe Wasser), drängt sich nicht auf den Platz des Hausherrn (der Gast), spielt keine Rolle (er stellt kein durchsichtiges, klares Konstrukt auf) und ist für Außenstehende zu tief, um erkannt zu werden –
bi ist genau diese Haltung, sich nicht zur Schau zu stellen.
Am Schluss nennt Laozi mit dem Zeichen bi den gemeinsamen Grundton aller sieben Bilder.
Zurück zum Unterschied im Wortlaut.
Seidenhandschriften: „verborgen und nicht vollendet“ – sich verdecken und das Vollenden nicht zum Ziel machen.
Überlieferte Fassung: „verborgen und neu vollendet“ – sich verdecken und danach neu vollenden.
Nach den Seidenhandschriften heißt bi, sich nicht zu zeigen, und „nicht vollendet“ heißt, das Vollenden nicht zum Ziel zu machen. Beides zeigt in genau dieselbe Richtung; beides ist die Haltung, die den Zug des fei ganz zu Ende geht. Nicht der Fülle nachjagen. Sich nicht in den Vordergrund spielen. Nicht nach Vollendung streben.
Das passt zu dem „nicht voll sein wollen“ davor: Wer nicht voll sein will, will selbstverständlich auch nicht vollenden.
Das Leben selbst ist das Arbeiten; es ist nicht dazu da, etwas zu erreichen.
Die Lesart „neu vollendet“ der überlieferten Fassung stuft diese Haltung herab:
Bi wird zum Mittel (man hält sich vorübergehend verdeckt), das neue Vollenden wird zum Zweck.
So gelesen hält sich, wer im Dao geübt ist, nur vorübergehend verdeckt, um am Ende neu zu vollenden – sich nicht zeigen, nicht voll sein wollen, zurückstecken: alles wird zur Taktik, um das „neue Vollenden“ zu erreichen.
Aus Laozi, einem Menschen, der das Vollenden nicht zum Ziel macht, wird ein Stratege, der zurückweicht, um vorzurücken.
Nach den Seidenhandschriften gelesen:
Wer im Dao geübt ist, macht das Vollenden wirklich nicht zum Ziel.
Er lebt, er handelt, er kultiviert andere – aber er jagt dem Vollenden nicht hinterher.
Er spielt nicht den, der „zurücksteckt“ – er will jenes „Vollenden“ wirklich nicht.
Keine Strategie, sondern eine Haltung.
Diese Haltung ist weit schwerer als das Zurückweichen, um vorzurücken:
Wer zurückweicht, um vorzurücken, rechnet bei jedem Schritt, ob er nach dem Zurückweichen vorrücken kann.
Wer das Vollenden nicht zum Ziel macht, stellt diese Rechnung gar nicht erst an. Er tut etwas, weil es getan werden muss; er hilft jemandem, weil dieser Mensch Hilfe braucht; er schreibt ein Buch, weil er etwas zu schreiben hat –
jede Sache ist selbst das Ziel.
Draußen wartet kein „vollendeter Zustand“ auf ihn.
Das Leben selbst ist der Vorgang.
Zurück zum Anfang dieses Kapitels.
Wer die ersten vierzehn Kapitel gelesen hat, fragt sich vielleicht: „Wenn mir ein solcher Mensch begegnete, würde ich ihn erkennen?“
Stellen Sie diese Frage nach dem fünfzehnten Kapitel noch einmal –
vielleicht waren Sie selbst in manchen Augenblicken schon dieser Mensch.
Einmal saßen Sie in einer Besprechung, ohne sich auf den Platz des Hausherrn zu drängen – in diesem Augenblick standen Sie im dritten Bild.
Einmal sind Sie langsamer geworden und haben eine Sache zu Ende gedacht, bevor Sie sie taten – in diesem Augenblick standen Sie im ersten Bild.
Einmal haben Sie keine Rolle gespielt und sich ein wenig trüb sein lassen – in diesem Augenblick standen Sie im sechsten Bild.
Einmal haben Sie sich im Kalender einen halben Tag freigehalten und nichts eingetragen – in diesem Augenblick standen Sie im siebten Bild.
Sie standen schon in diesen Bildern – nur hing es noch nicht zusammen.
Die sieben Bilder sind kein Endpunkt.
Es sind sieben Stellen, an denen Sie öfter verweilen können.
Jedes Mal, wenn Sie verweilen, geht die Tür einmal auf.